Chinesische Kalligraphie: Unterschied zwischen den Versionen
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==Die Schrift – Entwick­lung der Schrift­typen== | ==Die Schrift – Entwick­lung der Schrift­typen== | ||
[[Datei:KlopfensteinOrakelknochenschrift.jpg|thumb|Ab­bil­dung 1: Ora­kel­kno­chen­schrift 甲骨文 | [[Datei:KlopfensteinOrakelknochenschrift.jpg|thumb|Ab­bil­dung 1: Ora­kel­kno­chen­schrift ''jiǎgǔwén'' 甲骨文]] | ||
[[Datei:BilleterKleineSiegelschrift.jpg|thumb|Ab­bil­dung 2: Klei­ne Sie­gel­schrift 小篆 | [[Datei:BilleterKleineSiegelschrift.jpg|thumb|Ab­bil­dung 2: Klei­ne Sie­gel­schrift ''xiǎozhuàn'' 小篆]] | ||
[[Datei:KlopfensteinLiShuBeamtenschrift2.jpg|thumb|Ab­bil­dung 3: Die Kanz­lei­schrift 隸書 | [[Datei:KlopfensteinLiShuBeamtenschrift2.jpg|thumb|Ab­bil­dung 3: Die Kanz­lei­schrift ''lìshū'' 隸書]] | ||
[[Datei:BilleterNormalschriftZhaoMengfu2.jpg|thumb|Ab­bil­dung 4: Die Nor­mal- oder Stan­dard­schrift 楷書 | [[Datei:BilleterNormalschriftZhaoMengfu2.jpg|thumb|Ab­bil­dung 4: Die Nor­mal- oder Stan­dard­schrift ''kǎishū'' 楷書]] | ||
[[Datei:Wang_Xizhi.jpg|thumb|Abbildung 5: «Vor­wort zum Tref­fen bei der Or­chi­de­en-​Pa­go­de» von Wang Xizhi 王羲之]] | [[Datei:Wang_Xizhi.jpg|thumb|Abbildung 5: «Vor­wort zum Tref­fen bei der Or­chi­de­en-​Pa­go­de» von Wang Xizhi 王羲之]] | ||
Die vier Haupt­schrift­ar­ten ent­wi­ckel­ten sich auf­ein­an­der fol­gend (<bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>). Die ers­ten be­kann­ten Schrift­zei­chen sind In­schrif­ten auf Ora­kel­kno­chen (''jiǎgǔwén'' 甲骨文 ‘Ora­kel­kno­chen­schrift’, vgl. Abb. 1) der Shang 商-​Dy­nas­tie (ca.16.-​11. Jh. v. Chr.), so­wie auf Bron­ze­ge­fä­ßen (''jīnwén'' 金文 ‘Bron­ze­schrift’) der Shang und Zhou 周 (ca. 1045-​221 v. Chr.; <bib id='Ch’en 66a'>Ch’en 1966a</bib>, S. 12-17). In die­ser frü­hen Pha­se exis­tier­te von den meis­ten Schrift­zei­chen ei­ne Viel­zahl an Schreib­wei­sen. Zur Zeit der Reichs­ei­ni­gung Chi­nas in der Qin 秦-​Dy­nas­tie (221-​207 v. Chr.) wur­de durch die Ein­füh­rung der klei­nen Sie­gel­schrift (''xiǎozhuàn'' 小篆; vgl. Abb. 2) ein ein­heit­li­ches Schrift­sys­tem kon­sti­tu­iert; etwa im 1. Jh. n. Chr. lös­te die an Strich­for­men re­du­zier­te, schneller schreibbare Kanz­lei­schrift (''lìshū'' 隸書; vgl. Abb. 3) die­se als Ge­brauchs­schrift ab. Da­mit und mit der Ein­füh­rung des Pin­sels und dem Pa­pier war der Weg für die Schrift­kunst ge­bahnt (<bib id='Ch’en 66a'>Ch’en 1966a</bib>, S. 26, S. 35). Mit den Kur­siv­schrif­ten des 4. Jh., der halb­kur­si­ven Schreib- bzw. Ak­ti­ons­schrift (''xíngshū'' 行書) und der Gras­schrift (''cǎoshū'' 草書), ka­men wei­te­re, schnel­le­re Schrift­for­men hin­zu, die In­di­vi­du­a­li­tät und künst­le­ri­schen Aus­druck för­der­ten (<bib id='Tseng 1993a'>Tseng 1993a</bib>, S. 287). Mit der Stan­dar­di­sie­rung der Kanz­lei­schrift zur Nor­mal- oder Mo­dell­schrift (''kǎishū'' 楷書; vgl. Abb. 4) war die Ent­wick­lung der Ty­pen vor­läu­fig (bis zum 20. Jh.) ab­ge­schlos­sen.<ref> Ei­ne Über­sicht über Ur­sprung und Ent­wick­lung der chi­ne­si­schen Schrift, die Form und in­ne­re Struk­tur der Schrift­zei­chen und die He­raus­bil­dung der Schrift­ar­ten gibt <bib id='Qiu 2000a'>Qiu 2000a</bib>. </ref> Seit der Tang 唐–​Dy­nas­tie (618-​907) ist sie die Stan­dard­schrift in Chi­na. In der Fol­ge bil­de­ten sich aus den be­ste­hen­den Ty­pen eine Viel­zahl an Schul- und In­di­vi­du­al­sti­len he­raus (<bib id='Ledderose 2003a'>Led­de­ro­se 2003a</bib>). | Die vier Haupt­schrift­ar­ten ent­wi­ckel­ten sich auf­ein­an­der fol­gend (<bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>). Die ers­ten be­kann­ten Schrift­zei­chen sind In­schrif­ten auf Ora­kel­kno­chen (''jiǎgǔwén'' 甲骨文 ‘Ora­kel­kno­chen­schrift’, vgl. Abb. 1) der Shang 商-​Dy­nas­tie (ca.16.-​11. Jh. v. Chr.), so­wie auf Bron­ze­ge­fä­ßen (''jīnwén'' 金文 ‘Bron­ze­schrift’) der Shang und Zhou 周 (ca. 1045-​221 v. Chr.; <bib id='Ch’en 66a'>Ch’en 1966a</bib>, S. 12-17). In die­ser frü­hen Pha­se exis­tier­te von den meis­ten Schrift­zei­chen ei­ne Viel­zahl an Schreib­wei­sen. Zur Zeit der Reichs­ei­ni­gung Chi­nas in der Qin 秦-​Dy­nas­tie (221-​207 v. Chr.) wur­de durch die Ein­füh­rung der klei­nen Sie­gel­schrift (''xiǎozhuàn'' 小篆; vgl. Abb. 2) ein ein­heit­li­ches Schrift­sys­tem kon­sti­tu­iert; etwa im 1. Jh. n. Chr. lös­te die an Strich­for­men re­du­zier­te, schneller schreibbare Kanz­lei­schrift (''lìshū'' 隸書; vgl. Abb. 3) die­se als Ge­brauchs­schrift ab. Da­mit und mit der Ein­füh­rung des Pin­sels und dem Pa­pier war der Weg für die Schrift­kunst ge­bahnt (<bib id='Ch’en 66a'>Ch’en 1966a</bib>, S. 26, S. 35). Mit den Kur­siv­schrif­ten des 4. Jh., der halb­kur­si­ven Schreib- bzw. Ak­ti­ons­schrift (''xíngshū'' 行書) und der Gras­schrift (''cǎoshū'' 草書), ka­men wei­te­re, schnel­le­re Schrift­for­men hin­zu, die In­di­vi­du­a­li­tät und künst­le­ri­schen Aus­druck för­der­ten (<bib id='Tseng 1993a'>Tseng 1993a</bib>, S. 287). Mit der Stan­dar­di­sie­rung der Kanz­lei­schrift zur Nor­mal- oder Mo­dell­schrift (''kǎishū'' 楷書; vgl. Abb. 4) war die Ent­wick­lung der Ty­pen vor­läu­fig (bis zum 20. Jh.) ab­ge­schlos­sen.<ref> Ei­ne Über­sicht über Ur­sprung und Ent­wick­lung der chi­ne­si­schen Schrift, die Form und in­ne­re Struk­tur der Schrift­zei­chen und die He­raus­bil­dung der Schrift­ar­ten gibt <bib id='Qiu 2000a'>Qiu 2000a</bib>. </ref> Seit der Tang 唐–​Dy­nas­tie (618-​907) ist sie die Stan­dard­schrift in Chi­na. In der Fol­ge bil­de­ten sich aus den be­ste­hen­den Ty­pen eine Viel­zahl an Schul- und In­di­vi­du­al­sti­len he­raus (<bib id='Ledderose 2003a'>Led­de­ro­se 2003a</bib>). | ||
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Die ästhetische Dimension der chinesischen Kalligraphie gründet auf den chinesischen Schriftzeichen (''hànzi'' 漢字). Durch sie wird die [[Komposition]], d.h. Striche, Abstände und die Richtung des Schreibens und Lesens festgelegt; ihre innere Struktur wird durch die darin vorkommenden Striche bestimmt.<ref> Zu den verschiedenen Strichformen in der Kalligraphie und der Komposition der Schriftzeichen vgl. <bib id= 'Chiang 1973a'>Chiang 1973a</bib>, S. 150-188. </ref> Es gibt acht grundlegende Striche: Punkt (''diǎn'' 點), horizontal (''héng'' 橫), vertikal (''shù'' 豎), abgesetzt und gekrümmt (''zhé'' 折), Haken (''goū'' 鈎), links hinunter (''piě'' 撇), rechts hinauf (''tí'' 提) und rechts hinunter (''nà'' 捺). Die Striche werden in einer festgelegten Reihenfolge geschrieben, wobei jedes Schriftzeichen unabhängig vom Komplexitätsgrad den gleichen Raum eines imaginären Quadrats einnimmt (<bib id='Alleton 2003a'>Alleton 2003a</bib>, S. 46f., <bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>, S. 26). Der Schreiber muss die gegebene graphische Form der Schriftart akzeptieren, in der er das Schriftkunstwerk zu verfassen gedenkt, auch ist der umzusetzende Text nicht immer sein eigener; sein Beitrag liegt vielmehr in der Nuancierung des Stils, die er in die Schrift einbringt. Durch die Grenzen, die der Kalligraphie mittels der gegebenen Schrifttypen gesetzt sind, ist jede Variation identifizierbar und einem bestimmten Kalligraphen zuzuordnen (<bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>). Das Erlernen der Kalligraphie erfordert Jahre gewissenhafter und steter Übung, wozu zunächst Schriftvorlagen alter Meister kopiert werden. Erst wenn der Schreiber die verschiedenen Stile durchdrungen hat, ist er in der Lage, einen eigenen Stil zu entwickeln. Von alters her haben die Meister ihre Schüler dazu angeregt, dafür zusätzlich Inspiration in der Natur zu suchen (<bib id='Chen 2009a'>Chen 2009a</bib>, <bib id='Kwo 1981a'>Kwo 1981a</bib>, S. 57-58). Ein zentrales ästhetisches Problem der Kalligraphie besteht darin, entgegen der durch stete Übung bedingten Rationalisierung spontaner Effekte eine ursprüngliche Spontaneität zu erhalten bzw. wiederzugewinnen (<bib id='Ledderose 2003a'>Ledderose 2003a</bib>). | Die ästhetische Dimension der chinesischen Kalligraphie gründet auf den chinesischen Schriftzeichen (''hànzi'' 漢字). Durch sie wird die [[Komposition]], d.h. Striche, Abstände und die Richtung des Schreibens und Lesens festgelegt; ihre innere Struktur wird durch die darin vorkommenden Striche bestimmt.<ref> Zu den verschiedenen Strichformen in der Kalligraphie und der Komposition der Schriftzeichen vgl. <bib id= 'Chiang 1973a'>Chiang 1973a</bib>, S. 150-188. </ref> Es gibt acht grundlegende Striche: Punkt (''diǎn'' 點), horizontal (''héng'' 橫), vertikal (''shù'' 豎), abgesetzt und gekrümmt (''zhé'' 折), Haken (''goū'' 鈎), links hinunter (''piě'' 撇), rechts hinauf (''tí'' 提) und rechts hinunter (''nà'' 捺). Die Striche werden in einer festgelegten Reihenfolge geschrieben, wobei jedes Schriftzeichen unabhängig vom Komplexitätsgrad den gleichen Raum eines imaginären Quadrats einnimmt (<bib id='Alleton 2003a'>Alleton 2003a</bib>, S. 46f., <bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>, S. 26). Der Schreiber muss die gegebene graphische Form der Schriftart akzeptieren, in der er das Schriftkunstwerk zu verfassen gedenkt, auch ist der umzusetzende Text nicht immer sein eigener; sein Beitrag liegt vielmehr in der Nuancierung des Stils, die er in die Schrift einbringt. Durch die Grenzen, die der Kalligraphie mittels der gegebenen Schrifttypen gesetzt sind, ist jede Variation identifizierbar und einem bestimmten Kalligraphen zuzuordnen (<bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>). Das Erlernen der Kalligraphie erfordert Jahre gewissenhafter und steter Übung, wozu zunächst Schriftvorlagen alter Meister kopiert werden. Erst wenn der Schreiber die verschiedenen Stile durchdrungen hat, ist er in der Lage, einen eigenen Stil zu entwickeln. Von alters her haben die Meister ihre Schüler dazu angeregt, dafür zusätzlich Inspiration in der Natur zu suchen (<bib id='Chen 2009a'>Chen 2009a</bib>, <bib id='Kwo 1981a'>Kwo 1981a</bib>, S. 57-58). Ein zentrales ästhetisches Problem der Kalligraphie besteht darin, entgegen der durch stete Übung bedingten Rationalisierung spontaner Effekte eine ursprüngliche Spontaneität zu erhalten bzw. wiederzugewinnen (<bib id='Ledderose 2003a'>Ledderose 2003a</bib>). | ||
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[[Datei:Huai Su.jpg|thumb|Abbildung 6: «Selbstdarstellung» in Wilder Grasschrift 狂草 | [[Datei:Huai Su.jpg|thumb|Abbildung 6: «Selbstdarstellung» in Wilder Grasschrift ''kuángcǎo'' 狂草 von Huai Su (Detail), Tang-Dynastie (618-907)]] | ||
[[Datei:Huang__Tingjian.jpg|thumb|Abbildung 7: «Ein Gedicht von Du Fu an He Lanxian» in Grasschrift von Huang Tingjian aus der Song-Dynastie (960-1279) (Detail)]] | [[Datei:Huang__Tingjian.jpg|thumb|Abbildung 7: «Ein Gedicht von Du Fu an He Lanxian» in Grasschrift von Huang Tingjian aus der Song-Dynastie (960-1279) (Detail)]] | ||
Die Grasschrift, insbesondere die Wilde Grasschrift (''kuángcǎo'' 狂草), ist der freieste Schrifttyp, die Gesetze und Regeln der übrigen Stile schränken sie nicht ein; die Striche der einzelnen Schriftzeichen sind durchgehend miteinander verbunden (<bib id='Chen 2009a'>Chen 2009a</bib>; vgl. Abb. 6 & 7). Mit den Typen der Grasschriften, die zum Teil an die Grenze der Lesbarkeit gehen, gewinnt die Linie, die gesamte Komposition, an Eigenleben; der Inhalt tritt zugunsten des ästhetischen Moments in den Hintergrund. Kalligraphie wird damit zur abstrakten Kunst. Der Akt des Schreibens selbst wird zur Aktionskunst, die den vergänglichen Moment der [[Performanz]] übersteigt, denn in den Pinselspuren bleiben die Bewegungen des Schreibers, festgehalten auf Papier, für jeden Betrachter nachvollziehbar (<bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>). Da sich Technik und Materialien der Kalligraphie seit dem 4. Jh. nicht mehr änderten, sind die ästhetischen Maßstäbe über die Jahrhunderte hinweg auf Schriftkunstwerke anwendbar (<bib id='Ledderose 1985a'>Ledderose 1985a</bib>). | Die Grasschrift, insbesondere die Wilde Grasschrift (''kuángcǎo'' 狂草), ist der freieste Schrifttyp, die Gesetze und Regeln der übrigen Stile schränken sie nicht ein; die Striche der einzelnen Schriftzeichen sind durchgehend miteinander verbunden (<bib id='Chen 2009a'>Chen 2009a</bib>; vgl. Abb. 6 & 7). Mit den Typen der Grasschriften, die zum Teil an die Grenze der Lesbarkeit gehen, gewinnt die Linie, die gesamte Komposition, an Eigenleben; der Inhalt tritt zugunsten des ästhetischen Moments in den Hintergrund. Kalligraphie wird damit zur abstrakten Kunst. Der Akt des Schreibens selbst wird zur Aktionskunst, die den vergänglichen Moment der [[Performanz]] übersteigt, denn in den Pinselspuren bleiben die Bewegungen des Schreibers, festgehalten auf Papier, für jeden Betrachter nachvollziehbar (<bib id='Heng 2003a'>Heng 2003a</bib>). Da sich Technik und Materialien der Kalligraphie seit dem 4. Jh. nicht mehr änderten, sind die ästhetischen Maßstäbe über die Jahrhunderte hinweg auf Schriftkunstwerke anwendbar (<bib id='Ledderose 1985a'>Ledderose 1985a</bib>). | ||
Version vom 7. Dezember 2014, 15:14 Uhr
Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit
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Auf der Basis der chinesischen Schriftzeichen entwickelte sich Schrift zu einer hohen Kunst des persönlichen Ausdrucks. Die Schrifttypen, die charakteristische graphische Form und die Struktur der chinesischen Schriftzeichen haben diese Entwicklung der Kalligraphie erst ermöglicht ([Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing.
Die Schrift – Entwicklung der Schrifttypen![]() ![]() ![]() Die vier Hauptschriftarten entwickelten sich aufeinander folgend ([Heng 2003a]Heng, Jiuan (2003): Calligraphy. In: Cua, A.S. (Hg.), Encyclopedia of Chinese Philosophy. Routledge, London, New York. Zur Zeit der sechs Dynastien (Liù Cháo 六朝 3.-6.Jh.) entwickelte sich die Schrift zu einer von der Schicht der Literaten-Beamten[2] gepflegten Kunstform und löste sich infolgedessen aus der handwerklichen Anonymität. Man begann Schriftkunstwerke aufgrund ihres ästhetischen Wertes zu schätzen. Technische Meisterschaft sowie die in der Schrift zum Ausdruck kommende Persönlichkeit und kunsthistorische Bildung des Schreibers wurden zu Bewertungskriterien der ästhetischen Qualität von Schrift(kunstwerken). Zwar musste eine gute Schrift Individualität besitzen, jedoch musste sie zudem erkennen lassen, dass ihr Schreiber die Geschichte der Schriftkunst theoretisch wie auch praktisch beherrschte; dem Schreiber und dem Betrachter waren die stilistischen Zitate und Schichten eines Schriftkunstwerkes bewusst. Seit der Zeit der sechs Dynastien gibt es Schriftsammlungen und eine theoretische Literatur zur Schriftkunst, deren ästhetische Terminologie weitgehend der Poetik entlehnt ist und die ihrerseits auf die ca. 500 v. Chr. entstehende Maltheorie einwirkte. Wang Xizhi 王羲之 (303-361) ist der berühmteste Kalligraph dieser Zeit und der gesamten Kalligraphiegeschichte überhaupt ([Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.
Engere BegriffsbestimmungDie ästhetische Dimension der chinesischen Kalligraphie gründet auf den chinesischen Schriftzeichen (hànzi 漢字). Durch sie wird die Komposition, d.h. Striche, Abstände und die Richtung des Schreibens und Lesens festgelegt; ihre innere Struktur wird durch die darin vorkommenden Striche bestimmt.[3] Es gibt acht grundlegende Striche: Punkt (diǎn 點), horizontal (héng 橫), vertikal (shù 豎), abgesetzt und gekrümmt (zhé 折), Haken (goū 鈎), links hinunter (piě 撇), rechts hinauf (tí 提) und rechts hinunter (nà 捺). Die Striche werden in einer festgelegten Reihenfolge geschrieben, wobei jedes Schriftzeichen unabhängig vom Komplexitätsgrad den gleichen Raum eines imaginären Quadrats einnimmt ([Alleton 2003a]Alleton, Viviane (2003): Schrift. In: Staiger, B. et al. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg. ![]() Die Grasschrift, insbesondere die Wilde Grasschrift (kuángcǎo 狂草), ist der freieste Schrifttyp, die Gesetze und Regeln der übrigen Stile schränken sie nicht ein; die Striche der einzelnen Schriftzeichen sind durchgehend miteinander verbunden ([Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing. Der Ästhetik der Kalligraphie liegt die Vorstellung zugrunde, dass der individuelle Pinselzug ein unmittelbarer, sichtbar gewordener „Abdruck“ der Persönlichkeit ist ([Ledderose 1985a]Ledderose, Lothar (1985): Die Malerei der Literaten. In: Ledderose, L. (Hg.), Im Schatten hoher Bäume. Malerei der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1911) aus der Volksrepublik China. Staatl. Kunsthalle, Baden-Baden. Eine gute Kalligraphie ist eine ausgewogenen Komposition ihrer integralen Bestandteile, die einzelnen Striche und Punkte, müssen ein harmonisches Ganzes bilden ([Ch’en 66a]Der Eintrag existiert noch nicht., S. 197-199). Lebendigkeit, Energie, Spannung und Rhythmus sind hierbei ausschlaggebende Charakteristika ([Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing.
Der Einfluss der Kalligraphie auf die MalereiIn dem Bestreben, sich von der professionellen, handwerklichen Malerei, die sich im allgemeinen durch starke Farbigkeit und eine sehr realistische Darstellung auszeichnete, zu distanzieren, setzten die Literaten auf eine Malerei, die sich nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch an der Kalligraphie orientierte. Die bildnerischen Mittel, insbesondere der Pinselstrich, gewannen dadurch an Selbständigkeit und gestalterischem Eigenleben; die Darstellung wurde dem gewählten Pinselduktus angepasst. Diese Tendenz setzte sich in der Yuan 元-Zeit (1271-1368) allgemein durch - womit die Malerei von ihrer reinen Abbildfunktion und der unbedingten Forderung nach der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit befreit wurde. Wie schon die Kalligraphie wandelte sich das Bild damit zur „gestalteten Manifestation der Künstlerpersönlichkeit“ [Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg. |
Anmerkungen
Literatur
[Alleton 2003a]Alleton, Viviane (2003): Schrift. In: Staiger, B. et al. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.[Chen 2009a]Chen, Tingyou (2009): China: Die Kalligraphie. China Intercontinental Press, Beijing.[Chiang 1973a]Chiang, Yee (1973): Chinese Calligraphy – An Introduction to Its Aesthetic and Technique. Havard University Press, Cambridge, Massachusetts, London.[Ch’en 1966a]Ch’en, Chih-mai (1966): Chinese Calligraphers and Their Art. Melbourne University Press, Carlton.[Heng 2003a]Heng, Jiuan (2003): Calligraphy. In: Cua, A.S. (Hg.), Encyclopedia of Chinese Philosophy. Routledge, London, New York.[Kwo 1981a]Kwo, Da-wei (1981): Chinese Brushwork – Its History, Aesthetics and Techniques. Allanheld & Schram, Montclair.[Ledderose 1985a]Ledderose, Lothar (1985): Die Malerei der Literaten. In: Ledderose, L. (Hg.), Im Schatten hoher Bäume. Malerei der Ming- und Qing-Dynastie (1368-1911) aus der Volksrepublik China. Staatl. Kunsthalle, Baden-Baden.[Ledderose 2003a]Ledderose, Lothar (2003): Kalligraphie. In: Staiger, B.; Friedrich, S. & Schütte, H. (Hg.), Das große China-Lexikon. WBG, Hamburg.[Qiu 2000a]Qiu Xigui (2000): Chinese Writing. Birdtrack Press, New Haven.[Tseng 1993a]Tseng, Yu-ho (1993): A History of Chinese Calligraphy. Chinese University Press, Hongkong. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Julia Nissen, Joerg R.J. Schirra, Sandra Gilgan und Marcel Lemmes — (Hinweis) |






