Gestalt: Unterschied zwischen den Versionen
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==Der Begriff der Gestalt== | ==Der Begriff der Gestalt== | ||
Das deutsche ‘Gestalt’ entspricht dem engli­schen ‘form’ oder ‘shape’. Auf einen Vorschlag von E. B. Tiche­ner hat Harry Helson ‘configuration’ als engli­sche Über­setzung empfoh­len. Der Ausdruck leitet sich meta­phorisch vom germa­nischen ‘stalla’ (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das engli­sche ‘stall’. Die norma­le Bedeu­tung von ‘Gestalt’ ist ‹exter­nal or visible form›. Der Ausdruck bezeich­net sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. <bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14). | Das deutsche ‘Gestalt’ entspricht dem engli­schen ‘form’ oder ‘shape’. Auf einen Vorschlag von E. B. Tiche­ner hat Harry Helson ‘configuration’ als engli­sche Über­setzung empfoh­len. Der Ausdruck leitet sich meta­phorisch vom germa­nischen ‘stalla’ (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das engli­sche ‘stall’. Die norma­le Bedeu­tung von ‘Gestalt’ ist ‹exter­nal or visible form›. Der Ausdruck bezeich­net sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. <bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14). | ||
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Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phäno­mens begrei­fen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facet­ten, von denen je nach Perspek­tive unter­schiedli­che in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusam­menfasst: | :''[A] spatial shape or Gestalt is perceived – or, as Ehren­fels and his fellow Bren­tanians would say, is ‘given in visual presentation’ – on the basis of a complex of sensa­tions of indi­vidual ele­ments having ‘distinct spatial deter­mina­tions’.'' (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14.) | ||
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Wir machen häufig die Erfah­rung, dass wir wahrneh­men, dass Dinge diesel­be Gestalt besitzen, obwohl sie an sich sonst nichts gemein haben. | |||
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:''Accor­ding to the later Berlin concep­tion, in contrast, a collec­tion of data (or any other psycho­logical forma­tion) does not have a Gestalt: it is a Gestalt, a whole whose parts are them­selves deter­mined as being such that they can exist only as parts of a whole of this given kind.'' (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 13) | |||
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Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phäno­mens begrei­fen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facet­ten, von denen je nach Perspek­tive unter­schiedli­che in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusam­menfasst: | |||
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:''The word Gestalt has been used in a varie­ty of ways by members of the move­ment. Usual­ly there is an agree­ment in inten­sion but the concept is various­ly applied in exten­sion. On the pheno­meno­logical side we find seve­ral diffe­rent meanings along the following order. The confi­guration may refer to any given totali­ty described in terms of its meaning. Or the confi­guration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essen­tial desig­nation may be the manner of combi­nation of a group of units into a whole: four dots may be per­ceived as a square, as lines in various posi­tions, or as a tilted cross. Often the confi­guration may include factors at present unknown. Psycho­logi­cally a confi­guration consists of the affe­rent, central and effe­rent portions of the nervous system functio­ning as a unit: there are no iso­lated paths, no single point-exci­tation connec­ted by strands; the form of exci­tation and its spread are here of impor­tance. From the point of view of beha­viour a confi­guratio­nal re­sponse may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation con­fronting the orga­nism.'' (<bib id='Helson 1925a'></bib>: S. 364) | |||
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Was die visuelle Wahr­nehmung betrifft, so hat die Gestalt­psycho­logie eini­ge Schlüssel­eigen­schaften heraus­gear­beitet. Diese Gestalt­geset­ze oder Prinzi­pien sind wichti­ge Leitli­nien für die visu­ellen Künste und für das Design. Je nach Akzent­setzung und Entste­hungszeit sind diese Prinzi­pien jeweils etwas anders formu­liert worden. | Was die visuelle Wahr­nehmung betrifft, so hat die Gestalt­psycho­logie eini­ge Schlüssel­eigen­schaften heraus­gear­beitet. Diese Gestalt­geset­ze oder Prinzi­pien sind wichti­ge Leitli­nien für die visu­ellen Künste und für das Design. Je nach Akzent­setzung und Entste­hungszeit sind diese Prinzi­pien jeweils etwas anders formu­liert worden. | ||
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Zu den wichtigsten Prinzi­pien gehört zunächst das der ''Emer­genz''. Der Termi­nus verweist darauf, dass ein Gegen­stand in unse­rer Umwelt von uns sofort als eine Ganz­heit wahrge­nommen wird. Das Erken­nen eines Hundes geschieht nicht durch das auf­einan­derfol­gende Erken­nen seiner einzel­nen Bestand­teile, sondern durch das Erken­nen bestimm­ter Muster. Der gene­rati­ve Aspekt der Wahrneh­mung ist die ''Reifi­kation''. Dies bedeutet, dass die durch unse­re Erfah­rung bereits “vorge­muster­te” Wahrneh­mung visu­eller Arte­fakte uns mehr räumli­che Infor­matio­nen liefert als der bloße sinnli­che Reiz. Wir erken­nen bestimm­te Formen bzw. [[Figur/Grund-Differenzierung|Figu­ren]] (''Gestal­ten''), obwohl diese keine echten Kontu­ren besit­zen, wie etwa das Beispiel von [http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/55/Kanizsa_triangle.svg Kani­szas Dreieck] (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt. Ein weite­res Prinzip ist die ''Multi­stabi­lität der Wahrneh­mung''. Es bezieht sich auf kogni­tive Prozes­se, die in zweideu­tigen Wahrneh­mungssi­tuati­onen ablau­fen: Im Fall der bekannten Kopf/Vase-Täuschung Edgar Rubins (<bib id='Rubin 1915a'></bib>), oszil­lieren die Figur (die substan­tielle Erschei­nung des Gegen­standes) und der Grund (das allge­meine Umfeld des Gegen­standes) gemäß der jewei­ligen Inter­preta­tion. [[Datei:Rubin-1.png|thumb|Abb. 1 Kopf/Va­se-Täu­schung]] Ein nächstes von der Gestalt­psycho­logie heraus­gear­beite­tes Wahrneh­mungsprin­zip ist das der ''Inva­rianz'': Es ist uns möglich, einfa­che geomet­rische Gegen­stände unab­hängig von unse­rer Sehper­spekti­ve und unab­hängig von elas­tischen Defor­matio­nen zu erken­nen. Das ''Prägnanz­gesetz'' wiede­rum besagt, dass wir unse­re Erfah­rung auf eine einfa­che, symmet­rische, regel­mäßige und ordent­liche Weise auf­bauen. Ferner gibt es sechs weite­re Prinzi­pien der Gestalt­wahrneh­mung: ''Nähe'', ''Ähnlich­keit'', ''gemein­sames Schicksal'', ''gute Konti­nuität'', ''Geschlos­senheit'' und ''Sym­metrie''. Das Gesetz der Nähe besagt, dass Gegen­stände mit nähe­rem Abstand zu­einan­der als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz der Ähnlich­keit meint, dass Gegen­stände, die sichtba­re Eigen­schaften (z.B. Form, [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|Farbe]], Größe, Orien­tierung) teilen, als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz des gemein­samen Schicksals arti­kuliert die Tatsa­che, dass Gegen­stände, die sich in eine Richtung oder auf eine ähnli­che Weise bewe­gen, von uns als eine Einheit wahrge­nommen werden. Das Gesetz der guten Konti­nuität bezieht sich auf unse­re Vorlie­be für sich fortset­zende, durchzie­hende Gestal­ten: Im Fall von gekreuz­ten Linien nehmen wir zwei sich durchkreu­zende Linien wahr statt vier sich an einem Punkt treffen­de Linien. Dem Prinzip der Geschlos­senheit zufol­ge sehen wir ganze Figu­ren trotz fehlen­der Infor­mation: Wir gestal­ten unse­re visu­elle Infor­mation so, dass wir damit eine Ganzheit aufbau­en können. Das Gesetz der Sym­metrie schließlich bezieht sich auf die Figur-Grund-Bezie­hung. Wenn wir Gegen­stände wahrneh­men, nehmen wir sie als sym­metri­sche Gestal­ten wahr, die um ihr Zentrum herum geformt sind. Deswe­gen nimmt man sym­metri­sche Bilder sogar aus größe­rer Entfer­nung als zusam­menge­hörig wahr, und deswe­gen werden auch sym­metri­sche Räume als Figu­ren auf einem asym­metri­schen Hinter­grund wahrge­nommen. | Zu den wichtigsten Prinzi­pien gehört zunächst das der ''Emer­genz''. Der Termi­nus verweist darauf, dass ein Gegen­stand in unse­rer Umwelt von uns sofort als eine Ganz­heit wahrge­nommen wird. Das Erken­nen eines Hundes geschieht nicht durch das auf­einan­derfol­gende Erken­nen seiner einzel­nen Bestand­teile, sondern durch das Erken­nen bestimm­ter Muster. | ||
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Der gene­rati­ve Aspekt der Wahrneh­mung ist die ''Reifi­kation''. Dies bedeutet, dass die durch unse­re Erfah­rung bereits “vorge­muster­te” Wahrneh­mung visu­eller Arte­fakte uns mehr räumli­che Infor­matio­nen liefert als der bloße sinnli­che Reiz. Wir erken­nen bestimm­te Formen bzw. [[Figur/Grund-Differenzierung|Figu­ren]] (''Gestal­ten''), obwohl diese keine echten Kontu­ren besit­zen, wie etwa das Beispiel von [http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/55/Kanizsa_triangle.svg Kani­szas Dreieck] (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt. | |||
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Ein weite­res Prinzip ist die ''Multi­stabi­lität der Wahrneh­mung''. Es bezieht sich auf kogni­tive Prozes­se, die in zweideu­tigen Wahrneh­mungssi­tuati­onen ablau­fen: Im Fall der bekannten Kopf/Vase-Täuschung Edgar Rubins (<bib id='Rubin 1915a'></bib>), oszil­lieren die Figur (die substan­tielle Erschei­nung des Gegen­standes) und der Grund (das allge­meine Umfeld des Gegen­standes) gemäß der jewei­ligen Inter­preta­tion. [[Datei:Rubin-1.png|thumb|Abb. 1 Kopf/Va­se-Täu­schung]] | |||
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Ein nächstes von der Gestalt­psycho­logie heraus­gear­beite­tes Wahrneh­mungsprin­zip ist das der ''Inva­rianz'': Es ist uns möglich, einfa­che geomet­rische Gegen­stände unab­hängig von unse­rer Sehper­spekti­ve und unab­hängig von elas­tischen Defor­matio­nen zu erken­nen. | |||
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Das ''Prägnanz­gesetz'' wiede­rum besagt, dass wir unse­re Erfah­rung auf eine einfa­che, symmet­rische, regel­mäßige und ordent­liche Weise auf­bauen. Ferner gibt es sechs weite­re Prinzi­pien der Gestalt­wahrneh­mung: ''Nähe'', ''Ähnlich­keit'', ''gemein­sames Schicksal'', ''gute Konti­nuität'', ''Geschlos­senheit'' und ''Sym­metrie''. Das Gesetz der Nähe besagt, dass Gegen­stände mit nähe­rem Abstand zu­einan­der als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz der Ähnlich­keit meint, dass Gegen­stände, die sichtba­re Eigen­schaften (z.B. Form, [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|Farbe]], Größe, Orien­tierung) teilen, als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz des gemein­samen Schicksals arti­kuliert die Tatsa­che, dass Gegen­stände, die sich in eine Richtung oder auf eine ähnli­che Weise bewe­gen, von uns als eine Einheit wahrge­nommen werden. Das Gesetz der guten Konti­nuität bezieht sich auf unse­re Vorlie­be für sich fortset­zende, durchzie­hende Gestal­ten: Im Fall von gekreuz­ten Linien nehmen wir zwei sich durchkreu­zende Linien wahr statt vier sich an einem Punkt treffen­de Linien. Dem Prinzip der Geschlos­senheit zufol­ge sehen wir ganze Figu­ren trotz fehlen­der Infor­mation: Wir gestal­ten unse­re visu­elle Infor­mation so, dass wir damit eine Ganzheit aufbau­en können. Das Gesetz der Sym­metrie schließlich bezieht sich auf die Figur-Grund-Bezie­hung. Wenn wir Gegen­stände wahrneh­men, nehmen wir sie als sym­metri­sche Gestal­ten wahr, die um ihr Zentrum herum geformt sind. Deswe­gen nimmt man sym­metri­sche Bilder sogar aus größe­rer Entfer­nung als zusam­menge­hörig wahr, und deswe­gen werden auch sym­metri­sche Räume als Figu­ren auf einem asym­metri­schen Hinter­grund wahrge­nommen. | |||
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Version vom 10. November 2013, 10:30 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
Glossar-English:Gestalt[1]
Historische Wurzeln und Entstehung der GestaltpsychologieDer Begriff »Gestalt« wurde von Christian von Ehrenfels, einem Schüler von Franz Brentano, geprägt [Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14. Die Gestaltpsychologie entwickelte ihre grundsätzlichen Ideen vor dem Hintergrund zweier rivalisierender Schulen: dem Strukturalismus und dem Behaviorismus. Um dem Phänomen der Kognition näherzukommen – so der Grundgedanke der Gestaltpsychologie – soll sich die Untersuchung weder allein auf die geistig-mentalen Aspekte (wie im Strukturalismus) noch ausschließlich allein auf die Verhaltensaspekte wie im Behaviorismus beziehen, sondern stets auf die Ganzheit des bewussten Erlebens. Sie besteht aus mentalen und physikalischen Aspekten, und dementsprechend beziehen sich bewusste Erfahrung und zerebrale Prozesse aufeinander. Diese Voraussetzungen bedeuten methodologisch, dass gestaltpsychologische Untersuchungen ihren Ausgangspunkt nicht allein oder primär bei der Erfassung und Analyse von Sinnesdaten nehmen können, sondern versuchen müssen, die gegebenen Phänomene in ihrer Ganzheit und Komplexität zu berücksichtigen. Bei Wahrnehmungsexperimenten bemühen sich Gestaltpsychologen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Personen, die am Experiment teilnehmen, sich in einer natürlichen, alltäglichen Umgebung befinden. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, spricht man in der Gestaltpsychologie vom ‘biotischen Experiment’. Die Psychologen der sogenannten Berliner Schule, Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtigsten Vertreter der Gestaltpsychologie betrachtet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppierungen, wobei die Eigenschaften von Stimuli uns zwingen, unsere jeweiligen (z.B. visuellen) Wahrnehmungen von vornherein in bestimmter Weise anzuordnen. 1912 entdeckte Wertheimer das sogenannte Phi-Phänomen. Nachdem Wertheimer das Phänomen der von einem Pol zu einem anderem springenden Lichter auf einem Eisenbahnzug bemerkt hatte, führte er weitere Versuche durch. Sie belegten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimmten Geschwindigkeit aufleuchten, ein einzelnes Licht wahrnehmen, das sich hin und her bewegt. Diese optische Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Informationen “erfinden”, die nicht existieren, wenn wir Bewegung wahrnehmen. Wertheimer entwickelte die Grundgesetze der Organisation der visuellen Information wie z.B. die Gesetze der Nähe, der Ähnlichkeit, der Geschlossenheit und der Einfachheit.
Der Begriff der GestaltDas deutsche ‘Gestalt’ entspricht dem englischen ‘form’ oder ‘shape’. Auf einen Vorschlag von E. B. Tichener hat Harry Helson ‘configuration’ als englische Übersetzung empfohlen. Der Ausdruck leitet sich metaphorisch vom germanischen ‘stalla’ (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das englische ‘stall’. Die normale Bedeutung von ‘Gestalt’ ist ‹external or visible form›. Der Ausdruck bezeichnet sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. [Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien.
Wir machen häufig die Erfahrung, dass wir wahrnehmen, dass Dinge dieselbe Gestalt besitzen, obwohl sie an sich sonst nichts gemein haben.
Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phänomens begreifen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facetten, von denen je nach Perspektive unterschiedliche in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusammenfasst:
Arbeitsgebiete der GestaltpsychologieDie Experimente und Untersuchungen der Gestaltpsychologen ebneten den Weg für eine Vielzahl von neuen Disziplinen und Einsichten. Der späte Wertheimer setzte sich mit Fragen des Problemlösens auseinander und betonte, dass die Lösung erst mit dem Verstehen des Problemganzen einsetzt und dass erst nachträglich Einzelheiten in Betracht gezogen werden. Demnach beruht Lernen auf der übergreifenden Struktur des jeweiligen Problems. Auch Köhler konzentrierte seine Untersuchungen auf das Lernen und die Problemlösung. Er führte Versuche mit Tieren (Affen und Hühnern) durch, die einige Belege dafür lieferten, dass auch Tiere zum verstehenden Lernen befähigt sind, dass auch sie Gestalten lernen können. Koffka hat den Begriff Gedächtnisspur für die Einrichtung der Gedächtnisfunktion in den Rahmen der Gestaltpsychologie eingebracht: Wenn eine Erfahrung gemacht worden ist, bleibt ihr Effekt als eine Spur im Gehirn. Diese Spur beeinflusst zukünftige Erfahrungen. Der Prozess einer in reiner Form ausgelösten Erfahrung geschieht nur einmal. Danach interagiert jede neue Erfahrung mit einer früheren Spur. Ein Spursystem baut sich auf. Kurt Zadek Lewin versuchte auf der Grundlage der Gestaltprinzipien eine Theorie der Motivation in Übereinstimmung mit der Feldtheorie der Physik zu entwickeln. Der Theorie zufolge gehören Verhältnisse und kognitive Prozesse zu einem “Feld”, in dem sich jedes Element auf die anderen Elemente auswirkt. Wir können solche Felder auf vielen verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Bereichen beobachten: Die von einem Individuum wahrgenommene Umwelt wäre ebenso als ein solches Feld zu analysieren wie auch (auf einer anderen Ebene) eine ganze Gesellschaft. In Bezug auf diese letzte Kategorie wird Lewin als Begründer der Sozialpsychologie angesehen. Die Bewegung der Gestaltpsychologie hatte weitreichenden Einfluss. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Wir finden ihre zentralen Ideen in den Überlegungen zum »impliziten Wissen« von Michel Polanyi wieder, in der Theorie des Films und den Untersuchungen zur Wahrnehmungspsychologie von Rudolf Arnheim ([Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Prinzipien und Gestaltgesetze der visuellen WahrnehmungWas die visuelle Wahrnehmung betrifft, so hat die Gestaltpsychologie einige Schlüsseleigenschaften herausgearbeitet. Diese Gestaltgesetze oder Prinzipien sind wichtige Leitlinien für die visuellen Künste und für das Design. Je nach Akzentsetzung und Entstehungszeit sind diese Prinzipien jeweils etwas anders formuliert worden. Zu den wichtigsten Prinzipien gehört zunächst das der Emergenz. Der Terminus verweist darauf, dass ein Gegenstand in unserer Umwelt von uns sofort als eine Ganzheit wahrgenommen wird. Das Erkennen eines Hundes geschieht nicht durch das aufeinanderfolgende Erkennen seiner einzelnen Bestandteile, sondern durch das Erkennen bestimmter Muster. Der generative Aspekt der Wahrnehmung ist die Reifikation. Dies bedeutet, dass die durch unsere Erfahrung bereits “vorgemusterte” Wahrnehmung visueller Artefakte uns mehr räumliche Informationen liefert als der bloße sinnliche Reiz. Wir erkennen bestimmte Formen bzw. Figuren (Gestalten), obwohl diese keine echten Konturen besitzen, wie etwa das Beispiel von Kaniszas Dreieck (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt. ), oszillieren die Figur (die substantielle Erscheinung des Gegenstandes) und der Grund (das allgemeine Umfeld des Gegenstandes) gemäß der jeweiligen Interpretation. ![]() Ein nächstes von der Gestaltpsychologie herausgearbeitetes Wahrnehmungsprinzip ist das der Invarianz: Es ist uns möglich, einfache geometrische Gegenstände unabhängig von unserer Sehperspektive und unabhängig von elastischen Deformationen zu erkennen. Das Prägnanzgesetz wiederum besagt, dass wir unsere Erfahrung auf eine einfache, symmetrische, regelmäßige und ordentliche Weise aufbauen. Ferner gibt es sechs weitere Prinzipien der Gestaltwahrnehmung: Nähe, Ähnlichkeit, gemeinsames Schicksal, gute Kontinuität, Geschlossenheit und Symmetrie. Das Gesetz der Nähe besagt, dass Gegenstände mit näherem Abstand zueinander als zusammengehörig wahrgenommen werden. Das Gesetz der Ähnlichkeit meint, dass Gegenstände, die sichtbare Eigenschaften (z.B. Form, Farbe, Größe, Orientierung) teilen, als zusammengehörig wahrgenommen werden. Das Gesetz des gemeinsamen Schicksals artikuliert die Tatsache, dass Gegenstände, die sich in eine Richtung oder auf eine ähnliche Weise bewegen, von uns als eine Einheit wahrgenommen werden. Das Gesetz der guten Kontinuität bezieht sich auf unsere Vorliebe für sich fortsetzende, durchziehende Gestalten: Im Fall von gekreuzten Linien nehmen wir zwei sich durchkreuzende Linien wahr statt vier sich an einem Punkt treffende Linien. Dem Prinzip der Geschlossenheit zufolge sehen wir ganze Figuren trotz fehlender Information: Wir gestalten unsere visuelle Information so, dass wir damit eine Ganzheit aufbauen können. Das Gesetz der Symmetrie schließlich bezieht sich auf die Figur-Grund-Beziehung. Wenn wir Gegenstände wahrnehmen, nehmen wir sie als symmetrische Gestalten wahr, die um ihr Zentrum herum geformt sind. Deswegen nimmt man symmetrische Bilder sogar aus größerer Entfernung als zusammengehörig wahr, und deswegen werden auch symmetrische Räume als Figuren auf einem asymmetrischen Hintergrund wahrgenommen. |
Anmerkungen
Literatur
[Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14.[Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind. Chicago University Press, Chicago.[Merleau-Ponty 1966a]Merleau-Ponty, Maurice (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). Walter de Gruyter, Berlin.[Merleau-Ponty 2006a]Merleau-Ponty, Maurice (2006): Das Kino und die neue Psychologie (1947). In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Mentis, Paderborn.[Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.[Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |
