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Die Skizze eines Malers kann wie die Parti­tur eines Kompo­nisten als Arbeits­anlei­tung gebraucht werden, hat aber einen ganz ande­ren Status. Sie ist weder ein Charak­ter in einem Nota­tionssys­tem noch ein Charak­ter in einem Nota­tionssche­ma, da das bildli­che Zeichen­system, zu dem sie gehört, weder die seman­tischen noch die syntak­tischen Anfor­derun­gen erfüllt. Die seman­tischen Anfor­derun­gen verletzt es, weil es mehrdeu­tige Bilder enthält, seine Erfül­lungsklas­sen sich in vielfa­cher Weise über­schneiden und über­lappen und zudem dicht sind. Die syntak­tischen Anfor­derun­gen verletzt es, weil seine Marken aufgrund ihrer vielen piktu­ralen Eigen­schaften Inskrip­tionen mehre­rer Charak­tere sein können und weil seine Charak­tere bezüg­lich manchen Hinsich­ten (wie der Größe, der Gestalt, der Posi­tion, sowie mehre­rer farbli­cher Aspek­te) dicht sind (vgl. <bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: S. 225–228; <bib id='Scholz 2004a'>Scholz 2004</bib>: Kap. 4).<ref> Nach James Elkins sind schema­tische Bilder wie [[Karte|Karten]], Pläne und genea­logische Bäume annä­hernd nota­tional (vgl. <bib id='Elkins 1999a'>Elkins 1999</bib>: Kap. 5, 6 & 13). Aber obwohl Elkins an Goodman anschließt, entspricht seine Verwen­dung von ‘nota­tional’ eher Goodmans Verwen­dung von ‘diagram­matisch’. [[Diagramm|Diagram­me]] unter­scheiden sich nach Goodman von Bildern im eigent­lichen Sinn dadurch, dass rela­tiv weni­ge ihrer Merkma­le konsti­tutiv dafür sind, zu welchem Charak­ter sie gehö­ren (vgl. <bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: S. 228–230).</ref> Die Skizze liefert damit kein Krite­rium für die Werk­iden­tität; sie ist vielmehr selbst ein Werk. | Die Skizze eines Malers kann wie die Parti­tur eines Kompo­nisten als Arbeits­anlei­tung gebraucht werden, hat aber einen ganz ande­ren Status. Sie ist weder ein Charak­ter in einem Nota­tionssys­tem noch ein Charak­ter in einem Nota­tionssche­ma, da das bildli­che Zeichen­system, zu dem sie gehört, weder die seman­tischen noch die syntak­tischen Anfor­derun­gen erfüllt. Die seman­tischen Anfor­derun­gen verletzt es, weil es mehrdeu­tige Bilder enthält, seine Erfül­lungsklas­sen sich in vielfa­cher Weise über­schneiden und über­lappen und zudem dicht sind. Die syntak­tischen Anfor­derun­gen verletzt es, weil seine Marken aufgrund ihrer vielen piktu­ralen Eigen­schaften Inskrip­tionen mehre­rer Charak­tere sein können und weil seine Charak­tere bezüg­lich manchen Hinsich­ten (wie der Größe, der Gestalt, der Posi­tion, sowie mehre­rer farbli­cher Aspek­te) dicht sind (vgl. <bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: S. 225–228; <bib id='Scholz 2004a'>Scholz 2004</bib>: Kap. 4).<ref> Nach James Elkins sind schema­tische Bilder wie [[Karte|Karten]], Pläne und genea­logische Bäume annä­hernd nota­tional (vgl. <bib id='Elkins 1999a'>Elkins 1999</bib>: Kap. 5, 6 & 13). Aber obwohl Elkins an Goodman anschließt, entspricht seine Verwen­dung von ‘nota­tional’ eher Goodmans Verwen­dung von ‘diagram­matisch’. [[Diagramm|Diagram­me]] unter­scheiden sich nach Goodman von Bildern im eigent­lichen Sinn dadurch, dass rela­tiv weni­ge ihrer Merkma­le konsti­tutiv dafür sind, zu welchem Charak­ter sie gehö­ren (vgl. <bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: S. 228–230).</ref> Die Skizze liefert damit kein Krite­rium für die Werk­iden­tität; sie ist vielmehr selbst ein Werk. | ||
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Dass Bilder als Zeichen in syntak­tisch und seman­tisch dichten und nicht-​disjunk­ten Syste­men funktio­nieren, schließt an sich die Möglich­keit einer Nota­tion nicht aus.<ref>Mit ge­wis­sen Ein­schrän­kun­gen kön­nen et­wa die di­gi­ta­len Spei­cher­for­ma­te für Bil­der (ge­nau­er: Bild­trä­ger), wie sie für die [[Bildverarbeitung, digitale|in­for­ma­ti­sche Bild­ver­ar­bei­tung]] oder [[Computergraphik|Com­pu­ter­gra­phik]] ein­ge­setzt wer­den, als sol­che No­ta­ti­o­nen be­trach­tet wer­den.</ref> Auch | Dass Bilder als Zeichen in syntak­tisch und seman­tisch dichten und nicht-​disjunk­ten Syste­men funktio­nieren, schließt an sich die Möglich­keit einer Nota­tion nicht aus.<ref>Mit ge­wis­sen Ein­schrän­kun­gen kön­nen et­wa die di­gi­ta­len Spei­cher­for­ma­te für Bil­der (ge­nau­er: Bild­trä­ger), wie sie für die [[Bildverarbeitung, digitale|in­for­ma­ti­sche Bild­ver­ar­bei­tung]] oder [[Computergraphik|Com­pu­ter­gra­phik]] ein­ge­setzt wer­den, als sol­che No­ta­ti­o­nen be­trach­tet wer­den.</ref> Auch musi­kali­sche Auffüh­rungen funktio­nieren als expres­sive Zeichen in syntak­tisch und seman­tisch dichten und nicht-disjunk­ten Syste­men; dennoch lassen sie eine Nota­tion zu. Die Frage nach der Möglich­keit einer Nota­tion für eine Kunst muss von der Frage unter­schieden werden, welche syntak­tischen und seman­tischen Eigen­schaften die Syste­me haben, in denen ihre Werke als Zeichen funktio­nieren. Das wird oft über­sehen, weil Goodmans Nota­tionsthe­orie zugleich ein Instru­menta­rium für eine verglei­chende Unter­suchung verschie­dener Zeichen­syste­me liefert.<ref> No­ta­ti­ons­sys­te­me die­nen da­bei als Ver­gleichs- und nicht als Wert­maß­stab, dem sich al­le Zei­chen­sys­te­me an­nä­hern soll­ten. Dass bild­li­che Zei­chen­sys­te­me al­le syn­tak­ti­schen und se­man­ti­schen An­for­de­run­gen an ei­ne No­ta­ti­on ver­let­zen, im­pli­ziert des­halb kei­ne Wer­tung (<bib id='Scholz 2004a'>Scholz 2004</bib>: S. 124, Fn. 50).</ref> Die erste Frage steht im Kontext der Frage nach dem Krite­rium der Werk­iden­tität, die zweite im Kontext der Frage, wie die Werke als Zeichen funktio­nieren. | ||
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Ein bibliotheksartiges Dezimalsystem, das jedem Bild nach Maler, | Ein bibliotheksartiges Dezimalsystem, das jedem Bild nach Maler, Entste­hungszeit und -ort eine Ziffer zuord­net und ein System, das Bilder nach ihren Kosten klassi­fiziert, erfül­len die syntak­tischen und seman­tischen Anfor­derun­gen an eine Nota­tion (vgl. <bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: S. 194f.). Das erste dieser Syste­me liefert zudem ein Krite­rium der Werk­iden­tität, das hinrei­chend mit unse­rer Klassi­fika­tionspra­xis über­einstimmt, aber es iden­tifi­ziert Bilder nicht unab­hängig von ihrer Entste­hungsge­schichte. Das zweite System liefert zwar ein Krite­rium der Werk­iden­tität, das Bilder unab­hängig von ihrer Entste­hungsge­schichte iden­tifi­ziert, aber es weicht zu stark von unse­rer Klassi­fika­tionspra­xis ab. Wir betrach­ten zwei Bilder mit demsel­ben Preis nicht als Einzel­fälle dessel­ben Werks. Es scheint keine Nota­tion für Bilder zu geben, die ein Iden­titäts­krite­rium liefert, das sowohl hinrei­chend mit unse­rer Klassi­fika­tionspra­xis über­einstimmt als auch unab­hängig von der Entste­hungsge­schichte der Bilder ist. Ana­loges gilt für Werke ande­rer bilden­der Künste (wie z.B. [[Skulptur|Skulptu­ren]]). Etwas kompli­zierter ist die Situ­ation in der Archi­tektur (vgl. <bib id='Baumberger 2010a'>Baumber­ger 2010</bib>: Kap. 6). | ||
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Das Kriterium der | Das Kriterium der Werkiden­tität für bilden­de Künste ist damit weder seman­tischer noch syntak­tischer, sondern histo­rischer Art: Ein Gegen­stand ist genau dann ein bestimm­tes Werk oder ein Einzel­fall eines bestimm­ten Werks, wenn er die ange­messe­ne Entste­hungsge­schichte hat (⊳ [[Authentizität|Authen­tizi­tät]]). Das Krite­rium dafür, dass wir die «Mona Lisa» vor Augen haben, besteht darin, dass das Bild tatsäch­lich von Leonar­do da Vinci zwischen 1503 und 1505 gemalt wurde. Während die [[Malerei|Male­rei]] eine singu­läre Kunst ist, ist die Druckkunst wie die Musik und die Lite­ratur multi­pel. Ihre Werke lassen mehre­re Einzel­fälle zu. Das Krite­rium dafür, dass wir einen Einzel­fall eines bestimm­ten Werks vor Augen haben, besteht darin, dass der Druck von der Platte des Künstlers stammt (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: S. 116–118 & 192–194). | ||
==Notation und die | ==Notation und die Unmöglich­keit der Fäl­schung== | ||
Die Verfügbarkeit einer Notation schließt | Die Verfügbarkeit einer Notation schließt Fälschun­gen von beste­henden Werken oder Einzel­fälle solcher (im Gegen­satz zu Fälschun­gen von Werken ohne [[Original|Ori­ginal]] und bestimm­ten Einzel­fällen) aus. In den bilden­den Künsten sind solche Fälschun­gen möglich; sie geben fälsch­licher­weise vor, eine Entste­hungsge­schichte zu besit­zen, die für das oder ein Ori­ginal uner­lässlich ist (⊳ [[Replika, Faksimile und Kopie|Repli­ka, Faksi­mile und Kopie]]). In der Musik und der Lite­ratur sind sie ausge­schlossen, da die Nota­tion ein seman­tisches respek­tive syntak­tisches Iden­titäts­krite­rium liefert, das die Werke unab­hängig von ihrer Entste­hungsge­schichte iden­tifi­ziert. Werke, die solche Fälschun­gen zulas­sen, bezeich­net Goodman als ‘auto­graphisch’, Werke, die sie aus­schließen, als ‘allo­graphisch’ (vgl. <bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: S. 113–122). Bezieht man die obi­gen Über­legun­gen ein, gilt: Ein Werk ist genau dann auto­graphisch, wenn seine Iden­tität durch seine Entste­hungsge­schichte bestimmt ist; es ist genau dann allo­graphisch, wenn seine Iden­tität syntak­tisch oder seman­tisch bestimmt ist (vgl. <bib id='Goodman & Elgin 1988a'>Goodman & Elgin 1988</bib>: S. 116–118 & 65; für eine kriti­sche Diskus­sion der Unter­scheidung vgl. <bib id='Levinson 1990b'>Levin­son 1990b</bib>; <bib id='Pillow 2003a'>Pillow 2003</bib>). Der Begriff der Nota­tion liegt Goodmans Unter­scheidung zwischen auto­graphi­schen und allo­graphi­schen Werken zugrun­de und ermög­licht eine Erklä­rung, weshalb manche Werke im rele­vanten Sinn gefälscht werden können und ande­re nicht. | ||
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Version vom 17. November 2013, 11:22 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
Notation und die primäre Funktion einer PartiturDie Theorie der Notation wurde von Nelson Goodman ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Ein musikalisches Werk kann mehrmals aufgeführt werden; und ob eine Aufführung ein Einzelfall des Werks ist, hängt nicht davon ab, wer sie wann wo aufgeführt hat. Zudem können sich verschiedene Aufführungen eines Werks beträchtlich unterscheiden. Die Partitur legt fest, in welchen Hinsichten sie übereinstimmen müssen. Genau diejenigen Aufführungen, die dieselbe Partitur erfüllen, sind Einzelfälle desselben Werks. Die Partitur liefert damit ein semantisches Kriterium der Werkidentität. Ihre primäre Funktion besteht nach Goodman ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notation im formalen Sinn und im substantiellen SinnEine Partitur kann ihre primäre Funktion nur erfüllen, wenn das Zeichensystem, in dem sie verfasst ist, bestimmten syntaktischen und semantischen Anforderungen genügt (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Ein Charakter ist mehrdeutig, wenn eine seiner Inskriptionen mehr als eine Erfüllungsklasse hat oder nicht alle seiner Inskriptionen dieselbe Erfüllungsklasse haben. Wäre eine Partitur mehrdeutig, würde sie von Aufführungen unterschiedlicher Werke erfüllt. Damit die Partitur ihre primäre Funktion erfüllen kann, muss die Notation frei von Mehrdeutigkeit sein. Das stellt sicher, dass zwei Aufführungen, die dieselbe Partitur erfüllen, Einzelfälle desselben Werks sind. Eine Notation muss zudem semantisch disjunkt und differenziert sein, da eine Partitur ein Werk nur dann von Aufführung zu Aufführung identifizieren kann, wenn es bestimmt und entscheidbar ist, ob verschiedene Aufführungen dieselbe Partitur erfüllen und damit Einzelfälle desselben Werks sind. Ein Zeichensystem ist semantisch disjunkt, wenn sich seine Erfüllungsklassen nicht überschneiden. Die semantische Disjunktheit stellt sicher, dass keine Aufführung nicht-koextensive Partituren erfüllt und ein Einzelfall von mehr als einem Werk ist. Aber sie schließt nicht aus, dass eine Aufführung verschiedene koextensive Partituren erfüllt und das System also redundant ist. Redundanzen gefährden zwar nicht die Werk-, aber die Partituridentität, da nicht alle Partituren eines Werks Einzelfälle desselben Charakters sind. Sie können ausgeschlossen werden, wenn man für die semantische Disjunktivität fordert, dass keine zwei Charaktere einen Erfüllungsgegenstand gemeinsam haben. Die Erfüllungsklassen eines Zeichensystems sind semantisch differenziert, wenn es für jeden Charakter des Systems möglich ist festzulegen, welche Gegenstände ihn erfüllen. Die semantische Differenziertheit stellt sicher, dass wir für jede Aufführung entscheiden können, welche Partitur sie erfüllt. Ein Zeichensystem ist semantisch dicht, wenn die Erfüllungsklassen so geordnet sind, dass zwischen jeweils zweien eine dritte liegt. Wären Partituren Charaktere in dichten Systemen, wäre es unmöglich, die Partitur einer Aufführung zu identifizieren, weil es immer konkurrierende Kandidaten und keine Grundlage gäbe, um zwischen ihnen zu entscheiden. Ein Zeichenschema, das die syntaktischen Anforderungen erfüllt, ist ein Notationsschema im formalen Sinn; ein Notationssystem im formalen Sinn erfüllt auch die semantischen Anforderungen und ist also syntaktisch und semantisch disjunkt und differenziert sowie frei von Mehrdeutigkeit.[2] Eine Notation im substantiellen Sinn ist ein Notationssystem im formalen Sinn, das ein Kriterium der Werkidentität liefert, welches zwei Bedingungen erfüllt. Es muss erstens die Identität von Werken unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte festlegen und zweitens hinreichend mit unserer bestehenden Praxis der Identifikation von Werken übereinstimmen (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Musik, Literatur, bildende KünsteGoodman und Elgin argumentieren dafür, dass eine Partitur in der musikalischen Standardnotation als Charakter in einem Notationssystem zu rekonstruieren ist (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Ein Text ist ein Charakter in einem Notationsschema, nicht aber in einem Notationssystem. Verbale Sprachen erfüllen die syntaktischen Anforderungen an eine Notation: Jede Inskription gehört zu höchstens einem Charakter und es ist im Prinzip auch entscheidbar, zu welchem Charakter. Aber sie verletzen die semantischen Anforderungen: Sie enthalten mehrdeutige Ausdrücke, ihre Erfüllungsklassen stehen in Inklusions- und Überlappungsbeziehungen und sind zudem semantisch dicht. Damit ist ein syntaktisches Kriterium der Werkidentität verfügbar: Eine Inskription ist genau dann ein Einzelfall eines Texts, wenn sie gleich buchstabiert ist wie ein echter Einzelfall des Texts (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Die Skizze eines Malers kann wie die Partitur eines Komponisten als Arbeitsanleitung gebraucht werden, hat aber einen ganz anderen Status. Sie ist weder ein Charakter in einem Notationssystem noch ein Charakter in einem Notationsschema, da das bildliche Zeichensystem, zu dem sie gehört, weder die semantischen noch die syntaktischen Anforderungen erfüllt. Die semantischen Anforderungen verletzt es, weil es mehrdeutige Bilder enthält, seine Erfüllungsklassen sich in vielfacher Weise überschneiden und überlappen und zudem dicht sind. Die syntaktischen Anforderungen verletzt es, weil seine Marken aufgrund ihrer vielen pikturalen Eigenschaften Inskriptionen mehrerer Charaktere sein können und weil seine Charaktere bezüglich manchen Hinsichten (wie der Größe, der Gestalt, der Position, sowie mehrerer farblicher Aspekte) dicht sind (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Dass Bilder als Zeichen in syntaktisch und semantisch dichten und nicht-disjunkten Systemen funktionieren, schließt an sich die Möglichkeit einer Notation nicht aus.[4] Auch musikalische Aufführungen funktionieren als expressive Zeichen in syntaktisch und semantisch dichten und nicht-disjunkten Systemen; dennoch lassen sie eine Notation zu. Die Frage nach der Möglichkeit einer Notation für eine Kunst muss von der Frage unterschieden werden, welche syntaktischen und semantischen Eigenschaften die Systeme haben, in denen ihre Werke als Zeichen funktionieren. Das wird oft übersehen, weil Goodmans Notationstheorie zugleich ein Instrumentarium für eine vergleichende Untersuchung verschiedener Zeichensysteme liefert.[5] Die erste Frage steht im Kontext der Frage nach dem Kriterium der Werkidentität, die zweite im Kontext der Frage, wie die Werke als Zeichen funktionieren. Ein bibliotheksartiges Dezimalsystem, das jedem Bild nach Maler, Entstehungszeit und -ort eine Ziffer zuordnet und ein System, das Bilder nach ihren Kosten klassifiziert, erfüllen die syntaktischen und semantischen Anforderungen an eine Notation (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Das Kriterium der Werkidentität für bildende Künste ist damit weder semantischer noch syntaktischer, sondern historischer Art: Ein Gegenstand ist genau dann ein bestimmtes Werk oder ein Einzelfall eines bestimmten Werks, wenn er die angemessene Entstehungsgeschichte hat (⊳ Authentizität). Das Kriterium dafür, dass wir die «Mona Lisa» vor Augen haben, besteht darin, dass das Bild tatsächlich von Leonardo da Vinci zwischen 1503 und 1505 gemalt wurde. Während die Malerei eine singuläre Kunst ist, ist die Druckkunst wie die Musik und die Literatur multipel. Ihre Werke lassen mehrere Einzelfälle zu. Das Kriterium dafür, dass wir einen Einzelfall eines bestimmten Werks vor Augen haben, besteht darin, dass der Druck von der Platte des Künstlers stammt ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notation und die Unmöglichkeit der FälschungDie Verfügbarkeit einer Notation schließt Fälschungen von bestehenden Werken oder Einzelfälle solcher (im Gegensatz zu Fälschungen von Werken ohne Original und bestimmten Einzelfällen) aus. In den bildenden Künsten sind solche Fälschungen möglich; sie geben fälschlicherweise vor, eine Entstehungsgeschichte zu besitzen, die für das oder ein Original unerlässlich ist (⊳ Replika, Faksimile und Kopie). In der Musik und der Literatur sind sie ausgeschlossen, da die Notation ein semantisches respektive syntaktisches Identitätskriterium liefert, das die Werke unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte identifiziert. Werke, die solche Fälschungen zulassen, bezeichnet Goodman als ‘autographisch’, Werke, die sie ausschließen, als ‘allographisch’ (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. |
Anmerkungen
Literatur
[Baumberger 2010a]Baumberger, Christoph (2010): Gebaute Zeichen. Eine Symboltheorie der Architektur. Ontos, Heusenstamm.[Davies 1991a]Davies, David (1991): Works, Texts, and Contexts. Goodman on the Literary Artwork. Canadian Journal of Philosophy, 21.[Elgin 1983a]Elgin, Catherine Z. (1983): With Reference to Reference. Hackett, Indianapolis.[Elgin 1992a]Elgin, Catherine Z. (1992): Notation. In: Cooper, D. (Hg.), A Companion to Aesthetics. Backwell, Oxford.[Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.[Goodman & Elgin 1988a]Goodman, Nelson & Elgin, Catherine Z. (1988): Reconceptions in Philosophy and Other Arts and Sciences. Hackett, Indianapolis.[Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.[Hernadi 1991a]Hernadi, Paul (1991): Reconceiving Notation and Performance. Journal of Aesthetic Education, 25, 1.[Levinson 1990a]Levinson, Jerrold (1990): What a Musical Work is. In: Levinson, J. (Hg.), Music, Art, and Metaphysics. Cornell University Press, Ithaca.[Levinson 1990b]Levinson, Jerrold (1990): Autographic and Allographic Art Revisited. In: Levinson, J. (Hg.), Music, Art, and Metaphysics. Cornell University Press, Ithaca.[Pillow 2003a]Pillow, Kirk (2003): Did Goodman's Distinction Survive LeWitt?. Journal of Aesthetics and Art Criticism, 61.[Predelli 1999a]Predelli, Stefano (1999): Goodman and the Score. British Journal of Aesthetics, 39.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Steinbrenner 1996a]Steinbrenner, Jakob (1996): Kognitivismus in der Ästhetik. Königshausen & Neumann, Würzburg.[Wollheim 1978a]Wollheim, Richard (1978): Are the Criteria of Identity that Hold für a Work of Art in the Different Arts Aesthetically Relevant?. Ratio, 20. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach, Christoph Baumberger und Marcel Lemmes — (Hinweis) |