Traumbild: Unterschied zwischen den Versionen
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==Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnus== | ==Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnus== | ||
Albträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) ‚entkoppeln‘ (vgl. <bib id='Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a'></bib>: S. 126), auf die sich Behaviorismus und Neo-Behaviorismus ihrem Insistieren auf REM-Schlaf-Träume berufen. Damit passen sie einer psychoanalytischen Theorieperspektive ins Konzept, die aus der klinischen Erfahrung berichtet, dass zum Beispiel bei „Insomnie-Patienten“ wie auch bei einer prävalenten Diagnose wie der Depression häufig zunächst „jegliche Traumerinnerung“ fehlt, so dass „die Betroffenen […] weder einen Trauminhalt noch einen Traumaffekt“ erinnern – obwohl sich häufig heraus stellt, dass „gerade die nicht erinnerten Träume sowohl von großem diagnostischem Wert als auch von hoher therapeutischer Bedeutung im psychoanalytischen Verständnis sind“ (<bib id='Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a'></bib>: S. 124, 126). Im Pavor nocturnus, der ein nächtliches Aufschrecken unter „Angst und Panik“, „mit Schreien, Weinen oder wildem Gestikulieren“ und körperlichen Symptomen wie „Mydriasis [Pupillenerweiterung], Schwitzen, Herzrasen, beschleunigter Atemfrequenz und Piloerektion [Gänsehaut]“ darstellt und der eine Prävalenz von 3% der Gesamtbevölkerung im Kindesalter und von 1% im Erwachsenenalter hat, ist der Betroffene am nächsten Tag oft nicht imstande, sich an „diese Horrorsituation zu erinnern“ | Albträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) ‚entkoppeln‘ (vgl. <bib id='Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a'></bib>: S. 126), auf die sich Behaviorismus und Neo-Behaviorismus ihrem Insistieren auf REM-Schlaf-Träume berufen. Damit passen sie einer psychoanalytischen Theorieperspektive ins Konzept, die aus der klinischen Erfahrung berichtet, dass zum Beispiel bei „Insomnie-Patienten“ wie auch bei einer prävalenten Diagnose wie der Depression häufig zunächst „jegliche Traumerinnerung“ fehlt, so dass „die Betroffenen […] weder einen Trauminhalt noch einen Traumaffekt“ erinnern – obwohl sich häufig heraus stellt, dass „gerade die nicht erinnerten Träume sowohl von großem diagnostischem Wert als auch von hoher therapeutischer Bedeutung im psychoanalytischen Verständnis sind“ (<bib id='Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a'></bib>: S. 124, 126). Im Pavor nocturnus, der ein nächtliches Aufschrecken unter „Angst und Panik“, „mit Schreien, Weinen oder wildem Gestikulieren“ und körperlichen Symptomen wie „Mydriasis [Pupillenerweiterung], Schwitzen, Herzrasen, beschleunigter Atemfrequenz und Piloerektion [Gänsehaut]“ darstellt und der eine Prävalenz von 3% der Gesamtbevölkerung im Kindesalter und von 1% im Erwachsenenalter hat, ist der Betroffene am nächsten Tag oft nicht imstande, sich an „diese Horrorsituation zu erinnern“ (hier und im Folgenden <bib id='Kapfhammer 2006a'></bib>: S. 173). „Es gelingt ihm nicht, einen Traum zu berichten, allenfalls erinnert er wenige fragmentarische Eindrücke des Geschehens. Pavor nocturnus tritt meist im ersten Nachtdrittel auf, ist nicht an den REM-Schlaf gekoppelt, sondern mit dem Tiefschlaf der Phase 4 (slow wave sleep) assoziiert“. Der typische Albtraum, der zur Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung zu zählen ist und „nicht selten von einem Gefühl der behinderten Fluchtmöglichkeit begleitet“ ist, ist dagegen „[…] vorrangig an den REM-Schlaf gebunden“ – vorrangig, aber keineswegs ausschließlich: „Ein Vorkommen von typischen Angstträumen ist auch in NREM-Schlafstadien nachgewiesen“ (<bib id='Kapfhammer 2006a'></bib>: S. 187, 172 und 182; vgl. <bib id='Woodward et al. 2002a'></bib>: S. #). Etwa 10-50% aller drei bis sechsjährigen haben gelegentlich und 1-5% aller Erwachsenen haben mehrmals pro Woche und unter Umständen auf wiederkehrende Art und Weise solch ein „angstvolles Träumen, das Bildersequenzen von Verfolgung, Flucht, nahender Katastrophe, existenzieller Bedrohung, von persönlicher Beschämung, sozialer Bloßstellung oder ungeheuerlicher Verbotsübertretung beinhaltet.“ | ||
Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ (#VL, 136) fügten und ihn schließlich zu einer „Revision der Traumlehre“ zwangen. Freuds ''Traumdeutung'' hatte 1900 den Wunsch definiert als Bestreben, eine Wahrnehmung zu wiederholen, die einst ein Befriedigungserlebnis war. Die halluzinatorische Wiederbesetzung einer gespeicherten Wahrnehmung sei in dieser Hinsicht „[…] der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen Apparats anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses ist.“ # In der ''Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse'' von 1933 weist Freud zwar einerseits den Einwand zurück, Angstträume und Träume unangenehmen Inhalts oder richtiggehende Albträume widersprächen der Wunscherfüllungsthese. Vielmehr sei es so, dass die unbewussten Wünsche, die zu jedem Traum beitragen , nämlich die „unvergänglichen, unerfüllten Triebwünsche, die durchs ganze Leben die Energie für die Traumbildung abgeben“, sehr häufig von den „ersten Sexualerlebnissen des Kindes“ herrühren und „mit schmerzlichen Eindrücke von Angst, Verbot, Enttäuschung und Bestrafung verknüpft“ sind, so dass sie eben „in ihrem gewaltigen Auftrieb auch das Material peinlich empfundener Begebenheiten an die Oberfläche drängen können“ #. Nichtsdestoweniger, so Freud, ist „in der Art und Weise, wie dieses Material reproduziert wird, die Bemühung der Traumarbeit unverkennbar, die die Unlust durch Entstellung verleugnen will“ #. Doch angesichts traumatischer Träume, in denen zum Beispiel ein schweres Kriegstrauma wiederkehrt, revidiert Freud seine Wunscherfüllungsthese: „Bei den traumatischen Neurosen ist es anders, hier laufen die Träume regelmäßig in Angstentwicklung aus. Ich meine, wir sollen uns nicht scheuen zuzugestehen, dass in diesem Falle die Funktion des Traumes versagt“ #. Der Traum, der „[…] die Erinnerungsspuren der traumatischen Begebenheit in eine Wunscherfüllung umwandeln möchte“, versagt. Er wird nicht zur Wunscherfüllung, sondern bleibt streng genommen nur „der Versuch einer Wunscherfüllung“ #. | Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ (#VL, 136) fügten und ihn schließlich zu einer „Revision der Traumlehre“ zwangen. Freuds ''Traumdeutung'' hatte 1900 den Wunsch definiert als Bestreben, eine Wahrnehmung zu wiederholen, die einst ein Befriedigungserlebnis war. Die halluzinatorische Wiederbesetzung einer gespeicherten Wahrnehmung sei in dieser Hinsicht „[…] der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen Apparats anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses ist.“ # In der ''Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse'' von 1933 weist Freud zwar einerseits den Einwand zurück, Angstträume und Träume unangenehmen Inhalts oder richtiggehende Albträume widersprächen der Wunscherfüllungsthese. Vielmehr sei es so, dass die unbewussten Wünsche, die zu jedem Traum beitragen , nämlich die „unvergänglichen, unerfüllten Triebwünsche, die durchs ganze Leben die Energie für die Traumbildung abgeben“, sehr häufig von den „ersten Sexualerlebnissen des Kindes“ herrühren und „mit schmerzlichen Eindrücke von Angst, Verbot, Enttäuschung und Bestrafung verknüpft“ sind, so dass sie eben „in ihrem gewaltigen Auftrieb auch das Material peinlich empfundener Begebenheiten an die Oberfläche drängen können“ #. Nichtsdestoweniger, so Freud, ist „in der Art und Weise, wie dieses Material reproduziert wird, die Bemühung der Traumarbeit unverkennbar, die die Unlust durch Entstellung verleugnen will“ #. Doch angesichts traumatischer Träume, in denen zum Beispiel ein schweres Kriegstrauma wiederkehrt, revidiert Freud seine Wunscherfüllungsthese: „Bei den traumatischen Neurosen ist es anders, hier laufen die Träume regelmäßig in Angstentwicklung aus. Ich meine, wir sollen uns nicht scheuen zuzugestehen, dass in diesem Falle die Funktion des Traumes versagt“ #. Der Traum, der „[…] die Erinnerungsspuren der traumatischen Begebenheit in eine Wunscherfüllung umwandeln möchte“, versagt. Er wird nicht zur Wunscherfüllung, sondern bleibt streng genommen nur „der Versuch einer Wunscherfüllung“ #. | ||
Version vom 18. Juli 2013, 19:36 Uhr
Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft
Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches‘Traumbild’ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort ‘Vision’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und TraumforschungDie definitorische Einschränkung des Traumbildes auf den Schlafzustand ist allerdings gerechtfertigt schon durch die alltagssprachliche Bedeutung von ‘Traum’ als gerade „im Schlaf auftretende Vorstellung, sehnlicher Wunsch“ ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Etymologisch steckt in ‘Traum’ nämlich eine Betonung des Visuellen. ‘Traum’ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische ‘draugma’, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind Gefühle in Träumen und die Bizarrheit von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dass Traumbilder der visuellen Wahrnehmung im Wachbewusstsein relativ stark entsprechen, legt auch die Studie von [Rechtschaffen & Buchignani 1983]Der Eintrag existiert noch nicht. nahe, die Strauch und Meier zitieren: „In dieser Studie entsprachen die Traumbilder weitgehend der Wachwahrnehmung in Bezug auf den Grad ihrer Helligkeit und Bildschärfe, sie zeigten aber im Mittel weniger satte Farben und eine Fokussierung des Vordergrunds bei einem verschwommenen Hintergrund“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Traum(bild)forschung: Neuropsychologie und/oder PsychoanalyseDieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs (sogenannter REM-Schlaf) gesehen, insbesondere im Anschluss an die Studien von [Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118. Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnusAlbträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) ‚entkoppeln‘ (vgl. [Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 126), auf die sich Behaviorismus und Neo-Behaviorismus ihrem Insistieren auf REM-Schlaf-Träume berufen. Damit passen sie einer psychoanalytischen Theorieperspektive ins Konzept, die aus der klinischen Erfahrung berichtet, dass zum Beispiel bei „Insomnie-Patienten“ wie auch bei einer prävalenten Diagnose wie der Depression häufig zunächst „jegliche Traumerinnerung“ fehlt, so dass „die Betroffenen […] weder einen Trauminhalt noch einen Traumaffekt“ erinnern – obwohl sich häufig heraus stellt, dass „gerade die nicht erinnerten Träume sowohl von großem diagnostischem Wert als auch von hoher therapeutischer Bedeutung im psychoanalytischen Verständnis sind“ ([Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 124, 126). Im Pavor nocturnus, der ein nächtliches Aufschrecken unter „Angst und Panik“, „mit Schreien, Weinen oder wildem Gestikulieren“ und körperlichen Symptomen wie „Mydriasis [Pupillenerweiterung], Schwitzen, Herzrasen, beschleunigter Atemfrequenz und Piloerektion [Gänsehaut]“ darstellt und der eine Prävalenz von 3% der Gesamtbevölkerung im Kindesalter und von 1% im Erwachsenenalter hat, ist der Betroffene am nächsten Tag oft nicht imstande, sich an „diese Horrorsituation zu erinnern“ (hier und im Folgenden [Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ (#VL, 136) fügten und ihn schließlich zu einer „Revision der Traumlehre“ zwangen. Freuds Traumdeutung hatte 1900 den Wunsch definiert als Bestreben, eine Wahrnehmung zu wiederholen, die einst ein Befriedigungserlebnis war. Die halluzinatorische Wiederbesetzung einer gespeicherten Wahrnehmung sei in dieser Hinsicht „[…] der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen Apparats anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses ist.“ # In der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von 1933 weist Freud zwar einerseits den Einwand zurück, Angstträume und Träume unangenehmen Inhalts oder richtiggehende Albträume widersprächen der Wunscherfüllungsthese. Vielmehr sei es so, dass die unbewussten Wünsche, die zu jedem Traum beitragen , nämlich die „unvergänglichen, unerfüllten Triebwünsche, die durchs ganze Leben die Energie für die Traumbildung abgeben“, sehr häufig von den „ersten Sexualerlebnissen des Kindes“ herrühren und „mit schmerzlichen Eindrücke von Angst, Verbot, Enttäuschung und Bestrafung verknüpft“ sind, so dass sie eben „in ihrem gewaltigen Auftrieb auch das Material peinlich empfundener Begebenheiten an die Oberfläche drängen können“ #. Nichtsdestoweniger, so Freud, ist „in der Art und Weise, wie dieses Material reproduziert wird, die Bemühung der Traumarbeit unverkennbar, die die Unlust durch Entstellung verleugnen will“ #. Doch angesichts traumatischer Träume, in denen zum Beispiel ein schweres Kriegstrauma wiederkehrt, revidiert Freud seine Wunscherfüllungsthese: „Bei den traumatischen Neurosen ist es anders, hier laufen die Träume regelmäßig in Angstentwicklung aus. Ich meine, wir sollen uns nicht scheuen zuzugestehen, dass in diesem Falle die Funktion des Traumes versagt“ #. Der Traum, der „[…] die Erinnerungsspuren der traumatischen Begebenheit in eine Wunscherfüllung umwandeln möchte“, versagt. Er wird nicht zur Wunscherfüllung, sondern bleibt streng genommen nur „der Versuch einer Wunscherfüllung“ #. Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund FreudsFür Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert ([Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit.“ # Deshalb ist „[…] der Traum als Ganzes der entstellte Ersatz für etwas anderes, Unbewusstes“ #. Die Aufgabe der Traumdeutung ist, dieses Unbewusste ausfindig zu machen entlang der „lange[n] Kette von Assoziationen“ dessen, der seinen Traum erinnernd mithilfe des Analytikers rekonstruiert. Bei der Analyse des Traums ist die Unterscheidung manifest/latent grundlegend: „Wir wollen das, was der Traum erzählt, den manifesten Trauminhalt nennen, das Verborgene, zu dem wir durch die Verfolgung der Einfälle kommen sollen, die latenten Traumgedanken.“ # Traum im eigentlichen Sinne ist der manifeste Trauminhalt, der gleichwohl eine bloße „Fassade“ ist. Die sogenannte „Traumarbeit“ setzt die latenten Traumgedanken in den manifesten Traum um. Die Traumarbeit wiederum kommt hauptsächlich durch die Traumzensur zustande: „Die Traumzensur selbst ist der Urheber oder einer der Urheber der Traumentstellung“ #. Insofern „[…] der gegen seine Wünsche sich sträubende Träumer gleichzusetzen ist einer Summation von zwei gesonderten, aber irgendwie innig verbundenen Personen“, kann der Traum außer einem erfüllten Wunsch auch das gegenteilige Strafbedürfnis der Zensurinstanz zum Ausdruck bringen #. Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung.
Das Traumbild und das UnbewussteBewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ #. Auch Strauch und Meier sehen darin den Unterschied der Schlafträume zur Wachphantasie: „Sie sind nicht bewusst zu kontrollieren und versetzen uns in eine scheinbare Wirklichkeit, in der wir als Personen handeln, ohne zu wissen, dass wir diese Welt geschaffen haben“ #. Und sie vermuten: „Diese besondere Erlebnisweise des Traums ist vielleicht nur deshalb gegeben, weil wir während des Träumens uns des Träumens nicht bewusst sind“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
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Anmerkungen
Literatur
[Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118.[Benjamin 1974b]Benjamin, Walter (1974): Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Dement & Kleitman 1957a]Dement, William & Kleitman, Nathanael (1957): The Relation of Eye Movements During Sleep to Dream Activity: An Objective Method for the Study of Dreaming. Journal of Experimental Psychology, 53, 3.[Foulkes 1962a]Foulkes, D. (1962): Dream Reports from Different Stages of Sleep. Journal of Abnormal and Social Psychology , 65.[Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999b]Freud, Sigmund (1999): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 15. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999c]Freud, Sigmund (1999): Die Traumdeutung. Über den Traum. Gesammelte Werke. Bd. 2/3. Fischer, Frankfurt/M.[Hobson & McCarley 1977a]Hobson, J.A. & McCarley, R.W. (1977): The Brain as a Dream-State Generator: An Activation-Synthesis Hypothesis of the Dream Process. American Journal of Psychiatry, 134.[Hobson 1989a]Hobson, J.A. (1989): Sleep. Scientific American Library, New York.[Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Kerr et al. 1982a]Kerr, N. & Foulkes, D. & Schmidt, M. (1982): The Structure of Laboratory Dream Reports in Blind and Sighted Subjects. The Journal of Nervous and Mental Disease, 170, 5.[Lacan 1966a]Lacan, Jacques (1966): Kant avec Sade. In: Lacan, J. (Hg.), Écrits. Seuil, Paris.[Lacan 1994a]Lacan, Jacques (1994): Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse, essais points. Seuil, Paris.[Lacan 1996b]Lacan, Jacques (1996): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Quadriga, Weinheim.[Nishimoto et al. 2011a]Nishimoto, Shinji & T. Vu, An & Naselaris, Thomas & Benjamini, Yuval & Yu, Bin & Gallant, Jack L. (2011): Reconstructing Visual Experiences from Brain Activity Evoked by Natural Movies. Current Biology, 21.[Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München.[Pinel & Pauli 2007a]Pinel, John P. J. & Pauli, Paul (2007): Biopsychologie. Pearson Studium, München u.a.[Rechtschaffen & Buchignani 1983a]Rechtschaffen, Allan & Buchignani, Cheryl (1983): Visual Dimensions and Correlates of Dream Images. Sleep Research, 12.[Reck 2010a]Reck, Hans Ulrich (2010): Traum. Enzyklopädie. Wilhelm Fink, München.[Rodenbeck et al. 2006a]Rodenbeck, Andrea & Gruber-Rüther, Angelika & Rüther, Eckart (2006): Affekte im Traum und Wacherleben – eine Affekthypothese des Traumes. In: Wiegand, M.l H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Solms 1997a]Solms, M. (1997): The Neuropsychology of Dreams. Lawrence Erlbaum, Mahwah (NJ).[Solms 2000a]Solms, M. (2000): Dreaming and REM Sleep Are Controlled by Different Brain Mechanisms. Behavioral and Brain Sciences, 23.[Solms 2006a]Solms, M. (2006): “Traumdeutung” und Neurowissenschaften. In: Starobinski, J. & Grubrich-Simitis, I. & Solms, M. (Hg.), Hundert Jahre “Traumdeutung” von Sigmund Freud. Fischer, Frankfurt/M.[Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. [Valery 1935a]Valéry, Paul (1935): Analecta. Gallimard, Paris.[Woodward et al. 2002a]Woodward, S.H. & Leskin, G.A. & Sheikh, J.I. (2002): Movement During Sleep: Associations with Post-Traumatic Stress Disorder, Nightmares, and Comorbid Panic Disorder. Sleep, 25. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Wolfram Bergande — (Hinweis) |