Notation: Unterschied zwischen den Versionen
| Zeile 21: | Zeile 21: | ||
Die Theorie der Notation wurde von Nelson Goodman (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: Kap. 4) im Zusammenhang mit der Frage nach den Identitätskriterien für Kunstwerke entwickelt. Eine Notation ist ein [[Zeichensystem]], das ein syntaktisches oder semantisches Kriterium dafür ermöglicht, welche Gegenstände oder Ereignisse Einzelfälle eines bestimmten Werks sind. Ein solches Kriterium ist dann notwendig, wenn Werke mehrere Einzelfälle zulassen, deren Identität nicht durch ihre Entstehungsgeschichte bestimmt ist. Da dies in paradigmatischer Weise in der Musik der Fall ist, führe ich den Begriff der Notation für die Musik ein, ehe ich mich kurz der Literatur und ausführlicher den bildenden Künsten zuwende. Die resultierenden Identitätskriterien sollen auch für Musik, Texte und Bilder ohne Kunstwerkstatus gelten, auch wenn wir hier in der Regel nicht von Werken sprechen. | Die Theorie der Notation wurde von Nelson Goodman (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: Kap. 4) im Zusammenhang mit der Frage nach den Identitätskriterien für Kunstwerke entwickelt. Eine Notation ist ein [[Zeichensystem]], das ein syntaktisches oder semantisches Kriterium dafür ermöglicht, welche Gegenstände oder Ereignisse Einzelfälle eines bestimmten Werks sind. Ein solches Kriterium ist dann notwendig, wenn Werke mehrere Einzelfälle zulassen, deren Identität nicht durch ihre Entstehungsgeschichte bestimmt ist. Da dies in paradigmatischer Weise in der Musik der Fall ist, führe ich den Begriff der Notation für die Musik ein, ehe ich mich kurz der Literatur und ausführlicher den bildenden Künsten zuwende. Die resultierenden Identitätskriterien sollen auch für Musik, Texte und Bilder ohne Kunstwerkstatus gelten, auch wenn wir hier in der Regel nicht von Werken sprechen. | ||
Ein musikalisches Werk kann mehrmals aufgeführt werden; und ob eine Aufführung ein Einzelfall des Werks ist, hängt nicht davon ab, wer sie wann wo aufgeführt hat. Zudem können sich verschiedene Aufführungen eines Werks beträchtlich unterscheiden. Die Partitur legt fest, in welchen Hinsichten sie übereinstimmen müssen. Genau diejenigen Aufführungen, die dieselbe Partitur erfüllen, sind Einzelfälle desselben Werks. Die Partitur liefert damit ein semantisches Kriterium der Werkidentität. Ihre primäre Funktion besteht nach Goodman (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: 128f.) in der definitiven Identifikation eines Werks von Aufführung zu Aufführung.<ref> Natürlich erfüllt nicht alles, was wir ‘Partitur’ nennen, diese Funktion; zudem haben Partituren weitere Funktionen wie das Transponieren, das Verstehen und das Komponieren zu erleichtern. </ref> Dafür muss sie aber nicht nur die Klasse der Aufführungen des Werks eindeutig festlegen; sie muss als Klasse von Inskriptionen auch selbst durch eine Aufführung eindeutig festgelegt werden, wenn das Notationssystem gegeben ist. Nur so bleiben die Werk- und die Partituridentität in jeder Folge von Schritten erhalten, von denen jeder entweder von einer Aufführung zu einer Partiturinskription oder von dieser zu einer Aufführung oder zu einer weiteren Inskription der Partitur führt. | Ein musikalisches Werk kann mehrmals aufgeführt werden; und ob eine Aufführung ein Einzelfall des Werks ist, hängt nicht davon ab, wer sie wann wo aufgeführt hat. Zudem können sich verschiedene Aufführungen eines Werks beträchtlich unterscheiden. Die Partitur legt fest, in welchen Hinsichten sie übereinstimmen müssen. Genau diejenigen Aufführungen, die dieselbe Partitur erfüllen, sind Einzelfälle desselben Werks. Die Partitur liefert damit ein semantisches Kriterium der Werkidentität. Ihre primäre Funktion besteht nach Goodman (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968</bib>: 128f.) in der definitiven Identifikation eines Werks von Aufführung zu Aufführung.<ref> Natürlich erfüllt nicht alles, was wir ‘Partitur’ nennen, diese Funktion; zudem haben Partituren weitere Funktionen wie das Transponieren, das Verstehen und das Komponieren zu erleichtern. </ref> Dafür muss sie aber nicht nur die Klasse der Aufführungen des Werks eindeutig festlegen; sie muss als Klasse von Inskriptionen auch selbst durch eine Aufführung eindeutig festgelegt werden, wenn das Notationssystem gegeben ist. Nur so bleiben die Werk- und die Partituridentität in jeder Folge von Schritten erhalten, von denen jeder entweder von einer Aufführung zu einer Partiturinskription oder von dieser zu einer Aufführung oder zu einer weiteren Inskription der Partitur führt. | ||
Version vom 7. November 2013, 10:54 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
Notation und die primäre Funktion einer PartiturDie Theorie der Notation wurde von Nelson Goodman ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Ein musikalisches Werk kann mehrmals aufgeführt werden; und ob eine Aufführung ein Einzelfall des Werks ist, hängt nicht davon ab, wer sie wann wo aufgeführt hat. Zudem können sich verschiedene Aufführungen eines Werks beträchtlich unterscheiden. Die Partitur legt fest, in welchen Hinsichten sie übereinstimmen müssen. Genau diejenigen Aufführungen, die dieselbe Partitur erfüllen, sind Einzelfälle desselben Werks. Die Partitur liefert damit ein semantisches Kriterium der Werkidentität. Ihre primäre Funktion besteht nach Goodman ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notation im formalen Sinn und im substantiellen SinnEine Partitur kann ihre primäre Funktion nur erfüllen, wenn das Zeichensystem, in dem sie verfasst ist, bestimmten syntaktischen und semantischen Anforderungen genügt (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Musik, Literatur, bildende KünsteGoodman und Elgin argumentieren dafür, dass eine Partitur in der musikalischen Standardnotation als Charakter in einem Notationssystem zu rekonstruieren ist (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Dass Bilder als Zeichen in syntaktisch und semantisch dichten und nicht-disjunkten Systemen funktionieren, schliesst an sich die Möglichkeit einer Notation nicht aus. Auch musikalische Aufführungen funktionieren als expressive Zeichen in syntaktisch und semantisch dichten und nicht-disjunkten Systemen; dennoch lassen sie eine Notation zu. Die Frage nach der Möglichkeit einer Notation für eine Kunst muss von der Frage unterschieden werden, welche syntaktischen und semantischen Eigenschaften die Systeme haben, in denen ihre Werke als Zeichen funktionieren. Das wird oft übersehen, weil Goodmans Notationstheorie zugleich ein Instrumentarium für eine vergleichende Untersuchung verschiedener Zeichensysteme liefert.[4] Die erste Frage steht im Kontext der Frage nach dem Kriterium der Werkidentität, die zweite im Kontext der Frage, wie die Werke als Zeichen funktionieren. Ein bibliotheksartiges Dezimalsystem, das jedem Bild nach Maler, Entstehungszeit und -ort eine Ziffer zuordnet und ein System, das Bilder nach ihren Kosten klassifiziert, erfüllen die syntaktischen und semantischen Anforderungen an eine Notation (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. Das Kriterium der Werkidentität für bildende Künste ist damit weder semantischer noch syntaktischer, sondern historischer Art: Ein Gegenstand ist genau dann ein bestimmtes Werk oder ein Einzelfall eines bestimmten Werks, wenn er die angemessene Entstehungsgeschichte hat. Das Kriterium dafür, dass wir die Mona Lisa vor Augen haben, besteht darin, dass das Bild tatsächlich von Leonardo da Vinci zwischen 1503 und 1505 gemalt wurde. Während die Malerei eine singuläre Kunst ist, ist die Druckkunst wie die Musik und die Literatur multipel. Ihre Werke lassen mehrere Einzelfälle zu. Das Kriterium dafür, dass wir einen Einzelfall eines bestimmten Werks vor Augen haben, besteht darin, dass der Druck von der Platte des Künstlers stammt ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notation und die Unmöglichkeit der FälschungDie Verfügbarkeit einer Notation schliesst Fälschungen von bestehenden Werken oder Einzelfällen solcher (im Gegensatz zu Fälschungen von Werken ohne Original und bestimmten Einzelfällen) aus. In den bildenden Künsten sind solche Fälschungen möglich; sie geben fälschlicherweise vor, eine Entstehungsgeschichte zu besitzen, die für das oder ein Original unerlässlich ist. In der Musik und der Literatur sind sie ausgeschlossen, da die Notation ein semantisches respektive syntaktisches Identitätskriterium liefert, das die Werke unabhängig von ihrer Entstehungsgeschichte identifiziert. Werke, die solche Fälschungen zulassen, bezeichnet Goodman als ‘autographisch’; Werke, die sie ausschließen, als ‘allographisch’ (vgl. [Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis. |
Anmerkungen
Literatur
[Baumberger 2010a]Baumberger, Christoph (2010): Gebaute Zeichen. Eine Symboltheorie der Architektur. Ontos, Heusenstamm.[Davies 1991a]Davies, David (1991): Works, Texts, and Contexts. Goodman on the Literary Artwork. Canadian Journal of Philosophy, 21.[Elgin 1983a]Elgin, Catherine Z. (1983): With Reference to Reference. Hackett, Indianapolis.[Elgin 1992a]Elgin, Catherine Z. (1992): Notation. In: Cooper, D. (Hg.), A Companion to Aesthetics. Backwell, Oxford.[Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.[Goodman & Elgin 1988a]Goodman, Nelson & Elgin, Catherine Z. (1988): Reconceptions in Philosophy and Other Arts and Sciences. Hackett, Indianapolis.[Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.[Hernadi 1991a]Hernadi, Paul (1991): Reconceiving Notation and Performance. Journal of Aesthetic Education, 25, 1.[Levinson 1990a]Levinson, Jerrold (1990): What a Musical Work is. In: Levinson, J. (Hg.), Music, Art, and Metaphysics. Cornell University Press, Ithaca.[Levinson 1990b]Levinson, Jerrold (1990): Autographic and Allographic Art Revisited. In: Levinson, J. (Hg.), Music, Art, and Metaphysics. Cornell University Press, Ithaca.[Pillow 2003a]Pillow, Kirk (2003): Did Goodman's Distinction Survive LeWitt?. Journal of Aesthetics and Art Criticism, 61.[Predelli 1999a]Predelli, Stefano (1999): Goodman and the Score. British Journal of Aesthetics, 39.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Steinbrenner 1996a]Steinbrenner, Jakob (1996): Kognitivismus in der Ästhetik. Königshausen & Neumann, Würzburg.[Wollheim 1978a]Wollheim, Richard (1978): Are the Criteria of Identity that Hold für a Work of Art in the Different Arts Aesthetically Relevant?. Ratio, 20. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach, Christoph Baumberger und Marcel Lemmes — (Hinweis) |