Bildhandeln: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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=== Zur anthropologischen Rolle des BildCyberspaceschaffens – der »homo pictor« ===
=== Zur anthropologischen Rolle des BildCyberspaceschaffens – der »homo pictor« ===
Bilder sind Artefakte und verweisen damit immer auf jeman&shy;den, der sie ge&shy;schaffen hat (⊳ [[Bildherstellung|Bild&shy;her&shy;stel&shy;lung]]). Gerade in einer anthro&shy;polo&shy;gischen Perspek&shy;tive wird geltend gemacht, dass das Her&shy;stellen von Bildern – das ''Bilden'' – eine spezifisch mensch&shy;liche Tätig&shy;keit sei und dem&shy;ent&shy;sprechend ange&shy;sichts von Bildern immer auf einen menschl&shy;ichen Schöpfer dieser Bilder ge&shy;schlossen werden kann. Ein&shy;fluss&shy;reich ist in diesem Zu&shy;sammen&shy;hang Hans Jonas’ Rede vom ‘homo pictor’ (<bib id='Jonas 1961a'></bib>; vgl. auch die Aufsätze in <bib id='Boehm 2001a'></bib>). Ihm gilt vor allem die Bild&shy;kompe&shy;tenz im Sinne der Fähig&shy;keit zum Her&shy;stellen und Rezi&shy;pieren von Bildern als spezi&shy;fisch mensch&shy;liche Fähig&shy;keit, an&shy;hand derer dieser von ande&shy;ren Lebe&shy;wesen unter&shy;schieden werden kann. Als Bedin&shy;gungen der Mög&shy;lichkeit jenes ''Bild&shy;vermögens'' und damit der Bild&shy;her&shy;stel&shy;lung macht Jonas die [[Einbildungskraft|Ein&shy;bildungs&shy;kraft]] oder Ima&shy;gina&shy;tions&shy;fähig&shy;keit sowie die Fähig&shy;keit zur [[Abstraktion|Abstrak&shy;tion]] aus. Das Interesse richtet sich hier somit auf ein Bildhandeln als Aktualisierung eines Bildvermögens als spezifisch menschlicher Fähigkeit (⊳ [[Bildanthropologie]]).
Bilder sind Artefakte und verweisen damit immer auf jeman&shy;den, der sie ge&shy;schaffen hat (⊳ [[Bildherstellung|Bild&shy;her&shy;stel&shy;lung]]). Gerade in einer anthro&shy;polo&shy;gischen Perspek&shy;tive wird geltend gemacht, dass das Her&shy;stellen von Bildern – das ''Bilden'' – eine spezifisch mensch&shy;liche Tätig&shy;keit sei und dem&shy;ent&shy;sprechend ange&shy;sichts von Bildern immer auf einen menschl&shy;ichen Schöpfer dieser Bilder ge&shy;schlossen werden kann. Ein&shy;fluss&shy;reich ist in diesem Zu&shy;sammen&shy;hang Hans Jonas’ Rede vom ‘homo pictor’ (<bib id='Jonas 1961a'></bib>; vgl. auch die Aufsätze in <bib id='Boehm 2001a'></bib>). Ihm gilt vor allem die Bild&shy;kompe&shy;tenz im Sinne der Fähig&shy;keit zum Her&shy;stellen und Rezi&shy;pieren von Bildern als spezi&shy;fisch mensch&shy;liche Fähig&shy;keit, an&shy;hand derer dieser von ande&shy;ren Lebe&shy;wesen unter&shy;schieden werden kann. Als Bedin&shy;gungen der Mög&shy;lichkeit jenes ''Bild&shy;vermögens'' und damit der Bild&shy;her&shy;stel&shy;lung macht Jonas die [[Einbildungskraft|Ein&shy;bildungs&shy;kraft]] oder Ima&shy;gina&shy;tions&shy;fähig&shy;keit sowie die Fähig&shy;keit zur [[Abstraktion|Abstrak&shy;tion]] aus. Das Inte&shy;resse richtet sich hier somit auf ein Bild&shy;handeln als Aktu&shy;ali&shy;sierung eines Bild&shy;vermö&shy;gens als spezi&shy;fisch mensch&shy;licher Fähig&shy;keit (⊳ [[Bildanthropologie|Bild&shy;anthro&shy;polo&shy;gie]]).


=== Bilder als Werkzeuge – die Vielfalt kommunikativer Zwecke ===
=== Bilder als Werkzeuge – die Vielfalt kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;ti&shy;ver Zwecke ===
Die anthropologische Perspektive begnügt sich mit der Beobachtung, dass überhaupt Bilder hergestellt werden. Artefakte werden aber gewöhnlich zu einem bestimmten Zweck oder ggf. zu mehreren bestimmten Zwecken geschaffen. Naheliegendes Beispiel dafür sind Werkzeuge. Zwar kann man sicherlich auch das “Production Design” eines Hammers, einer Säge usw. bewundern oder verabscheuen, aber üblicherweise beurteilt man derartige Gegenstände danach, inwieweit sie ihren Zweck erfüllen. In Analogie zu Werkzeugen kann man nach den Funktionen oder Zwecken von Bildern fragen. Freilich können (ästhetische) Bilder auch ein Wohlgefallen oder Ähnliches auslösen, aber das wäre in dieser Perspektive nur eine Funktion neben anderen.  
Die anthropologische Perspektive begnügt sich mit der Be&shy;ob&shy;ach&shy;tung, dass über&shy;haupt Bilder her&shy;ge&shy;stellt werden. Arte&shy;fakte werden aber gewöhn&shy;lich zu einem be&shy;stimm&shy;ten Zweck oder ggf. zu meh&shy;reren be&shy;stimm&shy;ten Zwecken ge&shy;schaffen. Nahe&shy;liegen&shy;des Bei&shy;spiel da&shy;für sind Wer&shy;kzeuge. Zwar kann man sicher&shy;lich auch das “Produc&shy;tion Design” eines Hammers, einer Säge usw. be&shy;wundern oder ver&shy;ab&shy;scheuen, aber üb&shy;licher&shy;weise be&shy;urteilt man der&shy;ar&shy;tige Gegen&shy;stände da&shy;nach, in&shy;wie&shy;weit sie ihren Zweck er&shy;füllen. In Ana&shy;logie zu Wer&shy;kzeugen kann man nach den Funk&shy;tionen oder Zwecken von Bildern fragen. Frei&shy;lich können (äst&shy;hetische) Bilder auch ein Wohl&shy;gefal&shy;len oder Ähn&shy;liches aus&shy;lösen, aber das wäre in dieser Perspek&shy;tive nur eine Funktion neben anderen.  
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Es lässt sich eine Vielzahl möglicher Funktionen von Bildern ausmachen. Beispielsweise unterscheidet Christian Doelker die simulative, die registrative, die mimetische, die explikative, die diegetische, die dekorative, die phatische, die ontische, die appelative und die energetische Funktion voneinander (vgl. <bib id='Doelker 2001a'></bib>). Die Liste ließe sich sicherlich noch erweitern, ebenso wie die Funktionen anders eingeteilt werden können. Hier kommt es nur darauf an, dass die Bilder qua Bilder diese Funktionen ausüben, also ihr Bildstatus vorausgesetzt wird.  
Es lässt sich eine Vielzahl mög&shy;licher Funk&shy;tionen von Bildern aus&shy;machen. Bei&shy;spiels&shy;weise unter&shy;scheidet Christian Doelker die simu&shy;lative, die re&shy;gistra&shy;tive, die mime&shy;tische, die expli&shy;kative, die diege&shy;tische, die deko&shy;rative, die phati&shy;sche, die on&shy;tische, die appela&shy;tive und die ener&shy;getische Funktion von&shy;ein&shy;ander (vgl. <bib id='Doelker 2001a'></bib>). Die Liste ließe sich sicher&shy;lich noch erwei&shy;tern, eben&shy;so wie die Funk&shy;tionen anders ein&shy;ge&shy;teilt werden können. Hier kommt es nur da&shy;rauf an, dass die Bilder qua Bilder diese Funk&shy;tionen aus&shy;üben, also ihr Bild&shy;status voraus&shy;gesetzt wird.  
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Ein solches Bildhandeln bezieht sich nicht auf das Bild als physischen Gegenstand, also nicht auf den ''[[Bildträger]]'', sondern – in der Terminologie Husserls – auf das ''Bildobjekt''. Dabei wird Husserls Unterscheidung von ''Bild(-träger)'', ''Bildobjekt'' (die bildliche [[Darstellung]]) und ''Bildsujet'' (dem [[Referenz|Referenten]]) vorausgesetzt (vgl. <bib id='Husserl 1980a'></bib>: S. 19f.), die in der aktuellen Bildphilosophie insbesondere von Lambert Wiesing und Silvia Seja stark gemacht wird (vgl. <bib id='Wiesing 2004a'></bib>: S. 118ff. und <bib id='Seja 2009a'></bib>: bes. S. 13 und 121f.). Die Anwendung dieser Trichotomie setzt allerdings die Entscheidung, ob es sich um ein Bild handelt als bereits beantwortet voraus. In diesem Sinne ist hier das Bildhandeln gewissermaßen ein ''nachträgliches'', insofern der Bildstatus unabhängig davon ist, dass der Gegenstand ''als'' Bild gebraucht wird. Im Anschluss an Wiesing bezeichnet Seja derartige Ansätze als ‘Pragmatismus des Bildes’ in Abgrenzung zur ‘[[Pragmatik]] des Bildes’ (vgl. <bib id='Wiesing 2004a'></bib> und <bib id='Seja 2009a'></bib>: S. 11ff. et passim), welche die folgende Gruppe ausmacht.
Ein solches Bildhandeln bezieht sich nicht auf das Bild als physi&shy;schen Gegen&shy;stand, also nicht auf den ''[[Bildträger|Bild&shy;träger]]'', sondern – in der Ter&shy;mino&shy;logie Husserls – auf das ''Bild&shy;objekt''. Dabei wird Husserls Unter&shy;scheidung von ''Bild(-träger)'', ''Bild&shy;objekt'' (die bild&shy;liche [[Darstellung|Dar&shy;stel&shy;lung]]) und ''Bildsujet'' (dem [[Referenz|Re&shy;feren&shy;ten]]) voraus&shy;gesetzt (vgl. <bib id='Husserl 1980a'></bib>: S. 19f.), die in der aktuellen Bild&shy;philo&shy;sophie ins&shy;beson&shy;dere von Lambert Wiesing und Silvia Seja stark gemacht wird (vgl. <bib id='Wiesing 2004a'></bib>: S. 118ff. und <bib id='Seja 2009a'></bib>: bes. S. 13 und 121f.). Die An&shy;wen&shy;dung dieser Tri&shy;choto&shy;mie setzt aller&shy;dings die Ent&shy;scheidung, ob es sich um ein Bild handelt, als bereits be&shy;ant&shy;wortet voraus. In diesem Sinne ist hier das Bild&shy;handeln ge&shy;wisser&shy;maßen ein ''nach&shy;träg&shy;liches'', inso&shy;fern der Bild&shy;status un&shy;ab&shy;hängig davon ist, dass der Gegen&shy;stand ''als'' Bild ge&shy;braucht wird. Im An&shy;schluss an Wiesing be&shy;zeichnet Seja derar&shy;tige An&shy;sätze als ‘Prag&shy;matis&shy;mus des Bildes’ in Ab&shy;gren&shy;zung zur ‘[[Pragmatik|Prag&shy;matik]] des Bildes’ (vgl. <bib id='Wiesing 2004a'></bib> und <bib id='Seja 2009a'></bib>: S. 11ff. et passim), welche die folgende Gruppe ausmacht.


=== Gebrauchsabhängigkeit des Bildstatus und der Bildbedeutung ===
=== Gebrauchsabhängigkeit des Bild&shy;status und der Bild&shy;be&shy;deu&shy;tung ===
Die von der Werkzeuganalogie ausgehenden Ansätze thematisieren gewissermaßen ein nachträgliches Bildhandeln, insofern die Bildfunktionen und der entsprechende Umgang mit Bildern den Bildstatus als gegeben voraussetzen. Im Rahmen eines solchen ‘Pragmatismus des Bildes’ sind nur die nachträglichen Bildhandlungen gebrauchsabhängig. Dagegen gilt der ‘Pragmatik des Bildes’ bereits der Bildstatus selber sowie die Bezugnahme des Bildes auf das Dargestellte als gebrauchsabhängig.  
Die von der Werkzeuganalogie ausgehenden Ansätze thema&shy;tisie&shy;ren gewisser&shy;maßen ein nach&shy;träg&shy;liches Bild&shy;handeln, inso&shy;fern die Bild&shy;funk&shy;tionen und der ent&shy;sprechen&shy;de Um&shy;gang mit Bildern den Bild&shy;status als gege&shy;ben voraus&shy;setzen. Im Rahmen eines solchen „Pragma&shy;tismus des Bildes“ sind nur die nach&shy;träg&shy;lichen Bild&shy;hand&shy;lungen ge&shy;brauchs&shy;ab&shy;hängig. Dage&shy;gen gilt der „Prag&shy;matik des Bildes“ bereits der Bild&shy;status selber sowie die Bezug&shy;nahme des Bildes auf das Dar&shy;ge&shy;stell&shy;te als ge&shy;brauchs&shy;abhän&shy;gig.  
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Gerade in der analytisch geprägten Bildphilosophie gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, die ausgehend von handlungstheoretischen Sprachphilosophien den Bildstatus und die Bildbedeutung auf spezifische Formen des Bildhandelns zurückführen. In diese Richtung gehen z.B. die Überlegungen Oliver Scholz’, wenn er behauptet: „Ob, wie und was ein Gebilde darstellt, hängt zumindest teilweise davon ab, wie Menschen mit ihm umgehen.“ (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 139; vgl. auch ebd.: S. 137). Jene Gebrauchs- oder Verwendungsabhängigkeit des Bildes beschreibt Scholz vermittels einer Übertragung von Wittgensteins Sprachspiel-Konzeption auf Bilder: „Bilder sind in Bildspiele, Bildspiele in [[Weltbild, Lebensform|Lebensformen]] eingebettet.“ (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 158). Im Anschluss an Wittgenstein betont er die Vielfältigkeit solcher Bildspiele und eine (zumindest weitgehende) Unabhängigkeit der Verwendung von den Eigenschaften des Bildes selber:
Gerade in der analytisch geprägten Bild&shy;philo&shy;sophie gibt es eine Viel&shy;zahl von An&shy;sätzen, die aus&shy;gehend von hand&shy;lungs&shy;theo&shy;reti&shy;schen Sprach&shy;philo&shy;sophien den Bild&shy;status und die Bild&shy;bedeu&shy;tung auf spezi&shy;fische Formen des Bild&shy;handelns zurück&shy;führen. In diese Richtung gehen z.B. die Über&shy;legun&shy;gen Oliver Scholz’, wenn er be&shy;haup&shy;tet: „Ob, wie und was ein Gebilde dar&shy;stellt, hängt zumin&shy;dest teil&shy;weise davon ab, wie Menschen mit ihm um&shy;gehen.“ (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 139; vgl. auch ebd.: S. 137). Jene Ge&shy;brauchs- oder Ver&shy;wen&shy;dungs&shy;ab&shy;hängig&shy;keit des Bildes be&shy;schreibt Scholz ver&shy;mittels einer Über&shy;tragung von Witt&shy;gen&shy;steins Sprach&shy;spiel-Konzep&shy;tion auf Bilder: „Bilder sind in Bild&shy;spiele, Bild&shy;spiele in [[Weltbild, Lebensform|Lebens&shy;formen]] ein&shy;gebet&shy;tet.“ (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 158). Im An&shy;schluss an Witt&shy;gen&shy;stein be&shy;tont er die Viel&shy;fältig&shy;keit solcher Bild&shy;spiele und eine (zu&shy;mindest weit&shy;gehende) Un&shy;ab&shy;hängig&shy;keit der Ver&shy;wendung von den Eigen&shy;schaften des Bildes selber:


:''Was man mit einem Bild machen kann, ist nicht durch seine Beschaffenheit für alle Zeit festgelegt. Insbesondere kann ein und derselbe Bildträger bei verschiedenen Gelegenheiten in verschiedenen kommunikativen Rollen verwendet werden.'' (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 162)  
:''Was man mit einem Bild machen kann, ist nicht durch seine Be&shy;schaffen&shy;heit für alle Zeit fest&shy;gelegt. Ins&shy;beson&shy;dere kann ein und der&shy;selbe Bild&shy;träger bei ver&shy;schie&shy;denen Gele&shy;genhei&shy;ten in ver&shy;schiede&shy;nen kommu&shy;nika&shy;tiven Rollen ver&shy;wendet werden.'' (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 162)  


Die Bildverwendungen interpretiert er dabei als regelgeleitet. Sein nicht näher erläuterter Regelbegriff scheint dabei der Sprechakttheorie näher zu stehen als der Sprachspielkonzeption Wittgensteins (vgl. <bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 160ff.).  
Die Bildverwendungen interpretiert er dabei als regel&shy;gelei&shy;tet. Sein nicht näher er&shy;läuter&shy;ter Regel&shy;begriff scheint dabei der Sprech&shy;akt&shy;theorie näher zu stehen als der Sprach&shy;spiel&shy;konzep&shy;tion Witt&shy;gen&shy;steins (vgl. <bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 160ff.).  


Abgesehen von Scholz’ regelorientiertem, konventionalistisch gedeutetem Begriff des Bildspiels lassen sich im Wesentlichen drei Ansätze ausmachen, die den Bildstatus und die Bildbedeutung auf den Gebrauch zurückführen. Diese Ansätze unterscheiden sich dahingehend, ob sie dabei (vorrangig) vom (a) Bildrezipienten, vom (b) Bildproduzenten oder von der (c) Kommunikation ausgehen.
Abgesehen von Scholz’ regelorientiertem, kon&shy;ven&shy;tiona&shy;listisch gedeu&shy;tetem Begriff des Bild&shy;spiels lassen sich im Wesent&shy;lichen drei An&shy;sätze aus&shy;machen, die den Bild&shy;status und die Bild&shy;bedeu&shy;tung auf den Gebrauch zurück&shy;führen. Diese Ansätze unter&shy;scheiden sich dahin&shy;gehend, ob sie da&shy;bei (vor&shy;rangig) vom (a) Bild&shy;rezi&shy;pienten, vom (b) Bild&shy;produ&shy;zenten oder von der (c) Kommu&shy;nika&shy;tion aus&shy;gehen.


:a) ''Rezipientenorientierte Perspektive – Bildspiel des make-believe'':  
:a) ''Rezipientenorientierte Perspektive – Bild&shy;spiel des make-believe'':  
Kendall Walton schließt (ähnlich wie Scholz) an Wittgensteins Begriff des Sprachspiels an, wenn er behauptet, dass der Bildstatus sowie die Bedeutung von Bildern davon abhängen, dass wir mit ihnen ''Bildspiele'' (pictorial games) spielen – wenngleich er sich (anders als Scholz) nicht explizit auf Wittgenstein bezieht. Das Bildspiel im Sinne Waltons zeichnet sich dadurch aus, dass wir ''so tun, als ob'', wir vor dem (abgebildeten) Gegenstand selbst ständen.
Kendall Walton schließt (ähnlich wie Scholz) an Witt&shy;gen&shy;steins Begriff des Sprach&shy;spiels an, wenn er be&shy;haup&shy;tet, dass der Bild&shy;status so&shy;wie die Be&shy;deu&shy;tung von Bil&shy;dern da&shy;von ab&shy;hängen, dass wir mit ihnen ''Bild&shy;spiele'' (pictorial games) spielen – wenn&shy;gleich er sich (anders als Scholz) nicht ex&shy;plizit auf Witt&shy;gen&shy;stein be&shy;zieht. Das Bild&shy;spiel im Sinne Waltons zeichnet sich da&shy;durch aus, dass wir ''so tun, als ob'', wir vor dem (ab&shy;gebil&shy;deten) Gegenstand selbst ständen.


:''[T]he use of pictures in visual games is in a certain way prior to their possession of semantic content. It is nearly always by using pictures in make-believe that we ascertain what “information” they contain, what propositions they pick out.'' (<bib id='Walton 1990a'></bib>: S. 351)
:''[T]he use of pictures in visual games is in a certain way prior to their possession of semantic content. It is nearly always by using pictures in make-believe that we ascertain what “information” they contain, what propositions they pick out.'' (<bib id='Walton 1990a'></bib>: S. 351)
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Für Walton hängen der Bildstatus wie auch die Bedeutung eines Bildes somit nicht so sehr von Eigenschaften des Gegenstandes ab, sondern von der [[Rezeption]] des Gegenstandes als Bild (vgl. <bib id='Walton 1973a'></bib> und <bib id='Walton 1990a'></bib>).  
Für Walton hängen der Bildstatus wie auch die Be&shy;deu&shy;tung eines Bildes somit nicht so sehr von Eigen&shy;schaften des Gegen&shy;standes ab, sondern von der [[Rezeption|Re&shy;zep&shy;tion]] des Gegen&shy;standes als Bild (vgl. <bib id='Walton 1973a'></bib> und <bib id='Walton 1990a'></bib>).  
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:''Der Clou von Waltons Überlegungen besteht darin, in unserem Umgang – und das heißt insbesondere: in unserer Rede über Bilder – die “Essenz” von Bildern zu sehen.'' (<bib id='Steinbrenner 2009a'></bib>: S. 295)
:''Der Clou von Waltons Überlegungen besteht darin, in unse&shy;rem Um&shy;gang – und das heißt ins&shy;beson&shy;dere: in unserer Rede über Bilder – die “Essenz” von Bildern zu sehen.'' (<bib id='Steinbrenner 2009a'></bib>: S. 295)
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Die kritische Beurteilung von Waltons Ansatz hängt davon ab, wie der „Umgang“ mit Bildern gedeutet wird. Deutet man den Umgang wie Steinbrenner primär als ‘Rede über Bilder’, dann ist dieser Umgang intersubjektiv zugänglich und Teil einer sozialen Praxis. Allerdings sind Bilder dann (bis zu einem gewissen Grad) sprachabhängig, insofern Bilder im Rahmen einer solchen Perspektive nur ''bedeuten'' können, was auch sprachlich formulierbar ist. Deutet man dagegen den „Umgang“ mit Bildern als kognitive Akte, wie Seja es Walton unterstellt, dann lässt sich Wittgensteins Privatsprachenargument gegen Waltons Ansatz in Stellung bringen (vgl. <bib id='Seja 2009a'></bib>: S. 34ff. und <bib id='Bryson 2001a'></bib>: S. 69ff.). In seiner Übertragung des Privatsprachen-Arguments auf die Bildrezeption betont Bryson, dass es intersubjektiv feststellbare Kriterien für eine (angemessene) Bildrezeption geben müsse, weshalb die Bildrezeption kaum in privaten Empfindungen und rein privaten kognitiven Akten bestehen könne.
Die kritische Beurteilung von Waltons Ansatz hängt davon ab, wie der „Umgang“ mit Bildern gedeutet wird. Deutet man den Um&shy;gang wie Stein&shy;brenner primär als „Rede über Bilder“, dann ist dieser Um&shy;gang inter&shy;subjek&shy;tiv zu&shy;gäng&shy;lich und Teil einer sozia&shy;len Praxis. Aller&shy;dings sind Bilder dann (bis zu einem gewis&shy;sen Grad) sprach&shy;abhängig, inso&shy;fern Bilder im Rahmen einer solchen Per&shy;spek&shy;tive nur ''be&shy;deuten'' können, was auch sprach&shy;lich formu&shy;lier&shy;bar ist. Deutet man dagegen den „Um&shy;gang“ mit Bildern als kogni&shy;tive Akte, wie Seja es Walton unter&shy;stellt, dann lässt sich Witt&shy;gen&shy;steins Privat&shy;sprachen&shy;argument gegen Waltons An&shy;satz in Stel&shy;lung bringen (vgl. <bib id='Seja 2009a'></bib>: S. 34ff. und <bib id='Bryson 2001a'></bib>: S. 69ff.). In seiner Über&shy;tragung des Privat&shy;sprachen&shy;arguments auf die Bild&shy;rezep&shy;tion betont Bryson, dass es inter&shy;subjek&shy;tiv fest&shy;stell&shy;bare Kri&shy;terien für eine (an&shy;ge&shy;mes&shy;sene) Bild&shy;rezep&shy;tion geben müsse, wes&shy;halb die Bild&shy;rezep&shy;tion kaum in pri&shy;vaten Emp&shy;findun&shy;gen und rein pri&shy;vaten kogni&shy;tiven Akten bestehen könne.
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:b) ''Produzentenorientierte Perspektive – Intentionen und Bildakte''
:b) ''Produzentenorientierte Perspektive – Intentionen und Bildakte''

Version vom 21. März 2013, 11:34 Uhr

Unterpunkt zu: Bildpragmatik


Das Verhältnis von Bild und Handeln

Bilder hängen nicht einfach nur an der Wand, sondern sind auf ver­schie­dene Weisen mit ver­schie­denen Arten von Hand­lungen ver­knüpft bzw. in Hand­lungs­voll­züge ein­ge­bettet. Der Ter­minus ‘Bild­handeln’ fasst die ver­schie­denen Hand­lungen zu­sammen, im Zuge derer Bilder ge­schaffen, rezi­piert oder für di­verse (meist kommu­nika­tive) Zwecke ver­wendet werden. Hand­lungs­theo­rien des Bildes gehen je nach Er­kennt­nis­inte­resse von unter­schied­lichen Frage­stel­lungen aus und stellen dem­ent­spre­chend je ver­schie­dene Aspek­te des Bildes und der be­tei­ligten Hand­lungs­voll­züge in den Vorder­grund. In­folge­dessen bieten sich die je­wei­ligen Aus­gangs­fragen als Ein­tei­lungs­grund für jene Theo­rien an.

In dieser Perspektive lassen sich im Wesent­lichen vier (mit­einan­der ver­bundene) Dis­kus­sions­felder unter­scheiden. Erstens wird das Bild­schaffen (sowie die Re­zep­tion von Bildern) unter anthro­polo­gischem Gesichts­punkt unter­sucht. Aus­gehend von der An­nahme, dass Bilder spezi­fisch mensch­liche Arte­fakte sind, wird dabei nach den anthro­polo­gischen Mög­lich­keits­be­dingun­gen des Bild­schaffens ge­fragt. Zwei­tens wird die Ver­schie­den­heit mög­licher kommu­nika­tiver Zwecke von Bildern heraus­gear­beitet. Drittens wird ver­sucht, den Bild­status und die Bild­bedeu­tung(en) ver­mittels des Gebrauchs der Bilder zu be­gründen. Viertens wird der Um­gang mit inter­aktiven Bildern wie Com­puter­spielen, (Com­puter-)Simu­lati­onen oder dem Handeln in virtu­ellen Rea­litä­ten unter­sucht (⊳ CyberCyberspacespace).


Perspektiven auf das Verhältnis von Bild und Handeln

Zur anthropologischen Rolle des BildCyberspaceschaffens – der »homo pictor«

Bilder sind Artefakte und verweisen damit immer auf jeman­den, der sie ge­schaffen hat (⊳ Bild­her­stel­lung). Gerade in einer anthro­polo­gischen Perspek­tive wird geltend gemacht, dass das Her­stellen von Bildern – das Bilden – eine spezifisch mensch­liche Tätig­keit sei und dem­ent­sprechend ange­sichts von Bildern immer auf einen menschl­ichen Schöpfer dieser Bilder ge­schlossen werden kann. Ein­fluss­reich ist in diesem Zu­sammen­hang Hans Jonas’ Rede vom ‘homo pictor’ ([Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.
Nicht angezeigt: Wieder abgedruckt in: Jonas, Hans: <em>Zwischen Nichts und Ewigkeit – Zur Lehre vom Menschen</em>. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1987, 26–43
; vgl. auch die Aufsätze in [Boehm 2001a]Boehm, Gottfried (Hg.) (2001): Homo Pictor. Saur, München, Leipzig.
). Ihm gilt vor allem die Bild­kompe­tenz im Sinne der Fähig­keit zum Her­stellen und Rezi­pieren von Bildern als spezi­fisch mensch­liche Fähig­keit, an­hand derer dieser von ande­ren Lebe­wesen unter­schieden werden kann. Als Bedin­gungen der Mög­lichkeit jenes Bild­vermögens und damit der Bild­her­stel­lung macht Jonas die Ein­bildungs­kraft oder Ima­gina­tions­fähig­keit sowie die Fähig­keit zur Abstrak­tion aus. Das Inte­resse richtet sich hier somit auf ein Bild­handeln als Aktu­ali­sierung eines Bild­vermö­gens als spezi­fisch mensch­licher Fähig­keit (⊳ Bild­anthro­polo­gie).

Bilder als Werkzeuge – die Vielfalt kom­mu­ni­ka­ti­ver Zwecke

Die anthropologische Perspektive begnügt sich mit der Be­ob­ach­tung, dass über­haupt Bilder her­ge­stellt werden. Arte­fakte werden aber gewöhn­lich zu einem be­stimm­ten Zweck oder ggf. zu meh­reren be­stimm­ten Zwecken ge­schaffen. Nahe­liegen­des Bei­spiel da­für sind Wer­kzeuge. Zwar kann man sicher­lich auch das “Produc­tion Design” eines Hammers, einer Säge usw. be­wundern oder ver­ab­scheuen, aber üb­licher­weise be­urteilt man der­ar­tige Gegen­stände da­nach, in­wie­weit sie ihren Zweck er­füllen. In Ana­logie zu Wer­kzeugen kann man nach den Funk­tionen oder Zwecken von Bildern fragen. Frei­lich können (äst­hetische) Bilder auch ein Wohl­gefal­len oder Ähn­liches aus­lösen, aber das wäre in dieser Perspek­tive nur eine Funktion neben anderen.

Es lässt sich eine Vielzahl mög­licher Funk­tionen von Bildern aus­machen. Bei­spiels­weise unter­scheidet Christian Doelker die simu­lative, die re­gistra­tive, die mime­tische, die expli­kative, die diege­tische, die deko­rative, die phati­sche, die on­tische, die appela­tive und die ener­getische Funktion von­ein­ander (vgl. [Doelker 2001a]Doelker, Christian (2001): Ein Funktionenmodell für Bildtexte. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildhandeln. Scriptum, Magdeburg.
). Die Liste ließe sich sicher­lich noch erwei­tern, eben­so wie die Funk­tionen anders ein­ge­teilt werden können. Hier kommt es nur da­rauf an, dass die Bilder qua Bilder diese Funk­tionen aus­üben, also ihr Bild­status voraus­gesetzt wird.

Ein solches Bildhandeln bezieht sich nicht auf das Bild als physi­schen Gegen­stand, also nicht auf den Bild­träger, sondern – in der Ter­mino­logie Husserls – auf das Bild­objekt. Dabei wird Husserls Unter­scheidung von Bild(-träger), Bild­objekt (die bild­liche Dar­stel­lung) und Bildsujet (dem Re­feren­ten) voraus­gesetzt (vgl. [Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.
: S. 19f.), die in der aktuellen Bild­philo­sophie ins­beson­dere von Lambert Wiesing und Silvia Seja stark gemacht wird (vgl. [Wiesing 2004a]Wiesing, Lambert (2004): Pragmatismus und Performativität des Bildes. In: Krämer, S. (Hg.), Performativität und Medialität. Fink, München.
: S. 118ff. und [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: bes. S. 13 und 121f.). Die An­wen­dung dieser Tri­choto­mie setzt aller­dings die Ent­scheidung, ob es sich um ein Bild handelt, als bereits be­ant­wortet voraus. In diesem Sinne ist hier das Bild­handeln ge­wisser­maßen ein nach­träg­liches, inso­fern der Bild­status un­ab­hängig davon ist, dass der Gegen­stand als Bild ge­braucht wird. Im An­schluss an Wiesing be­zeichnet Seja derar­tige An­sätze als ‘Prag­matis­mus des Bildes’ in Ab­gren­zung zur ‘Prag­matik des Bildes’ (vgl. [Wiesing 2004a]Wiesing, Lambert (2004): Pragmatismus und Performativität des Bildes. In: Krämer, S. (Hg.), Performativität und Medialität. Fink, München.
und [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 11ff. et passim), welche die folgende Gruppe ausmacht.

Gebrauchsabhängigkeit des Bild­status und der Bild­be­deu­tung

Die von der Werkzeuganalogie ausgehenden Ansätze thema­tisie­ren gewisser­maßen ein nach­träg­liches Bild­handeln, inso­fern die Bild­funk­tionen und der ent­sprechen­de Um­gang mit Bildern den Bild­status als gege­ben voraus­setzen. Im Rahmen eines solchen „Pragma­tismus des Bildes“ sind nur die nach­träg­lichen Bild­hand­lungen ge­brauchs­ab­hängig. Dage­gen gilt der „Prag­matik des Bildes“ bereits der Bild­status selber sowie die Bezug­nahme des Bildes auf das Dar­ge­stell­te als ge­brauchs­abhän­gig.

Gerade in der analytisch geprägten Bild­philo­sophie gibt es eine Viel­zahl von An­sätzen, die aus­gehend von hand­lungs­theo­reti­schen Sprach­philo­sophien den Bild­status und die Bild­bedeu­tung auf spezi­fische Formen des Bild­handelns zurück­führen. In diese Richtung gehen z.B. die Über­legun­gen Oliver Scholz’, wenn er be­haup­tet: „Ob, wie und was ein Gebilde dar­stellt, hängt zumin­dest teil­weise davon ab, wie Menschen mit ihm um­gehen.“ ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
: S. 139; vgl. auch ebd.: S. 137). Jene Ge­brauchs- oder Ver­wen­dungs­ab­hängig­keit des Bildes be­schreibt Scholz ver­mittels einer Über­tragung von Witt­gen­steins Sprach­spiel-Konzep­tion auf Bilder: „Bilder sind in Bild­spiele, Bild­spiele in Lebens­formen ein­gebet­tet.“ ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
: S. 158). Im An­schluss an Witt­gen­stein be­tont er die Viel­fältig­keit solcher Bild­spiele und eine (zu­mindest weit­gehende) Un­ab­hängig­keit der Ver­wendung von den Eigen­schaften des Bildes selber:

Was man mit einem Bild machen kann, ist nicht durch seine Be­schaffen­heit für alle Zeit fest­gelegt. Ins­beson­dere kann ein und der­selbe Bild­träger bei ver­schie­denen Gele­genhei­ten in ver­schiede­nen kommu­nika­tiven Rollen ver­wendet werden. ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
: S. 162)

Die Bildverwendungen interpretiert er dabei als regel­gelei­tet. Sein nicht näher er­läuter­ter Regel­begriff scheint dabei der Sprech­akt­theorie näher zu stehen als der Sprach­spiel­konzep­tion Witt­gen­steins (vgl. [Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
: S. 160ff.).

Abgesehen von Scholz’ regelorientiertem, kon­ven­tiona­listisch gedeu­tetem Begriff des Bild­spiels lassen sich im Wesent­lichen drei An­sätze aus­machen, die den Bild­status und die Bild­bedeu­tung auf den Gebrauch zurück­führen. Diese Ansätze unter­scheiden sich dahin­gehend, ob sie da­bei (vor­rangig) vom (a) Bild­rezi­pienten, vom (b) Bild­produ­zenten oder von der (c) Kommu­nika­tion aus­gehen.

a) Rezipientenorientierte Perspektive – Bild­spiel des make-believe:

Kendall Walton schließt (ähnlich wie Scholz) an Witt­gen­steins Begriff des Sprach­spiels an, wenn er be­haup­tet, dass der Bild­status so­wie die Be­deu­tung von Bil­dern da­von ab­hängen, dass wir mit ihnen Bild­spiele (pictorial games) spielen – wenn­gleich er sich (anders als Scholz) nicht ex­plizit auf Witt­gen­stein be­zieht. Das Bild­spiel im Sinne Waltons zeichnet sich da­durch aus, dass wir so tun, als ob, wir vor dem (ab­gebil­deten) Gegenstand selbst ständen.

[T]he use of pictures in visual games is in a certain way prior to their possession of semantic content. It is nearly always by using pictures in make-believe that we ascertain what “information” they contain, what propositions they pick out. ([Walton 1990a]Walton, Kendall L. (1990): Mimesis as Make-Believe: On the Foundations of the Representational Arts. Harvard Univ. Press, Cambridge, Mass. [u.a.].
: S. 351)

Für Walton hängen der Bildstatus wie auch die Be­deu­tung eines Bildes somit nicht so sehr von Eigen­schaften des Gegen­standes ab, sondern von der Re­zep­tion des Gegen­standes als Bild (vgl. [Walton 1973a]Walton, Kendall L. (1973): Pictures as Make-Believe. The Philosophical Review, 82, 3.
und [Walton 1990a]Walton, Kendall L. (1990): Mimesis as Make-Believe: On the Foundations of the Representational Arts. Harvard Univ. Press, Cambridge, Mass. [u.a.].
).

Der Clou von Waltons Überlegungen besteht darin, in unse­rem Um­gang – und das heißt ins­beson­dere: in unserer Rede über Bilder – die “Essenz” von Bildern zu sehen. ([Steinbrenner 2009a]Steinbrenner, Jakob (2009): Bildtheorien der analytischen Tradition. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 295)

Die kritische Beurteilung von Waltons Ansatz hängt davon ab, wie der „Umgang“ mit Bildern gedeutet wird. Deutet man den Um­gang wie Stein­brenner primär als „Rede über Bilder“, dann ist dieser Um­gang inter­subjek­tiv zu­gäng­lich und Teil einer sozia­len Praxis. Aller­dings sind Bilder dann (bis zu einem gewis­sen Grad) sprach­abhängig, inso­fern Bilder im Rahmen einer solchen Per­spek­tive nur be­deuten können, was auch sprach­lich formu­lier­bar ist. Deutet man dagegen den „Um­gang“ mit Bildern als kogni­tive Akte, wie Seja es Walton unter­stellt, dann lässt sich Witt­gen­steins Privat­sprachen­argument gegen Waltons An­satz in Stel­lung bringen (vgl. [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 34ff. und [Bryson 2001a]Bryson, Norman (2001): Das Sehen und die Malerei. Fink, München.
: S. 69ff.). In seiner Über­tragung des Privat­sprachen­arguments auf die Bild­rezep­tion betont Bryson, dass es inter­subjek­tiv fest­stell­bare Kri­terien für eine (an­ge­mes­sene) Bild­rezep­tion geben müsse, wes­halb die Bild­rezep­tion kaum in pri­vaten Emp­findun­gen und rein pri­vaten kogni­tiven Akten bestehen könne.

b) Produzentenorientierte Perspektive – Intentionen und Bildakte

Ansätze, die nicht von der Rezeption, sondern entweder vom Bildproduzenten oder von demjenigen ausgehen, der das Bild “ins Spiel bringt”, schließen in der Regel an die Sprechakttheorie Searles an. Ihr Interesse gilt dabei hauptsächlich nicht-verbalen illokutionären Akten, die sie wie Searle (und anders als Austin) intentionalistisch begründen. Zunächst gestattet die Annahme illokutionärer Bildakte eine Erweiterung von ähnlichkeitstheoretischen oder konventionalistischen Bildtheorien um die pragmatische Dimension (vgl. für die Ähnlichkeitstheorie [Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 7f. und 67 und für Goodmans Konventionalismus [Kjørup 1978a]Kjørup, Søren (1978): Pictorial Speech Acts. Erkenntnis, 12, 1.
: S. 56).

Auf den ersten Blick scheint sich David Novitz mit einer pragmatischen Erweiterung seiner Ähnlichkeitstheorie zu begnügen, während der Bildstatus einzig von seiner Ähnlichkeitstheorie abhängt. Darauf deutet jedenfalls seine Unterscheidung zwischen Bild und Gebrauch des Bildes (picture-use distinction) hin. „To sketch or depict is one thing, to use the sketch another.“ ([Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 67). Diese Unterscheidung legt nahe, dass für Novitz der Bildstatus (Herstellung des Bildes sowie seine Abbildungsfunktion) unabhängig vom nachträglichen Gebrauch des Bildes ist. Demzufolge wird nur die illokutionäre Kraft des Bildes durch den Gebrauch und vor allem durch die Intentionen des Benutzers konstituiert – „how it is meant to be taken“ ([Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 71).

Die sich in seiner Bild-Gebrauch-Unterscheidung andeutende Unabhängigkeit von Bildstatus und Gebrauch weicht Novitz jedoch immer weiter auf. Zwar begründet er die Abbildungsfunktion und damit den Bildstatus mit der visuellen Ähnlichkeit: „a picture must look like whatever it is a picture of“ ([Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 103).[1] Allerdings führt er letztlich seinen Ähnlichkeitsbegriff auf Intentionen des Bildherstellers zurück. Da alles allem in irgendeiner Hinsicht ähnelt, müssen Ähnlichkeitshinsichten als relevant ausgezeichnet werden, soll die Ähnlichkeitsbehauptung nicht trivial sein. Die Auswahl der relevanten Hinsichten erfolgt laut Novitz ([Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 13-16) nach den Wünschen und Intentionen des Bildherstellers. Die Erkenn- bzw. Kommunizierbarkeit dieser Intentionen sieht Novitz durch die Verwendung von Konventionen gewährleistet (vgl. [Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 45-49).

Letztlich führt Novitz sowohl die illokutionären Akte als auch die den Bildstatus konstituierende Ähnlichkeit auf Intentionen zurück. Damit beginnt seine Unterscheidung zwischen Bild und Gebrauch bereits zu schwanken. Sie stürzt endgültig ein, wenn er die bildliche Darstellung (depicting) als intentionale Aktivität (intentional activity) beschreibt (vgl. [Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 8, 10 sowie 69). Dementsprechend betont Novitz, dass Bilder nur für etwas stehen (also etwas denotieren), wenn sie zu diesem Zwecke gebraucht werden.

[…] they are made to stand for things: they are used in a very spezial way – either as a substitute for, in the place of, or instead of something or other. It is not as if we have a world of artefacts which stand for other things without being used to do so. ([Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
: S. 6)

Somit hängt für Novitz letztlich auch der Bildstatus vom Gebrauch ab, wodurch er seine Bild-Gebrauch-Unterscheidung selbst unterläuft. Das bedeutet aber nicht – wie Seja behauptet –, dass damit die „Zuschreibung der illokutionären Rolle des Abbildens mit der Zuschreibung des Bildstatus identisch“ ([Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 86) ist. Vielmehr gilt Novitz die Abbildung als Sache des propositionalen Gehalts (Indikation und Attribution), worauf illokutionäre Akte (im Sinne weitergehender Funktionen des Bildes wie ‘Warnen’, ‘Illustrieren’ usw.) aufbauen. Damit schließt Novitz an die in der Sprechakttheorie unterschiedenen Dimensionen der Bedeutung an. Ähnlich wie ein Sprechakt weist auch ein Bildakt nicht eine univoke Bedeutung auf, sondern vielmehr verschiedene ineinandergreifende Bedeutungen, die (bei Searle, Novitz und Kjørup) jeweils durch Intentionen konstituiert werden. Aus dem gleichen Grund verfehlt auch Sejas Kritik Kjørups Ansatz (vgl. [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 17, 73 und 84). Auch gegen Søren Kjørup wendet sie ein, dass man im Rahmen seiner Theorie dem Bild keine andere illokutionäre Rolle als die der bildlichen Darstellung zuschreiben könne, ohne den Bildstatus aufzuheben. Der Einwand Sejas beruht auf der falschen Annahme, dass für ihn der Bildstatus eine spezifische illokutionäre Rolle darstellt. Sie übersieht, dass im Rahmen von Kjørups an der Sprechakttheorie orientiertem Ansatz die bildliche Darstellung und damit der Bildstatus durch den propositionalen Gehalt und eben nicht durch den illokutionären Akt festgelegt wird. Denn Novitz wie auch Kjørup übernehmen Searles Differenzierung von Dimensionen eines Sprechaktes und übertragen diese auf Bilder.

Dementsprechend unterscheiden sie den lokutionären Bildakt, den propositionalen Gehalt und den illokutionären Akt voneinander (vgl. [Kjørup 1978a]Kjørup, Søren (1978): Pictorial Speech Acts. Erkenntnis, 12, 1.
: S. 61-66).[2] Der lokutionäre Akt besteht lediglich in der Präsentation des Bildes. Der propositionale Gehalt umfasst die Referenz und die Prädikation des Bildes, wobei mit Referenz die Bezugnahme des Bildes auf das Dargestellte gemeint ist und mittels der Prädikation dem Bezugsobjekt Eigenschaften zugeschrieben werden. Der illokutionäre Akt betrifft den Zweck oder die Funktion des Bildes, z.B. kann ein Bild dazu gebraucht werden, etwas zu illustrieren, man kann aber auch jemanden mittels des Bildes eines Hundes vor dem Wachhund warnen usw.

Indem Novitz und vor allem Kjørup Searles Sprechakttheorie auf Bilder übertragen, übernehmen sie allerdings auch dessen Intentionalismus. Das Hauptproblem der Ansätze Novitz’ und Kjørups liegt auch weniger in der Annahme, dass ihnen der Bildstatus als gebrauchsabhängig gilt, sondern vielmehr in der intentionalistische Begründung des Bildstatus und der Bildbedeutung. Damit stellt sich nämlich die Frage nach der Erkennbarkeit der fraglichen Intentionen.[3]

c) Kommunikationsorientierte Perspektive – Triangulation

Sofern die Rezeptionsakte wie auch die Intentionen als private, mentale Zustände konzipiert werden, werfen sie das Problem ihrer intersubjektiven Erkennbarkeit auf. Dieses Problem stellt sich nicht für Ansätze, welche von der Kommunikation als Ganzer ausgehen statt von einem ihrer Pole. In eine solche Richtung geht der Ansatz von Matthias Vogel, der Davidsons Modell der Triangulation auf nicht-sprachliche Medien erweitert.

Als ‘Triangulation’ bezeichnet Davidson die wechselseitige Interpretation der Handelnden und deren Interaktion mit ihrem Gegenstandsbereich. Die so verstandene Triangulation ist nach Davidson nötig, um Gedanken und Sprache einen spezifischen (propositionalen) Gehalt zu verleihen.

Ohne diese Gemeinsamkeit der Reaktionen auf gemeinsame Reize hätten Denken und Reden keinen spezifischen Inhalt – das heißt, sie hätten gar keinen Inhalt. Um der Ursache eines Gedankens einen Ort zuzuschreiben und so seinen Inhalt zu bestimmen, sind zwei Standpunkte nötig. Diesen Vorgang können wir uns als eine Art Triangulation vorstellen: Jede der beiden Personen reagiert unterschiedlich auf Sinnesreize, die aus einer bestimmten Richtung heranströmen. Projizieren wir die herankommenden Linien nach außen, ist ihr Schnittpunkt die gemeinsame Ursache. Bemerken die beiden Personen nun die Reaktionen des jeweils anderen (im Fall der Sprache: die verbalen Reaktionen), kann jeder von ihnen diese beobachteten Reaktionen zu den eigenen, von der Welt herkommenden Reizen in Beziehung setzen. Jetzt kann die gemeinsame Ursache den Inhalt einer Äußerung und eines Gedankens bestimmen. Das Dreieck, das dem Denken und Sprechen Inhalt verleiht, ist abgeschlossen. Aber um eine Triangulation vorzunehmen, muß man zu zweit sein. ([Davidson 2004a]Davidson, Donald (2004): Drei Spielarten des Wissens. In: Davidson, D. (Hg.), Subjektiv, intersubjektiv, objektiv. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 351f.)

Vogel begreift Davidsons Triangulation als ›basale Spracherwerbssituation‹ und erweitert das Modell, indem er auch nicht-sprachliche Medien integriert (vgl. hierzu und zum Folgenden [Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 120ff.). Kommunikation wird dabei als Kooperation verstanden, im Zuge derer die Kommunizierenden ihre Handlungen wechselseitig interpretieren und aufeinander anpassen. Je nach Zuverlässigkeit der Reaktionen stabilisieren sich bestimmte Äußerungstypen und -muster. Wie Davidson nimmt Vogel dabei an, dass Gedanken allererst durch die Sprache individuiert werden können: „Ehe durch Kommunikation mit einem anderen eine Grundlinie festgelegt ist, ist es witzlos zu sagen, die eigenen Gedanken oder Worte hätten einen propositionalen Inhalt.“ ([Davidson 2004a]Davidson, Donald (2004): Drei Spielarten des Wissens. In: Davidson, D. (Hg.), Subjektiv, intersubjektiv, objektiv. Suhrkamp, Frankfurt/M.
: S. 352). Den sprachphilosophischen Gedanken Davidsons weitet er allerdings medientheoretisch aus: Ihm gelten Medien als konstitutive Mittel zur Individuierung von Gedanken (vgl. [Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 132). Er nimmt auch nichtsprachliche Gedanken an, „die mithilfe nichtsprachlicher Medien individuiert und kommuniziert werden können“ ( [Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 119).

Vogels Adaption des Triangulationsmodells ist offensichtlich zunächst medienunspezifisch. Sein Modell ist weder dazu gedacht noch dazu geeignet, den Bildbegriff zu definieren oder den Bildstatus zu begründen. Zweck des Modells ist die Erläuterung medial vermittelter Kommunikation – unabhängig davon, ob es sich um sprachliche, bildhafte oder sonstige Medien handelt, wobei Vogel einen handlungstheoretischen Medienbegriff voraussetzt:

Medien […] sind nicht primär Dinge, Instrumente, Werkzeuge oder Materialien, sondern sie sind primär Mengen von Tätigkeitstypen, die in einer kommunikativen Praxis etabliert sind und tradiert werden. Dabei sind die Tätigkeiten auf die Herstellung sinnlich wahrnehmbarer Zustände oder Ereignisse gerichtet […]. ([Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 130)

Dabei unterscheidet Vogel Medien erster von denen zweiter und höherer Ordnung (vgl. [Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 132f.). Zu den Medien erster Ordnung zählt er nichtsprachliche Medien wie Musik, Malerei, Tanz usw. sowie sprachliche Medien. Den natürlichen Sprachen kommt dabei eine besondere Rolle zu, insofern institutionelle Einrichtungen und vor allem die Medien höherer Ordnung auf ihnen beruhen. Medien höherer Ordnung wie die Notenschrift oder das Morsealphabet beruhen auf expliziten Zuordnungsvorschriften und sind damit sprachabhängig: „In jedem Fall aber bleiben mediale Konstellationen in den Medien höherer Ordnung auf das Gedanken-Individuierungs-Potenzial der Medien erster Ordnung angewiesen […].“ ([Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 133). Zwar beruhen die höheren Medien auf natürlichen Sprachen, aber nicht die bildhaften Medien (erster Ordnung). Vielmehr betont Vogel die Eigenständigkeit bildlichen Medien gegenüber sprachlichen Medien (vgl. [Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
: S. 116ff., sowie Notation).

Umgang mit interaktiven Bildern – Probehandlungen und Simulationen

Computerspiele, Simulationen und sogenannte virtuelle Realitäten ermöglichen ein Bildhandeln von einer völlig anderen Qualität als die bisher skizzierten Fälle. Sowohl die von Seja als pragmatistisch als auch die von ihr als pragmatisch bezeichneten Verwendungen von Bildern lassen die gebrauchten Bilder – sofern sie einmal geschaffen sind – unverändert. Dagegen ermöglichen Computerspiele, Simulationen und virtuelle Realitäten einen interaktiven Umgang mit Bildern. Der Benutzer rezipiert oder interpretiert die Bilder nicht einfach, sondern wirkt verändernd auf sie ein. Entsprechend geht es hierbei auch nicht mehr um statische, sondern um dynamische oder interaktive Bilder (⊳ Interaktives Bild). Anders als das traditionelle Tafelbild ermöglichen derartige Bilder eine spezifische Handhabbarkeit (vgl. [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 152).

Das durch die drei genannten Arten dynamischer Bilder ermöglichte Bildhandeln beschreibt Seja mittels des Freud’schen Terminus der ‘Probehandlung’ ([Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 156ff.). Damit bezeichnet sie „Handlungen […], die keine Auswirkungen in der aktuellen Wirklichkeit haben […]“ ([Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 157), sondern nur ‘Quasi-Folgen’. Noch nicht entschieden ist die Frage, ob Simulationen und ähnliche Probehandlungen als Zeichenhandlungen oder als symbolfreie Handlungen zu beschreiben sind (vgl. dazu [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
: S. 182ff.; dort auch weitere Literaturangaben).


Verhältnis zu anderen bildtheoretischen Begriffen

Die verschiedenen Bestimmungen und Arten von Bildhandeln beleuchten (zum Teil) sehr unterschiedliche Aspekte von Bildern und des Umgangs mit ihnen. Dementsprechend verweisen die skizzierten Ansätze auf unterschiedliche Diskussionen innerhalb der Bildwissenschaft (siehe die Links unten).

Anmerkungen
  1. ↑ Zu Novitz’ Erörterung der Ähnlichkeitstheorie zur Bestimmung des Bezugs eines Bildes vgl. [Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
    : S. 10ff.
  2. ↑ Austins und Searles perlokutionärer Akt (im Sinne nicht-konventionalisierter Wirkungen eines Bildes) findet im Rahmen der Bildtheorien Novitz’ und Kjørups keine nennenswerte Berücksichtigung, zumal die von Austin und Searle angenommenen Kriterien zur Unterscheidung von Illokution und Perlokution nicht ohne Weiteres auf Bilder übertragbar sind.
  3. ↑ Zu den Problemen intentionalistischer Ansätze vgl. [Black 1972a]Black, Max (1972): How do Pictures Represent?. In: Gombrich, E.H.; Hochberg, J. & Black, M. (Hg.), Art, Perception, and Reality. John Hopkins University Press, Baltimore/London.
    : S. 112 und [Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
    Nicht angezeigt: 2., vollständig überarbeitete Aufl.
    : S. 141ff.
Literatur
[Black 1972a]Black, Max (1972): How do Pictures Represent?. In: Gombrich, E.H.; Hochberg, J. & Black, M. (Hg.), Art, Perception, and Reality. John Hopkins University Press, Baltimore/London.[Boehm 2001a]Boehm, Gottfried (Hg.) (2001): Homo Pictor. Saur, München, Leipzig.[Bryson 2001a]Bryson, Norman (2001): Das Sehen und die Malerei. Fink, München.[Davidson 2004a]Davidson, Donald (2004): Drei Spielarten des Wissens. In: Davidson, D. (Hg.), Subjektiv, intersubjektiv, objektiv. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Doelker 2001a]Doelker, Christian (2001): Ein Funktionenmodell für Bildtexte. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildhandeln. Scriptum, Magdeburg.[Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Kjørup 1978a]Kjørup, Søren (1978): Pictorial Speech Acts. Erkenntnis, 12, 1.[Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.[Steinbrenner 2009a]Steinbrenner, Jakob (2009): Bildtheorien der analytischen Tradition. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.[Walton 1973a]Walton, Kendall L. (1973): Pictures as Make-Believe. The Philosophical Review, 82, 3.[Walton 1990a]Walton, Kendall L. (1990): Mimesis as Make-Believe: On the Foundations of the Representational Arts. Harvard Univ. Press, Cambridge, Mass. [u.a.].[Wiesing 2004a]Wiesing, Lambert (2004): Pragmatismus und Performativität des Bildes. In: Krämer, S. (Hg.), Performativität und Medialität. Fink, München.

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