Sehendes Sehen: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 14: | Zeile 14: | ||
==Imdahls Entwicklung des Begrif­fes | ==Imdahls Entwicklung des Begrif­fes »se­hen­des Sehen«== | ||
Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehen­den Sehens« durch Bezug­nahme auf sein Verständ­nis von einem »wieder­erken­nenden Sehen« (erst­mals in einem Aufsatz von 1974; vgl. <bib id='Imdahl 1996a'></bib>). Ausgangs­punkt ist für Imdahl dabei die Annah­me einer »prinzi­piell mögli­chen Unter­scheidung« (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zwischen den beiden Weisen zu [[Sehen]]. Für Imdahls weiter­führen­de Über­legun­gen, einmal im Zu­sammen­hang mit – für ihn immer zentra­len – konkre­ten Bild­ana­lysen und dann im Beson­deren grund­legend zur Iko­nik, ist ihm die genaue Bestim­mung des vari­ablen Verhält­nisses zwischen den beiden Sicht­weisen von beson­derem Inte­resse. Dabei steht das »wieder­erken­nende Sehen« – in Bezug­nahme auf das norma­le, „zur Gewohn­heit gewor­dene(n) Gegen­stands­sehen“ – für eine Haltung, die eine Ein­lösung des „im Sehen­den schon vorge­faßte[n] Kon­zept[es]“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) mit sich bringt. Im Unter­schied dazu wäre dann für ein »sehen­des Sehen« charak­teris­tisch, sich bei der Bild­betrach­tung eben nicht auf schon vorge­gebe­ne Konzep­te zu bezie­hen, sondern Teile einer Bild­konstruk­tion als „optisch auto­nome, imma­nent gere­gelte“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zu begrei­fen. Beispiel­gebend für die Darstel­lung einer derar­tigen Bild­konstruk­tion führt Imdahl etwa die [[Malerei|Male­rei]] Cézan­nes an, wobei hier die „Wechsel­bezie­hung zwischen optisch auto­nomer Bild­konstruk­tion und Gegen­stand bedingt [ist] in einer Abwand­lung jener norma­len Verbin­dung zwischen sehen­dem und wieder­erken­nenden Sehen“, wie sie im norma­len Gegen­stand­sehen zu beobach­ten wäre, wobei hierbei die Bild­konstruk­tion „in eben dieser Um­wertung zugleich mit dem Gegen­stande verbun­den“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) bliebe. Wie bereits erwähnt, ist es ein zentra­les Anlie­gen Imdahls, seine Ana­lyse­metho­den immer am konkre­ten Werk zu ent­wickeln und zu über­prüfen. Erkenn­bar ist diese Haltung auch am Titel des Auf­satzes von 1974, der eben die Namen der zu bespre­chenden Künstler an den Beginn stellt, und nicht etwa das für die Ana­lyse zu­grunde­liegen­de Verhält­nis zwischen Bild­auto­nomie und Gegen­stands­sehen. Exem­plarisch für Imdahls Anwen­dung seiner Über­legun­gen, nachfol­gend eine Passa­ge zum Vergleich der Werke Cézan­nes und Bracques: | Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehen­den Sehens« durch Bezug­nahme auf sein Verständ­nis von einem »wieder­erken­nenden Sehen« (erst­mals in einem Aufsatz von 1974; vgl. <bib id='Imdahl 1996a'></bib>). Ausgangs­punkt ist für Imdahl dabei die Annah­me einer »prinzi­piell mögli­chen Unter­scheidung« (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zwischen den beiden Weisen zu [[Sehen]]. Für Imdahls weiter­führen­de Über­legun­gen, einmal im Zu­sammen­hang mit – für ihn immer zentra­len – konkre­ten Bild­ana­lysen und dann im Beson­deren grund­legend zur Iko­nik, ist ihm die genaue Bestim­mung des vari­ablen Verhält­nisses zwischen den beiden Sicht­weisen von beson­derem Inte­resse. Dabei steht das »wieder­erken­nende Sehen« – in Bezug­nahme auf das norma­le, „zur Gewohn­heit gewor­dene(n) Gegen­stands­sehen“ – für eine Haltung, die eine Ein­lösung des „im Sehen­den schon vorge­faßte[n] Kon­zept[es]“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) mit sich bringt. Im Unter­schied dazu wäre dann für ein »sehen­des Sehen« charak­teris­tisch, sich bei der Bild­betrach­tung eben nicht auf schon vorge­gebe­ne Konzep­te zu bezie­hen, sondern Teile einer Bild­konstruk­tion als „optisch auto­nome, imma­nent gere­gelte“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) zu begrei­fen. Beispiel­gebend für die Darstel­lung einer derar­tigen Bild­konstruk­tion führt Imdahl etwa die [[Malerei|Male­rei]] Cézan­nes an, wobei hier die „Wechsel­bezie­hung zwischen optisch auto­nomer Bild­konstruk­tion und Gegen­stand bedingt [ist] in einer Abwand­lung jener norma­len Verbin­dung zwischen sehen­dem und wieder­erken­nenden Sehen“, wie sie im norma­len Gegen­stand­sehen zu beobach­ten wäre, wobei hierbei die Bild­konstruk­tion „in eben dieser Um­wertung zugleich mit dem Gegen­stande verbun­den“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 304) bliebe. Wie bereits erwähnt, ist es ein zentra­les Anlie­gen Imdahls, seine Ana­lyse­metho­den immer am konkre­ten Werk zu ent­wickeln und zu über­prüfen. Erkenn­bar ist diese Haltung auch am Titel des Auf­satzes von 1974, der eben die Namen der zu bespre­chenden Künstler an den Beginn stellt, und nicht etwa das für die Ana­lyse zu­grunde­liegen­de Verhält­nis zwischen Bild­auto­nomie und Gegen­stands­sehen. Exem­plarisch für Imdahls Anwen­dung seiner Über­legun­gen, nachfol­gend eine Passa­ge zum Vergleich der Werke Cézan­nes und Bracques: | ||
: | : | ||
Version vom 4. November 2013, 12:51 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
»Sehendes Sehen«Der Ausdruck ‘sehendes Sehen’ wurde geprägt von Max Imdahl (1925-1988), einem deutschen Kunsthistoriker, der zeitweise auch als bildender Künstler tätig war. Für Imdahls Methode der Werkanalyse, von ihm als ‘Ikonik’ bezeichnet, spielt der Begriff des »sehenden Sehens« im Zusammenhang mit Imdahls Auffassung eines »wiedererkennenden Sehens« eine grundlegende Rolle. Im Folgenden soll ein Überblick gegeben werden über die folgenden Aspekte: Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«, Bezug zur »Ikonik«, Imdahls Bezugnahme auf und Kritik an Autoren wie Fiedler oder Panofsky, Rezeption von Imdahls Methode, mögliche Anknüpfungspunkte für die aktuelle bildwissenschaftliche Forschung.
Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehenden Sehens« durch Bezugnahme auf sein Verständnis von einem »wiedererkennenden Sehen« (erstmals in einem Aufsatz von 1974; vgl. [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
»Erkennendes Sehen« und »Ikonik«, Bezüge zu und Kritik an Fiedler und PanofskyDas »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sichtweise, die sich von der Praxis, das betrachtete Objekt Begriffen unterzuordnen, grundlegend distanziert. In der Kritik an einer solchen Praxis sieht sich Imdahl den Auffassungen Konrad Fiedlers (1841-1895) nahestehend, der es scharf verurteilt, „die Anschauung als Mittel, zum Begriff zu gelangen“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Thematisch werden damit – aus heutiger Sicht formuliert – grundlegende Fragen zur Natur nicht-propositionaler Erkenntnisformen, in Bezug auf die Wahrnehmung von Kunstwerken. Auf dieser erkenntnistheoretischen Ebene dürften auch Anknüpfungspunkte zu aktuellen bildwissenschaftlichen Debatten zu finden sein, dazu später mehr. Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnistheoretischen Ebene und in Bezug auf seine Werkauffassung explizit und wiederholt auf Fiedler (siehe etwa [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Erst im vermittelten Verhältnis von sehendem und wiedererkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungsweise realisiert:
Rezeption von Imdahls MethodikAffirmativ etwa [Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München. |
Anmerkungen
Literatur
[Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München.[Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.[Imdahl 1996c]Imdahl, Max (1996): Reflexion, Theorie, Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rosenberg 2006a]Rosenberg, Raphael (2006): Ikonik und Geschichte. Zur Frage der historischen Angemessenheit von Max Imdahls Kunstbetrachtung .[Steinbrenner 1997a]Steinbrenner, Jakob (1997): Doppelbilder: Manet und Imdahl. In: Steinbrenner, J. & Winko, U. (Hg.), Bilder in der Philosophie & in anderen Künsten & Wissenschaften. Schöningh, Paderborn.[Thürlemann 2009a]Thürlemann, Felix (2009): Ikonographie, Ikonologie, Ikonik: Max Imdahl liest Erwin Panofsky. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien: Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Waldenfels 1994a]Waldenfels, Bernhard (1994): Ordnungen des Sichtbaren. Zum Gedenken an Max Imdahl. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Eva Schürmann — (Hinweis) |