Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Auf das obi&shy;ge Bei&shy;spiel der Vö&shy;gel des Zeu&shy;xis be&shy;zo&shy;gen, die im We&shy;sent&shy;li&shy;chen auf die&shy;ser Kom&shy;ple&shy;xi&shy;täts&shy;stu&shy;fe be&shy;grif&shy;fen wer&shy;den kön&shy;nen, ist für die hand&shy;lungs&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Be&shy;stim&shy;mung des Be&shy;griffs der Ähn&shy;lich&shy;keit ent&shy;schei&shy;dend, dass das Ver&shy;hal&shy;ten der Vö&shy;gel als ein der ak&shy;tu&shy;el&shy;len [[Kontext|Ver&shy;hal&shy;tens&shy;si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;on]] nicht ad&shy;äqua&shy;tes Ver&shy;hal&shy;ten be&shy;trach&shy;tet wird (vgl. Abb. 1<ref>Die im Bild ver&shy;wen&shy;de&shy;ten “Denk&shy;bla&shy;sen” sind le&shy;dig&shy;lich als gra&shy;phisch-&#8203;ver&shy;kürz&shy;te Dar&shy;stel&shy;lun&shy;gen der je&shy;wei&shy;li&shy;gen Ver&shy;hal&shy;tens&shy;dis&shy;po&shy;si&shy;ti&shy;o&shy;nen re&shy;la&shy;tiv zu ei&shy;ner wahr&shy;ge&shy;nom&shy;me&shy;nen Ver&shy;hal&shy;tens&shy;si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;on zu ver&shy;ste&shy;hen.</ref>). Das Ver&shy;hal&shy;ten wür&shy;de je&shy;doch, so be&shy;grei&shy;fen wir Be&shy;ob&shy;ach&shy;ter, zu ei&shy;nem ganz an&shy;de&shy;ren Kon&shy;text durch&shy;aus gut pas&shy;sen – ei&shy;ner Ver&shy;hal&shy;tens&shy;si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;on, in der an Stelle des Bildträ&shy;ger tatsäch&shy;lich Futter wäre. Das Verhal&shy;ten der Vögel zeigt uns, mit ande&shy;ren Worten, dass sie sich vom falschen Schein täuschen lassen. Dass er falsch ist ist dem Beob&shy;achter klar. Die Vögel durch&shy;schauen hinge&shy;gen ihr Verhal&shy;ten nicht selbst als Ergeb&shy;nis einer Täuschung. Zwar werden sie sich auch nach eini&shy;ger Zeit “ent&shy;täuscht” abwen&shy;den. Doch bleibt für sie dann an der Stelle, an der sie eben noch Trauben wahrge&shy;nommen hatten (B-&#8203;Wahrneh&shy;mung in Abb. 1), nicht etwas zurück, was an Trauben erin&shy;nert, sondern ledig&shy;lich etwas, was mit Trauben gar nichts mehr zu tun hat (A-&#8203;Wahrneh&shy;mung).  
Auf das obi&shy;ge Bei&shy;spiel der Vö&shy;gel des Zeu&shy;xis be&shy;zo&shy;gen, die im We&shy;sent&shy;li&shy;chen auf die&shy;ser Kom&shy;ple&shy;xi&shy;täts&shy;stu&shy;fe be&shy;grif&shy;fen wer&shy;den kön&shy;nen, ist für die hand&shy;lungs&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Be&shy;stim&shy;mung des Be&shy;griffs der Ähn&shy;lich&shy;keit ent&shy;schei&shy;dend, dass das Ver&shy;hal&shy;ten der Vö&shy;gel als ein der ak&shy;tu&shy;el&shy;len [[Kontext|Ver&shy;hal&shy;tens&shy;si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;on]] nicht ad&shy;äqua&shy;tes Ver&shy;hal&shy;ten be&shy;trach&shy;tet wird (vgl. Abb. 1<ref>Die im Bild ver&shy;wen&shy;de&shy;ten “Denk&shy;bla&shy;sen” sind le&shy;dig&shy;lich als gra&shy;phisch-&#8203;ver&shy;kürz&shy;te Dar&shy;stel&shy;lun&shy;gen der je&shy;wei&shy;li&shy;gen Ver&shy;hal&shy;tens&shy;dis&shy;po&shy;si&shy;ti&shy;o&shy;nen re&shy;la&shy;tiv zu ei&shy;ner wahr&shy;ge&shy;nom&shy;me&shy;nen Ver&shy;hal&shy;tens&shy;si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;on zu ver&shy;ste&shy;hen.</ref>). Das Ver&shy;hal&shy;ten wür&shy;de je&shy;doch, so be&shy;grei&shy;fen wir Be&shy;ob&shy;ach&shy;ter, zu ei&shy;nem ganz an&shy;de&shy;ren Kon&shy;text durch&shy;aus gut pas&shy;sen – ei&shy;ner Ver&shy;hal&shy;tens&shy;si&shy;tu&shy;a&shy;ti&shy;on, in der an Stelle des Bildträ&shy;ger tatsäch&shy;lich Futter wäre. Das Verhal&shy;ten der Vögel zeigt uns, mit ande&shy;ren Worten, dass sie sich vom falschen Schein täuschen lassen. Dass er falsch ist ist dem Beob&shy;achter klar. Die Vögel durch&shy;schauen hinge&shy;gen ihr Verhal&shy;ten nicht selbst als Ergeb&shy;nis einer Täuschung. Zwar werden sie sich auch nach eini&shy;ger Zeit “ent&shy;täuscht” abwen&shy;den. Doch bleibt für sie dann an der Stelle, an der sie eben noch Trauben wahrge&shy;nommen hatten (B-&#8203;Wahrneh&shy;mung in Abb. 1), nicht etwas zurück, was an Trauben erin&shy;nert, sondern ledig&shy;lich etwas, was mit Trauben gar nichts mehr zu tun hat (A-&#8203;Wahrneh&shy;mung).  
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Wann immer solche Wesen erkennen, reagieren sie auf Ähnlichkeit, nicht aber auf Identität, da auf dieser Ebene der Begriff des über eine Verhaltenssituation hinausgehenden Zusammenhangs von Erscheinungsweisen ein und desselben Gegenstands noch nicht gebildet werden kann. Gerade darum sind sie im Gegensatz zu dem menschlichen Beobachter auch nicht in der Lage, die (täuschende) Erscheinung eines tatsächlich anwesenden Gegenstands mit der Erscheinung eines ganz anderen abwesenden Gegenstands in Beziehung zu setzen. Ähnlichkeit kann von Wesen, die unter diesen Begriff fallen, selbst noch nicht erkannt werden.
Wann immer solche Wesen erkennen, reagie&shy;ren sie auf Ähnlich&shy;keit, nicht aber auf Iden&shy;tität, da auf dieser Ebe&shy;ne der Begriff des über eine Verhal&shy;tenssi&shy;tuati&shy;on hinaus&shy;gehen&shy;den Zusam&shy;menhangs von Erschei&shy;nungswei&shy;sen ein und dessel&shy;ben Gegen&shy;stands noch nicht gebil&shy;det werden kann. Gera&shy;de darum sind sie im Gegen&shy;satz zu dem menschli&shy;chen Beobach&shy;ter auch nicht in der Lage, die (täuschen&shy;de) Erschei&shy;nung eines tatsäch&shy;lich anwe&shy;senden Gegen&shy;stands mit der Erschei&shy;nung eines ganz ande&shy;ren abwe&shy;senden Gegen&shy;stands in Bezie&shy;hung zu setzen. Ähnlich&shy;keit kann von Wesen, die unter diesen Begriff fallen, selbst noch nicht erkannt werden.


===Zielpunkt: »Ähnlich&shy;keit«&#8203; als Gegen&shy;begriff zu »Iden&shy;tität«===
===Zielpunkt: »Ähnlich&shy;keit«&#8203; als Gegen&shy;begriff zu&#8203; »Iden&shy;tität«===


Anders als Vögel verfügen Menschen hingegen mit den Begriffen für [[Sortale Gegenstände und Individuation|individuierte Gegenstände]] prinzipiell über die Möglichkeit, in einer trompe l’œil-Situation nicht einfach nur entweder fehlerhaft auf die Täuschung hereinzufallen oder gar keinen Zusammenhang zwischen Bildträger und Abgebildetem herzustellen. Vielmehr gelingt es ihnen, sich zugleich anwesende Darstellung (A-Wahrnehmung in Abb. 1, auf die aktuelle Verhaltenssituation bezogen) und abwesendes Dargestelltes (B-Wahrnehmung, auf einen anderen Kontext bezogen) zu vergegenwärtigen und beides als zwei verschiedene, aber aufeinander verweisende Entitäten zu begreifen. Genau das ist es, was wir als »Erkennen von Ähnlichkeit« begreifen (vgl. <bib id='Schirra & Sachs-Hombach 2006b'></bib>). Damit also Wesen etwas als etwas anderem ähnlich erkennen können, muß zweierlei vorliegen:  
Anders als Vögel verfügen Menschen hinge&shy;gen mit den Begrif&shy;fen für [[Sortale Gegenstände und Individuation|indi&shy;vidu&shy;ierte Gegen&shy;stände]] prinzi&shy;piell über die Möglich&shy;keit, in einer trompe l’œil-&#8203;Situ&shy;ation nicht einfach nur entwe&shy;der fehler&shy;haft auf die Täuschung herein&shy;zufal&shy;len oder gar keinen Zusam&shy;menhang zwischen Bildträ&shy;ger und Abge&shy;bilde&shy;tem herzu&shy;stellen. Vielmehr gelingt es ihnen, sich zugleich anwe&shy;sende Darstel&shy;lung (A-&#8203;Wahrneh&shy;mung in Abb. 1, auf die aktu&shy;elle Verhal&shy;tenssi&shy;tuati&shy;on bezo&shy;gen) und abwe&shy;sendes Darge&shy;stelltes (B-&#8203;Wahrneh&shy;mung, auf einen ande&shy;ren Kontext bezo&shy;gen) zu verge&shy;genwär&shy;tigen und beides als zwei verschie&shy;dene, aber aufein&shy;ander verwei&shy;sende Enti&shy;täten zu begrei&shy;fen. Genau das ist es, was wir als »Erken&shy;nen von Ähnlich&shy;keit« begrei&shy;fen.<ref>Vgl. <bib id='Schirra & Sachs-Hombach 2006b'>Schir&shy;ra & Sachs-&#8203;Hom&shy;bach 2006b</bib>, so&shy;wie den Be&shy;griff »two&shy;fold­&shy;ness« bei Woll&shy;heim <bib id='Wollheim 1982a'>Woll&shy;heim 1982a</bib>).</ref> Damit also Wesen etwas als etwas ande&shy;rem ähnlich erken&shy;nen können, muß zweier&shy;lei vorlie&shy;gen:  
* das Wesen muß im aktuellen Kontext auf einen Gegenstand spontan mit einem Verhalten zu reagieren geneigt sein, das nicht zu diesem Gegenstand (und damit dem aktuellen Kontext) passt, wohl aber zu einem Kontext mit einem anderen Objekt;   
* das Wesen muß im aktuellen Kontext auf einen Gegenstand spontan mit einem Verhalten zu reagieren geneigt sein, das nicht zu diesem Gegenstand (und damit dem aktuellen Kontext) passt, wohl aber zu einem Kontext mit einem anderen Objekt;   
*das Wesen muß erkennen, dass es sich um eine solche Verwechslung handelt, es muss also eine Verbindung zwischen den beiden beteiligten Kontexten herzustellen in der Lage sein.
*das Wesen muß erkennen, dass es sich um eine solche Verwechslung handelt, es muss also eine Verbindung zwischen den beiden beteiligten Kontexten herzustellen in der Lage sein.

Version vom 21. November 2013, 12:21 Uhr

Unterpunkt zu: Auswirkungen der Bildlichkeit


Die Mehrdeutigkeit des Ausdrucks ‘Ähnlich­keit’

Häufig charakterisiert als ‘Gleiches im Unglei­chen’ gilt Ähnlich­keit in vielen bildtheo­reti­schen Ansät­zen als beson­ders rele­vanter Begriff, wenn nicht gar als ein zentra­ler Grundbe­griff (⊳ Ähnlich­keit und wahrneh­mungsna­he Zeichen und Symbol, Index, Ikon);[1] für eine entspre­chende Theorie kann nur dann von einem Wesen behaup­tet werden, es verwen­de etwas als Bild, wenn es in der Lage ist, Ähnlich­keit zwischen Gegen­ständen zu erken­nen. Hinter dieser Formu­lierung entbirgt sich bei genau­erer Betrach­tung eine recht komple­xe Fähig­keit, deren Tragwei­te erst bei einer begriffs­gene­tischen Rekon­struktion klar hervor­tritt. Denn auf Ähnlich­keit reagie­ren offen­sichtlich bereits recht niede­re Orga­nismen, wenn sie etwa in etho­logi­schen Expe­rimen­ten auf künstli­che Reize oder in freier Natur auf Fälle von Mimi­kry[2] anspre­chen. Doch bleibt dabei gera­de fraglich, ob jene Wesen tatsäch­lich ein Vorkomm­nis von »Ähnlich­keit«​ erken­nen, ja, ob sie über­haupt dazu in der Lage sind, Ähnlich­keit im eigent­lich gemein­ten Sinn zu erken­nen, wird hierbei doch ‘Ähnlich­keit’ letztlich einfach im Sinne von ‹Gleich­heit für jene Wesen› verwen­det, während die Abwei­chungen von der Gleich­heit nur dem menschli­chen Beobach­ter bewußt sind.

Je nach Kontext handelt es sich hier in der Tat um unter­schiedli­che, wenn auch mitein­ander verwand­te Begrif­fe, die mit demsel­ben Ausdruck ‘Ähnlich­keit’ gemeint sein können. Insbe­sonde­re sollte der bildtheo­reti­sche Begriff »Ähnlich­keit«​ dem Begriff der​ »Gleich­heit«​ bzw. »Gleich­artig­keit«​ von Gegen­ständen einer­seits und dem der​ »Iden­tität«​ ande­rerseits gegen­über­gestellt werden.

Bereits in dieser kurzen Einlei­tung wird deutlich, dass sich auch die Diskus­sion um Gleich­heit, Ähnlich­keit und Iden­tität sinnvoll nur zwischen den beiden Polen der beur­teilten Gegen­stände und ihren für ein Wesen erkenn­baren Eigen­schaften einer­seits und den beur­teilen­den Wesen und ihren Kompe­tenzen zum Erken­nen von Gegen­ständen ande­rerseits wird führen lassen. Denn nur wer beispiels­weise über­haupt dazu fähig ist, zwischen der momen­tanen Erschei­nung eines Objekts und dem Objekt unab­hängig von seiner jewei­ligen Erschei­nung zu unter­scheiden, kann einen Gegen­stand als einer ande­ren Art von Gegen­ständen ähnlich verste­hen, d.h. nämlich als ‹in seiner aktu­ellen Erschei­nung jenen ande­ren Objek­ten gleich›.


Begriffsgenetische Betrach­tung zu​ »Ähnlich­keit«​

Die Verklammerung von Objekt­eigen­schaften und Betrach­terkom­peten­zen läßt sich am ehes­ten in einer handlungs­theore­tischen Bestim­mung des Ähnlich­keitsbe­griffs erfas­sen: Die Reak­tionen und Reaktions­dispo­sitio­nen, die ein Wesen bei Anwe­senheit eines Gegen­stands in seinem Umfeld zeigt, bilden dann die Grund­lage der begriffs­gene­tischen Ana­lyse.

Ausgangspunkt: »Ähnlich­keit«​ als »Gleich­artig­keit«

Die Fähigkeit, etwas wahrnehmen zu können, ist wohl die unstrit­tige Basis, von der begriffs­gene­tische Betrach­tungen des Begriffs »Ähnlich­keit« ausge­hen können.[3] Dass eine gewis­se Wahrneh­mung bei einem ande­ren Wesen vorliegt, erken­nen wir indes nur an dessen zuge­höri­gen Reak­tionen. So legt die durch Plinius d. J. erzähl­te Anek­dote von dem anti­ken Maler Zeuxis auf den ersten Blick nahe anzu­nehmen, dass Vögel Ähnlich­keit erfas­sen: Plinius zufol­ge hatte Zeuxis seine Darstel­lung von Trauben so ähnlich gestal­tet, dass eini­ge Vögel herbei flogen, um nach den scheinba­ren Früchten zu picken (vgl. [Plinius 2004a]König, Roderich et al. (Hg.) (1990): G. Plinius Secundus d. Ä: Naturkunde / Naturalis historia: lateinisch-deutsch. Artemis, Zürich.
Nicht angezeigt: unkritische volume des lateinischen Textes mit Übersetzung und Erläuterungen
). Auch dass Gegen­stände in eini­gen Aspek­ten gleich, in ande­ren ungleich sind ist nur rela­tiv zu den entspre­chend gleichen oder verschie­denen Reak­tionen des betrach­teten Wesens bestimmt (vgl. [Gallistel 1980a]Gallistel, Randy (1980): The Organization of Action: A New Synthesis. Lawrence Erlbaum Assoc., Hillsdale, NJ.
).

Ein einfacher Wahrnehmungsbe­griff ergibt sich für Wesen, für die die Umwelt bereits in Objek­te geglie­dert ist, ohne dass sie aber mit diesen Objek­ten als mit indi­vidu­ierten Gegen­ständen umge­hen können.[4] Zwar werden auf dieser begriff­lichen Ebe­ne schon verschie­dene Nah- und Fern­reize einer­seits und unter­schiedli­che Verhal­tensbe­reiche ande­rerseits mitein­ander asso­ziiert, so dass von einem dem Orga­nismus gegen­über­stehen­den Objekt als Teil seiner Umwelt gespro­chen werden kann wie auch von dessen Wahrneh­mung: Wasser aus der Nähe und aus der Ferne gese­hen, gehört, gefühlt etc.; Wasser zum Trinken, zum Baden, zum Schwimmen etc. Gleich­wohl gilt auch hier, dass Schein und Sein jeweils zusam­menfal­len. Wahrneh­mung heißt hier stets, Ähnli­ches zusam­men zu gruppie­ren.

Ab­bil­dung 1: Zwei Ar­ten von Ähn­lich­keit

Auf das obi­ge Bei­spiel der Vö­gel des Zeu­xis be­zo­gen, die im We­sent­li­chen auf die­ser Kom­ple­xi­täts­stu­fe be­grif­fen wer­den kön­nen, ist für die hand­lungs­the­o­re­ti­sche Be­stim­mung des Be­griffs der Ähn­lich­keit ent­schei­dend, dass das Ver­hal­ten der Vö­gel als ein der ak­tu­el­len Ver­hal­tens­si­tu­a­ti­on nicht ad­äqua­tes Ver­hal­ten be­trach­tet wird (vgl. Abb. 1[5]). Das Ver­hal­ten wür­de je­doch, so be­grei­fen wir Be­ob­ach­ter, zu ei­nem ganz an­de­ren Kon­text durch­aus gut pas­sen – ei­ner Ver­hal­tens­si­tu­a­ti­on, in der an Stelle des Bildträ­ger tatsäch­lich Futter wäre. Das Verhal­ten der Vögel zeigt uns, mit ande­ren Worten, dass sie sich vom falschen Schein täuschen lassen. Dass er falsch ist ist dem Beob­achter klar. Die Vögel durch­schauen hinge­gen ihr Verhal­ten nicht selbst als Ergeb­nis einer Täuschung. Zwar werden sie sich auch nach eini­ger Zeit “ent­täuscht” abwen­den. Doch bleibt für sie dann an der Stelle, an der sie eben noch Trauben wahrge­nommen hatten (B-​Wahrneh­mung in Abb. 1), nicht etwas zurück, was an Trauben erin­nert, sondern ledig­lich etwas, was mit Trauben gar nichts mehr zu tun hat (A-​Wahrneh­mung).

Wann immer solche Wesen erkennen, reagie­ren sie auf Ähnlich­keit, nicht aber auf Iden­tität, da auf dieser Ebe­ne der Begriff des über eine Verhal­tenssi­tuati­on hinaus­gehen­den Zusam­menhangs von Erschei­nungswei­sen ein und dessel­ben Gegen­stands noch nicht gebil­det werden kann. Gera­de darum sind sie im Gegen­satz zu dem menschli­chen Beobach­ter auch nicht in der Lage, die (täuschen­de) Erschei­nung eines tatsäch­lich anwe­senden Gegen­stands mit der Erschei­nung eines ganz ande­ren abwe­senden Gegen­stands in Bezie­hung zu setzen. Ähnlich­keit kann von Wesen, die unter diesen Begriff fallen, selbst noch nicht erkannt werden.

Zielpunkt: »Ähnlich­keit«​ als Gegen­begriff zu​ »Iden­tität«

Anders als Vögel verfügen Menschen hinge­gen mit den Begrif­fen für indi­vidu­ierte Gegen­stände prinzi­piell über die Möglich­keit, in einer trompe l’œil-​Situ­ation nicht einfach nur entwe­der fehler­haft auf die Täuschung herein­zufal­len oder gar keinen Zusam­menhang zwischen Bildträ­ger und Abge­bilde­tem herzu­stellen. Vielmehr gelingt es ihnen, sich zugleich anwe­sende Darstel­lung (A-​Wahrneh­mung in Abb. 1, auf die aktu­elle Verhal­tenssi­tuati­on bezo­gen) und abwe­sendes Darge­stelltes (B-​Wahrneh­mung, auf einen ande­ren Kontext bezo­gen) zu verge­genwär­tigen und beides als zwei verschie­dene, aber aufein­ander verwei­sende Enti­täten zu begrei­fen. Genau das ist es, was wir als »Erken­nen von Ähnlich­keit« begrei­fen.[6] Damit also Wesen etwas als etwas ande­rem ähnlich erken­nen können, muß zweier­lei vorlie­gen:

  • das Wesen muß im aktuellen Kontext auf einen Gegenstand spontan mit einem Verhalten zu reagieren geneigt sein, das nicht zu diesem Gegenstand (und damit dem aktuellen Kontext) passt, wohl aber zu einem Kontext mit einem anderen Objekt;
  • das Wesen muß erkennen, dass es sich um eine solche Verwechslung handelt, es muss also eine Verbindung zwischen den beiden beteiligten Kontexten herzustellen in der Lage sein.

Da es umgangssprachlich zu nahe liegt und daher kaum zu vermeiden ist, dass auch bei den Vögeln des Zeuxis und ähnlichen Fällen von ‘Ähnlichkeit’ gesprochen wird, ist es sinnvoll, die beiden Fälle zumindest durch Indizes voneinander zu unterscheiden. In [Schirra 2005a]Schirra, Jörg R.J. (2005): Foundation of Computational Visualistics. DUV, Wiesbaden.
werden beispielsweise entsprechend ‘Ähnlich­keitα’ beim Zuschreibung einer Täuschung bei Lebewesen, welche die Täuschung selbst nicht durchschauen können, und ‘Ähnlichkeitβ’ im anspruchsvollen Fall verwendet. Anders gewendet wird der Begriff »Ähnlich­keitα« beim begriffsgenetischen Übergang differenziert in »Ähnlichkeitβ« einerseits und »Identität« andererseits. Sind die Verhaltensweisen von Wesen, die gemäß dem einfacheren Wahrnehmungsbegriffs betrachtet werden, nur auf jeweils gleichartige Gegenstände ausgerichtet (»Gleichheit«), differenzieren sie sich bei Wesen, die gemäß dem komplexeren Wahrnehmungsbegriff beurteilt werden, einerseits zu solchen relativ zu Gegenständen hinsichtlich gleichartiger Erscheinung (»Ähnlichkeitβ«) und andererseits zu Gegenständen hinsichtlich zusammengehöriger raumzeitlicher Entwicklung (»Identität«).


Ähnlichkeit und Kontextbildung

Die Grundlage der erweiterten Wahrnehmungskompetenz, die »Ähnlichkeitβ« erlaubt, ist gleichermassen die Basis der Fähigkeit, mit individuellen, die Zeit überdauernden Gegenständen umgehen zu können (Objektkonstitution), nämlich die Fähigkeit verschiedene Situationen miteinander in Beziehung zu setzen (Kontextbildung). Damit verklammert Ähnlichkeit Bilder auf doppelte Weise mit dem Zugang zu abwesenden Kontexten: Ähnlichkeit beruht auf der intentionalen Hinwendung zu einer abwesenden Situation, die damit für Bilder als wahrnehmungsnahen Zeichen konstitutiv ist. Andererseits wird mit dem Bild auf eben diese in der Regel abwesende Situation hingewiesen, so dass die kommunikative Grundfunktion des Bildes im Etablieren eines gemeinsamen Zugang zu diesem Kontext besteht. Bildanthropologisch spielt dieser Doppelbezug bei der »initialen Kontextbildung« – der begriffsgenetischen Betrachtung zur Fähigkeit, mit abwesenden Kontexten umzugehen, eine wichtige Rolle (⊳ logische Kontextbildung und mentale Bilder).

Anmerkungen
  1. ↑ Ar­gu­men­te ge­gen »Ähn­lich­keit« als bild­re­le­van­ten Be­griff fin­den sich vor al­lem bei Nel­son Good­man ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
    Notiz: 2. rev. Aufl. 1976
    Nicht angezeigt: dt.: Sprachen der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
    ), vgl. auch [Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
    .
  2. ↑ Vgl. auch Ex­kurs: Mi­mi­kry.
  3. ↑ Die Al­ter­na­ti­ve wä­re ein plat­ter on­to­lo­gi­scher Ähn­lich­keits­be­griff, der – hor­ri­bi­le dic­tu – Ähn­lich­kei­ten ein­fach als Ei­gen­schaf­ten der Welt un­ab­hän­gig von ei­nem Be­trach­ter vo­raus­setzt.
  4. ↑ Bei noch ein­fa­che­ren We­sen, de­ren Ver­hal­ten be­griff­lich nur durch Reiz-​Re­ak­ti­ons-​Sche­ma­ta (SR-​Sche­ma­ta) be­stimmt wird, soll­te noch nicht von​ »Wahr­neh­mung«​ ge­spro­chen wer­den: Die SR-​Sche­ma­ta grup­pie­ren le­dig­lich in der ei­nen oder an­de­ren Hin­sicht Gleich­ar­ti­ges – in­so­fern näm­lich das­sel­be Ver­hal­tens­mus­ter da­mit ver­bun­den ist. Al­les, was vom zu­ge­hö­ri­gen Re­zep­tor als hin­rei­chend “ähn­lich” klas­si­fi­ziert wird, löst das­sel­be Ver­hal­ten aus (er­mü­dungs- und krank­heits­be­ding­te Än­de­run­gen nicht be­rück­sich­tigt). Der Be­griff, dass ver­schie­de­ne Rei­ze – als von ei­nem Ob­jekt aus­ge­hend – mit­ein­an­der as­so­zi­iert und da­mit auch ver­schie­de­ne Ver­hal­tens­wei­sen als auf ein Ob­jekt be­zo­gen zu­sam­men­ge­bun­den wer­den, ist in die­sem Be­griffs­feld noch nicht mög­lich. Da­her kann auch nicht von ei­ner ge­gen­ständ­li­chen Wahr­neh­mung ge­spro­chen wer­den (vgl. [Schirra 2000a]Schirra, Jörg R.J. (2000): Täuschung, Ähnlichkeit und Immersion: Die Vögel des Zeuxis. In: Rehkämper, K.& Sachs-Hombach, K. (Hg.), Vom Realismus der Bilder: Interdisziplinäre Forschungen zur Semantik bildhafter Darstellungsformen. Skriptum, Magdeburg.
    Webadresse: www.jrjs.de/Work/Papers/P00/P00-1/index.html
    ).
  5. ↑ Die im Bild ver­wen­de­ten “Denk­bla­sen” sind le­dig­lich als gra­phisch-​ver­kürz­te Dar­stel­lun­gen der je­wei­li­gen Ver­hal­tens­dis­po­si­ti­o­nen re­la­tiv zu ei­ner wahr­ge­nom­me­nen Ver­hal­tens­si­tu­a­ti­on zu ver­ste­hen.
  6. ↑ Vgl. [Schirra & Sachs-Hombach 2006b]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Fähigkeiten zum Bild- und Sprachgebrauch . Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 54, 6.
    Webadresse: www.jrjs.de/Work/Papers/P06/P06-5/index.html
    , so­wie den Be­griff »two­fold­­ness« bei Woll­heim [Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982): Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, R. (Hg.), Objekte der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: übersetzt von Looser, Max
    ).
Literatur
[Gallistel 1980a]Gallistel, Randy (1980): The Organization of Action: A New Synthesis. Lawrence Erlbaum Assoc., Hillsdale, NJ.[Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.[Plinius 2004a]König, Roderich et al. (Hg.) (1990): G. Plinius Secundus d. Ä: Naturkunde / Naturalis historia: lateinisch-deutsch. Artemis, Zürich.[Schirra & Sachs-Hombach 2006b]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Fähigkeiten zum Bild- und Sprachgebrauch . Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 54, 6.[Schirra 2000a]Schirra, Jörg R.J. (2000): Täuschung, Ähnlichkeit und Immersion: Die Vögel des Zeuxis. In: Rehkämper, K.& Sachs-Hombach, K. (Hg.), Vom Realismus der Bilder: Interdisziplinäre Forschungen zur Semantik bildhafter Darstellungsformen. Skriptum, Magdeburg.[Schirra 2005a]Schirra, Jörg R.J. (2005): Foundation of Computational Visualistics. DUV, Wiesbaden.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Wollheim 1982a]Wollheim, Richard (1982): Sehen-als, sehen-in und bildliche Darstellung. In: Wollheim, R. (Hg.), Objekte der Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Lektorat: