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Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Version vom 5. August 2023, 16:30 Uhr


Unterpunkt zu: Sign theories: Overview

Original: Kontext


Sign actions and their context

Aspects of the utterance situation on which the success of the sign action depends are generally regarded as the context of a sign action ([Levinson 1983a]Levinson, Stephen C. (1983): Pragmatics. Cambridge University Press, Cambridge.
). This is particularly obvious in the case of the deictic sign components, in which the sign user points directly (eg gesturally) to parts of the utterance situation, or the anaphoric sign components, in which he makes references to other sign actions carried out immediately beforehand (his own and others, in particular those directed at him). used.

However, it is also attributed to the influence of the respective context when actually ambiguous expressions are understood without a corresponding explanation: If, for example, a 'bank' is mentioned in connection with a financial crisis, nobody will think of park furniture because of this context. The content and manner of use of images can also depend on aspects of the usage situation.


Context and Sachbezug

Darüber hinaus kann nur im Zusam­menhang mit einem zuge­höri­gen Kontext vom Sachbe­zug einer Zeichen­handlung die Rede sein, denn der Sachbe­zug hängt von der Moda­lität der Zeichen­handlung ab. Das heißt, er lässt sich nur rela­tiv zu einer Situ­ation bestim­men, die man wahr­nehmen oder zu der man sich verhal­ten kann. Dies gilt insbe­sonde­re für die Nomi­nation, mit der, als einer notwen­digen Teilhand­lung jeder Propo­sition, versucht wird, einen Gegen­stand aus dem jeweils aktu­ellen Diskurs­uni­versum zu iden­tifi­zieren (vgl. [Tugendhat 1976a]Tugendhat, Ernst (1976): Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt/M.
).

Kontexte in diesem Sinn sind also von der Verwen­dungssi­tuation eines Zeichens auf belie­bige Situa­tionen verall­gemei­nert. Zeichen­handlun­gen mit Sachbe­zug haben daher prinzi­piell einen doppel­ten Kontext­bezug, nämlich einer­seits hinsicht­lich ihrer Verwen­dungssi­tuation und ande­rerseits hinsicht­lich des (in der Regel davon abwei­chenden) Kontex­tes für ihren Sachbe­zug. Forma­le lingu­istisch-logi­sche Ansät­ze zu Kontex­ten finden sich etwa als Situ­ation Seman­tics ([Barwise & Perry 1984a]Barwise, Jon & Perry, John (1984): Situations and Attitudes. MIT Press, Cambridge, MA.
), Possible World Seman­tics ([Kripke 1972a]Kripke, Saul A. (1972): Naming and Necessity. In: Davidson, D. & Harman, G. (Hg.), Semantics of Natural Language. Reidel, Dordrecht.
), Mental Spaces Theory ([Fauconnier 1985a]Fauconnier, Gilles (1985): Mental Spaces. Aspects of Meaning Construction in Natural Language. MIT Press, Cambridge, MA.
) oder auch inner­halb der Dis­course Struc­ture Theory ([Kamp 1990a]Kamp, Hans (1990): On the Representation and Transmission of Information: Sketch of a Theory of Verbal Communication Based On Discourse Representation Theory. In: Klein, E. & Veltman, F. (Hg.), Natural Language and Speech. Springer, Berlin.
).[1]

Kontexte lassen sich zwar in erster Annä­herung umschrei­ben als struktu­rierte Mengen von inten­tiona­len Gegen­ständen, auf die man sich unter günsti­gen Bedin­gungen kommu­nika­tiv bezie­hen kann.[2] Adä­quater ist aller­dings die Festle­gung als poten­tielle Verhal­tenssi­tuati­onen, auf die jemand seine Aufmerk­samkeit richtet. Denn einer­seits erfül­len Verhal­tenssi­tuati­onen intrin­sisch die Eigen­schaft der deduk­tiven Vollstän­digkeit, die über belie­bigen Gegen­standsmen­gen erst extrin­sisch erzeugt werden muss: Eine Situ­ation wird in ihrer Tota­lität stets als in sich konsis­tent voraus­gesetzt,[3] was für schlichte Mengen von Gegen­ständen nicht notwen­dig gilt. Ande­rerseits sind Verhal­tenssi­tuatio­nen inter­preta­tionsof­fen: Eine Situ­ation, in der man sich befin­det, legt als solche bekannt­lich noch nicht fest, ob man sie als Konfi­gura­tion mitein­ander wechsel­wirken­der Ele­mentar­teilchen, als Ansam­mlung mitein­ander reagie­render Mole­küle, als inter­agieren­de Lebe­wesen oder als mehr oder weni­ger sachlich mitein­ander argu­mentie­rende Partei­vorsit­zende begreift. Um was für eine Art von Gegen­standsmen­ge es sich handelt, kann bei einem Kontext entspre­chend unbe­stimmt bleiben. Es sind die auf den Kontext bezo­genen Sachbe­züge von Zeichen­handlun­gen, durch deren Prädi­katio­nen eine Zuord­nung zu bestimm­ten Begriffs­feldern erfolgt. Speziell in der moda­len Bildthe­orie spielt der Begriff des Kontex­tes eine zentra­le Rolle ([Schirra 2001a]Schirra, Jörg R.J. (2001): Bilder   ——   Kontextbilder. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildhandeln. Interdisziplinäre Forschungen zur Pragmatik bildhafter Darstellungsformen. Skriptum, Magdeburg.
Webadresse: www.jrjs.de/Work/Papers/P01/P01-5/index.html
).

Als potentiell inter­indi­viduell geteil­te Situ­atio­nen stehen Kontex­te mithin in den folgen­den Zusam­menhän­gen:

  • Sie sind das, worauf sich Aussa­gen (allge­meiner: Propo­sitio­nen) bezie­hen;
  • Sie sind das, was in der Wahrneh­mung Figur/Grund-Unter­scheidun­gen unter­worfen wird;
  • Sie sind das, worauf man reagiert (im Sinne Uex­külls: die jewei­lige Umwelt);
  • Sie sind das, worin Gegen­stände (im enge­ren Sinn, oder meta­phorisch) jeweils erschei­nen.

Da die jeweils aktu­elle Umwelt eines Wesens die Basis für den Kontext­begriff liefert und damit alles einschließt, was es in der Situ­ation wahrnimmt, kann man sich Kontex­te grob verein­facht als Raumzeit-Blasen vorstel­len, die das Indi­viduum umhül­len und in denen es agiert.

Abgesehen von der je aktu­ellen Verhal­tenssi­tuation eröff­net uns nur Zeichen­gebrauch den Zugang zu ande­ren, nicht-gegen­wärti­gen Kontex­ten: Die menschli­che Aufmerk­samkeit kann auf ande­re Situ­ationen – räumlich oder zeitlich verscho­bene, abstrak­te, hypo­theti­sche, fikti­ve, etc. – nur dadurch gerich­tet werden, dass wir uns gegen­seitig (oder uns selbst in der Rolle eines ande­ren) durch eine Zeichen­handlung auf jenen Kontext aufmerk­sam machen. Eine Zeichen­handlung, die das ermög­licht, erfüllt die pragma­tische Funktion der Kontext­bildung.


Gegenstände und Verhal­tenssi­tuatio­nen

Der Zusammenhang zwischen konkre­ten Gegen­ständen und Verhal­tenssi­tuatio­nen ist für den Kontext­begriff von großer Rele­vanz: Konkre­te Gegen­stände kommen nie iso­liert vor, sondern begeg­nen uns stets in raumzeit­lichen Zusam­menhän­gen mit ande­ren Gegen­ständen. Die je aktu­ellen Situ­atio­nen sind daher gegen­über den Gegen­ständen primär. Als Gegen­stände (im enge­ren Sinn) erschei­nen sie nur, inso­fern sie als Teil verschie­dener Situ­atio­nen verstan­den werden – inso­fern sie uns in verschie­denen Gege­benheits­weisen begeg­nen ([Frege 1892a]Frege, Gottlob (1892): Über Sinn und Bedeutung. Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik, 100.
Webadresse: www.gavagai.de/HHP31.htm
). Wahrneh­mung bedeu­tet dabei insbe­sonde­re auch, dass – auf wechseln­de Weise – etwas aus der aktu­ellen Situ­ation als Figur vor den Grund der umge­benden Restsi­tuation geho­ben wird.

In der Tat stehen uns konkre­te Gegen­stände empi­risch ja stets nur in ihrer gera­de beobacht­baren, daher instan­tanen (auf den aktu­ellen Verhal­tenskon­text beschränk­ten) Weise zur Verfü­gung. Denn die jedem Beobach­tungsbe­griff zugrun­de liegen­de Unter­scheidungs­praxis greift nur in der Gegen­wart. Dass ein Gegen­stand tatsäch­lich über den jewei­ligen Moment der Beobach­tung hinaus exis­tiert, d.h. als ein Gegen­stand mit einer indi­vidu­ellen Bahn durch die Raumzeit für einen Beobach­ter besteht, kann dieser nur durch eine Zuord­nung der jeweils aktu­ellen Erschei­nung unter einen entspre­chenden Objekt­begriff erfas­sen.

Ein solcher Begriff eines persis­tenten Gegen­stands wird zudem benö­tigt, will man das Phäno­men der Verwechs­lung bzw. Täuschung nicht nur erleben, sondern auch begrei­fen: Dass manche Gegen­stände ganz anders gear­teten Gegen­ständen (täuschend) ähnlich sehen können, kann nämlich nur erken­nen, wer momen­tane Erschei­nungswei­se und zeit­über­greifen­de Iden­tität mit­einan­der in Bezie­hung zu setzen versteht. Daher beru­hen auch anspruchs­volle Ähnlich­keitsbe­griffe auf der Fähig­keit des Urtei­lenden, mit verschie­denen Kontex­ten mit unter­schiedli­chen Gege­benheits­weisen von indi­vidu­ierten Gegen­ständen umzu­gehen (⊳ Gleichheit, Ähnlich­keit und Iden­tität).

Im Umkehrung davon hatte Frege darauf hinge­wiesen, dass Iden­titäts­behaup­tungen (etwa: ‘Der Morgen­stern ist der Abend­stern’) nur dann infor­mativ sind (und also als Behaup­tungen wirken können), wenn damit (anschei­nend unver­bunde­ne) Erschei­nungen in verschie­denen Kontex­ten zu Gege­benheits­weisen dessel­ben persis­tenten, indi­vidu­ellen Gegen­stands verbun­den werden. In der Philo­sophie werden Gegen­standbe­griffe dieser Art oft ‘sorta­le Begrif­fe’ genannt, entspre­chende Gegen­stände daher auch ‘sorta­le Gegen­stände’ (⊳ Sorta­le Gegen­stände und Indi­vidu­ation).

Durch Raum-Meta­phorik ist es zudem möglich, auch abstrak­te Gegen­stände in Ana­logie zu konkre­ten, indi­vidu­ierten Objek­ten als in quasi-raumzeit­lichen Zusam­menhän­gen befind­lich zu situ­ieren, so dass man (scheinbar) auf sie zeigen und sie auf entspre­chende Weise in Propo­sitio­nen anspre­chen kann.[4] Der Schule der «cogni­tive linguis­tics» folgend sind derar­tige meta­phori­sche Über­tragun­gen sogar die eigent­liche Basis dafür, über­haupt mit Abstrak­ta umge­hen zu können (vgl. etwa [Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.
). Der meta­phori­sche Raum liefert den Kontext: eine ima­ginä­re Verhal­tenssi­tuation, in der solche eigent­lich nicht raumzeit­lich einge­ordne­te Gegen­stände über­haupt erschei­nen können, so dass es möglich wird, über sie inter­indi­vidu­ell mittels Zeichen­handlun­gen mit Sachbe­zug zu kommu­nizie­ren.


Bild und Kontext

Der Zusammenhang zwischen den Begrif­fen »Bild« und »Kontext«  besteht auf zwei Ebe­nen: Zum einen ist die Bildver­wendung selbst kontext­abhän­gig. Zum ande­ren werden Bilder oft, wenn nicht gar grundsätz­lich, zur Kontext­bildung verwen­det.

Situations­abhän­gigkeit der Bild­ver­wen­dung

Abgesehen davon, dass ein Gegen­stand nur, inso­fern einer ihn auf bestimm­te Weise verwen­det, über­haupt zum Bild wird, macht sich auch inner­halb seiner Verwen­dung als Bild der Einfluss des jewei­ligen Verwen­dungskon­textes unum­gänglich bemerk­bar. Einer­seits hängt die Bildver­wendung etwa direkt von den Lichtver­hältnis­sen im jewei­ligen Kontext ab: Ein Tafel­bild beispiels­weise in einer dämmri­gen Kathe­drale unter durch bunte Glasfens­ter einge­färbtem Licht oder bei flackern­dem Kerzen­schein zu sehen oder aber in einem gut und neutral ausge­leuchte­ten Museums­saal prägt dem jewei­ligen Bilder­lebnis zweifels­ohne einen je eige­nen Stempel auf. Dass die Bildfläche selbst gege­benen­falls durch Refle­xion, Transpa­renz oder textur­beding­ten Schatten­wurf inde­xika­lische Momen­te aufweist, kann dabei als eine ledig­lich beson­ders ausge­prägte Form dieser eher auf syntak­tische Aspek­te bezo­genen Art von Kontext­abhän­gigkeit verstan­den werden. Soll in dieser Hinsicht also mit Blick auf einen Bildträ­ger von dem Bild gespro­chen werden, so wird impli­zit eine Standard­situ­ation für Beleuch­tung und inde­xika­lisch wirksa­me Umge­bungsein­flüsse voraus­gesetzt, die keines­wegs inter­kultu­rell eindeu­tig ist.

Andererseits konsti­tuieren die jewei­ligen Verwen­dungsab­sichten der Betei­ligten über­haupt erst die aktu­ell wirksa­men Bildin­halte und Bildre­feren­zen: Ein und dersel­be Bildträ­ger mag daher tatsäch­lich in unter­schiedli­cher Absicht als verschie­dene Bilder erschei­nen. Der in Zeitun­gen publi­zierte Ausschnitt eines von Nick Ut aufge­nomme­nen Photos aus dem Vietnam­krieg wurde entspre­chend sowohl von Kriegsgeg­nern wie -befür­wortern mit ganz unter­schiedli­chen Rollen­zuwei­sungen der abge­bilde­ten Figu­ren verwen­det. Auch hier bleibt bei der Rede von dem Bild ange­sichts eines Bildträ­gers nur zu oft eine voraus­gesetz­te Standard­situ­ation von Verwen­dungs­inten­tionen und benö­tigtem Kontext­wissen impli­zit. Entspre­chend verwei­sen die neue­ren kunsthis­tori­schen Ansät­ze zurecht auf die Bedeu­tung der expli­ziten Kontex­tuali­sierung bei jeder Bild­analy­se.

Des weiteren können im Umfeld vorhan­dene Bilder die Verwen­dung eines Bildträ­gers beein­flussen: Die Hängung in einer Ausstel­lung, das Zusam­menstel­len in einer Bilder­folge etwa im Rahmen einer Gebrauchs­anwei­sung oder als Comic sind hierfür typi­sche Beispie­le. Zusam­menstel­lungen mit Texten oder Zeichen in ande­ren Medien kommen für diese Art der Kontext­abhän­gigkeit eben­falls in Frage. Aller­dings ist bei solchen Anord­nungen – seien es nun nur Bilder oder Bilder mit ande­ren Medien – darauf zu achten, ob der wechsel­seiti­ge kontex­tuelle Einfluss über­geht zu einer neuen Zeichen­bildung auf höhe­rer Ebene.[5]

Bildinhalt als Kontext

Von der Renaissance-Vorstel­lung von Alber­tis “Fenster” bis zur Konzep­tion von Gegen­ständen in “reiner Sichtbar­keit” in phäno­meno­logi­schen Bildthe­orien des 20. Jh.s sind die mithil­fe von Bildern evo­zierten und inter­indi­vidu­ell vor Augen geführ­ten Szenen als Kontex­te verstan­den worden. Über sie kann man sich etwa mittels sachbe­zügli­cher Sprechak­te austau­schen, auf darin enthal­tene Gegen­stände (oder bestimm­te derer Eigen­schaften) mit Zeige­gesten aufmerk­sam machen. Sofern es sich dabei um sorta­le Gegen­stände handelt, können die im Bild vorge­führten Erschei­nungen mit Erschei­nungen in ande­ren Kontex­ten iden­tifi­ziert werden, etwa mithil­fe von Iden­titäts­behaup­tungen.[6] Gera­de auch beim bildli­chen Zugang zu abstrak­ten “Gegen­ständen” in Struktur­bildern werden diese an sich nicht raumzeit­lich einord­ba­ren Gegen­stände als (mehr oder weni­ger) eindeu­tig abgrenz­bare räumli­che (oder raumzeit­liche) Enti­täten in einer Situ­ation, einem meta­phori­schen Kontext präsen­tiert, wo sie und bestimm­te ihrer Eigen­schaften und Rela­tionen unter­einan­der in (visu­elle) Erschei­nen treten.[7]

Allerdings bleiben die oben genann­ten Konzep­tionen der Spezi­fität pikto­rialer Kontex­te wichti­ge Aspek­te schuldig: Die Konzep­tion von Alber­tis Fenster igno­riert, dass mit dem Bildge­brauch ein Kontext eröff­net wird, der gemein­hin nicht mit dem Verwen­dungskon­text iden­tisch ist: Die Szene hinter einem echten Fenster bleibt hinge­gen stets einfach nur ein Teil des je aktu­ellen Kontex­tes. Die Bildflä­che wird hier als transpa­rente Glasschei­be missver­standen, wobei die scheinba­re “Transpa­renz des Mediums”, wie sie nur für trompe l'oeils typisch wäre, eine wesent­lichen Kompo­nente der Bildfunk­tion verschlei­ert: Das Heraus­treten aus dem Gege­benen des “Hier und Jetzt”.

Die Konzeption von Gegen­ständen in reiner Sichtbar­keit bezieht sich im Grunde zwar gera­de auf Gegen­ständen, die unter sorta­le Begrif­fe fallen.[8] Doch wird dabei außer Acht gelas­sen, dass etwa ein nur sichtba­res Haus, das also weder Gewicht hat noch Wider­stand leistet, wenn man sich daran anlehnt, und sich insge­samt also nicht nach den für (sorta­le) Häuser norma­lerwei­se gelten­den physi­kali­schen Geset­zen verhal­ten würde, über­haupt nicht unter unse­ren übli­chen Begriff eines Hauses fallen würde und somit auch gar nicht ohne Weite­res als Haus klassi­fiziert werden kann: Was aber in einem entspre­chenden Bild erscheint, wird gemein­hin durchaus als ein solches sortales Indi­viduum begrif­fen – oder genau­er: als aktu­elle Erschei­nung eines solchen, denn sorta­le Gegen­stände begeg­nen uns nie anders. Andern­falls würden alle entspre­chenden Sprechak­te, die sich mit ihrem Sachbe­zug auf den Inhalt des Bildraums richten, entwe­der unver­ständlich oder stark erklä­rungsbe­dürftig, denn eine Regel für einen von der Norm abwei­chenden Sonder­gebrauch ist hier keines­wegs offen­sichtlich. So bleibt bei jenen “Gegen­ständen in reiner Sichtbar­keit” also unklar, was für Gegen­stände das eigent­lich sein sollen.

Die modale Bildtheorie versucht, diese Unzu­länglich­keiten der älte­ren Ansät­ze zu vermei­den, indem Bildge­brauch ausdrück­lich als kontext­bilden­de Nutzung von Bildträ­gern ange­setzt wird. Mit dem Bild versucht einer, eine in der Regel nicht anwe­sende Situ­ation als inter­indi­vidu­ell verfüg­baren Kontext zu etab­lieren. Auch für diesen Kontext gelten natür­lich die oben erwähn­ten vier Gebrauchs­zusam­menhän­ge, wobei hier insbe­sonde­re auch die Gestalt­bildung durch visu­elle Wahrneh­mung der Situ­ation verfüg­bar wird (empi­rische Kontext­bildung).


Kontext und Diegese

Der Kontextbegriff der modalen Bildthe­orie ist eng verwandt mit der film- und lite­ratur­wissen­schaftli­chen Verwen­dung des Ausdrucks ‘Diege­se’.[9] Nach [Wulff 2007a]Wulff, Hans J. (2007): Schichtenbau und Prozesshaftigkeit des Diegetischen: Zwei Anmerkungen. montage AV - Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 16, 2.
„hat sich die Bezeich­nung Diege­se für die Weltvor­stellung, die eine Fiktion anbie­tet, seit Etienne Souriau einge­bürgert“ (S. 40; vgl. [Souriau 1951a]Souriau, Etienne (1951): La structure de l’univers filmique et le vocabulaire de la filmologie. Revue de Filmologie, 7, 8.
Notiz: Dt.: Die Struktur des filmischen Universums und das Vokabular der Filmologie. In: Montage AV 6,2, 1997, S. 140–157
; [Souriau 1953a]Souriau, Etienne (1953): L’Univers filmique. Flammarion, Paris.
). Für Souriau ist „alles, was man als vom Film darge­stellt betrach­tet und was zur Wirklich­keit, die er in seiner Bedeu­tung voraus­setzt, gehört“ Teil der ‘diégèse’ ([Souriau 1951a]Souriau, Etienne (1951): La structure de l’univers filmique et le vocabulaire de la filmologie. Revue de Filmologie, 7, 8.
Notiz: Dt.: Die Struktur des filmischen Universums und das Vokabular der Filmologie. In: Montage AV 6,2, 1997, S. 140–157
: (dt.) S. 151). Ganz entspre­chend begreift auch Domi­nique Chateau die Diege­se eines Films als eine durch diver­se Vorga­ben vorstruk­turier­te Menge von Verhal­tenssi­tuatio­nen, die wechsel­seitig zugäng­lich sind ([Chateau 1976a]Chateau, Dominique (1976): La sémantique du récit. Semiotica, 18.
: S. 215). Dabei werden die jewei­ligen Zugän­ge vor allem durch film-narra­tive Ele­mente etab­liert. Von seiner filmwis­senschaft­lichen Einfüh­rung in den 50er Jahren des 20. Jahrhun­derts ist der Diege­sebe­griff beson­ders in Frankreich in den 1970er und 1980er-Jahren in die Lite­ratur­wissen­schaft über­nommen worden (etwa [Genette 1972a]Genette, Gérard (1972): Figures III. Seuil, Paris.
).[10]

Wulff verweist in dem bereits erwähn­ten Arti­kel unter ande­rem darauf, dass das Diege­tische eines Films in der Regel als ausge­sprochen komple­xe, raumzeit­liche, zudem auf mehre­re Ebe­nen verteil­te Struktur von Situ­atio­nen zu verste­hen ist, in denen die Akteu­re handeln, die von ihnen (und bei Filmen in Grenzen eben auch von den Zuschau­ern) wahrge­nommen werden können – und schließlich: über die (propo­sitio­nal) gespro­chen werden kann. Es handelt sich also, anders gesagt, um eine Vielzahl von mit­einan­der verbun­denen Verhal­tenssi­tuatio­nen – Kontex­ten im oben ausge­führten Sinn.

Im Gegensatz zum Kontext­begriff der moda­len Bildthe­orie mit ihren über Einzel­analy­sen weit hinaus­reichen­den Bezü­gen zur logi­schen Propä­deutik, Sprachphi­loso­phie und Bildanth­ropo­logie wird der Begriff der Diege­se bislang hauptsäch­lich dazu einge­setzt, die Struktu­ren eines Werkes zu ana­lysie­ren.[11]

Notes
  1. ↑ In die­sen Zu­sam­men­hang ge­hört auch der Be­griff des opa­ken Kon­tex­tes, wie er in der Sprach­phi­lo­so­phie ver­wen­det wird: vgl. et­wa Wi­ki­pe­dia: Opa­ker Kon­text.
  2. ↑ In­ten­ti­o­na­ler Ge­gen­stand ist al­les, wo­rauf je­mand sei­ne Auf­merk­sam­keit rich­tet, un­ab­hän­gig da­von, ob es sich um ein re­a­les, fik­ti­ves, hal­lu­zi­nier­tes oder zu­künf­ti­ges ge­plan­tes Ob­jekt han­delt; vgl. ins­be­son­de­re [Brentano 1874a]Brentano, Franz (1874): Psychologie vom empirischen Standpunkt. Duncker & Humblot, Leipzig.
    , [Meinong 1907a]Meinong, Alexius (1907): Über die Stellung der Gegenstandstheorie im System der Wissenschaften. Voigtländer, Leipzig
    und [Husserl 1929a]Husserl, Edmund (1929): Formale und Transzendentale Logik. Niemeyer, Halle (Saale).
    . Vgl. auch Wi­ki­pe­dia: In­ten­ti­o­na­li­tät.
  3. ↑ In­kon­sis­tent sind höchs­tens In­ter­pre­ta­ti­o­nen ei­ner Si­tu­a­ti­on.
  4. ↑ Im stren­gen Sinn ge­hö­ren auch die zeit­lich aus­ge­dehn­ten sor­ta­len In­di­vi­du­en zu den Ab­s­trak­ta. Die Ver­ge­gen­wär­ti­gung ih­rer raum­zeit­li­chen Spu­ren ist letzt­lich eben­falls ei­ne Raum­me­ta­pher der Zeit.
  5. ↑ In ei­nem dann zu be­trach­ten­den kom­p­le­xen Zei­chen kön­nen die Ele­ment­zei­chen ei­nen Teil ih­rer je­wei­li­gen Cha­rak­te­ris­ti­ken ver­lie­ren: So wer­den vir­tu­el­le Räu­me in im­mer­si­ven Sys­te­men zwar mit Hil­fe von Bil­dern im Zu­sam­men­hang mit Ge­räu­schen auf­ge­baut, doch ver­lie­ren die­se Bil­der da­bei zu­min­dest ten­den­zi­ell den Bild­cha­rak­ter, nimmt man sie im im­mer­si­ven Zu­sam­men­hang doch meist nicht mehr als Bil­der wahr (⊳ in­ter­ak­ti­ves Bild, Cy­ber­space).
  6. ↑ Ei­nen Son­der­fall stel­len hier si­cher Bil­der dar, bei de­nen meh­re­re Er­schei­nun­gen des­sel­ben sor­ta­len In­di­vi­du­ums vor­kom­men: Al­ler­dings kön­nen sol­che Exem­pla­re auch als Bild­fol­gen mit un­kla­ren Bild­gren­zen in­ter­pre­tiert wer­den, de­ren Zweck es ins­be­son­de­re ist, Be­zie­hun­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Kon­tex­ten her­zu­stel­len.
  7. ↑ Le­dig­lich für die re­fle­xiv ver­wen­de­ten Bil­der sind Aus­nah­men mög­lich; ⊳ auch Kontext­bildung.
  8. ↑ Hier­für spre­chen die von den zu­ge­hö­ri­gen Au­to­ren an­ge­führ­ten Bei­spie­le ei­ne ein­deu­ti­ge Spra­che, geht es doch et­wa um Häu­ser; vgl. [Wiesing 2008a]Wiesing, Lambert (2008): Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik. Campus, Frankfurt/M. & New York.
    Nicht angezeigt: mit einem aktuellen Vorwort des Autors zur Neuvolume
    .
  9. ↑ Vgl. Wi­ki­pe­dia: Di­e­ge­se.
  10. ↑ Man be­ach­te den Be­deu­tungs­wan­del ge­gen­über dem äl­te­ren, di­rek­ter auf die an­ti­ke Phi­lo­so­phie zu­rück­ge­hen­den Di­e­ge­sis-Be­griff in der Li­te­ra­tur­wis­sen­schaft (vgl. Wi­ki­pe­dia: Di­e­ge­sis): Di­e­ge­sis be­zeich­net ei­nen be­stimm­ten Mo­dus der po­e­ti­schen Hand­lung, der im Ge­gen­satz zur Mi­me­sis steht. Nicht durch Nach­ah­mung son­dern durch Be­richt wird ein Teil der Welt mo­del­liert. Der mo­der­ne Di­e­ge­se-Be­griff ver­weist hin­ge­gen auf die (als lo­gisch ab­ge­schlos­sen be­grif­fe­ne) Welt­struk­tur, die durch ei­ne po­e­ti­sche Hand­lung “zu­gäng­lich” wird. Da­mit steht Di­e­ge­se dem Kon­text­be­griff na­he, Di­e­ge­sis dem Be­griff der Kon­text­bil­dung.
  11. ↑ Vgl. aber auch den Über­sichts­ar­ti­kel zur For­ma­li­sie­rung di­e­ge­ti­scher Be­trach­tun­gen durch mo­dal­lo­gi­sche An­sät­ze in [Kaczmarek 2007a]Kaczmarek, Ludger (2007): Allyfying Leibniz. Einige Aspekte von Kompossibilität und Diegese in filmischen Texten. montage AV - Zeitschrift für Theorie & Geschichte audiovisueller Kommunikation, 12, 2.
    .
Literature
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Version 1: 2013

Responsible:

Contributions by: Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Note)

Quote as:

[Schirra 2013g-o]Schirra, Jörg R.J. (2013). Kontext. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Kontext].
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Schirra, Jörg R.J. (2013). Context. (Ausg. 1). In: Schirra, J.R.J.; Halawa, M. & Liebsch, D. (Hg.), Glossar der Bildphilosophie. (2012-2026). [bildglossar.org/index.php?title=Glossar-English:Context].