Historische Bildbegriffe: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
Dimitris Text verschoben nach Bildtermini anderer Sprachen
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=====Fragestellung=====
=====Fragestellung=====
Im ersten Kapitel seines einflussreichen Buches Iconology unterscheidet W.J.T. Mitchell mehrere
Dimitris Text wurde verschoben nach [[Bildtermini anderer Sprachen]]
Zweige in der Familie der »images«, darunter den graphischen, optischen, mentalen und
verbalen.<ref>Vgl. <bib id='Mitchell_1986a'>Mitchell 1986a, S. 10</bib>.</ref> Das ist auf den ersten Blick einleuchtend. Es entspricht weitgehend unserem
Sprachverständnis, dass wir Gemälde, Spiegelungen, Vorstellungen und auch bestimmte
rhetorische Figuren – wie etwa die eben verwendete Metapher des Zweigs – »Bilder« nennen.
Allerdings sollte uns schon Mitchells Text selbst skeptisch machen: Wieso spricht er von
»images« und nicht von »pictures«? Immerhin lässt sich doch beides mit »Bild« übersetzen! Und
welche Bedeutungsdifferenz im Englischen entgeht uns, wenn wir genau das tun und beides mit
ein und demselben deutschen Wort wiedergeben? Außerdem ist Sprache, sind Sprachen
wandelbar. Dafür ist zufälligerweise das deutsche Wort »Image« ein gutes Beispiel, das, aus dem
Englischen kommend, sich in den 1950er Jahren zuerst in der Wirtschaftspsychologie und dann
in der Alltagssprache verbreitete.<ref>Vgl. <bib id='Brachfeld_1976a'>Brachfeld 1976a</bib>.</ref> Wir müssen also vermuten, dass sich unser gegenwärtiges
Sprachverständnis nicht ohne Verzerrungen einfach in die Vergangenheit projizieren lässt. Im
Folgenden wird es darum gehen, genau diese Skrupel zu berücksichtigen und vor allem danach zu
fragen, was sich in älteren und fremdsprachigen Texten tatsächlich findet, wenn in der deutschen
Übersetzung zumeist nur »Bild« zu lesen ist. Es wird sich also um Beiträge zur Begriffsgeschichte
oder zur historischen Semantik von »Bild« und seinen Übersetzungen handeln.
 
======Hebräisch======
Im Hebräischen des Alten Testaments finden sich mehr als zehn verschiedene
Ausdrücke für Bilder, und es gibt zwei Kontexte, in denen sie nachdrücklich Aufmerksamkeit
beansprucht haben, nämlich im Zusammenhang mit dem Bilderverbot und mit der Lehre von
der Gottesebenbildlichkeit des Menschen.<ref>Vgl. hier und im Folgenden <bib id='Dohmen_1985a'>Dohmen 1985a, S. 41-63</bib> und <bib id='Dohmen_1994a'>Dohmen 1994a</bib>.</ref>
 
Für die im Kontext des Bilderverbots verwendeten Ausdrücke gilt, dass sie auf
handwerkliche Tätigkeiten und die dabei verwendeten Materialen zurückverweisen. Sie
bezeichnen (Kult-)Bilder, die in Stein gehauen, aus Holz geschnitzt, aus Metall gegossen oder mit
Goldschmiedearbeit verziert sind. Mit am häufigsten wird hier der Begriff päsäl gebraucht; er liegt
auch dem vierten Gebot zugrunde: »Du sollst Dir kein Bildnis machen!« (Ex 20,4) Gegenüber
dem heutigen Verständnis von »Bild« sind dabei vor allem zwei Unterschiede festzuhalten.
Erstens sind die hier gemeinten Bilder dreidimensionale Plastiken und Skulpuren und nicht –
woran wir bei einem Bild eher denken würden – flächige Gemälde oder Zeichnungen. Und
zweitens bezeichnen die angesprochenen Ausdrücke darüber hinaus weder mentale noch verbale
Bildern.
 
Etwas komplizierter liegen die Dinge im Umfeld der Lehre von der
Gottesebenbildlichkeit des Menschen, derzufolge der Mensch ein Bild ist, das Gott gleicht. Die
entscheidenden Ausdrücke »säläm« und »demut«, werden in der Übersetzung von Gen 1,26f. in der
Regel mit »Bild« und »Gleichnis« (oder auch »Ähnlichkeit«) wiedergegeben. Was lässt sich über
die tatsächliche Bedeutung dieser beiden Ausdrücke sagen? »Säläm« bezeichnet ein
dreidimensionales Abbild, »demut« hingegen Gleichheit oder Form und Äußeres, und in der
Kombination sind die beiden annähernd bedeutungsgleich.<ref>Vgl. <bib id='Jervell_1980a'>Jervell 1980a, S. 491f.</bib>.</ref> Kontrovers diskutiert worden ist
deshalb hier nicht nur die Frage, was den Menschen bildhaft mache, sondern auch, ob mit der
Verwendung der beiden Substantive tatsächlich Unterschiedliches benannt werden oder schlicht
eine stilistische Variation geboten werden solle.<ref>Vgl. <bib id='Scholz_2000a'>Scholz 2000a, S. 634</bib>.</ref>
 
Eindeutig hingegen ist jedoch der Befund, der sich aus dem Abgleich der beiden
Kontexte ergibt: Im Kontext von Gottesebenbildlichkeit einerseits und Bilderverbot andererseits
werden im Hebräischen je verschiedene Ausdrücke verwendet, und von einem Kontext wird
nicht direkt auf den anderen verwiesen.<ref>Vgl. <bib id='Dohmen_1987a'>Dohmen 1987a, S. 281f.</bib>.</ref> Der Gedanke an eine Konkurrenz zwischen Gott und
Menschen drängt sich daher beim ursprünglichen Text und seinem Vokabular nicht (oder
zumindest nicht stark) auf; mit einer nivellierenden Übersetzung der hebräischen Ausdrücke –
beispielsweise durch das griechische »eikon« oder das deutsche »Bild« – liegt hingegen die
Spekulation schon weitaus näher, dass der Mensch, der Bilder produziert, Gott ein Prärogativ
streitig machen könnte.<ref>Mit Nachdruck beschworen hat diese zweifelhafte Konkurrenz in jüngerer Zeit der Kunsthistoriker Gottfried Boehm, und auch die Mediologie von Régis Debray stützt sich auf sie; vgl. dazu <bib id='Boehm_1994a'>Boehm 1994a, S. 329f.</bib> und <bib id='Debray_1992a'>Debray 1992a, S.71</bib>.</ref>
 
======Arabisch======
Um sich über die grundlegende Elemente im Bildvokabular des Islam zu informieren,
ist es sinnvoll, sich neben dem Koran auch den Hadithen zuzuwenden. (In der sunnitischen
Tradition sind dies die Sammlungen der Worte des Propheten, in der schiitischen werden auch
die der frühen Imame berücksichtigt). Um mit dem Koran zu beginnen – er polemisiert, dem
Alten Testament ähnlich, gegen die in kleinen Statuen oder auch in Steinen verkörperten
Gottheiten der vorislamischen arabischen Kulte. Dabei handelt es sich u.a. um tamâthîl (Bilder,
Abbilder, bildliche Darstellungen, Standbilder, Statuen), awthân (Götzenbilder) und asnâm
(Götzenbilder aus Metall.)<ref>Vgl. <bib id='Naef_2007a'>Naef 2007a, S. 12</bib>.</ref> Diese Polemik ist unter monotheistischen Voraussetzungen
nachvollziehbar. Sie erklärt aber nicht, warum den Hadithen zufolge ein Maler, selbst wenn er
keine Bilder derartiger Gottheiten gemalt hat, am Tag der Auferstehung die schlimmsten Qualen
erdulden muß.<ref>Und dies sowohl gemäß der sunnitischen als auch der schiitischen Auffassung; vgl dazu <bib id='Paret_1960a'>Paret 1960a, S. 39f.</bib> und <bib id='Paret_1968a'>Paret 1968, S. 230</bib>.</ref> Wie ist dies motiviert?
 
Die Antwort auf diese Frage führt wieder zur Begrifflichkeit des Korans zurück. Eine
grundsätzliche und ausführliche Auseinandersetzung mit Bildern im engeren Sinne sucht man
hier zwar vergebens.<ref>Vgl. im Folgenden <bib id='Naef_2007a'>Naef 2007a, S. 12f., 19</bib>.</ref> »Sûra«, das arabische Substantiv für »Bild« schlechthin, aber auch die
Bezeichnung für Form und Gestalt, findet sich nur ein einziges Mal; und das dem Substantiv
zugrunde liegende Verb »sawwara«, das soviel bedeutet wie ›etwas auf diese oder jene Art machen,
bilden, ihm eine Form geben, schaffen‹, wird auch nur viermal verwendet. Bezeichnenderweise
aber dienen Substantiv und Verb im Koran nicht zur Beschreibung von menschlichen
Hervorbringungen oder Tätigkeiten, sondern zur Beschreibung von göttlichen: Sûra ist in Sure
82,8 die Gestalt des von Gott geschaffenen Menschen, und sawwara meint in den erwähnten
Partien nichts anderes als das göttliche Schaffen. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich bei
dem vom nämlichen Verb abgeleiteten Titel al-mussawir (Gestalter, Schöpfer) auch um einen der
neunundneunzig Namen Allahs handelt. Anders als im Alten Testament besteht also im Islam
schon aufgrund der Begrifflichkeit eine Konkurrenz zwischen Gott und Maler. Wie in den
Hadithen ausgeführt, wird diese Konkurrenz vor allem beim Hervorbringen von Lebewesen
virulent. Menschen und Tiere zu malen ist Hybris. Die Strafe am Tag der Auferstehung besteht
für den Maler darin, dass er quasi beim Wort genommen wird und seinen gemalten Lebewesen
Leben einhauchen muss – und daran wird er qua Mensch wieder und wieder scheitern.<ref>Vgl. <bib id='Paret_1960a'>Paret 1960a, S. 43ff</bib> und <bib id='Paret_1968a'>Paret 1968, S. 230</bib>.</ref>
 
======Griechisch======
Das Altgriechische hält eine Reihe von Bildbegriffen bereit, die nicht nur die damaligen
Diskussionen befruchtet haben, sondern teils noch als Lehnwörter in den heutigen Sprachen
präsent sind.
 
»Typos« leitet sich von den Verben für »schlagen« und »prägen« ab, und die dort
implizierte Dialektik von Erstem und Zweitem, Bewirkendem und Bewirkten findet sich in der
Spannweite der Bedeutung auf vielfache Weise wieder.<ref>Vgl. zum Folgenden <bib id='Strenge_1998a'>Strenge 1998a, S. 1587</bib>.</ref> Auf der konkreten Ebene, im
handwerklich-künstlerischen Bereich, bedeutet »typos« sowohl die ›prägende Form‹ (Hohlform,
Skizze) als auch das ›Geprägte‹ (Relief, Statue, Gravur) und den ›Abdruck‹ (etwa eines Siegelrings
oder Münzstempels). Teilweise gelockert oder sogar gelöst wird der Bezug zur Dreidimensionalität bei den tendenziell abstrakteren Bedeutungen wie ›Umriß‹, ›Gestalt‹, ›Form‹
und ›Art‹. Die angesprochene Dialektik ist auch insofern deutlich erkennbar, als typos (in
nachklassischer Zeit dabei oft zu arche- oder prototypos vereindeutigt) sowohl ein Wort für das
Muster oder Vorbild als auch (wie ektypos) ein Wort für das Abbild ist. Im Lauf der Zeit kann sich
typos sehr weit von der handgreiflichen und -werklichen Wurzel entfernen und wird beispielsweise
in ethischen, erkenntnistheoretischen, metaphysischen und theologischen Zusammenhänge
verwendet. Typos ist ein moralisches Vorbild; Platon und Aristoteles vergleichen die erinnerten
Wahrnehmungen mit Abdrücken im Wachs; der Neuplatonismus Philons von Alexandrien
begreift die sinnliche Welt als Abbild eines Urbildes (nämlich der intelligiblen Welt); und auch
Adam gilt in einer an Paulus anschließenden Bibelhermeneutik als typos, und zwar weil er das
Kommen Christi ankündigen soll.<ref>Vgl. ebd., 1587f. – Die Verallgemeinerung der Paulinischen Auslegungsstrategie hat wiederum langfristige Konsequenzen für die bildkünstlerische Praxis. In der Katakombenmalerei, auf Kirchenfenstern, Domportalen oder in Armenbibeln werden nicht nur Adam und Christus einander zugeordnet, sondern auch andere typoi aus dem Alten Testament weiteren Figuren aus
dem Neuen; vgl. <bib id='Schlenstedt_George_2005a'>Schlenstedt & George 2005a, S. 206f.</bib>.</ref> Dass aber der Bezug auf das Prägen keineswegs
verschwinden muss, lässt sich noch anhand einer jüngeren Bedeutungsnuance belegen; für das
16. Jh. handelt es sich bei dem – mittlerweile latinisierten – typus u.a. um eine Figur oder ein Bild
in einer Gipswand.<ref>Vgl. ebd., 192.</ref>
 
Verweist typos ursprünglich auf das Manuelle, so ist »eidolon« der Diminutiv zu »eidos«
(Gestalt, Aussehen, Idee) und leitet sich wie dieses auch vom Verb »sehen« ab. Zumeist wird
»eidolon« als ›kleines Bild‹, ›Bildchen‹ verstanden, oft mit dem Vorbehalt, dass es nicht
notwendigerweise zuverlässig abbildet, sondern auch trügen kann.<ref>#
</ref> Wie »typos« wird auch »eidolon«
in den unterschiedlichsten Kontexten verwendet. In der archaischen Vorstellung vom Hades,
derzufolge die Toten eine Art Schattendasein fristen, bezeichnet es die Seele als ungreifbares
Abbild des Toten.<ref>Vgl. hier und im folgenden <bib id='Roloff_1972a'>Roloff 1972a, S. 330</bib>.
</ref> In der Erkenntnistheorie der Atomisten Leukipp, Demokrit und Epikur
fungiert es wie ein Häutchen, das sich von den Dingen ablöst und in mehrfacher Hinsicht
wirksam wird: Es ist auf glatten Flächen für das Spiegelbild verantwortlich, es erzeugt im Auge
des Betrachters die Wahrnehmung des Dinges, von dem es sich gelöst hat, und es verursacht
beim Schlafenden Träume. Dieser etwas gespenstische Charakter ist allerdings keineswegs die
Regel, wie die Nobilitierung bei Platon zeigt: In dessen Dialog Sophistes (235b-236c) ist eidolon der
neutrale Oberbegriff für alle Ab- oder Nachbilder. Wollte man dennoch so etwas wie sein
Spezifikum beschreiben, so könnte man sich an Plotins Usus halten, der alles Abgeleitete als
eidolon bezeichnet.<ref>Vgl. ebd., 331.</ref> Ob Seele der Toten, Häutchen von Dingen oder Abbild – ein eidolon ist
immer ein Zweites.


[…]
[…]

Version vom 7. Dezember 2009, 12:18 Uhr

Hauptpunkt zu: Bildtheorie/Bildwissenschaft/Bildkritik


Fragestellung

Dimitris Text wurde verschoben nach Bildtermini anderer Sprachen

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Aufteilung

Kommentar zu den Unterpunkten ...


Sonstiges
Unterpunkte


Anmerkungen
Literatur
[Bataille 1981a]Bataille, Georges (1981): Die Tränen des Eros. Matthes und Seitz, Berlin.[Liebsch 2006a]Liebsch, Dimitri (2006): Der Körper und sein Double. ‘Bildung’ von Winckelmann bis Humboldt. In: Stache, A. (Hg.), Das Harte und das Weiche. Körper, Erfahrung, Konstruktion. transcript, Bielefeld.[Pico della Mirandola 1990a]Pico della Mirandola (1990): De hominis dignitate / Über die Würde des Menschen. Meiner, Hamburg.[Sachs-Hombach & Schirra 2013a]Sachs-Hombach, Klaus & Schirra, Jörg R.J. (Hg.) (2013): Origins of Pictures. Anthropological Discourses in Image Science. Halem, Köln.[Sachs-Hombach 2003c]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Bildtheorien in Geschichte und Gegenwart. Magazin für Theologie und Ästhetik, 25.[Schöttler 2012a]Schöttler, Tobias (2012): Von der Darstellungsmetaphysik zur Darstellungspragmatik. Eine historisch-systematische Untersuchung von Platon bis Davidson. Mentis, Münster.

Verantwortlich:

Dimitri Liebsch

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra und Dimitri Liebsch — (Hinweis)