Morphologie und Syntax: Unterschied zwischen den Versionen
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Da die Idee der Grammatik in Form der generativen Syntax<ref>vgl.hierzu | Da die Idee der Grammatik in Form der generativen Syntax<ref>vgl.hierzu wikipedia.</ref> im Bereich der Sprache sehr fruchtbar gewirkt hat, ist verschiedentlich vorgeschlagen worden, analog die Bildsyntax mithilfe einer [[Bildgrammatik]] zu studieren (<bib id='??1'></bib>, <bib id='??2'></bib>). Allerdings blieb diesen Ansätzen wenig Erfolg beschieden, denn die kompositionale Syntax interessiert sich vor allem für syntaktisch korrekte Kompositionen von Wörtern – als den elementaren Sprachzeichen – zu Sätzen – als den komplexen Sprachzeichen. Ein überzeugendes piktoriales Analogon zu Wörtern derart, dass Bilder als daraus gebildete “Sätze” zu verstehen wären, ist bislang nicht vorgeschlagen worden. Mit der Morphologie ist allerdings ein weiterer Bereich der syntaktischen Studien von Sprache gegeben, der Wörter selbst als komplexe Gebilde untersucht:<ref>Obwohl die Bezeichnung ‘Morphologie’ bereits 1859 von August Schleicher (unter dem Einfluss von Goethes morphologischer Theorie des Pflanzenwachstums) in die Sprachforschung eingeführt worden ist, wurde eine spezifisch morphologische Untersuchung von Wörtern – im Gegensatz zu den syntakto-grammatischen Studien über den Satzbau und unabhängig von der Phonologie – erst ab den 1970'er Jahren vorangetrieben; <bib id='Schleicher'></bib>, vgl. auch [Wikipedia]</ref> Wie sollte die innere Struktur von Wörtern und das Verhältnis verschiedener grammatischer Formen eines Wortes bzw. die Relationen zwischen verwandten Wörtern sinnvoll beschrieben werden? Auch hierbei wird in der Regel von einem generativen Ansatz ausgegangen, der sich allerdings deutlich von den grammatischen Satzstrukturen unterscheidet. Das liegt unter anderm daran, dass die morphologische Analyse nicht auf die Unterscheidung zwischen Satz und Wort angewiesen ist. Anders gesagt: Während die grammatische Kompositionalität nur für [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|wort/satzsprachlich organisierte Zeichensysteme]] Sinn macht, können morphologische Betrachtungen allgemeiner für beliebige Zeichensysteme mit komplexen Zeichen durchgeführt werden: In der Wortstruktur von wort/satzsprachlich organisierten Zeichensystemen spiegelt sich eine ältere Form der semiotischen Komposition strukturierter Zeichenträger. | ||
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Bildphilosophisch schließt sich daher die Frage an, ob die morphologische Perspektive besser geeignet ist als die grammatische, um bildsyntaktische Zusammenhänge zu erfassen. | |||
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In morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmenten zusammengesetzt verstanden, die zur Bedeutung oder grammatischen Funktion des Wortes beitragen und ‘Morpheme’ genannt werden.<ref>Der Ausdruck “Morphem” ist um 1881 von B. de Courtenay vorgeschlagen und von L. Bloomfield weiter ausgearbeitet worden; <bib id='Bloomfield | In morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmenten zusammengesetzt verstanden, die zur Bedeutung oder grammatischen Funktion des Wortes beitragen und ‘Morpheme’ genannt werden.<ref>Der Ausdruck “Morphem” ist um 1881 von B. de Courtenay vorgeschlagen und von L. Bloomfield weiter ausgearbeitet worden; <bib id='de Courtenay'></bib>, <bib id='Bloomfield'></bib>.</ref> Die Nachsilbe ‘-ed’ im Englischen etwa, die Vorsilbe ‘pré-’ im Französischen oder der Stamm ‘-wend-’ im Deutschen sind typische Beispiele von Morphemen. Morphologische Elemente werden vor allem durch die Regel des gegenseitigen Austausches identifiziert und zu Klassen zusammengestellt: Beispielsweise können einige französische Wörter, die mit ‘pré-’ beginnen, in andere französische Wörter transformiert werden, indem jeweils die Vorsilbe durch ‘re-’, ‘con-’, ‘de-’ etc. ersetzt wird. | ||
Morpheme bestehen nicht notwenig aus einer ganz bestimmten Laut- bzw. Buchstabenfolge. So kann etwa im englischen das denPlural eines Substantivs anzeigende Morphem in zwei Varianten, den sogenannten Allomorphen, erscheinen ‘s’ oder ‘es’.<ref>Phonetisch ergeben sich je nach betrachtetem Substantiv sogar noch mehr Allomorphe, da ‘s’ bzw. ‘es’ z.B. stimmhaft oder stimmlos ausgesprochen werden können.</ref> Morpheme müssen auch nicht unbedingt eine eigene Bedeutung haben (und die meisten Morpheme haben auch keine). Morpheme, die zugleich Wörter sind und daher eine eigene Bedeutung tragen, werden ''freie'' Morpheme oder ''Lexeme'' genannt; die anderen heißen ''gebunden''. Die semantische oder grammatische Funktion eines Morphems kann zudem vieldeutig sein und sich in verschiedenen Kompositionen unterscheiden (etwa das Morphem ‘(e)s’ als Flexionsnachsilbe oder als Pluralnachsilbe im Englischen). Es sind vor allem die Stamm-Morpheme, die eine Kernbedeutung vermitteln, welche durch morphologische Operationen modifiziert werden kann. | |||
Morphologische Operationen spielen eine zentrale Rolle bei der Neubildung von Wörtern. Allgemein können sie differenziert werden in ''interne'' Modifikationen, bei denen im Wesentlichen Vokalwechsel erfolgen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und ''externe'' Modifikationen durch Anhängen sogenannter Affixe – damit werden neben Vor- und Nachsilben (d.h. Prä- und Postfixe) auch Circumfixe (gleichzeitige Verwendung von Vor- und Nachsilben) und Infixe (Einfügen einer Zwischensilbe) zusammengefasst – oder durch Komposita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele spontane Wortneubildungen verantwortlich ist (z.B. | Morphologische Operationen spielen eine zentrale Rolle bei der Neubildung von Wörtern. Allgemein können sie differenziert werden in ''interne'' Modifikationen, bei denen im Wesentlichen Vokalwechsel erfolgen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und ''externe'' Modifikationen durch Anhängen sogenannter Affixe – damit werden neben Vor- und Nachsilben (d.h. Prä- und Postfixe) auch Circumfixe (gleichzeitige Verwendung von Vor- und Nachsilben) und Infixe (Einfügen einer Zwischensilbe) zusammengefasst – oder durch Komposita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele spontane Wortneubildungen verantwortlich ist (z.B. ‘Bankenschutzschirm’). Während interne Modifikationen gewissermaßen die “Farbe” eines Wortes austauschen, verändern externe Modifikationen seine Gestalt und Größe. | ||
Am besten versteht man Morpheme als Träger ungesättigter Teilzeichenhandlungen ohne unabhängige pragmatische Funktion,<ref>Dies Einschränkung unterscheidet sie etwa von [[Prädikation]] und [[Nomination]], die ebenfalls ungesättigte Teilzeichenhandlungen sind, aber jeweils sehr spezifische pragmatische Funktionen tragen.</ref> die auf mehr oder weniger spezifische Weise die Bedeutung oder grammatische Funktion des Wortganzen beeinflussen. | Am besten versteht man Morpheme als Träger ungesättigter Teilzeichenhandlungen ohne unabhängige pragmatische Funktion,<ref>Dies Einschränkung unterscheidet sie etwa von [[Prädikation]] und [[Nomination]], die ebenfalls ungesättigte Teilzeichenhandlungen sind, aber jeweils sehr spezifische pragmatische Funktionen tragen.</ref> die auf mehr oder weniger spezifische Weise die Bedeutung oder grammatische Funktion des Wortganzen beeinflussen. | ||
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Formale | Formale Satzbildungsgrammatik und wortbildende morphologische Zusammenhänge sind zwei polare Organisationsprinzipien, zwischen denen sich die verschiedenen Sprachen auf einer Skala einordnen lassen. Stellt man die mittlere Anzahl von Morphemen, die in einer Sprache (oder allgemeiner einem wortsprachlichen Zeichensystem) verwendet werden, der hauptsächlichen Art des grammatischen Satzbaus gegenüber, so ordnen sich die natürlichen Sprachen im Wesentlichen entlang einer Diagonalen:<ref>Diese Beobachtung geht auf W. v. Humbold und A. W. v. Schlegel zurück. Vgl. auch [WIKIPEDIA].</ref> | ||
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Sprachen, bei denen grammatische Satzstrukturen den Aufbau dominieren, werden ''fusionierende'' Sprachen genannt. Verzichtet eine Sprache fast gänzlich auf grammatische Satzbildungsregeln und stützt sich vor allem auf morphologische Wortbildungsregeln, so spricht man von ''agglutinierenden'' Sprachen. Die meisten Sprachen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen. Andererseits werden Sprachen, deren Wörter im Mittel aus vielen Morphemen bestehen, als ''polysynthetisch'' bezeichnet, während Sprachen, bei denen Wörter aus sehr wenigen Morphemen, oft nur einem einzigen Lexem gebildet sind, ''isolierend'' heißen. ''Synthetische'' Sprachen nehmen dabei eine Mittelstellung ein. Wie in der Tabelle angedeutet, sind die menschlichen Sprache im Wesentlichen entlang der Diagonale zwischen analytisch-isolierenden Systemen und polysynthetisch-fusionierenden angeordnet. Vergleicht man etwa Deutsch mit Englisch, so befinden sich zwar beide eher im Mittelfeld, doch basiert Englisch auf kürzeren Wörtern (eher isolierend), die in einer eher festen Satzstellung gebraucht werden, während das Deutsche stärker zu Kompositabildungen neigt, in deutlich höherem Masse auf Wortflexionen angewiesen ist (eher fusionierend) zugleich aber eine weitaus freiere Wortstellung erlaubt. | |||
In extrem analytisch-isolierenden Sprachen, wie etwa Chinesisch, werden Wörter, die aus nur sehr wenigen Morphemen bestehen, niemals morphologisch verändert. Alle grammatischen Relationen werden durch spezielle Wörter ausgedrückt<ref>Dazu zählen z.B. das Anhängen des Wortes ‘men’ zur Pluralbildung, Wortverdopplung als Steigerungsform, Verwendung von Fragepartikeln oder Vergangenheitspartikeln.</ref> oder durch die Position des Wortes im Satz bestimmt (etwa S-P-O). Sätze sind direkte Gruppierungen von Wörtern, wobei für gewöhnlich eine recht strikte Reihenfolge einzuhalten ist. Eine extrem polysynthetisch-agglutinierenden Sprache würde im Gegensatz dazu nur aus Einwort-Sätzen bestehen, wobei die Wörter allerdings meist auf ausgesprochen viele Morpheme zurückgehen, die miteinander verschmolzen sind, um die vollständige Bedeutung entsprechend zu modifizieren. Viele Sprachen der amerikanischen Ureinwohner, wie etwa Náhuatl, nähern sich diesem Extrem stark an. | |||
Beispielsweise kann die morphologische Struktur des Einwort-Satzes | Beispielsweise kann die morphologische Struktur des Einwort-Satzes ‘matgībulhahumš’ im ägyptischen Arabisch<ref>Sprachforscher geben an, dass die ägyptische Version im Gegensatz zum Hocharabischen eine starke Tendenz zum Polysynthetismus aufweist: <bib id=''></bib>.</ref> wörtlich ungefähr übersetzt werden zu ‹nicht -Ihr-solltet-bringen-ihr-sie-Ding› (d.h.: ‘Ihr solltet sie nicht zu ihr bringen’). Das Wort besteht aus den beiden Circumflexen ‘''ma...š''’ (‹nicht … Ding›, Negation) und ‘''t(i)...u''’ (Marker für Imperfekt der zweiten Person Plural im jussiven Modus: etwa ‹Ihr solltet tun›), den beiden Morphemen ‘''l(ī)ha''’ (Dativ der dritten Person Singular feminin: ‹ihr›), ‘''hum''’ (Akkusativ der dritte Person Plural ‹sie›), sowie, als Stamm, ein intern modifiziertes Lexem ‘''gīb''’, das die imperfektive Form von ‘''gāb''’ darstellt und im Deutschen dem Stamm von ‘bringen’ entspricht: | ||
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Offensichtlich sind die geometrischen Elemente eines Bildträgers und ihre relative Anordnung entscheidend für Bedeutung und pragmatische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umrissene eigene Bedeutung unabhängig vom Bildganzen zugeordnet werden könnte. Ein kleiner orangerot ausgefüllter Kreis kann – unter anderem – als Nase eines Schneemanns dienen oder als untergehende Sonne. Flächig zusammengeschmolzen bilden diese Elemente eine in sich abgeschlossene morphologische Einheit, die eine deutliche Analogie zu den Ein-Wort-Sätzen einer polysynthetischen Sprache aufweist. Diese Idee wird im Artikel ⊳ [[Bildmorphologie]] näher betrachtet. | Offensichtlich sind die geometrischen Elemente eines Bildträgers und ihre relative Anordnung entscheidend für Bedeutung und pragmatische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umrissene eigene Bedeutung unabhängig vom Bildganzen zugeordnet werden könnte. Ein kleiner orangerot ausgefüllter Kreis kann – unter anderem – als Nase eines Schneemanns dienen oder als untergehende Sonne. Flächig zusammengeschmolzen bilden diese Elemente eine in sich abgeschlossene morphologische Einheit, die eine deutliche Analogie zu den Ein-Wort-Sätzen einer polysynthetischen Sprache aufweist. Diese Idee wird im Artikel ⊳ [[Bildmorphologie]] näher betrachtet. | ||
Version vom 21. Februar 2013, 17:09 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
Grammatik versus MorphologieDa die Idee der Grammatik in Form der generativen Syntax[1] im Bereich der Sprache sehr fruchtbar gewirkt hat, ist verschiedentlich vorgeschlagen worden, analog die Bildsyntax mithilfe einer Bildgrammatik zu studieren ([??1]Der Eintrag existiert noch nicht., [??2]Der Eintrag existiert noch nicht.). Allerdings blieb diesen Ansätzen wenig Erfolg beschieden, denn die kompositionale Syntax interessiert sich vor allem für syntaktisch korrekte Kompositionen von Wörtern – als den elementaren Sprachzeichen – zu Sätzen – als den komplexen Sprachzeichen. Ein überzeugendes piktoriales Analogon zu Wörtern derart, dass Bilder als daraus gebildete “Sätze” zu verstehen wären, ist bislang nicht vorgeschlagen worden. Mit der Morphologie ist allerdings ein weiterer Bereich der syntaktischen Studien von Sprache gegeben, der Wörter selbst als komplexe Gebilde untersucht:[2] Wie sollte die innere Struktur von Wörtern und das Verhältnis verschiedener grammatischer Formen eines Wortes bzw. die Relationen zwischen verwandten Wörtern sinnvoll beschrieben werden? Auch hierbei wird in der Regel von einem generativen Ansatz ausgegangen, der sich allerdings deutlich von den grammatischen Satzstrukturen unterscheidet. Das liegt unter anderm daran, dass die morphologische Analyse nicht auf die Unterscheidung zwischen Satz und Wort angewiesen ist. Anders gesagt: Während die grammatische Kompositionalität nur für wort/satzsprachlich organisierte Zeichensysteme Sinn macht, können morphologische Betrachtungen allgemeiner für beliebige Zeichensysteme mit komplexen Zeichen durchgeführt werden: In der Wortstruktur von wort/satzsprachlich organisierten Zeichensystemen spiegelt sich eine ältere Form der semiotischen Komposition strukturierter Zeichenträger. Bildphilosophisch schließt sich daher die Frage an, ob die morphologische Perspektive besser geeignet ist als die grammatische, um bildsyntaktische Zusammenhänge zu erfassen.
Morpheme und morphologische OperatorenIn morphologischen Analysen wird ein Wort als aus Segmenten zusammengesetzt verstanden, die zur Bedeutung oder grammatischen Funktion des Wortes beitragen und ‘Morpheme’ genannt werden.[3] Die Nachsilbe ‘-ed’ im Englischen etwa, die Vorsilbe ‘pré-’ im Französischen oder der Stamm ‘-wend-’ im Deutschen sind typische Beispiele von Morphemen. Morphologische Elemente werden vor allem durch die Regel des gegenseitigen Austausches identifiziert und zu Klassen zusammengestellt: Beispielsweise können einige französische Wörter, die mit ‘pré-’ beginnen, in andere französische Wörter transformiert werden, indem jeweils die Vorsilbe durch ‘re-’, ‘con-’, ‘de-’ etc. ersetzt wird. Morpheme bestehen nicht notwenig aus einer ganz bestimmten Laut- bzw. Buchstabenfolge. So kann etwa im englischen das denPlural eines Substantivs anzeigende Morphem in zwei Varianten, den sogenannten Allomorphen, erscheinen ‘s’ oder ‘es’.[4] Morpheme müssen auch nicht unbedingt eine eigene Bedeutung haben (und die meisten Morpheme haben auch keine). Morpheme, die zugleich Wörter sind und daher eine eigene Bedeutung tragen, werden freie Morpheme oder Lexeme genannt; die anderen heißen gebunden. Die semantische oder grammatische Funktion eines Morphems kann zudem vieldeutig sein und sich in verschiedenen Kompositionen unterscheiden (etwa das Morphem ‘(e)s’ als Flexionsnachsilbe oder als Pluralnachsilbe im Englischen). Es sind vor allem die Stamm-Morpheme, die eine Kernbedeutung vermitteln, welche durch morphologische Operationen modifiziert werden kann. Morphologische Operationen spielen eine zentrale Rolle bei der Neubildung von Wörtern. Allgemein können sie differenziert werden in interne Modifikationen, bei denen im Wesentlichen Vokalwechsel erfolgen (etwa engl. ‘come’ zu ‘came’), und externe Modifikationen durch Anhängen sogenannter Affixe – damit werden neben Vor- und Nachsilben (d.h. Prä- und Postfixe) auch Circumfixe (gleichzeitige Verwendung von Vor- und Nachsilben) und Infixe (Einfügen einer Zwischensilbe) zusammengefasst – oder durch Komposita-Bildung, die etwa im Deutschen für viele spontane Wortneubildungen verantwortlich ist (z.B. ‘Bankenschutzschirm’). Während interne Modifikationen gewissermaßen die “Farbe” eines Wortes austauschen, verändern externe Modifikationen seine Gestalt und Größe. Am besten versteht man Morpheme als Träger ungesättigter Teilzeichenhandlungen ohne unabhängige pragmatische Funktion,[5] die auf mehr oder weniger spezifische Weise die Bedeutung oder grammatische Funktion des Wortganzen beeinflussen.
Isolierende, polysynthetische, fusionierende und agglutinierende ZeichensystemeFormale Satzbildungsgrammatik und wortbildende morphologische Zusammenhänge sind zwei polare Organisationsprinzipien, zwischen denen sich die verschiedenen Sprachen auf einer Skala einordnen lassen. Stellt man die mittlere Anzahl von Morphemen, die in einer Sprache (oder allgemeiner einem wortsprachlichen Zeichensystem) verwendet werden, der hauptsächlichen Art des grammatischen Satzbaus gegenüber, so ordnen sich die natürlichen Sprachen im Wesentlichen entlang einer Diagonalen:[6]
Sprachen, bei denen grammatische Satzstrukturen den Aufbau dominieren, werden fusionierende Sprachen genannt. Verzichtet eine Sprache fast gänzlich auf grammatische Satzbildungsregeln und stützt sich vor allem auf morphologische Wortbildungsregeln, so spricht man von agglutinierenden Sprachen. Die meisten Sprachen bewegen sich zwischen diesen beiden Extremen. Andererseits werden Sprachen, deren Wörter im Mittel aus vielen Morphemen bestehen, als polysynthetisch bezeichnet, während Sprachen, bei denen Wörter aus sehr wenigen Morphemen, oft nur einem einzigen Lexem gebildet sind, isolierend heißen. Synthetische Sprachen nehmen dabei eine Mittelstellung ein. Wie in der Tabelle angedeutet, sind die menschlichen Sprache im Wesentlichen entlang der Diagonale zwischen analytisch-isolierenden Systemen und polysynthetisch-fusionierenden angeordnet. Vergleicht man etwa Deutsch mit Englisch, so befinden sich zwar beide eher im Mittelfeld, doch basiert Englisch auf kürzeren Wörtern (eher isolierend), die in einer eher festen Satzstellung gebraucht werden, während das Deutsche stärker zu Kompositabildungen neigt, in deutlich höherem Masse auf Wortflexionen angewiesen ist (eher fusionierend) zugleich aber eine weitaus freiere Wortstellung erlaubt. In extrem analytisch-isolierenden Sprachen, wie etwa Chinesisch, werden Wörter, die aus nur sehr wenigen Morphemen bestehen, niemals morphologisch verändert. Alle grammatischen Relationen werden durch spezielle Wörter ausgedrückt[7] oder durch die Position des Wortes im Satz bestimmt (etwa S-P-O). Sätze sind direkte Gruppierungen von Wörtern, wobei für gewöhnlich eine recht strikte Reihenfolge einzuhalten ist. Eine extrem polysynthetisch-agglutinierenden Sprache würde im Gegensatz dazu nur aus Einwort-Sätzen bestehen, wobei die Wörter allerdings meist auf ausgesprochen viele Morpheme zurückgehen, die miteinander verschmolzen sind, um die vollständige Bedeutung entsprechend zu modifizieren. Viele Sprachen der amerikanischen Ureinwohner, wie etwa Náhuatl, nähern sich diesem Extrem stark an. Beispielsweise kann die morphologische Struktur des Einwort-Satzes ‘matgībulhahumš’ im ägyptischen Arabisch[8] wörtlich ungefähr übersetzt werden zu ‹nicht -Ihr-solltet-bringen-ihr-sie-Ding› (d.h.: ‘Ihr solltet sie nicht zu ihr bringen’). Das Wort besteht aus den beiden Circumflexen ‘ma...š’ (‹nicht … Ding›, Negation) und ‘t(i)...u’ (Marker für Imperfekt der zweiten Person Plural im jussiven Modus: etwa ‹Ihr solltet tun›), den beiden Morphemen ‘l(ī)ha’ (Dativ der dritten Person Singular feminin: ‹ihr›), ‘hum’ (Akkusativ der dritte Person Plural ‹sie›), sowie, als Stamm, ein intern modifiziertes Lexem ‘gīb’, das die imperfektive Form von ‘gāb’ darstellt und im Deutschen dem Stamm von ‘bringen’ entspricht:
All diese morphologischen Elemente sind in ein einziges Wort amalgamiert, das als Satz verwendet wird. Das Schema einer solch komplexen Kombination durch Verschmelzung von Morphemen mit partiellen Phonem-Auslassungen zusammen mit der Verwendung umschließender und einfügender Affixe kann in der Tat die Vorstellung bildsyntaktischer Strukturen viel eher evozieren, als das Schema formaler Grammatiken.
Übertragung auf BilderOffensichtlich sind die geometrischen Elemente eines Bildträgers und ihre relative Anordnung entscheidend für Bedeutung und pragmatische Funktion eines Bildes, ohne dass ihnen doch jeweils eine klar umrissene eigene Bedeutung unabhängig vom Bildganzen zugeordnet werden könnte. Ein kleiner orangerot ausgefüllter Kreis kann – unter anderem – als Nase eines Schneemanns dienen oder als untergehende Sonne. Flächig zusammengeschmolzen bilden diese Elemente eine in sich abgeschlossene morphologische Einheit, die eine deutliche Analogie zu den Ein-Wort-Sätzen einer polysynthetischen Sprache aufweist. Diese Idee wird im Artikel ⊳ Bildmorphologie näher betrachtet.
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Anmerkungen
Literatur
[Bloomfield 1933a]Bloomfield, Leonard (1933): Language. Henry Holt and Co, New York.[Haase 2007a]Haase, Martin (2007): Sprachtypologie: Eine Einführung in die Erforschung der Vielfalt der Sprachen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Lehmann online]Lehmann, Christian (2012): Sprachtypologie und Universalienforschung.[Schleicher 1859a]Schleicher, August (1859): Zur Morphologie der Sprache. Mémoires de l'académie impériale des sciences de St. Pétersbourg, 1?, 7. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach, Marcel Lemmes und Emilia Didier — (Hinweis) | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||