Bildwissenschaftliche Abgrenzungen: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Auch wenn diese Fragen auf all­tägli­che und damit scheinbar trivi­ale Sach­verhalte hindeu­ten, berüh­ren sie etli­che Proble­me, die sich keines­wegs leicht auflö­sen lassen. Wie unter ande­rem Philo­sophen wie Augusti­nus oder Wittgen­stein hervor­gehoben haben, erwei­sen sich zahl­lose Sachver­halte, die in der alltäg­lichen Praxis für selbstver­ständlich genom­men und kaum weiter reflek­tiert werden, vor dem Hinter­grund einer theore­tischen Einstel­lung als überaus komp­liziert und rätsel­haft. So mag es zwar vorstell­bar oder sogar sehr wahrschein­lich sein, dass eine Person, die täglich mit Bildern produ­zierend und/oder rezi­pierend zu tun hat, unmit­telbar zu ''wissen'' glaubt, worauf sich der Begriff des Bildes im Ein­zelnen bezieht. Aus dieser Mög­lichkeit bzw. Wahrschein­lichkeit folgt jedoch nicht zwangs­läufig, dass eine im Umgang mit Bildern ge­übte Person zugleich problem­los ''erklären'' kann, woran genau sich die Einord­nung eines bestimm­ten Gegen­standes unter den Begriff des Bildes unter allge­meinen Gesichts­punkten festmacht. Um es mit Emmanuel Alloa zu sagen:
Auch wenn diese Fragen auf all­tägli­che und damit scheinbar trivi­ale Sach­verhalte hindeu­ten, berüh­ren sie etli­che Proble­me, die sich keines­wegs leicht auflö­sen lassen. Wie unter ande­rem Philo­sophen wie Augusti­nus oder Wittgen­stein hervor­gehoben haben, erwei­sen sich zahl­lose Sachver­halte, die in der alltäg­lichen Praxis für selbstver­ständlich genom­men und kaum weiter reflek­tiert werden, vor dem Hinter­grund einer theore­tischen Einstel­lung als überaus komp­liziert und rätsel­haft. So mag es zwar vorstell­bar oder sogar sehr wahrschein­lich sein, dass eine Person, die täglich mit Bildern produ­zierend und/oder rezi­pierend zu tun hat, unmit­telbar zu ''wissen'' glaubt, worauf sich der Begriff des Bildes im Ein­zelnen bezieht. Aus dieser Mög­lichkeit bzw. Wahrschein­lichkeit folgt jedoch nicht zwangs­läufig, dass eine im Umgang mit Bildern ge­übte Person zugleich problem­los ''erklären'' kann, woran genau sich die Einord­nung eines bestimm­ten Gegen­standes unter den Begriff des Bildes unter allge­meinen Gesichts­punkten festmacht. Um es mit Emmanuel Alloa zu sagen:
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:''Allein dass wir uns ''auf'' Bilder verstehen, bedeutet noch nicht, dass wir auch ihre Wirksamkeit schon ''verstehen''. Es verhält sich hier ähnlich wie im Falle des Autofahrers, der, um sein Fahrzeug benutzen zu können, nicht zu wissen braucht, wie es funktioniert. Und tatsächlich wären wir, obwohl wir Bilder täglich produzieren, rezipieren und reproduzieren, kaum imstande, ihre Funktionsweise genau zu beschreiben. Zwar verfügen wir über ein intuitives Verständnis dessen, was uns als Bild gilt, kämen aber in Erklärungsnot, wenn wir benennen müssten, was das Bildhafte an Bildern ist. Die schier uferlose Durchbilderung lebensweltlicher Zusammenhänge, die uns zu regelrechten Bildspezialisten machen müsste, scheint sich geradezu umgekehrt proportional zu unserem Verständnis zu verhalten, was Bilder im speziellen Sinne ausmacht. Für das Bild gilt ''mutatis mutandis'', was Augustinus über das Wesen der Zeit sagte: 'Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht’.'' (<bib id='Alloa 2011a'></bib>: S. 9)
:''Allein dass wir uns ''auf'' Bilder ver&shy;stehen, bedeu&shy;tet noch nicht, dass wir auch ihre Wirksam&shy;keit schon ''verste&shy;hen''. Es verhält sich hier ähnlich wie im Falle des Auto&shy;fahrers, der, um sein Fahr&shy;zeug benut&shy;zen zu können, nicht zu wissen braucht, wie es funk&shy;tioniert. Und tatsäch&shy;lich wären wir, obwohl wir Bilder täglich produ&shy;zieren, rezi&shy;pieren und repro&shy;duzie&shy;ren, kaum imstande, ihre Funktions&shy;weise genau zu beschrei&shy;ben. Zwar verfü&shy;gen wir über ein intui&shy;tives Verständ&shy;nis dessen, was uns als Bild gilt, kämen aber in Erklä&shy;rungsnot, wenn wir benen&shy;nen müssten, was das Bild&shy;hafte an Bildern ist. Die schier ufer&shy;lose Durch&shy;bilde&shy;rung lebens&shy;weltli&shy;cher Zusam&shy;menhän&shy;ge, die uns zu regel&shy;rechten Bild&shy;spezia&shy;listen machen müsste, scheint sich gerade&shy;zu umge&shy;kehrt propor&shy;tional zu unse&shy;rem Ver&shy;ständnis zu verhal&shy;ten, was Bilder im speziel&shy;len Sinne ausmacht. Für das Bild gilt ''muta&shy;tis mutan&shy;dis'', was Augusti&shy;nus über das Wesen der Zeit sagte: 'Wenn mich nie&shy;mand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragen&shy;den erklä&shy;ren, weiß ich es nicht’.'' (<bib id='Alloa 2011a'></bib>: S. 9)
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Dieses Ungleichgewicht zwischen praktischem Wissen einerseits und theoretischer Erklärbarkeit sowie analytischer Begriffsschärfe andererseits hängt zu großen Teilen sicherlich mit einigen sprachlichen Gepflogenheiten zusammen. Nicht nur im Deutschen, sondern auch in einer Vielzahl von anderen Sprachen taucht die Kategorie der Bildlichkeit in Zusammenhängen auf, die neben Gemälden, Fotografien, Skulpturen oder Simulationen auch Ausdrücke wie »[[Traumbild]]«, »Hörbild«, »[[Vorstellungsbilder|mentales Bild]]«, »[[Schriftbildlichkeit|Schriftbild]]« oder den Begriff der »[[Visuelle und multimodale Metaphern|Metapher]]« umfassen.<ref>Vgl. hierzu das Kapitel "What is an Image?" in <bib id='Mitchell 1986a'></bib>: S. 7-46.</ref> Wissenschaftler, die den Begriff des Bildes durch eine Definition zu bestimmen versuchen, die möglichst alle Facetten des Bildlichen zusammenzufassen vermag, sehen sich aufgrund der schieren Mannigfaltigkeit von bildlichen Darstellungs- und Erscheinungsformen folglich vor erhebliche klassifikatorische Probleme gestellt (vgl. <bib id='Neuber 2010a'></bib>: S. 7; <bib id='Hüppauf & Wulf 2006a'></bib>: S. 15).
Dieses Ungleichgewicht zwischen praktischem Wissen einerseits und theoretischer Erklärbarkeit sowie analytischer Begriffsschärfe andererseits hängt zu großen Teilen sicherlich mit einigen sprachlichen Gepflogenheiten zusammen. Nicht nur im Deutschen, sondern auch in einer Vielzahl von anderen Sprachen taucht die Kategorie der Bildlichkeit in Zusammenhängen auf, die neben Gemälden, Fotografien, Skulpturen oder Simulationen auch Ausdrücke wie »[[Traumbild]]«, »Hörbild«, »[[Vorstellungsbilder|mentales Bild]]«, »[[Schriftbildlichkeit|Schriftbild]]« oder den Begriff der »[[Visuelle und multimodale Metaphern|Metapher]]« umfassen.<ref>Vgl. hierzu das Kapitel "What is an Image?" in <bib id='Mitchell 1986a'></bib>: S. 7-46.</ref> Wissenschaftler, die den Begriff des Bildes durch eine Definition zu bestimmen versuchen, die möglichst alle Facetten des Bildlichen zusammenzufassen vermag, sehen sich aufgrund der schieren Mannigfaltigkeit von bildlichen Darstellungs- und Erscheinungsformen folglich vor erhebliche klassifikatorische Probleme gestellt (vgl. <bib id='Neuber 2010a'></bib>: S. 7; <bib id='Hüppauf & Wulf 2006a'></bib>: S. 15).

Version vom 9. April 2013, 18:42 Uhr

Hauptpunkt zu: Bildtheorie/Bildwissenschaft/Bildkritik


Bildwissenschaft als inter­diszi­plinä­res Projekt

Nachdem die wissenschaftliche Auseinan­derset­zung mit Bild­werken lange Zeit vorwie­gend in der Kunstge­schichte stattge­funden hat, spielt sich die bild­wissen­schaft­liche For­schung inzwi­schen in einem ausge­sprochen breiten inter­diszi­plinä­ren Rahmen ab. Davon betrof­fen sind nicht zuletzt auch solche Diszi­plinen, die den Stellen­wert, den bild­liche Darstel­lungen in ihnen beispiels­weise als metho­disch unver­zichtba­re Werk­zeuge einneh­men, in der Regel nicht eigens zum Thema gemacht haben. Exem­plarisch genannt seien neben der Poli­tik- und der Rechts­wissen­schaft unter ande­rem die Sozio­logie oder die Archäo­logie.[1]

Die Intensität, mit der in der gegen­wärti­gen geistes- und kultur­wissen­schaft­lichen Theorie­debat­te syste­matisch über bild­wissen­schaft­liche Frage­stellun­gen nachge­dacht wird, stellt zweifel­los eine inno­vative Entwick­lung dar. Zwar wurden in der abend­ländi­schen Geistes­geschich­te unter ande­rem im Kontext von theolo­gischen, meta­physi­schen, erkennt­nistheo­retischen, wahr­nehmungs­theore­tischen oder ästhe­tischen Arbei­ten wieder­holt Über­legun­gen ange­stellt, die auch heute noch von großer bild­wissen­schaft­licher Rele­vanz sind.[2] Jedoch hat sich das Phäno­men des Bildes erst in jünge­rer Zeit von einem wissen­schaft­lichen Rand­thema zu einem fächer­über­greifend inten­siv disku­tierten Forschungs­objekt ent­wickelt.

Folgende Fragen stehen in diesem Zusam­menhang zumeist im Mittel­punkt: Worin besteht die Beson­derheit von Bildern? Wie werden Bilder wahrge­nommen und verwen­det? Inwie­weit unter­scheidet sich die Betrach­tung eines Bildes von der Betrach­tung nicht-bild­licher Gegen­stände? Wie wirken Bilder auf ihre Betrach­tenden? Worin unter­scheiden sich Bilder von anderen Medien, insbe­sondere von der gespro­chenen und der geschrie­benen Sprache? Wie lässt sich die viel beschwo­rene Macht der Bilder erklä­ren?[3]


Die Komplexität des Bild­begriffs

Auch wenn diese Fragen auf all­tägli­che und damit scheinbar trivi­ale Sach­verhalte hindeu­ten, berüh­ren sie etli­che Proble­me, die sich keines­wegs leicht auflö­sen lassen. Wie unter ande­rem Philo­sophen wie Augusti­nus oder Wittgen­stein hervor­gehoben haben, erwei­sen sich zahl­lose Sachver­halte, die in der alltäg­lichen Praxis für selbstver­ständlich genom­men und kaum weiter reflek­tiert werden, vor dem Hinter­grund einer theore­tischen Einstel­lung als überaus komp­liziert und rätsel­haft. So mag es zwar vorstell­bar oder sogar sehr wahrschein­lich sein, dass eine Person, die täglich mit Bildern produ­zierend und/oder rezi­pierend zu tun hat, unmit­telbar zu wissen glaubt, worauf sich der Begriff des Bildes im Ein­zelnen bezieht. Aus dieser Mög­lichkeit bzw. Wahrschein­lichkeit folgt jedoch nicht zwangs­läufig, dass eine im Umgang mit Bildern ge­übte Person zugleich problem­los erklären kann, woran genau sich die Einord­nung eines bestimm­ten Gegen­standes unter den Begriff des Bildes unter allge­meinen Gesichts­punkten festmacht. Um es mit Emmanuel Alloa zu sagen:

Allein dass wir uns auf Bilder ver­stehen, bedeu­tet noch nicht, dass wir auch ihre Wirksam­keit schon verste­hen. Es verhält sich hier ähnlich wie im Falle des Auto­fahrers, der, um sein Fahr­zeug benut­zen zu können, nicht zu wissen braucht, wie es funk­tioniert. Und tatsäch­lich wären wir, obwohl wir Bilder täglich produ­zieren, rezi­pieren und repro­duzie­ren, kaum imstande, ihre Funktions­weise genau zu beschrei­ben. Zwar verfü­gen wir über ein intui­tives Verständ­nis dessen, was uns als Bild gilt, kämen aber in Erklä­rungsnot, wenn wir benen­nen müssten, was das Bild­hafte an Bildern ist. Die schier ufer­lose Durch­bilde­rung lebens­weltli­cher Zusam­menhän­ge, die uns zu regel­rechten Bild­spezia­listen machen müsste, scheint sich gerade­zu umge­kehrt propor­tional zu unse­rem Ver­ständnis zu verhal­ten, was Bilder im speziel­len Sinne ausmacht. Für das Bild gilt muta­tis mutan­dis, was Augusti­nus über das Wesen der Zeit sagte: 'Wenn mich nie­mand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragen­den erklä­ren, weiß ich es nicht’. ([Alloa 2011a]Alloa, Emmanuel (2011): Das durchscheinende Bild. Konturen einer medialen Phänomenologie. diaphanes, Zürich/Berlin.
: S. 9)

Dieses Ungleichgewicht zwischen praktischem Wissen einerseits und theoretischer Erklärbarkeit sowie analytischer Begriffsschärfe andererseits hängt zu großen Teilen sicherlich mit einigen sprachlichen Gepflogenheiten zusammen. Nicht nur im Deutschen, sondern auch in einer Vielzahl von anderen Sprachen taucht die Kategorie der Bildlichkeit in Zusammenhängen auf, die neben Gemälden, Fotografien, Skulpturen oder Simulationen auch Ausdrücke wie »Traumbild«, »Hörbild«, »mentales Bild«, »Schriftbild« oder den Begriff der »Metapher« umfassen.[4] Wissenschaftler, die den Begriff des Bildes durch eine Definition zu bestimmen versuchen, die möglichst alle Facetten des Bildlichen zusammenzufassen vermag, sehen sich aufgrund der schieren Mannigfaltigkeit von bildlichen Darstellungs- und Erscheinungsformen folglich vor erhebliche klassifikatorische Probleme gestellt (vgl. [Neuber 2010a]Neuber, Simone (2010): Versuch einer einleitenden historisch-semantischen Rekonstruktion. In: Neuber, S. & Veressov, R. (Hg.), Das Bild als Denkfigur. Funktionen des Bildbegriffs in der Philosophie.
: S. 7; [Hüppauf & Wulf 2006a]Hüppauf, Bernd & Wulf, Christoph (2006): Warum Bilder die Einbildungskraft brauchen. In: Hüppauf, B. & Wulf, C. (Hg.), Bild und Einbildungskraft. Fink, München.
: S. 15).


Auf der Suche nach einer allgemeinen Theorie des Bildes

Im Zuge des gestiegenen Interesses an bildwissenschaftlichen Fragestellungen sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Publikationen erschienen, die das Ziel verfolgen, eben diese Probleme zu lösen. Es wurden sowohl Konzepte zur Formulierung eines allgemeinen Bildbegriffs vorgeschlagen als auch Forschungsprogramme skizziert, die vorgeben, welche Methoden und Ziele von einer allgemeinen Bildwissenschaft verwendet und anvisiert werden sollten. Alleine im deutschsprachigen Raum sind innerhalb kürzester Zeit mehr als ein halbes Dutzend Entwürfe für eine allgemeine Theorie des Bildes vorgestellt worden.[5] Sie alle versuchen, die Schwierigkeiten aufzulösen, die bei dem Versuch auftreten, dem Kern des Bildbegriffs auf den Grund zu kommen.

Obwohl sich zwischen vielen dieser Arbeiten etliche Überschneidungen ausfindig machen lassen, ist die bildwissenschaftliche Forschung weit von der Formulierung und Etablierung einer konsensfähigen allgemeinen Bildtheorie entfernt. So trivial es ist, dass sich "[e]ine Wissenschaft, die sich ‚Bildwissenschaft‘ nennt, [...] der Erforschung des Bildes [widmet]" ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: 9), so strittig ist es, „welche spezifischen Aufgaben, Inhalte oder Methoden mit ihr verbunden sein sollen“ ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: ebd.). So wundert es nicht, dass sich die Bildwissenschaft auf der Suche nach ihren theoretischen, methodischen und disziplinären Grundlagen nach wie vor in einem "vorparadigmatischen Stadium" ([Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
: 12) befindet.

Dieser Umstand bringt es mit sich, dass in der gegenwärtigen bildwissenschaftlichen Theoriedebatte etliche Positionen auffindbar sind, die im Hinblick auf die Frage nach dem Sinn und Zweck bildwissenschaftlichen Forschens oft zu vollkommen unterschiedlichen Antworten gelangen. Große Uneinigkeit herrscht zum Beispiel in Bezug auf die Frage, ob Bilder prinzipiell als Zeichen und kommunikative Medien zu verstehen seien und die Semiotik von daher als zentrale bildwissenschaftliche Forschungsdisziplin betrachtet werden sollte. Nicht minder kontrovers wird die Frage diskutiert, welchen Stellenwert die Kunstgeschichte in einer allgemeinen Bildwissenschaft einnimmt bzw. einnehmen sollte: Soll sie als Basis einer allgemeinen Bildwissenschaft gelten? Oder repräsentiert sie nur einen bildwissenschaftlichen Zweig unter vielen anderen? Fragen wie diese zeigen, dass zum jetzigen Zeitpunkt von der Bildwissenschaft im Sinne eines theoretisch, methodisch und disziplinär fest umrissenen wissenschaftlichen Forschungsprogramms nicht die Rede sein kann. Ganz im Gegenteil zeichnet sich der bildwissenschaftliche Forschungsdiskurs durch ein hohes Maß an Heterogenität aus.

Ziel der diesem Hauptpunkt zugeordneten Unterpunkte ist es, die Heterogenität des bildwissenschaftlichen Diskussionsstandes übersichtlich und einführend darzustellen. Neben den theoretischen und methodischen Kernprämissen der wichtigsten Bilddisziplinen sollen außerdem die von diesen anvisierten Aufgaben und Inhalte erläutert werden. Obgleich alle Unterpunkte dieses Themenabschnitts als eigenständige Artikel gelesen werden können, soll diese Sektion dazu dienen, einen vergleichenden Überblick über gängige bildwissenschaftliche Forschungsprogramme und Abgrenzungen zu ermöglichen. Schließlich nimmt die Vielzahl von bildwissenschaftlichen Zielvorstellungen und Aufgaben, die in den unterschiedlichen Bildkonzeptionen formuliert werden, einen entscheidenden Einfluss darauf, wie die Frage, was eine Bilddisziplin leisten kann und soll, im Einzelfall beantwortet wird. Während etwa in vielen philosophischen Bildtheorien der Versuch unternommen wird, die Beschäftigung mit bildtheoretischen Frage- und Problemstellungen eher begrifflich-systematisch statt empirisch-historisch durchzuführen (Bildwissenschaft vs. Bildtheorie), verknüpfen einige Vertreter der Kunstgeschichte ihre bildwissenschaftlichen Forschungen mit dem Ziel, aus der Kunstgeschichte eine Bildgeschichte zu machen, d.h. eine historische Disziplin, die Bildwerke jeder Art (nicht nur ausgewiesene Kunstwerke) einer ausführlichen bildgeschichtlichen Analyse zuführt (Kunstgeschichte als Bildgeschichte). Darüber hinaus verknüpfen einige Vertreterinnen und Vertreter der Bildforschung ihre bildtheoretischen Reflexionen mit einer Kritik des so genannten linguistic turn und semiologischen Strukturalismus. Die Beschäftigung mit dem Bild geschieht hier unter anderem mit dem Ziel, unter Beweis zu stellen, dass eine Klärung des Bildbegriffs erst dann erreicht werden kann, wenn sich von der Idee gelöst wird, Bilder als semiotisch oder hermeneutisch entschlüsselbare Texte aufzufassen (Bildwissenschaft als Sprach- und Bildkritik).


Anmerkungen
  1. ↑ Für ei­nen Über­blick über die zahl­rei­chen Wis­sen­schafts­dis­zi­pli­nen, die sich nun­mehr ver­stärkt dem Bild zu­wen­den, vgl. die Bei­trä­ge in [Sachs-Hombach 2005a]Sachs-Hombach, Klaus (Hg.) (2005): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    .
  2. ↑ Vgl. da­zu etwa [Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München.
    Notiz: 6. Auflage
    ; [Platon 2008a]Platon (2008): Politeia. In: Wolf, U. (Hg.), Sämtliche Werke, Band 2. Rowohlt, Reinbek.
    Nicht angezeigt: Ü: Friedrich Schleiermacher
    ; [Husserl 2006a]Husserl, Edmund (2006): Phantasie und Bildbewußtsein. Felix Meiner, Hamburg.
    Notiz: (Text nach Husserliana, Band XXIII)
    Nicht angezeigt: hrsg. u. eingel. von E. Marbach
    ; [Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M.
    .
  3. ↑ Vgl. zu die­sen Fra­gen exem­pla­risch den Sam­mel­band von [Boehm 1994c]Boehm, Gottfried (Hg.) (1994): Was ist ein Bild?. Fink, München.
    . Vgl. auch [Sachs-Hombach 2005b]Sachs-Hombach, Klaus (Hg.) (2005): Bildwissenschaft. Zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.
    .
  4. ↑ Vgl. hierzu das Kapitel "What is an Image?" in [Mitchell 1986a]Mitchell, William J.T. (1986): Iconology. Image, Text, Ideology. University of Chicago Press, Chicago, London.
    : S. 7-46.
  5. ↑ Vgl. [Böhme 1999a]Böhme, Gernot (1999): Theorie des Bildes. Wilhelm Fink, München.
    ; [Brandt 1999a]Brandt, Reinhard (1999): Die Wirklichkeit der Bilder. Sehen und Erkennen – Vom Spiegel zum Kunstbild. Carl Hanser, München.
    ; [Belting 2001a]Belting, Hans (2001): Bildanthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. Wilhelm Fink, München.
    ; [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
    ; [Huber 2004a]Huber, Hans Dieter (2004): Bild Beobachter Milieu. Entwurf einer allgemeinen Bildwissenschaft. Hatje Cantz, Ostfildern.
    ; [Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
    ; [Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
    Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
    ; [Halawa 2008a]Halawa, Mark A. (2008): Wie sind Bilder möglich? Argumente für eine semiotische Fundierung des Bildbegriffs. Halem, Köln.
    .
Literatur
[Alloa 2011a]Alloa, Emmanuel (2011): Das durchscheinende Bild. Konturen einer medialen Phänomenologie. diaphanes, Zürich/Berlin.[Belting 2001a]Belting, Hans (2001): Bildanthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. Wilhelm Fink, München.[Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München.[Boehm 1994c]Boehm, Gottfried (Hg.) (1994): Was ist ein Bild?. Fink, München.[Brandt 1999a]Brandt, Reinhard (1999): Die Wirklichkeit der Bilder. Sehen und Erkennen – Vom Spiegel zum Kunstbild. Carl Hanser, München.[Böhme 1999a]Böhme, Gernot (1999): Theorie des Bildes. Wilhelm Fink, München.[Halawa 2008a]Halawa, Mark A. (2008): Wie sind Bilder möglich? Argumente für eine semiotische Fundierung des Bildbegriffs. Halem, Köln.[Huber 2004a]Huber, Hans Dieter (2004): Bild Beobachter Milieu. Entwurf einer allgemeinen Bildwissenschaft. Hatje Cantz, Ostfildern.[Husserl 2006a]Husserl, Edmund (2006): Phantasie und Bildbewußtsein. Felix Meiner, Hamburg.[Hüppauf & Wulf 2006a]Hüppauf, Bernd & Wulf, Christoph (2006): Warum Bilder die Einbildungskraft brauchen. In: Hüppauf, B. & Wulf, C. (Hg.), Bild und Einbildungskraft. Fink, München.[Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Mitchell 1986a]Mitchell, William J.T. (1986): Iconology. Image, Text, Ideology. University of Chicago Press, Chicago, London.[Neuber 2010a]Neuber, Simone (2010): Versuch einer einleitenden historisch-semantischen Rekonstruktion. In: Neuber, S. & Veressov, R. (Hg.), Das Bild als Denkfigur. Funktionen des Bildbegriffs in der Philosophie.[Platon 2008a]Platon (2008): Politeia. In: Wolf, U. (Hg.), Sämtliche Werke, Band 2. Rowohlt, Reinbek.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.[Sachs-Hombach 2005a]Sachs-Hombach, Klaus (Hg.) (2005): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Sachs-Hombach 2005b]Sachs-Hombach, Klaus (Hg.) (2005): Bildwissenschaft. Zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.

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