Gestalt: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 16: | Zeile 16: | ||
Die Gestaltpsycho­logie ent­wickel­te ihre grundsätz­lichen Ideen vor dem Hinter­grund zweier riva­lisie­render Schulen: dem Struktu­ralis­mus und dem Beha­vioris­mus. Um dem Phänomen der Kogni­tion näher­zukom­men – so der Grundge­danke der Gestalt­psycho­logie – soll sich die Unter­suchung weder allein auf die geistig-menta­len Aspek­te (wie im Struktu­ralis­mus) noch aus­schließlich allein auf die Verhal­tensas­pekte wie im Beha­vioris­mus bezie­hen, sondern stets auf die Ganzheit des bewuss­ten Erle­bens. Sie besteht aus menta­len und physi­kali­schen Aspek­ten, und dement­sprechend bezie­hen sich bewuss­te Erfah­rung und zere­brale Prozes­se aufei­nander. Diese Voraus­setzun­gen bedeu­ten metho­dolo­gisch, dass gestalt­psycho­logische Unter­suchun­gen ihren Ausgangs­punkt nicht allein oder primär bei der Erfas­sung und Ana­lyse von Sinnes­daten nehmen können, sondern versu­chen müssen, die gege­benen Phäno­mene in ihrer Ganzheit und Komple­xität zu berück­sichti­gen. Bei Wahrneh­mungsex­peri­menten bemü­hen sich Gestalt­psycho­logen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Perso­nen, die am Expe­riment teilneh­men, sich in einer natür­lichen, alltäg­lichen Umge­bung befin­den. Wenn diese Krite­rien erfüllt sind, spricht man in der Gestalt­psycho­logie vom ‘biotischen Experiment’. | Die Gestaltpsycho­logie ent­wickel­te ihre grundsätz­lichen Ideen vor dem Hinter­grund zweier riva­lisie­render Schulen: dem Struktu­ralis­mus und dem Beha­vioris­mus. Um dem Phänomen der Kogni­tion näher­zukom­men – so der Grundge­danke der Gestalt­psycho­logie – soll sich die Unter­suchung weder allein auf die geistig-menta­len Aspek­te (wie im Struktu­ralis­mus) noch aus­schließlich allein auf die Verhal­tensas­pekte wie im Beha­vioris­mus bezie­hen, sondern stets auf die Ganzheit des bewuss­ten Erle­bens. Sie besteht aus menta­len und physi­kali­schen Aspek­ten, und dement­sprechend bezie­hen sich bewuss­te Erfah­rung und zere­brale Prozes­se aufei­nander. Diese Voraus­setzun­gen bedeu­ten metho­dolo­gisch, dass gestalt­psycho­logische Unter­suchun­gen ihren Ausgangs­punkt nicht allein oder primär bei der Erfas­sung und Ana­lyse von Sinnes­daten nehmen können, sondern versu­chen müssen, die gege­benen Phäno­mene in ihrer Ganzheit und Komple­xität zu berück­sichti­gen. Bei Wahrneh­mungsex­peri­menten bemü­hen sich Gestalt­psycho­logen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Perso­nen, die am Expe­riment teilneh­men, sich in einer natür­lichen, alltäg­lichen Umge­bung befin­den. Wenn diese Krite­rien erfüllt sind, spricht man in der Gestalt­psycho­logie vom ‘biotischen Experiment’. | ||
: | : | ||
Die Psychologen der soge­nannten Berli­ner Schule, Max Werthei­mer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtig­sten Vertre­ter der Gestalt­psycho­logie betrach­tet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppie­rungen, wobei die Eigen­schaften von Stimu­li uns zwingen, unse­re jewei­ligen (z.B. visu­ellen) Wahrneh­mungen von vornhe­rein in bestimm­ter Weise anzu­ordnen. 1912 entdeck­te Werthei­mer das sogenannte | Die Psychologen der soge­nannten Berli­ner Schule, Max Werthei­mer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtig­sten Vertre­ter der Gestalt­psycho­logie betrach­tet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppie­rungen, wobei die Eigen­schaften von Stimu­li uns zwingen, unse­re jewei­ligen (z.B. visu­ellen) Wahrneh­mungen von vornhe­rein in bestimm­ter Weise anzu­ordnen. 1912 entdeck­te Werthei­mer das sogenannte [http://de.wikipedia.org/wiki/Phi-Ph%C3%A4nomen Phi-Phäno­men]. Nachdem Wertheimer das Phäno­men der von einem Pol zu einem ande­rem springen­den Lichter auf einem Eisen­bahnzug bemerkt hatte, führte er weite­re Versu­che durch. Sie beleg­ten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimm­ten Geschwin­digkeit aufleuch­ten, ein einzel­nes Licht wahrneh­men, das sich hin und her bewegt. Diese opti­sche Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Informationen erfinden, die nicht existieren, wenn wir Bewegung wahrnehmen. Wertheimer entwickelte die Grundgesetze der Organisation der visuellen Information wie z.B. die Gesetze der Nähe, der [[Ähnlichkeit|Ähnlichkeit]], der Geschlossenheit und der Einfachheit. | ||
Version vom 3. Juli 2013, 09:13 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
Glossar-English:Gestalt[1]
Historische Wurzeln und Entstehung der GestaltpsychologieDer Begriff »Gestalt« wurde von Christian von Ehrenfels, einem Schüler von Franz Brentano, geprägt [Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14. Die Gestaltpsychologie entwickelte ihre grundsätzlichen Ideen vor dem Hintergrund zweier rivalisierender Schulen: dem Strukturalismus und dem Behaviorismus. Um dem Phänomen der Kognition näherzukommen – so der Grundgedanke der Gestaltpsychologie – soll sich die Untersuchung weder allein auf die geistig-mentalen Aspekte (wie im Strukturalismus) noch ausschließlich allein auf die Verhaltensaspekte wie im Behaviorismus beziehen, sondern stets auf die Ganzheit des bewussten Erlebens. Sie besteht aus mentalen und physikalischen Aspekten, und dementsprechend beziehen sich bewusste Erfahrung und zerebrale Prozesse aufeinander. Diese Voraussetzungen bedeuten methodologisch, dass gestaltpsychologische Untersuchungen ihren Ausgangspunkt nicht allein oder primär bei der Erfassung und Analyse von Sinnesdaten nehmen können, sondern versuchen müssen, die gegebenen Phänomene in ihrer Ganzheit und Komplexität zu berücksichtigen. Bei Wahrnehmungsexperimenten bemühen sich Gestaltpsychologen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Personen, die am Experiment teilnehmen, sich in einer natürlichen, alltäglichen Umgebung befinden. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, spricht man in der Gestaltpsychologie vom ‘biotischen Experiment’. Die Psychologen der sogenannten Berliner Schule, Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtigsten Vertreter der Gestaltpsychologie betrachtet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppierungen, wobei die Eigenschaften von Stimuli uns zwingen, unsere jeweiligen (z.B. visuellen) Wahrnehmungen von vornherein in bestimmter Weise anzuordnen. 1912 entdeckte Wertheimer das sogenannte Phi-Phänomen. Nachdem Wertheimer das Phänomen der von einem Pol zu einem anderem springenden Lichter auf einem Eisenbahnzug bemerkt hatte, führte er weitere Versuche durch. Sie belegten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimmten Geschwindigkeit aufleuchten, ein einzelnes Licht wahrnehmen, das sich hin und her bewegt. Diese optische Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Informationen erfinden, die nicht existieren, wenn wir Bewegung wahrnehmen. Wertheimer entwickelte die Grundgesetze der Organisation der visuellen Information wie z.B. die Gesetze der Nähe, der Ähnlichkeit, der Geschlossenheit und der Einfachheit.
Der Begriff der GestaltDas deutsche “Gestalt” entspricht dem englischen “form” oder “shape”. Auf einen Vorschlag von E. B. Tichener hat Harry Helson "configuration" als englische Übersetzung empfohlen. Der Ausdruck leitet sich metaphorisch vom germanischen “stalla” (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das englische “stall”. Die normale Bedeutung von “Gestalt” ist ‘external or visible form’. Der Ausdruck bezeichnet sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. [Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phänomens begreifen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facetten, von denen je nach Perspektive unterschiedliche in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusammenfasst: “The word Gestalt has been used in a variety of ways by members of the movement. Usually there is an agreement in intension but the concept is variously applied in extension. On the phenomenological side we find several different meanings along the following order. The configuration may refer to any given totality described in terms of its meaning. Or the configuration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essential designation may be the manner of combination of a group of units into a whole: four dots may be perceived as a square, as lines in various positions, or as a tilted cross. Often the configuration may include factors at present unknown. Psychologically a configuration consists of the afferent, central and efferent portions of the nervous system functioning as a unit: there are no isolated paths, no single point-excitation connected by strands; the form of excitation and its spread are here of importance. From the point of view of behaviour a configurational response may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation confronting the organism.” ([Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.
Arbeitsgebiete der GestaltpsychologieDie Experimente und Untersuchungen der Gestaltpsychologen ebneten den Weg für eine Vielzahl von neuen Disziplinen und Einsichten. Der späte Wertheimer setzte sich mit Fragen des Problemlösens auseinander und betonte, dass die Lösung erst mit dem Verstehen des Problemganzen einsetzt und dass erst nachträglich Einzelheiten in Betracht gezogen werden. Demnach beruht Lernen auf der übergreifenden Struktur des jeweiligen Problems. Auch Köhler konzentrierte seine Untersuchungen auf das Lernen und die Problemlösung. Er führte Versuche mit Tieren (Affen und Hühnern) durch, die einige Belege dafür lieferten, dass auch Tiere zum verstehenden Lernen befähigt sind, dass auch sie "Gestalten" lernen können. Koffka hat den Begriff Gedächtnisspur für die Einrichtung der Gedächtnisfunktion in den Rahmen der Gestaltpsychologie eingebracht: Wenn eine Erfahrung gemacht worden ist, bleibt ihr Effekt als eine Spur im Gehirn. Diese Spur beeinflusst zukünftige Erfahrungen. Der Prozess einer in reiner Form ausgelösten Erfahrung geschieht nur einmal. Danach interagiert jede neue Erfahrung mit einer früheren Spur. Ein Spursystem baut sich auf. Kurt Zadek Lewin versuchte auf der Grundlage der Gestaltprinzipien eine Theorie der Motivation in Übereinstimmung mit der Feldtheorie der Physik zu entwickeln. Der Theorie zufolge gehören Verhältnisse und kognitive Prozesse zu einem Feld, in dem sich jedes Element auf die anderen Elemente auswirkt. Wir können solche Felder auf vielen verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Bereichen beobachten: Die von einem Individuum wahrgenommene Umwelt wäre ebenso als ein solches Feld zu analysieren wie auch (auf einer anderen Ebene) eine ganze Gesellschaft. In Bezug auf diese letzte Kategorie wird Lewin als Begründer der Sozialpsychologie angesehen. Die Bewegung der Gestaltpsychologie hatte weitreichenden Einfluss. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Wir finden ihre zentralen Ideen in den Überlegungen zum "impliziten Wissen" von Michel Polanyi wieder, in der Theorie des Films und den Untersuchungen zur Wahrnehmungspsychologie von Rudolf Arnheim ([Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Prinzipien und Gestaltgesetze der visuellen WahrnehmungWas die visuelle Wahrnehmung betrifft, so hat die Gestaltpsychologie einige Schlüsseleigenschaften herausgearbeitet. Diese Gestaltgesetze oder Prinzipien sind wichtige Leitlinien für die visuellen Künste und für das Design. Je nach Akzentsetzung und Entstehungszeit sind diese Prinzipien jeweils etwas anders formuliert worden. Zu den wichtigsten Prinzipien gehört zunächst das der Emergenz. Der Begriff verweist darauf, dass ein Gegenstand in unserer Umwelt von uns sofort als eine Ganzheit wahrgenommen wird. Das Erkennen eines Hundes geschieht nicht durch das aufeinanderfolgende Erkennen seiner einzelnen Bestandteile, sondern durch das Erkennen bestimmter Muster. Der generative Aspekt der Wahrnehmung ist die Reifikation. Dies bedeutet, dass die durch unsere Erfahrung bereits "vorgemusterte” Wahrnehmung visueller Artefakte uns mehr räumliche Informationen liefert als der bloße sinnliche Reiz. Wir erkennen bestimmte Formen bzw. Figuren ("Gestalten"), obwohl diese keine echten Konturen besitzen, wie etwa das Beispiel von Kaniszas Dreieck (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt. [1] Ein weiteres Prinzip ist die Multistabilität der Wahrnehmung. Es bezieht sich auf kognitive Prozesse, die in zweideutigen Wahrnehmungssituationen ablaufen: Im Fall der bekannten Kopf/Vase-Täuschung Edgar Rubins ([Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.), oszillieren die Figur (die substantielle Erscheinung des Gegenstandes) und der Grund (das allgemeine Umfeld des Gegenstandes) gemäß der jeweiligen Interpretation. ![]() |
Anmerkungen
Literatur
[Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14.[Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind. Chicago University Press, Chicago.[Merleau-Ponty 1966a]Merleau-Ponty, Maurice (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). Walter de Gruyter, Berlin.[Merleau-Ponty 2006a]Merleau-Ponty, Maurice (2006): Das Kino und die neue Psychologie (1947). In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Mentis, Paderborn.[Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.[Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |
