Bildtheorie/Bildwissenschaft/Bildkritik: Unterschied zwischen den Versionen
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Am Beispiel von Lambert Wiesing sowie Klaus Sachs-Hombach und Jörg R.J. Schirra lässt sich nachvollziehen, wie das Bild als ein im weitesten Sinne philosophisches Thema in den Blick genommen wird. Obwohl das wachsende Interesse für grundlagentheoretische Probleme des Bildes in der Tat zu großen Teilen darauf zurückzuführen ist, dass das Bild stärker als bislang üblich als eigenständiges philosophisches Problem entdeckt worden ist, folgt daraus jedoch nicht, dass die aktuelle Bilddebatte ausschließlich in philosophischen Abhandlungen und Instituten ihre Heimat findet. Wie das Beispiel Hans Beltings zeigt, repräsentiert die philosophische Erörterung allgemeiner Bildfragen lediglich eine von vielen weiteren Facetten bildwissenschaftlichen Forschens; und auch wenn sich in ihr eine ausgesprochen populäre Annäherung an das Phänomen des Bildes widerspiegelt, ist sie keineswegs unumstritten. Zu besonders großen Widerständen kommt es gerade dort, wo – wie im Falle von Klaus Sachs-Hombachs selbständigen Arbeiten – die Philosophie als Theorierahmen einer allgemeinen Bildwissenschaft vorgestellt wird, der das Vermögen besitzen soll, die verschiedensten bildwissenschaftlichen Bilddisziplinen zu einem „integrative[n] Forschungsprogramm“ | Am Beispiel von Lambert Wiesing sowie Klaus Sachs-Hombach und Jörg R.J. Schirra lässt sich nachvollziehen, wie das Bild als ein im weitesten Sinne philosophisches Thema in den Blick genommen wird. Obwohl das wachsende Interesse für grundlagentheoretische Probleme des Bildes in der Tat zu großen Teilen darauf zurückzuführen ist, dass das Bild stärker als bislang üblich als eigenständiges philosophisches Problem entdeckt worden ist, folgt daraus jedoch nicht, dass die aktuelle Bilddebatte ausschließlich in philosophischen Abhandlungen und Instituten ihre Heimat findet. Wie das Beispiel Hans Beltings zeigt, repräsentiert die philosophische Erörterung allgemeiner Bildfragen lediglich eine von vielen weiteren Facetten bildwissenschaftlichen Forschens; und auch wenn sich in ihr eine ausgesprochen populäre Annäherung an das Phänomen des Bildes widerspiegelt, ist sie keineswegs unumstritten. Zu besonders großen Widerständen kommt es gerade dort, wo – wie im Falle von Klaus Sachs-Hombachs selbständigen Arbeiten – die Philosophie als Theorierahmen einer allgemeinen Bildwissenschaft vorgestellt wird, der das Vermögen besitzen soll, die verschiedensten bildwissenschaftlichen Bilddisziplinen zu einem „integrative[n] Forschungsprogramm“ (<BIB ID='Sachs-Hombach 2003a'></BIB>: S. 10) zusammenzufassen. | ||
Einer der schärfsten Kritiker dieser Idee ist der Kunsthistoriker Horst Bredekamp. Dem von Klaus Sachs-Hombach geäußerten Vorhaben, eine allgemeine Theorie des Bildes sowohl wahrnehmungstheoretisch als auch semiotisch zu formulieren, steht dieser ebenso skeptisch gegenüber wie der ebenfalls von Sachs-Hombach eröffneten (und inzwischen in Teilen realisierten) Absicht, der Bildwissenschaft neben einem theoretischen zugleich einen institutionellen Rahmen zu geben, der über das Gebiet der Kunstgeschichte hinausgeht. Demgegenüber vertritt Bredekamp die Auffassung, dass die Kunstgeschichte nicht nur die materialreichste, sondern vor allem auch die ursprünglichste Bildwissenschaft darstelle, sodass die Notwendigkeit einer institutionellen Umorientierung aus seiner Sicht nicht gegeben sei. So groß und neu das gegenwärtige Interesse am Bild streckenweise auch ist: das Wort ‚Bildwissenschaft‘ verbindet Bredekamp in erster Linie mit einer lange Zeit „vernachlässigten Tradition“ , die in der Kunstgeschichte ihre Heimat findet, von dieser aber zu Gunsten anderer Methoden nachhaltig an den Rand gedrängt worden ist. | Einer der schärfsten Kritiker dieser Idee ist der Kunsthistoriker Horst Bredekamp. Dem von Klaus Sachs-Hombach geäußerten Vorhaben, eine allgemeine Theorie des Bildes sowohl wahrnehmungstheoretisch als auch semiotisch zu formulieren, steht dieser ebenso skeptisch gegenüber wie der ebenfalls von Sachs-Hombach eröffneten (und inzwischen in Teilen realisierten) Absicht, der Bildwissenschaft neben einem theoretischen zugleich einen institutionellen Rahmen zu geben, der über das Gebiet der Kunstgeschichte hinausgeht. Demgegenüber vertritt Bredekamp die Auffassung, dass die Kunstgeschichte nicht nur die materialreichste, sondern vor allem auch die ursprünglichste Bildwissenschaft darstelle, sodass die Notwendigkeit einer institutionellen Umorientierung aus seiner Sicht nicht gegeben sei. So groß und neu das gegenwärtige Interesse am Bild streckenweise auch ist: das Wort ‚Bildwissenschaft‘ verbindet Bredekamp in erster Linie mit einer lange Zeit „vernachlässigten Tradition“ (<BIB ID='Bredekamp 2003a'></BIB>: S. 418-428), die in der Kunstgeschichte ihre Heimat findet, von dieser aber zu Gunsten anderer Methoden nachhaltig an den Rand gedrängt worden ist. | ||
Einen der ersten und bedeutendsten Bildwissenschaftler erkennt Bredekamp im deutschen Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866-1929), der gemeinsam mit Erwin Panofsky (1892-1968) zu den wichtigsten Vertretern der Ikonologie zählt (→ Ikonologie). Warburg war einer der ersten Kunsthistoriker, der – ähnliche wie Belting heute – seine Arbeit in einen breiten kulturwissenschaftlichen Horizont stellte und sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich als Bildwissenschaftler verstanden hat. | Einen der ersten und bedeutendsten Bildwissenschaftler erkennt Bredekamp im deutschen Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Aby Warburg (1866-1929), der gemeinsam mit Erwin Panofsky (1892-1968) zu den wichtigsten Vertretern der Ikonologie zählt (→ Ikonologie). Warburg war einer der ersten Kunsthistoriker, der – ähnliche wie Belting heute – seine Arbeit in einen breiten kulturwissenschaftlichen Horizont stellte und sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich als Bildwissenschaftler verstanden hat (<BIB ID='Bogen 2005a'></BIB>: S. 55). Anders als die meisten (auch heutigen) Kunsthistoriker interessierte er sich nicht alleine für die Werke der so genannten schöneren bzw. höheren Künste (high art). Stattdessen beschäftigte er sich auch mit solchen Werken, die den ästhetischen Ansprüchen des konventionellen Kunstdiskurses nicht entsprechen (low art). Um zu ermitteln, in welchem Maße Bilder epochen- wie kulturübergreifend „als zentrales Moment der kognitiven und affektiven Daseinsbewältigung“ (ebd.) des Menschen fungieren, trug Warburg eine Vielzahl von Bildern aus den unterschiedlichsten historischen und kulturellen Kontexten zusammen, um diese sodann in einen Bilderatlas mit dem Titel „Mnemosyne“ aufzunehmen und zu analysieren (<BIB ID='Warburg 2008a'></BIB>). Neben fotografischen Reproduktionen von Werken aus der Antike und der Renaissance (zwei traditionellen Forschungsgebieten der Kunstgeschichte) waren darin unter anderem auch Zeitungsausschnitte und Briefmarken enthalten. | ||
Indem Bredekamp die unkonventionelle Offenheit der Warburgschen Arbeitsweise in seinen eigenen historischen Studien fortsetzt, bemüht er sich um die Revitalisierung eines kunsthistorischen Forschungsprogramms, dessen Augenmerk weniger auf Facetten der Kunst als auf solchen der Bildlichkeit liegt. Die Frage nach dem ästhetischen Wert von bildhaften Darstellungen tritt in den Hintergrund. Hingegen wird die Frage, inwieweit Bilder insbesondere bei der Genese von wissenschaftlichen Erkenntnisaussagen eine Rolle spielen, in den Vordergrund gerückt. In Bredekamps Arbeiten trifft so schließlich ein kunsthistorisch geschultes Auge auf eine Mannigfaltigkeit von Bildwerken, denen in der Kunstgeschichte lange Zeit wenig oder gar keine Beachtung geschenkt worden ist. Neben technischen Bildern zählen zu diesem Bildkorpus beispielsweise auch biologische Darstellungen oder astrologische Zeichnungen. | Indem Bredekamp die unkonventionelle Offenheit der Warburgschen Arbeitsweise in seinen eigenen historischen Studien fortsetzt, bemüht er sich um die Revitalisierung eines kunsthistorischen Forschungsprogramms, dessen Augenmerk weniger auf Facetten der Kunst als auf solchen der Bildlichkeit liegt. Die Frage nach dem ästhetischen Wert von bildhaften Darstellungen tritt in den Hintergrund. Hingegen wird die Frage, inwieweit Bilder insbesondere bei der Genese von wissenschaftlichen Erkenntnisaussagen eine Rolle spielen, in den Vordergrund gerückt. In Bredekamps Arbeiten trifft so schließlich ein kunsthistorisch geschultes Auge auf eine Mannigfaltigkeit von Bildwerken, denen in der Kunstgeschichte lange Zeit wenig oder gar keine Beachtung geschenkt worden ist. Neben technischen Bildern zählen zu diesem Bildkorpus beispielsweise auch biologische Darstellungen oder astrologische Zeichnungen (<BIB ID='Bredekamp et al. 2008a'></BIB>). | ||
Bredekamps Arbeiten legen nahe, dass die von Wiesing und Sachs-Hombach/Schirra vorgeschlagene Aufteilung des bildwissenschaftlichen Forschungsfeldes lediglich in einem idealtypischen Sinne zu verstehen ist. Denn obwohl Bredekamp überwiegend von historischen Instrumenten Gebrauch macht und er sich somit vorwiegend auf empirischem Terrain bewegt, macht er es sich durchaus zum Ziel, allgemeine Einsichten über das Wesen des Bildes ans Licht zu bringen. Deutlich wird dieses Vorhaben in einem Buch, das sich mit der Rolle des Bildes in Galileo Galileis Mond- und Sonnenstudien befasst. Darin bemüht sich Bredekamp um den Nachweis, dass Galileis Mond- und Sonnenskizzen mitnichten eine rein illustrative Funktion erfüllen, sondern ein „zwingendes Medium der Erkenntnis“ | Bredekamps Arbeiten legen nahe, dass die von Wiesing und Sachs-Hombach/Schirra vorgeschlagene Aufteilung des bildwissenschaftlichen Forschungsfeldes lediglich in einem idealtypischen Sinne zu verstehen ist. Denn obwohl Bredekamp überwiegend von historischen Instrumenten Gebrauch macht und er sich somit vorwiegend auf empirischem Terrain bewegt, macht er es sich durchaus zum Ziel, allgemeine Einsichten über das Wesen des Bildes ans Licht zu bringen. Deutlich wird dieses Vorhaben in einem Buch, das sich mit der Rolle des Bildes in Galileo Galileis Mond- und Sonnenstudien befasst. Darin bemüht sich Bredekamp um den Nachweis, dass Galileis Mond- und Sonnenskizzen mitnichten eine rein illustrative Funktion erfüllen, sondern ein „zwingendes Medium der Erkenntnis“ (<BIB ID='Bredekamp 2007a'></BIB>: S. 113) darstellen, welches hinsichtlich seines epistemischen Nutzens nicht minder wertvoll ist als derjenige der Sprache. Bilder machen es nicht nur möglich, komplizierte Sachverhalte übersichtlich darzustellen oder wissenschaftliche Beobachtung intersubjektiv zugänglich zu machen; sie besitzen zudem das Vermögen, Wissen zu stiften, indem sie das darstellen, „was ohne [sie] nicht darstellbar und denkbar wäre und dem Denken vorausgeht.“ (<BIB ID='Schulz 2005a'></BIB>: S. 28) Damit einher geht, dass sie dazu in der Lage sind, die Basis für genuin visuelle (im Gegensatz zu sprachlich-diskursiven) Formen der Argumentation zu legen (<BIB ID='Bredekamp&Schneider 2006a'></BIB>). | ||
Dieser – am Beispiel von Galilei exemplarisch herausgestellte – Aspekt ist insofern von besonderer Bedeutung, als Bredekamp eine der größten Chancen bildwissenschaftlichen Forschens darin sieht, das Primat der Sprache, welches sich im 20. Jahrhundert im Zuge des linguistic turn | Dieser – am Beispiel von Galilei exemplarisch herausgestellte – Aspekt ist insofern von besonderer Bedeutung, als Bredekamp eine der größten Chancen bildwissenschaftlichen Forschens darin sieht, das Primat der Sprache, welches sich im 20. Jahrhundert im Zuge des linguistic turn (<BIB ID='Rorty 1967a'></BIB>) in einem Großteil der Geistes- und Kulturwissenschaften etablieren konnte, zu entkräften. Ausdrücklich stellt sich Bredekamp gegen die „semiologisch-strukturalistische Maxime“, nach der alles Kulturelle (und damit auch alles Bildhafte) als Text aufgefasst werden kann (→ Bildsemiotik) (<BIB ID='Krämer&Bredekamp 2003a'></BIB>: S. 11-22). Zwar streitet er nicht ab, dass Bilder – wie lange Zeit üblich – mit Mitteln analysiert werden können, die ursprünglich für die Erforschung der Sprache entwickelt worden sind (<BIB ID='Metz 1972a'></BIB>). Allerdings ist er davon überzeugt, dass sprachanalytische Instrumente nicht leistungsfähig genug sind, um das Eigentümliche des Bildlichen zu ergründen. Ganz im Gegenteil: Wird bei der Erforschung des Bildes das Moment des Sprachlichen bzw. Textuellen (und das heißt für Bredekamp auch immer: das Moment des Zeichenhaften) hypostasiert, kommt es seines Erachtens unweigerlich zu einer fatalen Einengung des Bildes in die „begrifflichen Regelwerke“ semiologisch-strukturalistischer Theoreme (<BIB ID='Bredekamp 2004a'></BIB>: S. 15). | ||
Man sieht: Auf der einen Seite verbindet Bredekamp – in einer ähnlichen Weise wie Belting – die Bildwissenschaft mit dem Ziel, eine als verkrustet empfundene Kunstgeschichte mit einer Tradition bekannt zu machen, die die Reichweite des kunst- bzw. bildhistorischen Forschungsfeldes nicht von althergebrachten Polarisierungen zwischen high art und low art abhängig macht. Auf der anderen Seite stellt er die Bildwissenschaft als eine Disziplin vor, die es sich zur Aufgabe macht, der Dominanz des linguistischen Logozentrismus ein Ende zu bereiten, um so der spezifischen Eigenlogik von Bildern gerecht werden zu können. | Man sieht: Auf der einen Seite verbindet Bredekamp – in einer ähnlichen Weise wie Belting – die Bildwissenschaft mit dem Ziel, eine als verkrustet empfundene Kunstgeschichte mit einer Tradition bekannt zu machen, die die Reichweite des kunst- bzw. bildhistorischen Forschungsfeldes nicht von althergebrachten Polarisierungen zwischen high art und low art abhängig macht. Auf der anderen Seite stellt er die Bildwissenschaft als eine Disziplin vor, die es sich zur Aufgabe macht, der Dominanz des linguistischen Logozentrismus ein Ende zu bereiten, um so der spezifischen Eigenlogik von Bildern gerecht werden zu können. | ||
=====Bildwissenschaft als Sprach- und Bildkritik===== | =====Bildwissenschaft als Sprach- und Bildkritik===== | ||
Version vom 17. September 2010, 17:32 Uhr
Theorieperspektive im Glossar der Bildphilosophie
ALLGEMEINESWas kann und was soll eine Bilddisziplin leisten?Wer sich heutzutage für bildwissenschaftliche Fragestellungen interessiert, sieht sich schnell mit einer schier unüberschaubaren Masse von Forschungsliteratur konfrontiert. Nachdem Gottfried Boehm und W.J.T. Mitchell in der ersten Hälfte der 1990er Jahre den iconic ([Boehm 1994a]Boehm, Gottfried (1994): Die Wiederkehr der Bilder. In: Boehm, G. (Hg.), Was ist ein Bild?. Fink, München.
PROGRAMMATISCHESBildwissenschaft vs. BildtheorieDie Uneinigkeit, die den bildwissenschaftlichen Forschungsdiskurs charakterisiert, lässt sich bereits im Hinblick auf die Frage, welcher Oberbegriff für die wissenschaftliche Erforschung des Bildes gewählt werden sollte, beobachten. Dass das Wort ‚Bildwissenschaft‘ „in den letzten Jahren zu einem oft pauschal eingesetzten Sammelbegriff für jegliche Art der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Bildern geworden [ist]“ ([Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York. Bilderwissenschaft vs. BildwissenschaftLambert Wiesing ist nicht der einzige Autor, der das weitverzweigte bildwissenschaftliche Forschungsfeld mit Hilfe von terminologisch klar umrissenen Trennlinien übersichtlicher gestalten möchte. So halten auch Klaus Sachs-Hombach und Jörg R.J. Schirra eine Aufteilung der Bildwissenschaft in zwei Arbeitsfelder, die sich aus ihrer Sicht sowohl inhaltlich als auch methodisch grundsätzlich voneinander unterscheiden, für sinnvoll. In diesem Zusammenhang greifen sie auf Differenzierungskriterien zurück, die auf den ersten Blick mit denen Wiesings identisch zu sein scheinen. Für die Analyse der „spezifische[n] Eigenarten von konkreten Bildwerken“ ([Sachs-Hombach&Schirra 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 52) reservieren sie den Pluralis Bilderwissenschaft. Von Bildwissenschaft sollte ihres Erachtens indessen immer „dann die Rede sein, wenn sich das wissenschaftliche Interesse der Frage zuwendet, was es grundsätzlich bedeutet, mit Bildern (als solchen) umgehen zu können.“ (ebd.) Anders als es in bilderwissenschaftlichen Auseinandersetzungen der Fall ist, stehen auf der bildwissenschaftlichen Untersuchungsebene sodann „gar nicht einzelne Bilder im unmittelbaren Fokus des Interesses, sondern vielmehr die Fähigkeit, Bilder verwenden (d.h. erzeugen und rezipieren) zu können“ (ebd.).
Während Sachs-Hombach und Schirra mit dem Wort Bilderwissenschaft Aufgaben- und Methodenfelder ins Spiel bringen, die praktisch in derselben Weise von Lambert Wiesings Terminus Bildwissenschaft zusammengefasst werden, lässt ein vergleichender Blick auf die Konzepte von Wiesings Bildtheorie und Sachs-Hombach/Schirras Bildwissenschaft vor allem einen gewichtigen Unterschied hervortreten: Für Wiesing führt die bildtheoretische Betrachtungsweise in erster Linie zu folgender Forschungsfrage: „Was soll als Bild bezeichnet werden?“ ([Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M. Kunstgeschichte als BildgeschichteAm Beispiel bildanthropologischer Überlegungen lässt sich vor Augen führen, inwieweit die Beschäftigung mit grundlagentheoretischen Fragen des Bildes dazu führen kann, ältere Problemkomplexe aus einem anderen oder sogar völlig neuen Blickwinkel zu betrachten. Was Wiesing, Sachs-Hombach/Schirra und Jonas für den Bereich der Philosophie demonstrieren, lässt sich nun ebenfalls auf dem Gebiet der Kunstgeschichte beobachten. So nutzt der Kunsthistoriker Hans Belting seine bildwissenschaftlichen Untersuchungen in einer ausgesprochen reformatorischen Absicht: Sein Ziel ist es, der Kunstgeschichte durch eine historische Reflexion auf den Bildbegriff sowohl in inhaltlicher als auch in methodischer Hinsicht ein neues Gesicht zu geben.
Noch vor der durchschlagenden Proklamation des iconic bzw. pictorial turn stellte Belting die provokante These auf, dass die akademische Kunstgeschichtsschreibung in der Form, in der sie spätestens seit dem 19. Jahrhundert betrieben worden ist, nicht mehr zeitgemäß sei ([Belting 2002a]Belting, Hans (2002): Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren. Verlag C.H. Beck, München. Kunstgeschichte als historische BildwissenschaftAm Beispiel von Lambert Wiesing sowie Klaus Sachs-Hombach und Jörg R.J. Schirra lässt sich nachvollziehen, wie das Bild als ein im weitesten Sinne philosophisches Thema in den Blick genommen wird. Obwohl das wachsende Interesse für grundlagentheoretische Probleme des Bildes in der Tat zu großen Teilen darauf zurückzuführen ist, dass das Bild stärker als bislang üblich als eigenständiges philosophisches Problem entdeckt worden ist, folgt daraus jedoch nicht, dass die aktuelle Bilddebatte ausschließlich in philosophischen Abhandlungen und Instituten ihre Heimat findet. Wie das Beispiel Hans Beltings zeigt, repräsentiert die philosophische Erörterung allgemeiner Bildfragen lediglich eine von vielen weiteren Facetten bildwissenschaftlichen Forschens; und auch wenn sich in ihr eine ausgesprochen populäre Annäherung an das Phänomen des Bildes widerspiegelt, ist sie keineswegs unumstritten. Zu besonders großen Widerständen kommt es gerade dort, wo – wie im Falle von Klaus Sachs-Hombachs selbständigen Arbeiten – die Philosophie als Theorierahmen einer allgemeinen Bildwissenschaft vorgestellt wird, der das Vermögen besitzen soll, die verschiedensten bildwissenschaftlichen Bilddisziplinen zu einem „integrative[n] Forschungsprogramm“ ([Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln. Bildwissenschaft als Sprach- und BildkritikWas Horst Bredekamp und Hans Belting unter überwiegend kunsthistorischen Vorzeichen realisieren möchten, eruiert Gottfried Boehm an der Schnittstelle zwischen Kunstgeschichte und Philosophie. Während Bredekamp häufig dezidiert nicht-künstlerische Bilder in Augenschein nimmt, um die prinzipielle Eigenständigkeit des Bildlichen gegenüber der Sprache unter Beweis zu stellen, greift Boehm zu großen Teilen auf solche Kunstwerke zurück, die in selbstreflexiver Weise „die Konstitution von Bildlichkeit selbst beobachtbar“ machen. Der Frage Was ist ein Bild? wird sich ferner mit bildreflexiven – nicht alleine mit diskursiven – Mitteln genähert. Ebenso wie Bredekamp begreift Boehm die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Bild als ein sprachkritisches Unternehmen. Ausdrücklich knüpft er die „Wende“, die durch seine Proklamation des iconic turn angesprochen wird, an den „Versuch, über die Sprache hinaus und durch die Sprache hindurch zu einem anderen [sprich: genuin bildlichen] Sinn […] durchzustoßen.“ Das Ziel bildwissenschaftlichen Forschens besteht demnach darin, „auf die Konstitutionsbedingungen von Bildern […] so zurück zu gehen, dass man ihnen nicht immer schon Sprache unterschiebt, sondern dass man ihre eigenen Möglichkeiten in den Blick rückt.“ Für Boehm zeichnen sich Bilder vor allen Dingen dadurch aus, dass sie sich auf einer Sinndimension bewegen, die von der der Sprache grundlegend verschieden ist. Aus diesem Grund skizziert er eine allgemeine Theorie des Bildes, die hauptsächlich durch negative Bestimmungsversuche gekennzeichnet ist: Um die prinzipielle Autonomie des Bildlichen zu demonstrieren, soll offenbart werden, inwieweit sich das Phänomen des Bildes kategorial von der Sprache unterscheidet. Boehm erörtert seine negative bzw. sprachkritische Theorie des Bildes beispielsweise durch folgende Gegenüberstellung: Seiner Meinung nach gründet die Sprache auf einer prädikativen Logik, die – etwa durch die Etablierung fest umrissener syntaktischer Differenzsetzungen – ein Höchstmaß an semantischer Kontrolle gewährleistet. Wesentlich für die Sprache ist es demnach, dass sie über eine logische Struktur verfügt, die den Aufbau von weitgehend reibungslosen Verstehens- und Verständigungsprozessen ermöglicht. Einen vollständig anderen Charakter spricht Boehm demgegenüber dem Phänomen des Bildes zu. In ihm offenbart sich stets ein „nicht-prädikativer Sinn, dem kein sprachlicher Logos vorausgeht“. Strebt die Struktur der Sprache nach semantischer Bestimmtheit, ist es für die Medialität des Bildlichen konstitutiv, gegenüber Facetten des Unbestimmten, Vieldeutigen und Potenziellen prinzipiell offen zu sein. Für Bilder ist es sodann typisch, dass sie sich einer begrifflichen Erfassung durch die Sprache prinzipiell entziehen. Der Sinn eines Bildes lässt sich „nur im Akt der Betrachtung“ erfassen; eine „nachträgliche Rechtfertigung durch das Wort“ kann es niemals erfahren. Wo die Logik der Sprache die Logik des Sehens übertrumpft, ist die Voraussetzung für die Formulierung einer allgemeinen Theorie des Bildes nicht gegeben. Wie Bredekamp distanziert sich Boehm explizit von solchen Theorien, die das Bild in erster Linie als ein kommunikatives Medium begreifen. Anders als Bredekamp leitet er diese Distanz durch eine Argumentationsführung ein, die – auch wenn sie ursprünglich vor einem hermeneutischen Hintergrund vorgetragen worden ist – zahlreiche Parallelen vor allem zur phänomenologischen Philosophietradition aufweist. So bemängelte schon Maurice Merleau-Ponty, dass von der natürlichen Faszination und Macht des Bildes nicht mehr viel übrig bleibt, „wenn die Macht des Bildes nichts anderes als die Macht eines Textes ist“ , der dem Bild – wie es zum Beispiel in den früheren Schriften des französischen Semiologen Roland Barthes’ geschehen ist – als bestimmendes Grundmuster untergeschoben wird. Boehms Nähe zu phänomenologischen Wahrnehmungs- und Bildtheorien tritt am deutlichsten in seinem Konzept der ikonischen Differenz hervor. Dieses geht davon aus, dass Bilder „keine Sammelplätze beliebiger Details, sondern Sinneinheiten“ sind, die ihren Grund darin haben, dass „das eine im anderen“ in Erscheinung tritt. Die Erfahrung der Bildlichkeit stellt sich lediglich in solchen Wahrnehmungssituationen ein, in denen ein Betrachter dazu in der Lage ist, etwas (einen Gegenstand, eine Person, eine Fläche, eine Szene) in bzw. auf etwas anderem (einer Leinwand, einem Blatt Papier, einem Steinblock) zu erkennen. Ein Bild ist erst dann ganz Bild geworden, wenn ein Betrachter dazu in der Lage ist, jenen „visuellen Grundkontrast“ zu erfassen, der zwischen einer „überschaubaren Gesamtfläche“ und „allem, was [diese] an Binnenereignissen einschließt“ vorherrscht. Das phänomenologische Diktum, dass etwas immer nur im Kontrast zu einem es umgebenden Horizontes als etwas Bestimmtes wahrgenommen werden kann , wird somit bildtheoretisch fortgesetzt. Das Prinzip der ikonischen Differenz macht deutlich, dass Boehm den Begriff des Bildes nicht in einem essenziellen Sinne versteht. Zwar leugnet er nicht, dass ein jedes Bild über materielle Grundlagen verfügen muss, weil es ansonsten der Möglichkeit beraubt ist, in einem bestimmten Trägermedium in Erscheinung treten zu können. Jedoch legt er großen Wert auf die Feststellung, dass der Betrachter die entscheidende bildkonstitutive Instanz darstellt. Nur dort, wo eine ikonische Differenz gezogen wird, wird ein Bild – und nicht etwa ein leibhaftiges Wahrnehmungsobjekt – gesehen. Indem die Konstitutionsbedingungen von Bildern somit im wahrnehmenden Subjekt lokalisiert werden, erhält die Boehmsche Theorie des Bildes einen Kantischen Unterton. Die Frage Was ist ein Bild? verweist auf eine weitere – von Boehm selbst in dieser Form nicht gestellte, aber dennoch implizit ins Auge gefasste – Frage: Wie sind Bilder möglich? Um die erkenntnistheoretische Pointe des Boehmschen Ansatzes zu demonstrieren, empfiehlt es sich, einen Blick auf die so genannte Zeuxis-Anekdote zu werfen. In dieser Anekdote wird beschrieben, wie sich Zeuxis und Parrhasios – zwei berühmte Maler der Antike – auf einen Wettstreit einließen. Zeuxis rühmte sich damit, „so erfolgreich gemalte Trauben aufgestellt [zu haben], daß die Vögel zu dem Schauplatz herbeiflogen“ . Demgegenüber soll es Parrhasios gelungen sein, „einen so naturgetreu gemalten leinenen Vorhang aufgestellt [zu haben], daß der auf das Urteil der Vögel stolze Zeuxis verlangte, man solle doch den Vorhang wegnehmen und das Bild zeigen“ . Als Zeuxis kurz darauf einsah, sich getäuscht zu haben, erkannte er Parrhasios „in aufrichtiger Beschämung den Preis zu[…], weil er selbst zwar die Vögel, Parrhasios aber ihn als Künstler habe täuschen können.“ Mit Boehm lässt sich Zeuxis’ Niederlage folgendermaßen erklären: Parrhasios verstand sich darauf, das Verhältnis zwischen der „überschaubaren Gesamtfläche“ und „allem, was sie an Binnenereignissen einschließt“ so zu gestalten, dass Zeuxis das Erfassen eines „visuellen Grundkontrastes“ unmöglich gemacht worden ist. Da keine ikonische Differenz zustande gekommen ist, vermochte Zeuxis nicht etwas in bzw. auf etwas, sondern lediglich etwas als etwas zu sehen. Mit anderen Worten: Wo er in Wahrheit einem Bild gegenüberstand, machte er ein leibhaftiges Objekt aus, das sich nicht nur sehen, sondern zum Beispiel auch berühren ließe. In Rekurs auf Martin Seel ließe sich demnach festhalten, dass die Täuschung, der Zeuxis aufsaß, damit zusammenhängt, dass sich der Getäuschte in einem Wahrnehmungsmodus befunden hat, der sich von dem des Bildersehens grundlegend unterscheidet. Was als Sprachkritik (im Sinne einer Zurückweisung des sprachlogischen Paradigmas) beginnt, entwickelt sich ferner zu einer konzisen Bildkritik, die die Möglichkeiten und Grenzen des Bildbegriffs wahrnehmungslogisch zu konturieren versucht. Das Problem des Bildes wird immerzu im Kontext der „anschaulichen Kapazitäten des Auges“ untersucht. Alles, was ein Bild zu leisten vermag (seine immense affektive Kraft, seine besondere Evidenz, seine Macht usw. ), gründet auf der besonderen Wahrnehmungssituation, die sich zwischen Betrachter und Bild einstellt und dem Logos der Sprache nicht zugänglich ist.
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Anmerkungen
Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra und Franziska Kurz — (Hinweis) |