Ikonische Differenz: Unterschied zwischen den Versionen
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Der von Gottfried Boehm geprägte “Begriff” der | Der von Gottfried Boehm geprägte “Begriff” der iko­nischen Diffe­renz<ref>Wahl­wei­se auch als „The­o­rem der iko­ni­schen Dif­fe­renz“ (<bib id='Boehm 1994a'></bib>: S. 32, 34), „Ka­te­go­rie oder Mo­dell der iko­ni­schen Dif­fe­renz“ (<bib id='Boehm 2004b'></bib>: S. 15), „Kon­strukt der iko­ni­schen Dif­fe­renz“ (<bib id='Boehm 2004b'></bib>: S. 16), „Mo­dell der iko­ni­schen Dif­fe­renz“ (<bib id='Boehm 2007a'></bib>: S. 16), „Be­grün­dungs­fi­gur“ oder „Ar­gu­men­ta­ti­ons­fi­gur der iko­ni­schen Dif­fe­renz“ (<bib id='Boehm 2011a'></bib>: S. 173f.), tat­säch­lich auch als „The­o­rie der iko­ni­schen Dif­fe­renz“ (<bib id='Boehm 2007b'></bib>: S. 36) und wie­de­rum als „Ka­te­go­rie“ (<bib id='Boehm 2011a'></bib>: S. 170) be­zeich­net.</ref> soll eben­so wie ande­re promi­nente Begrif­fe der Bild­theorie (»Aura«, »punctum« etc.) offen­bar „nicht zu Ende gedacht“ werden. Laut einem zusam­menfas­senden Arti­kel von 2011 wurde er von Boehm bereits seit 1978 ent­wickelt (<bib id='Boehm 2011a'></bib>: S. 170), eine ande­re Selbst­auskunft (<bib id='Boehm 2007b'></bib>: S. 35) datiert den Ursprung auf einen Text von 1980.<ref>Boehm ver­weist hier auf fol­gen­de Ar­bei­ten: <bib id='Boehm 1978a'></bib>, <bib id='Boehm 1980a'></bib>.</ref> | ||
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Seitdem wurde der Begriff in | Seitdem wurde der Begriff in konzep­tuell sehr unter­schiedli­chen Vari­anten publi­ziert, ohne jemals zu einem theore­tischen Gesamt­system ausge­arbei­tet worden zu sein. Das Vorläu­fige und Prozess­hafte des Begriffs ist durchaus gewollt, so heißt es noch 2004: „Ich bin dabei, dieses Grund­modell weiter auszu­arbei­ten und mit weite­ren theore­tischen strata auszu­statten“ (<bib id='Boehm 2004a'></bib>: S. 16). Die Vari­abi­lität der Konzep­tion korre­liert also mit dem ausdrück­lichen Wunsch, die Begrün­dung eines bild-​theore­tischen Systems zu vermei­den: | ||
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:''Dieses Modell der ikoni­schen Diffe­renz dient dazu, die in Bildern wirksa­me Logik zu ana­lysie­ren, ohne damit ein theore­tisches System zu inten­dieren.'' (<bib id='Boehm 2007a'></bib>: S. 16) | |||
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Wegen der gewollten | Vielmehr entwickelt sie sich anhand einer rela­tiv konstan­ten Grund­frage (s. unten [[#Ziele|Kap. 2]]) weiter. Entspre­chend muss sich die hier versuch­te Darstel­lung des Konzep­tes der iko­nischen Diffe­renz an einem Textbe­stand orien­tieren, bei dem manchmal expli­zit und ausführ­lich für es argu­mentiert wird (vgl. z.B. <bib id='Boehm 1994a'></bib>, <bib id='Boehm 2007c'></bib>, <bib id='Boehm 2011a'></bib>) und manchmal eher peri­pher und zita­tiv auf den Begriff verwie­sen wird, wie dies etwa im Zusam­menhang mit dem Zeichnen (vgl. <bib id='Boehm 2008a'></bib>: S. 16, 34), der Bild-[[Evidenz, visuelle/ikonische|Evi­denz]] (vgl. <bib id='Boehm 2009a'></bib>: S. 43, 46), dem Zeigen von Bildern (<bib id='Boehm 2010a'></bib>: S. 44f.), aber auch in der wissen­schaftli­chen Selbst­posi­tionie­rung (<bib id='Boehm 2007b'></bib>: S. 35) geschieht. | ||
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Auch unter den expliziten Darstellun­gen des Konzepts der iko­nischen Diffe­renz sind bei Boehm mehre­re Vari­anten unter­scheidbar, die jeweils unter dem Einfluss bestimm­ter zeitge­nössi­scher Diskus­sionen stehen und dem Begriff dabei verän­derte Quali­täten und Begrün­dungsmus­ter zuschrei­ben. So ent­wickelt die frühe Vari­ante (vgl. <bib id='Boehm 1994a'></bib>) die Konzep­tion der iko­nischen Diffe­renz vor allem inner­halb der Unter­scheidung des [[Linguistic turn, pictorial turn, medial turn|''iconic'' vom ''lin­guistic turn'']] und orien­tiert sie dabei, zumin­dest prokla­mativ, an dem sprach­wissen­schaftli­chen Begriff der [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Meta­pher]] (s. unten [[#Ikonische Diffe­renz nach dem Modell der Meta­pher (1994)|Kap. 5]]). Die späte­re Varian­te (vgl. <bib id='Boehm 2007c'></bib>) wird gleicher­maßen unter Hinweis auf die Diskur­se zur Geste und das Thema des bildli­chen [[Zeigen und Sich-Zeigen|Zeigens]] formu­liert (s. unten [[#Ikonische Differenz nach dem Modell des gesti­schen Zeigens (2007)|Kap. 7]]). | |||
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Wegen der gewollten Vari­abi­lität der Konzep­tion und dem mäan­dernden Textbe­stand erschei­nen alle kritisch syste­mati­schen Darstel­lungen des Begriffs unver­meidlich als holz­schnittar­tige Reduk­tionen. Gleichwohl müssen sie versucht werden, weil die Vari­anten iko­nischer Diffe­renz erstens nicht selbst­erklä­rend sind, ihr thema­tisches Inte­resse aber zweitens auf den Kern bildthe­oreti­scher Fragen abzielt, wie nicht zuletzt die Konjunk­tur des Termi­nus belegt. | |||
==Ziele== | ==Ziele== | ||
Trotz seiner permanenten | Trotz seiner permanenten Varia­bili­tät steht das Konzept der iko­nischen Diffe­renz unter dem Einfluss eines bestimm­ten, gleichblei­benden Inte­resses am Bild, das die zentra­len Fragen des ''iconic turn'' betrifft. In den Worten Boehms argu­mentiert er entlang einer | ||
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:''Gratwanderung [...], die sich auf die Singu­lari­tät der Bilder einlässt und sie zugleich auf diese inne­re Struktur hin befragt. Das geschieht in der Erwar­tung, dass sich das Iko­nische wieder­kehren­der Regeln und Verfah­ren bedient, die die Rede von einer alter­nati­ven Logik rechtfer­tigen und verständ­lich machen, wie Bilder zu ihrer Macht gelan­gen. Sie lässt sich als Über­zeugungs­kraft, Sugges­tivi­tät, Evi­denz, Luzi­dität, Aura etc. genau­er ausbuch­stabie­ren.'' (<bib id='Boehm 2007a'></bib>: S. 16) | |||
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Diese Gratwanderung verläuft zwischen den singu­lären Quali­täten je einzel­ner Bilder und dem Anspruch, ihre Wirkungs­weise in durchaus bild­theore­tisch uni­versa­len Regeln wieder­zuge­ben. Da solche Unter­suchun­gen aber nicht bei der Singu­lari­tät der Bilder enden, sondern in ihr wiede­rum eine „inne­re Struktur“ zu kontu­rieren versu­chen, die sogar als „alter­nati­ve Logik“ ange­sprochen wird, zielen sie letztlich doch auf eine theore­tische Allge­meingül­tigkeit ab. Aller­dings ist es nicht die medien­philo­sophi­sche Frage nach einer verläss­lichen Begrün­dung der Wirkungs­weise von Bildern, sondern vielmehr ein spezi­ali­sierte­res Sachin­teres­se, das sich mit der Konzep­tion der iko­nischen Diffe­renz verbin­det. Diese „Leit­frage“ lautet: „Wie generie­ren Bilder auf ihre Weise einen visu­ellen, einen iko­nischen Sinn?“ (<bib id='Boehm 2004b'></bib>: S. 16) Diese Frage nach der bildli­chen Gene­se von Sinn umfasst die frühen und späten Konzep­tionen des Begriffs gleicher­maßen: | |||
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''Die iko­nische Diffe­renz versucht [...] ein ande­res Denken von Sinn einzu­leiten.'' (<bib id='Boehm 2011a'></bib>: S. 172) | |||
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Die Rede von der Genese bildlichen Sinns ist dabei durchaus kausa­listisch zu verste­hen, inso­fern mit der Anga­be eines „Grund­kontras­tes“ tatsäch­lich eine Ursa­che bildli­cher Wirkun­gen iden­tifi­ziert wird: | |||
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''Was Bilder in aller histo­rischen Vielfalt als Bilder 'sind', was sie 'zeigen', was sie 'sagen', verdankt sich mithin einem visu­ellen Grund­kontrast, der zugleich der Geburts­ort jedes bildli­chen Sinnes genannt werden kann.'' (<bib id='Boehm 1994a'></bib>: S. 30]) | |||
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Dieser theoretische Anspruch wird zugleich als Erfolgs­krite­rium eta­bliert, wobei es insbe­sonde­re gilt, solch eine Gene­se bildli­chen Sinns jenseits sprachli­cher Logi­ken zu ermi­tteln.<ref> So heißt es auch 2011: „Die Ar­gu­men­ta­ti­ons­fi­gur der iko­ni­schen Dif­fe­renz ist dann er­folg­reich, wenn sie zu be­grün­den ver­mag, wie die Bil­der Sinn ge­ne­rie­ren und wo­raus sie ih­re Kraft zie­hen, oh­ne je von sprach­li­chen oder sprach­ana­lo­gen Mo­del­len Ge­brauch zu ma­chen. [...] Die iko­ni­sche Dif­fe­renz ge­ne­riert Sinn, oh­ne ‘ist’ zu sa­gen, sie er­öff­net Zu­gän­ge zur Re­a­li­tät, die 'sich er­wei­sen', die 'sich zei­gen'. Bil­der sind deik­ti­sche Er­eig­nis­se, ihr Sinn der Ef­fekt ei­ner ma­te­ri­el­len Ord­nung und Dis­po­si­ti­on.“ (<bib id='Boehm 2011a'></bib>: S. 174)</ref> | |||
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Mit dieser Zielangabe unterscheidet sich die »ikonische Differenz« auch von anderen differenztheoretischen Positionen in der Bildtheorie. Anders als der Begriff der »picturalen Differenz« bei Waldenfels (vgl. <bib id='Waldenfels 2004a'></bib>: S. 58f.) oder der »spezifischen Differenz« bei Brandt (vgl. <bib id='Brandt 2004a'></bib>: S. 173), ist Boehms Begriff nicht vorrangig an einer philosophischen Begründung des Bildbegriffs interessiert. Er thematisiert Fragen der Sukzession oder Simularität zweistelliger Bildwahrnehmungen, wie sie zwischen Gombrich (vgl. <bib id='Gombrich 1978a'></bib>) und Wollheim (vgl. <bib id='Wollheim 1982a'></bib>) ausgehandelt wurden, interessiert sich hierbei aber vorrangig für die produktiven Leistungen des Bildes, wie sie etwa Max Imdahl (vgl. <bib id='Imdahl 1996c'></bib>) diskutiert hatte. | Mit dieser Zielangabe unterscheidet sich die »ikonische Differenz« auch von anderen differenztheoretischen Positionen in der Bildtheorie. Anders als der Begriff der »picturalen Differenz« bei Waldenfels (vgl. <bib id='Waldenfels 2004a'></bib>: S. 58f.) oder der »spezifischen Differenz« bei Brandt (vgl. <bib id='Brandt 2004a'></bib>: S. 173), ist Boehms Begriff nicht vorrangig an einer philosophischen Begründung des Bildbegriffs interessiert. Er thematisiert Fragen der Sukzession oder Simularität zweistelliger Bildwahrnehmungen, wie sie zwischen Gombrich (vgl. <bib id='Gombrich 1978a'></bib>) und Wollheim (vgl. <bib id='Wollheim 1982a'></bib>) ausgehandelt wurden, interessiert sich hierbei aber vorrangig für die produktiven Leistungen des Bildes, wie sie etwa Max Imdahl (vgl. <bib id='Imdahl 1996c'></bib>) diskutiert hatte. | ||
==Synonyme der Differenz: Kontrast, | ==Synonyme der Differenz: Kontrast, Wechsel­spiel, Oszil­lation== | ||
Man kann nicht sinnvoll von Differenzen reden, ohne anzugeben, zwischen was und in welcher Weise diese Relation behauptet wird. In welcher Weise die ikonische Differenz das von ihr Unterschiedene vermittelt lässt sich auf der Grundlage des Textbestands vergleichsweise leicht angeben, auch wenn es eine Reihe von Synonymen hierfür gibt: | Man kann nicht sinnvoll von Differenzen reden, ohne anzugeben, zwischen was und in welcher Weise diese Relation behauptet wird. In welcher Weise die ikonische Differenz das von ihr Unterschiedene vermittelt lässt sich auf der Grundlage des Textbestands vergleichsweise leicht angeben, auch wenn es eine Reihe von Synonymen hierfür gibt: | ||
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==Ikonische Differenz nach dem Modell der | ==Ikonische Differenz nach dem Modell der Meta­pher (1994)== | ||
Ikonische Differenz wird bei Gottfried Boehm 1994 durch die Übernahme des Begriffs der [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Metapher]] und seine Übertragung auf das Bild konzipiert.<ref>„Im weiten Felde der Sprache erscheint die Metapher als ein besonders geeigneter Kandidat, strukturelle Einsichten in die Funktionsweise von Bildern zu eröffnen, ob sie nun gemalt, skulptiert, gebaut, gestellt, gespielt oder getanzt sind.“ (<bib id='Boehm 1994a'></bib>: S. 26)</ref> Diese frühe Variante ist zugleich an [[Künstlerisches Bild und Alltagsbild|künstlerischen Bildern]] orientiert und im Sinne eines Wertmaßstabs zur Beurteilung von „starken Bildern“ (<bib id='Boehm 1994a'></bib>: S. 35) ausgewiesen, die von [[Simulation|Simulationen]] und bloßen Abbildern unterschieden werden. Ihre optimale Verwirklichung findet sie daher im Bereich der modernen [[Malerei]], ihrem Anspruch nach gilt sie aber als medienspezifische Bestimmung für die bildliche Sinngenese insgesamt. | Ikonische Differenz wird bei Gottfried Boehm 1994 durch die Übernahme des Begriffs der [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|Metapher]] und seine Übertragung auf das Bild konzipiert.<ref>„Im weiten Felde der Sprache erscheint die Metapher als ein besonders geeigneter Kandidat, strukturelle Einsichten in die Funktionsweise von Bildern zu eröffnen, ob sie nun gemalt, skulptiert, gebaut, gestellt, gespielt oder getanzt sind.“ (<bib id='Boehm 1994a'></bib>: S. 26)</ref> Diese frühe Variante ist zugleich an [[Künstlerisches Bild und Alltagsbild|künstlerischen Bildern]] orientiert und im Sinne eines Wertmaßstabs zur Beurteilung von „starken Bildern“ (<bib id='Boehm 1994a'></bib>: S. 35) ausgewiesen, die von [[Simulation|Simulationen]] und bloßen Abbildern unterschieden werden. Ihre optimale Verwirklichung findet sie daher im Bereich der modernen [[Malerei]], ihrem Anspruch nach gilt sie aber als medienspezifische Bestimmung für die bildliche Sinngenese insgesamt. | ||
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==Das Problem der | ==Das Problem der Optimier­barkeit iko­nischer Diffe­renz== | ||
Als wesentliches systematisches Merkmal der frühen Konzeption kann man die These einer bildproduktiven Optimierbarkeit der ikonischen Differenz annehmen (die teilweise, wenn auch nicht mehr so deutlich, noch in den späteren Texten wiederholt wird). Sie stellt in systematischer Hinsicht die Crux dieser Position dar. Grundsätzlich stimmt sie mit der Konzentration des Begriffs auf künstlerische Bilder und hier insbesondere auf die künstlerische Bildproduktion überein. Zugleich stellt sie damit aber die medienphilosophische Basis der Konzeption in Frage. | Als wesentliches systematisches Merkmal der frühen Konzeption kann man die These einer bildproduktiven Optimierbarkeit der ikonischen Differenz annehmen (die teilweise, wenn auch nicht mehr so deutlich, noch in den späteren Texten wiederholt wird). Sie stellt in systematischer Hinsicht die Crux dieser Position dar. Grundsätzlich stimmt sie mit der Konzentration des Begriffs auf künstlerische Bilder und hier insbesondere auf die künstlerische Bildproduktion überein. Zugleich stellt sie damit aber die medienphilosophische Basis der Konzeption in Frage. | ||
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==Ikonische Differenz nach dem Modell des | ==Ikonische Differenz nach dem Modell des gesti­schen Zeigens (2007)== | ||
Die spätere Konzeption ikonischer Differenz verzichtet argumentativ auf das Postulat einer medialen Differenz zwischen Sprache und Schrift, wie sie mit der Ausrufung des ''iconic turn'' noch verbunden war. Sie orientiert sich vielmehr an der „Verwandtschaft zwischen dem Zeigen und den Bildern“ (<bib id='Boehm 2007c'></bib>: S. 19). Dieses [[Zeigen und Sich-Zeigen|Zeigen]] wird im Bereich der Bilder als ein doppeltes Zeigen von etwas und sich ausgewiesen und nimmt nun die Position des Grundkontrastes in der ikonischen Differenz ein, der nun unter Verweis auf die körperliche Geste (und ihre bildliche Darstellung)<ref> Bemerkenswert ist, dass die spätere Konzeption (<!--vgl. <bib id='Boehm 2007a'></bib>-->1977) mit Bildern argumentiert, wobei es keineswegs künstlerische Bilder sind, die eine ikonische Differenz aufweisen, sondern fotografische Abbilder Gesten dokumentieren (gezeigt wird eine Fotoserie zum gestikulierenden Heidegger, aufgenommen von Digne Meller Marcovicz am 23. September 1966 im Rahmen eines Interviews), die wiederum zeigen sollen, auf welchem Grundkontrast gestisches Zeigen gründet. Falsch ist hierbei der Eindruck, ikonische Differenz gelte in ihrer gestischen Begründung vor allem für Bilder von Gesten, denn die spätere Konzeption ist nicht auf eine eingeschränkte Bildgattung spezialisiert.</ref> begründet wird.<ref>„Dieser dominante visuelle Sog von der Singularität des dargestellten Körpers zur Ganzheit seines Erscheinens und zurück etabliert einen ikonischen Grundkontrast [...]“ (<bib id='Boehm 2007c'></bib>: S. 28).</ref> So wird auch in der späteren Version nicht ausschließlich im Bereich bildlicher Medialität argumentiert, obwohl es diese als Differenzstruktur zu begründen gilt: | Die spätere Konzeption ikonischer Differenz verzichtet argumentativ auf das Postulat einer medialen Differenz zwischen Sprache und Schrift, wie sie mit der Ausrufung des ''iconic turn'' noch verbunden war. Sie orientiert sich vielmehr an der „Verwandtschaft zwischen dem Zeigen und den Bildern“ (<bib id='Boehm 2007c'></bib>: S. 19). Dieses [[Zeigen und Sich-Zeigen|Zeigen]] wird im Bereich der Bilder als ein doppeltes Zeigen von etwas und sich ausgewiesen und nimmt nun die Position des Grundkontrastes in der ikonischen Differenz ein, der nun unter Verweis auf die körperliche Geste (und ihre bildliche Darstellung)<ref> Bemerkenswert ist, dass die spätere Konzeption (<!--vgl. <bib id='Boehm 2007a'></bib>-->1977) mit Bildern argumentiert, wobei es keineswegs künstlerische Bilder sind, die eine ikonische Differenz aufweisen, sondern fotografische Abbilder Gesten dokumentieren (gezeigt wird eine Fotoserie zum gestikulierenden Heidegger, aufgenommen von Digne Meller Marcovicz am 23. September 1966 im Rahmen eines Interviews), die wiederum zeigen sollen, auf welchem Grundkontrast gestisches Zeigen gründet. Falsch ist hierbei der Eindruck, ikonische Differenz gelte in ihrer gestischen Begründung vor allem für Bilder von Gesten, denn die spätere Konzeption ist nicht auf eine eingeschränkte Bildgattung spezialisiert.</ref> begründet wird.<ref>„Dieser dominante visuelle Sog von der Singularität des dargestellten Körpers zur Ganzheit seines Erscheinens und zurück etabliert einen ikonischen Grundkontrast [...]“ (<bib id='Boehm 2007c'></bib>: S. 28).</ref> So wird auch in der späteren Version nicht ausschließlich im Bereich bildlicher Medialität argumentiert, obwohl es diese als Differenzstruktur zu begründen gilt: | ||
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Version vom 19. Februar 2014, 14:14 Uhr
Unterpunkt zu: Grundbegriffe der Bildlichkeit
Einleitung und TextbestandDer von Gottfried Boehm geprägte “Begriff” der ikonischen Differenz[1] soll ebenso wie andere prominente Begriffe der Bildtheorie (»Aura«, »punctum« etc.) offenbar „nicht zu Ende gedacht“ werden. Laut einem zusammenfassenden Artikel von 2011 wurde er von Boehm bereits seit 1978 entwickelt ([Boehm 2011a]Boehm, Gottfried (2011): Ikonische Differenz. Rheinsprung 11 – Zeitschrift für Bildkritik, 1. Seitdem wurde der Begriff in konzeptuell sehr unterschiedlichen Varianten publiziert, ohne jemals zu einem theoretischen Gesamtsystem ausgearbeitet worden zu sein. Das Vorläufige und Prozesshafte des Begriffs ist durchaus gewollt, so heißt es noch 2004: „Ich bin dabei, dieses Grundmodell weiter auszuarbeiten und mit weiteren theoretischen strata auszustatten“ ([Boehm 2004a]Boehm, Gottfried (2007): Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder (2004). In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.
Vielmehr entwickelt sie sich anhand einer relativ konstanten Grundfrage (s. unten Kap. 2) weiter. Entsprechend muss sich die hier versuchte Darstellung des Konzeptes der ikonischen Differenz an einem Textbestand orientieren, bei dem manchmal explizit und ausführlich für es argumentiert wird (vgl. z.B. [Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Auch unter den expliziten Darstellungen des Konzepts der ikonischen Differenz sind bei Boehm mehrere Varianten unterscheidbar, die jeweils unter dem Einfluss bestimmter zeitgenössischer Diskussionen stehen und dem Begriff dabei veränderte Qualitäten und Begründungsmuster zuschreiben. So entwickelt die frühe Variante (vgl. [Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Wegen der gewollten Variabilität der Konzeption und dem mäandernden Textbestand erscheinen alle kritisch systematischen Darstellungen des Begriffs unvermeidlich als holzschnittartige Reduktionen. Gleichwohl müssen sie versucht werden, weil die Varianten ikonischer Differenz erstens nicht selbsterklärend sind, ihr thematisches Interesse aber zweitens auf den Kern bildtheoretischer Fragen abzielt, wie nicht zuletzt die Konjunktur des Terminus belegt.
ZieleTrotz seiner permanenten Variabilität steht das Konzept der ikonischen Differenz unter dem Einfluss eines bestimmten, gleichbleibenden Interesses am Bild, das die zentralen Fragen des iconic turn betrifft. In den Worten Boehms argumentiert er entlang einer
Diese Gratwanderung verläuft zwischen den singulären Qualitäten je einzelner Bilder und dem Anspruch, ihre Wirkungsweise in durchaus bildtheoretisch universalen Regeln wiederzugeben. Da solche Untersuchungen aber nicht bei der Singularität der Bilder enden, sondern in ihr wiederum eine „innere Struktur“ zu konturieren versuchen, die sogar als „alternative Logik“ angesprochen wird, zielen sie letztlich doch auf eine theoretische Allgemeingültigkeit ab. Allerdings ist es nicht die medienphilosophische Frage nach einer verlässlichen Begründung der Wirkungsweise von Bildern, sondern vielmehr ein spezialisierteres Sachinteresse, das sich mit der Konzeption der ikonischen Differenz verbindet. Diese „Leitfrage“ lautet: „Wie generieren Bilder auf ihre Weise einen visuellen, einen ikonischen Sinn?“ ([Boehm 2004b]Boehm, Gottfried (2004): Das Bild in der Kunstwissenschaft. Interview mit Gottfried Boehm. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Wege zur Bildwissenschaft. Interviews. Halem, Köln. Die ikonische Differenz versucht [...] ein anderes Denken von Sinn einzuleiten. ([Boehm 2011a]Boehm, Gottfried (2011): Ikonische Differenz. Rheinsprung 11 – Zeitschrift für Bildkritik, 1. Die Rede von der Genese bildlichen Sinns ist dabei durchaus kausalistisch zu verstehen, insofern mit der Angabe eines „Grundkontrastes“ tatsächlich eine Ursache bildlicher Wirkungen identifiziert wird: Was Bilder in aller historischen Vielfalt als Bilder 'sind', was sie 'zeigen', was sie 'sagen', verdankt sich mithin einem visuellen Grundkontrast, der zugleich der Geburtsort jedes bildlichen Sinnes genannt werden kann. ([Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Dieser theoretische Anspruch wird zugleich als Erfolgskriterium etabliert, wobei es insbesondere gilt, solch eine Genese bildlichen Sinns jenseits sprachlicher Logiken zu ermitteln.[3] Mit dieser Zielangabe unterscheidet sich die »ikonische Differenz« auch von anderen differenztheoretischen Positionen in der Bildtheorie. Anders als der Begriff der »picturalen Differenz« bei Waldenfels (vgl. [Waldenfels 2004a]Waldenfels, Bernhard (2004): Das Bild in der Philosophie. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Wege der Bildwissenschaft. Interviews. Halem, Köln.
Synonyme der Differenz: Kontrast, Wechselspiel, OszillationMan kann nicht sinnvoll von Differenzen reden, ohne anzugeben, zwischen was und in welcher Weise diese Relation behauptet wird. In welcher Weise die ikonische Differenz das von ihr Unterschiedene vermittelt lässt sich auf der Grundlage des Textbestands vergleichsweise leicht angeben, auch wenn es eine Reihe von Synonymen hierfür gibt:
Es geht um eine für die bildliche Genese von Sinn konstitutive Differenz, also um eine zweistellige Relation, deren häufigste Synonyme sie allerdings als Kontrast, seltener als ein Wechselspiel oder eine Oszillation ausgeben. Damit wird eine dynamische Relation angesprochen, die zwischen gegensätzlichen Polen vorherrscht und deren Differenz, anders als bei einem dialektischen Antagonismus, nicht aufhebbar ist:
Unter dieser Prämisse reduziert sich der Bereich möglicher bildimmanenter Differenzen auf solche, die sich erstens in einer unaufhebbaren Polarität befinden und die sich zweitens nicht abnutzen, nicht zum Ausgleich gebracht werden können. Grundsätzlich handelt es sich also um eine Wirkung, die dynamisch verstanden wird und deshalb kein festes Ziel, keinen typischen Verlauf und kein verbindliches zeitliches Ende aufweist (hierin vergleichbar mit Kants freiem Spiel der Erkenntniskräfte). Diese Wirkung speist sich, wie auch bei Kant, aus der Wechselwirkung zweier miteinander kontrastierender Komponenten; sie wird allerdings nicht mehr vermögenspsychologisch, sondern vielmehr bildtheoretisch gefasst.[4] Kontrastverhältnisse sind spezifischer als Differenzen.[5] Da die ikonische Differenz wesentlich auf einer Kontrastfigur basiert, könnte sie zutreffender als ‘ikonischer Kontrast’ tituliert werden. ‘Wechselspiel’ und ‘Oszillation’ sind insofern schwächere Synonyme, weil sie zwar den dynamischen Prozess, nicht jedoch die als verursachend angenommene Struktur benennen. ‘Ikonischer Kontrast’ wäre also zutreffend, zumal das Prädikat ‘ikonisch’ in Boehms Lesart auch bereits die erwünschte Dynamik inkludiert. Denn in Abgrenzung zu Max Imdahls Ikonik (vgl. [Imdahl 1994a]Imdahl, Max (1994): Ikonik: Bilder und ihre Anschauung. In: Böhm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München.
Was kontrastiert?Schwieriger wird es, wenn man fragt, was im Sinne der ikonischen Differenz jeweils oszilliert, wozwischen also der Kontrast angenommen werden kann. Hier kommen in der frühen Konzeption mehrere Kontrastpaare in Frage, deren Verhältnis untereinander aber ungeklärt bleibt. So heißt es, die ikonische Differenz
Diese Leitdifferenz, die zugleich als Kontrast und Polarität konzipiert ist, ließe sich in dem Dualismus von Materialität und Idealität des Bildes zusammenfassen. Denn tatsächlich findet sich diese Differenzbeziehung am Häufigsten in den Selbstdarstellungen des Begriffs, ohne dass sie allerdings explizit auch als gemeinsame Struktur aller spezialisierteren Differenzverhältnisse ausgewiesen wäre. Solch einem „basalen Phänomen“ näher zu kommen, wird noch 2004 als „Hauptabsicht“ des Begriffs ausgewiesen.[6] Er zielt also auf die Beschreibung einer „basalen“ Differenz, die zwischen den materiellen Bedingungen und Gegebenheiten eines Bildes und der Möglichkeit, es gleichwohl als ein sinnhaftes Bestimmungsverhältnis zu sehen, zu erkennen und zu verstehen, besteht. Eben dieses Verhältnis gilt als konstitutiv für einen nicht-sprachlichen, bildlichen Sinn. Es wird zugleich als zentrale medienspezifische Bestimmung von Bildlichkeit angenommen.[7] Diesem großen Anspruch kann der Begriff der ikonischen Differenz aber nicht gerecht werden, weil der generelle Kontrast wiederholt durch Einzelphänomene ersetzt wird, wobei zusätzlich ihr Verhältnis zueinander ungeklärt bleibt. So werden zahlreiche Kontrast-Relationen genannt, aber schon der nächste „Grundkontrast“ verschiebt und verfehlt die Relation von bildlicher Materialität und Idealität, weil er eher visuelle Ganzheiten und Details korreliert:
Damit wären bereits im frühen Text (1994) zwei Kandidaten für einen bildlichen Grundkontrast genannt. Der Letztere lässt sich zudem an historischen Varianten exemplifizieren.[8] Schwierig wird es jedoch, wenn solche Details gleichermaßen einen der beiden Grundkontraste exemplifizieren sollen: Ein „starkes Bild“
Genau für das systematische Verhältnis des oder der Grundkontraste zu solchen spezielleren Kontrastrelationen besteht aber ein großer Klärungsbedarf. Gibt es verschiedene, auch qualitativ unterscheidbare Konstellationen ikonischer Differenz, je nachdem ob sich Figur und Hintergrund, Flächigkeit und Tiefe, Materialität und ideelle Permanenz eines Bildes in Wechselwirkung befinden? Und darüber hinaus wäre zu fragen: Wie lassen sich im Sinne einer widerspruchsfreien Konzeption ikonischer Differenz Überschneidungsverhältnisse zwischen den kontrastierenden Paaren verstehen? Sind bildphänomenologisch wirksame Wechselwirkungen zwischen z.B. Tiefe und Materialität, Figur und Fläche etc. ebenfalls als struktureller Anlass ikonischer Differenzeffekte aufzufassen? Limitiert sich der Begriff hinsichtlich bestimmter Kontrastpaare? Meint er eine offene Aufzählung oder etwas, was all diesen Paaren zugrunde liegt?
Ikonische Differenz nach dem Modell der Metapher (1994)Ikonische Differenz wird bei Gottfried Boehm 1994 durch die Übernahme des Begriffs der Metapher und seine Übertragung auf das Bild konzipiert.[9] Diese frühe Variante ist zugleich an künstlerischen Bildern orientiert und im Sinne eines Wertmaßstabs zur Beurteilung von „starken Bildern“ ([Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Dabei wird die Metapher als Kontrastfigur interpretiert.[10] Diese Gleichsetzung von Metapher und bildlichem Kontrast ist nicht ganz überzeugend, denn die Figur des Kontrastes basiert ja auf gleichberechtigten Elementen, während die Metapher eher mit einer Steigerung operiert: Das Buchstäbliche ist verständlich und systematisch vollständig, es kommt ohne übertragene Bedeutung aus, während umgekehrt die Metaphorik auf das Buchstäbliche angewiesen ist und es überschreitet. So muss man fragen, wie im Bild Buchstäbliches mit Übertragenem interagiert. Erst in den späteren Versionen, die sich nicht mehr auf die Metapher berufen, kommt ein entsprechendes Ungleichgewicht zwischen den kontrastierenden Positionen als Gefälle oder Asymmetrie zur Sprache.
Das Problem der Optimierbarkeit ikonischer DifferenzAls wesentliches systematisches Merkmal der frühen Konzeption kann man die These einer bildproduktiven Optimierbarkeit der ikonischen Differenz annehmen (die teilweise, wenn auch nicht mehr so deutlich, noch in den späteren Texten wiederholt wird). Sie stellt in systematischer Hinsicht die Crux dieser Position dar. Grundsätzlich stimmt sie mit der Konzentration des Begriffs auf künstlerische Bilder und hier insbesondere auf die künstlerische Bildproduktion überein. Zugleich stellt sie damit aber die medienphilosophische Basis der Konzeption in Frage. Zunächst erscheinen die Kontrastverhältnisse des Bildes als bevorzugtes Betätigungsfeld von Bildkünstlern und werden damit bereits als beherrsch- und optimierbar ausgegeben:
So erscheint die ikonische Differenz nun als artifiziell bewirkte und regulierbare Bildqualität, die sich unter der Perspektive ihrer Optimierbarkeit zugleich als “nachvollziehbare” Darstellungsintention und “wirkungsstarke” Kommunikation gibt und damit eher dem Bereich der Bildpragmatik anzugehören scheint als dem einer bildlichen Sinngenese.[11] Auch Photographie, Film und Video können unter Umständen „starke Bilder“ im Sinne der ikonischen Differenz hervorbringen.
Versucht man das Prinzip der Optimierung mit dem Konzept der ikonischen Differenz widerspruchsfrei zu verbinden, so ist folgende Konsequenz zu ziehen: Ikonische Differenz ist ein graduelles Phänomen. D.h.: Die mit dem Begriff ausgedrückten sinnhaften Wechselwirkungen in Bildern können in unterschiedlicher Intensität vorliegen, wobei ein grundsätzliches, allen Bildern in medienspezifischer Weise zustehendes Prinzip angenommen wird, das sich wissentlich und absichtsvoll in (künstlerischen) Bildproduktionen manipulieren lässt und dann offenbar auch im Sinne einer Wirkungssteigerung rezipiert werden kann. In dieser Lesart verliert der Begriff jedoch seine medienphilosophische Radikalität und wird zum Wertmaßstab künstlerischer Bilder im Sinne eines Evaluationskriteriums. In kritischer Perspektive muss daher gefragt werden, ob sich solche Wirkungssteigerungen im Sinne der ikonischen Differenz auch unbeabsichtigt einstellen können, ob es also denkbar ist, dass sich eine für grundsätzlich bildlich gehaltene Sinngenese („die Bedingungen des Mediums selbst“) innerhalb von Bildproduktionen auch zufällig, unbeabsichtigt oder jenseits ihrer souveränen artistischen Beherrschung und damit im eigentlichen Sinne auf der Basis der medialen Bestimmungen des Bildes selbst entwickeln kann. Denn erst dann wäre die ikonische Differenz auch in einem radikalen Sinne ikonisch zu verstehen. Handelt es sich bei dem Begriff also um eine medientheoretische oder um eine produktionsästhetische Bestimmung? Nur die erste Variante ikonischer Differenz, die sich auf Bildlichkeit gründet und nicht auf Darstellungsabsichten und Produktionsweisen, wäre als Darstellung einer genuin bildlichen Sinngenese zu verstehen. Sie würde sich aber grundsätzlich keiner souveränen Verfügung durch Bildproduzenten verdanken, auch wenn sie theoretisch noch mit dem Prinzip der Optimierung als eines nachgeordneten Interesses verbunden sein könnte.
Ikonische Differenz nach dem Modell des gestischen Zeigens (2007)Die spätere Konzeption ikonischer Differenz verzichtet argumentativ auf das Postulat einer medialen Differenz zwischen Sprache und Schrift, wie sie mit der Ausrufung des iconic turn noch verbunden war. Sie orientiert sich vielmehr an der „Verwandtschaft zwischen dem Zeigen und den Bildern“ ([Boehm 2007c]Boehm, Gottfried (2007): Die Hintergründigkeit des Zeigens. Deiktische Wurzeln des Bildes. In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Fink, Berlin.
An die Stelle der sprachlichen Metapher rückt nun die körperliche Geste als eines argumentativ, aber auch illustrativ gebrauchten Differenzmediums, geht es doch darum: „[...] an Körper und Geste Aufschlüsse über die Funktionsweise von Bildern zu gewinnen, über ihr im strikten Sinne ikonisches Zeigen.“ ([Boehm 2007c]Boehm, Gottfried (2007): Die Hintergründigkeit des Zeigens. Deiktische Wurzeln des Bildes. In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Fink, Berlin. Mit dieser Grundmetapher gestischen Artikulierens wird nun die ikonische Differenz in zweierlei Weise neu konturiert: Erstens gilt sie nicht mehr für verschiedene Kontrastverhältnisse, sondern für all jene, die sich diesem Modell integrieren lassen. Zweitens ist das Differenzverhältnis zwischen ‘sich zeigen’ und ‘etwas zeigen’ nun nicht mehr mit einem Optimierungsthese verknüpft, sondern stärker als medienphilosophische Bestimmung des Bildes konzipiert:
Es bleibt zwar historisch wandelbar, bezeichnet aber eine grundlegende mediale Bestimmung von Bildern, die in verschiedenen Weisen des Bildermachens nur jeweils anders realisiert wurde. Denn:
Diese „sinnliche Materialität des Bildgrundes“ wird als ein „tragender Ort“ verstanden, der „jedmöglichem Inhalt als Bedingung vorausgeht“ ([Boehm 2007c]Boehm, Gottfried (2007): Die Hintergründigkeit des Zeigens. Deiktische Wurzeln des Bildes. In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Fink, Berlin. In dieser späteren Variante ikonischer Differenz werden solche bildspezifischen Bestimmungen direkt mit Einsichten in die Funktionsweise des körperlichen Zeigens analogisiert, wobei besonders ein gleichermaßen geltendes Differenzschema angenommen und von der Zeigegeste auf das Bild übertragen wird.[14] Die Auffassung des bildlichen Zeigens geht dabei also von einer gestischen Logik des menschlichen Körpers aus.[15] Allerdings ist die ikonische Differenz, wie es 2010 heißt, nicht vollständig mit der körperlichen Gebärdung kompatibel, denn sie hat „ganz andere Eigenschaften“ ([Boehm 2010a]Boehm, Gottfried (2010): Das Zeigen der Bilder. In: Boehm, G. & Egenhofer, S. & Spies, Ch. (Hg.), Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren. Fink, München. Ikonische Differenz fungiert nun als Ordnungsbegriff für ein „System von Kontrasten“, wobei allerdings gerade für diese Subordination, also das Verhältnis einzelner, empirisch und historisch vorkommender bildlicher Kontrastbeziehungen zu einer übergeordneten und vereinheitlichenden, genuin ikonischen Kontraststruktur keine Systematik erkennbar ist. Einerseits kann die ikonische Differenz dabei als ein bloß zusammenfassender Ausdruck erkennbarer bildlicher Kontrastrelationen gelten und hat damit eine retrospektiv deskriptive Funktion. Andererseits steht sie aber auch für einen geradezu „transzendentalen Schematismus“ ([Boehm 2011a]Boehm, Gottfried (2011): Ikonische Differenz. Rheinsprung 11 – Zeitschrift für Bildkritik, 1.
Kritik und Fragena) Es gibt zahlreiche externe Abgrenzungen des Begriffs der ikonischen Differenz, aber kaum interne Begründungen. So wird zwar durchgehend die externe Differenz des Bildes zur Sprache hervorgehoben und sowohl mit dem Prinzip der Metapher als auch mit dem Prinzip des bildlichen Zeigens begründet; die Konzeption der ikonischen Differenz weist aber hinsichtlich ihres eigentlichen Ziels, der Frage nach der Genese bildlichen Sinnes, Begründungslücken auf. So fehlt etwa eine interne Unterscheidung des Begriffs von anderen differenztheoretischen Perspektiven in den Bildtheorien. Solche internen Begründungen, die den Kern des Projekts der ikonischen Differenz selbst betreffen, würden hier eine deutlichere bildtheoretische Konturierung leisten. Warum ist es etwa ausgeschlossen, dass die Genese bildlichen Sinns auch einstellig dargestellt oder konzipiert werden kann? Inwiefern ist bildliche Evidenz und Sinngenese immer ein Effekt einer Differenzoperation? Muss das Etwas-zeigen des Bildes immer mit seinem Sich-zeigen oszillieren? Ist das bloß Etwas zeigende (Ab-)Bild ein sinnloses Bild, bzw. eines, das ausschließlich sprachlichen Prädikationen untersteht? b) Der Begriff der ikonischen Differenz weist einen unscharfen Gegenstandsbereich auf, weil er einen medientheoretischen Anspruch mit kunst- und bildkritischen Interessen verbindet:
Die Formulierung ‘jedes besondere’ kombiniert die evaluative Exklusion mit einer universalen Inklusion von Bildern. D.h.: Hier wird eine vordergründig medienspezifische Bestimmung von Bildern mit einer einschränkenden und anspruchsvollen Bildkritik verbunden, und das ist in systematischer Hinsicht eine latent konfliktäre Beziehung. Denn der Begründungsanspruch ist ein durchaus allgemeiner.[18] Das Konzept der ikonischen Differenz untersucht die Genese eines genuin bildlichen Sinns, der im Unterschied zu sprachlichen Prädikationen der Bilder konturiert werden soll und damit immer schon auf die Medienspezifik des Bildes vorausgreift. Sein ideales Untersuchungsfeld sind jedoch besonders gelungene künstlerische Bilder, wobei vor allem die frühe Konzeption bildkritisch und produktionsästhetisch (Prinzip der Optimierung) argumentiert. Die Genese bildlichen Sinnes erscheint hier als Effekt einer ästhetischen Intervention und der medientheoretische Anspruch des Begriffs der ikonischen Differenz damit als eine theoretische Setzung, die bestimmte Eigenschaften gelungener künstlerischer Bilder für die Gesamtheit der Bilder projiziert. So gründet etwa die Evidenz des Bildes auf einem „kunstvoll angelegten Selbstvergleich“, der von produktiven Bildermachern allererst als interne Differenz des Bildes entwickelt wird (vgl. [Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München. c) Wie oben bereits mehrfach dargelegt, besteht eine unklare Systematik und fehlende Begründungsarbeit hinsichtlich der Beziehung eines medienspezifischen Gesamtkontrastes zu den einzelnen bildlichen Kontrastrelationen. Dadurch changiert der Begriff der ikonischen Differenz zwischen Deskription und Setzung. Als deskriptiver Begriff würde er andere Weisen bildlicher Sinngenese zulassen und nur bestehende differenz- oder kontrastbasierte Weisen zusammenfassen. Als normativer Begriff beansprucht er eine verbindliche Darstellung der Grundstruktur bildlicher Sinngenese, die andere Optionen ausschließt. Beides zusammen geht nicht. Die hier angeführten Anmerkungen, Kommentare und Ordnungversuche können und wollen aber keineswegs bestreiten, dass es sich bei dem Projekt der ikonischen Differenz um eine der wichtigsten Baustellen der Bildtheorie handelt: die Erkundung der Bedingungen einer bildlichen Sinngenese. Es ist eben diese unbestreitbare Relevanz des Themas die für eine starke Rezeption des Begriffs gesorgt hat. Aber gerade die Breite der Zustimmung wird damit zum Anlaß, das Begriffsverständnis im jeweiligen Einzelfall genauer nachzufragen. Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Boehm 1978a]Boehm, Gottfried (1978): Zu einer Hermeneutik des Bildes. In: Gadamer, H. & Boehm, G. (Hg.), Die Hermeneutik und die Wissenschaft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Boehm 1980a]Boehm, Gottfried (1980): Bildsinn und Sinnesorgane. Neue Hefte für Philosophie, 18/19.[Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München.[Boehm 2004a]Boehm, Gottfried (2007): Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder (2004). In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.[Boehm 2004b]Boehm, Gottfried (2004): Das Bild in der Kunstwissenschaft. Interview mit Gottfried Boehm. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Wege zur Bildwissenschaft. Interviews. Halem, Köln.[Boehm 2007a]Boehm, Gottfried (2007): Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.[Boehm 2007b]Boehm, Gottfried (2007): Iconic Turn. Ein Brief. In: Belting, H. (Hg.), Bilderfragen. Die Bildwissenschaft im Aufbruch. Fink, München.[Boehm 2007c]Boehm, Gottfried (2007): Die Hintergründigkeit des Zeigens. Deiktische Wurzeln des Bildes. In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Fink, Berlin.[Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.[Boehm 2009a]Boehm, Gottfried (2009): Spur und Gespür. Zur Archäologie der Zeichnung. In: Bach, F. T. & Pichler, W. (Hg.), Öffnungen. Zur Theorie und Geschichte der Zeichnung. Fink, München.[Boehm 2010a]Boehm, Gottfried (2010): Das Zeigen der Bilder. In: Boehm, G. & Egenhofer, S. & Spies, Ch. (Hg.), Zeigen. Die Rhetorik des Sichtbaren. Fink, München.[Boehm 2011a]Boehm, Gottfried (2011): Ikonische Differenz. Rheinsprung 11 – Zeitschrift für Bildkritik, 1.[Brandt 2004a]Brandt, Reinhard (2004): Das Bild: Gesehen und erkannt. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Wege zur Bildwissenschaft. Interviews. Herbert von Halem Verlag, Köln.[Gombrich 1978a]Gombrich, Ernst H. (1978): Meditationen über ein Steckenpferd. Von den Wurzeln und Grenzen der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Imdahl 1994a]Imdahl, Max (1994): Ikonik: Bilder und ihre Anschauung. In: Böhm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München.[Imdahl 1996c]Imdahl, Max (1996): Reflexion, Theorie, Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Waldenfels 2004a]Waldenfels, Bernhard (2004): Das Bild in der Philosophie. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Wege der Bildwissenschaft. Interviews. Halem, Köln.[Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982): Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, R. (Hg.), Objekte der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Mark A. Halawa und Marcel Lemmes — (Hinweis) |