Traumbild: Unterschied zwischen den Versionen
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==Das Traumbild in der Traum­theorie Sigmund Freuds== | ==Das Traumbild in der Traum­theorie Sigmund Freuds== | ||
Für Freud, dessen Traumtheorie heute mit | Für Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschie­denen vor allem empi­risch-​klini­schen und neo-​beha­vioris­tischen Erklä­rungsan­sätzen konkur­riert (die Tabel­le 19 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 65 listet insge­samt neun davon), sind der Traum und seine Bilder „kein soma­tisches, sondern ein psychi­sches Phäno­men“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 97). Der Traum ist ein psychisch deter­minier­tes „neuro­tisches Symptom“, und die „Mecha­nismen der Traumbil­dung [sind] vorbild­lich für die Entste­hungswei­se der neuro­tischen Sympto­me“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 105ff., 79, 186). Wie Freud in der Vorbe­merkung zur ersten Auflage der «Traumdeu­tung» schreibt, hat der Traum daher einen | ||
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:'' | :''theore­tische[n] Wert als Para­digma, und wer sich die Entste­hung der Traumbil­der nicht zu erklä­ren weiß, wird sich auch um das Verständ­nis der Phobien, Zwangs- und Wahn­ideen, even­tuell um deren thera­peuti­sche Beein­flussung, vergeb­lich bemühen“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. VII). | ||
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Die behauptete Wunscher­füllungs­inten­tion des Traums ist iden­tisch mit seiner Funktion, „Hüter des Schlafes“, nämlich „Besei­tiger von Schlafstö­rungen“ zu sein (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 130, 127): „Der Traum ist also die Art, wie die Seele auf die im Schlafzu­stand einwir­kenden Reize reagiert“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86), nämlich indem er sie in das vorwie­gend visu­elle Traumer­leben einschmilzt. Dies können äuße­re Reize sein (Wecker­klingeln) oder inne­re, das heißt zum Beispiel unbe­wusste Triebwün­sche, bei denen es sich „vorwie­gend – aber wiede­rum nicht ausschließ­lich“ um sexu­elle Wünsche handelt, aber auch um Wünsche, die Ego­ismus oder Habgier betref­fen, genau­so inne­re Körper­reize wie Hunger, Durst oder körper­liche Beschwer­den (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 196, 127). Die Möglich­keit der Traumbe­einflus­sung durch äuße­re Reize jeden­falls wird durch die aktu­elle Schlaf- und Traumfor­schung bestä­tigt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S.: 171f.; <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 88). Die unbe­wussten inne­ren Reize bilden für Freud den „Nabel des Traums“, aus dem der „Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Myce­lium“ empor­wächst (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 530). | |||
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:''Man erlebt vielerlei im Traum und glaubt daran, während man doch nichts erlebt als viel­leicht den einen stören­den Reiz. Man erlebt es vorwie­gend in visu­ellen Bildern; es können auch Gefüh­le dabei sein, auch Gedan­ken mitten­durch, aber vorwie­gend sind es doch Bilder. Ein Teil der Schwierig­keit des Traumer­zählens kommt daher, dass wir diese Bilder in Worte zu über­setzen haben. Ich könnte es zeichnen, sagt uns der Träumer oft, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.'' (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86) | |||
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Eine Zeichnung allerdings würde laut Freud ''prima facie'' nichts aufklä­ren, denn die Zeichnung ist nicht als Abbild oder in ästhe­tischer Hinsicht (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 231f.), sondern primär als [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen]], als „Bilder­rätsel (Rebus)“ zu verste­hen: „Man würde offen­bar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach ihrem Bilder­wert anstatt nach ihrer Zeichen­bezie­hung lesen wollte“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 284). | |||
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:1) Die Verdichtung ist eine Art | Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhan­denen inne­ren Reize mit dem tages­aktuell erin­nerten Gesche­hen vor dem Schlafen, den soge­nannten Tages­resten, zusam­men: | ||
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:''Etwas, was aus unse­rem bewuss­ten Leben stammt und dessen Charak­tere teilt – wir heißen es: Tages­reste – tritt mit etwas ande­rem aus jenem Reich des Unbe­wussten zur Traumbil­dung zusam­men. Zwischen diesen beiden Antei­len vollzieht sich die Traumar­beit'' (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 217). | |||
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Deshalb ist „der Traum als Ganzes der entstell­te Ersatz für etwas ande­res, Unbe­wusstes“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 112). Die Aufga­be der Traumdeu­tung ist, dieses Unbe­wusste ausfin­dig zu machen entlang der „lange[n] Kette von Asso­ziati­onen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 115) dessen, der seinen Traum erin­nernd mithil­fe des Ana­lyti­kers rekon­struiert. Bei der Ana­lyse des Traums ist die Unter­scheidung mani­fest/la­tent grundle­gend: | |||
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:''Wir wollen das, was der Traum erzählt, den mani­festen Traumin­halt nennen, das Verbor­gene, zu dem wir durch die Verfol­gung der Einfäl­le kommen sollen, die laten­ten Traumge­danken“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 118). | |||
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Traum im eigentlichen Sinne ist der mani­feste Traumin­halt, der gleichwohl eine bloße „Fassa­de“ ist (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 184). Die soge­nannte „Traumar­beit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 174) setzt die laten­ten Traumge­danken in den mani­festen Traum um. Die Traumar­beit wiede­rum kommt hauptsäch­lich durch die Traumzen­sur zustan­de: „Die Traum­zensur selbst ist der Urhe­ber oder einer der Urhe­ber der Traument­stellung“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 140f.). Inso­fern „der gegen seine Wünsche sich sträuben­de Träumer gleichzu­setzen ist einer Summa­tion von zwei geson­derten, aber irgend­wie innig verbun­denen Perso­nen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 224), kann der Traum außer einem erfüll­ten Wunsch auch das gegen­teilige Strafbe­dürfnis der Zensur­instanz zum Ausdruck bringen (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 227). | |||
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Die Traumarbeit selbst besteht außer der soge­nannten Traum-​Symbo­lik aus vier Hauptmo­menten: 1) Verdich­tung, 2) Verschie­bung, 3) plasti­sche Darstel­lung und 4) sekun­däre Bear­beitung (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 185, 174ff.). | |||
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:1) Die Verdichtung ist eine Art anschau­licher „Mischbil­dung“ zum Beispiel von Perso­nen, Gegen­ständen oder Örtlich­keiten; laut Freud ist sie keine Wirkung der Traumzen­sur sondern ande­ren, vielleicht öko­nomi­schen Ursa­chen geschul­det: | |||
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::''Es ist das wie eine neue und flüchti­ge Begriffs­bildung mit diesem Gemein­samen als Kern. Durch das Über­einan­derfal­len der mitein­ander verdich­teten Einzel­nen entsteht in der Regel ein unschar­fes, verschwom­menes Bild, so ähnlich, wie wenn Sie mehre­re Aufnah­men auf die nämli­che Platte bringen'' (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 175). | |||
:2) Die „Verschiebung“ führt Freud dagegen ganz auf die | :2) Die „Verschiebung“ führt Freud dagegen ganz auf die Traumzen­sur zurück. Sie ist dadurch defi­niert, „erstens, dass ein laten­tes Ele­ment nicht durch einen eige­nen Bestand­teil, sondern durch etwas Entfern­teres, also durch eine Anspie­lung ersetzt wird und zweitens, dass der psychi­sche Akzent von einem wichti­gen Ele­ment auf ein ande­res, unwich­tiges über­geht, so dass der Traum anders zentriert und fremdar­tig erscheint“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 177). Die Verschie­bung führt so zu einer beson­deren sinnli­chen Inten­sität der Traum(bild)­ele­mente: | ||
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::''In den meisten Träumen lässt sich ein mit beson­derer sinnli­cher Inten­sität ausge­statte­tes Zentrum erken­nen […]. Das ist in der Regel die direk­te Darstel­lung der Wunscher­füllung, denn, wenn wir die Verschie­bungen der Traumar­beit rückgän­gig machen, finden wir die psychi­sche Inten­sität der Ele­mente in den Traumge­danken durch die sinnli­che Inten­sität der Ele­mente im Traumin­halt ersetzt.'' (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 567) | |||
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: | :3) Die „plastische Wortdarstellung“ wirft den Träumen­den gleichsam „von der Buchsta­benschrift zur Bilder­schrift“ zurück: | ||
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: | ::''Die dritte Leistung der Traumar­beit ist die psycho­logisch inte­ressan­teste. Sie besteht in der Umset­zung von Gedan­ken in visu­elle Bilder. Halten wir fest, dass nicht alles in den Traumge­danken diese Umset­zung erfährt; manches behält seine Form und erscheint auch im mani­festen Traum als Gedan­ke oder als Wissen; auch sind visu­elle Bilder nicht die einzi­ge Form, in welche die Gedan­ken umge­setzt werden. Aber sie sind doch das wesent­liche an der Traumbil­dung.'' (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 178) | ||
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: | :Umgekehrt besteht der laten­te Traumin­halt nicht ausschließ­lich aus sprachlich verfass­ten Gedan­ken, sondern je nach Regres­sionsstu­fe auch aus Erin­nerungs­bildern von Sinnes­eindrü­cken: | ||
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: | ::''Bei der Traumarbeit handelt es sich offen­bar darum, die in Worte gefass­ten laten­ten Gedan­ken in sinnli­che Bilder, meist visu­eller Natur, umzu­setzen. Nun sind unse­re Gedan­ken aus solchen Sinnes­bildern hervor­gegan­gen; ihr erstes Mate­rial und ihre Vorstu­fen waren Sinnes­eindrü­cke, richti­ger gesagt, die Erin­nerungs­bilder von solchen. An diese wurden erst später Worte geknüpft und diese dann zu Gedan­ken verbun­den. Die Traumar­beit lässt also die Gedan­ken eine regres­sive Behand­lung erfah­ren, macht deren Entwick­lung rückgän­gig''. (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 183f.) | ||
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: | :Deshalb wäre es auch verfehlt, wie es manchmal in der Lite­ratur anklingt (vgl. <bib id='Reck 2010a'></bib>: S. 220, 222), Freud einen Logo­zentris­mus zu unter­stellen. Die Regres­sion im Traumvor­gang belegt vielmehr ganz klar, dass es „Erin­nerungs­gruppen“ gibt, „die zum Teil selbst nur als visu­elle Beset­zungen, nicht als Über­setzung in die Zeichen der späte­ren Syste­me vorhan­den sind“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 579). Das belegt auch die Symbo­lik im Traum, die in einem „Vergleich“ wurzelt, der „sich nicht durch die Asso­ziation bloßle­gen lässt“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 154) und den der Träumer benutzt, ohne um ihn und das ''tertium compa­rati­onis'' zu wissen. Die Symbo­lik ist daher vielleicht ein phylo­gene­tisches Erbe der Psyche und rückt damit in die Nähe von Carl Gustav Jungs Arche­typen-​Lehre. Wie die sinnli­chen Erin­nerungs­bilder scheint sie über die Grenzen der Sprache hinaus­zuge­hen (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 165, 168). | ||
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: | :4) Viertens bleibt die „sekun­däre Bear­beitung“ als weite­res „Stück der Traumar­beit“, | ||
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: | ::''dem daran gelegen ist, aus den nächsten Ergeb­nissen der Traumar­beit etwas Ganzes, unge­fähr Zusam­menpas­sendes herzu­stellen. Dabei wird das Mate­rial nach einem oft ganz missver­ständli­chen Sinn ange­ordnet und, wo es nötig scheint, Einschü­be vorge­nommen'' (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 185). | ||
==Das Traumbild und das | ==Das Traumbild und das Unbe­wusste== | ||
Bewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: | Bewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: | ||
Version vom 11. Dezember 2013, 15:30 Uhr
Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft
Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches‘Traumbild’ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort ‘Vision’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und TraumforschungDie definitorische Einschränkung des Traumbildes auf den Schlafzustand ist allerdings gerechtfertigt schon durch die alltagssprachliche Bedeutung von ‘Traum’ als gerade „im Schlaf auftretende Vorstellung, sehnlicher Wunsch“ ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Etymologisch steckt in ‘Traum’ nämlich eine Betonung des Visuellen. ‘Traum’ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische ‘draugma’, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München.
Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
Im Untersuchungsergebnis waren 48% der Traumberichte inhaltlich bizarr, 9% formal bizarr, 19% formal und inhaltlich bizarr und 24% wiesen keine Bizarrheit auf (vgl. [Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
In den untersuchten 500 REM-Schlaf-Träumen waren die jeweiligen „Traumumgebungen“ zu 44% unbekannte Szenarien, zu 26% eine vertraute Umwelt ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dass Traumbilder der visuellen Wahrnehmung im Wachbewusstsein relativ stark entsprechen legt auch die Studie von [Rechtschaffen & Buchignani 1983a]Rechtschaffen, Allan & Buchignani, Cheryl (1983): Visual Dimensions and Correlates of Dream Images. Sleep Research, 12.
Freilich stehen diese Aussagen unter dem Vorbehalt einer unverfälschten Erinnerung des Träumers.
Traum(bild)forschung: Neuropsychologie und/oder PsychoanalyseDieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs gesehen, insbesondere im Anschluss an die Studien von [Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118.
Diesem willkürlichen Ausschluss widerspricht freilich schon die alltägliche Erfahrung, dass viele Träume sehr schnell, meist schon in der Aufwachphase aus dem Nachtschlaf, auf eine überstürzt sogartige Weise vergessen werden, so dass nur noch das Dass des Traums, wenn überhaupt, in Erinnerung bleibt. Wenn REM-Schlaf keine hinreichende Bedingung für eine Traumerinnerung ist und also möglicher Weise auch keine hinreichende Bedingung für einen Traum, so ist er jedenfalls keine notwendige Bedingung für eine Traumerinnerung. Denn Träume werden auch aus dem Nicht-REM-Schlaf (NREM-Schlaf) berichtet (vgl. [Dement & Kleitman 1957a]Dement, William & Kleitman, Nathanael (1957): The Relation of Eye Movements During Sleep to Dream Activity: An Objective Method for the Study of Dreaming. Journal of Experimental Psychology, 53, 3.
Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnusAlbträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) “entkoppeln” (vgl. [Rodenbeck et al. 2006a]Rodenbeck, Andrea & Gruber-Rüther, Angelika & Rüther, Eckart (2006): Affekte im Traum und Wacherleben – eine Affekthypothese des Traumes. In: Wiegand, M.l H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.
Der typische Albtraum, der zur Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung zu zählen ist und „nicht selten von einem Gefühl der behinderten Fluchtmöglichkeit begleitet“ ist, ist dagegen „vorrangig an den REM-Schlaf gebunden“ – vorrangig, aber keineswegs ausschließlich: „Ein Vorkommen von typischen Angstträumen ist auch in NREM-Schlafstadien nachgewiesen“ ([Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.
Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
In der «Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse» von 1933 weist Freud zwar einerseits den Einwand zurück, Angstträume und Träume unangenehmen Inhalts oder richtiggehende Albträume widersprächen der Wunscherfüllungsthese. Vielmehr sei es so, dass die unbewussten Wünsche, die zu jedem Traum beitragen ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Der Traum, der „die Erinnerungsspuren der traumatischen Begebenheit in eine Wunscherfüllung umwandeln möchte“, versagt; er wird nicht zur Wunscherfüllung, sondern bleibt streng genommen nur „der Versuch einer Wunscherfüllung“ ([Freud 1999b]Freud, Sigmund (1999): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 15. Fischer, Frankfurt/M.
Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund FreudsFür Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in [Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.
Die behauptete Wunscherfüllungsintention des Traums ist identisch mit seiner Funktion, „Hüter des Schlafes“, nämlich „Beseitiger von Schlafstörungen“ zu sein ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Eine Zeichnung allerdings würde laut Freud prima facie nichts aufklären, denn die Zeichnung ist nicht als Abbild oder in ästhetischer Hinsicht ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen:
Deshalb ist „der Traum als Ganzes der entstellte Ersatz für etwas anderes, Unbewusstes“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Traum im eigentlichen Sinne ist der manifeste Trauminhalt, der gleichwohl eine bloße „Fassade“ ist ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Das Traumbild und das UnbewussteBewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht:
Auch Strauch und Meier sehen darin den Unterschied der Schlafträume zur Wachphantasie:
Dementsprechend würde sich die Traum(bild)erfahrung durch das Fehlen der für das Wachbewusstsein typischen Reflexivität auszeichnen.
Demgegenüber kommt Freud zu dem bemerkenswerten Schluss, „dass wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, dass wir träumen, wie wir es wissen, dass wir schlafen“ ([Freud 1999c]Freud, Sigmund (1999): Die Traumdeutung. Über den Traum. Gesammelte Werke. Bd. 2/3. Fischer, Frankfurt/M. Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen:
Paul Valéry dagegen weist ganz im Sinne von Freuds heiligem Egoismus des Träumenden darauf hin, dass „das ICH und das, was es sieht, von derselben Art sind in den Träumen“ ([Valery 1935a]Valéry, Paul (1935): Analecta. Gallimard, Paris.
Ohne sich auf Valéry zu beziehen, vergleicht Lacan in ähnlicher Weise die Sicht auf die Dinge im Wachzustand und im Traum. „Die Welt“, so Lacan, ist an sich „nicht exhibitionistisch – sie provoziert nicht unseren Blick. Wenn sie anfängt, ihn zu provozieren, dann beginnt auch das Gefühl der Unheimlichkeit. Was heißt das? – wenn nicht dies, dass es im sogenannten Wachzustand eine Elision [Auslassung] des Blicks gibt, eine Elision nicht nur dessen, dass es blickt, sondern dass es zeigt. Das was im Feld des Traums, im Gegensatz dazu, die Bilder charakterisiert, ist dass es zeigt“ ([Lacan 1994a]Lacan, Jacques (1994): Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse, essais points. Seuil, Paris.
Was also zeigt – laut Lacan – im Traumbild, was wird manifest? Zunächst manifestieren sich in den Traumbildern die plastisch entstellten, unbewussten, unerfüllten Wünsche. In der Unmittelbarkeit der Traumbilder wird außerdem manifest das nicht reflektierte Wissen des Träumers darüber, dass seine halluzinierte Wunschbefriedigung, die er an den Traumbildern genießt, von einer Ausblendung der Unterscheidung zwischen Traum und Realität abhängt. Dass die Traumbilderfahrung eine besondere Unmittelbarkeit hat und dass das Subjekt diese Unterscheidung ausblendet sind zwei auseinanderfallende Aspekte desselben Zusammenhangs: Das unbewusste, aber wirkmächtige Wissen um die Ausblendung insistiert in der Unmittelbarkeit der Traumbilder. Es wird in diesen Bildern, als diese Bilder manifest. Demzufolge würde auch das Klarträumen (im luziden Traum) nur ein graduelles Sich-Losmachen vom manifesten Traum erreichen. Auf den Traumwunsch, die Traumarbeit und ihre entstellenden Resultate, mithin auf den Umstand, dass der Träumende in einem grundlegenden Sinne der ist, der nicht sieht, hätte es keinen Einfluss. Nur wenn der Unterschied Traum/Realität reflektiert wird, verlieren die Traumbilder ihr Charakteristikum, das darin besteht, dass ihr „Zu-sehen-Geben“ ([Lacan 1994a]Lacan, Jacques (1994): Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse, essais points. Seuil, Paris. |
Anmerkungen
Literatur
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