Kontextbildung: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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==Piktoriale Kontextbildung==
==Piktoriale Kontext­bil­dung==


Wie oben bereits erwähnt können adverbiale Ergänzungen, die auf ein Bild verweisen, als Kontextreferenzierungen verwendet werden. So mag etwa der Ausdruck ‘in Picassos «Les Demoiselles d'Avignon»’ ganz zwanglos als Kontextbildung etwa für die Behauptung, dass ‘drei Frauen eine Art afrikanische Masken tragen’, dienen. In Abwesenheit des Bildes bleibt die Kontextbildung allerdings rein logisch. Angesichts des Bildes aber kann jene Behauptung als ''empirisch'' offensichtlich falsch entschieden werden. Die Vermutung liegt nahe, dass die Kontextreferenzierung durch den Verweis auf das Bild tatsächlich sekundär gegenüber der ursprünglicheren Kontextbildung im engeren Sinne durch die Präsentation des Bildes selbst ist. In der Tat werden mit Bildern in der Regel [[sortale Gegenstände und Individuation|individuierte Gegenstände]] in einer Art gemeinsamer Situation dargestellt – eine Äußerung, die durchaus auch für Romane zutrifft, auch wenn es ansonsten viele Unterschiede gibt. Insbesondere handelt es sich bei der piktorialen Kontextbildung im Gegensatz zu der rein logischen Kontextbildung durch einen Text um eine zumindest partiell empirisch Kontextbildung, denn die Geltung der Prädikationen von visuellen Merkmalen oder davon abhängigen anderen Unterscheidungen können im [[Theorien des Bildraums|Bildraum]] mehr oder weniger unmittelbar überprüft werden. Die piktorial vermittelten Kontexte erscheinen also als partiell mit der je aktuellen Verhaltenssituation verschmolzen.  
Wie oben bereits erwähnt können adver­biale Ergän­zungen, die auf ein Bild verwei­sen, als Kontext­refe­renzie­rungen verwen­det werden. So mag etwa der Ausdruck ‘in Picas­sos «Les Demoi­selles d'Avig­non»’ ganz zwanglos als Kontext­bildung etwa für die Behaup­tung, dass ‘drei Frauen eine Art afri­kanische Masken tragen’, dienen. In Abwe­senheit des Bildes bleibt die Kontext­bildung aller­dings rein logisch. Ange­sichts des Bildes aber kann jene Behaup­tung als ''empi­risch'' offen­sichtlich falsch entschie­den werden. Die Vermu­tung liegt nahe, dass die Kontext­refe­renzie­rung durch den Verweis auf das Bild tatsäch­lich sekun­där gegen­über der ursprüng­liche­ren Kontext­bildung im enge­ren Sinne durch die Präsen­tation des Bildes selbst ist. In der Tat werden mit Bildern in der Regel [[sortale Gegenstände und Individuation|indi­vidu­ierte Gegen­stände]] in einer Art gemein­samer Situ­ation darge­stellt – eine Äuße­rung, die durchaus auch für Roma­ne zutrifft, auch wenn es ansons­ten viele Unter­schiede gibt. Insbe­sonde­re handelt es sich bei der pikto­rialen Kontext­bildung im Gegen­satz zu der rein logi­schen Kontext­bildung durch einen Text um eine zumin­dest partiell empi­risch Kontext­bildung, denn die Geltung der Prädi­katio­nen von visu­ellen Merkma­len oder davon abhän­gigen ande­ren Unter­scheidun­gen können im [[Theorien des Bildraums|Bildraum]] mehr oder weni­ger unmit­telbar über­prüft werden. Die pikto­rial vermit­telten Kontex­te erschei­nen also als partiell mit der je aktu­ellen Verhal­tenssi­tuation verschmol­zen.  
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Dass ‘Bildverwendung grundlegend visuell-empirische Kontextbildung im engeren Sinne’ sei ist daher die Kernthese der modalen Bildtheorie. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Kontexte für verschiedene Bildarten durchaus unterschiedlich gebildet werden.
Dass ‘Bildverwendung grundlegend visuell-empirische Kontextbildung im engeren Sinne’ sei ist daher die Kernthese der modalen Bildtheorie. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Kontexte für verschiedene Bildarten durchaus unterschiedlich gebildet werden.

Version vom 20. August 2013, 18:35 Uhr

Unterpunkt zu: Bildpragmatik


Der Zugang zu nicht-gegen­wärti­gen Situ­ati­onen

Lebewesen beschäftigen sich gemein­hin ausschließ­lich mit der ihnen direkt gege­benen Umwelt. Vergan­genes erscheint allen­falls impli­zit in gera­de akti­vierten Verhal­tenswei­sen, inso­fern diese vorgän­gig durch bestimm­te Situ­atio­nen verän­dert worden sind, Zukünf­tiges als Erfül­lungsbe­dingun­gen aktu­eller Wünsche. Demge­genüber beherrscht der Mensch die Fähig­keit, sich spontan aus dem Hier und Jetzt zu lösen und sein aktu­elles Verhal­ten auch expli­zit an nicht-gegen­wärti­gen Situ­atio­nen auszu­richten. Das zeigt sich nicht zuletzt in der Verwen­dung von Propo­sitio­nen, also von Zeichen­handlun­gen, die über einen Sachbe­zug verfü­gen, insbe­sonde­re den Aussa­gen.

Der spezifische Kontext­bezug, der eine zentra­le funktio­nale Voraus­setzung für Aussa­gen darstellt (⊳ Moda­lität), wird in der Regel durch eine eige­ne Kompo­nente in der Gesamt­zeichen­handlung, die die Aussa­ge bildet, herge­stellt. Das ist die Kontext­bildung. Teilzei­chenhand­lungen, die Hinwei­se darauf geben, dass nun über eine bestimm­te vergan­gene oder zukünf­tige, hypo­theti­sche oder fikti­ve Situ­ation gespro­chen wird oder über eine Situ­ation aus der Perspek­tive eines ande­ren, sind typi­sche Formen der Kontext­bildung (dazu unten mehr).

Das, was linguistisch oft verall­gemei­nert das ‘Diskurs­univer­sum’ einer Gruppe mit­einan­der Kommu­nizie­render genannt wird, besteht, genau­er bese­hen, aus einer dyna­mischen Struktur von verschie­denen Kontex­ten, die auf vielfäl­tige Weise mit­einan­der verbun­den und in­einan­der geschach­telt sein können. Zum einen können indi­vidu­elle sorta­le Objek­te die Kontex­te über ihre raumzeit­liche Ent­wicklung mit­einan­der verbin­den. Zum ande­ren beste­hen Einbet­tungsver­hältnis­se, wenn ein Kontext von einem ande­ren Kontext aus erreich­bar ist, d.h. aus ihm abge­leitet werden kann. Die unmit­telba­re Äuße­rungssi­tuation stellt meist den Ausgangs­punkt für Kontext­bildun­gen dar, die ande­re Kontex­te so in jene einbet­ten, dass die Kommu­nika­tionspart­ner sich nicht nur auf Objek­te in entwe­der dem aktu­ellen oder dem einge­bette­ten Kontext bezie­hen können (⊳ Nomi­nation). Vielmehr sind sie auch in der Lage, Bezie­hungen zwischen beiden (bzw. zwischen den so verfüg­baren Erschei­nungswei­sen ein und dessel­ben Gegen­stands) herzu­stellen.[1]

Ab­bil­dung 1: ‘Or­son Wel­les ist Al­fred Hitch­cock’ – Bei­spiel für un­ei­gent­li­che Iden­ti­täts­aus­sa­gen mit zwei men­ta­len Räu­men bei Fau­con­nier

Die Be­zeich­nung ‘Kon­text­bil­dung’ schließt an die Ter­mi­no­lo­gie von Gil­les Fau­con­nier an, der in [Fauconnier 1985a]Fauconnier, Gilles (1985): Mental Spaces. Aspects of Meaning Construction in Natural Language. MIT Press, Cambridge, MA.
ei­nen lin­gu­is­ti­schen An­satz zum sprach­li­chen Sach­be­zug aus­ge­ar­bei­tet hat: Ein ‘men­tal space’ be­zeich­net dort ei­ne in­ten­ti­o­na­le Men­ge von Ge­gen­stän­den, auf die man sich sprach­lich be­zieht. Sie werden lingu­istisch durch so genann­te ‘space builder’ erzeugt und können dann komple­xe Einbet­tungsstruk­turen bilden mit verschie­denen Arten von Verbin­dungen zwischen Gegen­ständen in unter­schiedli­chen menta­len Räumen. Mit dieser Konzep­tion kann Faucon­nier eine Reihe von Schwierig­keiten, die sich unter ande­rem bei der lingu­isti­schen Ana­lyse der Refe­renzbe­ziehung für kontra­fakti­sche Aussa­gen und bei unei­gentli­chen Iden­titäts­aussa­gen (vgl. Abb. 1) stellen, auf ele­gante Weise lösen.[2]


Kontextbildung und Kontext­refe­renzie­rung

Der Akt der Kontextbildung umfasst, genau genom­men, zwei Unter­arten. Zum einen kann durch eine (Teil-)Zeichen­handlung ein unab­hängig davon zugäng­licher Kontext ins Spiel gebracht werden: Dies heißt Kontext­refe­renzie­rung. Kontext­refe­renzie­rung geschieht etwa durch expli­zite oder impli­zite Hinwei­se auf Ort und Zeit. Bereits Tempus­anga­ben können so impli­zit einen zeitlich bestimm­ten Kontext in den Fokus rücken, ihn von der Äuße­rungssi­tuation aus “zugäng­lich” machen.[3]

Zum anderen kann ein Kontext durch die (Teil-)Zeichen­handlung zual­lererst erzeugt werden: Es handelt sich dann um eine Kontext­bildung im enge­ren Sinn. Beispiels­weise stellt eine Erzäh­lung eine (sehr komple­xe) Form der Kontext­bildung im enge­ren Sinn dar, da die Menge der darin erwähn­ten Gegen­stände, ihre Verhält­nisse zuein­ander und deren zeitli­che Entwick­lung nicht unab­hängig von der Gesamt­zeichen­handlung, die die Erzäh­lung bildet, beste­hen. Die Wahrheit einer Aussage über diese Gegen­stände kann letztlich nur anhand der Sachbe­züge der Sätze im Text der Erzäh­lung (rela­tiv zu einer ange­nomme­nen Kommu­nika­tionssi­tuation bei der Rezep­tion des Textes; ⊳ Bildre­zeption als Kommu­nika­tionspro­zess) über­prüft werden. Der durch eine solche Kontext­bildung vermit­telte Kontext umfasst nicht einfach die Menge der Sachbe­züge, die im Verlauf des erzähl­ten Textes expli­zit ange­geben werden. Vielmehr handelt es sich um einen der Kontex­te, in denen unter ande­rem all jene Sachbe­züge gelten und weite­re Sachver­halte, die die Rezi­pienten als hier gültig voraus­setzen (Präsup­posi­tionen), sowie die daraus insge­samt mögli­chen Impli­katio­nen (deduk­tive Vollstän­digkeit der Situ­ation); der vermit­telte Kontext ist also zu einem gewis­sen Grad abhän­gig von den Zeichen­handeln­den und damit von der Äuße­rungssi­tuation (herme­neuti­scher Zirkel).

Ein medienverweisendes Satz­adverb, wie etwa ‘in Uwe Johnsons Roman «Jahres­tage»’ ist damit ein auf eine solche Kontext­bildung im enge­ren Sinn verwei­sende Kontext­refe­renzie­rung. Ana­loges gilt für Verwei­se auf ande­re Medien, insbe­sonde­re Bilder und Filme: ‘in Leonar­do da Vincis Gemäl­de «Die Dame mit dem Herme­lin»’, ‘in Alfred Hitch­cocks Film «Verti­go»’. Das legt die Vermu­tung nahe, dass Kontext­bildung im enge­ren Sinn eine grundle­gende kommu­nika­tive Funktion des Bildge­brauchs darstellt (⊳ moda­le Bildthe­orie).

Ungesättigte oder gesät­tig­te Kon­text­bil­dung

Ein augenfälliger Unterschied zwischen den oben erwähnten Bei­spielen für Kontext­bildun­gen liegt darin, dass Tempus­anga­ben, tempo­rale und loka­le Satzad­verbien und adver­biale Ergän­zungen mit Verwei­sen auf medi­ale Werke für sich allei­ne nicht vorkom­men können: Sie sind (im Sinne Freges) unge­sättigt und bedür­fen weite­rer Teilzei­chenhand­lungen, die in der Regel eine Propo­sition rela­tiv zu dem gebil­deten Kontext vollzie­hen. Demge­genüber ergibt eine Erzäh­lung insge­samt eine gesät­tigte, d.h. für sich allei­ne stehen­de Form der Kontext­bildung. Wiede­rum lässt sich diese Abge­schlossen­heit auch für ande­re medi­ale Formen der Kontext­bildung im enge­ren Sinn (auf die, wie oben ange­geben, durch sprachli­che Kontext­refe­renzie­rungen verwie­sen werden kann) anneh­men, insbe­sonde­re Bilder. Ihre Verwen­dung entsprä­che dann einer gesät­tigten Kommu­nika­tionshand­lung mit dem Ziel, einen neuen nun gemein­sam verfüg­baren (komple­xen) Kontext im Diskurs­uni­versum der Kommu­nika­tionspar­tner einzu­führen.

Gleichwohl ist zu beachten, dass eine solche Kontext­bildung in aller Regel nicht nur zum Selbstzweck durchge­führt wird: Sie hat zunächst prinzi­piell den Sinn, die neu einge­führten Kontex­te als Basis für weite­res gemein­schaftli­ches Handeln (insbe­sonde­re auch Reden da­rüber) nutzen zu können. Die gesät­tigte Kontext­bildung steht mithin immer im Rahmen weite­rer kommu­nika­tiver Inter­akti­onen zwischen den Betei­ligten.

Sachbezug und Wahrheit bei Kon­text­bil­dung

Da Kontextbildungen die Basis für Propo­sitio­nen bilden, handelt es sich zumin­dest bei den Kontext­bildun­gen im enge­ren Sinn um Zeichen­handlun­gen, die selbst keinen Sachbe­zug aufwei­sen, da ansons­ten ein infi­niter Regress aufträ­te. Die Kontext­bildung im enge­ren Sinn führt den Kontext zual­lererst ein, auf den sich ein poten­tieller Sachbe­zug der Zeichen­handlung bezie­hen müsste: Die Kontext­bildung eröff­net über­haupt die Möglich­keit, eine ande­re Zei­chen(teil)hand­lung mit Sachbe­zug zu vollzie­hen. Anders gefasst: Da eine Situ­ation nicht einfach einer endli­chen Menge von zutref­fenden Sachver­halten (Tatsa­chen) entspricht, sondern inter­preta­tionsof­fen ist, d.h. prinzi­piell das Poten­tial für unend­lich viele Beschrei­bungen rela­tiv zu ganz verschie­denen Begriffs­feldern umfasst, macht es keinen Sinn, eine endgül­tige endli­che Menge von propo­sitio­nalen Beschrei­bungen anzuneh­men, die einen durch Kontext­bildung inter­subjek­tiv einge­führten Kontext vollstän­dig erfass­te und deren Sachbe­zug daher als Sachbe­zug der kontext­bilden­den Zei­chen(teil)hand­lung aufge­fasst werden könnte (⊳ auch Ekphra­sis).

In der Folge ist es auch nicht ohne Weite­res sinnvoll, den Begriff der Wahrheit auf Kontext­bildun­gen anzu­wenden, wird dieser Begriff doch als Maß dafür verwen­det, ob ein rela­tiv zu einem Kontext behaup­teter Sachver­halt entwe­der deduk­tiv mit einer akzep­tierten Menge von Behaup­tungen über jene Situ­ation verträg­lich ist (Kohä­renzthe­orie der Wahrheit) oder in dem Kontext nachweis­lich (empi­risch) zutrifft (Korres­pondenz­theorie der Wahrheit).

Selbstbezug bei Kon­text­bil­dung

Infolge des fehlenden Sachbe­zugs spielt der Selbstbe­zug bei kontext­bilden­den Zeichen­handlun­gen eine beson­ders wichti­ge Rolle, denn nur die Selbstdar­stellung des eine Kontext­bildung vollzie­henden Kommu­nika­tionsteil­nehmers kann die Aufga­be über­nehmen, eine inter­subjek­tiv verfüg­bare Bezugs­basis für darauf aufbau­ende Sachbe­züge zu liefern. Es ist wichtig, sich klarzu­machen, dass es zwar auch möglich (und in Bemer­kungen über Kontext­bildung sogar unum­gänglich) ist, über Situ­atio­nen/Kon­texte propo­sitio­nal zu reden und sich dabei nomi­nato­risch auf sie zu bezie­hen. Doch bedeu­tet das auch, Situ­atio­nen als Gegen­ständen gegen­über­zutre­ten, die dann ihrer­seits also wieder als Gegen­stände nur in bestimm­ten abstrak­ten Räumen (d.h. speziel­len meta­phori­schen Situ­atio­nen = Kontex­ten) vorkom­men, welche dann ihrer­seits erst durch einen Akt der Kontext­bildung verfüg­bar gemacht werden müssen. Der Akt der Kontext­bildung selbst muss daher in der damit vollzo­genen Selbstdar­stellung kulmi­nieren. In der Kombi­nation von fehlen­dem Sachbe­zug und dem Fokus auf den Selbstbe­zug gehört die Kontext­bildung zu den Bekun­dungen bzw. zum bekun­denden Anteil einer Zeichen­handlung.

Der Selbstbezug von Kontext­bildun­gen muss ganz allge­mein offen­sichtlich in einer Selbstdar­stellung beste­hen, die man durch folgen­de Phrase umschrei­ben kann: ‘Sich darstel­len als jemand, dessen Aufmerk­samkeit sich expli­zit einer ande­ren Situ­ation zuwen­det’. Zwar gehört das osten­tative Zeigen spezi­fischer Spontan­reaktio­nen auf die gemein­te Situ­ation nur im Grenzfall zur Selbst­darstel­lung, doch zeigt dieser sich darin beson­ders deutlich.

Logische und empi­ri­sche Kon­text­bil­dung

Man kann sich natür­lich auch darstel­len als einer, der sich der aktu­ellen Situ­ation auf diese distan­zierte Weise zuwen­det. Aller­dings gibt es in diesem Fall einen deutli­chen Unter­schied zu ande­ren Kontext­bildun­gen: Nur im aktu­ellen Kontext ist es nämlich möglich, eine auf den Kontext bezo­gene konkre­te Propo­sition empi­risch zu über­prüfen. Die senso­moto­rischen Testrou­tinen, die mit der Unter­scheidungs­gewohn­heit asso­ziiert sind, die ihrer­seits durch die Prädi­kation der Propo­sition bestimmt wird, können auf die durch die Nomi­natio­nen der Propo­sition im Kontext iden­tifi­zierten Gegen­stände unmit­telbar ange­wendet werden und liefern so empi­rische Erkennt­nisse. Wird etwa behaup­tet, der Apfel in der entfern­ten heimi­schen Küche sei rot­backig, ist, der Entfer­nung wegen, ein Anschau­en jenes Apfels und Beur­teilen auf Rot­backig­keit nicht ohne Weite­res möglich. Wird hinge­gen behaup­tet, der Apfel hier sei rot­backig, genügt ein Blick auf den anwe­senden Apfel: Unse­re senso­moto­rische Ausstat­tung erlaubt es, die Prädi­kation zu bestä­tigen oder ihr begrün­det zu wider­sprechen.

Die distanzierte Zuwen­dung zur aktu­ellen Situ­ation ist daher eine Kontext­bildung mit empi­rischer Verge­genwär­tigung: kurz empi­rische Kontext­bildung. Ihr stehen die Kontext­bildun­gen mit ledig­lich logi­scher Verge­genwär­tigung (kurz: logi­sche Kontext­bildun­gen) gegen­über: Ohne empi­rischen Zugang kann hier die Wahrheit einer Behaup­tung rela­tiv zu dem Kontext nur kohä­renzthe­oretisch über logi­sche Kompa­tibi­lität mit ande­ren Aussa­gen über den Kontext beur­teilt werden.[4]


Piktoriale Kontext­bil­dung

Wie oben bereits erwähnt können adver­biale Ergän­zungen, die auf ein Bild verwei­sen, als Kontext­refe­renzie­rungen verwen­det werden. So mag etwa der Ausdruck ‘in Picas­sos «Les Demoi­selles d'Avig­non»’ ganz zwanglos als Kontext­bildung etwa für die Behaup­tung, dass ‘drei Frauen eine Art afri­kanische Masken tragen’, dienen. In Abwe­senheit des Bildes bleibt die Kontext­bildung aller­dings rein logisch. Ange­sichts des Bildes aber kann jene Behaup­tung als empi­risch offen­sichtlich falsch entschie­den werden. Die Vermu­tung liegt nahe, dass die Kontext­refe­renzie­rung durch den Verweis auf das Bild tatsäch­lich sekun­där gegen­über der ursprüng­liche­ren Kontext­bildung im enge­ren Sinne durch die Präsen­tation des Bildes selbst ist. In der Tat werden mit Bildern in der Regel indi­vidu­ierte Gegen­stände in einer Art gemein­samer Situ­ation darge­stellt – eine Äuße­rung, die durchaus auch für Roma­ne zutrifft, auch wenn es ansons­ten viele Unter­schiede gibt. Insbe­sonde­re handelt es sich bei der pikto­rialen Kontext­bildung im Gegen­satz zu der rein logi­schen Kontext­bildung durch einen Text um eine zumin­dest partiell empi­risch Kontext­bildung, denn die Geltung der Prädi­katio­nen von visu­ellen Merkma­len oder davon abhän­gigen ande­ren Unter­scheidun­gen können im Bildraum mehr oder weni­ger unmit­telbar über­prüft werden. Die pikto­rial vermit­telten Kontex­te erschei­nen also als partiell mit der je aktu­ellen Verhal­tenssi­tuation verschmol­zen.

Dass ‘Bildverwendung grundlegend visuell-empirische Kontextbildung im engeren Sinne’ sei ist daher die Kernthese der modalen Bildtheorie. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Kontexte für verschiedene Bildarten durchaus unterschiedlich gebildet werden.

Piktoriale Kontextbildung bei darstellenden Bildern

Mit Hilfe von darstellenden Bildern werden in aller Regel vornehmlich visuelle Aspekte möglicher Verhaltenssituationen als Kontexte für gemeinsames sprachliches oder nicht-sprachliches Handeln zur Verfügung gestellt. Analog zur Interpretation der je aktuellen Erscheinungsweisen sortaler Gegenstände im Wahrnehmungsraum als persistente Individuen werden auch in den durch piktoriale Kontextbildung in einer immerwährenden Gegenwart präsentierten Erscheinungen Gegebenheitsweisen zeitlich-ausdauernder individueller Gegenstände begriffen: Obwohl von abgebildeten Gegenständen meist keine andere Gegebenheitsweisen vorliegen – also keine Begegnungen in anderem Kontext möglich sind – verstehen wir sie als Gegenstände mit Geschichte, als Objekte, denen wir zumindest im Prinzip auch in anderen Situationen wieder (als denselben Objekten) begegnen könnten.[5]

Diese Interpretation spielt insbesondere bei Abbildungen realer Gegenstände eine zentrale Rolle, etwa einem Fahndungsfoto. Gesucht wird ja nicht ein Mensch, der der Pigmentfläche des Bildträgers ähnelt, sondern diesem Menschen im Bildraum. Die Nomination ‘dieser Mensch’ ist auf den Kontext bezogen, der mit dem Bild eröffnet wird.

Piktoriale Kontextbildung bei trompe l'œils

Die Besonderheiten der speziellen darstellenden Bilder vom Typ des trompe l'œils (oder des immersiven Bildes) liegen nicht daran, dass bei der unreflektierten Rezeption keine Kontextbildung stattfindet, da das Bild ja in dem Fall gar nicht als Bild erkannt wird. Tatsächlich handelt es sich vielmehr um eine zu gut gelungene und dadurch disfunktionale piktoriale Kontextbildung, die sowohl bei der Herstellung wie beim reflektierten Betrachten wieder als ganz normalen visuelle Kontextbildung wirkt (⊳ Dezeptiver und immersiver Modus).

Piktoriale Kontextbildung bei logischen Bildern

Da mit logischen Bildern wenigstens zum Teil etwas an sich nicht visuell Wahrnehmbares präsentiert wird, liegt ihrer Semantik eine metaphorische Begriffsübertragung vom dargestellten Bereich in den Bereich sichtbarer und somit bildlich direkt darstellbarer Entitäten zugrunde. Mithin wird eine durch piktoriale Kontextbildung bereitgestellte Verhaltenssituation als ein Modell für einen mehr oder weniger komplexen nicht-visuellen Zusammenhang verwendet. Die kontextbildende Funktion erweitert sich damit auf den an sich nicht-wahrnehmbaren Phänomenbereich: Insbesondere werden auf diese Weise auch beliebige abstrakte Zusammenhänge als eine (potentielle) Verhaltenssituation visuell erfahrbar und interindividuell empirisch zugänglich (⊳ Image Schemata).

Piktoriale Kontextbildung bei Bildzitaten und anderen reflexiv verwendeten Bildern

Reflexive Zeichenverwendungen sind allgemein abgeleitete Verwendungsweisen (⊳ Bild in reflexiver Verwendung). Das nun primäre exemplarische Vorführen von Eigenarten der jeweiligen Zeichennutzung setzt insbesondere die eigentliche pragmatische Funktion des zitierten oder reflexiv verwendeten Zeichens außer Kraft. Das gilt analog auch für Bilder. Eine ursprünglich kontextbildende Funktion wäre daher bei reflexiv verwendeten Bildern – sofern sie nicht gerade das zu exemplifizierende Merkmal darstellt – nicht mehr wirksam oder jedenfalls nicht mehr unmittelbar wirksam. Gleichwohl steht dieser Verwendungszweck mit vielen anderen Aspekten des Bildgebrauchs in engem Zusammenhang, so dass zwar die eigentliche kontextbildende Funktion aufgehoben ist, da die Präsentation des Bildes nun einem anderen Zweck dient, aber eingebettet in dieser Exemplifikation gleichwohl ein zentraler Faktor bleibt.

Piktoriale Kontextbildung bei ungegenständlichen Bildern

Der fehlende Verweis auf räumliche Gegenstände im üblichen (sortalen) Sinn setzt bei ungegenständlichen Bildern zunächst den Mechanismus außer Kraft, der den Bildraum als visuell wahrgenommene Verhaltenssituation etabliert. Daher erscheint es auf den ersten Blick unplausibel, auch bei dieser Art von Bildern von Kontextbildung als ihrer pragmatischen Grundfunktion auszugehen.

Allerdings können ungegenständliche Bilder sehr gut als reflexiv genutzte Bilder mit negativer Exemplifikation begriffen werden, so dass ihr Verwendungszweck einerseits (infolge der reflexiven Verwendung) ohnehin von der grundlegenden Verwendung von Bildern abgesetzt wäre und mehr im Exemplifizieren von Aspekten der Bildverwendung besteht, nicht in der Kontextbildung. Andererseits betrifft die negative Exemplifikation bei ihnen gerade auch die nicht funktionierende Kontextbildungsfähigkeit, die damit wiederum ex negativo als typisch für Bilder im Normalfall bestätigt wäre.


Primäre Kontextbildung

In anthropologischen Bildtheorien geht es vor allem darum, die Rolle der Fähigkeit, Bilder verwenden zu können, in den Rahmen der differentiae specificae philosophischer Menschenbegriffe einzuordnen. Aus Sicht der modalen Bildtheorie ist daher insbesondere zu klären, ob und auf welche Weise die Bildkompetenz bereits beim Übergang zum Begriff eines Wesens mit der Fähigkeit zur Kontextbildung – der primären Kontextbildung – eine systematische Funktion übernimmt.

In der Tat lassen sich gute Gründe dafür anführen, dass sich eine primäre Kontextbildung nicht rational konzipieren lässt ohne die Verwendung mindestens einer Art wahrnehmungsnaher Zeichen zu berücksichtigen, die als interindividuell verfügbare Grundlage für die empirische Verankerung der Referenzfunktion propositionaler Sprache dient ([Schirra & Sachs-Hombach 2006b]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Fähigkeiten zum Bild- und Sprachgebrauch . Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 54, 6.
Webadresse: www.jrjs.de/Work/Papers/P06/P06-5/index.html
, [Schirra & Sachs-Hombach 2011a]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2011): Anthropologie in der systematischen Bildwissenschaft: Auf der Spur des homo pictor. In: Meyer, S. & Owzar, A. (Hg.), Disziplinen der Anthropologie. Waxmann, Münster.
Webadresse: www.jrjs.de/Work/Papers/P11/P11-1/index.html
und [Schirra & Sachs-Hombach 2013a]Schirra, Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2013): The Anthropological Function of Pictures. In: Sachs-Hombach, K. & Schirra, J.R.J. (Hg.), Origins of Pictures. Anthropological Discourses in Image Science. Halem, Köln.
). Die empirisch-kontextbildende Funktion dieser Prä-Bilder kann gleichwohl nur über eine damit verschaltete verbale (d.i. logische) Kontextbildung stabilisiert werden: Bildkompetenz und Sprachkompetenz gelten daher als gleichursprünglich und logisch voneinander abhängig. Im Zentrum dieser Abhängigkeit steht der Zusammenhang zwischen dem Begriff »mentales Bild« und der Situation der primären Kontextbildung (⊳ logische Kontextbildung und mentale Bilder).

Anmerkungen
  1. ↑ Aus­sa­gen mit Iden­ti­täts­sät­zen sind ty­pi­sche Bei­spie­le für Zei­chen­hand­lun­gen mit ei­nem Sach­be­zug, der Ge­gen­stän­de in ver­schie­de­nen Ge­ge­ben­heits­wei­sen – d.h. aus un­ter­schied­li­chen Kon­tex­ten – be­trifft. Wie Fre­ges Ana­ly­se klar ge­macht hat, sind Äuße­run­gen mit Sät­zen wie ‘Der Mor­gen­stern ist (iden­tisch mit dem) der Abend­stern’ nur dann sinn­voll (sprich: in­for­ma­tiv), wenn die be­haup­te­te Iden­ti­tät nicht be­reits aus dem Ver­ste­hen der No­mi­na­ti­o­nen ana­ly­tisch folgt. In­for­ma­tiv ist dann, dass ‘Mor­gen­stern’ und ‘Abend­stern’ – als zwei in ver­schie­de­nen (Klas­sen von) Kon­tex­ten (näm­lich ein­mal nur ‘mor­gens’ und ein­mal nur ‘abends’) auf­tre­ten­de Ge­gen­stän­de – als As­pek­te des­sel­ben sor­ta­len Ge­gen­stand (‘Pla­net Ve­nus’) be­trach­tet wer­den sol­len; vgl. [Frege 1892a]Frege, Gottlob (1892): Über Sinn und Bedeutung. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 100.
    Webadresse: www.gavagai.de/HHP31.htm
    .
  2. ↑ Der Be­griff des Kon­tex­tes geht über Fau­con­niers Be­griff des men­ta­len Raums ins­be­son­de­re in der Hin­sicht hin­aus, dass Kon­tex­te auf die Ver­hal­tens­mög­lich­kei­ten des be­trach­te­ten We­sens in der kon­tex­tu­el­len Si­tu­a­ti­on be­zo­gen sind. Kon­text­bil­dung er­öff­net ent­spre­chend über den Be­griff »space buil­der« hin­aus die Per­spek­ti­ve auf ge­mein­schaft­lich er­wei­ter­te Hand­lungs­spiel­räu­me mit Be­zug auf an­de­re Si­tu­a­ti­o­nen.
  3. ↑ Da No­mi­na­ti­o­nen im­mer nur re­la­tiv zu ei­nem als be­kannt vo­r­aus­ge­setz­ten Kon­text funk­ti­o­nie­ren, kön­nen zu­min­dest Kenn­zeich­nun­gen eben­falls als im­pli­zi­te, wenn auch in der Re­gel sehr va­ge Kon­text­re­fe­ren­zie­run­gen ver­wen­det wer­den, so­fern we­der die Äu­ße­rungs­si­tu­a­ti­on noch ein an­de­rer bis­lang ein­ge­führ­ter Kon­text als Be­zug wahr­schein­lich ist (d.h. wenn kein Ge­gen­stand des ent­spre­chen­den Typs dort vor­han­den ist). Bei­spiels­wei­se könn­te im ak­tu­el­len Kon­text plötz­lich von ‘dem Kö­nig von Ku­les­tra’ die Re­de sein. In ei­nem sol­chen Fall wird – als Aus­gangs­punkt für wei­te­re in­for­ma­ti­ve Äu­ße­run­gen bzw. Äu­ße­rungs­tei­le – ein neu­tra­ler, d.h. weit­ge­hend un­spe­zi­fi­scher Kon­text mit ei­nem (pro­to-)ty­pi­schen Ex­em­p­lar der an­ge­ge­be­nen Art er­öff­net, mit­samt dem für Auf­tre­ten die­ser Ge­gen­stän­de ty­pi­schen Um­feld. Die­ser Kon­text dient dann u.a. als Hin­ter­grund für Prä­sup­po­si­ti­o­nen zu und Schluss­fol­ge­run­gen über das Mit­ge­teil­te.
  4. ↑ Die Un­ter­schei­dung von lo­gi­scher und em­pi­ri­scher Kon­text­bil­dung mo­di­fi­ziert ei­nen As­pekt der Ge­gen­über­stel­lung von di­e­ge­sis und mi­me­sis aus Pla­tons «Staat» bzw. Aris­to­te­les' «Poe­tik»; ⊳ Mi­me­sis; ⊳ Kon­text: Kon­text und Di­e­ge­se; vgl. Wi­ki­pe­dia: Di­e­ge­sis.
  5. ↑ Die Verwendung darstellender Bilder, etwa in Bedienungs­anleitungen, wäre ansonsten nicht nachvollziehbar.
Literatur
[Fauconnier 1985a]Fauconnier, Gilles (1985): Mental Spaces. Aspects of Meaning Construction in Natural Language. MIT Press, Cambridge, MA.[Frege 1892a]Frege, Gottlob (1892): Über Sinn und Bedeutung. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 100.[Schirra & Sachs-Hombach 2006b]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2006): Fähigkeiten zum Bild- und Sprachgebrauch . Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 54, 6.[Schirra & Sachs-Hombach 2011a]Schirra Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2011): Anthropologie in der systematischen Bildwissenschaft: Auf der Spur des homo pictor. In: Meyer, S. & Owzar, A. (Hg.), Disziplinen der Anthropologie. Waxmann, Münster.[Schirra & Sachs-Hombach 2013a]Schirra, Jörg R.J. & Sachs-Hombach, Klaus (2013): The Anthropological Function of Pictures. In: Sachs-Hombach, K. & Schirra, J.R.J. (Hg.), Origins of Pictures. Anthropological Discourses in Image Science. Halem, Köln.

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