Evidenz, visuelle/ikonische: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Baumgarten z.B. löst diese Fragen, indem er intel&shy;lektuel&shy;le Erkennt&shy;nis und einleuch&shy;tende Anschau&shy;ung in zwei Evidenz&shy;begriffen fasst, die für unter&shy;schied&shy;liche Grade von Gewiss&shy;heit stehen sollen. Er spricht von Evi&shy;denz als über&shy;zeugen&shy;der Gewiss&shy;heit einer&shy;seits, d.i. intel&shy;lektuel&shy;le Gewiss&shy;heit, und von über&shy;reden&shy;der Gewiss&shy;heit ande&shy;rerseits, d.i. ästhe&shy;tisch-anschau&shy;liche Gewiss&shy;heit. Beide Weisen der Evi&shy;denz befin&shy;den sich lt. Baum&shy;garten in einem Spannungs&shy;verhältnis. Dieser „termi&shy;nolo&shy;gischen Spannung im Gebrauch des Wortes Evidenz“, die sich aus dem Ver&shy;hältnis von Philo&shy;sophie und Retho&shy;rik (aus Letzte&shy;rer stammt der Begriff der Evi&shy;denz ursprüng&shy;lich) er&shy;gebe, „soll ein Raum der Entfal&shy;tung gege&shy;ben werden“ (<bib id='Campe 2006a'></bib>: S. 30).  
Baumgarten z.B. löst diese Fragen, indem er intel&shy;lektuel&shy;le Erkennt&shy;nis und einleuch&shy;tende Anschau&shy;ung in zwei Evidenz&shy;begriffen fasst, die für unter&shy;schied&shy;liche Grade von Gewiss&shy;heit stehen sollen. Er spricht von Evi&shy;denz als über&shy;zeugen&shy;der Gewiss&shy;heit einer&shy;seits, d.i. intel&shy;lektuel&shy;le Gewiss&shy;heit, und von über&shy;reden&shy;der Gewiss&shy;heit ande&shy;rerseits, d.i. ästhe&shy;tisch-anschau&shy;liche Gewiss&shy;heit. Beide Weisen der Evi&shy;denz befin&shy;den sich lt. Baum&shy;garten in einem Spannungs&shy;verhältnis. Dieser „termi&shy;nolo&shy;gischen Spannung im Gebrauch des Wortes Evidenz“, die sich aus dem Ver&shy;hältnis von Philo&shy;sophie und Retho&shy;rik (aus Letzte&shy;rer stammt der Begriff der Evi&shy;denz ursprüng&shy;lich) er&shy;gebe, „soll ein Raum der Entfal&shy;tung gege&shy;ben werden“ (<bib id='Campe 2006a'></bib>: S. 30).  
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Das Subjekt kommt im 17. Jahrhundert in einer neuen Weise ins Spiel, wenn ganz besonders auf sein inneres Erleben im Wahrnehmungsprozess geschaut wird. Seither ist Evidenz nicht mehr nur das Offenkundige selbst, sondern sie wird vielmehr auch als subjektiver Bewusstseinszustand aufgefasst, in dem etwas offenkundig ist (vgl. <bib id='Campe 2006a'></bib>: S. 28, vgl. <bib id='Locke 1975a'></bib>: S. 591-594). So fallen bei Franz Brentano im 19. Jahrhundert Wahrheit und Evidenz sogar vollständig zusammen im Sinne der Bestimmung einer völligen emotionalen Zustimmung des Subjekts (<bib id='Brentano 1930a'></bib>: S. 137-150).
Das Subjekt kommt im 17. Jahr&shy;hundert in einer neuen Weise ins Spiel, wenn ganz beson&shy;ders auf sein inne&shy;res Erle&shy;ben im Wahr&shy;nehmungs&shy;prozess geschaut wird. Seither ist Evi&shy;denz nicht mehr nur das Offen&shy;kundi&shy;ge selbst, sondern sie wird viel&shy;mehr auch als subjek&shy;tiver Bewusst&shy;seinszu&shy;stand aufge&shy;fasst, in dem etwas offen&shy;kundig ist (vgl. <bib id='Campe 2006a'></bib>: S. 28, vgl. <bib id='Locke 1975a'></bib>: S. 591-594). So fallen bei Franz Brenta&shy;no im 19. Jahr&shy;hundert Wahr&shy;heit und Evi&shy;denz sogar voll&shy;ständig zusam&shy;men im Sinne der Bestim&shy;mung einer völli&shy;gen emo&shy;tiona&shy;len Zustim&shy;mung des Subjekts (<bib id='Brentano 1930a'></bib>: S. 137-150).
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Edmund Husserl, auf den sich auch aktuelle Versuche der Bestimmung von Evidenz beziehen (vgl. z.B. Boehm und Siegmund), setzt Wahrheit und Evidenz nicht mehr in eins, sondern bestimmt Evidenz als erfüllte Intentionalität. Dem Anschauungserlebnis wird damit von Husserl eine Gerichtetheit attestiert, die immer schon mit einer Sinnunterstellung verknüpft ist (<bib id='Husserl 1993a'></bib>: S. 8-127). In Bezug auf (äußere) Bilder stellt Husserl fest: „Das Bild … bezieht sich auf die Sache durch Ähnlichkeit“ (<bib id='Husserl 1993a'></bib>: S. 54).
Edmund Husserl, auf den sich auch aktuel&shy;le Versu&shy;che der Bestim&shy;mung von Evi&shy;denz bezie&shy;hen (vgl. z.B. Boehm und Siegmund), setzt Wahrheit und Evi&shy;denz nicht mehr in eins, sondern bestimmt Evi&shy;denz als erfül&shy;lte Inten&shy;tiona&shy;lität. Dem Anschau&shy;ungser&shy;lebnis wird damit von Husserl eine Gerich&shy;tetheit attes&shy;tiert, die immer schon mit einer Sinnun&shy;terstel&shy;lung verknüpft ist (<bib id='Husserl 1993a'></bib>: S. 8-127). In Bezug auf (äuße&shy;re) Bilder stellt Husserl fest: „Das Bild … bezieht sich auf die Sache durch Ähn&shy;lich&shy;keit“ (<bib id='Husserl 1993a'></bib>: S. 54).





Version vom 26. April 2013, 11:43 Uhr

Unterpunkt zu: Grundbegriffe der Bildlichkeit


Evidenz im Allgemeinen

Die Bestimmung von Evidenz (Offen­kundig­keit, unmit­telba­res Ein­leuchten, Augen­schein­lich­keit, Richtig­keit, auch Wahr­heit) im Rahmen eines bild­philo­sophi­schen Begriffs­verständ­nisses trifft nur einen Aus­schnitt aus dem Gebrauch und der Geschich­te des Begriffs. Denn Evidenz im Allge­meinen ist „einer­seits dem auffas­senden Subjekt, ande­rerseits der objek­tiven Verbind­lichkeit des Aufge­faßten, einer­seits dem Urteils­erleb­nis und dem Akt des Zu­stimmens („assen­sus evi­dens“), ande­rerseits dem Urteils­inhalt zuge­ordnet worden und weist inso­fern … eine Ambi­valenz auf …“ ([Halbfass 1972a]Halbfass, Wilhelm (1972): Evidenz. In: Gründer, K. & Ritter, J. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2. Schwabe Verlag, Basel.
: S. 6199). In dieser Weite bezieht sich der Begriff auf mehr als auf inne­re und äuße­re Bilder und deren Wahr­nehmung; er bezieht sich auf das Phäno­men der Gewiss­heit bzw. des Ein­leuchtens über­haupt. Die Frage nach der „evi­dentiel­len Gewiss­heit“ stellt sich „vom Wissen her“ ([Campe 2006a]Campe, Rüdiger (2006): Epoche der Evidenz. Knoten in einem terminologischen Netzwerk zwischen Descartes und Kant. In: Peters, S. & Schäfer, M.J. (Hg.), Intellektuelle Anschauung. Figurationen von Evidenz zwischen Kunst und Wissen. Transcript, Bielefeld.
: S. 27), das ist wesent­lich. Der Begriffs­gebrauch ikoni­scher Evi­denz verlangt daher nach einer Klärung des Verhält­nisses von Anschau­ung und intel­lektu­eller Erkennt­nis, d.h. es müssen erkennt­nistheo­retische Grundsatz­fragen gestellt werden.


Visuelle/ikonische Evidenz als ein Sonder­fall

Will man angeben, was ikoni­sche Evi­denz ist, so ist es erfor­derlich zu bestim­men, welcher Status der Präsenz der Anschau­ung gegenüber intel­lektuel­ler Erkennt­nis oder als Ermög­lichung dieser zukommt bzw. in welcher ande­ren Art und Weise beide zusam­menhän­gen.

Baumgarten z.B. löst diese Fragen, indem er intel­lektuel­le Erkennt­nis und einleuch­tende Anschau­ung in zwei Evidenz­begriffen fasst, die für unter­schied­liche Grade von Gewiss­heit stehen sollen. Er spricht von Evi­denz als über­zeugen­der Gewiss­heit einer­seits, d.i. intel­lektuel­le Gewiss­heit, und von über­reden­der Gewiss­heit ande­rerseits, d.i. ästhe­tisch-anschau­liche Gewiss­heit. Beide Weisen der Evi­denz befin­den sich lt. Baum­garten in einem Spannungs­verhältnis. Dieser „termi­nolo­gischen Spannung im Gebrauch des Wortes Evidenz“, die sich aus dem Ver­hältnis von Philo­sophie und Retho­rik (aus Letzte­rer stammt der Begriff der Evi­denz ursprüng­lich) er­gebe, „soll ein Raum der Entfal­tung gege­ben werden“ ([Campe 2006a]Campe, Rüdiger (2006): Epoche der Evidenz. Knoten in einem terminologischen Netzwerk zwischen Descartes und Kant. In: Peters, S. & Schäfer, M.J. (Hg.), Intellektuelle Anschauung. Figurationen von Evidenz zwischen Kunst und Wissen. Transcript, Bielefeld.
: S. 30).

Das Subjekt kommt im 17. Jahr­hundert in einer neuen Weise ins Spiel, wenn ganz beson­ders auf sein inne­res Erle­ben im Wahr­nehmungs­prozess geschaut wird. Seither ist Evi­denz nicht mehr nur das Offen­kundi­ge selbst, sondern sie wird viel­mehr auch als subjek­tiver Bewusst­seinszu­stand aufge­fasst, in dem etwas offen­kundig ist (vgl. [Campe 2006a]Campe, Rüdiger (2006): Epoche der Evidenz. Knoten in einem terminologischen Netzwerk zwischen Descartes und Kant. In: Peters, S. & Schäfer, M.J. (Hg.), Intellektuelle Anschauung. Figurationen von Evidenz zwischen Kunst und Wissen. Transcript, Bielefeld.
: S. 28, vgl. [Locke 1975a]Locke, John (1975): An Essay Concerning Human Understanding. Oxford University Press, Oxford.
Notiz: hg. von Nidditch, P. H.
: S. 591-594). So fallen bei Franz Brenta­no im 19. Jahr­hundert Wahr­heit und Evi­denz sogar voll­ständig zusam­men im Sinne der Bestim­mung einer völli­gen emo­tiona­len Zustim­mung des Subjekts ([Brentano 1930a]Brentano, Franz (1930): Wahrheit und Evidenz. Felix Meiner, Hamburg.
Notiz: Nachdruck 1975
: S. 137-150).

Edmund Husserl, auf den sich auch aktuel­le Versu­che der Bestim­mung von Evi­denz bezie­hen (vgl. z.B. Boehm und Siegmund), setzt Wahrheit und Evi­denz nicht mehr in eins, sondern bestimmt Evi­denz als erfül­lte Inten­tiona­lität. Dem Anschau­ungser­lebnis wird damit von Husserl eine Gerich­tetheit attes­tiert, die immer schon mit einer Sinnun­terstel­lung verknüpft ist ([Husserl 1993a]Husserl, Edmund (1993): Logische Untersuchungen. Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis. Max Niemeyer, Tübingen.
Notiz: Teil II/Bd. 2
: S. 8-127). In Bezug auf (äuße­re) Bilder stellt Husserl fest: „Das Bild … bezieht sich auf die Sache durch Ähn­lich­keit“ ([Husserl 1993a]Husserl, Edmund (1993): Logische Untersuchungen. Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis. Max Niemeyer, Tübingen.
Notiz: Teil II/Bd. 2
: S. 54).


Evidenz und Bildhaftigkeit

Ambivalenzen wie die eingangs genannten spiegeln sich in Versuchen wider, Evidenz konkret als einen bildtheoretischen Begriff zu fassen. Lessing vertritt die Ansicht, sie sei eine Eigenschaft, die man besonders von Bildern erwarte, und verbindet somit Evidenz mit Bildhaftigkeit schlechthin. Er beansprucht diese allerdings nicht nur für die gemalten, sondern mehr noch für die poetischen Bilder. Das „Material … [wird] zum (ästhetischen) Begriff des Bildes“ ([Campe 2006a]Campe, Rüdiger (2006): Epoche der Evidenz. Knoten in einem terminologischen Netzwerk zwischen Descartes und Kant. In: Peters, S. & Schäfer, M.J. (Hg.), Intellektuelle Anschauung. Figurationen von Evidenz zwischen Kunst und Wissen. Transcript, Bielefeld.
: S. 38). Die erkenntnistheoretische Schwierigkeit besteht hier wie in vielen Erläuterungen zur ästhetischen/ikonischen Evidenz darin, zu verstehen, was damit gesagt ist, dass Material, mit dem sowohl Bilder als Gegenstände wie auch innere Vorstellungsbilder gemeint sind, zum Begriff werden kann.

Einen weiteren Versuch, Evidenz als Bildhaftigkeit zu lesen, unternimmt Gottfried Boehm, der sie mit Sichtbarkeit verbindet. Aus der Sichtbarkeit, die in einem starken Sinne, nämlich als Einleuchten aufgefasst wird, lässt sich allerding noch nicht (wie Boehm es versucht) auf die Kategorie der Bilder schließen, denn sichtbar sind zunächst nicht nur Bilder, sondern vieles mehr. „Wie läßt sich die Struktur der Evidenz aus der Sphäre der Wahrnehmung in die des Bildes übertragen? Die ikonische Darstellung und ihre Logik … lassen sich auf die Logik der Wahrnehmung zurückbeziehen“ ([Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.
: S. 17). In dieser Formulierung Boehms behält Evidenz die Ambivalenz zwischen subjektiver Anschauung und objektiver Augenscheinlichkeit, und es stellt sich zunächst die Frage nach deren genauem Verhältnis. Boehm entscheidet sich unter Rückgriff auf Husserls Intentionalitätsbegriff dafür, Evidenz auf ein „zugrundeliegendes Orientiertsein“ zurückzu­führen, auf welches sich die Geltung der Evidenz stütze, er entscheidet sich somit für die subjektive Akzentuierung des Begriffs ([Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.
: S. 22). Damit wird aber die Spezifik einer ikonischen/visuellen Evidenz hinfällig. Denn in der Synthese von „Sicht und Ansicht“ müsste erstens Zeugenschaft von etwas als etwas verankert werden, wenn der Witz des Evidenzbegriffs nicht geopfert werden soll. Aus der Bildhaftigkeit aller Evidenz als innerer Anschauung ist zweitens noch nicht auf die spezifische Bildlichkeit von Bildern zu schließen, die als Gegenstände evident sein können. Diese Spezifik der Bilder bestimmt Boehm mit Hilfe der „Dichte der Materialität“ ([Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.
: S. 30). Qua Materialität sowie aufgrund ihres Gemachtseins „liefern [Bilder] eine Vorgabe des Erwartbaren und zugleich deren gegebenenfalls evidente Erfüllung“ (ebd.).


Weitere Begriffsvarianten

Die Weite des Evidenzbegriffs und damit die Variationsbreite möglicher Konzeptualisierungen der Bildlichkeit als innerer Anschauung im Verhältnis zu Sprache und Begriff zeigt sich auch daran, dass Evidenz z.B. als „überkomplexe Zeichenfülle“ verstanden wird, die „jenseits der Mangellogik des Begriffs“ angesiedelt sei ([Pfotenhauer et al. 2005a]Pfotenhauer, Helmut; Riedel, Wolfgang & Schneider, Sabine (Hg.) (2005): Poetik der Evidenz. Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900. Königshausen & Neumann, Würzburg.
: S. IX, vgl. auch [Sommer 1987a]Sommer, M. (1987): Evidenz im Augenblick. Eine Phänomenologie der reinen Empfindung. Suhrkamp, Frankfurt/M.
). Abhängig ist solch eine Bestimmung vom jeweiligen Verständnis, wie Sprache sein soll, jedoch ist ja die Pointe der Evidenz, dass sich etwas erschließt, etwas, dem Sinn bzw. Bedeutung zukommt. So scheint es eher kontraintuitiv, unter Evidenz eine „Undarstellbarkeit des Ereignisses“ ([Oehlschläger 2005a]Öhlschläger, Claudia (2005): Evidenz und Ereignis. Musils poetische “Momentaufnahmen” im Kontext der Moderne. In: Pfotenhauer, H.; Riedel, W. & Schneider, S. (Hg.), Poetik der Evidenz. Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900. Könighshausen & Neumann, Würzburg.
) zu verstehen oder etwas, das sich im „emphatischen Sehen“ als etwas ereignet, „weil die Reflexivität vorübergehend suspendiert ist“ ([Riedel 2005a]Riedel, W. (2005): Endogene Bilder. Anthropologie und Poetik bei Gottfried Benn. In: Pfotenhauer, H.; Riedel, W. & Schneider, S. (Hg.), Poetik der Evidenz. Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900. Königshausen & Neumann, Würzburg.
: S. 196). Auch in einer „Bildproduktion des Unbewussten“ ist Sinnhaftigkeit mit am Werk (vgl. [Pfotenhauer et al. 2005a]Pfotenhauer, Helmut; Riedel, Wolfgang & Schneider, Sabine (Hg.) (2005): Poetik der Evidenz. Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900. Königshausen & Neumann, Würzburg.
).


Differenz von Evidenz und Wahrheit / Fall fehlender Autorschaft von Bildern

Im Gegensatz zur Abwesenheit von sprachlich verfasster Reflexivität ist Evidenz als eine performativ erfahrbare Eigenschaft des Augenscheinlichwerdens von etwas als etwas aufzufassen, bei der Sinn bzw. Bedeutung mit den materialen Eigenschaften und dem Phänomen des Wahrgenommenen verschränkt bleibt. Dass Kunstwerke nicht nur etwas evident machen, sondern selbst in ihrer Art, wie sie gemacht sind, evident sind – und der Bereich der Kunst kann hier als paradigmatisch betrachtet werden –, verweist auf die Differenz von Evidenz und Wahrheit. Evidenz ist nicht wie Wahrheit sprachlicher Aussagen an Geltungsforderungen gebunden, sondern vielmehr an in der Wahrnehmung erlebte Anschauung (vgl. [[Siegmund 2007a]Siegmund, Judith (2007): Die Evidenz der Kunst. Künstlerisches Handeln als ästhetische Kommunikation. Transcript, Bielefeld.
). Es sind die Wahrnehmungen von unkünstlerischen Bildern (als äußeren Gegenständen), für welche diese Beschreibung der Evidenz nicht mehr vollständig zutrifft, denn nicht allen Bildern lässt sich Evidenz unterstellen. Es gibt Bilder, denen jede Form der Autorschaft abgesprochen werden muss (z.B. Bilder, die von Webcams und anderen Geräten erzeugt werden), und es gibt Bilder, die nur noch von Spezialisten gedeutet werden können (z.B. Untersuchungsergebnisse in der Medizin). Auf solche Bilder trifft die Rede von der „Vorgabe des Erwartbaren“ und der „gegebenfalls evidenten Erfüllung“ (vgl. [Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.
) dessen, was erwartbar war, nicht mehr zu.


Allgemeines Fazit

Generell lässt sich in Bezug auf Evidenz von einem „gründenden Verhältnis von sinnlicher Anschauung zu begrifflicher Deutung sprechen“, womit über Bilder aber noch nichts Spezifisches gesagt ist, außer dass (mit Husserl gesprochen) eine „erfüllte Intentionalität in der Wahrnehmung“ von Bildern ein konkreter Fall neben anderen ästhetischen und nichtästhetischen Wahrnehmungsvollzügen ist (vgl. [Siegmund 2007a]Siegmund, Judith (2007): Die Evidenz der Kunst. Künstlerisches Handeln als ästhetische Kommunikation. Transcript, Bielefeld.
: S. 191).

Anmerkungen
Literatur
[Boehm 2008a]Boehm, Gottfried (2008): Augenmaß. Zur Genese der ikonischen Evidenz. In: Boehm, G. & Mersmann, B. & Spies, Ch. (Hg.), Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt. Fink, München.[Brentano 1930a]Brentano, Franz (1930): Wahrheit und Evidenz. Felix Meiner, Hamburg.[Campe 2006a]Campe, Rüdiger (2006): Epoche der Evidenz. Knoten in einem terminologischen Netzwerk zwischen Descartes und Kant. In: Peters, S. & Schäfer, M.J. (Hg.), Intellektuelle Anschauung. Figurationen von Evidenz zwischen Kunst und Wissen. Transcript, Bielefeld.[Halbfass 1972a]Halbfass, Wilhelm (1972): Evidenz. In: Gründer, K. & Ritter, J. (Hg.), Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2. Schwabe Verlag, Basel.[Husserl 1993a]Husserl, Edmund (1993): Logische Untersuchungen. Elemente einer phänomenologischen Aufklärung der Erkenntnis. Max Niemeyer, Tübingen.[Locke 1975a]Locke, John (1975): An Essay Concerning Human Understanding. Oxford University Press, Oxford.[Oehlschläger 2005a]Öhlschläger, Claudia (2005): Evidenz und Ereignis. Musils poetische “Momentaufnahmen” im Kontext der Moderne. In: Pfotenhauer, H.; Riedel, W. & Schneider, S. (Hg.), Poetik der Evidenz. Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900. Könighshausen & Neumann, Würzburg.[Pfotenhauer et al. 2005a]Pfotenhauer, Helmut; Riedel, Wolfgang & Schneider, Sabine (Hg.) (2005): Poetik der Evidenz. Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900. Königshausen & Neumann, Würzburg.[Riedel 2005a]Riedel, W. (2005): Endogene Bilder. Anthropologie und Poetik bei Gottfried Benn. In: Pfotenhauer, H.; Riedel, W. & Schneider, S. (Hg.), Poetik der Evidenz. Die Herausforderung der Bilder in der Literatur um 1900. Königshausen & Neumann, Würzburg.[Siegmund 2007a]Siegmund, Judith (2007): Die Evidenz der Kunst. Künstlerisches Handeln als ästhetische Kommunikation. Transcript, Bielefeld.[Sommer 1987a]Sommer, M. (1987): Evidenz im Augenblick. Eine Phänomenologie der reinen Empfindung. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Verantwortlich:

Lektorat:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Judith Siegmund und Marcel Lemmes — (Hinweis)