Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago': Unterschied zwischen den Versionen
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Bei ‘imago’ handelt es sich nicht allein um den am | Bei ‘imago’ handelt es sich nicht allein um den am weites­ten verbrei­teten Ausdruck aus dem latei­nischen Bildvo­kabu­lar, sondern auch um den facet­tenreichs­ten. Er ist mit ‘imi­tari’ (›nachma­chen‹) und ‘ima­gina­ri’ (›sich vorstel­len‹) verwandt und bezeich­net zunächst vor allem das römi­sche Ahnen­bild (<bib id='Asmuth 1998a'></bib>: S. 228).<ref>Zu ‘imi­ta­ri’ und Imi­ta­tio(n) vgl. ⊳ [[Mimesis|Mi­me­sis]] und zu ‘ima­gi­na­ri’ und Ima­gi­na­ti­on vgl. ⊳ [[Einbildungskraft|Ein­bil­dungs­kraft]].</ref> Beim Ahnen­bild handelt es sich um die Büste eines verstor­benen Menschen, ursprüng­lich vermut­lich um seine Toten­maske, die im Toten­kult auf verschie­dene Weise einge­setzt werden konnte. Wenn eine römi­sche Adels­fami­lie das Recht auf bildli­che Darstel­lung, das ''ius ima­ginis'', besaß, durfte sie die Ahnen­bilder im Tempel­schrein des Atriums aufbe­wahren und bei Begräb­nissen die Bilder des Verstor­benen und der Ahnen (auch ''‘ima­gines maiorum’'' genannt) in der feier­lichen Prozes­sion mitfüh­ren. Im Zusam­menhang mit dieser Praxis bürgert es sich ein, ''ima­go'' als ein Bild oder Porträt eines Menschen zu begrei­fen, das der „Vorstel­lung abbild­hafter, veris­tischer Ähnlich­keit“ zu entspre­chen hat (vgl. <bib id='Daut 1975a'></bib>: S. 54). | ||
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Noch vor der Zeitenwende wird jedoch | Noch vor der Zeitenwende wird jedoch ‘ima­go’ auch in allge­meine­rer Bedeu­tung verwen­det. Der Ausdruck ist nun weder zwangsläu­fig auf den genann­ten kultischen Zusam­menhang noch auf die Darstel­lung eines einzel­nen Menschen bezo­gen, sondern kann verwen­det werden, um die Darstel­lung von Tieren, Natur­gegen­ständen (wie das Meer), Göttern und Szenen mit mehre­ren Menschen (also Handlun­gen) sowie auch Feldzei­chen (die in der Schlacht das Bild des Kaisers trugen) zu bezeich­nen. Damit wird »ima­go« zum Oberbe­griff, unter den jedes künstle­risch bzw. handwerk­lich gefer­tigte Bild fallen kann (vgl. <bib id='Daut 1975a'></bib>: S. 141-145). | ||
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Wie sich teils schon der Etyomologie von | Wie sich teils schon der Etyomologie von ‘ima­go’ entneh­men lässt, kann der Ausdruck auch zur Bezeich­nung von Schatten-, Traum- und [[Vorstellungsbilder|Vorstel­lungsbil­dern]] dienen (vgl. <bib id='Georges 1998a'></bib>: Bd. 2, S. 59). Zwei beson­dere Funkti­onen kommen den ''ima­gines'' als Vorstel­lungsbil­dern in der Rheto­rik zu. Bilder abwe­sender Gegen­stände dem Publi­kum möglichst eindring­lich vor Augen zu stellen ist das Mittel der Wahl, um bei den Hörern Gefühls­wirkun­gen hervor­zuru­fen (vgl. <bib id='Quintilian 1995a'>Quinti­lian 1995a</bib>: S. 709f.). Eine verwand­te Funktion über­nehmen ''ima­gines'' in der Mnemo­technik; hier soll das Verknüp­fen mit auffäl­ligen Vorstel­lungsbil­dern dazu dienen, sich Sachver­halte einzu­prägen. Im späte­ren, christli­chen Latein schließlich werden ''ima­gines'' ubi­quitär. Nicht nur wird Gottes­eben­bildlich­keit als ‘ima­go dei’ wieder­gege­ben – in der Alle­gorik des Mittel­alters ist jedes Geschöpf, jeder Teil der Schöpfung eine ''ima­go'' Gottes (vgl. <bib id='Bauch 1994a'></bib>: S. 276f.). Die Psycho­ana­lyse des 20. Jahrhun­derts schließlich kennt im Anschluss an Carl Gustav Jung die Ima­go als „Unbe­wußtes Vorbild von Perso­nen, das elek­tiv die Art und Weise bestimmt, wie das Subjekt den ande­ren erfaßt“ (vgl. <bib id='Laplanche & Pontalis 1973b'>La­planche & Ponta­lis 1973b</bib>: S. 229). | ||
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Version vom 16. November 2013, 17:33 Uhr
Unterpunkt zu: Bildtermini anderer Sprachen
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Das Lateinische verfügt über ein breites, variantenreiches und sich oft änderndes Vokabular, um Bilder zu bezeichnen. Außer den im Weiteren aufgeführten Ausdrücken sind hier ‘signum’, ‘statua’, ‘pictura’ (abgeleitet von ‘pingere’, dem lateinischen Ausdruck für das Malen) und ‘repraesentatio’ zu nennen. In der Regel gilt, dass sich die verwendeten Ausdrücke ursprünglich auf plastische Gebilde wie Skulpturen, Plastiken, Büsten, Masken und (dann auch) Reliefs beziehen und dass sie erst später anfangen, Bilder im uns heute geläufigen Sinne – also plane, flächige Objekte – zu meinen. Das Lateinische knüpft einerseits des Öfteren, teils sogar einfach nur durch Latinisierung, an das griechische Bildvokabular an, andererseits stellt es viele Grundlagen für das moderne Bildvokabular.
Der »Eigennamen-Typus«Wie schon im Griechischen besteht im Lateinischen die Möglichkeit, Bilder, genauer: Götterbilder, auch indirekt zu bezeichnen. Zunächst ist das insbesondere im Kontext der magischen Bildauffassung der Fall:
Vermutlich ist der Eigennamen-Typus – also beispielsweise ‘Venus’ sagen und (zugleich auch) ihre Skulptur meinen – im vorliterarischen Latein der eigentliche Modus, in dem über Götterbilder gesprochen wird. Gerade in Bezug auf die Laren und Penaten, die privaten Götter des Haushalts, der Orte und Familien, hält er sich bis in die römische Spätzeit. Darüber hinaus findet sich der Eigennamen-Typus in zwei weiteren Funktionen (vgl. im Folgenden [Daut 1975a]Daut, Raimund (1975): Imago. Untersuchungen zum Bildbegriff der Römer. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg.
‘Effigies’Die Regel, dass sich Bildausdrücke ursprünglich nicht auf plane, flächige Objekte beziehen, zeigt sich im Fall von ‘effigies’ besonders deutlich; dieser Bildausdruck leitet sich etymologisch vom Verb ‘effingere’ ab, womit anfangs das plastische Bilden – und wahrscheinlich vor allem das Arbeiten in Ton – bezeichnet wurde. Bis in die europäische Neuzeit ist er zur Bezeichnung von Bildern und Abbildern gebräuchlich, weist aber außerdem noch zwei Besonderheiten auf, nämlich im Begräbniskult und im Recht (vgl. [Olbrich 1987a]Olbrich, Harald (1987): Lexikon der Kunst. Architektur, bildende Kunst, angewandte Kunst, industrielle Formgestaltung, Kunsttheorie. Bd. 1-7. Seemann, Leipzig.
‘Species’Keine Beschränkung auf einzelne Bildarten ist mit dem Ausdruck ‘species’ gegeben. Seine Grundbedeutung lautet ›Erscheinung‹, was ihn auch zur Übersetzung des griechischen ‘phantasma’ qualifiziert. Er wird schon früh auch auf Gemälde angewendet (vgl. [Daut 1975a]Daut, Raimund (1975): Imago. Untersuchungen zum Bildbegriff der Römer. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg.
‘Simulacrum’Vom Verb ‘simulare’, das in erster Linie ›ähnlich machen‹ bedeutet, leitet sich ‘simulacrum’ ab. Wenngleich damit ganz allgemein das Ebenbild, Abbild oder Bildnis bezeichnet werden kann, wird in der Antike darunter zumeist das kultisch verehrte Götterbild verstanden (vgl. [Georges 1998a]Georges, Karl Ernst (1998): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet. Unveränderter Nachdruck der achten verbesserten und vermehrten Auflage. Bd. 1-2. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. Einen bemerkenswerten Aufschwung erfährt ‘simulacrum’ in der wissenschaftlichen Terminologie des 20. Jahrhunderts. Hier erweist sich gerade der bedenkliche Aspekt von ‘simulacrum’, nämlich gerade kein verlässliches oder treues Abbild von etwas anderem zu sein, als relevant und anschlussfähig. Um zwei Beispiele aus dieser Entwicklung zu nennen: In der poststrukturalistischen Medientheorie gelten Bilder verstärkt als nicht mehr auf Realität verweisende, als referenzlose Simulakren (vgl. [Baudrillard 1978a]Baudrillard, Jean (1978): Agonie des Realen. Merve, Berlin.
‘Imago’Bei ‘imago’ handelt es sich nicht allein um den am weitesten verbreiteten Ausdruck aus dem lateinischen Bildvokabular, sondern auch um den facettenreichsten. Er ist mit ‘imitari’ (›nachmachen‹) und ‘imaginari’ (›sich vorstellen‹) verwandt und bezeichnet zunächst vor allem das römische Ahnenbild ([Asmuth 1998a]Asmuth, Bernhard (1998): Imago. In: Ueding, G. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 4. Niemeyer, Tübingen. Noch vor der Zeitenwende wird jedoch ‘imago’ auch in allgemeinerer Bedeutung verwendet. Der Ausdruck ist nun weder zwangsläufig auf den genannten kultischen Zusammenhang noch auf die Darstellung eines einzelnen Menschen bezogen, sondern kann verwendet werden, um die Darstellung von Tieren, Naturgegenständen (wie das Meer), Göttern und Szenen mit mehreren Menschen (also Handlungen) sowie auch Feldzeichen (die in der Schlacht das Bild des Kaisers trugen) zu bezeichnen. Damit wird »imago« zum Oberbegriff, unter den jedes künstlerisch bzw. handwerklich gefertigte Bild fallen kann (vgl. [Daut 1975a]Daut, Raimund (1975): Imago. Untersuchungen zum Bildbegriff der Römer. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg. Wie sich teils schon der Etyomologie von ‘imago’ entnehmen lässt, kann der Ausdruck auch zur Bezeichnung von Schatten-, Traum- und Vorstellungsbildern dienen (vgl. [Georges 1998a]Georges, Karl Ernst (1998): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet. Unveränderter Nachdruck der achten verbesserten und vermehrten Auflage. Bd. 1-2. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. |
Anmerkungen
Literatur
[Asmuth 1998a]Asmuth, Bernhard (1998): Imago. In: Ueding, G. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 4. Niemeyer, Tübingen.[Bauch 1994a]Bauch, Kurt (1994): Imago. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München.[Baudrillard 1978a]Baudrillard, Jean (1978): Agonie des Realen. Merve, Berlin.[Cartwright 1983a]Cartwright, Nancy (1983): How the Laws of Physics Lie. Clarendon Press, Oxford.[Daut 1975a]Daut, Raimund (1975): Imago. Untersuchungen zum Bildbegriff der Römer. Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg.[Descartes 1965a]Descartes, René (1965): La Dioptrique. Œvres. Bd. 6. Libraire philosophique J. Vrien, Paris.[Georges 1998a]Georges, Karl Ernst (1998): Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, aus den Quellen zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter Berücksichtigung der besten Hilfsmittel ausgearbeitet. Unveränderter Nachdruck der achten verbesserten und vermehrten Auflage. Bd. 1-2. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.[Isidor von Sevilla 2008a]Isidor von Sevilla (2008): Die Enzyklopädie des Isidor von Sevilla. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Lenelotte Möller. Marix, Wiesbaden.[Laplanche & Pontalis 1973b]Laplanche, Jean & Pontalis, Jean-Bertrand (1973): Das Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Olbrich 1987a]Olbrich, Harald (1987): Lexikon der Kunst. Architektur, bildende Kunst, angewandte Kunst, industrielle Formgestaltung, Kunsttheorie. Bd. 1-7. Seemann, Leipzig.[Pearcy 1975a]Pearcy, Lee Theron (1975): Tacitus’ Use of ›Species‹, ›Imago‹, ›Effigies‹, and ›Simulacrum‹. Xerox University Microfilms, Ann Arbor, Michigan.[Quintilian 1995a]Quintilianus, Marcus Fabius (1995): Ausbildung des Redners. Zwölf Bücher. Erster Teil. Buch I-VI. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.[Spruit 1994a]Spruit, Leen (1994): Species intelligibilis. From Perception to Knowledge. Vol. 1. Classical Roots and Medieval Discussions. E. J. Brill, Leiden, New York, Köln. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |