Gestalt: Unterschied zwischen den Versionen
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==Historische Wurzeln und Entstehung der Gestaltpsychologie== | |||
Der Begriff “Gestalt” wurde von Christian von Ehrenfels, einem Schüler von Franz Brentano, geprägt <bib id='Ehrenfels 1890a'></bib>. Brentano hatte die Wichtigkeit der direkten Erfahrung betont, da er die Aufgabe der Psychologie (als empirischer Wissenschaft) in der Beschreibung derjenigen Phänomene sah, die man direkt durch innere [[Affekt und Wahrnehmung|Wahrnehmung]] erlebt. Ehrenfels nannte diese Art Psychologie “deskriptive Psychologie” manchmal auch “Phänomenologie” und setzte sie in Gegensatz zur genetischen Psychologie, die psychologische Phänomene aus der Perspektive der dritten Person untersucht. Ehrenfels formulierte seine einflussreichste Idee im Rahmen des Problems der komplexen Wahrnehmung. Die atomistische Psychologie des 19. Jahrhunderts hatte die Möglichkeit einer Addition von einfachen Wahrnehmungen vorausgesetzt. Ernst Mach teilte diesen Standpunkt und behauptete, dass nur die einfachen Elemente unserer Empfindungen real seien, allerdings erkannte er das Problem der komplexen Wahrnehmung an. Nach Ehrenfels hingegen können wir die Wahrnehmung von komplexen Formen, Melodien etc. nur verstehen, wenn wir von einer einfachen und unmitellbar zusammengesetzten Wahrnehmung ausgehen; und das beinhaltet die Aufgabe der atomistischen Sichtweise. | Der Begriff “Gestalt” wurde von Christian von Ehrenfels, einem Schüler von Franz Brentano, geprägt <bib id='Ehrenfels 1890a'></bib>. Brentano hatte die Wichtigkeit der direkten Erfahrung betont, da er die Aufgabe der Psychologie (als empirischer Wissenschaft) in der Beschreibung derjenigen Phänomene sah, die man direkt durch innere [[Affekt und Wahrnehmung|Wahrnehmung]] erlebt. Ehrenfels nannte diese Art Psychologie “deskriptive Psychologie” manchmal auch “Phänomenologie” und setzte sie in Gegensatz zur genetischen Psychologie, die psychologische Phänomene aus der Perspektive der dritten Person untersucht. Ehrenfels formulierte seine einflussreichste Idee im Rahmen des Problems der komplexen Wahrnehmung. Die atomistische Psychologie des 19. Jahrhunderts hatte die Möglichkeit einer Addition von einfachen Wahrnehmungen vorausgesetzt. Ernst Mach teilte diesen Standpunkt und behauptete, dass nur die einfachen Elemente unserer Empfindungen real seien, allerdings erkannte er das Problem der komplexen Wahrnehmung an. Nach Ehrenfels hingegen können wir die Wahrnehmung von komplexen Formen, Melodien etc. nur verstehen, wenn wir von einer einfachen und unmitellbar zusammengesetzten Wahrnehmung ausgehen; und das beinhaltet die Aufgabe der atomistischen Sichtweise. | ||
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==Der Begriff der Gestalt== | |||
Das deutsche “Gestalt” entspricht dem englischen “form” oder “shape”. Auf einen Vorschlag von E. B. Tichener hat Harry Helson "configuration" als englische Übersetzung empfohlen. Der Ausdruck leitet sich metaphorisch vom germanischen “stalla” (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das englische “stall”. Die normale Bedeutung von “Gestalt” ist ‘external or visible form’. Der Ausdruck bezeichnet sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. <bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14). “[A] spatial shape or Gestalt is perceived – or, as Ehrenfels and his fellow Brentanians would say, is ‘given in visual presentation’ – on the basis of a complex of sensations of individual elements having ‘distinct spatial determinations’.” (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14.) Wir machen häufig die Erfahrung, dass wir wahrnehmen, dass Dinge dieselbe Gestalt besitzen, obwohl sie an sich sonst nichts gemein haben. “According to the later Berlin conception, in contrast, a collection of data (or any other psychological formation) does not have a Gestalt: it is a Gestalt, a whole whose parts are themselves determined as being such that they can exist only as parts of a whole of this given kind”. (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 13) | Das deutsche “Gestalt” entspricht dem englischen “form” oder “shape”. Auf einen Vorschlag von E. B. Tichener hat Harry Helson "configuration" als englische Übersetzung empfohlen. Der Ausdruck leitet sich metaphorisch vom germanischen “stalla” (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das englische “stall”. Die normale Bedeutung von “Gestalt” ist ‘external or visible form’. Der Ausdruck bezeichnet sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. <bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14). “[A] spatial shape or Gestalt is perceived – or, as Ehrenfels and his fellow Brentanians would say, is ‘given in visual presentation’ – on the basis of a complex of sensations of individual elements having ‘distinct spatial determinations’.” (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14.) Wir machen häufig die Erfahrung, dass wir wahrnehmen, dass Dinge dieselbe Gestalt besitzen, obwohl sie an sich sonst nichts gemein haben. “According to the later Berlin conception, in contrast, a collection of data (or any other psychological formation) does not have a Gestalt: it is a Gestalt, a whole whose parts are themselves determined as being such that they can exist only as parts of a whole of this given kind”. (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 13) | ||
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Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phänomens begreifen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facetten, von denen je nach Perspektive unterschiedliche in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusammenfasst: “The word Gestalt has been used in a variety of ways by members of the movement. Usually there is an agreement in intension but the concept is variously applied in extension. On the phenomenological side we find several different meanings along the following order. The configuration may refer to any given totality described in terms of its meaning. Or the configuration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essential designation may be the manner of combination of a group of units into a whole: four dots may be perceived as a square, as lines in various positions, or as a tilted cross. Often the configuration may include factors at present unknown. Psychologically a configuration consists of the afferent, central and efferent portions of the nervous system functioning as a unit: there are no isolated paths, no single point-excitation connected by strands; the form of excitation and its spread are here of importance. From the point of view of behaviour a configurational response may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation confronting the organism.” (<bib id='Helson 1925a'></bib>: S. 364) | Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phänomens begreifen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facetten, von denen je nach Perspektive unterschiedliche in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusammenfasst: “The word Gestalt has been used in a variety of ways by members of the movement. Usually there is an agreement in intension but the concept is variously applied in extension. On the phenomenological side we find several different meanings along the following order. The configuration may refer to any given totality described in terms of its meaning. Or the configuration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essential designation may be the manner of combination of a group of units into a whole: four dots may be perceived as a square, as lines in various positions, or as a tilted cross. Often the configuration may include factors at present unknown. Psychologically a configuration consists of the afferent, central and efferent portions of the nervous system functioning as a unit: there are no isolated paths, no single point-excitation connected by strands; the form of excitation and its spread are here of importance. From the point of view of behaviour a configurational response may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation confronting the organism.” (<bib id='Helson 1925a'></bib>: S. 364) | ||
==Arbeitsgebiete der Gestaltpsychologie== | |||
Die Experimente und Untersuchungen der Gestaltpsychologen ebneten den Weg für eine Vielzahl von neuen Disziplinen und Einsichten. | Die Experimente und Untersuchungen der Gestaltpsychologen ebneten den Weg für eine Vielzahl von neuen Disziplinen und Einsichten. | ||
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Die Bewegung der Gestaltpsychologie hatte weitreichenden Einfluss. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Wir finden ihre zentralen Ideen in den Überlegungen zum "impliziten Wissen" von Michel Polanyi wieder, in der Theorie des [[Film|Films]] und den Untersuchungen zur Wahrnehmungspsychologie von Rudolf Arnheim (<bib id='Arnheim 1932a'></bib>) und Merleau-Ponty (<bib id='Merleau-Ponty 1966a'></bib>, <bib id='Merleau-Ponty 2006a'></bib>), im Gebiet der Linguistik, nämlich in John Lakoffs Konzept der "Kategorisierung" (<bib id='Lakoff 1987a'></bib>) sowie in der Theorie der konzeptuellen [[Visuelle und multimodale Metaphern|Metapher]] von Mark Johnson (<bib id='Lakoff & Johnson 1980a'></bib>). | Die Bewegung der Gestaltpsychologie hatte weitreichenden Einfluss. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Wir finden ihre zentralen Ideen in den Überlegungen zum "impliziten Wissen" von Michel Polanyi wieder, in der Theorie des [[Film|Films]] und den Untersuchungen zur Wahrnehmungspsychologie von Rudolf Arnheim (<bib id='Arnheim 1932a'></bib>) und Merleau-Ponty (<bib id='Merleau-Ponty 1966a'></bib>, <bib id='Merleau-Ponty 2006a'></bib>), im Gebiet der Linguistik, nämlich in John Lakoffs Konzept der "Kategorisierung" (<bib id='Lakoff 1987a'></bib>) sowie in der Theorie der konzeptuellen [[Visuelle und multimodale Metaphern|Metapher]] von Mark Johnson (<bib id='Lakoff & Johnson 1980a'></bib>). | ||
==Prinzipien und Gestaltgesetze der visuellen Wahrnehmung== | |||
Was die visuelle Wahrnehmung betrifft, so hat die Gestaltpsychologie einige Schlüsseleigenschaften herausgearbeitet. Diese Gestaltgesetze oder Prinzipien sind wichtige Leitlinien für die visuellen Künste und für das Design. Je nach Akzentsetzung und Entstehungszeit sind diese Prinzipien jeweils etwas anders formuliert worden. | Was die visuelle Wahrnehmung betrifft, so hat die Gestaltpsychologie einige Schlüsseleigenschaften herausgearbeitet. Diese Gestaltgesetze oder Prinzipien sind wichtige Leitlinien für die visuellen Künste und für das Design. Je nach Akzentsetzung und Entstehungszeit sind diese Prinzipien jeweils etwas anders formuliert worden. | ||
Version vom 22. Dezember 2012, 13:57 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
Glossar-English:Gestalt[1]
Historische Wurzeln und Entstehung der GestaltpsychologieDer Begriff “Gestalt” wurde von Christian von Ehrenfels, einem Schüler von Franz Brentano, geprägt [Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14. Die Gestaltpsychologie entwickelte ihre grundsätzlichen Ideen vor dem Hintergrund zweier rivalisierender Schulen: dem Strukturalismus und dem Behaviorismus. Um dem Phänomen der Kognition näherzukommen – so der Grundgedanke der Gestaltpsychologie – soll sich die Untersuchung weder allein auf die geistig-mentalen Aspekte (wie im Strukturalismus) noch ausschließlich allein auf die Verhaltensaspekte wie im Behaviorismus beziehen, sondern stets auf die Ganzheit des bewussten Erlebens. Sie besteht aus mentalen und physikalischen Aspekten, und dementsprechend beziehen sich bewusste Erfahrung und zerebrale Prozesse aufeinander. Diese Voraussetzungen bedeuten methodologisch, dass gestaltpsychologische Untersuchungen ihren Ausgangspunkt nicht allein oder primär bei der Erfassung und Analyse von Sinnesdaten nehmen können, sondern versuchen müssen, die gegebenen Phänomene in ihrer Ganzheit und Komplexität zu berücksichtigen. Bei Wahrnehmungsexperimenten bemühen sich Gestaltpsychologen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Personen, die am Experiment teilnehmen, sich in einer natürlichen, alltäglichen Umgebung befinden. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, spricht man in der Gestaltpsychologie vom "biotischen Experiment". Die Psychologen der sogenannten Berliner Schule, Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtigsten Vertreter der Gestaltpsychologie betrachtet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppierungen, wobei die Eigenschaften von Stimuli uns zwingen, unsere jeweiligen (z.B. visuellen) Wahrnehmungen von vornherein in bestimmter Weise anzuordnen. 1912 entdeckte Wertheimer das sogenannte Phi-Phänomen. Nachdem Wertheimer das Phänomen der von einem Pol zu einem anderem springenden Lichter auf einem Eisenbahnzug bemerkt hatte, führte er weitere Versuche durch. Sie belegten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimmten Geschwindigkeit aufleuchten, ein einzelnes Licht wahrnehmen, das sich hin und her bewegt. Diese optische Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Informationen erfinden, die nicht existieren, wenn wir Bewegung wahrnehmen. Wertheimer entwickelte die Grundgesetze der Organisation der visuellen Information wie z.B. die Gesetze der Nähe, der Ähnlichkeit, der Geschlossenheit und der Einfachheit.
Der Begriff der GestaltDas deutsche “Gestalt” entspricht dem englischen “form” oder “shape”. Auf einen Vorschlag von E. B. Tichener hat Harry Helson "configuration" als englische Übersetzung empfohlen. Der Ausdruck leitet sich metaphorisch vom germanischen “stalla” (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das englische “stall”. Die normale Bedeutung von “Gestalt” ist ‘external or visible form’. Der Ausdruck bezeichnet sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. [Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phänomens begreifen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facetten, von denen je nach Perspektive unterschiedliche in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusammenfasst: “The word Gestalt has been used in a variety of ways by members of the movement. Usually there is an agreement in intension but the concept is variously applied in extension. On the phenomenological side we find several different meanings along the following order. The configuration may refer to any given totality described in terms of its meaning. Or the configuration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essential designation may be the manner of combination of a group of units into a whole: four dots may be perceived as a square, as lines in various positions, or as a tilted cross. Often the configuration may include factors at present unknown. Psychologically a configuration consists of the afferent, central and efferent portions of the nervous system functioning as a unit: there are no isolated paths, no single point-excitation connected by strands; the form of excitation and its spread are here of importance. From the point of view of behaviour a configurational response may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation confronting the organism.” ([Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.
Arbeitsgebiete der GestaltpsychologieDie Experimente und Untersuchungen der Gestaltpsychologen ebneten den Weg für eine Vielzahl von neuen Disziplinen und Einsichten. Der späte Wertheimer setzte sich mit Fragen des Problemlösens auseinander und betonte, dass die Lösung erst mit dem Verstehen des Problemganzen einsetzt und dass erst nachträglich Einzelheiten in Betracht gezogen werden. Demnach beruht Lernen auf der übergreifenden Struktur des jeweiligen Problems. Auch Köhler konzentrierte seine Untersuchungen auf das Lernen und die Problemlösung. Er führte Versuche mit Tieren (Affen und Hühnern) durch, die einige Belege dafür lieferten, dass auch Tiere zum verstehenden Lernen befähigt sind, dass auch sie "Gestalten" lernen können. Koffka hat den Begriff Gedächtnisspur für die Einrichtung der Gedächtnisfunktion in den Rahmen der Gestaltpsychologie eingebracht: Wenn eine Erfahrung gemacht worden ist, bleibt ihr Effekt als eine Spur im Gehirn. Diese Spur beeinflusst zukünftige Erfahrungen. Der Prozess einer in reiner Form ausgelösten Erfahrung geschieht nur einmal. Danach interagiert jede neue Erfahrung mit einer früheren Spur. Ein Spursystem baut sich auf. Kurt Zadek Lewin versuchte auf der Grundlage der Gestaltprinzipien eine Theorie der Motivation in Übereinstimmung mit der Feldtheorie der Physik zu entwickeln. Der Theorie zufolge gehören Verhältnisse und kognitive Prozesse zu einem Feld, in dem sich jedes Element auf die anderen Elemente auswirkt. Wir können solche Felder auf vielen verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Bereichen beobachten: Die von einem Individuum wahrgenommene Umwelt wäre ebenso als ein solches Feld zu analysieren wie auch (auf einer anderen Ebene) eine ganze Gesellschaft. In Bezug auf diese letzte Kategorie wird Lewin als Begründer der Sozialpsychologie angesehen. Die Bewegung der Gestaltpsychologie hatte weitreichenden Einfluss. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Wir finden ihre zentralen Ideen in den Überlegungen zum "impliziten Wissen" von Michel Polanyi wieder, in der Theorie des Films und den Untersuchungen zur Wahrnehmungspsychologie von Rudolf Arnheim ([Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Prinzipien und Gestaltgesetze der visuellen WahrnehmungWas die visuelle Wahrnehmung betrifft, so hat die Gestaltpsychologie einige Schlüsseleigenschaften herausgearbeitet. Diese Gestaltgesetze oder Prinzipien sind wichtige Leitlinien für die visuellen Künste und für das Design. Je nach Akzentsetzung und Entstehungszeit sind diese Prinzipien jeweils etwas anders formuliert worden. Zu den wichtigsten Prinzipien gehört zunächst das der Emergenz. Der Begriff verweist darauf, dass ein Gegenstand in unserer Umwelt von uns sofort als eine Ganzheit wahrgenommen wird. Das Erkennen eines Hundes geschieht nicht durch das aufeinanderfolgende Erkennen seiner einzelnen Bestandteile, sondern durch das Erkennen bestimmter Muster. Der generative Aspekt der Wahrnehmung ist die Reifikation. Dies bedeutet, dass die durch unsere Erfahrung bereits "vorgemusterte” Wahrnehmung visueller Artefakte uns mehr räumliche Informationen liefert als der bloße sinnliche Reiz. Wir erkennen bestimmte Formen bzw. Figuren ("Gestalten"), obwohl diese keine echten Konturen besitzen, wie etwa das Beispiel von Kaniszas Dreieck (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt. [1] Ein weiteres Prinzip ist die Multistabilität der Wahrnehmung. Es bezieht sich auf kognitive Prozesse, die in zweideutigen Wahrnehmungssituationen ablaufen: Im Fall der bekannten Kopf/Vase-Täuschung Edgar Rubins ([Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.), oszillieren die Figur (die substantielle Erscheinung des Gegenstandes) und der Grund (das allgemeine Umfeld des Gegenstandes) gemäß der jeweiligen Interpretation. ![]()
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Anmerkungen
Literatur
[Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14.[Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind. Chicago University Press, Chicago.[Merleau-Ponty 1966a]Merleau-Ponty, Maurice (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). Walter de Gruyter, Berlin.[Merleau-Ponty 2006a]Merleau-Ponty, Maurice (2006): Das Kino und die neue Psychologie (1947). In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Mentis, Paderborn.[Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.[Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |
