Perspektivik: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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:''Daz erst ist daz awg, daz do siht. Daz ander ist der gegen würff, der gese&shy;hen wirt. Daz trit ist dy weiten do tzwischen.'' (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373)<ref>Dü&shy;rer nennt an die&shy;ser Stel&shy;le ins&shy;ge&shy;samt fünf kon&shy;sti&shy;tu&shy;ti&shy;ve Ele&shy;men&shy;te der Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve, wo&shy;bei die bei&shy;den wei&shy;te&shy;ren Merk&shy;ma&shy;le („Daz firt: al&shy;ding sicht man durch ge&shy;rad li&shy;nj, daz sind dy kürt&shy;zes&shy;ten li&shy;nj. Item daz fünft ist dy teil&shy;lung von ein an&shy;der der ding, dy dw sichst“; zit. nach <bib id='Rupprich 1969a'>Rupp&shy;rich 1969a</bib>: S. 373) durch die spe&shy;zi&shy;fi&shy;sche Cha&shy;rak&shy;te&shy;ris&shy;tik der Zen&shy;tral&shy;per&shy;spek&shy;ti&shy;ve be&shy;dingt sind, die für Dü&shy;rer als ''die'' Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve gilt. </ref>
:''Daz erst ist daz awg, daz do siht. Daz ander ist der gegen würff, der gese&shy;hen wirt. Daz trit ist dy weiten do tzwischen.'' (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373)<ref>Dü&shy;rer nennt an die&shy;ser Stel&shy;le ins&shy;ge&shy;samt fünf kon&shy;sti&shy;tu&shy;ti&shy;ve Ele&shy;men&shy;te der Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve, wo&shy;bei die bei&shy;den wei&shy;te&shy;ren Merk&shy;ma&shy;le („Daz firt: al&shy;ding sicht man durch ge&shy;rad li&shy;nj, daz sind dy kürt&shy;zes&shy;ten li&shy;nj. Item daz fünft ist dy teil&shy;lung von ein an&shy;der der ding, dy dw sichst“; zit. nach <bib id='Rupprich 1969a'>Rupp&shy;rich 1969a</bib>: S. 373) durch die spe&shy;zi&shy;fi&shy;sche Cha&shy;rak&shy;te&shy;ris&shy;tik der Zen&shy;tral&shy;per&shy;spek&shy;ti&shy;ve be&shy;dingt sind, die für Dü&shy;rer als ''die'' Per&shy;spek&shy;ti&shy;ve gilt. </ref>
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[[Datei:Duerer-Perspektive.jpg|thumb|Ab&shy;bil&shy;dung 1: Die per&shy;spek&shy;ti&shy;vi&shy;sche Seh-Kon&shy;fi&shy;gu&shy;ra&shy;ti&shy;on bei Al&shy;brecht Dü&shy;rer (1525)]]
[[Datei:Duerer-Perspektive.jpg|thumb|Ab&shy;bil&shy;dung 1: Die per&shy;spek&shy;ti&shy;vi&shy;sche Seh-Kon&shy;fi&shy;gu&shy;ra&shy;ti&shy;on bei Al&shy;brecht Dü&shy;rer (1525)]]
Von dieser „natür&shy;lichen“ Per&shy;spekti&shy;vität (''perspec&shy;tiva natu&shy;ralis'') als grundle&shy;gend kogni&shy;tivem wie genuin rela&shy;tiona&shy;lem Konzept ist die „künstli&shy;che“ Perspek&shy;tivität (''perspec&shy;tiva arti&shy;ficia&shy;lis'') als Darstel&shy;lungsmo&shy;dus zu unter&shy;scheiden, die auf einer Über&shy;tragung dieses Grundprin&shy;zips basiert und aufgrund der Diffe&shy;renz zwischen Urbild und Abbild in einem Spannungs&shy;verhält&shy;nis zu „natür&shy;lichen“ Perspek&shy;tivie&shy;rungsstruk&shy;turen steht. In dieser abstrak&shy;ten Bedeu&shy;tung erweist sich das Prinzip der Perspek&shy;tivik für die Symbol&shy;syste&shy;me Bild und Sprache gleicher&shy;maßen als basal.  
Von die&shy;ser “na&shy;tür&shy;li&shy;chen” Per&shy;spek&shy;ti&shy;vi&shy;tät (''per&shy;spec&shy;ti&shy;va na&shy;tu&shy;ra&shy;lis'') als grund&shy;le&shy;gend kog&shy;ni&shy;ti&shy;vem wie ge&shy;nu&shy;in re&shy;la&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;lem Kon&shy;zept ist die “künst&shy;li&shy;che” Per&shy;spek&shy;ti&shy;vi&shy;tät (''per&shy;spec&shy;ti&shy;va ar&shy;ti&shy;fi&shy;ci&shy;a&shy;lis'') als Dar&shy;stel&shy;lungs&shy;mo&shy;dus zu un&shy;ter&shy;schei&shy;den, die auf ei&shy;ner Über&shy;tra&shy;gung die&shy;ses Grund&shy;prin&shy;zips ba&shy;siert und auf&shy;grund der Dif&shy;fe&shy;renz zwi&shy;schen Ur&shy;bild und Ab&shy;bild in ei&shy;nem Span&shy;nungs&shy;ver&shy;hält&shy;nis zu “na&shy;tür&shy;li&shy;chen” Per&shy;spek&shy;ti&shy;vie&shy;rungs&shy;struk&shy;tu&shy;ren steht. In die&shy;ser ab&shy;strak&shy;ten Be&shy;deu&shy;tung er&shy;weist sich das Prin&shy;zip der Per&shy;spek&shy;ti&shy;vik für die Sym&shy;bol&shy;sys&shy;te&shy;me Bild und Spra&shy;che glei&shy;cher&shy;ma&shy;ßen als ba&shy;sal.  
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Vor dem Hintergrund erkennt&shy;nistheo&shy;reti&shy;scher Frage&shy;stellun&shy;gen ist Perspek&shy;tivi&shy;tät zudem als Ordnungs&shy;begriff zu verste&shy;hen, der hinsicht&shy;lich der konzep&shy;tionel&shy;len Erfas&shy;sung von Bedeu&shy;tungsin&shy;halten durch die Rela&shy;tion zwischen Objekt- und Subjekt&shy;sphäre bestimmt ist. Das Prinzip der Perspek&shy;tivik ist damit vor dem Hinter&shy;grund der Frage nach dem Verhält&shy;nis von Kogni&shy;tion, [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Symbol&shy;system]] und seinem Verhält&shy;nis zur Welt zu beschrei&shy;ben, wie sie inner&shy;halb der Bildwis&shy;senschaft für die Problem&shy;bereiche von ⊳ [[Mimesis|Mime&shy;sis]], ⊳ [[Naturalismus und Realismus|Natu&shy;ralis&shy;mus und Realis&shy;mus]], ⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen|Ähnlich&shy;keit und wahr&shy;nehmungs&shy;nahe Zeichen]] verhan&shy;delt wird.
Vor dem Hintergrund erkennt&shy;nistheo&shy;reti&shy;scher Frage&shy;stellun&shy;gen ist Perspek&shy;tivi&shy;tät zudem als Ordnungs&shy;begriff zu verste&shy;hen, der hinsicht&shy;lich der konzep&shy;tionel&shy;len Erfas&shy;sung von Bedeu&shy;tungsin&shy;halten durch die Rela&shy;tion zwischen Objekt- und Subjekt&shy;sphäre bestimmt ist. Das Prinzip der Perspek&shy;tivik ist damit vor dem Hinter&shy;grund der Frage nach dem Verhält&shy;nis von Kogni&shy;tion, [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Symbol&shy;system]] und seinem Verhält&shy;nis zur Welt zu beschrei&shy;ben, wie sie inner&shy;halb der Bildwis&shy;senschaft für die Problem&shy;bereiche von ⊳ [[Mimesis|Mime&shy;sis]], ⊳ [[Naturalismus und Realismus|Natu&shy;ralis&shy;mus und Realis&shy;mus]], ⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen|Ähnlich&shy;keit und wahr&shy;nehmungs&shy;nahe Zeichen]] verhan&shy;delt wird.
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==Perspektivik: Perspekti&shy;ven und ‘die Per&shy;spek&shy;tive’==
==Perspektivik: Perspekti&shy;ven und ‘die Per&shy;spek&shy;tive’==


Der Terminus ‘Perspek&shy;tive’ entstammt dem Bereich der visu&shy;ellen Wahrneh&shy;mung und führt ety&shy;molo&shy;gisch zurück auf lat. ''perspi&shy;cere'' (‚genau sehen‘). In dieser Bedeu&shy;tung bezeich&shy;net die ''perspec&shy;tiva natu&shy;ralis'' (bzw. ''perspec&shy;tiva commu&shy;nis'', ''visio perspec&shy;tiva'') als Über&shy;setzung des griechi&shy;schen Begriffs der ''optike techné'' (vgl. <bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 11) ursprüng&shy;lich die anti&shy;ke und mittel&shy;alter&shy;liche Theorie des „direk&shy;ten, reflek&shy;tierten oder gebro&shy;chenen Sehens“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 85). Von dieser „natür&shy;lichen“ Perspek&shy;tive als psycho&shy;physio&shy;logi&shy;schem Anschau&shy;ungsmo&shy;dus ist die ''perspec&shy;tiva arti&shy;ficia&shy;lis'' als Darstel&shy;lungsmo&shy;dus (vgl. <bib id='Thaliat 2005a'></bib>: S. 204) bzw. „Perspek&shy;tive der Maler“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 11) zu trennen, wie sie termi&shy;nolo&shy;gisch auch unter den Aus&shy;drücken der ‘''ange&shy;wandten Perspek&shy;tive''’, ‘''ars perspec&shy;tiva''’, ‘''künstle&shy;rischen''’ bzw. ‘''künstli&shy;chen'' Perspek&shy;tive’ gefasst wird und sich beispiels&shy;weise als Farb-, Licht- und Luftper&shy;spekti&shy;ve bzw. Bedeu&shy;tungs-/Rele&shy;vanzper&shy;spekti&shy;ve etc. objek&shy;tiviert zeigt (⊳ [[Perspektive und Projektion|Perspek&shy;tive und Projek&shy;tion]]). Seit der Renais&shy;sance wird der Termi&shy;nus der künstli&shy;chen Perspek&shy;tive nun nicht vorzugs&shy;weise als allge&shy;meine Bezeich&shy;nungswei&shy;se für Projek&shy;tionsver&shy;fahren spatia&shy;ler Darstel&shy;lung verwen&shy;det, sondern eben&shy;falls als Bezeich&shy;nung für den spezi&shy;fischen Darstel&shy;lungsmo&shy;dus der Zentral- bzw. Linear&shy;perspek&shy;tive als syste&shy;mati&shy;sche Verfah&shy;renswei&shy;se zur Darstel&shy;lung des drei&shy;dimen&shy;siona&shy;len [[Raum und Geometrie|Raumes]] auf einer zwei&shy;dimen&shy;siona&shy;len Ober&shy;fläche (<bib id='O’Riley 1998a'></bib>: S. 17), die seit ihrer Entwick&shy;lung im 14. Jahrhun&shy;dert als der korrek&shy;te Darstel&shy;lungsmo&shy;dus der ''visio perspec&shy;tiva'' menschli&shy;cher Wahrneh&shy;mung gilt und damit zur Perspek&shy;tive per se wird. Diese Bedeu&shy;tungsver&shy;engung ist bereits in der Bezeich&shy;nung Dürers der (Zentral-)Perspek&shy;tive als „durch&shy;sehung“ abzu&shy;lesen („Item prospec&shy;tiua ist ein latei&shy;nisch wort, pedewt ein durch&shy;sehung“, <bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373), als das Bild des „Durch&shy;blicks“ das linear&shy;perspek&shy;tivi&shy;sche Konzept der Zentrie&shy;rung des Blickfelds impli&shy;ziert.
Der Terminus ‘Perspek&shy;tive’ entstammt dem Bereich der visu&shy;ellen Wahrneh&shy;mung und führt ety&shy;molo&shy;gisch zurück auf lat. ''perspi&shy;cere'' (‚genau sehen‘). In dieser Bedeu&shy;tung bezeich&shy;net die ''perspec&shy;tiva natu&shy;ralis'' (bzw. ''perspec&shy;tiva commu&shy;nis'', ''visio perspec&shy;tiva'') als Über&shy;setzung des griechi&shy;schen Begriffs der ''optike techné'' (vgl. <bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 11) ursprüng&shy;lich die anti&shy;ke und mittel&shy;alter&shy;liche Theorie des „direk&shy;ten, reflek&shy;tierten oder gebro&shy;chenen Sehens“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 85).  
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Von dieser “natür&shy;lichen” Perspek&shy;tive als psycho&shy;physio&shy;logi&shy;schem Anschau&shy;ungsmo&shy;dus ist die ''perspec&shy;tiva arti&shy;ficia&shy;lis'' als Darstel&shy;lungsmo&shy;dus (vgl. <bib id='Thaliat 2005a'></bib>: S. 204) bzw. „Perspek&shy;tive der Maler“ (<bib id='Damisch 2010a'></bib>: S. 11) zu trennen, wie sie termi&shy;nolo&shy;gisch auch unter den Aus&shy;drücken der ‘''ange&shy;wandten Perspek&shy;tive''’, ‘''ars perspec&shy;tiva''’, ‘''künstle&shy;rischen''’ bzw. ‘''künstli&shy;chen'' Perspek&shy;tive’ gefasst wird und sich beispiels&shy;weise als Farb-, Licht- und Luftper&shy;spekti&shy;ve bzw. Bedeu&shy;tungs-/Rele&shy;vanzper&shy;spekti&shy;ve etc. objek&shy;tiviert zeigt (⊳ [[Perspektive und Projektion|Perspek&shy;tive und Projek&shy;tion]]). Seit der Renais&shy;sance wird der Termi&shy;nus der künstli&shy;chen Perspek&shy;tive nun nicht vorzugs&shy;weise als allge&shy;meine Bezeich&shy;nungswei&shy;se für Projek&shy;tionsver&shy;fahren spatia&shy;ler Darstel&shy;lung verwen&shy;det, sondern eben&shy;falls als Bezeich&shy;nung für den spezi&shy;fischen Darstel&shy;lungsmo&shy;dus der Zentral- bzw. Linear&shy;perspek&shy;tive als syste&shy;mati&shy;sche Verfah&shy;renswei&shy;se zur Darstel&shy;lung des drei&shy;dimen&shy;siona&shy;len [[Raum und Geometrie|Raumes]] auf einer zwei&shy;dimen&shy;siona&shy;len Ober&shy;fläche (<bib id='O’Riley 1998a'></bib>: S. 17), die seit ihrer Entwick&shy;lung im 14. Jahrhun&shy;dert als der korrek&shy;te Darstel&shy;lungsmo&shy;dus der ''visio perspec&shy;tiva'' menschli&shy;cher Wahrneh&shy;mung gilt und damit zur Perspek&shy;tive per se wird. Diese Bedeu&shy;tungsver&shy;engung ist bereits in der Bezeich&shy;nung Dürers der (Zentral-)Perspek&shy;tive als „durch&shy;sehung“ abzu&shy;lesen („Item prospec&shy;tiua ist ein latei&shy;nisch wort, pedewt ein durch&shy;sehung“, <bib id='Rupprich 1969a'></bib>: S. 373), als das Bild des „Durch&shy;blicks“ das linear&shy;perspek&shy;tivi&shy;sche Konzept der Zentrie&shy;rung des Blickfelds impli&shy;ziert.
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Der Ausdruck ‘Perspektive’ erweist sich damit als doppeldeutig: Er verweist zum einen auf das Konzept der Perspektivik als universale Basisprämisse für jede Wahrnehmungs- wie Darstellungsform (→  [[Perspektivik#Perspektivik als anthropologische Basisprämisse|Abschnitt 3]]). Zugleich wird vor dem Hintergrund der obigen Begriffsbestimmung deutlich, dass zwischen den jeweiligen Ausprägungen von Perspektivität in Abhängigkeit zum jeweiligen kulturhistorischen Bedingungsgefüge zu differenzieren ist (→ [[Perspektivik#Perspektivik als kulturhistorisches Konzept|Abschnitt 4]]). Diese Ambiguität spiegelt sich exemplarisch in den Kontroversen um den Status der Zentralperspektive wider: auf der individuellen Ebene in der Frage nach dem Verhältnis des zentralperspektivischen Darstellungs- zum „natürlichen“ Wahrnehmungsmodus („Natürlichkeitsparadoxon“), auf der kulturellen Ebene in der Kontroverse um den Status als „symbolische Form“ bzw. kulturgebundenes Dispositiv (→ [[Perspektivik#Perspektivik als kulturhistorisches Konzept#Die Zentralperspektive als „symbolische Form“: Das Natürlichkeitsparadoxon|Abschnitt 4.2]]).
Der Ausdruck ‘Perspektive’ erweist sich damit als doppel&shy;deutig: Er verweist zum einen auf das Konzept der Perspek&shy;tivik als uni&shy;versa&shy;le Basis&shy;prämis&shy;se für jede Wahrneh&shy;mungs- wie Darstel&shy;lungsform (⊳ [[Perspektivik#Perspektivik als anthropologische Basisprämisse|Abschnitt 3]]). Zugleich wird vor dem Hinter&shy;grund der obi&shy;gen Begriffs&shy;bestim&shy;mung deutlich, dass zwischen den jewei&shy;ligen Ausprä&shy;gungen von Perspek&shy;tivi&shy;tät in Abhän&shy;gigkeit zum jewei&shy;ligen kultur&shy;histo&shy;rischen Bedin&shy;gungsge&shy;füge zu diffe&shy;renzie&shy;ren ist (⊳ [[Perspektivik#Perspektivik als kulturhistorisches Konzept|Abschnitt 4]]). Diese Ambi&shy;guität spiegelt sich exem&shy;plarisch in den Kontro&shy;versen um den Status der Zentral&shy;perspek&shy;tive wider: auf der indi&shy;vidu&shy;ellen Ebe&shy;ne in der Frage nach dem Verhält&shy;nis des zentral&shy;perspek&shy;tivi&shy;schen Darstel&shy;lungs- zum “natür&shy;lichen” Wahrneh&shy;mungsmo&shy;dus (''Natür&shy;lichkeits&shy;para&shy;doxon''), auf der kultu&shy;rellen Ebe&shy;ne in der Kontro&shy;verse um den Status als ''symbo&shy;lische Form'' bzw. kultur&shy;gebun&shy;denes Dispo&shy;sitiv (⊳ [[Perspektivik#Perspektivik als kulturhistorisches Konzept#Die Zentralperspektive als ''symbolische Form'': Das Natürlichkeitsparadoxon|Abschnitt 4.2]]).




==Perspektivik als anthropologische Basisprämisse==
==Perspektivik als anthropo&shy;logi&shy;sche Basis&shy;prämisse==


===Perspektivik als kognitives Basiskonzept: Der Standort des Betrachters===
===Perspektivik als kognitives Basis&shy;konzept: Der Stand&shy;ort des Be&shy;trach&shy;ters===
Während die spatio-temporale Gebundenheit des Individuums eine unhintergehbare Basisprämisse stellt, setzt das Prinzip der Perspektivik als standortgebundene Wahrnehmung eines Objekts die Gegebenheit potentieller Alternativen zum jeweils aktuellen Blickwinkel voraus. Die Erkenntnis der mit dieser Grunddisposition verbundenen Relativität der Betrachtung und die daran geknüpfte Fähigkeit, sich von der eigenen Perspektive lösen zu können und andere potentielle Standorte als gleichberechtigte Alternativen zu erkennen, ist die Voraussetzung für perspektivisches Denken, wie es als inhärentes Charakteristikum der menschlichen Kognition gilt (vgl. <bib id='Canisius 1987a'></bib>: S. xiii), muss ontogenetisch aber erst erworben werden: Leibapriorisch bedingt ist die primäre Phase der Entwicklung monoperspektivisch geprägt, als Kinder in diesem frühen Stadium zunächst nicht in der Lage sind, sich mental an einen anderen Sehepunkt versetzen zu können (vgl. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>; <bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29). Erst durch die Überwindung des „intellektuellen Egozentrismus“ (<bib id='Piaget & Inhelder 1972a'></bib>) kommt es mit der Entwicklung des Bewusstseins des eigenen Subjekts zur Ausprägung der Fähigkeit perspektivischen Denkens.
Während die spatio-temporale Gebun&shy;denheit des Individuums eine unhintergehbare Basisprämisse stellt, setzt das Prinzip der Perspektivik als standortgebundene Wahrnehmung eines Objekts die Gegebenheit potentieller Alternativen zum jeweils aktuellen Blickwinkel voraus. Die Erkenntnis der mit dieser Grunddisposition verbundenen Relativität der Betrachtung und die daran geknüpfte Fähigkeit, sich von der eigenen Perspektive lösen zu können und andere potentielle Standorte als gleichberechtigte Alternativen zu erkennen, ist die Voraussetzung für perspektivisches Denken, wie es als inhärentes Charakteristikum der menschlichen Kognition gilt (vgl. <bib id='Canisius 1987a'></bib>: S. xiii), muss ontogenetisch aber erst erworben werden: Leibapriorisch bedingt ist die primäre Phase der Entwicklung monoperspektivisch geprägt, als Kinder in diesem frühen Stadium zunächst nicht in der Lage sind, sich mental an einen anderen Sehepunkt versetzen zu können (vgl. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>; <bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29). Erst durch die Überwindung des „intellektuellen Egozentrismus“ (<bib id='Piaget & Inhelder 1972a'></bib>) kommt es mit der Entwicklung des Bewusstseins des eigenen Subjekts zur Ausprägung der Fähigkeit perspektivischen Denkens.
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Das bewusste Einnehmen einer Perspektive und deren Vermittlung sind in diesem Sinne abstrakte mentale Fähigkeiten. Obgleich ausgehend vom konkreten „Augenpunkt“ innerhalb der Perzeptionssituation ist damit der ''point of view'' als Ausgangspunkt der Perspektivensetzung nicht mit der physikalischen Verortung eines aktuellen Betrachters gleichzusetzen. Dies gilt auch für bildliche Darstellungen, als auch dort der Ausgangspunkt einer Perspektive – analog zur Konzeptionalisierung von Raum-Relationen in der Sprache (vgl. <bib id='Levinson 2003a'></bib>) – als abstraktes Projektionszentrum zu verstehen ist, der „außerräumlich imaginär“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 18) bleibt, vgl. <bib id='Graumann 2002a'></bib>:
Das bewusste Einnehmen einer Perspektive und deren Vermittlung sind in diesem Sinne abstrakte mentale Fähigkeiten. Obgleich ausgehend vom konkreten „Augenpunkt“ innerhalb der Perzeptionssituation ist damit der ''point of view'' als Ausgangspunkt der Perspektivensetzung nicht mit der physikalischen Verortung eines aktuellen Betrachters gleichzusetzen. Dies gilt auch für bildliche Darstellungen, als auch dort der Ausgangspunkt einer Perspektive – analog zur Konzeptionalisierung von Raum-Relationen in der Sprache (vgl. <bib id='Levinson 2003a'></bib>) – als abstraktes Projektionszentrum zu verstehen ist, der „außerräumlich imaginär“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 18) bleibt, vgl. <bib id='Graumann 2002a'></bib>:
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:''this point itself, although constitutive for the perspectival representation, remains unrepresented and, hence, psychologically inconspicuous. In other words, the basic and constitutive implicitness of perspectivity is to be seen in the nonrepresentational inconspicuousness of the point of view, which in turn is constitutive of the perspectival structure of representation.'' (<bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29)
:''this point itself, although constitutive for the perspectival representation, remains unrepresented and, hence, psychologically inconspicuous. In other words, the basic and constitutive implicitness of perspectivity is to be seen in the nonrepresentational inconspicuousness of the point of view, which in turn is constitutive of the perspectival structure of representation.'' (<bib id='Graumann 2002a'></bib>: S. 29)


===Perspektivität als pragmatische Kategorie: „Subjektivität“ ===
===Perspektivität als pragma&shy;ti&shy;sche Kate&shy;gorie: »Subjek&shy;tivi&shy;tät« ===
Die Notwendigkeit der konzeptuellen Trennung zwischen dem realen [[Betrachter]] und der inhärenten Perspektivik einer bildlichen Darstellung spiegelt sich auch in der Diskussion von Perspektivität als „subjektive“ Kategorie wider: Innerhalb einer konkreten [[Kontext|Perzeptionssituation]] ist die Betrachtung eines Objekts zunächst bedingt durch die Egozentrik menschlicher Wahrnehmung. Parallel hierzu ist auch jede abstrakte Perspektivensetzung bedingt durch einen Sehepunkt, der implizit ein Subjekt voraussetzt (vgl. <bib id='Mitchell 1992a'></bib>: 134). Insbesondere der Darstellungsmodus der Zentralperspektive wird in dieser Hinsicht als „subjektiv“ beschrieben, da die Zentrierung auf einen „Augenpunkt“ als Relation zum Subjekt gewertet wird, wie auch Dürer das „awg“ als „daz erst“ (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: 373) bzw. als primär konstituierendes Merkmal für jede (zentral-)perspektivische Darstellung gilt. In dieser Hinsicht ist Perspektivik als „subjektives“ Prinzip und damit als pragmatische Kategorie (⊳ [[Bildpragmatik]]) zu werten.  
Die Notwendigkeit der konzeptuellen Trennung zwischen dem realen [[Betrachter]] und der inhärenten Perspektivik einer bildlichen Darstellung spiegelt sich auch in der Diskussion von Perspektivität als „subjektive“ Kategorie wider: Innerhalb einer konkreten [[Kontext|Perzeptionssituation]] ist die Betrachtung eines Objekts zunächst bedingt durch die Egozentrik menschlicher Wahrnehmung. Parallel hierzu ist auch jede abstrakte Perspektivensetzung bedingt durch einen Sehepunkt, der implizit ein Subjekt voraussetzt (vgl. <bib id='Mitchell 1992a'></bib>: 134). Insbesondere der Darstellungsmodus der Zentralperspektive wird in dieser Hinsicht als „subjektiv“ beschrieben, da die Zentrierung auf einen „Augenpunkt“ als Relation zum Subjekt gewertet wird, wie auch Dürer das „awg“ als „daz erst“ (<bib id='Rupprich 1969a'></bib>: 373) bzw. als primär konstituierendes Merkmal für jede (zentral-)perspektivische Darstellung gilt. In dieser Hinsicht ist Perspektivik als „subjektives“ Prinzip und damit als pragmatische Kategorie (⊳ [[Bildpragmatik]]) zu werten.  
Die Bewertung als „subjektiv“ bleibt terminologisch jedoch insofern vage, als das abstrakte Projektionszentrum einer bildlichen Darstellung nicht mit einem realen Betrachter gleichgesetzt werden kann und dadurch eine Dopplung von „Subjektivität“ auf unterschiedlichen Ebenen zu berücksichtigen ist. Vor diesem Hintergrund ist auch die allgemeine Kritik am „Subjektivismus“ bildwissenschaftlicher Theoriebildung von <bib id='Maynard 2003a'></bib> und Hyman zu lesen:  
Die Bewertung als „subjektiv“ bleibt terminologisch jedoch insofern vage, als das abstrakte Projektionszentrum einer bildlichen Darstellung nicht mit einem realen Betrachter gleichgesetzt werden kann und dadurch eine Dopplung von „Subjektivität“ auf unterschiedlichen Ebenen zu berücksichtigen ist. Vor diesem Hintergrund ist auch die allgemeine Kritik am „Subjektivismus“ bildwissenschaftlicher Theoriebildung von <bib id='Maynard 2003a'></bib> und Hyman zu lesen:  
Wie Hyman auch im Rückgriff auf Alberti (''De pittura'', Buch 1, 19) ausführt, muss die Beschreibung von Perspektive unabhängig von der ‚Leistung der Augen in der visuellen Wahrnehmung‘ erfolgen (vgl. <bib id='Hyman 2006a'></bib>: S. 223 bzw. <bib id='Hyman 2009a'></bib>: S. 469).
Wie Hyman auch im Rückgriff auf Alberti (''De pittura'', Buch 1, 19) ausführt, muss die Beschreibung von Perspektive unabhängig von der ‚Leistung der Augen in der visuellen Wahrnehmung‘ erfolgen (vgl. <bib id='Hyman 2006a'></bib>: S. 223 bzw. <bib id='Hyman 2009a'></bib>: S. 469).


===Perspektivik als erkenntnistheoretische Kategorie: Relativität und ''point of view'' ===
===Perspektivik als erkenntnis&shy;theore&shy;tische Kate&shy;gorie: Rela&shy;tivi&shy;tät und ''point of view'' ===
Vor dem Hintergrund abstrakter Blickwinkel und der Frage nach dem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt ist das Konzept der Perspektivik für die Bildwissenschaft nicht nur als Prinzip bildlicher Darstellung in Bezug auf die technische Konstruktionsweise der Raumdarstellung relevant, sondern prägt ebenfalls in zentraler Weise die bildphilosophische Diskussion um die Frage nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt. In der durch die Gebundenheit an einen ''Point of View'' bedingten Relativität prägt die Subjekt-Objekt-Korrelation als das „polare Grundgerüst des Erkennens“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 13) entscheidend die Erfassung des Wahrnehmungsobjekts in seinem Verhältnis zur „Welt“. Perspektivität und Realitätsverständnis stehen damit in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, wie es neuzeitlich durch das Primat der visuellen Wahrnehmung geprägt ist: Als real erscheint das, was e-''vident'', d.h. sichtbar ist.  
Vor dem Hintergrund abstrakter Blickwinkel und der Frage nach dem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt ist das Konzept der Perspektivik für die Bildwissenschaft nicht nur als Prinzip bildlicher Darstellung in Bezug auf die technische Konstruktionsweise der Raumdarstellung relevant, sondern prägt ebenfalls in zentraler Weise die bildphilosophische Diskussion um die Frage nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt. In der durch die Gebundenheit an einen ''Point of View'' bedingten Relativität prägt die Subjekt-Objekt-Korrelation als das „polare Grundgerüst des Erkennens“ (<bib id='Boehm 1969a'></bib>: S. 13) entscheidend die Erfassung des Wahrnehmungsobjekts in seinem Verhältnis zur „Welt“. Perspektivität und Realitätsverständnis stehen damit in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, wie es neuzeitlich durch das Primat der visuellen Wahrnehmung geprägt ist: Als real erscheint das, was e-''vident'', d.h. sichtbar ist.  
In dieser Hinsicht erweist sich das Prinzip der Perspektivik als Verhältnis zwischen Objekt – Subjekt – Welt durch seine Interdependenz mit Fragen der Weltanschauung geprägt und damit  historisch gesehen als variabel. Die Frage nach einer möglichen Korrelation zwischen Raumwahrnehmung, Darstellungssystem und Denksystem spiegelt sich in der Diskussion um die historischen Ausprägungen von Perspektivität und deren Status als Dispositiv, wie sie exemplarisch in Bezug auf den Stellenwert der Zentralperspektive als „symbolische Form“ verhandelt wird.
In dieser Hinsicht erweist sich das Prinzip der Perspektivik als Verhältnis zwischen Objekt – Subjekt – Welt durch seine Interdependenz mit Fragen der Weltanschauung geprägt und damit  historisch gesehen als variabel. Die Frage nach einer möglichen Korrelation zwischen Raumwahrnehmung, Darstellungssystem und Denksystem spiegelt sich in der Diskussion um die historischen Ausprägungen von Perspektivität und deren Status als Dispositiv, wie sie exemplarisch in Bezug auf den Stellenwert der Zentralperspektive als „symbolische Form“ verhandelt wird.




==Perspektivik als kulturhistorisches Konzept ==
==Perspektivik als kultur&shy;histo&shy;risches Kon&shy;zept ==
===Von „Aspektive“ zu „Perspektive“: Kunstgeschichte als Perspektivenwandel ===
===Von ''Aspektive'' zu ''Perspek&shy;tive'': Kunst&shy;geschich&shy;te als Per&shy;spekti&shy;venwan&shy;del ===
Als kulturabhängiges Konzept ist das Verhältnis von Betrachtersubjekt und Wahrnehmungsgegenstand dem historischen Wandel unterzogen, wie er in den verschiedenen Ausprägungen der Perspektivierungstechniken innerhalb der verschiedenen Epochen sichtbar wird: Während grundsätzlich alle Bilder – im allgemeinen Sinn des Wortes – „perspektivisch“ sind, unterscheiden sich die Darstellungsformen im historischen Kontext in Bezug auf die Art und Weise der Darstellungspräferenzen und der eingesetzten Perspektivierungsmittel. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib> hat in dieser Hinsicht die Begriffs-Dichotomie ''Aspektive'' vs. ''Perspektive'' geprägt, wobei diese dichotomische Gegenüberstellung bereits eine Verwendung des Begriffs der Perspektive in der Bedeutung ‚Zentralperspektive‘ impliziert. Aspektivische Darstellungsformen, wie sie in den frühen Kulturstufen im antiken Ägypten bzw. in den geometrischen und archaischen Stilformen des antiken Griechenlands vorliegen, zeichnen sich dadurch aus, dass einzelne konventionelle Merkmale als Charakteristika d.h. „Aspekte“ der damit als „Urbilder“ bzw. „Begriffsbilder“ konzeptionalisierten Objekte in einem Bild additiv nebeneinander gestellt werden, ohne dass ein einheitlicher Sehepunkt als Organisationsprinzip wirkt. Neben dem damit verbundenen Fehlen optischer Verkürzungen und tiefenräumlicher Wirkung sind aspektivische Bilder insbesondere durch parataktische Relationen der einzelnen Objekte zueinander geprägt. Innerhalb des „Aggregatraums“ (in Abgrenzung zum späteren „Systemraum“, vgl. <bib id='Panofsky 1927a'></bib>) unterbleibt eine temporal-lokale [[Kontext|Situierung]] der Objekte, die damit keinen referentiellen Eigenwert besitzen, sondern als „Begriffsbilder“, als Bilder des „So-Seins“ fungieren. Aspektivische und perspektivische Bilder unterscheiden sich damit in Bezug auf das Verhältnis ihrer Einzelteile zum Bildganzen sowie in Bezug auf ihr Verhältnis zueinander. In zentralperspektivischen Darstellungen kommt es dagegen zu einem einheitlichen Sehepunkt, der als Ordnungsinstanz die Raumdarstellung bestimmt, wie es auch im Bild der „Sehstrahlen“ bzw. „Sehpyramide“ deutlich wird (vgl. Abb. 2).  
Als kulturabhängiges Konzept ist das Verhältnis von Betrachtersubjekt und Wahrnehmungsgegenstand dem historischen Wandel unterzogen, wie er in den verschiedenen Ausprägungen der Perspektivierungstechniken innerhalb der verschiedenen Epochen sichtbar wird: Während grundsätzlich alle Bilder – im allgemeinen Sinn des Wortes – „perspektivisch“ sind, unterscheiden sich die Darstellungsformen im historischen Kontext in Bezug auf die Art und Weise der Darstellungspräferenzen und der eingesetzten Perspektivierungsmittel. <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib> hat in dieser Hinsicht die Begriffs-Dichotomie ''Aspektive'' vs. ''Perspektive'' geprägt, wobei diese dichotomische Gegenüberstellung bereits eine Verwendung des Begriffs der Perspektive in der Bedeutung ‚Zentralperspektive‘ impliziert. Aspektivische Darstellungsformen, wie sie in den frühen Kulturstufen im antiken Ägypten bzw. in den geometrischen und archaischen Stilformen des antiken Griechenlands vorliegen, zeichnen sich dadurch aus, dass einzelne konventionelle Merkmale als Charakteristika d.h. „Aspekte“ der damit als „Urbilder“ bzw. „Begriffsbilder“ konzeptionalisierten Objekte in einem Bild additiv nebeneinander gestellt werden, ohne dass ein einheitlicher Sehepunkt als Organisationsprinzip wirkt. Neben dem damit verbundenen Fehlen optischer Verkürzungen und tiefenräumlicher Wirkung sind aspektivische Bilder insbesondere durch parataktische Relationen der einzelnen Objekte zueinander geprägt. Innerhalb des „Aggregatraums“ (in Abgrenzung zum späteren „Systemraum“, vgl. <bib id='Panofsky 1927a'></bib>) unterbleibt eine temporal-lokale [[Kontext|Situierung]] der Objekte, die damit keinen referentiellen Eigenwert besitzen, sondern als „Begriffsbilder“, als Bilder des „So-Seins“ fungieren. Aspektivische und perspektivische Bilder unterscheiden sich damit in Bezug auf das Verhältnis ihrer Einzelteile zum Bildganzen sowie in Bezug auf ihr Verhältnis zueinander. In zentralperspektivischen Darstellungen kommt es dagegen zu einem einheitlichen Sehepunkt, der als Ordnungsinstanz die Raumdarstellung bestimmt, wie es auch im Bild der „Sehstrahlen“ bzw. „Sehpyramide“ deutlich wird (vgl. Abb. 2).  
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Die Unterschiede zwischen Aspektive und Perspektive führt <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>: S. 3) auf unterschiedliche kognitive Wahrnehmungsleistungen zurück, wie sie sich auch in unterschiedlichen Bereichen wie Menschenbild, Religion, Mythos, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Die damit angesprochene Frage nach einem Zusammenhang zwischen Repräsentationssystem und Wahrnehmungsmodus steht in der Tradition der von <bib id='Panofsky 1927a'></bib> angestoßenen Debatte nach dem Status der Zentralperspektive, die dieser – ausgehend von der Beobachtung der historischen Varianz perspektivischer Darstellungen und der Argumentation <bib id='Hauck 1879a'></bib> gegen die „Natürlichkeit“ der Zentralperspektive – als eine historische Variante im Sinn einer „symbolischen Form“ <bib id='Cassirer 2010a'></bib> wertet. Diese These hat seitdem in der Bildwissenschaft zu einer  „Sapir-Whorf-Kontroverse“ geführt, als in ihr ''in nuce'' zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt verhandelt werden.
Die Unterschiede zwischen Aspektive und Perspektive führt <bib id='Brunner-Traut 1992a'></bib>: S. 3) auf unterschiedliche kognitive Wahrnehmungsleistungen zurück, wie sie sich auch in unterschiedlichen Bereichen wie Menschenbild, Religion, Mythos, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Die damit angesprochene Frage nach einem Zusammenhang zwischen Repräsentationssystem und Wahrnehmungsmodus steht in der Tradition der von <bib id='Panofsky 1927a'></bib> angestoßenen Debatte nach dem Status der Zentralperspektive, die dieser – ausgehend von der Beobachtung der historischen Varianz perspektivischer Darstellungen und der Argumentation <bib id='Hauck 1879a'></bib> gegen die „Natürlichkeit“ der Zentralperspektive – als eine historische Variante im Sinn einer „symbolischen Form“ <bib id='Cassirer 2010a'></bib> wertet. Diese These hat seitdem in der Bildwissenschaft zu einer  „Sapir-Whorf-Kontroverse“ geführt, als in ihr ''in nuce'' zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt verhandelt werden.


=== Die Zentralperspektive als „symbolische Form“: Das Natürlichkeitsparadoxon ===
=== Die Zentralperspektive als ''symbo&shy;lische Form'': Das Natür&shy;lichkeits&shy;para&shy;doxon ===
Die Zentralperspektive bzw. ''costruzione legittima'', gilt seit ihrer Entstehung im 14. Jahrhundert aufgrund der einheitlichen Zentrierung des Blicks auf einen „Augenpunkt“ als die „natürliche“ Form der Perspektive. Hinsichtlich des Verhältnisses von Wahrnehmungssubjekt und Objekt scheint die Bewertung als „natürlich“ zunächst intuitiv plausibel, da das Ziel des zentralperspektivischen Darstellungsmodus danach zu streben scheint, einen natürlichen und in diesem Sinn „realistischen“ Seheindruck wiederzugeben; eine Intention, wie sie seit der Renaissance in der Metapher des „geöffneten Fensters“ (''finestra aperta'', Alberti) bzw. eines „Spiegels der Welt“ deutlich wird:  
Die Zentralperspektive bzw. ''costruzione legittima'', gilt seit ihrer Entstehung im 14. Jahrhundert aufgrund der einheitlichen Zentrierung des Blicks auf einen „Augenpunkt“ als die „natürliche“ Form der Perspektive. Hinsichtlich des Verhältnisses von Wahrnehmungssubjekt und Objekt scheint die Bewertung als „natürlich“ zunächst intuitiv plausibel, da das Ziel des zentralperspektivischen Darstellungsmodus danach zu streben scheint, einen natürlichen und in diesem Sinn „realistischen“ Seheindruck wiederzugeben; eine Intention, wie sie seit der Renaissance in der Metapher des „geöffneten Fensters“ (''finestra aperta'', Alberti) bzw. eines „Spiegels der Welt“ deutlich wird:  
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==Perspektivik im Schnittpunkt bildwissenschaftlicher Fragestellungen ==
==Perspektivik im Schnittpunkt bild&shy;wissen&shy;schaft&shy;licher Frage&shy;stellun&shy;gen ==
Für den bildwissenschaftlichen Diskurs erweist sich das Prinzip der Perspektivik in seiner doppelten Bedeutung (anthropologische Prämisse bzw. unhintergehbares Basis-Prinzip einerseits, kultur-historische Variable in Bezug auf die jeweiligen historischen Ausprägungen perspektivischer Mittel andererseits) als zentrales Konzept, das – wie in der Diskussion des zentral­perspektivischen „Natürlichkeitsparadoxons“ vorgeführt – im Schnittpunkt der bildphilosophischen Kontroversen um das Verhältnis von Bild und Abbild ( ⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen]], ⊳ [[Theorien des Bildraums]]) und der Relation zwischen Subjekt und Welt (⊳ [[Wahrnehmung und Rezeption]], ⊳ [[Bildpragmatik]]) situiert ist.
Für den bildwissenschaftlichen Diskurs erweist sich das Prinzip der Perspektivik in seiner doppelten Bedeutung (anthropologische Prämisse bzw. unhintergehbares Basis-Prinzip einerseits, kultur-historische Variable in Bezug auf die jeweiligen historischen Ausprägungen perspektivischer Mittel andererseits) als zentrales Konzept, das – wie in der Diskussion des zentral­perspektivischen „Natürlichkeitsparadoxons“ vorgeführt – im Schnittpunkt der bildphilosophischen Kontroversen um das Verhältnis von Bild und Abbild ( ⊳ [[Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen]], ⊳ [[Theorien des Bildraums]]) und der Relation zwischen Subjekt und Welt (⊳ [[Wahrnehmung und Rezeption]], ⊳ [[Bildpragmatik]]) situiert ist.



Version vom 5. Oktober 2013, 13:14 Uhr

Unterpunkt zu: Bildwahrnehmung


Perspektivik als relatio­nales Prinzip

Der Terminus ‘Perspektivik’ refe­riert auf ein basa­les kogni­tives Prinzip, das inso­fern auf der grundle­genden Dispo­sition menschli­cher Raum­wahrneh­mung basiert, als konkre­te Objek­te für das sehen­de, an einen Körper gebun­dene Subjekt immer nur aus einem bestimm­ten Blickwin­kel erfass­bar sind: Beim Blick auf eine Statue bestimmt der Standort des Betrach­ters, ob die Vorder-, Rück-, Ober- oder Unter­seite des Objekts wahrnehm­bar ist. Im kano­nischen Fall der konkre­ten Perzep­tionssi­tuation ist dieser Standort bedingt durch das Hier und Jetzt des Betrach­ters: die wahrge­nomme­nen Aspek­te sind Resul­tat der jewei­ligen spatio-tempo­ralen Situ­ierung, während jeder Posi­tionswech­sel einen Wechsel der Ansicht und damit eine Verän­derung der Erschei­nung des jewei­ligen Objekts nach sich zieht (vgl. [Foppa 2002a]Foppa, Klaus (2002): Knowledge and Perspective Setting. What Possible Consequences on Conversation Do we Have to Expect?. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 17; [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 25f.). Gemäß dieser aus dem Leib­aprio­ri ableit­baren „Grundbe­dingung aller Wahrneh­mung“ ([Köller 2004a]Köller, Wilhelm (2004): Perspektivität und Sprache. Zur Struktur von Objektivierungsformen in Bildern, im Denken und in der Sprache. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 11) erweist sich das Prinzip der Perspek­tivik als standort­abhän­gige Rela­tion zwischen wahrneh­menden Subjekt und wahrge­nomme­nen Objekt. In dieser Hinsicht hat Dürer das Auge, den „Gegen­wurf“ (als Lehn­über­setzung zu lat. objec­tum) und den Abstand zwischen diesen beiden Bezugs­punkten für die Beschrei­bung von Perspek­tive als konsti­tutiv erach­tet (vgl. auch Abb. 1):

Daz erst ist daz awg, daz do siht. Daz ander ist der gegen würff, der gese­hen wirt. Daz trit ist dy weiten do tzwischen. ([Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: S. 373)[1]
Ab­bil­dung 1: Die per­spek­ti­vi­sche Seh-Kon­fi­gu­ra­ti­on bei Al­brecht Dü­rer (1525)

Von die­ser “na­tür­li­chen” Per­spek­ti­vi­tät (per­spec­ti­va na­tu­ra­lis) als grund­le­gend kog­ni­ti­vem wie ge­nu­in re­la­ti­o­na­lem Kon­zept ist die “künst­li­che” Per­spek­ti­vi­tät (per­spec­ti­va ar­ti­fi­ci­a­lis) als Dar­stel­lungs­mo­dus zu un­ter­schei­den, die auf ei­ner Über­tra­gung die­ses Grund­prin­zips ba­siert und auf­grund der Dif­fe­renz zwi­schen Ur­bild und Ab­bild in ei­nem Span­nungs­ver­hält­nis zu “na­tür­li­chen” Per­spek­ti­vie­rungs­struk­tu­ren steht. In die­ser ab­strak­ten Be­deu­tung er­weist sich das Prin­zip der Per­spek­ti­vik für die Sym­bol­sys­te­me Bild und Spra­che glei­cher­ma­ßen als ba­sal.

Vor dem Hintergrund erkennt­nistheo­reti­scher Frage­stellun­gen ist Perspek­tivi­tät zudem als Ordnungs­begriff zu verste­hen, der hinsicht­lich der konzep­tionel­len Erfas­sung von Bedeu­tungsin­halten durch die Rela­tion zwischen Objekt- und Subjekt­sphäre bestimmt ist. Das Prinzip der Perspek­tivik ist damit vor dem Hinter­grund der Frage nach dem Verhält­nis von Kogni­tion, Symbol­system und seinem Verhält­nis zur Welt zu beschrei­ben, wie sie inner­halb der Bildwis­senschaft für die Problem­bereiche von ⊳ Mime­sis, ⊳ Natu­ralis­mus und Realis­mus, ⊳ Ähnlich­keit und wahr­nehmungs­nahe Zeichen verhan­delt wird.


Perspektivik: Perspekti­ven und ‘die Per­spek­tive’

Der Terminus ‘Perspek­tive’ entstammt dem Bereich der visu­ellen Wahrneh­mung und führt ety­molo­gisch zurück auf lat. perspi­cere (‚genau sehen‘). In dieser Bedeu­tung bezeich­net die perspec­tiva natu­ralis (bzw. perspec­tiva commu­nis, visio perspec­tiva) als Über­setzung des griechi­schen Begriffs der optike techné (vgl. [Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 11) ursprüng­lich die anti­ke und mittel­alter­liche Theorie des „direk­ten, reflek­tierten oder gebro­chenen Sehens“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 85).

Von dieser “natür­lichen” Perspek­tive als psycho­physio­logi­schem Anschau­ungsmo­dus ist die perspec­tiva arti­ficia­lis als Darstel­lungsmo­dus (vgl. [Thaliat 2005a]Thaliat, Babu (2005): Perspektivierung als Modalität der Symbolisierung. Erwin Panofskys Unternehmung zur Ausweitung und Präzisierung des Symbolisierungsprozesses in der Philosophie der symbolischen Formen von Ernst Cassirer. Königshausen & Neumann, Würzburg.
: S. 204) bzw. „Perspek­tive der Maler“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 11) zu trennen, wie sie termi­nolo­gisch auch unter den Aus­drücken der ‘ange­wandten Perspek­tive’, ‘ars perspec­tiva’, ‘künstle­rischen’ bzw. ‘künstli­chen Perspek­tive’ gefasst wird und sich beispiels­weise als Farb-, Licht- und Luftper­spekti­ve bzw. Bedeu­tungs-/Rele­vanzper­spekti­ve etc. objek­tiviert zeigt (⊳ Perspek­tive und Projek­tion). Seit der Renais­sance wird der Termi­nus der künstli­chen Perspek­tive nun nicht vorzugs­weise als allge­meine Bezeich­nungswei­se für Projek­tionsver­fahren spatia­ler Darstel­lung verwen­det, sondern eben­falls als Bezeich­nung für den spezi­fischen Darstel­lungsmo­dus der Zentral- bzw. Linear­perspek­tive als syste­mati­sche Verfah­renswei­se zur Darstel­lung des drei­dimen­siona­len Raumes auf einer zwei­dimen­siona­len Ober­fläche ([O’Riley 1998a]O’Riley, Tim (1998): Representing Illusions: Space, Narrative and the Spectator. College of Art & Design, Chelsea.
: S. 17), die seit ihrer Entwick­lung im 14. Jahrhun­dert als der korrek­te Darstel­lungsmo­dus der visio perspec­tiva menschli­cher Wahrneh­mung gilt und damit zur Perspek­tive per se wird. Diese Bedeu­tungsver­engung ist bereits in der Bezeich­nung Dürers der (Zentral-)Perspek­tive als „durch­sehung“ abzu­lesen („Item prospec­tiua ist ein latei­nisch wort, pedewt ein durch­sehung“, [Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: S. 373), als das Bild des „Durch­blicks“ das linear­perspek­tivi­sche Konzept der Zentrie­rung des Blickfelds impli­ziert.

Der Ausdruck ‘Perspektive’ erweist sich damit als doppel­deutig: Er verweist zum einen auf das Konzept der Perspek­tivik als uni­versa­le Basis­prämis­se für jede Wahrneh­mungs- wie Darstel­lungsform (⊳ Abschnitt 3). Zugleich wird vor dem Hinter­grund der obi­gen Begriffs­bestim­mung deutlich, dass zwischen den jewei­ligen Ausprä­gungen von Perspek­tivi­tät in Abhän­gigkeit zum jewei­ligen kultur­histo­rischen Bedin­gungsge­füge zu diffe­renzie­ren ist (⊳ Abschnitt 4). Diese Ambi­guität spiegelt sich exem­plarisch in den Kontro­versen um den Status der Zentral­perspek­tive wider: auf der indi­vidu­ellen Ebe­ne in der Frage nach dem Verhält­nis des zentral­perspek­tivi­schen Darstel­lungs- zum “natür­lichen” Wahrneh­mungsmo­dus (Natür­lichkeits­para­doxon), auf der kultu­rellen Ebe­ne in der Kontro­verse um den Status als symbo­lische Form bzw. kultur­gebun­denes Dispo­sitiv (⊳ Abschnitt 4.2).


Perspektivik als anthropo­logi­sche Basis­prämisse

Perspektivik als kognitives Basis­konzept: Der Stand­ort des Be­trach­ters

Während die spatio-temporale Gebun­denheit des Individuums eine unhintergehbare Basisprämisse stellt, setzt das Prinzip der Perspektivik als standortgebundene Wahrnehmung eines Objekts die Gegebenheit potentieller Alternativen zum jeweils aktuellen Blickwinkel voraus. Die Erkenntnis der mit dieser Grunddisposition verbundenen Relativität der Betrachtung und die daran geknüpfte Fähigkeit, sich von der eigenen Perspektive lösen zu können und andere potentielle Standorte als gleichberechtigte Alternativen zu erkennen, ist die Voraussetzung für perspektivisches Denken, wie es als inhärentes Charakteristikum der menschlichen Kognition gilt (vgl. [Canisius 1987a]Canisius, Peter (1987): Einleitung. In: Canisius, P. & Gerlach, M. (Hg.), Perspektivität in Sprache und Text. Brockmeyer, Bochum.
: S. xiii), muss ontogenetisch aber erst erworben werden: Leibapriorisch bedingt ist die primäre Phase der Entwicklung monoperspektivisch geprägt, als Kinder in diesem frühen Stadium zunächst nicht in der Lage sind, sich mental an einen anderen Sehepunkt versetzen zu können (vgl. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
; [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 29). Erst durch die Überwindung des „intellektuellen Egozentrismus“ ([Piaget & Inhelder 1972a]Piaget, Jean & Inhelder, Bärbel (1972): Die Psychologie des Kindes. Walter, Olten.
) kommt es mit der Entwicklung des Bewusstseins des eigenen Subjekts zur Ausprägung der Fähigkeit perspektivischen Denkens.

Das bewusste Einnehmen einer Perspektive und deren Vermittlung sind in diesem Sinne abstrakte mentale Fähigkeiten. Obgleich ausgehend vom konkreten „Augenpunkt“ innerhalb der Perzeptionssituation ist damit der point of view als Ausgangspunkt der Perspektivensetzung nicht mit der physikalischen Verortung eines aktuellen Betrachters gleichzusetzen. Dies gilt auch für bildliche Darstellungen, als auch dort der Ausgangspunkt einer Perspektive – analog zur Konzeptionalisierung von Raum-Relationen in der Sprache (vgl. [Levinson 2003a]Levinson, Stephen C. (2003): Space in Language and Cognition. Explorations in Cognitive Diversity. Cambridge University Press, Cambridge.
) – als abstraktes Projektionszentrum zu verstehen ist, der „außerräumlich imaginär“ ([Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 18) bleibt, vgl. [Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
:

this point itself, although constitutive for the perspectival representation, remains unrepresented and, hence, psychologically inconspicuous. In other words, the basic and constitutive implicitness of perspectivity is to be seen in the nonrepresentational inconspicuousness of the point of view, which in turn is constitutive of the perspectival structure of representation. ([Graumann 2002a]Graumann, Carl Friedrich (2002): Explicit and Implicit Perspectivity. In: Graumann, C. F. & Kallmeyer, W. (Hg.), Perspective and Perspectivation in Discourse. Benjamins, Amsterdam, Philadelphia.
: S. 29)

Perspektivität als pragma­ti­sche Kate­gorie: »Subjek­tivi­tät«

Die Notwendigkeit der konzeptuellen Trennung zwischen dem realen Betrachter und der inhärenten Perspektivik einer bildlichen Darstellung spiegelt sich auch in der Diskussion von Perspektivität als „subjektive“ Kategorie wider: Innerhalb einer konkreten Perzeptionssituation ist die Betrachtung eines Objekts zunächst bedingt durch die Egozentrik menschlicher Wahrnehmung. Parallel hierzu ist auch jede abstrakte Perspektivensetzung bedingt durch einen Sehepunkt, der implizit ein Subjekt voraussetzt (vgl. [Mitchell 1992a]Mitchell, William J.T. (1992): The Reconfigured Eye. Visual Truth in the Post-Photographic Era. MIT Press, Cambridge, MA.
: 134). Insbesondere der Darstellungsmodus der Zentralperspektive wird in dieser Hinsicht als „subjektiv“ beschrieben, da die Zentrierung auf einen „Augenpunkt“ als Relation zum Subjekt gewertet wird, wie auch Dürer das „awg“ als „daz erst“ ([Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
: 373) bzw. als primär konstituierendes Merkmal für jede (zentral-)perspektivische Darstellung gilt. In dieser Hinsicht ist Perspektivik als „subjektives“ Prinzip und damit als pragmatische Kategorie (⊳ Bildpragmatik) zu werten. Die Bewertung als „subjektiv“ bleibt terminologisch jedoch insofern vage, als das abstrakte Projektionszentrum einer bildlichen Darstellung nicht mit einem realen Betrachter gleichgesetzt werden kann und dadurch eine Dopplung von „Subjektivität“ auf unterschiedlichen Ebenen zu berücksichtigen ist. Vor diesem Hintergrund ist auch die allgemeine Kritik am „Subjektivismus“ bildwissenschaftlicher Theoriebildung von [Maynard 2003a]Maynard, Patrick (2003): Pictures of Perspective: Theory or Therapy?. In: Hecht, H. & Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
und Hyman zu lesen: Wie Hyman auch im Rückgriff auf Alberti (De pittura, Buch 1, 19) ausführt, muss die Beschreibung von Perspektive unabhängig von der ‚Leistung der Augen in der visuellen Wahrnehmung‘ erfolgen (vgl. [Hyman 2006a]Hyman, John (2006): The Objective Eye: Color, Form, and Reality in the Theory of Art. University of Chicago Press, Chicago.
: S. 223 bzw. [Hyman 2009a]Hyman, John (2009): Perspective. In: Cooper, D. et al. (Hg.), A Companion to Aesthetics. Backwell, Oxford.
: S. 469).

Perspektivik als erkenntnis­theore­tische Kate­gorie: Rela­tivi­tät und point of view

Vor dem Hintergrund abstrakter Blickwinkel und der Frage nach dem Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt ist das Konzept der Perspektivik für die Bildwissenschaft nicht nur als Prinzip bildlicher Darstellung in Bezug auf die technische Konstruktionsweise der Raumdarstellung relevant, sondern prägt ebenfalls in zentraler Weise die bildphilosophische Diskussion um die Frage nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt. In der durch die Gebundenheit an einen Point of View bedingten Relativität prägt die Subjekt-Objekt-Korrelation als das „polare Grundgerüst des Erkennens“ ([Boehm 1969a]Boehm, Gottfried (1969): Studien zur Perspektivität. Philosophie und Kunst in der frühen Neuzeit. Carl Winter, Heidelberg.
: S. 13) entscheidend die Erfassung des Wahrnehmungsobjekts in seinem Verhältnis zur „Welt“. Perspektivität und Realitätsverständnis stehen damit in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis, wie es neuzeitlich durch das Primat der visuellen Wahrnehmung geprägt ist: Als real erscheint das, was e-vident, d.h. sichtbar ist. In dieser Hinsicht erweist sich das Prinzip der Perspektivik als Verhältnis zwischen Objekt – Subjekt – Welt durch seine Interdependenz mit Fragen der Weltanschauung geprägt und damit historisch gesehen als variabel. Die Frage nach einer möglichen Korrelation zwischen Raumwahrnehmung, Darstellungssystem und Denksystem spiegelt sich in der Diskussion um die historischen Ausprägungen von Perspektivität und deren Status als Dispositiv, wie sie exemplarisch in Bezug auf den Stellenwert der Zentralperspektive als „symbolische Form“ verhandelt wird.


Perspektivik als kultur­histo­risches Kon­zept

Von Aspektive zu Perspek­tive: Kunst­geschich­te als Per­spekti­venwan­del

Als kulturabhängiges Konzept ist das Verhältnis von Betrachtersubjekt und Wahrnehmungsgegenstand dem historischen Wandel unterzogen, wie er in den verschiedenen Ausprägungen der Perspektivierungstechniken innerhalb der verschiedenen Epochen sichtbar wird: Während grundsätzlich alle Bilder – im allgemeinen Sinn des Wortes – „perspektivisch“ sind, unterscheiden sich die Darstellungsformen im historischen Kontext in Bezug auf die Art und Weise der Darstellungspräferenzen und der eingesetzten Perspektivierungsmittel. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
hat in dieser Hinsicht die Begriffs-Dichotomie Aspektive vs. Perspektive geprägt, wobei diese dichotomische Gegenüberstellung bereits eine Verwendung des Begriffs der Perspektive in der Bedeutung ‚Zentralperspektive‘ impliziert. Aspektivische Darstellungsformen, wie sie in den frühen Kulturstufen im antiken Ägypten bzw. in den geometrischen und archaischen Stilformen des antiken Griechenlands vorliegen, zeichnen sich dadurch aus, dass einzelne konventionelle Merkmale als Charakteristika d.h. „Aspekte“ der damit als „Urbilder“ bzw. „Begriffsbilder“ konzeptionalisierten Objekte in einem Bild additiv nebeneinander gestellt werden, ohne dass ein einheitlicher Sehepunkt als Organisationsprinzip wirkt. Neben dem damit verbundenen Fehlen optischer Verkürzungen und tiefenräumlicher Wirkung sind aspektivische Bilder insbesondere durch parataktische Relationen der einzelnen Objekte zueinander geprägt. Innerhalb des „Aggregatraums“ (in Abgrenzung zum späteren „Systemraum“, vgl. [Panofsky 1927a]Panofsky, Erwin (1927): Die Perspektive als symbolische Form. In: Saxl, F. (Hg.), Vorträge der Bibliothek Warburg, 1924/25. Teubner, Leipzig, Berlin.
) unterbleibt eine temporal-lokale Situierung der Objekte, die damit keinen referentiellen Eigenwert besitzen, sondern als „Begriffsbilder“, als Bilder des „So-Seins“ fungieren. Aspektivische und perspektivische Bilder unterscheiden sich damit in Bezug auf das Verhältnis ihrer Einzelteile zum Bildganzen sowie in Bezug auf ihr Verhältnis zueinander. In zentralperspektivischen Darstellungen kommt es dagegen zu einem einheitlichen Sehepunkt, der als Ordnungsinstanz die Raumdarstellung bestimmt, wie es auch im Bild der „Sehstrahlen“ bzw. „Sehpyramide“ deutlich wird (vgl. Abb. 2).

Abbildung 1: Das Bild als Schnitt durch die Sehpyramide bei Leon Battista Alberti (1436)

Die Unterschiede zwischen Aspektive und Perspektive führt [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
: S. 3) auf unterschiedliche kognitive Wahrnehmungsleistungen zurück, wie sie sich auch in unterschiedlichen Bereichen wie Menschenbild, Religion, Mythos, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Die damit angesprochene Frage nach einem Zusammenhang zwischen Repräsentationssystem und Wahrnehmungsmodus steht in der Tradition der von [Panofsky 1927a]Panofsky, Erwin (1927): Die Perspektive als symbolische Form. In: Saxl, F. (Hg.), Vorträge der Bibliothek Warburg, 1924/25. Teubner, Leipzig, Berlin.
angestoßenen Debatte nach dem Status der Zentralperspektive, die dieser – ausgehend von der Beobachtung der historischen Varianz perspektivischer Darstellungen und der Argumentation [Hauck 1879a]Hauck, Guido (1879): Die Subjektive Perspektive und die Horizontalen Curvaturen des Dorischen Styls: Eine perspektivisch-ästhetische Studie. Wittwer, Stuttgart.
gegen die „Natürlichkeit“ der Zentralperspektive – als eine historische Variante im Sinn einer „symbolischen Form“ [Cassirer 2010a]Cassirer, Ernst (2010): Philosophie der symbolischen Formen. Dritter Teil: Phänomenologie der Erkenntnis. Meiner, Hamburg.
Nicht angezeigt: hrsg. von B. Recki
wertet. Diese These hat seitdem in der Bildwissenschaft zu einer „Sapir-Whorf-Kontroverse“ geführt, als in ihr in nuce zentrale Fragen nach dem Verhältnis von Bild – Denken – Welt verhandelt werden.

Die Zentralperspektive als symbo­lische Form: Das Natür­lichkeits­para­doxon

Die Zentralperspektive bzw. costruzione legittima, gilt seit ihrer Entstehung im 14. Jahrhundert aufgrund der einheitlichen Zentrierung des Blicks auf einen „Augenpunkt“ als die „natürliche“ Form der Perspektive. Hinsichtlich des Verhältnisses von Wahrnehmungssubjekt und Objekt scheint die Bewertung als „natürlich“ zunächst intuitiv plausibel, da das Ziel des zentralperspektivischen Darstellungsmodus danach zu streben scheint, einen natürlichen und in diesem Sinn „realistischen“ Seheindruck wiederzugeben; eine Intention, wie sie seit der Renaissance in der Metapher des „geöffneten Fensters“ (finestra aperta, Alberti) bzw. eines „Spiegels der Welt“ deutlich wird:

Die Perspektive ist nichts anderes, als wenn man eine Szene hinter einem flachen und gut durchsichtigen Glas sieht, auf dessen Fläche alle Gegenstände aufgezeichnet sind, die sich hinter dem Glas befinden. (Leonardo da Vinci, Libro di pittura, in [Chastel 1990a]Chastel, André (1990): Leonardo. Sämtliche Gemälde und die Schriften zur Malerei. Schirmer/Mosel, München.
: 246)

Gegen die Bewertung der Zentralperspektive als „natürlich“ sind unterschiedliche Gegenargumente vorgebracht worden. Die Diskussion fokussiert dabei zum einen auf die Differenzen zwischen Abbild und natürlichem Sehvorgang (so ist in dieser Hinsicht u.a. vorgebracht worden, dass der Ausgangspunkt zentralperspektivischer Darstellungen auf das Auge eines „Zyklopen“ ([Damisch 2010a]Damisch, Hubert (2010): Der Ursprung der Perspektive. Diaphanes, Zürich.
: S. 55) reduziert werde sowie dass gekrümmte Linien dem retinalen Seheindruck eher als gerade Linien entsprechen würden (vgl. [Hauck 1879a]Hauck, Guido (1879): Die Subjektive Perspektive und die Horizontalen Curvaturen des Dorischen Styls: Eine perspektivisch-ästhetische Studie. Wittwer, Stuttgart.
; zur kritischen Bewertung vgl. [Pirenne 1952/53a]Pirenne, Maurice (1952): The Scientific Basis of Leonardo da Vinci’s Theory of Perspective. British Journal for the Philosophy of Science, 3.
: S. 169; [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
: 186f.). Zum anderen wird argumentiert, dass die perspektivische Darstellung grundsätzlich zu einer „Verzerrung“ der Abbildung führen müsse und damit einem natürlichen Seheindruck entgegen stehe (vgl. bereits bei Platon; [Hub 2009a]Hub, Berthold (2009): Platon und die bildende Kunst. Eine Revision. Plato. The Internet Journal of the International Plato Society, 9.
Webadresse: gramata.univ-paris1.fr/Plato
). Beide Einwände lassen dabei jedoch die grundlegende Unterscheidung zwischen perzeptiver Wahrnehmung und konzept-bedingten Darstellungsformen unberücksichtigt, so dass die Natürlichkeitsthese vor der Beobachtung der historischen Varianz der Perspektivierungsformen als paradox erscheint: Die Rolle der Zentralperspektive als „seltener Sonderfall“ ([Schweitzer 1953a]Schweitzer, Bernhard (1953): Vom Sinn der Perspektive. Niemeyer, Tübingen.
: 11) in der Kunstgeschichte und die analog dazu sich bei Kindern erst spät entwickelnde perspektivische Darstellung (vgl. [Brunner-Traut 1992a]Brunner-Traut, Emma (1992): Frühformen des Erkennens am Beispiel Altägyptens. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
) deuten darauf hin, dass die Zentralperspektive aus phylo- wie ontogenetischer Sicht eine komplexe Entwicklungsstufe darstellt und nicht als „natürlich“ beschrieben werden kann.

Als Frage nach der theoretischen Erfassung der Relation zwischen Bild und Welt erweist sich die Kontroverse um die „Natürlichkeit“ insofern als relevant, als diese an die für die Bildphilosophie zentrale Frage geknüpft ist, ob die Relation von Bild und Welt grundsätzlich als ein genuines Entsprechungsverhältnis zwischen Bild und Abgebildetem (vgl. [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
; [Pirenne 1952/53a]Pirenne, Maurice (1952): The Scientific Basis of Leonardo da Vinci’s Theory of Perspective. British Journal for the Philosophy of Science, 3.
: S. 170; [Gombrich 1962a]Gombrich, Ernst H. (1962): Art and Illusion. A Study in the Psychology of Pictorial Representation. Phaidon, London.
) oder als historisch bedingte Konvention (vgl. [Goodman 1995a]Goodman, Nelson (1995): Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
) zu gelten hat. Die Bewertung der „Natürlichkeit“ steht damit zum einen in Abhängigkeit der jeweils zugrunde gelegten Axiomatik. Gleichzeitig wird vor der Differenzierung der mit dem Prinzip der Perspektivik verbundenen Relationen deutlich, dass zwischen den Fragen, wie bzw. was wir sehen – zwei Fragen, die in der auf dem visuellen Primat gründenden Wirklichkeitsauffassung der Neuzeit häufig gleichgesetzt werden – zu trennen ist (vgl. auch [Rehkämper 2003a]Rehkämper, Klaus (2003): What You See Is What You Get: The Problems of Linear Perspective. In: Hecht, H., Schwartz, R. & Atherton, M. (Hg.), Looking into Pictures. An Interdisciplinary Approach to Pictorial Space. MIT Press, Cambridge, MA.
: S. 184): Während sich in Bezug auf das Verhältnis der Dinge zur Welt angesichts der Unterschiede innerhalb der historischen Darstellungsformen die diesbezügliche Ähnlichkeitsrelation als „historische Variable“ ([Giuliani 2003a]Giuliani, Luca (2003): Bild und Mythos. Geschichte der Bilderzählung in der griechischen Kunst. C.H. Beck, München.
: S. 25) erweist, ist in Bezug auf die für das Prinzip der Perspektivik konstitutive Relation zwischen Betrachtersubjekt und Wahrnehmungsgegenstand – wie sie sich rekursiv auf mehreren Ebenen der Bildbetrachtung zeigt – zwischen dem Seheindruck der perspectiva naturalis, der dem strukturellen Prinzip der visuellen Wahrnehmung folgt, und der perspectiva artificialis als Darstellungsmodus zu unterscheiden. Aufgrund der sich gegenseitig bedingenden Verschränkung dieser Ebenen und ihrer Interdependenz zum Realitätsverständnis, wie sie insbesondere im neuzeitlichen Denken anhand der Subjektivismus-Debatte deutlich wird, zeigt sich eine Bewertung perspektivischer Bilder hinsichtlich der Relation zwischen Darstellungsmodus und abgebildetem Gegenstand damit nur vor der Folie des kultur-historischen Bedingungsgefüges als möglich.


Perspektivik im Schnittpunkt bild­wissen­schaft­licher Frage­stellun­gen

Für den bildwissenschaftlichen Diskurs erweist sich das Prinzip der Perspektivik in seiner doppelten Bedeutung (anthropologische Prämisse bzw. unhintergehbares Basis-Prinzip einerseits, kultur-historische Variable in Bezug auf die jeweiligen historischen Ausprägungen perspektivischer Mittel andererseits) als zentrales Konzept, das – wie in der Diskussion des zentral­perspektivischen „Natürlichkeitsparadoxons“ vorgeführt – im Schnittpunkt der bildphilosophischen Kontroversen um das Verhältnis von Bild und Abbild ( ⊳ Ähnlichkeit und wahrnehmungsnahe Zeichen, ⊳ Theorien des Bildraums) und der Relation zwischen Subjekt und Welt (⊳ Wahrnehmung und Rezeption, ⊳ Bildpragmatik) situiert ist.

Anmerkungen
  1. ↑ Dü­rer nennt an die­ser Stel­le ins­ge­samt fünf kon­sti­tu­ti­ve Ele­men­te der Per­spek­ti­ve, wo­bei die bei­den wei­te­ren Merk­ma­le („Daz firt: al­ding sicht man durch ge­rad li­nj, daz sind dy kürt­zes­ten li­nj. Item daz fünft ist dy teil­lung von ein an­der der ding, dy dw sichst“; zit. nach [Rupprich 1969a]Rupprich, Hans (1969): Dürer, schriftlicher Nachlaß. Band 2: Die Anfänge der theoretischen Studien. Das Lehrbuch der Malerei: Von der Mass der Menschen, der Pferde, der Gebäude; Von der Perspektive; Von Farben. Ein Unterricht alle Mass zu ändern. Deutscher Verein für Kunstwissenschaft, Berlin.
    : S. 373) durch die spe­zi­fi­sche Cha­rak­te­ris­tik der Zen­tral­per­spek­ti­ve be­dingt sind, die für Dü­rer als die Per­spek­ti­ve gilt.
Literatur
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