Russisch: 'образ': Unterschied zwischen den Versionen
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==‘Obraz’: Etymologie und Seman­tik== | ==‘Obraz’: Etymologie und Seman­tik== | ||
Der Ausdruck ist alt- und gemeinslawischen Ursprungs und seit dem 11. Jahrhun­dert nachweis­bar. Der Wortstamm ist auf das Verb ‘rezat'’ (‘schneiden’, ‘eine Grenze ziehen’) zurück­zufüh­ren. ‘Rezat'’ meint ‘schneiden’, ‘in kleine­re Einhei­ten (‘raz’) teilen und dadurch Vielhei­ten schaffen’. Der Prozess des Schneidens oder der Prägung gibt dem Gegen­stand Form, Gestalt. Demnach meint ‘obraz’ zunächst die einheit­liche Gestalt eines Gegen­standes, die ihn begrenzt und damit bestimmt und unter­scheidbar macht. Als etwas Gestal­tetes kann es auch ein Vollkom­menes sein – so wie auch im Griechi­schen [[Griechisch: 'typos' | Der Ausdruck ist alt- und gemeinslawischen Ursprungs und seit dem 11. Jahrhun­dert nachweis­bar. Der Wortstamm ist auf das Verb ‘rezat'’ (‘schneiden’, ‘eine Grenze ziehen’) zurück­zufüh­ren. ‘Rezat'’ meint ‘schneiden’, ‘in kleine­re Einhei­ten (‘raz’) teilen und dadurch Vielhei­ten schaffen’. Der Prozess des Schneidens oder der Prägung gibt dem Gegen­stand Form, Gestalt. Demnach meint ‘obraz’ zunächst die einheit­liche Gestalt eines Gegen­standes, die ihn begrenzt und damit bestimmt und unter­scheidbar macht. Als etwas Gestal­tetes kann es auch ein Vollkom­menes sein – so wie auch im Griechi­schen [[Griechisch: 'agalma', 'phantasma', 'eidolon', 'typos', 'eikon'|‘''eikon''’, ‘''typos''’ und ‘''morphe''’]]. Sergej M. Ėizen­štein (<bib id='Eizenštein 1975a'>Ėizen­štein 1975a</bib>) sieht außer­dem eine ety­molo­gische Verwandt­schaft von ‘obraz’ mit ‘obnaruženie’ (‘Bloßle­gung’, ‘Hervor­treten’, 'Ent­decken'). Wird diese Bedeu­tung berück­sichtigt, so treten in dem Erschei­nen eines Gegen­standes, in seinem ‘obraz’, wesent­liche Zusam­menhän­ge prozess­haft zuta­ge. Charak­teris­tisch für die Seman­tik von ‘obraz’ ist die Ver­eini­gung von höchster Konkret­heit und Detail­liertheit mit Allge­meinheit und Abstrakt­heit – oder auch von Indi­vidua­lität mit Ganzheit­lichkeit. | ||
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(1) Als etwas visuell oder, allgemeiner, sinnlich Erfahr­bares meint ‘obraz’ eine äuße­re Erschei­nung, Darstel­lung oder Verkör­perung von etwas Nicht-Sicht­barem oder nicht unmit­telbar Zugäng­lichem und in diesem Sinne eine Einheit von Form und Inhalt, von Sinnlich­keit und Sinn. ‘Obraz’ meint die sinnli­che Erschei­nungswei­se des Nichtsinn­lichen. Als solche Erschei­nung ist ‘obraz’ tenden­ziell auch sinnbild­lich. Der [[Mimesis|mime­tische]] Bedeu­tungsas­pekt tritt eher bei ety­molo­gisch verwand­ten Bild-Termi­ni in den Vorder­grund (z.B. ‘izo­braže­nie’, ‘oto­braže­nie’, die ‘Abbild’, ‘Illus­tration’ bedeu­ten). Dement­sprechend meint ‘obraz’ im künstle­rischen oder lite­rari­schen Kontext die Veran­schauli­chung eines allge­meine­ren (gedank­lichen) Zusam­menhangs in einer indi­viduel­len Erschei­nung oder Figur. Für eine solche sinnli­che Darstel­lung ist Leben­digkeit und Dyna­mik charak­teris­tisch. Als statisch kann dieses Bild-Konzept nicht begrif­fen werden, wie es dage­gen etwa bei den Wörtern ‘kopija’ (dt. [[Replika, Faksimile und Kopie|‘Kopie’]]) oder ‘oto­braže­nie’ (dt. ‘Wider­spiege­lung’, ‘Abbild’) der Fall ist. Der dyna­mische Aspekt findet sich auch in der Bedeu­tung von ‘obraz’ als ›menschli­che Gestalt‹. Die Ganzheit­lichkeit und Dyna­mik eines ''obraz'' lässt sich in einem Erkennt­nispro­zess nicht vollstän­dig schema­tisch zerle­gen. Jeder­zeit bleibt ein Bedeu­tungsüber­schuss, eine Vielschich­tigkeit, die nicht in einer feststel­lenden mime­tischen Beschrei­bung zu erfas­sen ist. | (1) Als etwas visuell oder, allgemeiner, sinnlich Erfahr­bares meint ‘obraz’ eine äuße­re Erschei­nung, Darstel­lung oder Verkör­perung von etwas Nicht-Sicht­barem oder nicht unmit­telbar Zugäng­lichem und in diesem Sinne eine Einheit von Form und Inhalt, von Sinnlich­keit und Sinn. ‘Obraz’ meint die sinnli­che Erschei­nungswei­se des Nichtsinn­lichen. Als solche Erschei­nung ist ‘obraz’ tenden­ziell auch sinnbild­lich. Der [[Mimesis|mime­tische]] Bedeu­tungsas­pekt tritt eher bei ety­molo­gisch verwand­ten Bild-Termi­ni in den Vorder­grund (z.B. ‘izo­braže­nie’, ‘oto­braže­nie’, die ‘Abbild’, ‘Illus­tration’ bedeu­ten). Dement­sprechend meint ‘obraz’ im künstle­rischen oder lite­rari­schen Kontext die Veran­schauli­chung eines allge­meine­ren (gedank­lichen) Zusam­menhangs in einer indi­viduel­len Erschei­nung oder Figur. Für eine solche sinnli­che Darstel­lung ist Leben­digkeit und Dyna­mik charak­teris­tisch. Als statisch kann dieses Bild-Konzept nicht begrif­fen werden, wie es dage­gen etwa bei den Wörtern ‘kopija’ (dt. [[Replika, Faksimile und Kopie|‘Kopie’]]) oder ‘oto­braže­nie’ (dt. ‘Wider­spiege­lung’, ‘Abbild’) der Fall ist. Der dyna­mische Aspekt findet sich auch in der Bedeu­tung von ‘obraz’ als ›menschli­che Gestalt‹. Die Ganzheit­lichkeit und Dyna­mik eines ''obraz'' lässt sich in einem Erkennt­nispro­zess nicht vollstän­dig schema­tisch zerle­gen. Jeder­zeit bleibt ein Bedeu­tungsüber­schuss, eine Vielschich­tigkeit, die nicht in einer feststel­lenden mime­tischen Beschrei­bung zu erfas­sen ist. | ||
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Version vom 1. Dezember 2013, 14:46 Uhr
Unterpunkt zu: Bildtermini anderer Sprachen
‘Obraz’: Vorläufige BestimmungDer zentrale Bild-Begriff der russischen Sprache ist ‘образ’ (‘obraz’).[1] Die semantische Komplexität und die sprachimmanente Spezifik dieses Begriffs lässt seine direkte Übertragung ins Deutsche als ‘Bild’ oder ‘sinnliche Gestalt’/‘Form’ nur als behelfsmäßig und eigentlich als inadäquat erscheinen. Innerhalb der russischen Sprachdynamik ist der Begriff tendenziell meliorativ, trotz aller Vielschichtigkeit und semantischen Dialektik dieses Begriffs: Die Nähe zum Ursprünglichen, Wahren und Sakralen zeichnet dieses Bild-Konzept aus. Belegen lässt sich diese Tendenz bereits an der zweiten Grundbedeutung des Ausdrucks: ‘Obraz’ meint auch eine manifeste Abbildung des Heiligen in der Ikone. Eine Ikone erhielt ursprünglich nicht bloß stellvertretend einen Heiligkeitsstatus, sondern sie war durch das Dargestellte selbst heilig. Die Relevanz des Begriffs »obraz« kann für die russische Kultur im Ganzen und für die russische Philosophie im Besonderen kaum überschätzt werden.[2] An dieser Stelle sei nur beispielhaft auf Pavel Florenskijs Schrift «Namen» verwiesen ([Florenskij 2007a]Florenskij, Pavel (2007): Imena. Azbuka-klassika, Sankt Peterburg.
‘Obraz’: Etymologie und SemantikDer Ausdruck ist alt- und gemeinslawischen Ursprungs und seit dem 11. Jahrhundert nachweisbar. Der Wortstamm ist auf das Verb ‘rezat'’ (‘schneiden’, ‘eine Grenze ziehen’) zurückzuführen. ‘Rezat'’ meint ‘schneiden’, ‘in kleinere Einheiten (‘raz’) teilen und dadurch Vielheiten schaffen’. Der Prozess des Schneidens oder der Prägung gibt dem Gegenstand Form, Gestalt. Demnach meint ‘obraz’ zunächst die einheitliche Gestalt eines Gegenstandes, die ihn begrenzt und damit bestimmt und unterscheidbar macht. Als etwas Gestaltetes kann es auch ein Vollkommenes sein – so wie auch im Griechischen ‘eikon’, ‘typos’ und ‘morphe’. Sergej M. Ėizenštein ([Eizenštein 1975a]Ėizenštein, Sergej M. (1975): Perspektiven (1929). In: Ėizenštein, S. M. (Hg.), Schriften. Bd. 3. Hanser, München. (1) Als etwas visuell oder, allgemeiner, sinnlich Erfahrbares meint ‘obraz’ eine äußere Erscheinung, Darstellung oder Verkörperung von etwas Nicht-Sichtbarem oder nicht unmittelbar Zugänglichem und in diesem Sinne eine Einheit von Form und Inhalt, von Sinnlichkeit und Sinn. ‘Obraz’ meint die sinnliche Erscheinungsweise des Nichtsinnlichen. Als solche Erscheinung ist ‘obraz’ tendenziell auch sinnbildlich. Der mimetische Bedeutungsaspekt tritt eher bei etymologisch verwandten Bild-Termini in den Vordergrund (z.B. ‘izobraženie’, ‘otobraženie’, die ‘Abbild’, ‘Illustration’ bedeuten). Dementsprechend meint ‘obraz’ im künstlerischen oder literarischen Kontext die Veranschaulichung eines allgemeineren (gedanklichen) Zusammenhangs in einer individuellen Erscheinung oder Figur. Für eine solche sinnliche Darstellung ist Lebendigkeit und Dynamik charakteristisch. Als statisch kann dieses Bild-Konzept nicht begriffen werden, wie es dagegen etwa bei den Wörtern ‘kopija’ (dt. ‘Kopie’) oder ‘otobraženie’ (dt. ‘Widerspiegelung’, ‘Abbild’) der Fall ist. Der dynamische Aspekt findet sich auch in der Bedeutung von ‘obraz’ als ›menschliche Gestalt‹. Die Ganzheitlichkeit und Dynamik eines obraz lässt sich in einem Erkenntnisprozess nicht vollständig schematisch zerlegen. Jederzeit bleibt ein Bedeutungsüberschuss, eine Vielschichtigkeit, die nicht in einer feststellenden mimetischen Beschreibung zu erfassen ist. (2) Das, was sich in einer konkreten sinnlichen Erscheinung zeigt, ist ein Typ, ein allgemeinerer Charakter, ein Maß. Auch dies bringt ‘obraz’ zum Ausdruck. Als ein idealtypisches Bild oder Ebenbild verweist ‘obraz’ auf ein Erstes (‘čelovek kak obraz i podobie Boga’: dt. ‘der Mensch als Ebenbild Gottes’). (3) Das ideale Bedeutungsmoment ist es auch, das die Dynamik dieses Bild-Konzepts garantiert. Das Ideale wird implizit als ein Ziel begriffen, aus dem heraus die Form und die Handlungsweise, die Ordnung und die Tradition (‘obraz žisni’: dt. ‘Lebensweise’; ‘obraz mysli’: dt. ‘Denkungsart’) entsteht. Das Derivat ‘obrazec’ (dt. ‘Vorbild’, ‘Maß’) untermauert die teleologische Nuancierung der Semantik von ‘obraz’.[3] (4) ‘Obraz’ meint auch ein/e lebendige/s anschauliche/s mentale Vorstellung/Bild von etwas. Das etymologisch verwandte Wort ‘voobraženie’ bedeutet ‘Einbildungskraft’, ‘Vorstellungsvermögen’. Überwiegt das Fließende, Bewegliche und Austauschbare bei einem obraz, so handelt es bei den Vorstellungen um (fiktive) Phantasiebilder. Wird dagegen das Wesentliche in einem obraz hervorgehoben, so ist es eine künstlerische Erfassung der Realität und eine zwischen dem Subjekt und der Realität vermittelnde Leistung, die das Reale (oder das Wahre) in einer neuen Form, in einem obraz, zur Erscheinung bringt. Betrachtet man die von ‘obraz’ abgeleiteten Bezeichnungen (‘bezobrazie’: dt. ‘Häßlichkeit’, ‘moralische Verwerflichkeit’; ‘preobraženie’: dt. ‘Verklärung’, ‘Verwandlung’), so wird offensichtlich, dass ‘obraz’ nicht eine beliebige äußere Form meint, sondern als eng verknüpft mit Schönem, Gutem und Wahrem zu denken ist. Das Böse ist demgegenüber als gestaltlos (d.h. als bez-obraznoe) zu verstehen.
Weitere Bild-TerminiAußer ‘obraz’ existieren noch viele andere Bild-Ausdrücke in der russischen Sprache. Neben den schon erwähnten ‘kopija’ und ‘otobraženie’ sei hier nur noch ein weiteres Wort zusätzlich angeführt: ‘kartina’. Die Bedeutungssphären der beiden Bezeichnungen ‘obraz’ und ‘kartina’ verhalten sich komplementär zueinander. Wenn ‘obraz’ eher mit dem englischen ‘image’ vergleichbar ist, dann entspricht die Bedeutung von ‘kartina’ eher ‘picture’. Die materielle und künstliche Beschaffenheit eines Objekts tritt bei diesem Bild-Begriff deutlicher in den Vordergrund. In Abgrenzung zu ‘obraz’ vermittelt ‘kartina’ einen tendenziell statischen Gesamteindruck über eine Reihe von Gestalten. |
Anmerkungen
Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra — (Hinweis) |