Bildnerisches Denken: Unterschied zwischen den Versionen
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::''[D]as menschliche Denken kann nicht über die Formen hinausgehen, die ihm die Sinne liefern. Die Sprache ist also ein beredter Zeuge dafür, daß sich das Denken im Sinnlichen abspielt.'' (S. 220) | ::''[D]as menschliche Denken kann nicht über die Formen hinausgehen, die ihm die Sinne liefern. Die Sprache ist also ein beredter Zeuge dafür, daß sich das Denken im Sinnlichen abspielt.'' (S. 220) | ||
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Ein ganz ähnliches Anliegen verfolgt der Band «Das bildnerische Denken: Charles Sanders Peirce» (<bib id='Engel et al 2012a'></bib>), in dem gezeigt werden soll, „dass Visualität das gesamte Peirce’sche Denken bestimmt“ (<bib id='Pape 2012a'></bib>: S. 74). Eine allgemeine Explikation dessen, was unter dem „Bildnerischen Denken“ zu verstehen ist, fehlt diesem Band. Gelegentlich wird auch die kantische „Einbildungskraft“ (<bib id='Kant 1968a'></bib>: B 151) in die Nähe solcher Theorien gestellt, die sich mit der Visualität des Denkens befassen. Zwar leistet die Einbildungskraft die Schematisierung, also den Brückenschlag zwischen [[Anschauung und Begriff|Begriffen und Anschauung]]. Aber sie stellt nach Kant im eigentlichen Sinne keine Denkleistung dar. Für Kant ist das Denken immer und ausschließlich begrifflich: „Denken ist das Erkenntnis durch Begriffe.“ (<bib id='Kant 1968a'></bib>: B 94, A 69) | Ein ganz ähnliches Anliegen verfolgt der Band «Das bildnerische Denken: Charles Sanders Peirce» (<bib id='Engel et al. 2012a'></bib>), in dem gezeigt werden soll, „dass Visualität das gesamte Peirce’sche Denken bestimmt“ (<bib id='Pape 2012a'></bib>: S. 74). Eine allgemeine Explikation dessen, was unter dem „Bildnerischen Denken“ zu verstehen ist, fehlt diesem Band. Gelegentlich wird auch die kantische „Einbildungskraft“ (<bib id='Kant 1968a'></bib>: B 151) in die Nähe solcher Theorien gestellt, die sich mit der Visualität des Denkens befassen. Zwar leistet die Einbildungskraft die Schematisierung, also den Brückenschlag zwischen [[Anschauung und Begriff|Begriffen und Anschauung]]. Aber sie stellt nach Kant im eigentlichen Sinne keine Denkleistung dar. Für Kant ist das Denken immer und ausschließlich begrifflich: „Denken ist das Erkenntnis durch Begriffe.“ (<bib id='Kant 1968a'></bib>: B 94, A 69) | ||
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Die andere Richtung verfolgt das Ziel, neben dem begrifflichen Denken eine andere gleichwertige Denkart zu begründen. Hierzu gehört Gottfried Boehm mit seinem Konzept des „ikonischen Logos“: | Die andere Richtung verfolgt das Ziel, neben dem begrifflichen Denken eine andere gleichwertige Denkart zu begründen. Hierzu gehört Gottfried Boehm mit seinem Konzept des „ikonischen Logos“: | ||
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Paul Klee gilt als Vater dieses Wortes,<ref>Vgl. <bib id='Wick 2000a'></bib>: S. 13, Fußnote 9.</ref> weil das von Jürg Spiller herausgegebene Werk, das Klees Aufzeichnungen zu seiner Lehre enthält, den Titel «Das bildnerische Denken» (<bib id='Klee 1956a'></bib>) trägt. Dennoch ist bis heute unklar, ob Klee den Ausdruck tatsächlich geprägt hat,<ref>Vgl. <bib id='Wick 2000a'></bib>: S. 13, Fußnote 9; Und: <bib id='Plaum 2016a'></bib>: S. 244f.</ref> denn weder in Spillers Band noch in Klees eigenen Manuskripten zu seiner «Bildnerische Gestaltungslehre» (<bib id='Klee 1956a'></bib>) wird dieser Terminus eingeführt oder näher erläutert. | Paul Klee gilt als Vater dieses Wortes,<ref>Vgl. <bib id='Wick 2000a'></bib>: S. 13, Fußnote 9.</ref> weil das von Jürg Spiller herausgegebene Werk, das Klees Aufzeichnungen zu seiner Lehre enthält, den Titel «Das bildnerische Denken» (<bib id='Klee 1956a'></bib>) trägt. Dennoch ist bis heute unklar, ob Klee den Ausdruck tatsächlich geprägt hat,<ref>Vgl. <bib id='Wick 2000a'></bib>: S. 13, Fußnote 9; Und: <bib id='Plaum 2016a'></bib>: S. 244f.</ref> denn weder in Spillers Band noch in Klees eigenen Manuskripten zu seiner «Bildnerische Gestaltungslehre» (<bib id='Klee 1956a'></bib>) wird dieser Terminus eingeführt oder näher erläutert. | ||
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Obwohl der Ursprung dieser Bezeichnung also unklar ist, wurde sie in der Kunstpädagogik durch das Buch «Gegenwart der Bildenden Kunst. Erziehung zum Bildnerischen Denken» (<bib id='Pfennig 1974a'></bib>)<ref>Das Buch erschien im selben Verlag erstmals 1959 unter dem Titel «Bildende Kunst der Gegenwart: Analyse und Methode» und wurde für die zweite, neu betitelte Fassung erweitert.</ref> von Reinhard Pfennig bald populär (vgl. <bib id='Wick 2000a'></bib>: S. 13, Fußnote 9). Im kunstpädagogischen Konzept ''Kunstunterricht'' (vgl. <bib id='Eid et al 2002a'></bib>: S. 113), dessen Hauptvertreter Reinhard Pfennig und Gunter Otto sind, wurde der Ausdruck ‘Bildnerisches Denken’ zum „Schlüsselbegriff“ (<bib id='Otto 1973a'></bib>: S. 169) für eine Neuorientierung der schulischen Kunstpädagogik (vgl. <bib id='Pfennig 1974a'></bib>: S. 120). Auch Pfennig knüpft explizit an Klee an (ibid. S. 117). Für Pfennig ist Bildnerisches Denken „in Bildern oder Zeichen denken und sich durch Bilder mitteilen“ (S. 331). „In jedem Falle ist ''Sichtbarmachen'' sowohl Weg wie Ziel des bildnerischen Denkvorganges“ (S. 117, Hervorh. i.O.). Das, was Pfennig weiterhin die Beschreibung der „Eigenschaften des bildnerischen Denkens“ (S. 123) nennt, ist allerdings weniger eine systematische Analyse einer bestimmten Denkart, sondern eher eine assoziative Aneinanderreihung verschiedener Tätigkeiten, die er unter diese Denkart fassen möchte (S. 117f.). | Obwohl der Ursprung dieser Bezeichnung also unklar ist, wurde sie in der Kunstpädagogik durch das Buch «Gegenwart der Bildenden Kunst. Erziehung zum Bildnerischen Denken» (<bib id='Pfennig 1974a'></bib>)<ref>Das Buch erschien im selben Verlag erstmals 1959 unter dem Titel «Bildende Kunst der Gegenwart: Analyse und Methode» und wurde für die zweite, neu betitelte Fassung erweitert.</ref> von Reinhard Pfennig bald populär (vgl. <bib id='Wick 2000a'></bib>: S. 13, Fußnote 9). Im kunstpädagogischen Konzept ''Kunstunterricht'' (vgl. <bib id='Eid et al. 2002a'></bib>: S. 113), dessen Hauptvertreter Reinhard Pfennig und Gunter Otto sind, wurde der Ausdruck ‘Bildnerisches Denken’ zum „Schlüsselbegriff“ (<bib id='Otto 1973a'></bib>: S. 169) für eine Neuorientierung der schulischen Kunstpädagogik (vgl. <bib id='Pfennig 1974a'></bib>: S. 120). Auch Pfennig knüpft explizit an Klee an (ibid. S. 117). Für Pfennig ist Bildnerisches Denken „in Bildern oder Zeichen denken und sich durch Bilder mitteilen“ (S. 331). „In jedem Falle ist ''Sichtbarmachen'' sowohl Weg wie Ziel des bildnerischen Denkvorganges“ (S. 117, Hervorh. i.O.). Das, was Pfennig weiterhin die Beschreibung der „Eigenschaften des bildnerischen Denkens“ (S. 123) nennt, ist allerdings weniger eine systematische Analyse einer bestimmten Denkart, sondern eher eine assoziative Aneinanderreihung verschiedener Tätigkeiten, die er unter diese Denkart fassen möchte (S. 117f.). | ||
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Der Schwerpunkt von Pfennigs Konzept des ''Kunstunterrichts'' liegt entsprechend der damals zeitgenössischen Kunst auf abstrakten Bildgestaltungen. Dies wird nicht nur an den gewählten Bildbeispielen aus der Kunst deutlich (Abbildungsverzeichnis, S. 338), sondern auch an den abgebildeten Schülerlösungen von Aufgabenstellungen (S. 165 und v.a. ab S. 201), die mustergültig „Wege aufzeigen, die für ''fundamentale Einsichten in bildnerische Probleme'' geeignet sind“ (S. 201, Hervorh. i. O.). In seinen weiteren Erläuterungen zu diesen bildnerischen Problemen zeigt sich, dass hiermit weitgehend oder gänzlich formale Probleme gemeint sind. Die [[Bildinhalt|Inhalte]] von Kunst bzw. von Bildern werden zweitrangig. So behauptet er: | Der Schwerpunkt von Pfennigs Konzept des ''Kunstunterrichts'' liegt entsprechend der damals zeitgenössischen Kunst auf abstrakten Bildgestaltungen. Dies wird nicht nur an den gewählten Bildbeispielen aus der Kunst deutlich (Abbildungsverzeichnis, S. 338), sondern auch an den abgebildeten Schülerlösungen von Aufgabenstellungen (S. 165 und v.a. ab S. 201), die mustergültig „Wege aufzeigen, die für ''fundamentale Einsichten in bildnerische Probleme'' geeignet sind“ (S. 201, Hervorh. i. O.). In seinen weiteren Erläuterungen zu diesen bildnerischen Problemen zeigt sich, dass hiermit weitgehend oder gänzlich formale Probleme gemeint sind. Die [[Bildinhalt|Inhalte]] von Kunst bzw. von Bildern werden zweitrangig. So behauptet er: | ||
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===''‘Bildnerisches Denken’'' in Philosophie und Kunstwissenschaft=== | ===''‘Bildnerisches Denken’'' in Philosophie und Kunstwissenschaft=== | ||
Ein Lemma ‘Bildnerisches Denken’ wird in den einschlägigen deutschen Wörterbüchern der Philosophie und der Kunstwissenschaft<ref>Vgl. <bib id='Barck et al 2000ffa'></bib>, <bib id='Sandkühler 2010a'></bib>, <bib id='Ritter et al 1971a'></bib>, <bib id='Pfisterer 2011a'></bib>, <bib id='Pawlik & Strassner 1987a'></bib>, <bib id='Olbrich 2004a'></bib> und <bib id='Henckmann & Lotter 2004a'></bib>.</ref> nicht verhandelt. Auch die Ausdrücke ‘anschauliches’, ‘visuelles’ und ‘ikonisches Denken’ sind nicht berücksichtigt – abgesehen von einer Nebenbemerkung zum ‘anschaulichen Denken’, die Mittelstraß und Lorenz in der Neuauflage der «Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie» eingefügt haben (Vgl. <bib id='Mittelstraß & Lorenz 2005a'></bib>: S. 154.). Die Bezeichnung ist also weder in der Philosophie noch in der Kunstwissenschaft als terminus technicus etabliert. Dennoch wird sie von einigen Autoren verwendet, allerdings meistens ohne systematische Einführung und oft sogar ohne Explikation des damit bezeichneten Begriffes.<ref>Vgl. <bib id='Engel et al 2012a'></bib>, bzw. den darin enthaltenen Aufsatz: <bib id='Pape 2012a'></bib>, sowie <bib id='Hildebrandt 2011a'></bib>.</ref> | Ein Lemma ‘Bildnerisches Denken’ wird in den einschlägigen deutschen Wörterbüchern der Philosophie und der Kunstwissenschaft<ref>Vgl. <bib id='Barck et al. 2000ffa'></bib>, <bib id='Sandkühler 2010a'></bib>, <bib id='Ritter et al. 1971a'></bib>, <bib id='Pfisterer 2011a'></bib>, <bib id='Pawlik & Strassner 1987a'></bib>, <bib id='Olbrich 2004a'></bib> und <bib id='Henckmann & Lotter 2004a'></bib>.</ref> nicht verhandelt. Auch die Ausdrücke ‘anschauliches’, ‘visuelles’ und ‘ikonisches Denken’ sind nicht berücksichtigt – abgesehen von einer Nebenbemerkung zum ‘anschaulichen Denken’, die Mittelstraß und Lorenz in der Neuauflage der «Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie» eingefügt haben (Vgl. <bib id='Mittelstraß & Lorenz 2005a'></bib>: S. 154.). Die Bezeichnung ist also weder in der Philosophie noch in der Kunstwissenschaft als terminus technicus etabliert. Dennoch wird sie von einigen Autoren verwendet, allerdings meistens ohne systematische Einführung und oft sogar ohne Explikation des damit bezeichneten Begriffes.<ref>Vgl. <bib id='Engel et al. 2012a'></bib>, bzw. den darin enthaltenen Aufsatz: <bib id='Pape 2012a'></bib>, sowie <bib id='Hildebrandt 2011a'></bib>.</ref> | ||
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Das Verständnis dessen, was das ''bildnerische Denken'' ist, variiert dabei zum Teil sehr stark. Thomas Lange versteht darunter das Denken von Künstlern überhaupt oder – noch allgemeiner – das visuelle Denken (vgl. <bib id='Lange 2010a'></bib>: S. 9-11). Ein ähnlich weites Verständnis vom ''Bildnerischen Denken'' hat Matthias Bunge: | Das Verständnis dessen, was das ''bildnerische Denken'' ist, variiert dabei zum Teil sehr stark. Thomas Lange versteht darunter das Denken von Künstlern überhaupt oder – noch allgemeiner – das visuelle Denken (vgl. <bib id='Lange 2010a'></bib>: S. 9-11). Ein ähnlich weites Verständnis vom ''Bildnerischen Denken'' hat Matthias Bunge: | ||
Version vom 15. Dezember 2019, 13:58 Uhr
Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft
Denken als bildtheoretisches ThemaDer Ausdruck ‘bildnerisches Denken’ muss im Zusammenhang zu ähnlichen Bezeichnungen gesehen werden, mit denen verschiedene Autoren die Nicht-Begrifflichkeit/Nicht-Sprachlichkeit, die Visualität oder allgemeiner die Sinnlichkeit von Teilen unseres Denkens oder des Denken insgesamt beschreiben. Einige dieser Termini sind eng mit den Arbeiten je eines bestimmten Autors verknüpft. Dazu zählen das „ikonische Denken“ bzw. der „ikonische Logos“ ([Boehm 2004a]Boehm, Gottfried (2007): Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder (2004). In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin. Innerhalb der Theorien, die nicht-begriffliches Denken für möglich halten, kann man grob zwischen zwei Lagern unterscheiden. Die eine Richtung versucht, eine Theorie zu entwickeln, die das Denken insgesamt – das heißt auch das begriffliche Denken – als visuell bzw. sinnlich konstituiert beschreibt. Denken und Wahrnehmen werden nicht als getrennte Vermögen betrachtet, sondern als stark miteinander verknüpft oder sogar als ein einziges Erkenntnisvermögen. Genau genommen untersuchen solche Theorien die Sinnlichkeit bzw. Visualität des Denkens insgesamt. Zu dieser Richtung gehört Arnheims Werk «Anschauliches Denken» ([Arnheim 2001a]Arnheim, Rudolf (2001): Anschauliches Denken. Zur Einheit von Bild und Begriff. DuMont Schauberg, Köln.
Ein ganz ähnliches Anliegen verfolgt der Band «Das bildnerische Denken: Charles Sanders Peirce» ([Engel et al. 2012a]Engel, Franz; Queisner, Moritz & Tullio, Viola (Hg.) (2012): Das bildnerische Denken: Charles S. Peirce. Akademie, Berlin. Die andere Richtung verfolgt das Ziel, neben dem begrifflichen Denken eine andere gleichwertige Denkart zu begründen. Hierzu gehört Gottfried Boehm mit seinem Konzept des „ikonischen Logos“:
Schon Konrad Fiedler verwendet für die geistige Tätigkeit des Künstlers den Ausdruck „ikonischer Logos“. Anders als Boehm erkennt er diesen allerdings nicht als Denken an ([Fiedler 1996a]Fiedler, Konrad (1996): Der Ursprung der künstlerischen Tätigkeit. In: Fiedler, K. (Hg.), Schriften über Kunst. DuMont, Köln.
Jüngst beschäftigt sich auch Dieter Mersch mit solchen alternativen Denkweisen unter den Schlagworten „ästhetisches Denken“ ([Mersch 2014a]Mersch, Dieter (2014): Nicht-Propositionalität und ästhetisches Denken. In: Dombois, F. et al. (Hg.), Ästhetisches Denken. Nicht-Propositionalität, Episteme, Kunst. Diaphanes, Zürich. Einen fließenden Übergang zwischen beiden Lagern stellen solche Ansätze dar, die eine alternative nicht-begriffliche Denkart in Abhängigkeit vom begrifflichen Denken beschreiben. Damit verbunden ist oft die Vorstellung einer Hierarchie der Denkarten bzw. von „verschiedene[n] Stufen des Denken“ ([Mittelstraß & Lorenz 2005a]Mittelstraß, Jürgen & Lorenz, Kuno (1984): Denken. In: Mittelstraß, J. (Hg.), Enzyklopädie Philosophie Wissenschaftstheorie. Metzler, Stuttgart. ‘Bildnerisches Denken’ in verschiedenen DisziplinenIm folgenden Abschnitt werden ausgewählte Verwendungen des Ausdrucks ‘Bildnerisches Denken’ in Philosophie, Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik vorgestellt. Nicht alle Verwendungen stützen sich auf eine allgemeine Explikation des Begriffs. Aber alle gehen davon aus, dass dieses Denken nicht nur bei der Rezeption sondern auch bei der Produktion von bildnerischen Werken beteiligt ist. Es handelt sich ausschließlich um Konzepte deutschsprachiger Autoren, da der Ausdruck ‘Bildnerisches Denken’ nicht adäquat ins Englische übersetzt werden kann. In den englischen Nachschlagewerken[3] findet man zu den möglichen Übersetzungen „Visual Thinking“[4] oder „The thinking eye“[5] keine Einträge, genauso wenig wie zu den Übersetzungsversuchen ‘aesthetic / analogue / artistic / iconic / imaginal / pictorial’ ‘thinking / reason / mind’. Dabei bedauert John Dewey bereits 1934 in seinem Buch «Art as Experience» das Fehlen eines solchen Ausdrucks im Englischen, der sowohl rezeptive als auch produktive Prozesse beschreibt (vgl. [Dewey 1980a]Dewey, John (1980): Art as experience. Perigee Books Berkley Publishing, New York. ‘Bildnerisches Denken’ in der KunstpädagogikPaul Klee gilt als Vater dieses Wortes,[6] weil das von Jürg Spiller herausgegebene Werk, das Klees Aufzeichnungen zu seiner Lehre enthält, den Titel «Das bildnerische Denken» ([Klee 1956a]Klee, Paul (1956): Das bildnerische Denken: Schriften zur Form- und Gestaltungslehre. Schwabe, Basel, Stuttgart. Obwohl der Ursprung dieser Bezeichnung also unklar ist, wurde sie in der Kunstpädagogik durch das Buch «Gegenwart der Bildenden Kunst. Erziehung zum Bildnerischen Denken» ([Pfennig 1974a]Pfennig, Reinhard (1974): Gegenwart der Bildenden Kunst, Erziehung zum Bildnerischen Denken. Isensee, Oldenburg. Der Schwerpunkt von Pfennigs Konzept des Kunstunterrichts liegt entsprechend der damals zeitgenössischen Kunst auf abstrakten Bildgestaltungen. Dies wird nicht nur an den gewählten Bildbeispielen aus der Kunst deutlich (Abbildungsverzeichnis, S. 338), sondern auch an den abgebildeten Schülerlösungen von Aufgabenstellungen (S. 165 und v.a. ab S. 201), die mustergültig „Wege aufzeigen, die für fundamentale Einsichten in bildnerische Probleme geeignet sind“ (S. 201, Hervorh. i. O.). In seinen weiteren Erläuterungen zu diesen bildnerischen Problemen zeigt sich, dass hiermit weitgehend oder gänzlich formale Probleme gemeint sind. Die Inhalte von Kunst bzw. von Bildern werden zweitrangig. So behauptet er:
Daher entwirft Pfennig ein Konzept von Kunstunterricht, in dem die Form, d.h. die „bildnerischen Probleme als Inhalte begriffen werden“ (S. 210, Hervorh. i. O.). Diese Tendenz zum Formalismus wurde zum größten Kritikpunkt der nachfolgenden Generation von Kunstpädagogen – v.a. der Vertreter der Visuellen Kommunikation – am Konzept Kunstunterricht.[9] In Folge dessen ist auch der Ausdruck ‘bildnerisches Denken’ in Misskredit geraten. Gegenwärtig gibt es vor allem einen Gestaltungslehrer, der den Terminus ‘Bildnerisches Denken’ zur Beschreibung seiner Lehre verwendet (vgl. [Jenny 1994a]Jenny, Peter (1994): Bildnerisches Denken. In: Die Zukunft beginnt im Kopf: Wissenschaft und Technik für die Gesellschaft. vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich. ‘Bildnerisches Denken’ in Philosophie und KunstwissenschaftEin Lemma ‘Bildnerisches Denken’ wird in den einschlägigen deutschen Wörterbüchern der Philosophie und der Kunstwissenschaft[10] nicht verhandelt. Auch die Ausdrücke ‘anschauliches’, ‘visuelles’ und ‘ikonisches Denken’ sind nicht berücksichtigt – abgesehen von einer Nebenbemerkung zum ‘anschaulichen Denken’, die Mittelstraß und Lorenz in der Neuauflage der «Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie» eingefügt haben (Vgl. [Mittelstraß & Lorenz 2005a]Mittelstraß, Jürgen & Lorenz, Kuno (1984): Denken. In: Mittelstraß, J. (Hg.), Enzyklopädie Philosophie Wissenschaftstheorie. Metzler, Stuttgart. Das Verständnis dessen, was das bildnerische Denken ist, variiert dabei zum Teil sehr stark. Thomas Lange versteht darunter das Denken von Künstlern überhaupt oder – noch allgemeiner – das visuelle Denken (vgl. [Lange 2010a]Lange, Thomas (2010): Das bildnerische Denken Philipp Otto Runges. Deutscher Kunstbuchverlag, Berlin, München.
Stephan Schmidt grenzt sich von diesem sehr weiten Verständnis ab (vgl. [Schmidt 2011a]Schmidt, Stephan (2011): ‘Eine kleine Reise in das Land der besseren Erkenntnis‘: Paul Klee und der Begriff des ‚bildnerischen Denkens‘. Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 56, 2.
Nach Schmidt ist bildnerisches Denken ein Denken, das
Damit reiht er sich in die Reihe der Autoren ein, die das bildnerische Denken in Abhängigkeit vom begrifflichen Denken sehen und somit hierarchisch diesem untergeordnet, wie er auch selbst erläutert:
Am Beispiel eines Bildes von Paul Klee (siehe Abb.) zeigt er auf, inwiefern der Begriff »Bewegung« für dieses Bild konstitutiv ist, bzw. dass dieser Begriff den Künstler in seiner praktischen Tätigkeit geleitet hat. Bei seiner Bildbeschreibung verwendet er allerdings kompliziertere Termini wie „Farbbewegung“, „Beobachterbewegung“, „Wachstumsbewegung“ und „Vervollkommnungsbewegung“ (vgl. S. 292f.). Es bleibt zu fragen, ob entsprechende Begriffe tatsächlich Klee beim Malen seines Bildes geleitet haben oder ob das Verhältnis nicht umgekehrt ist und diese Wortneuschöpfungen im Nachhinein passend zu den Gemälden gebildet wurden, um die beobachtbaren Wirkungen zumindest näherungsweise beschreiben zu können. Im Gegensatz zu Schmidts Konzept wird in dem Buch «Bildnerisches Denken» ([Plaum 2016a]Plaum, Goda (2016): Bildnerisches Denken. Eine Theorie der Bilderfahrung. Transkript, Bielefeld.
Die Leistung des Zusammensetzens ist identisch mit dem, was man als Komposition eines Bildes bezeichnet. Mit den Verbindungen zur Welt sind alle semantischen Relationen gemeint. Im Unterschied zum bildnerischen Denken im kunstpädagogischen Konzept des Kunstunterrichts wird hier also die inhaltliche Ebene nicht ausgeschlossen. Die Funktionen 1–3 treten sowohl bei der Produktion als auch bei der Rezeption von Bildern in Erscheinung. Für die Funktion 4 ist die Unterscheidung zwischen diesen beiden Prozessen nicht relevant, weil sie sich auf mentale Bilder bezieht.
Auswirkung auf die Begriffe »Bild«, »Medium« und »Schema«Das jeweilige Verständnis vom bildnerischen Denken hat Auswirkungen auf die Explikation weiterer Begriffe, insbesondere der Begriffe »Bildlichkeit« bzw. »Bild«, sofern man sie in Relation zum Bildnerischen definieren will. Es kann auch zu einer bestimmten Auffassung der Begriffe »Medium« und »Schema« führen. Versteht man bildnerisches Denken als Visualität allen Denkens oder als visuelles Denken, legt dies ein sehr breites Bildverständnis nahe. ‘Bild’ kann sich dann auf alle visuellen Darstellungen beziehen. Ein solches breites Bildverständnis kann den Ausdruck ‘Bild’ als Bezeichnung für eine bestimmte Kategorie von Medien auffassen – im Unterschied beispielsweise zum Medium der Sprache. Sachs-Hombach vertritt z.B. ein solches Bildverständnis (vgl. [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.
Die Frage, ob neben den materiellen Bildern auch visuelle Vorstellungen als mentale Bilder in ein solches Bildverständnis mit einbezogen werden können oder sollen, bleibt dabei offen. Geht man im Gegensatz dazu davon aus, dass das bildnerische Denken ein dem begrifflichen Denken entgegengesetztes, aber diesem gleichwertiges Denken ist, ergibt sich daraus ein anderer Bildbegriff. Unterscheidet man das Bildnerische vom Visuellen, kann man daraus eine Differenzierung zwischen Bildern und visuellen Darstellungen ableiten. Denn in diesem Verständnis ist nicht jedes Denken, das sich auf visuelle Darstellungen bezieht, bildnerisch. Das heißt auch, dass nicht alle Darstellungen in visuellen Medien Bilder sind. Der Ausdruck ‘Bild’ bezeichnet in diesem Verständnis nicht eine bestimmte Medienart, sondern Bilder zeigen sich in verschiedenen visuellen Medien. Eine solche Differenzierung zwischen »Bild« und »Medium« vertreten u.a. W. J. T. Mitchell (vgl. [Mitchell 2008c]Mitchell, W. J. T. (2008): Four Fundamental Concepts of Image Science. In: Elkins, J. (Hg.), Visual Literacy. Routledge, New York. |
Anmerkungen
Literatur
[Arnheim 1969a]Arnheim, Rudolf (1969): Visual Thinking. University of California Press, Berkeley, Los Angeles.[Arnheim 2001a]Arnheim, Rudolf (2001): Anschauliches Denken. Zur Einheit von Bild und Begriff. DuMont Schauberg, Köln.[Barck et al. 2000ffa]Barck, Karlheinz; Fontius, Martin; Schlenstedt, Dieter; Steinwachs, Burkhart & Wolfzettel, Friedrich (Hg.) (2000): Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. J. B. Metzler, Stuttgart, Weima.[Baumgarten 2011a]Baumgarten, Alexander Gottlieb (2011): Metaphysica – Metaphysik. Frommann-Holzboog, Stuttgart.[Boehm 2004a]Boehm, Gottfried (2007): Jenseits der Sprache? Anmerkungen zur Logik der Bilder (2004). In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.[Boehm 2005a]Boehm, Gottfried (2005): Das Bild und die hermeneutische Reflexion. In: Figal, G. & Gander H. H. (Martin-Heidegger-Gesellschaft) (Hg.), Dimensionen des Hermeneutischen. Heidegger und Gadamer. Vittorio Klostermann, Frankfurt/M.[Boehm 2007d]Boehm, Gottfried (2007): Das bildnerische Kontinuum. In: Boehm, G. (Hg.), Wie Bilder Sinn erzeugen. Berlin University Press, Berlin.[Brandt 2010a]Brandt, Reinhard (2010): Das Denken und die Bilder. In: Nortmann, U. & Wagner, Ch. (Hg.), In Bildern denken? Kognitive Potentiale von Visualisierung in Kunst und Wissenschaft. Fink, München.[Bunge 1996a]Bunge, Matthias (1996): Zwischen Intuition und Ratio, Pole des Bildnerischen Denkens bei Kandinsky, Klee und Beuys. Franz Steiner, Stuttgart.[Colombo 2012a]Colombo, Barbara (2012): Visual Thinking and Learning. In: Seel, N. M. (Hg.), Encyclopedia of the Sciences of Learning. Springer, Boston, MA.[Craig 1998a]Craig, Edward (Hg.) (1998): Routledge Encyclopedia of Philosophy. Routledge, London.[Deleuze 1989a]Deleuze, Gilles (1989): Das Bewegungs-Bild. Kino1. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Dudenredaktion 2019a]Dudenredaktion (2019): bildnerisch. In: Duden. Deutsches Universalwörterbuch. Dudenredaktion , Berlin.[Ehmer 1976a]Ehmer, Hermann K. (1976): Krise und Identität – Zur Kritik einiger fachdidaktischer und fachpolitischer Kategorien. In: Hartwig, H. (Hg.), Sehen lernen. Kritik und Weiterarbeit am Konzept Visuelle Kommunikation. DuMont Schauberg, Köln.[Eid et al. 2002a]Eid, Klaus; Langer, Michael & Ruprecht, Hakon (2002): Grundlagen des Kunstunterrichts. Ferdinand Schöningh, Paderborn.[Engel et al. 2012a]Engel, Franz; Queisner, Moritz & Tullio, Viola (Hg.) (2012): Das bildnerische Denken: Charles S. Peirce. Akademie, Berlin.[Fiedler 1996a]Fiedler, Konrad (1996): Der Ursprung der künstlerischen Tätigkeit. In: Fiedler, K. (Hg.), Schriften über Kunst. DuMont, Köln.[Funke 2006a]Funke, Joachim (2006): Denken: Ansätze und Definitionen. In: Funke, J. & Peter, A.F. (Hg.), Handbuch der Allgemeinen Psychologie – Kognition.[Giffhorn 1972a]Giffhorn, Hans (1972): Kritik der Kunstpädagogik. Zur gesellschaftlichen Funktion eines Schulfachs. DuMont Schauberg, Köln.[Henckmann & Lotter 2004a]Henckmann, Wolfhart; Lotter, Konrad (Hg.) (2004): Lexikon der Ästhetik. C. H. Beck, München.[Hildebrandt 2011a]Hildebrandt, Toni (2011): ‘Bildnerisches Denken‘. In: Espinet, D. & Keiling, T. (Hg.), Heideggers «Ursprung des Kunstwerks». Ein kooperativer Kommentar. Vittorio Klostermann, Frankfurt a. M.[Jenny 1994a]Jenny, Peter (1994): Bildnerisches Denken. In: Die Zukunft beginnt im Kopf: Wissenschaft und Technik für die Gesellschaft. vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich.[Jenny 1996a]Jenny, Peter (1996): Warum Bilder nicht allein den Spezialisten überlassen werden dürfen. In: Jenny, P. (Hg.), Das Wort, das Spiel, das Bild: Unterrichtsmethoden für die Gestaltung von Wahrnehmungsprozessen. vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich.[Jäger 1980a]Jäger, Michael (1980): Kommentierende Einführung in Baumgartens «Aesthetica». 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