Bildrezeption als Kommunikationsprozess: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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=====Ist Bildrezeption ein Fall von Zeichengebrauch?=====
=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====


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Werden Bilder als Zeichen verwendet, folgt, daß Gegenstände nur dann als Bilder begriffen werden können, wenn sie als Komponenten mit bestimmter Funktion in einer kommunikativen Interaktion zwischen mindestens zwei Individuen betrachtet werden. Diese bipolare Auffassung von der Rezeptionssituation scheint in einem direkten Gegensatz zu stehen zu der in der Kunstgeschichte zum Standard gewordenen Auffassung von der Rezeptionssituation als einer monopolaren – d.h. von einem isolierten Individuum alleine vollzogenen – Handlung vor dem Bildträger. Anders gewendet lautet die Frage: Wie läßt sich die Zeichentheorie des Bildes mit der anscheinend monopolaren Rezeptionssituation begrifflich vereinbaren?
<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
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=====Die “klassische” monopolare Rezeptionssituation, das “aktive” Bild und die Aura=====


Thematisieren kunsthistorische Betrachtungen die Rezeptionssituationen der betrachteten Bildwerke, so wird zumindest in deren traditioneller ausgerichteten Ansätzen trotz aller Varianzen der Rezeptionssituationen ein Element nicht aufgegeben, soll es sich denn um eine korrekte Hinwendung zum Werk handeln: Der naive Betrachter, der professionelle Kunstkritiker, der erfahrene Kunsthistoriker, sie alle stehen jeweils alleine in Versenkung vor dem Werk. Es ist das Bild, das sich an den einsam vor ihm stehenden Betrachter zu wenden scheint und ihm darin – plötzlich oder nach und nach, immer aber spontan – sein (des Bildes) Wesen enthüllt. Der ideeierenden Wesensschau der Phänomenologie gleich eröffne nur eine intensive aber im wesentlichen passiv-geduldige Haltung des Rezipienten den Zugang zur wahren Natur des Werks.<ref>Es wundert daher nicht, daß der Phänomenologe Jonas in Bildern den anthropologischen Ursprung zur Epagoge (Wesensschau) sah <bib id='Jonas 1961a'></bib>.</ref>


=====Engere Begriffsbestimmung=====
Für M. MacLuhan stellt diese monopolare Rezeptionssituation allerdings lediglich eine historisch bedingte Sicht dar, die aus medientheoretischer Perspektive als typische Auswirkung der sozialen Reaktionen auf den Buchdruck (“Gutenberg-Galaxis”) zu verstehen sei (<bib id='MacLuhan'></bib>). In ihr spiegele sich die Dominanz der “linearen” monoperspektivischen Darstellungen, die seit der Renaissance paradigmatisch für bildliche Darstellungen geworden waren und erst mit dem Übergang zum 20. Jahrhundert wieder Raum für alternative Darstellungsweisen machten. Bereits W. Benjamin hatte mit seinem Aura-Ansatz eine Deskription des bürgerlichen Kunstbegriffs vorgeschlagen, die die monopolar konzipierte Rezeptionssituation als überholtes geschichtliches Konstrukt, wenn nicht gar als ideologisch belastet, ablehnt (<bib id='Benjamin 1936a'></bib>): Hinter der Zuschreibung einer Aura als einer Eigenschaft des Betrachteten und nicht als einer Haltung des Rezipienten gegenüber seinem Gegenstand versteckt sich nicht nur ein Residuum magischer Bildauffassungen, das noch auf den sakral-rituellen Ursprung der Bildkompetenz verweisen mag und als Herrschaftswissen wenigen vorbehalten bleiben solle. Vielmehr werde damit das Potential der Bildrezipienten, sich mithilfe dieser Kommunikationsform über bestehende und mögliche Bedingungen ihres Zusammenlebens zu verständigen, verschüttet.


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
In letzter Konsequenz führt die Konzeption der monopolaren Rezeptionssituation zur Auffassung, daß Bilder – genauer: Bildträger?<ref>...</ref> – selbst aktive Handlungsträger seien, die das, was mit ihnen dargestellt wird, erst für den Betrachter (und unabhängig von ihm) erzeugten (⊳ [[Bildakt-Theorie]]). Allerdings wird in dieser Projektion einer Handlungsträgerschaft auf den dazu an sich ungeeigneten Bildträger der Konflikt mit dem grundsätzlich bipolaren zeichentheoretischen Bildansatz gemildert, werden nun doch tatsächlich zwei Handlungsträger berücksichtigt, nur daß die Zuschreibung dieses Attributs zumindest für den Bildträger – milde gesagt – ungewöhnlich ist.




=====optional Beispiele=====
=====Die klassische bipolare Rezeptionssituation des Kommunizierens=====


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Da Zeichenverwendungen sinnvoller Weise aus Kommunikationshandlungen abgeleitet werden, sind sie jeweils auf zwei zu Handlungen fähigen Aktivitätsträgern aufgeteilt: In Kommunikationstheorien werden sie meist ‘Sender’ und ‘Empfänger’ genannt. Den damit gegebenen dreifachen Bezug eines als Zeichen verwendeten Trägerobjekts zu “Sender”, “Empfänger” und “Referent” hat K. Bühler exemplarisch für Sprache in seinem Organonmodell mit den Relationen “Ausdruck”, “Appell” und “Repräsentation” entfaltet (<bib id='Bühler 1934a'></bib>): Im Zeichengebrauch ist der Zeichenträger das Mittel, eine Verständigung hinsichtlich etwas Repräsentiertem zwischen den beiden beteiligten zeichenhandelnden Subjekten zu erreichen.<ref>Vgl. [http://de.wikipedia.org/wiki/Organon-Modell Wikipedia: Organon-Modell].</ref>
 
Dabei ist zu berücksichtigen, daß die beiden Handlungs"pole" der Zeichenhandlungen ganz allgemein Rollen des zugehörigen Interaktionsschemas bezeichnen, die tatsächlich nicht nur von verschiedenen, sondern auch vom selben Handlungsträger belegt werden können – das ist etwa bei Selbstgesprächen der Fall: Einer stellt etwa sich selbst gegenüber bestimmte ihm wichtige Sachverhalte dar und fokussiert auf diese Weise seine Gedanken. Demnach könnte auch das einsame Betrachten eines Bildes in scheinbar monopolarer Situation tatsächlich als eine Art pikturalen Selbst“gesprächs” und damit als grundsätzlich bipolar verstanden werden: Einer zeigt sich selbst mithilfe des Bildträgers, was immer ihm damit zu zeigen wichtig scheint. Eine solche Interpretation ist vor allem für die sogenannten [["natürliche" Bilder|“natürlichen” Bilder]] sicher sinnvoll. Doch wird damit bei anderen (“normalen”) Bildern der Bezug zu deren Produktionssituation weitgehend ausgehebelt. Kann man auf diese Weise überhaupt “von einem Bild überrascht werden”?
 
Das wesentliche Probem liegt hier darin, daß bei Bildern – als [[Typologien von Medien|sekundäre Medien]] – in der Regel Produktions- und Rezeptionssituationen zeitlich auseinander fallen. Nicht nur, daß Sender und Empfänger sich in der Regel nicht kennen, es ist ihnen der temporalen Distanz wegen meist auch unmöglich, überhaupt je miteinander bekannt zu werden. Daher sind Modifikationen des am Kommunizieren in primären Medien mit den dort (wie auch in Tertiärmedien) gegebenen Möglichkeiten kommunikativen Feedbacks ausgerichteten Kommunikationsbegriffs nötig. Das bipolare Kommunikationsmodell muß für sekundäre Medien schon deshalb erweitert werden, weil dieser Medientypus nur für die besonders komplexe Klasse der bewußten Kommunikation – also der Zeichenhandlungen – verfügbar ist.<ref>Daraus folgt dann allerdings auch unmittelbar, daß auch für sprachliche Zeichenhandlungen das bipolare Kommunikationsmodell nicht komplex genug ist.</ref>
 
 
=====Die quadrupolare Rezeptionssituation sekundärer Medien=====
 
Der Übergang von einfachen kommunikativen Interaktionen, wie etwa Ausdrucksbewegungen und signalsprachliches Verhalten, zu Zeichenhandlungen wird in der Fachliteratur insbesondere dadurch charakterisiert, daß das Vorführen von Verhaltensweisen, wie es für den Vollzug kommunikativer Handlungen wesentlich ist, verinnerlicht – interiorisiert – wird (vgl. <bib id='Mead 1968a'></bib>). Doch verlassen wir uns hier nicht einfach auf die bequeme räumliche Metapher eines (mentalen) Innenraumes, in dem die kommunikativen Selbstdarstellungen nun stattfinden sollen: Präziser gesagt geht es nämlich darum, daß sie „sich hier aus den kommunikativen Zusammenhängen, in die sie auf der Stufe des Vollzugs zeichensprachlicher Handlungen normalerweise eingebettet sind, herauslösen, und zur Fähigkeit einer allein für sich zu vollziehenden leiblichen Selbstvergegenwärtigung entwickeln“ können (<bib id='Ros 2005a'></bib>: S. 591).<ref>Im Gegensatz zu der im Glossar verwendeten Terminologie unterscheidet A. Ros zwischen einfachen Zeichenhandlungen, die noch keine bewußte Kommunikation darstellen, und den ''zeichensprachlichen'' Handlungen, denen jenes hier entscheidende Kriterium zukommt.</ref>
 
Während ein in kommunikativer Absicht vorgeführtes Verhalten unter anderem so modifiziert wird, daß seine körperlichen Aspekte besonders deutlich und von außen (für den Empfänger) besonders gut erkennbar artikuliert werden, führt die nun betrachtete Reflexivierung des Zeigens eines Verhaltens zu einer Reduktion seiner von außen klar erkennbaren Aspekte: Statt deutlich sichtbarer körperlicher Veränderungen (etwa das bei Wölfen als Geste aus dem Anfangselement einer Beißattacke entwickelte hervorgehobene Fletschen der Zähne<ref>Als echtes Anfangsteil einer Beißattacke (“Lippen zurückziehen, um sich nicht selbst zu verletzen”) müsste diese Aktivität besser möglichst versteckt ausgeführt werden, soll der Gegener den Angriff nicht frühzeitig erkennen und Gegenmaßnahmen ergreifen können.</ref>) genügt nun eine sehr schwache Aktivierung der entsprechenden Nervenbahnen, eine kaum merkliche Änderung des zugehörigen Muskeltonus.<ref>Sie führen zwar kaum zu einer von außen noch unterscheidbaren Aktivität. Doch bleiben diese körperlichen Veränderungen wirksam über das propriozeptorisch vermittelte Körperbewußtsein, das ein wichtiges Element der Steuerung jedes körperlichen Verhaltens darstellt, das komplexer als einfache Reiz-Reaktions­schemata ist.</ref> Insbesondere werden nun systematisch die Aktivität des Vorführens des einen Kommunikationspartners mit den zugehörigen Reaktionen des anderenKommunikationspartners in Beziehung gesetzt. Die Rolle des Gegenübers kann nämlich mit der Interiorisierung vom Kommunizierenden selbst mit seiner eigenen Rolle in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden.
 
[[Datei:quadrupol.jpg|thumb|Abbildung 1: Quadrupolares Kommunikationsmodell]]
Damit sind Individuen, die in bewußte Kommunikation eintreten können, stets als dyadisch zu verstehen: Jeder Begriff eines Gegenstands, der nur konsekutiv als Sender oder Empfänger agiert, und nicht simultan, kann nicht unter diesen Begriff von ‘bewußter Kommunikation’ fallen. Die beiden Pole des bipolaren Kommunikationsmodells müssen nun selbst als jeweils zweigeteilt verstanden werden, da jeder davon die beiden Rollen von Sender und Empfänger internalisiert ausfüllt (vgl. Abb. 1). Kommunikativ wirksam können nun jeweils drei Interaktionen werden: (i) Die internalisierte Interaktion zwischen dem Selbstmodell des ersten Zeichenhandelnden (Produzent) und seiner Vorstellung vom Kommunikationspartner (Rezipient), (ii) die internalisierte Interaktion zwischen der Vorstellung eines Rezipienten vom Sender und seinem Selbstmodell, (iii) die Interaktion zwischen dem Selbstmodell des Produzenten und dem Partnermodell des Rezipienten (vgl. Abb. 2). Weiterhin kann die Koordination zwischen (i) und (iii) kann über das Feedback des Rezipienten (gestrichelte Linie) erreicht werden, die zwischen (ii) und (iii) über weitere Zeichenhandlungen des Produzenten.<ref>Die gestrichelten Pfeile innerhalb der Ellipsen der Zeichenhandelnden in Abbildung 1 können als Antizipationen des jeweiligen Antwortverhaltens begriffen werden.</ref>
 
[[Datei:quadrupol2.jpg|thumb|Abbildung 2: Quadrupolares Kommunikationsmodell bei Sekundärmedien]]
Bei Kommunikation über sekundäre Medien werden wegen der zeitlichen Separierung der Produktions- und Rezeptionssituationen die Teilkommunikationshandlungen (i) und (ii) voneinander abgekoppelt und (iii) zerfällt in zwei Teile, die über den persistenten Zeichenträger
 
 
=====Die “monologische” Rezeptionssituation des Bildgebrauchs=====
 
Konsequenz der Meadschen doppelt-bipolaren Konzeption insbesondere für asynchrone Kommunikation
 
<bib id='Dewey'></bib>
 
 
 
dann vielleicht dem Lesen, das ja auch in der Regel Einer, der möglichst dabei nicht gestört werden möchte, für sich alleine betreibt. Doch handelt es sich, genau besehen, auch beim Lesen um eine kommunikative Aktivität, bei der allerdings einer oder mehrere der Interaktionspartner internalisiert sind und nur in der Vorstellung als Gegenüber auftreten. Ist es nun aber nicht so, dass ich, wenn ich ein Spiegelbild betrachte, ganz analog mir selbst (in der Rolle eines anderen, der von jener Stelle aus schauen könnte) etwas zeige? Und mache ich nicht mich selbst (als ein innerlich gespielter Anderer), wenn ich in einer Galerie ein Bild studiere, mit dem Bild auf dieses oder jenes aufmerksam? Es ist also durchaus sehr plausibel, auf diese Weise auch einsame Bildverwendungen auf kommunikative Handlungen zurückzuführen: Es gäbe demnach, wo immer von Bildern die Rede ist, notwendig einen (gegebenenfalls interiorisierten und vielleicht sogar nur imaginierten) Sender und einen (ebensolchen) Empfänger, die auf je spezifische Weise mit Hilfe eines (Bild-) Zeichens kommunikativ miteinander interagieren (zumindest in der Vorstellung).




=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====


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Version vom 13. Dezember 2011, 14:45 Uhr

Unterpunkt zu: Bildpragmatik


Ist Bildrezeption ein Fall von Zeichengebrauch?

Werden Bilder als Zeichen verwendet, folgt, daß Gegenstände nur dann als Bilder begriffen werden können, wenn sie als Komponenten mit bestimmter Funktion in einer kommunikativen Interaktion zwischen mindestens zwei Individuen betrachtet werden. Diese bipolare Auffassung von der Rezeptionssituation scheint in einem direkten Gegensatz zu stehen zu der in der Kunstgeschichte zum Standard gewordenen Auffassung von der Rezeptionssituation als einer monopolaren – d.h. von einem isolierten Individuum alleine vollzogenen – Handlung vor dem Bildträger. Anders gewendet lautet die Frage: Wie läßt sich die Zeichentheorie des Bildes mit der anscheinend monopolaren Rezeptionssituation begrifflich vereinbaren?


Die “klassische” monopolare Rezeptionssituation, das “aktive” Bild und die Aura

Thematisieren kunsthistorische Betrachtungen die Rezeptionssituationen der betrachteten Bildwerke, so wird zumindest in deren traditioneller ausgerichteten Ansätzen trotz aller Varianzen der Rezeptionssituationen ein Element nicht aufgegeben, soll es sich denn um eine korrekte Hinwendung zum Werk handeln: Der naive Betrachter, der professionelle Kunstkritiker, der erfahrene Kunsthistoriker, sie alle stehen jeweils alleine in Versenkung vor dem Werk. Es ist das Bild, das sich an den einsam vor ihm stehenden Betrachter zu wenden scheint und ihm darin – plötzlich oder nach und nach, immer aber spontan – sein (des Bildes) Wesen enthüllt. Der ideeierenden Wesensschau der Phänomenologie gleich eröffne nur eine intensive aber im wesentlichen passiv-geduldige Haltung des Rezipienten den Zugang zur wahren Natur des Werks.[1]

Für M. MacLuhan stellt diese monopolare Rezeptionssituation allerdings lediglich eine historisch bedingte Sicht dar, die aus medientheoretischer Perspektive als typische Auswirkung der sozialen Reaktionen auf den Buchdruck (“Gutenberg-Galaxis”) zu verstehen sei ([MacLuhan]Der Eintrag existiert noch nicht.). In ihr spiegele sich die Dominanz der “linearen” monoperspektivischen Darstellungen, die seit der Renaissance paradigmatisch für bildliche Darstellungen geworden waren und erst mit dem Übergang zum 20. Jahrhundert wieder Raum für alternative Darstellungsweisen machten. Bereits W. Benjamin hatte mit seinem Aura-Ansatz eine Deskription des bürgerlichen Kunstbegriffs vorgeschlagen, die die monopolar konzipierte Rezeptionssituation als überholtes geschichtliches Konstrukt, wenn nicht gar als ideologisch belastet, ablehnt ([Benjamin 1936a]Der Eintrag existiert noch nicht.): Hinter der Zuschreibung einer Aura als einer Eigenschaft des Betrachteten und nicht als einer Haltung des Rezipienten gegenüber seinem Gegenstand versteckt sich nicht nur ein Residuum magischer Bildauffassungen, das noch auf den sakral-rituellen Ursprung der Bildkompetenz verweisen mag und als Herrschaftswissen wenigen vorbehalten bleiben solle. Vielmehr werde damit das Potential der Bildrezipienten, sich mithilfe dieser Kommunikationsform über bestehende und mögliche Bedingungen ihres Zusammenlebens zu verständigen, verschüttet.

In letzter Konsequenz führt die Konzeption der monopolaren Rezeptionssituation zur Auffassung, daß Bilder – genauer: Bildträger?[2] – selbst aktive Handlungsträger seien, die das, was mit ihnen dargestellt wird, erst für den Betrachter (und unabhängig von ihm) erzeugten (⊳ Bildakt-Theorie). Allerdings wird in dieser Projektion einer Handlungsträgerschaft auf den dazu an sich ungeeigneten Bildträger der Konflikt mit dem grundsätzlich bipolaren zeichentheoretischen Bildansatz gemildert, werden nun doch tatsächlich zwei Handlungsträger berücksichtigt, nur daß die Zuschreibung dieses Attributs zumindest für den Bildträger – milde gesagt – ungewöhnlich ist.


Die klassische bipolare Rezeptionssituation des Kommunizierens

Da Zeichenverwendungen sinnvoller Weise aus Kommunikationshandlungen abgeleitet werden, sind sie jeweils auf zwei zu Handlungen fähigen Aktivitätsträgern aufgeteilt: In Kommunikationstheorien werden sie meist ‘Sender’ und ‘Empfänger’ genannt. Den damit gegebenen dreifachen Bezug eines als Zeichen verwendeten Trägerobjekts zu “Sender”, “Empfänger” und “Referent” hat K. Bühler exemplarisch für Sprache in seinem Organonmodell mit den Relationen “Ausdruck”, “Appell” und “Repräsentation” entfaltet ([Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.
): Im Zeichengebrauch ist der Zeichenträger das Mittel, eine Verständigung hinsichtlich etwas Repräsentiertem zwischen den beiden beteiligten zeichenhandelnden Subjekten zu erreichen.[3]

Dabei ist zu berücksichtigen, daß die beiden Handlungs"pole" der Zeichenhandlungen ganz allgemein Rollen des zugehörigen Interaktionsschemas bezeichnen, die tatsächlich nicht nur von verschiedenen, sondern auch vom selben Handlungsträger belegt werden können – das ist etwa bei Selbstgesprächen der Fall: Einer stellt etwa sich selbst gegenüber bestimmte ihm wichtige Sachverhalte dar und fokussiert auf diese Weise seine Gedanken. Demnach könnte auch das einsame Betrachten eines Bildes in scheinbar monopolarer Situation tatsächlich als eine Art pikturalen Selbst“gesprächs” und damit als grundsätzlich bipolar verstanden werden: Einer zeigt sich selbst mithilfe des Bildträgers, was immer ihm damit zu zeigen wichtig scheint. Eine solche Interpretation ist vor allem für die sogenannten “natürlichen” Bilder sicher sinnvoll. Doch wird damit bei anderen (“normalen”) Bildern der Bezug zu deren Produktionssituation weitgehend ausgehebelt. Kann man auf diese Weise überhaupt “von einem Bild überrascht werden”?

Das wesentliche Probem liegt hier darin, daß bei Bildern – als sekundäre Medien – in der Regel Produktions- und Rezeptionssituationen zeitlich auseinander fallen. Nicht nur, daß Sender und Empfänger sich in der Regel nicht kennen, es ist ihnen der temporalen Distanz wegen meist auch unmöglich, überhaupt je miteinander bekannt zu werden. Daher sind Modifikationen des am Kommunizieren in primären Medien mit den dort (wie auch in Tertiärmedien) gegebenen Möglichkeiten kommunikativen Feedbacks ausgerichteten Kommunikationsbegriffs nötig. Das bipolare Kommunikationsmodell muß für sekundäre Medien schon deshalb erweitert werden, weil dieser Medientypus nur für die besonders komplexe Klasse der bewußten Kommunikation – also der Zeichenhandlungen – verfügbar ist.[4]


Die quadrupolare Rezeptionssituation sekundärer Medien

Der Übergang von einfachen kommunikativen Interaktionen, wie etwa Ausdrucksbewegungen und signalsprachliches Verhalten, zu Zeichenhandlungen wird in der Fachliteratur insbesondere dadurch charakterisiert, daß das Vorführen von Verhaltensweisen, wie es für den Vollzug kommunikativer Handlungen wesentlich ist, verinnerlicht – interiorisiert – wird (vgl. [Mead 1968a]Mead, George Herbert (1968): Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Nicht angezeigt: Original: <em>Mind, Self, and Society</em>. Hg. v. Charles W. Morris. Chicago, 1934
). Doch verlassen wir uns hier nicht einfach auf die bequeme räumliche Metapher eines (mentalen) Innenraumes, in dem die kommunikativen Selbstdarstellungen nun stattfinden sollen: Präziser gesagt geht es nämlich darum, daß sie „sich hier aus den kommunikativen Zusammenhängen, in die sie auf der Stufe des Vollzugs zeichensprachlicher Handlungen normalerweise eingebettet sind, herauslösen, und zur Fähigkeit einer allein für sich zu vollziehenden leiblichen Selbstvergegenwärtigung entwickeln“ können ([Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.
: S. 591).[5]

Während ein in kommunikativer Absicht vorgeführtes Verhalten unter anderem so modifiziert wird, daß seine körperlichen Aspekte besonders deutlich und von außen (für den Empfänger) besonders gut erkennbar artikuliert werden, führt die nun betrachtete Reflexivierung des Zeigens eines Verhaltens zu einer Reduktion seiner von außen klar erkennbaren Aspekte: Statt deutlich sichtbarer körperlicher Veränderungen (etwa das bei Wölfen als Geste aus dem Anfangselement einer Beißattacke entwickelte hervorgehobene Fletschen der Zähne[6]) genügt nun eine sehr schwache Aktivierung der entsprechenden Nervenbahnen, eine kaum merkliche Änderung des zugehörigen Muskeltonus.[7] Insbesondere werden nun systematisch die Aktivität des Vorführens des einen Kommunikationspartners mit den zugehörigen Reaktionen des anderenKommunikationspartners in Beziehung gesetzt. Die Rolle des Gegenübers kann nämlich mit der Interiorisierung vom Kommunizierenden selbst mit seiner eigenen Rolle in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden.

Abbildung 1: Quadrupolares Kommunikationsmodell

Damit sind Individuen, die in bewußte Kommunikation eintreten können, stets als dyadisch zu verstehen: Jeder Begriff eines Gegenstands, der nur konsekutiv als Sender oder Empfänger agiert, und nicht simultan, kann nicht unter diesen Begriff von ‘bewußter Kommunikation’ fallen. Die beiden Pole des bipolaren Kommunikationsmodells müssen nun selbst als jeweils zweigeteilt verstanden werden, da jeder davon die beiden Rollen von Sender und Empfänger internalisiert ausfüllt (vgl. Abb. 1). Kommunikativ wirksam können nun jeweils drei Interaktionen werden: (i) Die internalisierte Interaktion zwischen dem Selbstmodell des ersten Zeichenhandelnden (Produzent) und seiner Vorstellung vom Kommunikationspartner (Rezipient), (ii) die internalisierte Interaktion zwischen der Vorstellung eines Rezipienten vom Sender und seinem Selbstmodell, (iii) die Interaktion zwischen dem Selbstmodell des Produzenten und dem Partnermodell des Rezipienten (vgl. Abb. 2). Weiterhin kann die Koordination zwischen (i) und (iii) kann über das Feedback des Rezipienten (gestrichelte Linie) erreicht werden, die zwischen (ii) und (iii) über weitere Zeichenhandlungen des Produzenten.[8]

Abbildung 2: Quadrupolares Kommunikationsmodell bei Sekundärmedien

Bei Kommunikation über sekundäre Medien werden wegen der zeitlichen Separierung der Produktions- und Rezeptionssituationen die Teilkommunikationshandlungen (i) und (ii) voneinander abgekoppelt und (iii) zerfällt in zwei Teile, die über den persistenten Zeichenträger


Die “monologische” Rezeptionssituation des Bildgebrauchs

Konsequenz der Meadschen doppelt-bipolaren Konzeption insbesondere für asynchrone Kommunikation

[Dewey]Der Eintrag existiert noch nicht.


dann vielleicht dem Lesen, das ja auch in der Regel Einer, der möglichst dabei nicht gestört werden möchte, für sich alleine betreibt. Doch handelt es sich, genau besehen, auch beim Lesen um eine kommunikative Aktivität, bei der allerdings einer oder mehrere der Interaktionspartner internalisiert sind und nur in der Vorstellung als Gegenüber auftreten. Ist es nun aber nicht so, dass ich, wenn ich ein Spiegelbild betrachte, ganz analog mir selbst (in der Rolle eines anderen, der von jener Stelle aus schauen könnte) etwas zeige? Und mache ich nicht mich selbst (als ein innerlich gespielter Anderer), wenn ich in einer Galerie ein Bild studiere, mit dem Bild auf dieses oder jenes aufmerksam? Es ist also durchaus sehr plausibel, auf diese Weise auch einsame Bildverwendungen auf kommunikative Handlungen zurückzuführen: Es gäbe demnach, wo immer von Bildern die Rede ist, notwendig einen (gegebenenfalls interiorisierten und vielleicht sogar nur imaginierten) Sender und einen (ebensolchen) Empfänger, die auf je spezifische Weise mit Hilfe eines (Bild-) Zeichens kommunikativ miteinander interagieren (zumindest in der Vorstellung).



Anmerkungen
  1. ↑ Es wundert daher nicht, daß der Phänomenologe Jonas in Bildern den anthropologischen Ursprung zur Epagoge (Wesensschau) sah [Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.
    Nicht angezeigt: Wieder abgedruckt in: Jonas, Hans: <em>Zwischen Nichts und Ewigkeit – Zur Lehre vom Menschen</em>. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1987, 26–43
    .
  2. ↑ ...
  3. ↑ Vgl. Wikipedia: Organon-Modell.
  4. ↑ Daraus folgt dann allerdings auch unmittelbar, daß auch für sprachliche Zeichenhandlungen das bipolare Kommunikationsmodell nicht komplex genug ist.
  5. ↑ Im Gegensatz zu der im Glossar verwendeten Terminologie unterscheidet A. Ros zwischen einfachen Zeichenhandlungen, die noch keine bewußte Kommunikation darstellen, und den zeichensprachlichen Handlungen, denen jenes hier entscheidende Kriterium zukommt.
  6. ↑ Als echtes Anfangsteil einer Beißattacke (“Lippen zurückziehen, um sich nicht selbst zu verletzen”) müsste diese Aktivität besser möglichst versteckt ausgeführt werden, soll der Gegener den Angriff nicht frühzeitig erkennen und Gegenmaßnahmen ergreifen können.
  7. ↑ Sie führen zwar kaum zu einer von außen noch unterscheidbaren Aktivität. Doch bleiben diese körperlichen Veränderungen wirksam über das propriozeptorisch vermittelte Körperbewußtsein, das ein wichtiges Element der Steuerung jedes körperlichen Verhaltens darstellt, das komplexer als einfache Reiz-Reaktions­schemata ist.
  8. ↑ Die gestrichelten Pfeile innerhalb der Ellipsen der Zeichenhandelnden in Abbildung 1 können als Antizipationen des jeweiligen Antwortverhaltens begriffen werden.
Literatur
[Benjamin 1939a]Benjamin, Walter (2002): Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In: Schöttker, D. (Hg.), Walter Benjamin: Medienästhetische Schriften. Suhrkamp , Frankfurt/M.[Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.[Dewey 1934a]Dewey, John (1934): Art as Experience. Minton, Balch & Company, New York.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[McLuhan 1962a]McLuhan, Marshall (1962): The Gutenberg Galaxy: The Making of Typographic Man. University of Toronto Press, Toronto.[Mead 1968a]Mead, George Herbert (1968): Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.[Schirra 1994a]Schirra, Jörg R.J. (1994): Bildbeschreibung als Verbindung von visuellem und sprachlichem Raum. DISKI, St. Augustin.[Vogel 2001a]Vogel, Matthias (2001): Medien der Vernunft. Eine Theorie des Geistes und der Rationalität auf Grundlage einer Theorie der Medien. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Verantwortlich:

Schirra, JRJ

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Emilia Didier und Marcel Lemmes — (Hinweis)