Traumbild: Unterschied zwischen den Versionen
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Etymologisch steckt in „Traum“ nämlich eine Betonung des Visuellen. „Traum“ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische „draugma“, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet (<bib id='Pfeifer 1997a'></bib>: 1452); vergleichbare Verbindungen zwischen Trug- und Traumbild findet sich auch im griechischen Vokabular ([[Griechisch: 'typos', 'eidolon', 'eikon', 'mimema', 'phantasma'|eidolon]]) und im lateinischen ([[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|imago]]). Davon abgesehen bestätigt die Traum- und Schlafforschung die „Evidenz des Bildersehens im Traum“ (<bib id='Reck 2010a'></bib>: S. 33), das heißt die häufig berichtete und auch in der Fachliteratur unbestrittene Erfahrung visueller Eindrücke während des Schlafs. Inge Strauch und Barbara Meier berichten auf der Basis empirischer Schlafforschung, dass in über 50% der Träume visuelle Eindrücke vorkommen, neben akustischen Eindrücken (25%), Körperempfindungen (19%) und Geruchs- und Geschmacksempfindungen (2%); außer mit solchen halluzinierten Sinneswahrnehmungen sind Träume auch mit Gefühlen, halluziniertem Sprechen und Denkvorgängen durchmischt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 84; vgl. <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Michael Schredl nennt unter Verweis auf drei empirische Studien über Labor- bzw. Tagebuchträume eine hundertprozentige Prävalenz visueller Eindrücke neben auditiven Eindrücken (zwischen 53% und 76%) und anderen, die demgegenüber kaum ins Gewicht fallen (nämlich kinästhetische Eindrücke, die in einer der Studien bei 8% lagen, ansonsten aber, wie taktile, olfaktorische und andere Eindrücke, bloß bei ca. 1% (vgl. dazu Tabelle 10 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 49). In diesem Zusammenhang ist auch die Studie von <bib id='Kerr & Foulkes & Schmidt 1982a'></bib> zu Träumen von blinden Menschen von Belang, auf die sich Strauch und Meier beziehen. Ihr Ergebnis ist „dass Menschen, die von Geburt an blind sind oder vor dem 5. Lebensjahr erblindeten, keine Träume mit visuellen Vorstellungen haben, hier stehen akustische und taktile Wahrnehmungen im Vordergrund. Trat die Behinderung jedoch später ein, blieben visuelle Vorstellungen im Traum erhalten. Interessanterweise entsprachen solche visuellen Eindrücke nicht dem gegenwärtigen eingeschränkten Sehvermögen, sondern sie ließen frühere Erfahrungen wieder aufleben“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 212). | Etymologisch steckt in „Traum“ nämlich eine Betonung des Visuellen. „Traum“ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische „draugma“, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet (<bib id='Pfeifer 1997a'></bib>: 1452); vergleichbare Verbindungen zwischen Trug- und Traumbild findet sich auch im griechischen Vokabular ([[Griechisch: 'typos', 'eidolon', 'eikon', 'mimema', 'phantasma'|eidolon]]) und im lateinischen ([[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|imago]]). Davon abgesehen bestätigt die Traum- und Schlafforschung die „Evidenz des Bildersehens im Traum“ (<bib id='Reck 2010a'></bib>: S. 33), das heißt die häufig berichtete und auch in der Fachliteratur unbestrittene Erfahrung visueller Eindrücke während des Schlafs. Inge Strauch und Barbara Meier berichten auf der Basis empirischer Schlafforschung, dass in über 50% der Träume visuelle Eindrücke vorkommen, neben akustischen Eindrücken (25%), Körperempfindungen (19%) und Geruchs- und Geschmacksempfindungen (2%); außer mit solchen halluzinierten Sinneswahrnehmungen sind Träume auch mit Gefühlen, halluziniertem Sprechen und Denkvorgängen durchmischt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 84; vgl. <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Michael Schredl nennt unter Verweis auf drei empirische Studien über Labor- bzw. Tagebuchträume eine hundertprozentige Prävalenz visueller Eindrücke neben auditiven Eindrücken (zwischen 53% und 76%) und anderen, die demgegenüber kaum ins Gewicht fallen (nämlich kinästhetische Eindrücke, die in einer der Studien bei 8% lagen, ansonsten aber, wie taktile, olfaktorische und andere Eindrücke, bloß bei ca. 1% (vgl. dazu Tabelle 10 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 49). In diesem Zusammenhang ist auch die Studie von <bib id='Kerr & Foulkes & Schmidt 1982a'></bib> zu Träumen von blinden Menschen von Belang, auf die sich Strauch und Meier beziehen. Ihr Ergebnis ist „dass Menschen, die von Geburt an blind sind oder vor dem 5. Lebensjahr erblindeten, keine Träume mit visuellen Vorstellungen haben, hier stehen akustische und taktile Wahrnehmungen im Vordergrund. Trat die Behinderung jedoch später ein, blieben visuelle Vorstellungen im Traum erhalten. Interessanterweise entsprachen solche visuellen Eindrücke nicht dem gegenwärtigen eingeschränkten Sehvermögen, sondern sie ließen frühere Erfahrungen wieder aufleben“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 212). | ||
Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 107). Als bizarr werden Träume und ihre visuellen Komponenten meist erst in der Erinnerung aufgefasst, selten schon während des aktualen Erlebens (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 100ff.). In einer Untersuchung von 117 REM-Schlaf-Traumberichten unterscheiden Strauch und Meier zwischen formaler und inhaltlicher Bizarrheit: „''Formal bizarr'' sind Berichte, die in ihrem Aufbau und in ihrem Verlauf auffällig sind, weil einzelne Wörter, Sätze oder Abschnitte unvollständig, zerfahren oder sprunghaft sind. ''Inhaltlich bizarr'' sind Elemente und Ereignisse, die, aus der Sicht des Alltags außergewöhnlich sind, weil sie verändert oder unwahrscheinlich sind, weil sie soziale und kulturelle Normen verletzen oder den physikalischen Gesetzmäßigkeiten widersprechen“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 101). Im Untersuchungsergebnis waren 48% der Traumberichte inhaltlich bizarr, 9% formal bizarr, 19% formal und inhaltlich bizarr und 24 % wiesen keine Bizarrheit auf (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 102). Dass insbesondere Kinderträume von Bizarrheit frei sein können und dass diese Art von „Entstellung“ für den Traum daher nicht wesentlich sei, stellt auch Sigmund Freud aus der Sicht seiner [[Psychoanalytische Theorien des Bildes|psychoanalytischen Traumtheorie]] fest (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 126). Umgekehrt erweist die psychoanalytische Interpretation freilich sehr häufig gerade die „nicht verworrenen“ Träume als die, deren latente Trauminhalte „einen außerordentlich hohen Grad von Entstellung erfahren haben“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 116). | Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 107). Als bizarr werden Träume und ihre visuellen Komponenten meist erst in der Erinnerung aufgefasst, selten schon während des aktualen Erlebens (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 100ff.). In einer Untersuchung von 117 REM-Schlaf-Traumberichten<ref>Die REM-Phase des Schlafs ist von schnellen Augenbewegungen, ''rapid eye movements'', begleitet.</ref> unterscheiden Strauch und Meier zwischen formaler und inhaltlicher Bizarrheit: „''Formal bizarr'' sind Berichte, die in ihrem Aufbau und in ihrem Verlauf auffällig sind, weil einzelne Wörter, Sätze oder Abschnitte unvollständig, zerfahren oder sprunghaft sind. ''Inhaltlich bizarr'' sind Elemente und Ereignisse, die, aus der Sicht des Alltags außergewöhnlich sind, weil sie verändert oder unwahrscheinlich sind, weil sie soziale und kulturelle Normen verletzen oder den physikalischen Gesetzmäßigkeiten widersprechen“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 101). Im Untersuchungsergebnis waren 48% der Traumberichte inhaltlich bizarr, 9% formal bizarr, 19% formal und inhaltlich bizarr und 24 % wiesen keine Bizarrheit auf (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 102). Dass insbesondere Kinderträume von Bizarrheit frei sein können und dass diese Art von „Entstellung“ für den Traum daher nicht wesentlich sei, stellt auch Sigmund Freud aus der Sicht seiner [[Psychoanalytische Theorien des Bildes|psychoanalytischen Traumtheorie]] fest (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 126). Umgekehrt erweist die psychoanalytische Interpretation freilich sehr häufig gerade die „nicht verworrenen“ Träume als die, deren latente Trauminhalte „einen außerordentlich hohen Grad von Entstellung erfahren haben“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 116). | ||
Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 123). Sie sind „im Allgemeinen aber nicht durchgehend wirklichkeitsgetreu, sie sind auch nicht ausgesprochen phantastisch, sondern sie spiegeln vor allem eine kreative Umgestaltung der Wacherfahrung“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 129). In den untersuchten 500 REM-Schlaf-Träumen waren die jeweiligen „Traumumgebungen“ zu 44% unbekannte Szenarien, zu 26% eine vertraute Umwelt (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 111). Die jeweiligen „Traumfiguren“ waren zu 45% Bekannte und Verwandte, zu 25% Fremde und nur zu 1% fiktiv (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 109). Genauso wie die visuellen Traumeindrücke im Allgemeinen erscheinen die Handlungen dieser Figuren „nicht als Ketten von Standbildern“, „sondern sie bestehen aus handlungsreichen und bewegten Situationen, in denen Traumfiguren aktiv sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 115). | Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 123). Sie sind „im Allgemeinen aber nicht durchgehend wirklichkeitsgetreu, sie sind auch nicht ausgesprochen phantastisch, sondern sie spiegeln vor allem eine kreative Umgestaltung der Wacherfahrung“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 129). In den untersuchten 500 REM-Schlaf-Träumen waren die jeweiligen „Traumumgebungen“ zu 44% unbekannte Szenarien, zu 26% eine vertraute Umwelt (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 111). Die jeweiligen „Traumfiguren“ waren zu 45% Bekannte und Verwandte, zu 25% Fremde und nur zu 1% fiktiv (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 109). Genauso wie die visuellen Traumeindrücke im Allgemeinen erscheinen die Handlungen dieser Figuren „nicht als Ketten von Standbildern“, „sondern sie bestehen aus handlungsreichen und bewegten Situationen, in denen Traumfiguren aktiv sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 115). | ||
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Dieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 27). Da also das Traumbild wie der Traum, als dessen Teil es erlebt wird, „nicht unabhängig vom Wachzustand“ beobachtet und beschrieben werden kann und dadurch ein nur noch erinnertes Traumbild ist, werden in der Schlaf- und Traumforschung der Traum wie das Traumbild streng genommen nicht definiert als das aktuale Erleben, das sie doch eigentlich sind, sondern als immer schon nachträglicher „Traumbericht“ des Träumers, als seine wachbewusste „Erinnerung an die psychische Aktivität, die während des Schlafes stattfindet“ (<bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 64, 38; vgl.<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 81). Bis auf weiteres ist also diese Traumerinnerung „einziger Schlüssel“ zur Traumwelt (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 246). Vielleicht machen es in Zukunft Verfahren technischer Bildrekonstruktion in der Neuropsychologie möglich, das strikt binnenperspektivische Bilderleben des Träumenden zu objektivieren. Auf diese Möglichkeit deutet zum Beispiel die Studie von <bib id='Nishimoto et al. 2011a'></bib> hin. | Dieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 27). Da also das Traumbild wie der Traum, als dessen Teil es erlebt wird, „nicht unabhängig vom Wachzustand“ beobachtet und beschrieben werden kann und dadurch ein nur noch erinnertes Traumbild ist, werden in der Schlaf- und Traumforschung der Traum wie das Traumbild streng genommen nicht definiert als das aktuale Erleben, das sie doch eigentlich sind, sondern als immer schon nachträglicher „Traumbericht“ des Träumers, als seine wachbewusste „Erinnerung an die psychische Aktivität, die während des Schlafes stattfindet“ (<bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 64, 38; vgl.<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 81). Bis auf weiteres ist also diese Traumerinnerung „einziger Schlüssel“ zur Traumwelt (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 246). Vielleicht machen es in Zukunft Verfahren technischer Bildrekonstruktion in der Neuropsychologie möglich, das strikt binnenperspektivische Bilderleben des Träumenden zu objektivieren. Auf diese Möglichkeit deutet zum Beispiel die Studie von <bib id='Nishimoto et al. 2011a'></bib> hin. | ||
Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs | Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs gesehen, insbesondere im Anschluss an die Studien von <bib id='Aserinsky & Kleitman 1953a'></bib> und <bib id='Dement & Kleitman 1957a'></bib>, die mithilfe eines Elektrookulogramms eine statistisch signifikante Korrelation von schnellen Augenbewegungen und lebhaft erinnerten Traumeindrücken belegen konnten. Die ausschließliche Reduktion des Traumerlebens auf die REM-Phasen, die vor dem Hintergrund des damaligen behavioristischen Zeitgeistes angestrebt wurde, wurde allerdings schon von <bib id='Foulkes 1962a'></bib> bestritten und gilt heute als widerlegt (<bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 39f.; vgl. (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 131ff.). Obwohl sie widerlegt ist und obwohl REM-Schlaf nach dem heutigen Stand der Diskussion kein notwendiges und mit einiger Wahrscheinlichkeit auch kein hinreichendes Kriterium für das Träumen ist, wird „[d]ie Theorie, dass der REM-Schlaf das physiologische Korrelat des Träumens ist“ noch in aktuellen Lehrbüchern der Biopsychologie propagiert (vgl. hier und im Folgenden <bib id='Pinel & Pauli 2007a'></bib>: S. 358f.). Im selben Zug werden „die Träume, die nach Non-REM-Schlaf erinnert wurden“ als „eher einzelne Erfahrungen“ und als „anders als die mit dem REM-Schlaf assoziierten Geschichten“ abgetan; dies geht soweit, dass Probanden darüber belehrt werden, ob sie mit ihrer Einschätzung, wie lange sie im Laborschlaf geträumt haben mögen, ‚richtig‘ liegen oder nicht. Doch auf dem heutigen Stand der Traumforschung sind physiologische Messungen noch keine sicheren „objektive[n] Traumindikatoren“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 245). Schon William Dement und Nathaniel Kleitman hatten 1957 die von ihnen belegte, tatsächlich hohe Korrelation von REM-Schlaf und Traumerinnerungen dadurch verzerrt, dass sie alle Traumerinnerungen ausschlossen, die bloß ‚vage‘ oder ‚fragmentarisch‘ und nicht ‚kohärent‘ oder wenigstens ‚einigermaßen detailliert‘ waren. Selbst Probanden, die sehr wohl behaupteten, geträumt zu haben, sich aber nicht an konkrete Inhalte erinnern konnten, wurden unter der Rubrik ‚Keine Traumerinnerung‘ verbucht: „The Ss were considered to have been dreaming only if they could relate a coherent, fairly detailed description of dream content. Assertions that they had dreamed without recall of content, or vague, fragmentary impressions of content, were considered negative“ (vgl. <bib id='Dement & Kleitman 1957a'></bib>: S. 341). Diesem willkürlichen Ausschluss widerspricht freilich schon die alltägliche Erfahrung, dass viele Träume sehr schnell, meist schon in der Aufwachphase aus dem Nachtschlaf, auf eine überstürzt sogartige Weise vergessen werden, so dass nur noch das ‚Dass‘ des Traums, wenn überhaupt, in Erinnerung bleibt. Wenn REM-Schlaf keine hinreichende Bedingung für eine Traumerinnerung ist und also möglicher Weise auch keine hinreichende Bedingung für einen Traum, so ist er jedenfalls keine notwendige Bedingung für eine Traumerinnerung. Denn Träume werden auch aus dem Nicht-REM-Schlaf (NREM-Schlaf) berichtet (vgl. <bib id='Dement & Kleitman 1957a'></bib>: S. 341 und <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 131ff.), und zwar sind dies neben regulären NREM-Träumen insbesondere posttraumatische Wiederholungsträume (Albträume) und sogenannte Pavor-nocturnus-Träume (vgl. Tabelle 3 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 40). – Die Diskussion über die Bewertung der Ergebnisse neuropsychologischer Traum- und Schlafforschung ist in vollem Gange. Das aktuell prominenteste Modell der neuropsychologischen Forschungsrichtung ist John Allan Hobsons Aktivierungs-Synthese-Theorie (vgl. <bib id='Hobson 1989a'></bib> und <bib id='Hobson & McCarley 1977a'></bib> ); der aktuell prominenteste Vertreter einer Richtung, die Neuropsychologie und Psychoanalyse verbindet, ist Mark Solms (vgl. <bib id='Solms 1997a'></bib>, <bib id='Solms 2006a'></bib> und <bib id='Schredl 2006a'></bib>). | ||
==Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnus== | ==Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnus== | ||
Version vom 6. August 2013, 19:24 Uhr
Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft
Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches„Traumbild“ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort „Vision“’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und TraumforschungDie definitorische Einschränkung des Traumbildes auf den Schlafzustand ist allerdings gerechtfertigt schon durch die alltagssprachliche Bedeutung von „Traum“ als gerade „im Schlaf auftretende Vorstellung, sehnlicher Wunsch“ ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Etymologisch steckt in „Traum“ nämlich eine Betonung des Visuellen. „Traum“ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische „draugma“, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dass Traumbilder der visuellen Wahrnehmung im Wachbewusstsein relativ stark entsprechen, legt auch die Studie von [Rechtschaffen & Buchignani 1983]Der Eintrag existiert noch nicht. nahe, die Strauch und Meier zitieren: „In dieser Studie entsprachen die Traumbilder weitgehend der Wachwahrnehmung in Bezug auf den Grad ihrer Helligkeit und Bildschärfe, sie zeigten aber im Mittel weniger satte Farben und eine Fokussierung des Vordergrunds bei einem verschwommenen Hintergrund“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Traum(bild)forschung: Neuropsychologie und/oder PsychoanalyseDieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs gesehen, insbesondere im Anschluss an die Studien von [Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118. Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnusAlbträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) ‚entkoppeln‘ (vgl. [Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 126), auf die sich Behaviorismus und Neo-Behaviorismus ihrem Insistieren auf REM-Schlaf-Träume berufen. Damit passen sie einer psychoanalytischen Theorieperspektive ins Konzept, die aus der klinischen Erfahrung berichtet, dass zum Beispiel bei „Insomnie-Patienten“ wie auch bei einer prävalenten Diagnose wie der Depression häufig zunächst „jegliche Traumerinnerung“ fehlt, so dass „die Betroffenen […] weder einen Trauminhalt noch einen Traumaffekt“ erinnern – obwohl sich häufig heraus stellt, dass „gerade die nicht erinnerten Träume sowohl von großem diagnostischem Wert als auch von hoher therapeutischer Bedeutung im psychoanalytischen Verständnis sind“ ([Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 124, 126). Im Pavor nocturnus, der ein nächtliches Aufschrecken unter „Angst und Panik“, „mit Schreien, Weinen oder wildem Gestikulieren“ und körperlichen Symptomen wie „Mydriasis [Pupillenerweiterung], Schwitzen, Herzrasen, beschleunigter Atemfrequenz und Piloerektion [Gänsehaut]“ darstellt und der eine Prävalenz von 3% der Gesamtbevölkerung im Kindesalter und von 1% im Erwachsenenalter hat, ist der Betroffene am nächsten Tag oft nicht imstande, sich an „diese Horrorsituation zu erinnern“ (hier und im Folgenden [Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund FreudsFür Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in [Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Das Traumbild und das UnbewussteBewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
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Anmerkungen
Literatur
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