Traumbild: Unterschied zwischen den Versionen
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==Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches== | ==Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches== | ||
„Traumbild“ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort „Vision“’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 17). In Abgrenzung zur Vision einerseits, zum „lebhaft vorgestellte[n]“ aber „niemals halluzinatorisch erlebte[n]“ Tagtraum (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 129) andererseits und vor dem Hintergrund einer allgemeinen Definition von Traum als psychischem „Erleben während des Schlafs“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 17) lässt sich das Traumbild definieren als eine visuelle Halluzination im Schlafzustand. Wird das Traumbild nicht derart eingeschränkt auf den Schlafzustand, dann öffnet sich ein weites Feld, das mit Hans Ulrich Reck das „Onirische“ genannt werden kann: „Das dem Französischen entliehene Wort des ‚Onirischen‘ bezeichnet – im Unterschied zur im Deutschen gebräuchlichen trennenden Auffaltung von Traum, Vision, Halluzination, Schimäre etc. – alle möglichen und erdenklichen Formen, Beschaffenheiten und Zwischenzustände von Traum, Tagtraum, Vision, Halluzination, Träumereien, Meditation, ‚schwebenden Verinnerlichungen‘ in einem durchgängigen, aber keineswegs homogenen Zusammenhang oder ‚Feld‘“ (<bib id='Reck 2010a'></bib>: S. 22). | „Traumbild“ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort „Vision“’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 17). In Abgrenzung zur Vision einerseits, zum „lebhaft vorgestellte[n]“, aber „niemals halluzinatorisch erlebte[n]“ Tagtraum (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 129) andererseits und vor dem Hintergrund einer allgemeinen Definition von Traum als psychischem „Erleben während des Schlafs“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 17) lässt sich das Traumbild definieren als eine visuelle Halluzination im Schlafzustand. Wird das Traumbild nicht derart eingeschränkt auf den Schlafzustand, dann öffnet sich ein weites Feld, das mit Hans Ulrich Reck das „Onirische“ genannt werden kann: „Das dem Französischen entliehene Wort des ‚Onirischen‘ bezeichnet – im Unterschied zur im Deutschen gebräuchlichen trennenden Auffaltung von Traum, Vision, Halluzination, Schimäre etc. – alle möglichen und erdenklichen Formen, Beschaffenheiten und Zwischenzustände von Traum, Tagtraum, Vision, Halluzination, Träumereien, Meditation, ‚schwebenden Verinnerlichungen‘ in einem durchgängigen, aber keineswegs homogenen Zusammenhang oder ‚Feld‘“ (<bib id='Reck 2010a'></bib>: S. 22). | ||
==Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und Traumforschung== | ==Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und Traumforschung== | ||
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Etymologisch steckt in „Traum“ nämlich eine Betonung des Visuellen. „Traum“ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische „draugma“, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet (<bib id='Pfeifer 1997a'></bib>: 1452); vergleichbare Verbindungen zwischen Trug- und Traumbild findet sich auch im griechischen Vokabular ([[Griechisch: 'typos', 'eidolon', 'eikon', 'mimema', 'phantasma'|‘eidolon’]]) und im lateinischen ([[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|‘imago’]]). Davon abgesehen bestätigt die Traum- und Schlafforschung die „Evidenz des Bildersehens im Traum“ (<bib id='Reck 2010a'></bib>: S. 33), das heißt die häufig berichtete und auch in der Fachliteratur unbestrittene Erfahrung visueller Eindrücke während des Schlafs. Inge Strauch und Barbara Meier berichten auf der Basis empirischer Schlafforschung, dass in über 50% der Träume visuelle Eindrücke vorkommen, neben akustischen Eindrücken (25%), Körperempfindungen (19%) und Geruchs- und Geschmacksempfindungen (2%); außer mit solchen halluzinierten Sinneswahrnehmungen sind Träume auch mit Gefühlen, halluziniertem Sprechen und Denkvorgängen durchmischt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 84; vgl. <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Michael Schredl nennt unter Verweis auf drei empirische Studien über Labor- bzw. Tagebuchträume eine hundertprozentige Prävalenz visueller Eindrücke neben auditiven Eindrücken (zwischen 53% und 76%) und anderen, die demgegenüber kaum ins Gewicht fallen (nämlich kinästhetische Eindrücke, die in einer der Studien bei 8% lagen, ansonsten aber, wie taktile, olfaktorische und andere Eindrücke, bloß bei ca. 1% (vgl. dazu Tabelle 10 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 49). In diesem Zusammenhang ist auch die Studie von <bib id='Kerr & Foulkes & Schmidt 1982a'></bib> zu Träumen von blinden Menschen von Belang, auf die sich Strauch und Meier beziehen. Ihr Ergebnis ist „dass Menschen, die von Geburt an blind sind oder vor dem 5. Lebensjahr erblindeten, keine Träume mit visuellen Vorstellungen haben, hier stehen akustische und taktile Wahrnehmungen im Vordergrund. Trat die Behinderung jedoch später ein, blieben visuelle Vorstellungen im Traum erhalten. Interessanterweise entsprachen solche visuellen Eindrücke nicht dem gegenwärtigen eingeschränkten Sehvermögen, sondern sie ließen frühere Erfahrungen wieder aufleben“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 212). | Etymologisch steckt in „Traum“ nämlich eine Betonung des Visuellen. „Traum“ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische „draugma“, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet (<bib id='Pfeifer 1997a'></bib>: 1452); vergleichbare Verbindungen zwischen Trug- und Traumbild findet sich auch im griechischen Vokabular ([[Griechisch: 'typos', 'eidolon', 'eikon', 'mimema', 'phantasma'|‘eidolon’]]) und im lateinischen ([[Lateinisch: 'effigies', 'species', 'simulacrum', 'imago'|‘imago’]]). Davon abgesehen bestätigt die Traum- und Schlafforschung die „Evidenz des Bildersehens im Traum“ (<bib id='Reck 2010a'></bib>: S. 33), das heißt die häufig berichtete und auch in der Fachliteratur unbestrittene Erfahrung visueller Eindrücke während des Schlafs. Inge Strauch und Barbara Meier berichten auf der Basis empirischer Schlafforschung, dass in über 50% der Träume visuelle Eindrücke vorkommen, neben akustischen Eindrücken (25%), Körperempfindungen (19%) und Geruchs- und Geschmacksempfindungen (2%); außer mit solchen halluzinierten Sinneswahrnehmungen sind Träume auch mit Gefühlen, halluziniertem Sprechen und Denkvorgängen durchmischt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 84; vgl. <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Michael Schredl nennt unter Verweis auf drei empirische Studien über Labor- bzw. Tagebuchträume eine hundertprozentige Prävalenz visueller Eindrücke neben auditiven Eindrücken (zwischen 53% und 76%) und anderen, die demgegenüber kaum ins Gewicht fallen (nämlich kinästhetische Eindrücke, die in einer der Studien bei 8% lagen, ansonsten aber, wie taktile, olfaktorische und andere Eindrücke, bloß bei ca. 1% (vgl. dazu Tabelle 10 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 49). In diesem Zusammenhang ist auch die Studie von <bib id='Kerr & Foulkes & Schmidt 1982a'></bib> zu Träumen von blinden Menschen von Belang, auf die sich Strauch und Meier beziehen. Ihr Ergebnis ist „dass Menschen, die von Geburt an blind sind oder vor dem 5. Lebensjahr erblindeten, keine Träume mit visuellen Vorstellungen haben, hier stehen akustische und taktile Wahrnehmungen im Vordergrund. Trat die Behinderung jedoch später ein, blieben visuelle Vorstellungen im Traum erhalten. Interessanterweise entsprachen solche visuellen Eindrücke nicht dem gegenwärtigen eingeschränkten Sehvermögen, sondern sie ließen frühere Erfahrungen wieder aufleben“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 212). | ||
Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 107). Als bizarr werden Träume und ihre visuellen Komponenten meist erst in der Erinnerung aufgefasst, selten schon während des aktualen Erlebens (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 100ff.). In einer Untersuchung von 117 REM-Schlaf-Traumberichten unterscheiden Strauch und Meier zwischen formaler und inhaltlicher Bizarrheit: | Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 107). Als bizarr werden Träume und ihre visuellen Komponenten meist erst in der Erinnerung aufgefasst, selten schon während des aktualen Erlebens (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 100ff.). In einer Untersuchung von 117 REM-Schlaf-Traumberichten unterscheiden Strauch und Meier zwischen formaler und inhaltlicher Bizarrheit: „''Formal bizarr'' sind Berichte, die in ihrem Aufbau und in ihrem Verlauf auffällig sind, weil einzelne Wörter, Sätze oder Abschnitte unvollständig, zerfahren oder sprunghaft sind. ''Inhaltlich bizarr'' sind Elemente und Ereignisse, die, aus der Sicht des Alltags außergewöhnlich sind, weil sie verändert oder unwahrscheinlich sind, weil sie soziale und kulturelle Normen verletzen oder den physikalischen Gesetzmäßigkeiten widersprechen“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 101). Im Untersuchungsergebnis waren 48% der Traumberichte inhaltlich bizarr, 9% formal bizarr, 19% formal und inhaltlich bizarr und 24 % wiesen keine Bizarrheit auf (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 102). Dass insbesondere Kinderträume von Bizarrheit frei sein können und dass diese Art von „Entstellung“ für den Traum daher nicht wesentlich sei, stellt auch Sigmund Freud aus der Sicht seiner [[Psychoanalytische Theorien des Bildes|psychoanalytischen Traumtheorie]] fest (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 126). Umgekehrt erweist die psychoanalytische Interpretation freilich sehr häufig gerade die „nicht verworrenen“ Träume als die, deren latente Trauminhalte „einen außerordentlich hohen Grad von Entstellung erfahren haben“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 116). | ||
Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 123). Sie sind „im Allgemeinen aber nicht durchgehend wirklichkeitsgetreu, sie sind auch nicht ausgesprochen phantastisch, sondern sie spiegeln vor allem eine kreative Umgestaltung der Wacherfahrung“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 129). In den untersuchten 500 REM-Schlaf-Träumen waren die jeweiligen „Traumumgebungen“ zu 44% unbekannte Szenarien, zu 26% eine vertraute Umwelt (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 111). Die jeweiligen „Traumfiguren“ waren zu 45% Bekannte und Verwandte, zu 25% Fremde und nur zu 1% fiktiv (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 109). Genauso wie die visuellen Traumeindrücke im Allgemeinen erscheinen die Handlungen dieser Figuren „nicht als Ketten von Standbildern“, „sondern sie bestehen aus handlungsreichen und bewegten Situationen, in denen Traumfiguren aktiv sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 115). | Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 123). Sie sind „im Allgemeinen aber nicht durchgehend wirklichkeitsgetreu, sie sind auch nicht ausgesprochen phantastisch, sondern sie spiegeln vor allem eine kreative Umgestaltung der Wacherfahrung“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 129). In den untersuchten 500 REM-Schlaf-Träumen waren die jeweiligen „Traumumgebungen“ zu 44% unbekannte Szenarien, zu 26% eine vertraute Umwelt (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 111). Die jeweiligen „Traumfiguren“ waren zu 45% Bekannte und Verwandte, zu 25% Fremde und nur zu 1% fiktiv (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 109). Genauso wie die visuellen Traumeindrücke im Allgemeinen erscheinen die Handlungen dieser Figuren „nicht als Ketten von Standbildern“, „sondern sie bestehen aus handlungsreichen und bewegten Situationen, in denen Traumfiguren aktiv sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 115). | ||
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==Das Traumbild und das Unbewusste== | ==Das Traumbild und das Unbewusste== | ||
Bewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 245). Auch Strauch und Meier sehen darin den Unterschied der Schlafträume zur Wachphantasie: „Sie sind nicht bewusst zu kontrollieren und versetzen uns in eine scheinbare Wirklichkeit, in der wir als Personen handeln, ohne zu wissen, dass wir diese Welt geschaffen haben. […] Diese besondere Erlebnisweise des Traums ist vielleicht nur deshalb gegeben, weil wir während des Träumens uns des Träumens nicht bewusst sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 255). Dementsprechend würde sich die Traum(bild)erfahrung durch das Fehlen der für das Wachbewusstsein typischen Reflexivität auszeichnen. „Bei weitem aber das Auffälligste am Traum ist das ihm eigene Wirklichkeitsbewusstsein […]. Erst mit dem Erwachen vollzieht sich die Wandlung, der Umschlag, indem das Erleben während des Schlafs nachträglich als Traum, als eine ‚nicht wirkliche‘ Welt, erkannt wird“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 16). Demgegenüber kommt Freud zu dem bemerkenswerten Schluss, „dass wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, dass wir träumen, wie wir es wissen, dass wir schlafen“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Freud ist nämlich der Ansicht, dass das, „[w]as das Vbw [Vorbewusste] in manchen Fällen dem Bewusstsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass doch und schlaf weiter, es ist ja nur ein Traum“ „auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit gegen das Träumen“ beschreibt“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Beim Träumenden ist also – in deutlicher Parallele zu den Fehlleistungen wie etwa dem Sich-Versprechen – ein zumindest implizites Wissen um den latenten Trauminhalt zu vermuten ist, ein Wissen, das sich selbst nicht weiß und insofern unbewusst ist: „[…] es ist doch sehr wohl möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass der Träumer es doch weiß, was sein Traum bedeutet, nur weiß er nicht, dass er es weiß, und glaubt darum, dass er es nicht weiß“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 98). Obwohl die Traumarbeit bewusstem Einfluss entzogen ist, lenkt der Träumende laut Freud daher dennoch auf der Basis dieses unbewussten Wissens gleichsam wie ein Regisseur seine Träume (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577f). Wie Freud dabei unterstreicht, „[…] kommt das eigene Ich in jedem Traum vor und spielt in jedem die Hauptrolle, auch wenn es sich für den manifesten Inhalt gut zu verbergen weiß. Dieser ‚sacro egoismo‘ des Traumes ist gewiss nicht außer Zusammenhang mit der Einstellung zum Schlafen, die ja in der Abziehung des Interesses von der ganzen Außenwelt besteht“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 143). In dieser Perspektive des Einlassens auf die psychische Binnenwelt würde sich der Träumende im Traum sozusagen reflexiv selbst unterbieten, und zwar bis zu einem Punkt, wo gerade das Phänomen des verdoppelten Traums, des Traums-im-Traum, einen privilegierten Bildschirm für das traumatische Reale jenseits des Traumnabels bietet (<bib id='Lacan 1966a'></bib>: S. 768) - und zwar dergestalt, dass das Wachbewusstsein laut Lacan lediglich eine andere, reflektierte Weise darstellen würde, dieses Reale zu verfehlen (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 71). | Bewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 245). Auch Strauch und Meier sehen darin den Unterschied der Schlafträume zur Wachphantasie: „Sie sind nicht bewusst zu kontrollieren und versetzen uns in eine scheinbare Wirklichkeit, in der wir als Personen handeln, ohne zu wissen, dass wir diese Welt geschaffen haben. […] Diese besondere Erlebnisweise des Traums ist vielleicht nur deshalb gegeben, weil wir während des Träumens uns des Träumens nicht bewusst sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 255). Dementsprechend würde sich die Traum(bild)erfahrung durch das Fehlen der für das Wachbewusstsein typischen Reflexivität auszeichnen. „Bei weitem aber das Auffälligste am Traum ist das ihm eigene Wirklichkeitsbewusstsein […]. Erst mit dem Erwachen vollzieht sich die Wandlung, der Umschlag, indem das Erleben während des Schlafs nachträglich als Traum, als eine ‚nicht wirkliche‘ Welt, erkannt wird“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 16). Demgegenüber kommt Freud zu dem bemerkenswerten Schluss, „dass wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, dass wir träumen, wie wir es wissen, dass wir schlafen“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Freud ist nämlich der Ansicht, dass das, „[w]as das ''Vbw'' [Vorbewusste] in manchen Fällen dem Bewusstsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass doch und schlaf weiter, es ist ja nur ein Traum“ „auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit gegen das Träumen“ beschreibt“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Beim Träumenden ist also – in deutlicher Parallele zu den Fehlleistungen wie etwa dem Sich-Versprechen – ein zumindest implizites Wissen um den latenten Trauminhalt zu vermuten ist, ein Wissen, das sich selbst nicht weiß und insofern unbewusst ist: „[…] es ist doch sehr wohl möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass der Träumer es doch weiß, was sein Traum bedeutet, nur weiß er nicht, dass er es weiß, und glaubt darum, dass er es nicht weiß“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 98). Obwohl die Traumarbeit bewusstem Einfluss entzogen ist, lenkt der Träumende laut Freud daher dennoch auf der Basis dieses unbewussten Wissens gleichsam wie ein Regisseur seine Träume (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577f). Wie Freud dabei unterstreicht, „[…] kommt das eigene Ich in jedem Traum vor und spielt in jedem die Hauptrolle, auch wenn es sich für den manifesten Inhalt gut zu verbergen weiß. Dieser ‚sacro egoismo‘ des Traumes ist gewiss nicht außer Zusammenhang mit der Einstellung zum Schlafen, die ja in der Abziehung des Interesses von der ganzen Außenwelt besteht“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 143). In dieser Perspektive des Einlassens auf die psychische Binnenwelt würde sich der Träumende im Traum sozusagen reflexiv selbst unterbieten, und zwar bis zu einem Punkt, wo gerade das Phänomen des verdoppelten Traums, des Traums-im-Traum, einen privilegierten Bildschirm für das traumatische Reale jenseits des Traumnabels bietet (<bib id='Lacan 1966a'></bib>: S. 768) - und zwar dergestalt, dass das Wachbewusstsein laut Lacan lediglich eine andere, reflektierte Weise darstellen würde, dieses Reale zu verfehlen (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 71). | ||
Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 116). Paul Valéry dagegen weist ganz im Sinne von Freuds ‚heiligem Egoismus‘ des Träumenden darauf hin, dass „[…]das ICH und das, was es sieht, von derselben Art sind in den Träumen“ (<bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 194;<ref>Valery hier und im Folgendem übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> vgl.auch <bib id='Benjamin 1974b'></bib>: S. 143). Im Traum stehen die halluzinierten Phänomene in einer besonderen – visuellen – Beziehung zum Traumsubjekt: „Die Dinge, die ich sehe, sehen mich in dem Maße, wie ich sie sehe. Das, was ich sehe, erklärt mich also in gewisser Weise, drückt mich aus – das da ist durch mich organisiert, anstatt dass ich durch es organisiert wäre wie im Wachzustand“ <bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 193f.). Ohne sich auf Valéry zu beziehen, vergleicht Lacan in ähnlicher Weise die Sicht auf die Dinge im Wachzustand und im Traum. „Die Welt“, so Lacan, ist an sich „nicht exhibitionistisch – sie provoziert nicht unseren [[Blick|Blick]]. Wenn sie anfängt, ihn zu provozieren, dann beginnt auch das Gefühl der Unheimlichkeit. Was heißt das? - wenn nicht dies, dass es im sogenannten Wachzustand eine Elision [Auslassung] des Blicks gibt, eine Elision nicht nur dessen, dass es blickt, sondern dass es zeigt. Das was im Feld des Traums, im Gegensatz dazu, die Bilder charakterisiert, ist dass ''es zeigt''“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88).<ref>Hier und Folgendem (abweichend von <bib id='Lacan 1996b'></bib>: S. 81f.) übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> Im Gegensatz zum Bild des Wahrnehmungsbewusstseins provoziert das Traumbild den Blick des Traumsubjekts: ‚es zeigt‘ – in einer massiven Plastizität, die jeden reflexiven Selbstbezug auszuschließen scheint, so dass auch nicht davon gesprochen werden kann, es würde sich zeigen. Die irreflexive englische Wendung | Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 116). Paul Valéry dagegen weist ganz im Sinne von Freuds ‚heiligem Egoismus‘ des Träumenden darauf hin, dass „[…] das ICH und das, was es sieht, von derselben Art sind in den Träumen“ (<bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 194;<ref>Valery hier und im Folgendem übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> vgl.auch <bib id='Benjamin 1974b'></bib>: S. 143). Im Traum stehen die halluzinierten Phänomene in einer besonderen – visuellen – Beziehung zum Traumsubjekt: „Die Dinge, die ich sehe, sehen mich in dem Maße, wie ich sie sehe. Das, was ich sehe, erklärt mich also in gewisser Weise, drückt mich aus – das da ist durch mich organisiert, anstatt dass ich durch es organisiert wäre wie im Wachzustand“ <bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 193f.). Ohne sich auf Valéry zu beziehen, vergleicht Lacan in ähnlicher Weise die Sicht auf die Dinge im Wachzustand und im Traum. „Die Welt“, so Lacan, ist an sich „nicht exhibitionistisch – sie provoziert nicht unseren [[Blick|Blick]]. Wenn sie anfängt, ihn zu provozieren, dann beginnt auch das Gefühl der Unheimlichkeit. Was heißt das? - wenn nicht dies, dass es im sogenannten Wachzustand eine Elision [Auslassung] des Blicks gibt, eine Elision nicht nur dessen, dass es blickt, sondern dass ''es zeigt''. Das was im Feld des Traums, im Gegensatz dazu, die Bilder charakterisiert, ist dass ''es zeigt''“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88).<ref>Hier und Folgendem (abweichend von <bib id='Lacan 1996b'></bib>: S. 81f.) übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> Im Gegensatz zum Bild des Wahrnehmungsbewusstseins provoziert das Traumbild den Blick des Traumsubjekts: ‚es zeigt‘ – in einer massiven Plastizität, die jeden reflexiven Selbstbezug auszuschließen scheint, so dass auch nicht davon gesprochen werden kann, es würde '''sich''' zeigen. Die irreflexive englische Wendung ''it shows'' drückt diesen Sachverhalt vielleicht besser aus. Das ‚es zeigt‘ des Traums „[…] tritt so sehr hervor, mit den Charakteristika, in denen es sich verortet – nämlich der Abwesenheit eines Horizonts, der Schließung dessen, was im Wachzustand betrachtet wird, und, ebenso, der Art des Hervortretens, des Kontrastes, das Fleckartige seiner Bilder, die Intensivierung ihrer Farben – dass unsere Position im Traum letzten Endes die ist, auf grundlegende Weise der zu sein, der nicht sieht. Das Subjekt weiß nicht, wo das hinführt, es folgt, es kann sich allenfalls losmachen, sich sagen, dass es ein Traum ist, aber es kann sich in keinem Fall im Traum auf die Art erfassen, auf die es sich, im cartesischen ''Cogito'', als Denken erfasst. Es kann sich sagen – ''Das ist nur ein Traum''. Aber es erfasst sich nicht als der, der sich sagt – ''Trotz alledem, ich bin Bewusstsein dieses Traums''“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88). ''Was'' also ‚zeigt‘ – laut Lacan – im Traumbild, was wird manifest? Zunächst manifestieren sich in den Traumbildern die plastisch entstellten, unbewussten, unerfüllten Wünsche. In der Unmittelbarkeit der Traumbilder wird außerdem manifest das nicht reflektierte Wissen des Träumers darüber, dass seine halluzinierte Wunschbefriedigung, die er an den Traumbildern genießt, von einer Ausblendung der Unterscheidung zwischen Traum und Realität abhängt. Dass die Traumbilderfahrung eine besondere Unmittelbarkeit hat und dass das Subjekt diese Unterscheidung ausblendet sind zwei auseinanderfallende Aspekte desselben Zusammenhangs: Das unbewusste, aber wirkmächtige Wissen um die Ausblendung insistiert in der Unmittelbarkeit der Traumbilder. Es wird in diesen Bildern, als diese Bilder manifest. Demzufolge würde auch das Klarträumen (im luziden Traum) nur ein graduelles Sich-Losmachen vom manifesten Traum erreichen. Auf den Traumwunsch, die Traumarbeit und ihre entstellenden Resultate, mithin auf den Umstand, dass der Träumende in einem grundlegenden Sinne der ist, ‚der nicht sieht‘, hätte es keinen Einfluss. Nur wenn der Unterschied Traum/Realität reflektiert wird, verlieren die Traumbilder ihr Charakteristikum, das darin besteht, dass ihr „Zu-sehen-Geben“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88) durch seine plastische Immanenz den Träumenden zugleich bannt und blendet. Erst dann zeigen sie sich uns sozusagen mit abgeblendetem Blick, so, wie wir Bilder im alltäglichen Wahrnehmungsbewusstsein erleben. Doch diese gedoppelte Reflexion, darauf verweist Lacan am bekannten Beispiel von Tschuang-Tse, der träumt, ein Schmetterling zu sein, ist nur von der Wirklichkeitsseite der Unterscheidung Wirklichkeit/Traum her möglich: nämlich im skeptischen Modus des wachen Zweifels, ob ich als Tschuang-Tse nicht vielleicht ein Schmetterling sein könnte, der bloß träumt, Tschuang-Tse zu sein. Im immanenten Modus des Träumens taucht die entsprechende Frage, ob ich als Schmetterling vielleicht ein Tschuang-Tse sein könnte, der bloß träumen würde, ein Schmetterling zu sein, nicht auf. | ||
Version vom 6. August 2013, 16:51 Uhr
Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft
Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches„Traumbild“ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort „Vision“’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und TraumforschungDie definitorische Einschränkung des Traumbildes auf den Schlafzustand ist allerdings gerechtfertigt schon durch die alltagssprachliche Bedeutung von „Traum“ als gerade „im Schlaf auftretende Vorstellung, sehnlicher Wunsch“ ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Etymologisch steckt in „Traum“ nämlich eine Betonung des Visuellen. „Traum“ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische „draugma“, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dass Traumbilder der visuellen Wahrnehmung im Wachbewusstsein relativ stark entsprechen, legt auch die Studie von [Rechtschaffen & Buchignani 1983]Der Eintrag existiert noch nicht. nahe, die Strauch und Meier zitieren: „In dieser Studie entsprachen die Traumbilder weitgehend der Wachwahrnehmung in Bezug auf den Grad ihrer Helligkeit und Bildschärfe, sie zeigten aber im Mittel weniger satte Farben und eine Fokussierung des Vordergrunds bei einem verschwommenen Hintergrund“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Traum(bild)forschung: Neuropsychologie und/oder PsychoanalyseDieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs (sogenannter REM-Schlaf) gesehen, insbesondere im Anschluss an die Studien von [Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118. Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnusAlbträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) ‚entkoppeln‘ (vgl. [Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 126), auf die sich Behaviorismus und Neo-Behaviorismus ihrem Insistieren auf REM-Schlaf-Träume berufen. Damit passen sie einer psychoanalytischen Theorieperspektive ins Konzept, die aus der klinischen Erfahrung berichtet, dass zum Beispiel bei „Insomnie-Patienten“ wie auch bei einer prävalenten Diagnose wie der Depression häufig zunächst „jegliche Traumerinnerung“ fehlt, so dass „die Betroffenen […] weder einen Trauminhalt noch einen Traumaffekt“ erinnern – obwohl sich häufig heraus stellt, dass „gerade die nicht erinnerten Träume sowohl von großem diagnostischem Wert als auch von hoher therapeutischer Bedeutung im psychoanalytischen Verständnis sind“ ([Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 124, 126). Im Pavor nocturnus, der ein nächtliches Aufschrecken unter „Angst und Panik“, „mit Schreien, Weinen oder wildem Gestikulieren“ und körperlichen Symptomen wie „Mydriasis [Pupillenerweiterung], Schwitzen, Herzrasen, beschleunigter Atemfrequenz und Piloerektion [Gänsehaut]“ darstellt und der eine Prävalenz von 3% der Gesamtbevölkerung im Kindesalter und von 1% im Erwachsenenalter hat, ist der Betroffene am nächsten Tag oft nicht imstande, sich an „diese Horrorsituation zu erinnern“ (hier und im Folgenden [Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund FreudsFür Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in [Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Das Traumbild und das UnbewussteBewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
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Anmerkungen
Literatur
[Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118.[Benjamin 1974b]Benjamin, Walter (1974): Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Dement & Kleitman 1957a]Dement, William & Kleitman, Nathanael (1957): The Relation of Eye Movements During Sleep to Dream Activity: An Objective Method for the Study of Dreaming. Journal of Experimental Psychology, 53, 3.[Foulkes 1962a]Foulkes, D. (1962): Dream Reports from Different Stages of Sleep. Journal of Abnormal and Social Psychology , 65.[Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999b]Freud, Sigmund (1999): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 15. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999c]Freud, Sigmund (1999): Die Traumdeutung. Über den Traum. Gesammelte Werke. Bd. 2/3. Fischer, Frankfurt/M.[Hobson & McCarley 1977a]Hobson, J.A. & McCarley, R.W. (1977): The Brain as a Dream-State Generator: An Activation-Synthesis Hypothesis of the Dream Process. American Journal of Psychiatry, 134.[Hobson 1989a]Hobson, J.A. (1989): Sleep. Scientific American Library, New York.[Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Kerr et al. 1982a]Kerr, N. & Foulkes, D. & Schmidt, M. (1982): The Structure of Laboratory Dream Reports in Blind and Sighted Subjects. The Journal of Nervous and Mental Disease, 170, 5.[Lacan 1966a]Lacan, Jacques (1966): Kant avec Sade. In: Lacan, J. (Hg.), Écrits. Seuil, Paris.[Lacan 1994a]Lacan, Jacques (1994): Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse, essais points. Seuil, Paris.[Lacan 1996b]Lacan, Jacques (1996): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Quadriga, Weinheim.[Nishimoto et al. 2011a]Nishimoto, Shinji & T. Vu, An & Naselaris, Thomas & Benjamini, Yuval & Yu, Bin & Gallant, Jack L. (2011): Reconstructing Visual Experiences from Brain Activity Evoked by Natural Movies. Current Biology, 21.[Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München.[Pinel & Pauli 2007a]Pinel, John P. J. & Pauli, Paul (2007): Biopsychologie. Pearson Studium, München u.a.[Rechtschaffen & Buchignani 1983a]Rechtschaffen, Allan & Buchignani, Cheryl (1983): Visual Dimensions and Correlates of Dream Images. Sleep Research, 12.[Reck 2010a]Reck, Hans Ulrich (2010): Traum. Enzyklopädie. Wilhelm Fink, München.[Rodenbeck et al. 2006a]Rodenbeck, Andrea & Gruber-Rüther, Angelika & Rüther, Eckart (2006): Affekte im Traum und Wacherleben – eine Affekthypothese des Traumes. In: Wiegand, M.l H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Solms 1997a]Solms, M. (1997): The Neuropsychology of Dreams. Lawrence Erlbaum, Mahwah (NJ).[Solms 2000a]Solms, M. (2000): Dreaming and REM Sleep Are Controlled by Different Brain Mechanisms. Behavioral and Brain Sciences, 23.[Solms 2006a]Solms, M. (2006): “Traumdeutung” und Neurowissenschaften. In: Starobinski, J. & Grubrich-Simitis, I. & Solms, M. (Hg.), Hundert Jahre “Traumdeutung” von Sigmund Freud. Fischer, Frankfurt/M.[Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. [Valery 1935a]Valéry, Paul (1935): Analecta. Gallimard, Paris.[Woodward et al. 2002a]Woodward, S.H. & Leskin, G.A. & Sheikh, J.I. (2002): Movement During Sleep: Associations with Post-Traumatic Stress Disorder, Nightmares, and Comorbid Panic Disorder. Sleep, 25. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Wolfram Bergande — (Hinweis) |