Bilderschrift und Piktogramm: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Als Prototyp einer Bilder&shy;schrift im ersten Sinn galten lange die ägyp&shy;tischen Hiero&shy;glyphen. Vor ihrer Entzif&shy;ferung im 19. Jahrhun&shy;dert gab es v.a. in der Spätan&shy;tike und im Barock Versu&shy;che, die Bedeu&shy;tung der Hiero&shy;glyphen über unter&shy;schiedli&shy;che Ana&shy;logie&shy;bezie&shy;hungen aus dieser Bildlich&shy;keit abzu&shy;leiten. Der moder&shy;nen Ägyp&shy;tolo&shy;gie gilt dieser Blick auf die ägyp&shy;tische Schrift schlicht als falsch: Hiero&shy;glyphen schreiben eine bestimm&shy;te Sprache bzw. Sprach&shy;stufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrach&shy;tet. Ihre Bild&shy;lichkeit spielt für ihre primä&shy;re Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, dass „der Normal&shy;fall der ägyp&shy;tischen Schrift […] eine kursi&shy;ve Schreib&shy;schrift [ist]“ (<bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidl&shy;mayer 2011a</bib>: S. 124). Iko&shy;nische Eigen&shy;schaften können aber in bestimm&shy;ten Gebrauchs&shy;kontex&shy;ten für seman&shy;tische Effek&shy;te „ausge&shy;beutet” werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidl&shy;mayer 2011a</bib>); Assmann spricht in diesem Zusammen&shy;hang nachge&shy;rade von einer „Etymo&shy;graphie“ (<bib id='Assmann 2011a '>Ass&shy;mann 2011a</bib>: S. 139).  
Als Prototyp einer Bilder&shy;schrift im ersten Sinn galten lange die ägyp&shy;tischen Hiero&shy;glyphen. Vor ihrer Entzif&shy;ferung im 19. Jahrhun&shy;dert gab es v.a. in der Spätan&shy;tike und im Barock Versu&shy;che, die Bedeu&shy;tung der Hiero&shy;glyphen über unter&shy;schiedli&shy;che Ana&shy;logie&shy;bezie&shy;hungen aus dieser Bildlich&shy;keit abzu&shy;leiten. Der moder&shy;nen Ägyp&shy;tolo&shy;gie gilt dieser Blick auf die ägyp&shy;tische Schrift schlicht als falsch: Hiero&shy;glyphen schreiben eine bestimm&shy;te Sprache bzw. Sprach&shy;stufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrach&shy;tet. Ihre Bild&shy;lichkeit spielt für ihre primä&shy;re Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, dass „der Normal&shy;fall der ägyp&shy;tischen Schrift […] eine kursi&shy;ve Schreib&shy;schrift [ist]“ (<bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidl&shy;mayer 2011a</bib>: S. 124). Iko&shy;nische Eigen&shy;schaften können aber in bestimm&shy;ten Gebrauchs&shy;kontex&shy;ten für seman&shy;tische Effek&shy;te „ausge&shy;beutet” werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidl&shy;mayer 2011a</bib>); Assmann spricht in diesem Zusammen&shy;hang nachge&shy;rade von einer „Etymo&shy;graphie“ (<bib id='Assmann 2011a '>Ass&shy;mann 2011a</bib>: S. 139).  
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Diesen Zusammenhang hatte im Prinzip auch bereits Wilhelm v. Humboldt erkannt, der in seiner Akademierede von 1824 «Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau» (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 86ff.) zunächst zwischen „Bilderschriften“ (die wie die ägyptischen Hieroglyphen ikonische Zeichen verwenden), „Figurenschriften“, „welche Begriffe bezeichne[n]“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 87) (wie die chinesischen Zeichen) und „Buchstabenschriften“ (Alphabetschriften) unterscheidet, um dann aber klarzumachen, dass die Verhältnisse komplizierter sind. Humboldt stand in Briefkontakt mit Champollion und kannte dessen kurz zuvor (1822) erschienene «Lettre à M. Dacier». Er wußte, dass „die Aegyptier Bilder- und Buchstabenschrift in einander übergehen liessen“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 83), mit anderen Worten die Hieroglyphen einen alphabetischen Anteil haben.  
Diesen Zusammenhang hatte im Prinzip auch bereits Wilhelm v. Humboldt erkannt, der in seiner Aka&shy;demie&shy;rede von 1824 «Über die Buchsta&shy;benschrift und ihren Zusam&shy;menhang mit dem Sprachbau» (<bib id='Humboldt 1988a'>Hum&shy;boldt 1988a</bib>: S. 86ff.) zunächst zwischen „Bilder&shy;schriften“ (die wie die ägyp&shy;tischen Hiero&shy;glyphen iko&shy;nische Zeichen verwen&shy;den), „Figu&shy;renschrif&shy;ten“, „welche Begrif&shy;fe bezeich&shy;ne[n]“ (ibid. S. 87) (wie die chine&shy;sischen Zeichen) und „Buchsta&shy;benschrif&shy;ten“ (Alpha&shy;betschrif&shy;ten) unter&shy;scheidet, um dann aber klarzu&shy;machen, dass die Verhält&shy;nisse kompli&shy;zierter sind. Humboldt stand in Briefkon&shy;takt mit Champol&shy;lion und kannte dessen kurz zuvor (1822) erschie&shy;nene «Lettre à M. Dacier». Er wußte, dass „die Aegyp&shy;tier Bilder- und Buchsta&shy;benschrift in einan&shy;der über&shy;gehen liessen“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Hum&shy;boldt 1988a</bib>: S. 83), mit ande&shy;ren Worten die Hiero&shy;glyphen einen alpha&shy;beti&shy;schen Anteil haben.  
„Bilderschriften“ können als „Buchstabenschriften“ fungieren. Unterschied Humboldt bereits zwischen den Aspekten Zeichengestalt und Funktion, so sah er in der [[Schriftbildlichkeit]] der Hieroglyphen jedoch kein Reservoir für etymographische Lesungen oder ein schriftspielerisches Potential. Vielmehr sah er in der Bildlichkeit der Zeichen eine Ablenkung: Während Buchstabenschriften vor Augen führen, was den Sprachlaut als solchen auszeichnet (nämlich, dass er ein artikulierter Laut ist (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 93), lenken Bilderschriften durch die zusätzliche Referenz auf den Gegenstand der Rede von dieser selbst ab (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 86).
„Bilder&shy;schriften“ können als „Buchsta&shy;benschrif&shy;ten“ fungie&shy;ren. Unter&shy;schied Humboldt bereits zwischen den Aspek&shy;ten Zeichen&shy;gestalt und Funktion, so sah er in der [[Schriftbildlichkeit|Schrift&shy;bildlich&shy;keit]] der Hiero&shy;glyphen jedoch kein Reser&shy;voir für ety&shy;mogra&shy;phische Lesun&shy;gen oder ein schrift&shy;spieler&shy;isches Poten&shy;tial. Vielmehr sah er in der Bildlich&shy;keit der Zeichen eine Ablen&shy;kung: Während Buchsta&shy;benschrif&shy;ten vor Augen führen, was den Sprachlaut als solchen auszeich&shy;net (nämlich, dass er ein arti&shy;kulier&shy;ter Laut ist (<bib id='Humboldt 1988a'>Hum&shy;boldt 1988a</bib>: S. 93), lenken Bilder&shy;schriften durch die zusätz&shy;liche Refe&shy;renz auf den Gegen&shy;stand der Rede von dieser selbst ab (ibid. S. 86).
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Coulmas (<bib id='Coulmas 1999a'>Coulmas 1999a</bib>: S. 382 und 407) hat versucht, diese Unterscheidung zwischen Gestalt und Funktionsweise terminologisch unter den Bezeichnungen ‘inner form’ und ‘outer form’ zu fassen und stellt fest: „No writing system is pictographic with respect to its inner form“ (<bib id='Coulmas 1999a'>Coulmas 1999a</bib>: S. 407). Er faßt damit zusammen, was Konsens in der Forschung ist: Ein voll entwickeltes natürlichsprachliches Schriftsystem wie die Hieroglyphen zeichnet sich dadurch aus, dass es – in den Worten Humboldts – „bestimmte Wörter in bestimmter Folge andeutet“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Humboldt 1988a</bib>: S. 110), und diese Funktionsweise ist grundsätzlich unabhängig von der Bildlichkeit der Gestalt. [[Schriftbildlichkeit|schriftbildliche Aspekte]] an der Gestalt des Zeichens können aber ein zusätzliches Bedeutungspotential bergen.<ref>Hinzu kommen natürlich kalligraphische oder [[Typographie|typographische]] Auszeichnungen etc., die aber in den genannten Forschungskontexten in der Regel eine untergeordnete Rolle spielen.</ref>
Coulmas (<bib id='Coulmas 1999a'>Coul&shy;mas 1999a</bib>: S. 382 und 407) hat versucht, diese Unter&shy;scheidung zwischen Gestalt und Funktions&shy;weise termi&shy;nolo&shy;gisch unter den Bezeich&shy;nungen ‘inner form’ und ‘outer form’ zu fassen und stellt fest: „No writing system is picto&shy;graphic with respect to its inner form“ (ibid.: S. 407). Er faßt damit zusam&shy;men, was Konsens in der Forschung ist: Ein voll ent&shy;wickel&shy;tes natür&shy;lichsprach&shy;liches Schrift&shy;system wie die Hiero&shy;glyphen zeichnet sich dadurch aus, dass es – in den Worten Humboldts – „bestimm&shy;te Wörter in bestimm&shy;ter Folge andeu&shy;tet“ (<bib id='Humboldt 1988a'>Hum&shy;boldt 1988a</bib>: S. 110), und diese Funktions&shy;weise ist grundsätz&shy;lich unab&shy;hängig von der Bild&shy;lichkeit der Gestalt. [[Schriftbildlichkeit|schrif&shy;tbild&shy;liche Aspek&shy;te]] an der Gestalt des Zeichens können aber ein zusätz&shy;liches Bedeu&shy;tungspo&shy;tential bergen.<ref>Hin&shy;zu kom&shy;men na&shy;tür&shy;lich kal&shy;li&shy;gra&shy;phi&shy;sche oder [[Typographie|ty&shy;po&shy;gra&shy;phi&shy;sche]] Aus&shy;zeich&shy;nun&shy;gen etc., die aber in den ge&shy;nann&shy;ten For&shy;schungs&shy;kon&shy;tex&shy;ten in der Re&shy;gel ei&shy;ne un&shy;ter&shy;ge&shy;ord&shy;ne&shy;te Rol&shy;le spie&shy;len.</ref>
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Version vom 20. Juni 2013, 10:25 Uhr

Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit


Die Grenze zwischen Schrift und Bild

Wenn man die Schriften natür­licher Sprachen in histo­rischer oder syste­mati­scher Perspek­tive kate­gori­sieren, also eine Schriftge­schichte oder –typo­logie entwer­fen möchte, muß man zwei grundsätz­liche Fragen bean­tworten: die Frage nach den “Außen­grenzen” des Bereichs der Schrift (was gilt noch als Schrift, was als histo­rische Vorstu­fe zu voll ent­wickel­ten Schriften, was schon als Bild?) und die Frage nach den Funkti­onsprin­zipien unter­schiedli­cher Schrift­typen (gibt es ein gemein­sames Funkti­onsprin­zip oder mehre­re unter­schiedli­che?). Ein wichti­ges Problem in diesem Zusam­menhang ist die Beschrei­bung und die Defi­nition von Bilder­schriften, da sich u.a. an diesem Problem die Grenze zwischen Schrift und Bild verhan­delt.


Bilderschrift als Mythos

Man spricht tradi­tionell von ‘Bilder­schriften’, wo Schrift­zeichen erkenn­bar Bildern von Gegen­ständen ähneln, die Bezeich­nung ‘Bilder­schriften’ dient manchmal aber auch als Sammel­name für Vorfor­men von Schrift und schriftar­tige Mnemo­techni­ken. Man spricht also einer­seits von einer bestimm­ten graphi­schen Gestalt und ande­rerseits von einer bestimm­ten Funkti­onswei­se, der direk­ten Refe­renz auf den Gegen­stand, ohne dass notwen­dig eine Bindung an eine bestimm­te Lautung gege­ben sein muß. Oft wird auch ange­nommen, die Iko­nizi­tät der Gestalt bedin­ge eine solche Gebrauchs­weise. In diesem zweiten Sinne wären Bilder­schriften etwas Ähnli­ches wie Pikto­gramme, eine Art mehr oder weni­ger standar­disier­te iko­nische Kurz­formeln.

Als Prototyp einer Bilder­schrift im ersten Sinn galten lange die ägyp­tischen Hiero­glyphen. Vor ihrer Entzif­ferung im 19. Jahrhun­dert gab es v.a. in der Spätan­tike und im Barock Versu­che, die Bedeu­tung der Hiero­glyphen über unter­schiedli­che Ana­logie­bezie­hungen aus dieser Bildlich­keit abzu­leiten. Der moder­nen Ägyp­tolo­gie gilt dieser Blick auf die ägyp­tische Schrift schlicht als falsch: Hiero­glyphen schreiben eine bestimm­te Sprache bzw. Sprach­stufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrach­tet. Ihre Bild­lichkeit spielt für ihre primä­re Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, dass „der Normal­fall der ägyp­tischen Schrift […] eine kursi­ve Schreib­schrift [ist]“ ([Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011): Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
: S. 124). Iko­nische Eigen­schaften können aber in bestimm­ten Gebrauchs­kontex­ten für seman­tische Effek­te „ausge­beutet” werden (vgl. [Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011): Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
); Assmann spricht in diesem Zusammen­hang nachge­rade von einer „Etymo­graphie“ ([Assmann 2011a]Assmann, Jan (2012): Schriftbildlichkeit: Etymographie und Ikonographie. In: Krämer, S. & Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
Webadresse: archive.org/details/AssmannSchriftbildlichkeit2012/mode/2up
: S. 139).

Diesen Zusammenhang hatte im Prinzip auch bereits Wilhelm v. Humboldt erkannt, der in seiner Aka­demie­rede von 1824 «Über die Buchsta­benschrift und ihren Zusam­menhang mit dem Sprachbau» ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm (1988): Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau. In: Flitner, A. & Giel, K. (Hg.), Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
: S. 86ff.) zunächst zwischen „Bilder­schriften“ (die wie die ägyp­tischen Hiero­glyphen iko­nische Zeichen verwen­den), „Figu­renschrif­ten“, „welche Begrif­fe bezeich­ne[n]“ (ibid. S. 87) (wie die chine­sischen Zeichen) und „Buchsta­benschrif­ten“ (Alpha­betschrif­ten) unter­scheidet, um dann aber klarzu­machen, dass die Verhält­nisse kompli­zierter sind. Humboldt stand in Briefkon­takt mit Champol­lion und kannte dessen kurz zuvor (1822) erschie­nene «Lettre à M. Dacier». Er wußte, dass „die Aegyp­tier Bilder- und Buchsta­benschrift in einan­der über­gehen liessen“ ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm (1988): Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau. In: Flitner, A. & Giel, K. (Hg.), Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
: S. 83), mit ande­ren Worten die Hiero­glyphen einen alpha­beti­schen Anteil haben. „Bilder­schriften“ können als „Buchsta­benschrif­ten“ fungie­ren. Unter­schied Humboldt bereits zwischen den Aspek­ten Zeichen­gestalt und Funktion, so sah er in der Schrift­bildlich­keit der Hiero­glyphen jedoch kein Reser­voir für ety­mogra­phische Lesun­gen oder ein schrift­spieler­isches Poten­tial. Vielmehr sah er in der Bildlich­keit der Zeichen eine Ablen­kung: Während Buchsta­benschrif­ten vor Augen führen, was den Sprachlaut als solchen auszeich­net (nämlich, dass er ein arti­kulier­ter Laut ist ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm (1988): Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau. In: Flitner, A. & Giel, K. (Hg.), Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
: S. 93), lenken Bilder­schriften durch die zusätz­liche Refe­renz auf den Gegen­stand der Rede von dieser selbst ab (ibid. S. 86).

Coulmas ([Coulmas 1999a]Coulmas, Florian (1999): The Backwell Encyclopedia of Writing Systems. Backwell, Oxford u.a.
: S. 382 und 407) hat versucht, diese Unter­scheidung zwischen Gestalt und Funktions­weise termi­nolo­gisch unter den Bezeich­nungen ‘inner form’ und ‘outer form’ zu fassen und stellt fest: „No writing system is picto­graphic with respect to its inner form“ (ibid.: S. 407). Er faßt damit zusam­men, was Konsens in der Forschung ist: Ein voll ent­wickel­tes natür­lichsprach­liches Schrift­system wie die Hiero­glyphen zeichnet sich dadurch aus, dass es – in den Worten Humboldts – „bestimm­te Wörter in bestimm­ter Folge andeu­tet“ ([Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm (1988): Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau. In: Flitner, A. & Giel, K. (Hg.), Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.
: S. 110), und diese Funktions­weise ist grundsätz­lich unab­hängig von der Bild­lichkeit der Gestalt. schrif­tbild­liche Aspek­te an der Gestalt des Zeichens können aber ein zusätz­liches Bedeu­tungspo­tential bergen.[1]

Bilderschrift als typologisches Problem

Damit sind aber noch nicht sämtliche systematischen Probleme gelöst, die mit dem Begriff der Bilderschriften verbunden sind. Was für Schriftsysteme wie die ägyptischen Hieroglyphen allgemein als geklärt gilt, ist hinsichtlich der allgemeinen Typologie von Schriftsystemen und der Charakterisierung der historischen Vorformen von Schrift immer noch umstritten. Hier geht es um Bilderschriften im zweiten oben angeführten Sinn des Begriffs.

Exemplarisch sei hier auf die Debatte zwischen Sampson ([Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985): Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford University Press, Stanford, California.
) und DeFrancis ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989): Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. University of Hawaii Press, Honolulu.
) aus den 1980er Jahren verwiesen: Sampson ([Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985): Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford University Press, Stanford, California.
: S. 32ff.) legt eine Einteilung der Schriftsysteme in semasiographische („semasiographic“) und glottographische („glottographic“) Systeme vor. Unter der Bezeichnung ‘semasiographisch’ verbirgt sich ein weiter Schriftbegriff, der Piktogramme und die in Schriftgeschichten weitverbreiteten Felszeichnungen etc. umfaßt; ‘glottographisch’ sind alle Schriftsysteme, insofern sie bestimmte Sprachen schreiben. Sampson räumt durchaus ein, dass man die Bezeichnung ‘Schrift’ auf die Systeme beschränken könnte, die er glottographisch nennt. Es ist für ihn aber theoretisch durchaus vorstellbar, semasiographische Systeme (Piktogramme) so weit auszudifferenzieren, dass sie die Ausdrucksmächtigkeit einer Schrift bekommen – und zwar unabhängig von einer bestimmten Sprache. Die glottographischen Systeme wiederum sind eingeteilt in phonographische („phonographic“) Systeme einerseits (Silbenschriften, Alphabete und Systeme wie das Koreanische, die zwar Silbenschriften sind, aber eine aufgeschlüsselte Binnenstruktur haben) und logographische („logographic“) Systeme andererseits, die Morpheme schreiben, wie das Chinesische.

Der Gegenentwurf von DeFrancis ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989): Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. University of Hawaii Press, Honolulu.
: S. 58ff.) unterscheidet sich davon vor allem in zwei Punkten: Erstens kann laut DeFrancis das, was Sampson ‘semasiographische Systeme’ nennt auf keinen Fall als Schrift gelten; semasiographische Systeme sind für ihn „dead-end symbols“ ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989): Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. University of Hawaii Press, Honolulu.
: S. 58), da Piktogramme etc. nicht nur keine Schriften sind, sondern auch nicht zu welchen werden können. Das können sie deshalb nicht, weil echte Schriften für DeFrancis notwendig phonographisch sind ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989): Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. University of Hawaii Press, Honolulu.
: S. 7). Für DeFrancis, gibt es deswegen zweitens auch grundsätzlich keine logographischen Schriften in dem Sinne wie Sampson den Ausdruck verwendet. Das Chinesische klassifiziert er als „morpho-syllabisch“ ([DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989): Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. University of Hawaii Press, Honolulu.
: S. 58), d.h. als eine Silbenschrift, deren Element außerdem auch noch mit Morphemen korrespondieren.

In der neueren Forschung arbeitet etwa Sproat ([Sproat 2010b]Sproat, Richard (2010): Language, Technology, and Society. Oxford University Press, Oxford u.a.
: S. 72) mit einem Schriftbegriff, der etwa der Position von DeFrancis entspricht, dagegen versucht z.B. Elkins ([Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.
: Kap. 8) mit seinen Anmerkungen über semasiographische Zeichen („semasiographs“), die Debatte um die Taxonomie im Grenzbereich zwischen Schrift und Bild neu zu beleben.


Die Kategorie »Bilderschrift« im Kontext schrifttheoretischer Diskussionen

Die Frage nach dem Sinn einer Kategorie "Bilderschrift" hängt so mit der Beantwortung einer Reihe weiterer Fragen zusammen:

  • Sollen Piktogramme und ähnliche Systeme, die (im linguistischen Sinn) keine Syntax aufweisen, aber eine Referenz, als Schriften gelten oder vielleicht eher als Pseudoschriften?
  • Gibt es Schriftzeichen, die wie Piktogramme funktionieren, indem sie als Ideogramme Bedeutungen direkt, ohne Bezugnahme auf die gesprochene Sprache wiedergeben (ohne jedoch wie Piktogramme notwendig ikonisch zu sein)?
  • Gibt es logographische oder morphographische Schriftsysteme[2] oder ist nur der Bezug auf die Lautebene der Sprache typologisch relevant (wie bei Sproat oder DeFrancis)?

Allgemein ist die Debatte auch von deutlich unterschiedlichen Erkenntnisinteressen geprägt: Wer in historischer Perspektive die Konstitutionsprinzipien von Schriften untersucht, wird hier andere Entscheidungen treffen als jemand der Schriften ausschließlich in ihrer Funktion als Notationssysteme für gesprochene Sprachen im Blick hat, und wieder andere Unterscheidungen werden sich ergeben, wenn man die Funktionsprinzipien von Schriften in der Systematik zeichentheoretischer Überlegungen betrachtet.[3]

Anmerkungen
  1. ↑ Hin­zu kom­men na­tür­lich kal­li­gra­phi­sche oder ty­po­gra­phi­sche Aus­zeich­nun­gen etc., die aber in den ge­nann­ten For­schungs­kon­tex­ten in der Re­gel ei­ne un­ter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len.
  2. ↑ Anders als bei Sampson ([Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985): Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford University Press, Stanford, California.
    : S. 32) werden diese beiden Termini in der Regel unterschieden: logographische Systeme schreiben Wörter, morphographische Systeme Morpheme (⊳ Morphologie).
  3. ↑ Zur Unterscheidung zwischen Funktion- und Konstitutionsprinzip von Schrift vgl. [Stetter 1999a]Stetter, Christian (1999): Schrift und Sprache. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: (stw 1415)
    : S. 62.
Literatur
[Assmann 2011a]Assmann, Jan (2012): Schriftbildlichkeit: Etymographie und Ikonographie. In: Krämer, S. & Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Coulmas 1999a]Coulmas, Florian (1999): The Backwell Encyclopedia of Writing Systems. Backwell, Oxford u.a.[DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989): Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. University of Hawaii Press, Honolulu.[Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.[Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm (1988): Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau. In: Flitner, A. & Giel, K. (Hg.), Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.[Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985): Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford University Press, Stanford, California.[Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011): Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Sproat 2010b]Sproat, Richard (2010): Language, Technology, and Society. Oxford University Press, Oxford u.a.[Stetter 1999a]Stetter, Christian (1999): Schrift und Sprache. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Elisabeth Birk und Marcel Lemmes — (Hinweis)