Bilderschrift und Piktogramm: Unterschied zwischen den Versionen
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Exemplarisch sei hier auf die Debatte zwischen Sampson (<bib id='Sampson 1985a'>Sampson 1985a</bib>) und DeFrancis (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>) aus den 80er Jahren verwiesen: Sampson ((<bib id='Sampson 1985a'>Sampson 1985a</bib>: S.32ff.) legt eine Einteilung der Schriftsysteme in semasiographische („semasiographic“) und glottographische („glottographic“) Systeme vor. Unter der Bezeichnung „semasiographisch“ verbirgt sich ein weiter Schriftbegriff, der Piktogramme und die in Schriftgeschichten weitverbreiteten Felszeichnungen etc. umfaßt; „glottographisch“ sind alle Schriftsysteme insofern sie bestimmte Sprachen schreiben. Sampson räumt durchaus ein, dass man die Bezeichnung „Schrift“ auf die Systeme beschränken könnte, die er glottographisch nennt. Es ist für ihn aber theoretisch durchaus vorstellbar, semasiographische Systeme (Piktogramme) so weit auszudifferenzieren, dass sie die Ausdrucksmächtigkeit einer Schrift bekommen – und zwar unabhängig von einer bestimmten Sprache. Die glottographischen Systeme wiederum sind eingeteilt in phonographische („phonographic“) Systeme einerseits (Silbenschriften, Alphabete und Systeme wie das Koreanische, die zwar Silbenschriften sind, aber eine aufgeschlüsselte Binnenstruktur haben) und „logographische“ („logographic“) Systeme andererseits, die Morpheme schreiben, wie das Chinesische. | Exemplarisch sei hier auf die Debatte zwischen Sampson (<bib id='Sampson 1985a'>Sampson 1985a</bib>) und DeFrancis (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>) aus den 80er Jahren verwiesen: Sampson ((<bib id='Sampson 1985a'>Sampson 1985a</bib>: S.32ff.) legt eine Einteilung der Schriftsysteme in semasiographische („semasiographic“) und glottographische („glottographic“) Systeme vor. Unter der Bezeichnung „semasiographisch“ verbirgt sich ein weiter Schriftbegriff, der Piktogramme und die in Schriftgeschichten weitverbreiteten Felszeichnungen etc. umfaßt; „glottographisch“ sind alle Schriftsysteme insofern sie bestimmte Sprachen schreiben. Sampson räumt durchaus ein, dass man die Bezeichnung „Schrift“ auf die Systeme beschränken könnte, die er glottographisch nennt. Es ist für ihn aber theoretisch durchaus vorstellbar, semasiographische Systeme (Piktogramme) so weit auszudifferenzieren, dass sie die Ausdrucksmächtigkeit einer Schrift bekommen – und zwar unabhängig von einer bestimmten Sprache. Die glottographischen Systeme wiederum sind eingeteilt in phonographische („phonographic“) Systeme einerseits (Silbenschriften, Alphabete und Systeme wie das Koreanische, die zwar Silbenschriften sind, aber eine aufgeschlüsselte Binnenstruktur haben) und „logographische“ („logographic“) Systeme andererseits, die Morpheme schreiben, wie das Chinesische. | ||
Der Gegenentwurf von DeFrancis (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.58ff. ) unterscheidet sich davon vor allem in zwei Punkten: Erstens kann laut DeFrancis das, was Sampson „semasiographische Systeme“ nennt auf keinen Fall als Schrift gelten; semasiographische Systeme sind für ihn „dead-end symbols“ (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.58), da Piktogramme etc. nicht nur keine Schriften sind, sondern auch nicht zu welchen werden können. Das können sie deshalb nicht, weil echte Schriften für DeFrancis notwendig phonographisch sind (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.7). Für DeFrancis, gibt es deswegen zweitens auch grundsätzlich keine „logographischen Schriften“ in dem Sinne wie Sampson den Ausdruck verwendet. Das Chinesische klassifiziert er als "morpho-syllabisch" (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.58), d.h. als eine Silbenschrift, deren Element außerdem auch noch mit Morphemen korrespondieren, wie das im Chinesischen der Fall ist . | Der Gegenentwurf von DeFrancis (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.58ff. ) unterscheidet sich davon vor allem in zwei Punkten: Erstens kann laut DeFrancis das, was Sampson „semasiographische Systeme“ nennt auf keinen Fall als Schrift gelten; semasiographische Systeme sind für ihn „dead-end symbols“ (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.58), da Piktogramme etc. nicht nur keine Schriften sind, sondern auch nicht zu welchen werden können. Das können sie deshalb nicht, weil echte Schriften für DeFrancis notwendig phonographisch sind (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.7). Für DeFrancis, gibt es deswegen zweitens auch grundsätzlich keine „logographischen Schriften“ in dem Sinne wie Sampson den Ausdruck verwendet. Das Chinesische klassifiziert er als "morpho-syllabisch" (<bib id='De Francis 1989a'>DeFrancis 1989a</bib>: S.58), d.h. als eine Silbenschrift, deren Element außerdem auch noch mit Morphemen korrespondieren, wie das im Chinesischen der Fall ist . | ||
In der neueren Forschung arbeitet etwa Sproat (<bib id='Sproat | In der neueren Forschung arbeitet etwa Sproat (<bib id='Sproat 2010b'>Sproat 2010b</bib>: S.72) mit einem Schriftbegriff, der etwa der Position von DeFrancis entspricht, dagegen versucht z.B. Elkins (<bib id='Elkins 1999a'>Elkins 1999a</bib>: Kap. 8) mit seinen Anmerkungen über semasiographische Zeichen („semasiographs“), die Debatte um die Taxonomie im Grenzbereich zwischen Schrift und Bild neu zu beleben. | ||
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Version vom 1. September 2011, 19:49 Uhr
Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit
Darstellung des gr. ZusammenhangsWenn man die Schriften natürlicher Sprachen in historischer oder systematischer Perspektive kategorisieren, also eine Schriftgeschichte oder –typologie entwerfen möchte, muß man zwei grundsätzliche Fragen beantworten: die Frage nach den „Außengrenzen“ des Bereichs der Schrift (was gilt noch als Schrift, was als historische Vorstufe zu voll entwickelten Schriften, was schon als Bild?) und die Frage nach den Funktionsprinzipien unterschiedlicher Schrifttypen (gibt es ein gemeinsames Funktionsprinzip oder mehrere unterschiedliche?). Ein wichtiges Problem in diesem Zusammenhang ist die Beschreibung und die Definition von Bilderschriften, da sich u.a. an diesem Problem die Grenze zwischen Schrift und Bild [1] verhandelt.
Engere BegriffsbestimmungMan spricht traditionell von „Bilderschriften“, wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegenständen ähneln, die Bezeichnung „Bilderschriften“ dient manchmal aber auch als Sammelname für Vorformen von Schrift und schriftartige Mnemotechniken. Man spricht also einerseits von einer bestimmten graphischen Gestalt und andererseits von einer bestimmten Funktionsweise, der direkten Referenz auf den Gegenstand, ohne daß notwendig eine Bindung an eine bestimmte Lautung gegeben sein muß. Oft wird auch angenommen, die Ikonizität der Gestalt bedinge eine solche Gebrauchsweise. In diesem zweiten Sinne wären Bilderschriften etwas Ähnliches wie Piktogramme, eine Art mehr oder weniger standardisierte ikonische Kurzformeln.
Als Prototyp einer Bilderschrift im ersten Sinn galten lange die ägyptischen Hieroglyphen. Vor ihrer Entzifferung im 19. Jahrhundert gab es v.a. in der Spätantike und im Barock Versuche, die Bedeutung der Hieroglyphen über unterschiedliche Analogiebeziehungen aus dieser Bildlichkeit abzuleiten . Der modernen Ägyptologie gilt dieser Blick auf die ägyptische Schrift schlicht als falsch: Hieroglyphen schreiben eine bestimmte Sprache bzw. Sprachstufe, sie werden gelesen, nicht bloß betrachtet. Ihre Bildlichkeit spielt für ihre primäre Funktion keine Rolle. Das zeigt sich z.B. auch daran, daß „der Normalfall der ägyptischen Schrift […] eine kursive Schreibschrift [ist]“ ([Seidlmayer]Der Eintrag existiert noch nicht.: S.XXX). Ikonische Eigenschaften können aber in bestimmten Gebrauchskontexten für semantische Effekte „ausgebeutet“ werden (vgl. [Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011): Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
optional BeispieleAuswirkungen auf andere Begriffe |
Anmerkungen
Literatur
[Assmann 2011a]Assmann, Jan (2012): Schriftbildlichkeit: Etymographie und Ikonographie. In: Krämer, S. & Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Coulmas 1999a]Coulmas, Florian (1999): The Backwell Encyclopedia of Writing Systems. Backwell, Oxford u.a.[DeFrancis 1989a]DeFrancis, John (1989): Visible Speech. The Diverse Oneness of Writing Systems. University of Hawaii Press, Honolulu.[Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.[Humboldt 1988a]Humboldt, Wilhelm (1988): Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau. In: Flitner, A. & Giel, K. (Hg.), Schriften zur Sprachphilosophie, Werke Bd. III. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.[Sampson 1985a]Sampson, Geoffrey (1985): Writing Systems. A linguistic introduction. Stanford University Press, Stanford, California.[Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011): Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Sproat 2010b]Sproat, Richard (2010): Language, Technology, and Society. Oxford University Press, Oxford u.a.[Stetter 1999a]Stetter, Christian (1999): Schrift und Sprache. Suhrkamp, Frankfurt/M. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Elisabeth Birk und Marcel Lemmes — (Hinweis) |