Syntaktisch unkorrekte Bilder: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
K Schützte „Syntaktisch unkorrekte Bilder“: Abschluß der Bearbeitung ([edit=sysop] (unbeschränkt) [move=sysop] (unbeschränkt))
(kein Unterschied)

Version vom 18. November 2013, 22:08 Uhr

Unterpunkt zu: Bildsyntax


Kann es bei Bildern syntaktische Fehler geben?

Der Begriff der syntaktischen Korrekt­heit ist zunächst in seinem sprachli­chen Anwen­dungsfall vertraut:

  • Beispiel 1: ‘colorless green ideas sleep furiously’;
  • Beispiel 2: ‘sleep ideas green furiously color­less’.

Der Unterschied zwischen einem syntak­tisch wohlge­formten Satz einer­seits (s. Beispiel 1), mag er Bedeu­tung haben und praktisch verwend­bar sein oder nicht, und einer syntak­tisch nicht korrek­ten Folge von Wörtern[1] ande­rerseits (s. Beispiel 2) ist für jeden, der Grundkennt­nisse der engli­schen Sprache hat, evi­dent ([Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.
: S. 15). Das histo­rische Beispiel bezieht sich zwar nur auf die engli­sche Sprache, doch gilt durchaus, dass Sprache gene­rell – im Sinne von ‘la langue’ – aus der Mannig­faltig­keit der mögli­chen Folgen syntak­tischer Ele­mente nur einen kleinen Teil als wohlge­formte Zeichen­träger klassi­fiziert und von syntak­tisch unkor­rekten Kombi­natio­nen abgrenzt. Syntak­tische Wohlge­formtheit unter­scheiden zu können soll, so Chomsky, in der Sprachkom­petenz selbst begrün­det liegen.

Kann man mit Erfolg für eine ana­loge Unter­scheidung bei Bildern argu­mentie­ren? Hierbei ist zunächst einmal zu beach­ten, dass es bei dieser Frage letztlich stets weni­ger um Bilder (im eigent­lichen, d.h. vollen Wort­sinn) als um poten­tielle Bildträ­ger geht: Der Ausdruck ‘Bild’ ist besten­falls unge­nau (und schlimmsten­falls schlicht verkehrt), wenn pragma­tische und seman­tische Gesichts­punkte expli­zit außer Acht gelas­sen werden sollen.

Auf den ersten Blick scheint es tatsäch­lich keine vergleich­bare, also nur auf die Struktur des (poten­tiellen) Bildträ­gers bezo­gene Klassi­fika­tion zu geben (cf. [Langer 1984a]Langer, Susanne (1984): Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Fischer, Frankfurt/M.
). Eine räumli­che Umord­nung syntak­tischer (oder morpho­logi­scher) Ele­mente allein, dem Sprachbei­spiel nachemp­funden, genügt offen­sichtlich nicht:[2] Das Ergeb­nis wird nach wie vor ein akzep­tabler Bildträ­ger sein – wovon sich im Übri­gen jeder an einem compu­terge­stützten Bildbe­arbei­tungssys­tem selbst leicht über­zeugen kann.[3] Zwar gilt für bestimm­te Teilklas­sen von Bildern, d.h. gewis­se bildhaf­te Zeichen­syste­me, die nur einen kleinen Teil aller mögli­chen Bildträ­ger umfas­sen, durchaus, dass sich die zuge­höri­gen Zeichen­träger nach sprachar­tigen syntak­tischen Regeln in wohlge­formte und nicht-​wohlge­formte unter­teilen lassen – das System der techni­schen Zeichnun­gen mag als Beispiel dienen. Doch lässt sich hier nicht ohne Weite­res sehen, wie dieser Regel­bezug auf Bilder ganz allge­mein über­tragen und damit in der Bildkom­petenz selbst begrün­det werden könnte ([Plümacher 1999a]Plümacher, Martina (1999): Wohlgeformtheitsbedingungen für Bilder?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.
).

Das vermutete Fehlen eines echten Krite­riums syntak­tischer Wohlge­formtheit steht dabei in engem Zusam­menhang mit dem oft behaup­teten Fehlen eines bildhaf­ten Alpha­bets (⊳ Bildgram­matik): Während für sprachli­che Zeichen­syste­me stets gilt, dass eine echte Teilmen­ge der prinzi­piell mögli­chen Phone­me oder Graphe­me als Baustei­ne komple­xer Zeichen verwen­det werden, scheint sich kein entspre­chendes beschränk­tes graphi­sches Alpha­bet ange­ben zu lassen, das Bildern ganz allge­mein zugrun­de läge ([Sachs-Hombach 1999a]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Gibt es ein Bildalphabet?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.
). Da das Fehlen eines Alpha­bets auch die kombi­nato­rischen Regeln des korrek­ten Zusam­menset­zens obso­let macht, die syntak­tische Wohlge­formtheit bei Sprache aber auf den jewei­ligen Kombi­nations­regeln für komple­xe Zeichen aus den Basis­ele­menten des betrach­teten Alpha­bets beruht, folgt nun, dass sich für Bilder kein entspre­chendes Krite­rium bilden ließe.

Zur genaueren Behandlung der Frage, ob es syntak­tisch unkor­rekte Bilder geben kann, hat sich die Unter­scheidung zwischen der geomet­rischen Basis­struktur und den visu­ellen Marker­dimen­sionen als hilfreich heraus­gestellt.


Echte syntaktische Fehler: Störun­gen im geo­metri­schen Grund­gefü­ge

In der Tat führen ja alle Änderun­gen sowohl an der Menge und Auswahl der vorhan­denen geome­trischen Ele­mente und ihrer Anord­nung, wie auch an der Zuord­nung visuell unter­scheidba­rer Markie­rungen der geome­trischen Teile immer nur zu ande­ren Bildträ­gern, von denen sich ledig­lich sagen lässt, dass sie hinsicht­lich bestimm­ter bildprag­mati­scher Funkti­onen besser oder schlechter zu gebrau­chen sind, nicht aber, dass sie syntak­tisch unkor­rekt, also allein wegen gewis­ser Eigen­heiten des Mate­rials keine richti­gen Bilder wären. Wie im Begriff der syntak­tischen Dichte gefasst, führen bei Bildern im Prinzip belie­big kleine Verän­derun­gen am Zeichen­träger zu ande­ren Bildern: Daraus folgt, dass auch jede Folge solcher mini­malen Verän­derun­gen eben­falls wieder zu einem Bild führt. Es kann mithin keine durch Verschie­ben oder Austau­schen von Gebie­ten erzeug­bare Verän­derung einer Bildflä­che geben, die nicht wiede­rum zu einer syntak­tisch akzep­tablen Bildflä­che führt.

Ab­bil­dung 1: Ein syn­tak­tisch un­kor­rek­tes Bild? (A. E. Ark­hi­pov: «Bau­ern­mäd­chen» (1920er), mit ei­nem Riss des Bild­trä­gers)

Al­ler­dings gibt es durch­aus ganz all­täg­li­che Hand­lun­gen an ei­nem Bild­trä­ger, die ganz un­mit­tel­bar sei­ne Bild­trä­ger­funk­ti­on von Grund auf be­ein­träch­ti­gen: näm­lich das Durch­lö­chern oder teil­wei­se Zer­schnei­den oder Zer­rei­ßen des Pa­piers, der Lein­wand etc. und ähn­li­che Be­schä­di­gun­gen. Ein Ge­mäl­de (etwa von Rem­brandt), ei­ne Skiz­ze (bei­spiels­wei­se von Pi­cas­so), der Pa­pier­aus­zug der Auf­nah­me ei­ner Wär­me­bild­ka­me­ra eben­so wie ein Fa­mi­li­en­schnapp­schuss wer­den je­weils mit ei­nem Schnitt oder Loch nicht ein­fach zu ei­nem an­de­ren Bild, son­dern zu dem­sel­ben Bild mit ei­ner Be­schä­di­gung (⊳ Iden­ti­täts­kri­te­ri­en für Bild­trä­ger und Iden­ti­tät bild­haf­ter Zei­chen). Was ge­schieht hier­bei, syn­tak­tisch-mor­pho­lo­gisch ge­se­hen?

Wenn ein Bildträger auf die erwähnte Art verletzt wird, so wird letztlich die Topologie der zweidimensionalen geometrischen Basisstruktur partiell stark gestört: An Stelle der homogenen (d.h. gleichmäßig verteilten) und isotropen (d.h. in allen Richtungen der Bildfläche gleichermaßen gültigen) Nachbarschaftsbeziehungen zwischen den Raumstellen treten nun Lücken zwischen ursprünglich benachbarten Orten auf, die nicht zum Bildträger gehören, so dass diesen Raumstellen nun echte Nachbarpixeme einfach fehlen.[4] Die gesamte geometrische Organisation des Bildträgers ist damit gestört, denn auch alle Pixeme höherer Ordnung (⊳ Bildmorphologie), die auf diesen Nachbarschaften beruhen, sind davon betroffen. Solche Rupturen betreffen also insbesondere die geometrische Basisstruktur, die nun unvollständig und inkonsistent geworden ist.[5]

Auch die Annahme, dass Beschneidungen am Rand gegenüber Schnitten innerhalb der Bildfläche als qualitativ weniger gravierend gelten, da dabei zwar semantische und pragmatische Aspekte verändert, nicht aber der Zusammenhang der Orte innerhalb der Bildfläche gestört wird, spricht dafür, das Fehlen von Störungen im geometrischen Grundgefüge als die Basis für syntaktische Wohlgeformtheit von Bildern anzusetzen. Die vollständigen Abtrennungen eines Teils des Bildträgers führen letztlich zu zwei anderen (beschnittenen) Bildern, wobei die Art der Abtrennung eher nebensächlich ist: Auch ein gerissener Rand bildet einen akzeptablen Rahmen. Im Gegensatz dazu bleiben bei partiellen Rupturen die beide nun aufgetrennten Seiten Teil derselben Bildfläche, deren gestörte geometrische Basisstruktur die Wahrnehmung des Bildes beeinträchtigt.

Eine Störung der geometrischen Basisstruktur muss im Übrigen unterschieden werden von transparenten Bildstellen, wie sie etwa bei Glasmalerei oder Bildfenstern auftreten: Solche transparenten Bereiche entsprechen ganz regulären Pixemen mit einer speziellen, wenn auch im Vergleich aller Bilder weniger häufig verwendeten Markierung. In der Tat haben syntaktische Sonderfälle wie Reflexion und Transparenz in Bildern eine implizit deiktische Qualität: Hier spielen Aspekte der Umgebung des Bildträgers hinein. Bei Betrachtung des Bild(träger)s aus nur einer Perspektive fallen sie daher nicht unbedingt auf – es könnte sich um eine entsprechende reguläre Farbgebung der Stelle handeln. Erst eine Bewegung des Betrachters und die damit erreichte perspektivische Verschiebung lässt deutlich werden, dass diese Stellen variabel sind und von der Umgebung abhängen.[6]

Dieser Zusammenhang macht das Anführen syntaktisch unkorrekter Bilder oft problematisch: Wenn nämlich statt des zerstörten Bildträgers selbst ein Bild von ihm präsentiert wird. Wie in Abb. 1 demonstriert, ist die Abbildung eines syntaktisch unkorrekten Bildes tatsächlich selbst wiederum (in aller Regel) ein syntaktisch wohlgeformtes Bild: Der Schnitt wird dabei durch ein regelrechtes Pixem mit ganz normalen Farbmarkierungen dargestellt, die Topologie der Basisstruktur ist nicht beeinträchtigt.


Pragmato-syntaktische Fehler: Störungen in der Markerzuordnung

Während Beschädigungen des räumlichen Zusammenhalts der geometrischen Basisstruktur zu echten syntaktischen Fehlern führen, die also allein schon aufgrund syntaktischer Eigenschaften unterscheidbar sind, können Probleme in den Dimensionen der Markerwerte nur solche Störungen der Syntax auslösen, die lediglich durch pragmatische Faktoren als solche bestimmbar sind. Das Absplittern von Pigmenten, das den Grund sichtbar werden lässt, kann nur relativ zu einem für das jeweils betrachtete Bild angesetzten Normalzustand als Fehler in der Zuordnung der Markerwerte und damit als Nicht-Pixem ermittelt werden. Es könnte sich ebenso gut um Absicht, also um ein in dieser Form intendiertes Pixem handeln (vgl. etwa Sgraffito-Techniken). Das zeigt sich auch darin, dass das bildhafte Anführen eines so gestörten Bildes deutlich weniger problematisch ist: Die Farb- und Texturwerte, die das Zitat an der geschädigten Stelle aufzeigt, befindet sich ja in der Tat im beschädigten Original an dieser Stelle.


Reflexive Nutzung syntaktisch unkorrekter Bilder

Als indirektes bildhaftes Zitat stellt Abbildung 1 einen typischen Fall reflexiver Bildnutzung dar: Mit der Präsentation des Bildes soll hier nicht auf ein Bauernmädchen hingewiesen werden, sondern exemplarisch auf einige Aspekte der Bildverwendung selbst. So, wie das Beispiel einer syntaktisch unkorrekten Wortfolge in einem Buch zur Sprachsyntax zitiert wird, wird das Beispiel eines geometrisch gestörten Bildträgers als negatives Exempel für die syntaktische Wohlgeformtheit von Bildträgern gezeigt.

Abbildung 2: Lucio Fontana: «Concetto Spaziale» (1965)

Reflexiv genutzte syntaktisch un­korrekte Bilder direkt treten ansonsten auch im künstlerischen Kontext auf: Insbesondere L. Fontana (1899–1968) spielt mit der Abweichung von syntaktisch wohlgeformten Bildträgern. Seine Schnittbilder sind reflexiv verwendete Bildträger, mit deren Hilfe die Aufmerksamkeit durch eine negative Exemplifikation auf die Materialität als Grundbedingung des Bildgebrauchs gelenkt werden kann (cf. [Whitfield 1999a]Whitfield, Sarah (1999): Lucio Fontana. Hayward Gallery Publ., London.
, [Hynes 2005a]Hynes, Maria (2005): Rethinking Reductionism. Culture Machine, 7.
Webadresse: www.culturemachine.net/index.php/cm/article/viewArticle/33/41
Notiz: online journal
und [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
: S. 212ff). Gerade durch ihre Verletzung sticht die Voraussetzung einer ungestörten zweidimensionalen Räumlichkeit als geometrische Basisstruktur des physischen Bildträgers für die reguläre Bildverwendung ins Auge.[7]

Demnach wären “Bilder”, von der Art des in Abbildung 2 wiedergegebene Beispiels, wenn man sie nicht ohnehin als Grenzfälle zur Skulptur verstehen möchte, nur in demselben uneigentlichen Sinn Bilder, wie die Buchstabenfolge in Beispiel 2 oben in einem nur uneigentlichen Sinn als Satz eines Linguistiklehrbuchs auftritt. Begriffe man sie hingegen als ganz reguläre Bilder, überginge man gerade die Pointe, die etwa auch den wesentlichen Unterschied zwischen dem Bild ‘Abbildung 2’ selbst und dem dort wiedergegebenen Werk von Fontana ausmacht.


Syntaktische (Un-)Korrektheit bei speziellen Bildklassen

Diagramme, technische Zeichnungen und andere Gruppen von Strukturbilder sind in der Regel mit bestimmten expliziten Darstellungskonventionen verbunden. Diese Regeln lassen sich teilweise auf syntaktischer Ebene prüfen, so dass sich für diese Bildgruppen dann auch aus entsprechenden Verstößen gegen die jeweilige Darstellungskonvention eine Form der syntaktischen Unkorrekteit definieren lässt. Ähnliches gilt für andere Konventionen zur Abgrenzung eines Teilbereichs von Bildern oder eines Bildmediums, sofern diese Konventionen sich anhand syntaktischer Merkmale bestimmen lassen. Das kann insbesondere Aspekte des Stils betreffen, so dass sich etwa hinsichtlich einer bestimmten kunstgeschichtlichen Epoche ein Bild als syntaktisch wohlgeformt oder aber unkorrekt beurteilen läßt.

Ursache sind in der Regel syntaktisch diskrete Subsysteme, die in die an sich syntaktisch dichten Dimensionen bildhafter Zeichen eingebettet sind. Das gilt mithin auch für die einfacheren Versionen von Digitalbildern mit ihren örtlichen (gegebenenfalls auch zeitlichen) und den Farbraum betreffenden Rasterungen. Relativ zu den eingeschränkten Bildmanigfaltigkeiten, die durch einen solchen Notationsformalismus umfasst werden, müssen Bilder mit Pixemen jenseits der Rasterung als syntaktisch unkorrekt gelten. Praktisch ist dieser Fall für die Computervisualistik wenig relevant, da üblicherweise dann statt eines solchen syntaktisch hinsichtlich der Digitalisierungskonvention unkorrekten Bildes einfach das ähnlichste syntaktisch korrekte Bild substituiert wird, was häufig ausreicht.

Allerdings können verschiedene technische Probleme auch in der Computervisualistik zum Auftreten syntaktisch unkorrekter Bilder im engeren Sinn führen. Natürlich geht es hierbei nicht um digitale Bilder von syntaktisch unkorrekten Bildern (wie etwa Abb. 1), die in der Regel ja selbst durchaus syntaktisch korrekt sind. So können etwa Störungen der Markerwerte entstehen durch Fehler beim Projektionsverfahren: “Blinde” Stellen des Bildschirms führen etwa dazu, dass an bestimmten Orten die Farbdarstellung nicht mehr richtig funktioniert. Noch gravierender sind technische Probleme beim Übertragen oder Abspeichern, die zu Fehlern in der Notation führen: Die syntaktische Beschreibung des Bildträgers kann unvollständig oder inkonsistent werden. Im Grenzfall lassen sich dann immer noch Teile der Bildfläche projizieren, doch gibt es, wie im Fall der zerrissenen Leinwand, Flächen innerhalb des Rahmens, die tatsächlich gar nicht zum Bildträger gehören – also eine massive Störung der geometrischen Basisstruktur dieses Bildes.

Anmerkungen
  1. ↑ Tat­säch­lich ist bei Bei­spiel 2 kei­nes­wegs klar, dass die ver­wen­de­ten En­ti­tä­ten tat­säch­lich als Wör­ter ge­se­hen wer­den soll­ten oder nicht viel­mehr als blo­ße Buch­sta­ben­fol­gen; vgl. et­wa [Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.
    : S. 174f.
  2. ↑ Man stel­le sich et­wa vor, zwei be­lie­bi­ge gleich gro­ße und gleich ge­form­te Be­rei­che ei­nes Bil­des wer­den aus­ge­tauscht.
  3. ↑ Da bei Be­trach­tung der syn­tak­ti­schen Wohl­ge­formt­heit se­man­ti­sche und prag­ma­ti­sche As­pek­te aus­drück­lich nicht be­rück­sich­tigt wer­den, spielt es kei­ne Rol­le, wenn sich für den ent­ste­hen­den Bild­trä­ger kei­ne sinn­voll er­schei­nen­den se­man­ti­schen oder prag­ma­ti­schen Zu­sam­men­hän­ge auf­drän­gen. For­mal er­füllt die Neu­kom­bi­na­ti­on al­les, was von ei­nem Bild­trä­ger er­war­tet wird, ganz im Ge­gen­satz zu der Um­ord­nung der Wör­ter im sprach­li­chen Bei­spiel.
  4. ↑ Auf der semantischen Ebene treten also mitten im Bildraum undefinierte Nicht-Orte auf.
    In gewissen Grenzen sind diese syntaktischen Störungen mit den Auswirkungen von Beschädigungen der Netzhaut oder bestimmter neurologischer Störungen in den visuellen Zentren vergleichbar, die zu stellenweiser Blindheit (Skotom) führen, welche aber oft von den Betroffenen gar nicht bemerkt wird (vgl. [Sacks 1996a]Sacks, Oliver (1996): Migräne. Rowohlt , Hamburg.
    ): Die ungesehenen Orte werden zu einem nicht-wahrnehmbaren Un-Raum.
  5. ↑ Für eine äquivalente syntaktische Störung im Medium der zeitbasierten Zeichensysteme, etwa der Musik, muss entsprechend die Kontinuität der zeitlichen Basisstruktur verletzt sein: Eine “springende” Vinylplatte mag dafür ein an“schau”liches Beispiel geben. Fehlerhafte Wiedergabe ohne Störungen der temporalen Nachbarschaftsbeziehungen, etwa zugefügtes Rauschen, sind keine syntaktischen Fehler, da die Geräusche des Rauschens auch als reguläre Markerwerte verwendet werden können.
  6. ↑ Ganz ähnlich können “blinde Stellen” eines Fernsehbildschirms – also Orte, an denen infolge eines technischen Defekts kein Licht emittiert wird – nur erkannt werden, wenn das gezeigte Bild bewegt ist, so dass ein Wechsel der Markerwerte zu erwarten wäre. Da das nicht geschieht, kann die Schirmstelle als nicht tatsächlich zur geometrischen Basisstruktur des Bildes gehörig beurteilt werden.
  7. ↑ Da es sich um Argumente handelt, die ganz klar auf der pragmatischen Ebene spielen, wird die ironische Dopplung von Pinselstrich und Schnitt, die ebenfalls im Hintergrund von Fontanas Werken steht, an dieser Stelle nicht weiter berücksichtigt.
Literatur
[Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.[Hynes 2005a]Hynes, Maria (2005): Rethinking Reductionism. Culture Machine, 7.[Langer 1984a]Langer, Susanne (1984): Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und in der Kunst. Fischer, Frankfurt/M.[Plümacher 1999a]Plümacher, Martina (1999): Wohlgeformtheitsbedingungen für Bilder?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.[Sachs-Hombach 1999a]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Gibt es ein Bildalphabet?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.[Sacks 1996a]Sacks, Oliver (1996): Migräne. Rowohlt , Hamburg.[Whitfield 1999a]Whitfield, Sarah (1999): Lucio Fontana. Hayward Gallery Publ., London.

Verantwortlich:

Lektorat: