Sehendes Sehen: Unterschied zwischen den Versionen
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==»Erkennendes Sehen« und | ==»Erkennendes Sehen« und »Iko­nik«, Bezü­ge zu und Kritik an Fiedler und Panof­sky== | ||
Das »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sicht­weise, die sich von der Praxis, das | Das »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sicht­weise, die sich von der Praxis, das betrach­tete Objekt [[Begriff|Begrif­fen]] unter­zuordnen, grund­legend distan­ziert. In der Kritik an einer solchen Praxis sieht sich Imdahl den Auf­fassun­gen Konrad Fiedlers (1841-1895) nahe­stehend, der es scharf verur­teilt, „die Anschau­ung als Mittel, zum Begriff zu gelan­gen“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 55, 312), aufzu­fassen. In dieser Kritik sieht Imdahl den „Ausgangs­punkt der Fiedler­schen Lehre“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 55). Einge­fordert wäre hier, | ||
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:''daß die Anschauung eine von aller ( | :''daß die Anschauung eine von aller (begriff­lichen) Abstrak­tion unab­hängi­ge Bedeu­tung habe, daß das Vermö­gen der Anschau­ung so gut wie das abstrak­te Denk­vermö­gen ein recht habe, zu einem gere­gelten und bewuß­ten Gebrauch ausge­bildet zu werden (...)'' (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 312). | ||
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Thematisch werden damit – aus | Thematisch werden damit – aus heuti­ger Sicht formu­liert – grund­legen­de Fragen zur Natur nicht-[[Proposition|propo­sitio­naler]] Er­kenntnis­formen, in Bezug auf die Wahrneh­mung von Kunst­werken. Auf dieser er­kenntnis­theore­tischen Ebe­ne dürften auch An­knüpfungs­punkte zu aktu­ellen bild­wissen­schaft­lichen Debat­ten zu finden sein, dazu [[#Rezeption von Imdahls Methodik|später]] mehr. | ||
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Imdahl beruft sich somit auf einer | Imdahl beruft sich somit auf einer er­kenntnis­theore­tischen Ebe­ne und in Bezug auf seine Werk­auffas­sung expli­zit und wieder­holt auf Fiedler (siehe etwa <bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 42-113), aber für die Formu­lierung seiner »Iko­nik«, distan­ziert er sich zu einem späte­ren Zeitpunkt in ent­scheiden­den Punkten wiede­rum grundle­gend, nämlich bezo­gen auf Fiedlers „Defi­nitio­nen von Form und Kompo­sition“ (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92). Seine Kritik trifft in diesen Punkten und im selben Zu­sammen­hang auch Panof­sky. Beide Auto­ren disku­tiert Imdahl in den Passa­gen, die seine „iko­nische Be­trachtungs­weise“, die »Iko­nik«, begrün­den, im Kapi­tel «Ikono­graphie – Ikono­logie – Iko­nik» seines Buches über Giotto (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 84-98). Imdahls Kritik an Panofs­kys ikono­graphisch-ikono­logi­scher Inter­preta­tions­metho­de ist dabei genau genom­men, bei aller diplo­mati­schen Bezug­nahme in den vorher­gehen­den Passa­gen, grund­legend, da laut Imdahl „[b]eide Inter­preta­tionen (...) jeweils einsei­tig, (...) die der Male­rei mögli­che Bild­leistung [verfeh­len]“ (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 91.).<ref> Ein sehr dif­fe­ren­zier­ter Bei­trag zum Ver­hält­nis Im­dahl/Pa­nof­sky fin­det sich in <bib id='Thürlemann 2009a'>Thür­le­mann 2009a</bib>.</ref> Diese mögli­che Bild­leistung sieht Imdahl gege­ben im Zu­sammen­wirken von sehen­dem und wieder­erken­nendem Sehen, dem »erken­nenden Sehen«: | ||
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: [Diese mögliche Bildleistung] ''besteht aber dann, wenn sich die | : [Diese mögliche Bildleistung] ''besteht aber dann, wenn sich die Erfah­rungen eines auto­nomen, sehen­den Sehens und eines hete­rono­men, wieder­erken­nenden Gegen­stand­sehens und die ihnen entspre­chenden syntak­tischen und seman­tischen Sinn­ebenen zu einer durch nichts ande­res zu substi­tuieren­den Bild­iden­tität inein­ander vermit­teln, wenn das wieder­erken­nende Sehen und das sehen­de Sehen zu den unge­ahnten oder gar unvor­denkli­chen Erfah­rungen eines erken­nenden Sehens zusam­menwir­ken (...)'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92) | ||
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Erst im ''vermittelten Verhältnis'' von | Erst im ''vermittelten Verhältnis'' von sehen­dem und wieder­erken­nendem Sehen sieht Imdahl also seine iko­nische Be­trachtungs­weise reali­siert: | ||
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:''[D]er Ikonik wird das Bild | :''[D]er Ikonik wird das Bild zugäng­lich als ein Phäno­men, in welchem gegen­ständli­ches, wieder­erken­nendes Sehen, und forma­les, sehen­des Sehen sich inein­ander vermit­teln zur Anschau­ung einer höhe­ren, die prakti­sche Seh­erfah­rung sowohl ein­schließen­den als auch prinzi­piell über­bieten­den Ordnung und Sinn­tota­lität.'' (<bib id='Imdahl 1996b'></bib>: S. 92-93) | ||
==Rezeption von Imdahls | ==Rezeption von Imdahls Metho­dik== | ||
Affirmativ etwa <bib id='Boehm 1995a'></bib> in dem von ihm heraus­ | Affirmativ etwa <bib id='Boehm 1995a'></bib> in dem von ihm heraus­gege­benen Band «Was ist ein Bild», durch Abdruck des Bei­trages von Imdahl «Ikonik. Bilder und ihre An­schauung» (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 300-324). Im selben Band auch mit direk­ter Bezug­nahme und weiter­führen­den Über­legun­gen Walden­fels mit seinem Aufsatz «Ordnun­gen des Sicht­baren» (<bib id='Waldenfels 1994a'>Walden­fels 1994a</bib>), speziell der Teil «Kunst­theore­tisches Vor­spiel: Sehen­des und wieder­erken­nendes Sehen» (234-237).<ref>Ob es le­gi­tim ist, Im­dahl ex­pli­zit ei­ner [[Phänomenologische Bildtheorien|phä­no­me­no­lo­gi­schen]] Po­si­ti­on zu­zu­ord­nen, blie­be aus mei­ner Sicht noch zu dis­ku­tie­ren. So wä­re et­wa Im­dahls eher ana­ly­ti­scher Be­zug auf [[Pragmatik, Semantik, Syntax|syn­tak­ti­sche und se­man­ti­sche]] Sinn­ebe­nen im Zu­sam­men­hang mit sei­ner »Iko­nik« der Phä­no­me­no­lo­gie doch eher fremd.</ref>. Gottfried Boehm bietet eine Ein­führung zum Band «Refle­xion, Theorie, Metho­de» (<bib id='Imdahl 1996c'></bib>: S. 7-41), wobei er dort Imdahls Unter­scheidung von sehen­dem und wieder­erken­nendem Sehen auf dem Weg zur Iko­nik als „die wohl wichtig­ste, im übri­gen auch die erfolg­reichste Etap­pe“ einstuft (<bib id='Imdahl 1996a'></bib>: S. 92-29). Zur Kritik an Imdahls Geschichts­auffas­sung siehe etwa <bib id='Rosenberg 2006a'>Rosen­berg 2006a</bib>. Kritisch und sehr diffe­renziert zum Verhält­nis Im­dahl/Pa­nofsky: <bib id='Thürlemann 2009a'>Thürle­mann 2009a</bib>. Einmal aus ana­lyti­scher Sicht, aber dann Imdahl kritisch bewer­tend: <bib id='Steinbrenner 1997a'>Stein­brenner 1997a</bib>. Nahe­liegend aus ana­lyti­scher Sicht ist dabei die Verbin­dung von »Iko­nik« zu Good­mans Begriff der [[Referenz, Denotation, Exemplifikation|Exem­pli­fika­tion]]. | ||
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* [[Phänomenologische Bildtheorien]] | |||
* [[Pragmatik, Semantik, Syntax]] | |||
* [[Proposition]] | |||
* [[Referenz, Denotation, Exemplifikation]] | * [[Referenz, Denotation, Exemplifikation]] | ||
* [[Sehen]] | * [[Sehen]] | ||
Version vom 4. November 2013, 12:50 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
»Sehendes Sehen«Der Ausdruck ‘sehendes Sehen’ wurde geprägt von Max Imdahl (1925-1988), einem deutschen Kunsthistoriker, der zeitweise auch als bildender Künstler tätig war. Für Imdahls Methode der Werkanalyse, von ihm als ‘Ikonik’ bezeichnet, spielt der Begriff des »sehenden Sehens« im Zusammenhang mit Imdahls Auffassung eines »wiedererkennenden Sehens« eine grundlegende Rolle. Im Folgenden soll ein Überblick gegeben werden über die folgenden Aspekte: Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«, Bezug zur »Ikonik«, Imdahls Bezugnahme auf und Kritik an Autoren wie Fiedler oder Panofsky, Rezeption von Imdahls Methode, mögliche Anknüpfungspunkte für die aktuelle bildwissenschaftliche Forschung.
Imdahls Entwicklung des Begriffes »sehendes Sehen«Imdahl entwickelt und konturiert den Begriff des »sehenden Sehens« durch Bezugnahme auf sein Verständnis von einem »wiedererkennenden Sehen« (erstmals in einem Aufsatz von 1974; vgl. [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
»Erkennendes Sehen« und »Ikonik«, Bezüge zu und Kritik an Fiedler und PanofskyDas »sehende Sehen« im Sinne Imdahls steht für eine Sichtweise, die sich von der Praxis, das betrachtete Objekt Begriffen unterzuordnen, grundlegend distanziert. In der Kritik an einer solchen Praxis sieht sich Imdahl den Auffassungen Konrad Fiedlers (1841-1895) nahestehend, der es scharf verurteilt, „die Anschauung als Mittel, zum Begriff zu gelangen“ ([Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Thematisch werden damit – aus heutiger Sicht formuliert – grundlegende Fragen zur Natur nicht-propositionaler Erkenntnisformen, in Bezug auf die Wahrnehmung von Kunstwerken. Auf dieser erkenntnistheoretischen Ebene dürften auch Anknüpfungspunkte zu aktuellen bildwissenschaftlichen Debatten zu finden sein, dazu später mehr. Imdahl beruft sich somit auf einer erkenntnistheoretischen Ebene und in Bezug auf seine Werkauffassung explizit und wiederholt auf Fiedler (siehe etwa [Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Erst im vermittelten Verhältnis von sehendem und wiedererkennendem Sehen sieht Imdahl also seine ikonische Betrachtungsweise realisiert:
Rezeption von Imdahls MethodikAffirmativ etwa [Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München. |
Anmerkungen
Literatur
[Boehm 1995a]Boehm, Gottfried (1995): Bildbeschreibung. Über die Grenzen von Bild und Sprache. In: Boehm, G. & Pfotenhauer, H. (Hg.), Beschreibungskunst, Kunstbeschreibung: Ekphrasis von der Antike bis zur Gegenwart. Fink, München.[Imdahl 1996a]Imdahl, Max (1996): Cézanne – Bracque – Picasso. Zum Verhältnis zwischen Bildautonomie und Gegenstandssehen. In: Boehm, G. (Hg.), Max Imdahl, Gesammelte Schriften, Band 3: Reflexion – Theorie – Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Imdahl 1996b]Imdahl, Max (1996): Giotto. Arenafresken. Fink, München.[Imdahl 1996c]Imdahl, Max (1996): Reflexion, Theorie, Methode. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Rosenberg 2006a]Rosenberg, Raphael (2006): Ikonik und Geschichte. Zur Frage der historischen Angemessenheit von Max Imdahls Kunstbetrachtung .[Steinbrenner 1997a]Steinbrenner, Jakob (1997): Doppelbilder: Manet und Imdahl. In: Steinbrenner, J. & Winko, U. (Hg.), Bilder in der Philosophie & in anderen Künsten & Wissenschaften. Schöningh, Paderborn.[Thürlemann 2009a]Thürlemann, Felix (2009): Ikonographie, Ikonologie, Ikonik: Max Imdahl liest Erwin Panofsky. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien: Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Waldenfels 1994a]Waldenfels, Bernhard (1994): Ordnungen des Sichtbaren. Zum Gedenken an Max Imdahl. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Eva Schürmann — (Hinweis) |