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Den Unterschied zwischen Nach­ahmung und Dar­stellung sieht Bürger offen­bar nicht darin, dass die eine an der Natur orien­tiert sei und die andere nicht. Beide gelten ihm als „Nach­bildne­rei“ (<bib id='Bürger 1784a'></bib>: S. 725). Von der Mitte des 18. Jahr­hunderts an wird aber die Ab­lehnung des Natur­nach­ahmungs­begriffs zur Be­schreibung der Kunst zuneh­mend damit begrün­det, dass die Nach­ahmung die Erfin­dung aus­schlösse und sich in einem Kopie­ren der empi­rischen Wirk­lich­keit erschöpfe: „[…] die Nach­ahmung der Natur ist noch keine Dich­tung, weil die Kopie nicht mehr ent­halten kann als das Urbild.“ (<bib id='Jean Paul 1795a'></bib>: S. 261).<ref>Ähn­liche Ar­gu­men­te fin­den sich bei <bib id='Meier 1757a'></bib>: S. 38 (§ 18) und <bib id='Hegel 1835a'></bib>: S. 67ff., <bib id='Hegel 1826a'></bib>: S. 55 so­wie <bib id='Hegel 1830a'></bib>: § 558. Im spä­ten 20. Jahr­hun­dert wird die­ser Ein­wand be­son­ders von <bib id='Petersen 2000a'></bib> im­mer wie­der be­tont.</ref> | Den Unterschied zwischen Nach­ahmung und Dar­stellung sieht Bürger offen­bar nicht darin, dass die eine an der Natur orien­tiert sei und die andere nicht. Beide gelten ihm als „Nach­bildne­rei“ (<bib id='Bürger 1784a'></bib>: S. 725). Von der Mitte des 18. Jahr­hunderts an wird aber die Ab­lehnung des Natur­nach­ahmungs­begriffs zur Be­schreibung der Kunst zuneh­mend damit begrün­det, dass die Nach­ahmung die Erfin­dung aus­schlösse und sich in einem Kopie­ren der empi­rischen Wirk­lich­keit erschöpfe: „[…] die Nach­ahmung der Natur ist noch keine Dich­tung, weil die Kopie nicht mehr ent­halten kann als das Urbild.“ (<bib id='Jean Paul 1795a'></bib>: S. 261).<ref>Ähn­liche Ar­gu­men­te fin­den sich bei <bib id='Meier 1757a'></bib>: S. 38 (§ 18) und <bib id='Hegel 1835a'></bib>: S. 67ff., <bib id='Hegel 1826a'></bib>: S. 55 so­wie <bib id='Hegel 1830a'></bib>: § 558. Im spä­ten 20. Jahr­hun­dert wird die­ser Ein­wand be­son­ders von <bib id='Petersen 2000a'></bib> im­mer wie­der be­tont.</ref> | ||
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Wenn im Zuge der Lösung von der Natur­ | Wenn im Zuge der Lösung von der Natur­nach­ahmungs­formel der Natur­nach­ahmungs­begriff auf ein Kopie­ren einge­schränkt wird — entge­gen seiner bis dahin übli­chen Bedeu­tung(en) — und zu­gleich der Dar­stellungs­begriff (wie auch der Re­präsen­tations­begriff) als Alter­native aufge­baut wird, wird letzte­rem zu­gleich ein erfin­dendes oder konstruk­tives Moment zuge­sprochen. Be­günstigt wird eine solche Auf­fassung von »Dar­stellung« durch die Ent­wicklung anti­realisti­scher Seman­tiken. An­sätze einer solchen Seman­tik finden sich bereits bei Humboldt, wenn er — anders als Kant — die Sprache nicht mehr als Null­medium betrach­tet.<ref>Vgl. hier­zu und zum fol­gen­den <bib id='Humboldt 1820a'></bib>: S. 21 und 27 so­wie <bib id='Humboldt 1830-1835a'></bib>: S. 60 und 190.</ref> Die An­nahme, dass Zeichen, Wörter usw. ledig­lich eine bereits unab­hängig von dem jewei­ligen Symbol­system vor­liegen­den Welt nach­zeichnet, weicht der An­nahme, dass das Symbol­system aller­erst eine glie­dernde Funktion inne­hat. In der Umkeh­rung können derar­tige Seman­tiken zu einer Sprach­skepsis führen, inso­fern ein solches Sprach­verständ­nis keine neutrale, objek­tive Dar­stellung der Welt mehr ver­sprechen kann (<bib id='Nietzsche 1870-1873a'></bib>). Diese Konse­quenz tritt gerade in struktu­ralisti­schen Seman­tiken des 20. Jahr­hunderts zutage, inso­fern diese auf einen Anti­reprä­senta­tiona­lismus der Sprache (und anderer Symbol­systeme) hinaus­laufen (<bib id='Bertram et al. 2008a'></bib>). | ||
==Das Spektrum der Bedeutungen von | ==Das Spektrum der Bedeutungen von ‘Dar­stel­lung’ in neue­ren Dis­kus­sio­nen== | ||
Die Begriffsgeschichte des | Die Begriffsgeschichte des Dar­stellungs­begriffs ist als eine Geschic­hte der ''Erwei­terung'' des Be­deutungs­spektrums zu lesen. Die frühe­ren Bedeu­tungen werden nicht durch die später hinzu­kommen­den Bedeu­tungen verdrängt. Daraus speist sich die Viel­deutig­keit des Aus­drucks ‘Dar­stellung’ – von dem bloßen Hin­stellen bzw. Präsen­tieren über die Präsen­tations- oder Dar­stellungs­weise bis hin zum Dar­stellungs­gehalt, der sich aus der Refe­renz speisen kann, aber auch konstruk­tive Momen­te ein­schließen kann. Die aktu­ellen Verwen­dungen des Aus­drucks unter­scheiden sich durch die je eigene ''Gewich­tung'' dieser Be­deutungs­dimen­sionen sowie durch die jeweils vorge­nommenen ''Binnen­differen­zierungen'' (wie z.B. Bühlers Diffe­renzie­rung der Funktionen eines Sprech­aktes in »Dar­stellung«, »Aus­druck« und »Appell«; <bib id='Bühler 1934a'></bib>: bes. S. 28 ff.). | ||
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Die Konsequenzen der Begriffs­geschichte von | Die Konsequenzen der Begriffs­geschichte von ‘Dar­stellung’ für den Bild­begriff ergeben sich daraus, dass Aus­drücke wie ‘repre­sentation’ und ‘depic­tion’ in der Regel mit dem Ausdruck ‘Dar­stellung’ über­setzt werden, oft­mals durch Attri­bute wie ‘bild­lich’ oder ‘bild­haft’ spezi­fiziert. Für die Beschrei­bung von Bil­dern ist ‘Dar­stellung’ gerade wegen der Be­deutungs­dimen­sion des Hin­stellens bzw. Präsen­tierens geeig­net. Durch die Be­deutungs­dimen­sion der Präsen­tations­weise eignet sich der Aus­druck auch für die Diskus­sion der Unter­schiede zwischen bild­licher und sprach­licher Dar­stellung. Zuge­geben: Diese beiden Aspek­te (‹Aus­stellung› und ‹Präsent­ations­weise› bzw. ‹[[Stil]]›) stehen in den aktuel­len Diskus­sion eher im Hinter­grund. Im Vorder­grund stehen die Fragen nach dem Bezug und dem Gehalt der Dar­stellung, insbe­sondere in Gestalt der Konsti­tutions­frage (<bib id='Scholz 2004a'></bib> und <bib id='Seja 2009a'></bib>: bes. S. 23-66). Was konsti­tuiert die bild­liche Dar­stellung? Ist es eine [[Ähnlichkeit|Ähn­lich­keits­rela­tion]] zum Darge­stellten oder eine Kausal­beziehung? Oder wird die Darstellung durch die Zuge­hörig­keit zu einem [[Zeichensystem|Symbol­system]] konsti­tuiert oder durch den Gebrauch eines Dings als Bild? Wenn­gleich diese Fragen die Diskus­sionen dominieren, spielen die mit den anderen Be­deutungs­dimen­sionen assozi­ierten Fragen immer auch eine Rolle. | ||
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Version vom 4. April 2013, 16:51 Uhr
Unterpunkt zu: Historische Bildbegriffe
Die Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs und das ÜbersetzungsproblemBei dem Ausdruck ‘Darstellung’ und dem zugehörigen Verb ‘darstellen’ handelt es sich um Sonderentwicklungen im deutschsprachigen Raum. Zwar entspricht ihr Bedeutungsfeld mit einer gewissen Annäherung dem der Ausdrücke ‘Repräsentation’ und ‘Präsentation’ sowie den entsprechenden Ausdrücken in anderen Sprachen, eine eineindeutige fremdsprachige Übersetzung wird sich jedoch nicht finden lassen.[1] Für das Englische schlägt Flusser vor, die Bedeutung des Ausdrucks ‘darstellen’ als „jene Grauzone“ zu beschreiben, „in welcher sich die Bedeutungen von ‘to represent’, ‘to expose’ und ‘to exhibit’ überschneiden.“ ([Flusser 1994a]Flusser, Vilém (1994): Abbild – Vorbild. In: Hart-Nibbrig, C. L. (Hg.), Was heißt „Darstellen“?. Suhrkamp, Frankfurt/M. Das Übersetzungsproblem ergibt sich einerseits aus der Vieldeutigkeit der fremdsprachigen Ausdrücke und ihren jeweiligen Konnotationen, andererseits aber auch aus der Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs selber. So kann der Ausdruck ‘Darstellung’ in geeigneten Kontexten durch die Ausdrücke ‘Abbildung’, ‘Verkörperung’, ‘Wiedergabe’ und viele mehr ersetzt werden. Die Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs ist wiederum Resultat seiner Begriffsgeschichte.
Geschichte des DarstellungsbegriffsFür die Begriffsgeschichte von ‘Darstellung’ und die Ausbildung des heutigen Bedeutungsspektrums sind besonders seine Karriere in der Poetik und Ästhetik und dabei sein wechselhaftes Verhältnis zum Naturnachahmungsbegriff relevant. Denn gerade über ihr Verhältnis zum Naturnachahmungsbegriff wurde Darstellung zu einem zentralen und zugleich verworrenen Begriff der Bild- und Zeichentheorie. Die Entfaltung des heutigen Bedeutungsspektrums möchte anhand von vier Stationen seiner Begriffsgeschichte darstellen, nämlich (1) der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen oder Präsentieren, (2) dem Import in die Ästhetik durch Lessing und Klopstock zur Bezeichnung der Präsentationsweise, (3) sein Bedeutungszuwachs durch die Verdrängung des Naturnachahmungsbegriffs und (4) die Hinzunahme konstruktiver Momente durch die Abgrenzung vom Naturnachahmungsbegriff.
1) Hinstellen und Verkörpern — Luther und die SchauspielerDer Ausdruck ‘Darstellung’ gilt als Übersetzung der lateinischen Ausdrücke ‘repraesentatio’ und ‘exhibitio’ ([Grimm 1860a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1860): Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: Biermörder-D. Hirzel, Leipzig. In seinem frühen Gebrauch besitzt der Ausdruck also keinerlei semiotische Funktion. Mediale Darstellungen (in unserer heutigen Verwendung des Ausdrucks) werden zu dieser Zeit mittels der Ausdrücke ‘repraesentatio’ und ‘imitatio’ (bzw. ihrer fremdsprachigen Entsprechungen) beschrieben. Die Adaption des Darstellungsbegriffs in (im weiteren Sinne) ästhetischen Kontexten erfolgt dementsprechend zunächst im Rahmen der Schauspieltheorie und zwar ohne nennenswerte semiotische Implikationen. Der Schauspieler stellt jemanden dar, d.h. er präsentiert oder verkörpert eine Figur auf der Bühne. 2) Präsentationsweise und AusführungDiese Bedeutung des Ausdrucks steht noch in den Lexika des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts im Vordergrund. Die zu diesem Zeitpunkt im ästhetischen Kontext bereits weithin übliche Verwendung im Sinne von sinnlicher Vergegenwärtigung wird nur am Rande erwähnt. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war diese Verwendungsweise auch eher randständig. Zwar nutzt August Buchner den Ausdruck ‘darstellen’ schon 1665 zur Wiedergabe der aristotelischen Mimesis, wenn er die Aufgabe des Poeten darin sieht, dass er „ein Thun darstelle / wie es entweder ist / seyn soll / oder mag“ ([Buchner 1665a]Buchner, August (1665): Poet. Otto Prätorius, Wittenberg. Erst Lessing führte den Ausdruck folgenreich in einen ästhetischen und semiotischen Zusammenhang ein. Er unterscheidet bei Kunstwerken die „Erfindung“ des Stoffes (des Darstellungsgehalts) von seiner „Ausführung“ als der technischen Realisierung im Medium. Die Ausführung bezeichnet er in diesem Zusammenhang auch als ‘Darstellung’:
Er-Findung und Ausführung/Darstellung gelten ihm als zwei Aspekte oder Momente der Naturnachahmung. Lessings Verwendung von ‘Darstellung’ ist im Grunde noch sehr nahe an der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen und Vor-Augen-Stellen, und obgleich seine Unterscheidung zwischen Erfindung und Darstellung offensichtlich an der rhetorischen Unterscheidung zwischen inventio und elocutio orientiert ist, wertet er die Rolle der Darstellung (elocutio) im Rahmen seiner wirkungsästhetischen Argumentation erheblich auf. Eine geeignete Darstellung soll die Illusion – und das heißt bei ihm vor allem die Unauffälligkeit der zur Darstellung verwendeten Zeichen – gewährleisten. Die Zeichenhaftigkeit der verwendeten Zeichen soll in den Hintergrund treten, da sonst „die Intuition des Bezeichneten nicht zugleich mit der Intuition des Zeichens erfolgen kann.“ ([Lessing 1788a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon: Paralipomena (Erstveröffentlichung 1788). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe. Bd. 5/2. Werke 1766-169. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.
Den Hintergrund bildet James Harris’ Unterscheidung zwischen den koexistierenden Zeichen der bildenden Künste und den sukzessiven Zeichen der Dichtung und der Musik ([Harris 1783a]Harris, James (1783): Three Treatises. The First concerning Art. The Second concerning Music, Painting and Poetry. The Third concerning Happiness. Novrse, London. Klopstock schließt offensichtlich an Lessings Ästhetik an: „Die Malerey zeigt ihre Gegenstände auf Einmal; die Dichtkunst zeigt sie in einer gewissen Zeit.“ ([Klopstock 1774a]Hurlebusch, R. (Hg.) (1975): Werke und Briefe. Historisch-kritische volume. Bd. 7.1: Die deutsche Gelehrtenrepublik (1774). de Gruyter, Berlin/New York.
Während Dinge und Vorstellungen ontologisch unterschieden sind, werden die „fastwirklichen Dinge“ auf der Basis der Wirkung ihrer Präsentation bestimmt. Der Ausdruck ‘Darstellung’ wird bei Kloptock zum terminus technicus für eine besonders lebhafte Weise der Präsentation. Indem er sein Hauptaugenmerk auf die derart verstandene Darstellung legt, stellt er die Wirkungsfunktionen bestimmter medialer Eigenschaften der Dichtung (wie dem Metrum) in den Mittelpunkt seiner Poetik. Darstellungsgehalte und Referenzen (der Erfindung bei Lessing) spielen demgegenüber bei Klopstock eine marginale Rolle. Eine explizite Bestimmung des Verhältnisses seines Darstellungsbegriffs zum Begriff der Naturnachahmung findet sich bei Klopstock allerdings nicht. 3) Verquickung von Präsentation und Repräsentation als Erbe der NaturnachahmungKlopstock selber stellt den Darstellungsbegriff nicht explizit in Bezug zum Naturnachahmungsbegriff und schon gar nicht in ein Konkurrenzverhältnis, wenngleich seine Betonung der Rolle der Darstellung (der „Form“) die Rolle der Nachahmung (als Beschreibung des „Inhalts“ der Dichtung) deutlich marginalisiert. Damit stellt er die beiden Begriffe implizit in ein Konkurrenzverhältnis. August Bürger stellt die beiden Begriffe wenig später in ein explizites Konkurrenzverhältnis. Er fordert die Ersetzung der Naturnachahmungstheorie durch eine Darstellungstheorie.
Die Darstellung zeichnet sich gegenüber der Nachahmung durch eine größere Anschaulichkeit aus, insofern die Darstellung stärker die Sinne und die Einbildungskraft anspricht([Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München. Die Ersetzung des Nachahmungs- durch den Darstellungsbegriff verläuft also über den Gedanken der Lebendigkeit durch eine bestimmte Präsentationsweise. Indem aber der Naturnachahmungsbegriff durch den Darstellungsbegriff ersetzt wird, kauft man sich zugleich unter der Hand Aufgaben und Funktionen des Naturnachahmungsbegriffs ein. Der Darstellungsbegriff hat demnach auch Referenzen und Darstellungsgehalte zu beschreiben. Das, was Lessing mit den Ausdrücken ‘Erfindung’ und ‘Darstellung’ terminologisch getrennt hält, fällt nun in einem Begriff zusammen und zwar in dem der Darstellung. Präsentation(sweise) und Repräsentation werden miteinander verquickt. Der Ausdruck ‘Darstellung’ kann sich sowohl auf Qualitäten der Darstellungsweise (Wie wird etwas dargestellt?) als auch auf den Gehalt der Darstellung bzw. ihre Referenz (Was wird dargestellt?) beziehen. Damit sind Verwendungen des Darstellungsbegriffs wie die Kants möglich geworden. „Wenn der Begriff von einem Gegenstande gegeben ist, so besteht das Geschäft der Urteilskraft im Gebrauche desselben zum Erkenntnis in der Darstellung (exhibitio), d.i. darin, dem Begriffe eine korrespondierende Anschauung zur Seite zu stellen […]“ ([Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M. 4) Erfindung vs. Kopieren — Konstruktive Momente der DarstellungDen Unterschied zwischen Nachahmung und Darstellung sieht Bürger offenbar nicht darin, dass die eine an der Natur orientiert sei und die andere nicht. Beide gelten ihm als „Nachbildnerei“ ([Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München. Wenn im Zuge der Lösung von der Naturnachahmungsformel der Naturnachahmungsbegriff auf ein Kopieren eingeschränkt wird — entgegen seiner bis dahin üblichen Bedeutung(en) — und zugleich der Darstellungsbegriff (wie auch der Repräsentationsbegriff) als Alternative aufgebaut wird, wird letzterem zugleich ein erfindendes oder konstruktives Moment zugesprochen. Begünstigt wird eine solche Auffassung von »Darstellung« durch die Entwicklung antirealistischer Semantiken. Ansätze einer solchen Semantik finden sich bereits bei Humboldt, wenn er — anders als Kant — die Sprache nicht mehr als Nullmedium betrachtet.[6] Die Annahme, dass Zeichen, Wörter usw. lediglich eine bereits unabhängig von dem jeweiligen Symbolsystem vorliegenden Welt nachzeichnet, weicht der Annahme, dass das Symbolsystem allererst eine gliedernde Funktion innehat. In der Umkehrung können derartige Semantiken zu einer Sprachskepsis führen, insofern ein solches Sprachverständnis keine neutrale, objektive Darstellung der Welt mehr versprechen kann ([Nietzsche 1870-1873a]Nietzsche, Friedrich (1999): Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1870-1873]. In: Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hg.), Sämtliche Werke. Kritische Studienvolume in 15 Bänden. Bd. 1. de Gruyter, München.
Das Spektrum der Bedeutungen von ‘Darstellung’ in neueren DiskussionenDie Begriffsgeschichte des Darstellungsbegriffs ist als eine Geschichte der Erweiterung des Bedeutungsspektrums zu lesen. Die früheren Bedeutungen werden nicht durch die später hinzukommenden Bedeutungen verdrängt. Daraus speist sich die Vieldeutigkeit des Ausdrucks ‘Darstellung’ – von dem bloßen Hinstellen bzw. Präsentieren über die Präsentations- oder Darstellungsweise bis hin zum Darstellungsgehalt, der sich aus der Referenz speisen kann, aber auch konstruktive Momente einschließen kann. Die aktuellen Verwendungen des Ausdrucks unterscheiden sich durch die je eigene Gewichtung dieser Bedeutungsdimensionen sowie durch die jeweils vorgenommenen Binnendifferenzierungen (wie z.B. Bühlers Differenzierung der Funktionen eines Sprechaktes in »Darstellung«, »Ausdruck« und »Appell«; [Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart. Die Konsequenzen der Begriffsgeschichte von ‘Darstellung’ für den Bildbegriff ergeben sich daraus, dass Ausdrücke wie ‘representation’ und ‘depiction’ in der Regel mit dem Ausdruck ‘Darstellung’ übersetzt werden, oftmals durch Attribute wie ‘bildlich’ oder ‘bildhaft’ spezifiziert. Für die Beschreibung von Bildern ist ‘Darstellung’ gerade wegen der Bedeutungsdimension des Hinstellens bzw. Präsentierens geeignet. Durch die Bedeutungsdimension der Präsentationsweise eignet sich der Ausdruck auch für die Diskussion der Unterschiede zwischen bildlicher und sprachlicher Darstellung. Zugegeben: Diese beiden Aspekte (‹Ausstellung› und ‹Präsentationsweise› bzw. ‹Stil›) stehen in den aktuellen Diskussion eher im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die Fragen nach dem Bezug und dem Gehalt der Darstellung, insbesondere in Gestalt der Konstitutionsfrage ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M. |
Anmerkungen
Literatur
[Adelung 1811a]Adelung, Johann Christoph (Hg.) (1811): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart: mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Erster Teil: A-E. Mit D. W. Soltau's Beyträgen; revidirt und berichtiget von Franz Xaver Schönberger, Doctor der freyen Künste und Philosophie. Bauer, Wien.[Aristoteles 1997a]Aristoteles (1997): Poetik. Griechisch/Deutsch. Reclam, Stuttgart.[Bertram et al. 2008a]Bertram, Georg W.; Lauer, David; Liptow, Jasper; & Seel, Martin (2008): In der Welt der Sprache: Konsequenzen des semantischen Holismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Buchner 1665a]Buchner, August (1665): Poet. Otto Prätorius, Wittenberg.[Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.[Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München.[Flusser 1994a]Flusser, Vilém (1994): Abbild – Vorbild. In: Hart-Nibbrig, C. L. (Hg.), Was heißt „Darstellen“?. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Grimm 1860a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1860): Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: Biermörder-D. Hirzel, Leipzig.[Harris 1783a]Harris, James (1783): Three Treatises. The First concerning Art. The Second concerning Music, Painting and Poetry. The Third concerning Happiness. Novrse, London.[Hegel 1826a]Gethmann-Siefert, A.; Kwon, J. & Berr, K. (Hg.) (2005): Philosophie der Kunst. Vorlesung von 1826. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Hegel 1830a]Nicolin, F. & Pöggeler, O. (Hg.) (1959): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830). Meiner, Hamburg.[Hegel 1835a]Hegel, Georg W. F. (1967): Einleitung in die Ästhetik. Mit den beiden Vorreden von Heinrich Gustav Hotho (1835). Fink, München.[Herder 1800a]Herder, Johann Gottfried (1800): Sämtliche Werke. Bd. 22: Kalligone (1800). Olms-Weidmann, Berlin.[Humboldt 1820a]Humboldt, Wilhelm (1905): Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung (1820). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 4: 1820-1822. Behr, Berlin.[Humboldt 1830-1835a]Humboldt, Wilhelm (1907): Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (1830-1835). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 7.1. Behr, Berlin.[Jean Paul 1795a]Jean Paul (1847): Ueber die natürliche Magie der Einbildungskraft [1795]. In: ??? (Hg.), Ausgewählte Werke. Bd. 7/8: Leben des Quintus Fixlein, aus fünfzehn Zettelschaften gezogen, nebst einem Mußtheil und einigen Jus de tablette. Reimer, Berlin.[Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Klopstock 1774a]Hurlebusch, R. (Hg.) (1975): Werke und Briefe. Historisch-kritische volume. Bd. 7.1: Die deutsche Gelehrtenrepublik (1774). de Gruyter, Berlin/New York.[Klopstock 1779a]Klopstock, Friedrich Gottlieb (1779): Von der Darstellung. In: Klopstock, F.G. (Hg.), Ueber Sprache und Dichtkunst. Fragmente. Heroldsche Buchhandlung, Hamburg.[Lessing 1766a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe in zwölf Bänden. Bd. 5/2: Werke 1766-1769. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.[Lessing 1788a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon: Paralipomena (Erstveröffentlichung 1788). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe. Bd. 5/2. Werke 1766-169. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.[Meier 1757a]Meier, Georg Friedrich (1757): Betrachtungen über den ersten Grundsatz aller Schönen Künste und Wissenschaften. Carl Hermann Hemmerde, Halle.[Mülder-Bach 1998a]Mülder-Bach, Inka (1998): Im Zeichen Pygmalions. Das Modell der Statue und die Entdeckung der „Darstellung“ im 18. Jahrhunderts. Fink, München.[Nietzsche 1870-1873a]Nietzsche, Friedrich (1999): Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1870-1873]. In: Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hg.), Sämtliche Werke. Kritische Studienvolume in 15 Bänden. Bd. 1. de Gruyter, München.[Petersen 2000a]Petersen, Jürgen H. (2000): Mimesis – Imitatio – Nachahmung. Eine Geschichte der europäischen Poetik. UTB, Stuttgart.[Schlenstedt 2000a]Schlenstedt, Dieter (2000): Darstellung. In: Karlheinz Barck et al. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Ein historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 1: : Absenz – Darstellung. J. B. Metzler, Stuttgart.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.[Trübner 1940a]Alfred Göze (Hg.) (1940): Trübners Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: C-F. de Gruyter , Berlin. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Tobias Schöttler, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Eva Schürmann — (Hinweis) |