Fiktion: Unterschied zwischen den Versionen
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==Partikularisierung und Piktogrammatik== | ==Partikularisierung und Piktogrammatik== | ||
Der Zusammenhang zwischen Bildinhalt und Fiktion ist aber komplexer als es aussieht – insbesondere in medien- bzw. zeichenvergleichender Perspektive. Genauer betrachtet nutzt etwa Walton seinen „Fiktions“-Begriff, der gegenüber Bildmedien ''grundsätzlich'' geltend gemacht werden sollte, in uneinheitlicher Weise und wendet ihn ein zweites Mal auf die Relation des (angeblich bereits „fiktiven“) Bildinhalts zu einem weiteren dargestellten Referenzobjekt an („portraying fictitious things beyond itself“, <bib id='Walton 1993a'></bib>: S. 57). Daher scheint Walton, ebenso wie Herder, mit „fiktiven“ Darstellungen im Kern etwas spezifisch Anderes zu meinen. Gleiches dürfte für eine ähnliche Anwendung des | Der Zusammenhang zwischen Bildinhalt und Fiktion ist aber komplexer als es aussieht – insbesondere in medien- bzw. zeichenvergleichender Perspektive. Genauer betrachtet nutzt etwa Walton seinen „Fiktions“-Begriff, der gegenüber Bildmedien ''grundsätzlich'' geltend gemacht werden sollte, in uneinheitlicher Weise und wendet ihn ein zweites Mal auf die Relation des (angeblich bereits „fiktiven“) Bildinhalts zu einem weiteren dargestellten Referenzobjekt an („portraying fictitious things beyond itself“, <bib id='Walton 1993a'></bib>: S. 57). Daher scheint Walton, ebenso wie Herder, mit „fiktiven“ Darstellungen im Kern etwas spezifisch Anderes zu meinen. Gleiches dürfte für eine ähnliche Anwendung des Ausdrucks „Fiktion“ in Jörg R.J. Schirras Kontexttheorie des Bildes gelten, wo sich ebenfalls die Formulierung findet, wir könnten uns „Bilder als fiktive referentielle Kontexte“ vorstellen (<bib id='Schirra 2001a'></bib>: S. 90). Da hier erneut der Bildinhalt angesprochen wird, scheint mir dies mindestens in medienvergleichender Perspektive unintuitiv: Einem generellen Terminus der deutschen Sprache (wie ‘Katze’) würde man sicherlich nicht einen zunächst „fiktiven Inhalt“ zusprechen. In kommunikativer Hinsicht verweist ‘eine Katze’ lediglich auf das Lexikon (vgl. <bib id='Eco 2000a'></bib>: S. 280-336), nicht auf eine Situation, deren Darstellung fiktional oder nicht-fiktional sein könnte. Sprachliche Zeichen stellen vor ihrer kontextrelativen Verwendung zunächst lediglich generelle Terme dar, denen man deswegen auch keinen grundsätzlich “fiktiven Kern” zusprechen würde – da ein Ausdruck wie ‘Katze’ zunächst gar kein Individuum referenzialisiert (das nun erst fiktiv oder nicht fiktiv sein könnte). Demgegenüber scheinen Bilder – bereits auf Ebene des Bildinhalts – stets wesentlich konkreter und damit partikularisierter zu sein (was die zuvor angesprochenen panfiktionalistischen Annahmen nun zumindest naheliegender erscheinen lässt). | ||
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===Die semantische Paradoxie von Bildmedien=== | ===Die semantische Paradoxie von Bildmedien=== | ||
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Mit diesen Konventionen spielt der Grafikdesigner Frank Flöthmann in seinen populären „Piktogramm-Comics“. Trotz der offenkundigen Hybridisierung beider Bildmedienbereiche ist eine Differenzlogik ''zwischen'' Comic und Piktogramm zum Verständnis der Geschichten vorausgesetzt. Denn obwohl die Bildästhetik an die Kennzeichnung von Gegenstandstypen erinnert, stellt der Autor hier doch “reguläre” fiktive Welten aus 16 Märchen der Gebrüder Grimm dar, in welchen die Protagonist*innen auch als ''existent'' behauptet werden – was bei Piktogrammen in gewöhnlicher Verwendung (Genusbilder oder indefinit bestimmbare Bilder) gerade nicht der Fall ist. Wenn wir also von (konventionell als distinkt verstandenen) Einzelmedien wie »dem Spielfilm« sprechen, dann umfasst dessen Medialität, zusammenfassend, nicht nur seine technisch-materiellen und institutionellen Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen (also beispielsweise auch sozialsystemische Institutionen oder eine arbeitsteilige Autor*innenschaft zwischen vielen Akteuren), sondern auch semiotische und fiktionsbezogene Erwartungen, die über Rahmungen und konventionalisierte Ästhetiken aufgerufen werden können. | Mit diesen Konventionen spielt der Grafikdesigner Frank Flöthmann in seinen populären „Piktogramm-Comics“. Trotz der offenkundigen Hybridisierung beider Bildmedienbereiche ist eine Differenzlogik ''zwischen'' Comic und Piktogramm zum Verständnis der Geschichten vorausgesetzt. Denn obwohl die Bildästhetik an die Kennzeichnung von Gegenstandstypen erinnert, stellt der Autor hier doch “reguläre” fiktive Welten aus 16 Märchen der Gebrüder Grimm dar, in welchen die Protagonist*innen auch als ''existent'' behauptet werden – was bei Piktogrammen in gewöhnlicher Verwendung (Genusbilder oder indefinit bestimmbare Bilder) gerade nicht der Fall ist. Wenn wir also von (konventionell als distinkt verstandenen) Einzelmedien wie »dem Spielfilm« sprechen, dann umfasst dessen Medialität, zusammenfassend, nicht nur seine technisch-materiellen und institutionellen Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen (also beispielsweise auch sozialsystemische Institutionen oder eine arbeitsteilige Autor*innenschaft zwischen vielen Akteuren), sondern auch semiotische und fiktionsbezogene Erwartungen, die über Rahmungen und konventionalisierte Ästhetiken aufgerufen werden können. | ||
==Der fiktionale Gebrauch von Bildmedien== | ==Der fiktionale Gebrauch von Bildmedien== | ||
Während der »Fiktions«-Begriff in der Bildtheorie (im engeren Sinne) also in vielfacher Hinsicht merkwürdig untertheoretisiert ist, können doch zwei unterschiedliche Bereiche piktorialer Bezugnahmen auf fiktive Entitäten (Personen, Ereignisse, Welten) nicht ausgeblendet bleiben. Zum einen dürfte es ganz unbestritten sein, dass Bildmedien bereits etablierte fiktive Entitäten ebenso darstellen können wie real existierende Dinge. In kunstgeschichtlichen Beschäftigungen obliegt die Klärung dieser ''Referenz'' anhand bildlicher Kodes etwa der Ikonologie (vgl. <bib id='Panofsky 1939a'></bib>: S. 6). Wenn wir mit den relevanten Ikonografien vertraut sind, so wissen wir, dass ein bildlich dargestellter Mann mit einer Filzkappe immer Odysseus darstellt und können Odysseus-Repräsentationen auch in unbekannten Bildern identifizieren. Die komplexen Diskussionen um die fragliche Ontologie dieses Wesens (zwischen fiktivem Referenzobjekt und davon unterschiedenem ''Sujet'') müssen und können an dieser Stelle ausgeblendet bleiben, denn relevanter für den Zusammenhang von Bild und Fiktion scheint mir ein zweiter Bereich fiktionalen Bildgebrauchs. Hier wird nicht eine bereits bestehende fiktive Entität irgendwie durch bildliche Codes “anzitiert”, sondern genuin ''erzeugt''.<ref>Der Zusammenhang zwischen beidem ist noch einigermaßen unklar, vgl. erneut <bib id='Wilde 2018a'></bib>, S. 221-245.</ref> Es sollte nämlich nicht übersehen werden, dass weite Teile der Medienwissenschaft sich im “Tagesgeschäft” mit exakt solchen Bildmedien auseinandersetzen, die im “unmarkierten Standardfall” stets als fiktional gelten, wie Thon zutreffend argumentiert hat (vgl. <bib id='Thon 2014c'></bib>, S. 452-459): Realfilme, Animationsfilme, Fernsehserien, Comics oder Computerspiele. Die Befähigung dieser weiten Bereiche der Bildmedien zur ''Nicht-Fiktionalität'' muss – umgekehrt – zumeist mühevoll hergeleitet und gesondert begründet werden, mit verschieden hohem Aufwand bei unterschiedlichen Medientypen. Denn auch wenn nicht-fiktionale (dokumentarische oder essayistische) Realfilme in der Filmwissenschaft insgesamt ebenfalls weniger Aufmerksamkeit als fiktionale Spielfilme erhalten haben, scheint hier das fotografische Dispositiv doch zumindest eine unbestreitbar dokumentarische Qualität zu sichern.<ref>Allerdings fallen dadurch differenzierte Praktiken des ''re-entactments'' häufig erneut unter den Tisch, vgl. <bib id='Mundhenke 2017a'></bib>: S. 196-205; <bib id='Wilde 2019a'></bib>.</ref> Die Legitimation der Nicht-Fiktionalität von Animationsfilmen (z.B. «Waltz with Bashir», Ari Folman 2008), Comics (z.B. Art Spiegelmans «Maus: A Survivor’s Tale», 1991), oder Computerspielen (z.B. «JFK Reloaded», Traffic Games, 2004) muss hingegen immer wieder mühsam begründet und verteidigt werden (vgl. dazu <bib id='Thon 2019a'></bib>). Dass diese Bildmedien typischerweise fiktive Entitäten (Figuren, Ereignisfolgen, Welten) repräsentieren, stellt in jedem Fall keinen theoretischen Streitpunkt dar. Hier scheint mir eine merkwürdige Dissonanz gegenüber allgemeinen bildtheoretischen Prämissen zu liegen, die selten genauer in den Blick genommen worden ist. Abschließend soll daher noch einmal der Blick darauf gewendet werden, welche besonderen Funktionen und Leistungen Bildmedien in der Darstellung fiktiver Dinge, Ereignisse und Welten zufallen. | Während der »Fiktions«-Begriff in der Bildtheorie (im engeren Sinne) also in vielfacher Hinsicht merkwürdig untertheoretisiert ist, können doch zwei unterschiedliche Bereiche piktorialer Bezugnahmen auf fiktive Entitäten (Personen, Ereignisse, Welten) nicht ausgeblendet bleiben. Zum einen dürfte es ganz unbestritten sein, dass Bildmedien bereits etablierte fiktive Entitäten ebenso darstellen können wie real existierende Dinge. In kunstgeschichtlichen Beschäftigungen obliegt die Klärung dieser ''Referenz'' anhand bildlicher Kodes etwa der Ikonologie (vgl. <bib id='Panofsky 1939a'></bib>: S. 6). Wenn wir mit den relevanten Ikonografien vertraut sind, so wissen wir, dass ein bildlich dargestellter Mann mit einer Filzkappe immer Odysseus darstellt und können Odysseus-Repräsentationen auch in unbekannten Bildern identifizieren. Die komplexen Diskussionen um die fragliche Ontologie dieses Wesens (zwischen fiktivem Referenzobjekt und davon unterschiedenem ''Sujet'') müssen und können an dieser Stelle ausgeblendet bleiben, denn relevanter für den Zusammenhang von Bild und Fiktion scheint mir ein zweiter Bereich fiktionalen Bildgebrauchs. Hier wird nicht eine bereits bestehende fiktive Entität irgendwie durch bildliche Codes “anzitiert”, sondern genuin ''erzeugt''.<ref>Der Zusammenhang zwischen beidem ist noch einigermaßen unklar, vgl. erneut <bib id='Wilde 2018a'></bib>, S. 221-245.</ref> Es sollte nämlich nicht übersehen werden, dass weite Teile der Medienwissenschaft sich im “Tagesgeschäft” mit exakt solchen Bildmedien auseinandersetzen, die im “unmarkierten Standardfall” stets als fiktional gelten, wie Thon zutreffend argumentiert hat (vgl. <bib id='Thon 2014c'></bib>, S. 452-459): Realfilme, Animationsfilme, Fernsehserien, Comics oder Computerspiele. Die Befähigung dieser weiten Bereiche der Bildmedien zur ''Nicht-Fiktionalität'' muss – umgekehrt – zumeist mühevoll hergeleitet und gesondert begründet werden, mit verschieden hohem Aufwand bei unterschiedlichen Medientypen. Denn auch wenn nicht-fiktionale (dokumentarische oder essayistische) Realfilme in der Filmwissenschaft insgesamt ebenfalls weniger Aufmerksamkeit als fiktionale Spielfilme erhalten haben, scheint hier das fotografische Dispositiv doch zumindest eine unbestreitbar dokumentarische Qualität zu sichern.<ref>Allerdings fallen dadurch differenzierte Praktiken des ''re-entactments'' häufig erneut unter den Tisch, vgl. <bib id='Mundhenke 2017a'></bib>: S. 196-205; <bib id='Wilde 2019a'></bib>.</ref> Die Legitimation der Nicht-Fiktionalität von Animationsfilmen (z.B. «Waltz with Bashir», Ari Folman 2008), Comics (z.B. Art Spiegelmans «Maus: A Survivor’s Tale», 1991), oder Computerspielen (z.B. «JFK Reloaded», Traffic Games, 2004) muss hingegen immer wieder mühsam begründet und verteidigt werden (vgl. dazu <bib id='Thon 2019a'></bib>). Dass diese Bildmedien typischerweise fiktive Entitäten (Figuren, Ereignisfolgen, Welten) repräsentieren, stellt in jedem Fall keinen theoretischen Streitpunkt dar. Hier scheint mir eine merkwürdige Dissonanz gegenüber allgemeinen bildtheoretischen Prämissen zu liegen, die selten genauer in den Blick genommen worden ist. Abschließend soll daher noch einmal der Blick darauf gewendet werden, welche besonderen Funktionen und Leistungen Bildmedien in der Darstellung fiktiver Dinge, Ereignisse und Welten zufallen. | ||
Version vom 28. November 2019, 07:41 Uhr
Unterpunkt zu: Bildpragmatik
Fiktion, (Nicht-)Fiktivität und (Nicht-)FiktionalitätTheorien der Fiktion haben sich lange Zeit allein auf literarische Werke bezogen und die bildenden Künste gar nicht oder allenfalls beiläufig zur Kenntnis genommen.[1] Dies gilt auch umgekehrt: Der Begriff der »Fiktion« spielt in bildtheoretischen Ansätzen eine zumeist eher untergeordnete, in jedem Fall aber höchst widersprüchliche Rolle. Besonders deutlich zeigt sich dies in der Diskussion des fotografischen Bildes, dem etwa von Roger Scruton eine generelle „fictional incompetence“ ([Scruton 2006a]Scruton, Roger (2006): Photography and Representation. In: Carroll, N. & Choi, J. (Hg.), Philosophy of Film and Motion Pictures. An Anthology. Blackwell, Malden. Aus all diesen Gründen sollte der Begriff der »Fiktion« bildtheoretisch höchst interessant sein. Eine umfassende Diskussion taucht überraschenderweise aber innerhalb von Oliver Scholz’ ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M. Wurde »Fiktionalität« zunächst lange als ein rein sprachliches bzw. literarisches und allenfalls philosophisches Problem behandelt, lässt sich der Begriff mittlerweile als ein transmediales Konzept erachten, das in verschiedenen Einzelmedien (wie Filmen, Fernsehserien, Comics oder auch Computerspielen) unterschiedlich realisiert werden kann. Wichtige transmediale Fiktionalitätstheorien stammen etwa von Gregory Currie ([Currie 1990a]Currie, Gregory (1990): The Nature of Fiction. Cambridge UP, Cambridge, Ma. Wie auch immer eine solche Fiktionstheorie des statischen Bildes aussehen könnte, sie müsste zwischen zwei unterschiedlichen begrifflichen Traditionen vermitteln. Der ersten Position zufolge kann der Unterschied zwischen Fiktion und Nicht-Fiktion anhand der (zumeist als geklärt vorausgesetzten) Ontologie der dargestellten Gegenstände, also semantisch bzw. referenziell, festgestellt werden. Einer zweiten Tradition zufolge handelt es sich um verschiedene Diskurstypen oder Verwendungsweisen von Zeichen, also um pragmatische Faktoren. Letzterer Ansatz ist für die Theoriebildung zweifellos der wichtigere, da sich der semantische häufig auf ihn zurückführen lässt. Als ‘fiktiv’ ließen sich demzufolge alle Gegenstände verstehen, die in fiktionalen Texten dargestellt werden. Fiktionale Texte wiederum unterscheiden sich von nicht-fiktionalen dadurch, dass ihre Produzent*innen keinen Anspruch darauf erheben, dass die dargestellten Gegenstände wirklich existieren – was sich häufig nur aus der konkreten Verwendung, Rahmung oder Auszeichnung heraus erschließen lässt, nicht aus werkinternen Faktoren. Diese begriffliche Doppelperspektive führt zu einigen interessanten Paradoxien. Nach Stephan Packard generiert Fiktion so einerseits – positiv gewendet – stets ein Mehr, „weil ein Text zum Beispiel eine weitere Welt schafft und referenziert als nur die eine, in der wir demnach leben“ ([Packard 2020a]Packard, Stephan (2020): Gibt es eine Nullstufe der Fiktion? Praktiken der semiotischen Konstruktion des Fiktionalen und Faktualen. In: Bunia, R. (Hg.), Formen der Fiktion. Theorie und Geschichte. Wilhelm Fink, München.
Der Terminus ‘nicht-fiktional’ stellt eine differenziertere Alternative zu ‘faktual’ dar, da mit Letzterem zumeist bereits ein Urteil impliziert ist, dass die als nicht-fiktional ausgegebene Darstellung auch tatsächlich zutreffend ist; in fehlinformierten oder täuschenden Berichten ist dies aber nicht der Fall, sie wären immer noch nicht-fiktional – aber eben nicht faktual. Der etwas unspezifische Ausdruck ‘Fiktion’ hingegen kann mit Stephan Packard als Dachbegriff für ein jedes Phänomen verwendet werden, „das vorliegt, wenn Fiktionales in dieser Weise als Referenz auf Fiktives verstanden wird“ ([Packard 2016c]Packard, Stephan (2016): Bilder erfinden. Fiktion als Reduktion und Redifferenzierung in graphischen Erzählungen. In: Enderwitz, A. & Rajewsky, I. O. (Hg.), Fiktion im Vergleich der Künste und Medien. de Gruyter, Berlin. (Nicht-)Fiktivität als Frage der SemantikBetrachtet man das Problem der Fiktivität genauer, so stellt man fest, dass es keinesfalls unstrittig ist, ob auf Fiktives überhaupt Bezug genommen – also referenzialisiert – werden kann. Auch lassen sich anhand des sogenannten „Napoleon-Problems“ (vgl. [Zipfel 2001a]Zipfel, Frank (2001): Fiktion, Fiktivität, Fiktionalität. Analysen zur Fiktion in der Literatur und zum Fiktionsbegriff in der Literaturwissenschaft. Erich Schmidt, Berlin. Diese Annahmen ließen sich zwar noch in erheblichem Maße verkomplizieren, wenn man die Rolle unterschiedlicher Darstellungsstile mit einbezieht (vgl. hierzu etwa [Ryan 2009a]Ryan, Marie-Laure (2009): Fiktion, Kognition und nichtverbale Medien. In: Koch, G. & Voss, C. (Hg.), ‚Es ist, als ob‘. Fiktionalität in Philosophie Film- und Medienwissenschaft. Fink, München. Auch eine einfache sprachliche Aussage wie ‘ein Mann mit einem Hut steht im Park’ könnte ebenso gut eine Situation in der realen Welt repräsentieren wie es sich um die Eröffnung einer phantastischen Erzählung handeln kann; um die Referenzfixierung – und damit auch die Fiktivität dieser Aussage – überhaupt bestimmen zu können, bräuchte es kontextrelative Verankerungen: In welchem Park? Zu welcher Zeit? „Obwohl ein Satz wie ‘Hans ist müde’, für sich genommen, weder wahr noch falsch ist, hat er in einer bestimmten Situation einen bestimmten Wahrheitswert, weil in einer konkreten Situation das mit der Äußerung dieses Satzes Gesagte wahr ist“ ([Plunze 2002a]Plunze, Christian (2002): Sagen, Referieren, Implizieren. Das Beispiel definiter Kennzeichnungen. In: Siebel, M. (Hg.), Kommunikatives Verstehen. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig.
In vielen Fällen ist daher immer noch John R. Searle zuzustimmen: „[T]here is no textual property that will identify a stretch of dicourse as a work of fiction” ([Searle 1975a]Searle, John R. (1975): The Logical Status of Fictional Discourse. New Literary History, 6, 2. (Nicht-)Fiktionalität als Frage der PragmatikFiktionalität bezeichnet nach Werner Wolf „im Gegensatz zur Fiktivität nicht zunächst eine ontologische oder referentielle Qualität, sondern […] einen kognitiven Rahmen, der bestimmte Erwartungen und Einstellungen bei der Rezeption eines Artefakts vorprogrammiert“ ([Wolf 2016a]Wolf, Werner (2016): Fiktion. Eine relevante Kategorie der Metareferenz in Literatur und anderen Medien?. In: Enderwitz, A. & Rajewsky, I.O. (Hg.), Fiktion im Vergleich der Künste und Medien. de Gruyter, Berlin, Boston.
Mit Jens Eder könnte man diese Position wie folgt auf den Punkt bringen: Die Unterscheidung »Fiktionalität« vs. »Nicht-Fiktionalität« hängt „nicht vom Wahrheitsgehalt oder der Wahrheit von Texten ab, sondern vom Wahrheitsanspruch des Kommunikators“ ([Eder 2008a]Eder, Jens (2008): Was sind Figuren? Ein Beitrag zur interdisziplinären Fiktionstheorie. Mentis, Paderborn. Dass man Fiktionalität nicht alleine an mutmaßliche Autor*innenintentionen binden kann scheint umgekehrt auch einleuchtend – dagegen sprechen nicht nur “subversive” Rezeptionspraktiken, sondern auch widersprüchliche Artefakte, deren fiktionaler Status sich im Laufe der Rezeption verändert hat. Eine Synthese zwischen Rezipient*innen-orientierten make-believe-Ansätzen und Produzent*innen-orientierten Intentionalitätsansätzen – also letztlich zwischen Rezeptionsästhetik und Texthermeneutik – sieht J. Alexander Bareis ([Bareis 2014a]Bareis, J. Alexander (2014): Fiktionen als Make-Believe . In: Klauk, T. & Köppe, T. (Hg.), Fiktionalität. Ein interdisziplinäres Handbuch. de Gruyter, Berlin.
Diese Auffassung ließe sich als ‘intentionalistisch-pragmatisch’ bezeichnen. Ihr zufolge kommt, zusammenfassend, den angenommenen (also hypothetisch erschlossenen) Intentionen einer Kommunikator*in zwar zentrale Signalfunktionen zu; der tatsächliche Status eines Artefakts – und die Entscheidung darüber, ob es zu einer Änderung realer Überzeugungen, oder lediglich zur Imagination möglicher Welten und Situationen verwendet wird – legt sich jedoch erst in der tatsächlichen Rezeption fest. Üblicherweise wird die Unterscheidung zwischen »Fiktionalität« und »Nicht-Fiktionalität« zumeist als eine kategoriale angesehen, in welcher eine Rezipient*in sich immer eher für die eine oder die andere Seite entscheiden wird (vgl. [Wolf 2016a]Wolf, Werner (2016): Fiktion. Eine relevante Kategorie der Metareferenz in Literatur und anderen Medien?. In: Enderwitz, A. & Rajewsky, I.O. (Hg.), Fiktion im Vergleich der Künste und Medien. de Gruyter, Berlin, Boston. In jedem Fall aber scheint es sinnvoll, die beiden Begriffspaare »Fiktivität« vs. »Nicht-Fiktivität« und »Fiktionalität« vs. »Nicht-Fiktionalität« deutlich voneinander zu unterscheiden. Man wäre sonst gezwungen, fehlerhafte oder bewusst täuschende Darstellungen (deren Gegenstände fiktiv sind, obwohl ihre Repräsentation gemäß nicht-fiktionaler Signale wahrhaftig sein sollte) als fiktional aufzufassen. Eine Lüge aber würden wir üblicherweise schlicht als täuschend – und eben nicht als fiktional – bezeichnen. Piktorialer PanfiktionalismusFür Bildmedien existieren zudem einflussreiche Ausprägungen eines Panfiktionalismus (vgl. [Konrad 2014a]Konrad, Eva-Maria (2014): Panfiktionalismus. In: Klauk, T. & Köppe. T. (Hg.), Fiktionalität. Ein interdisziplinäres Handbuch. de Gruyter, Berlin. Somit bliebe nur die Unterscheidung »Fiktionalität« vs. »Nicht-Fiktionalität« zur Legitimierung eines entsprechenden Urteils. Diese Unterscheidung aber kommt zur Unterstellung einer prinzipiellen “Fiktion” von Bildmedien ebenfalls nicht in Frage, da sie an angenommene Kommunikationsabsichten und Wahrheitsansprüche einer Kommunikator*in gekoppelt ist. Von diesen aber ist die Ebene des Bildinhalts erneut weitgehend unabhängig (solange eine ikonische Kategorisierungsschwelle hinreichend überschritten wird, vgl. [Wilde 2018a]Wilde, Lukas R.A. (2018): Im Reich der Figuren. Meta-narrative Kommunikationsfiguren und die “Mangaisierung” des japanischen Alltags. Herbert von Halem, Köln. Auf einer grundlegenderen Ebene hat Jens Schröter ([Schröter 2016a]Schröter, Jens (2016): Überlegungen zu Medientheorie und Fiktionalität. In: Enderwitz, A. & Rajewsky, I.O. (Hg.), Fiktion im Vergleich der Künste und Medien. de Gruyter, Berlin.
Partikularisierung und PiktogrammatikDer Zusammenhang zwischen Bildinhalt und Fiktion ist aber komplexer als es aussieht – insbesondere in medien- bzw. zeichenvergleichender Perspektive. Genauer betrachtet nutzt etwa Walton seinen „Fiktions“-Begriff, der gegenüber Bildmedien grundsätzlich geltend gemacht werden sollte, in uneinheitlicher Weise und wendet ihn ein zweites Mal auf die Relation des (angeblich bereits „fiktiven“) Bildinhalts zu einem weiteren dargestellten Referenzobjekt an („portraying fictitious things beyond itself“, [Walton 1993a]Walton, Kendall L. (1993): Mimesis as Make-Believe. On the Foundations of the Representational Arts. Harvard UP, Cambridge, Ma. Die semantische Paradoxie von BildmedienHieran wird deutlich, dass das Problem der Partikularisierung des Bildinhalts in besonderer Weise mit dem Problem der Bildfiktion verbunden ist. Das Argument könnte etwa lauten: Weil wir auf Bildträgern meist nicht nur Zeichen, sondern komplexe und konkrete Situationen voll individuierter Einzelgegenstände zu sehen meinen, müsste der Bildinhalt zunächst immer als fiktiv eingeschätzt werden, wenn eine tatsächliche non-fiktionale Referenzfixierung notwendig gebrauchsabhängig bleibt. Betrachtet man fiktive Welten als mögliche (i.S.v. imaginierbare, vorstellbare) Welten (vgl. [Ryan 2014b]Ryan, Marie-Laure (2014): Possible-Worlds Theory. In: Hühn, P.; Meister, J. C.; Pier J. & Schmid, W. (Hg.), Handbook of Narratology, Bd. 2. de Gruyter, Berlin.
Wenn sich die semantische Paradoxie aber erst dadurch ergibt, dass – oder besser: falls – Bilder partikulare Objekte zu zeigen scheinen (und zwar bereits auf Ebene des Bildinhalts), so verschiebt sich das Problem von Bild und Fiktion in eigentümlicher Weise. Tatsächlich würde man von nicht-gegenständlichen Bildern gewöhnlich etwa weder behaupten, dass sie fiktional oder dass sie nicht-fiktional wären, da sie eben keinen Gegenstand darstellen und folglich die Frage unsinnig wäre, ob der dargestellte Gegenstand bzw. die dargestellte Situation tatsächlich so existiert haben könnte. Umgekehrt darf dieser Zusammenhang für gegenständliche Bilder aber auch keineswegs als trivial gelten. Zunächst ist es natürlich richtig, dass auch Allgemeinbilder fiktiver Gegenstandsklassen existieren (wie Bilder von Elfen auf Wikipedia), so dass man behaupten könne (wie Jens Schröter dies tut, [Schröter 2020a]Schröter, Jens (2020): Fiktionalität in der Bildwissenschaft (Kunstgeschichte/Fotografie). In: Missinne, L.; Schneider, R. & van Dam, B.T. (Hg.), Grundthemen der Literaturwissenschaft: Fiktionalität. de Gruyter, Berlin. Drei bildtheoretische PositionenIn der Bildtheorie sind drei unterschiedliche Positionen denkbar, mit dieser Differenz und einem möglichen Primat umzugehen. Walton und Sachs-Hombach scheinen mir am deutlichsten für die zwei konträrsten Einschätzungen zu argumentieren. Walton geht, wie angesprochen, davon aus, jedes Bild eines Bisons stelle primär einen partikularen (und daher in seinen Termini: einen „fiktiven“) Bison dar (vgl. [Walton 1993a]Walton, Kendall L. (1993): Mimesis as Make-Believe. On the Foundations of the Representational Arts. Harvard UP, Cambridge, Ma.
Sachs-Hombach vertritt die gegenteilige Position (vgl. etwa [Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.
Damit wären die allermeisten Bilder zunächst tatsächlich primär als „Allgemeinbilder“ oder als „Genusbilder“ zu bezeichnen, bevor sie anders (partikularisierend) eingesetzt werden. Dass wir uns zumindest bei vielen piktogrammatischen Darstellungssystemen nicht dazu angehalten fühlen, eine Partikularisierung zu unterstellen (die daraufhin fiktional oder nicht-fiktional sein müsste), räumt auch Walton ein. Entgegen seiner eigentlichen Vorannahme, Bilder seien „fictions by definitions“ ([Walton 1993a]Walton, Kendall L. (1993): Mimesis as Make-Believe. On the Foundations of the Representational Arts. Harvard UP, Cambridge, Ma. Eine dritte Option bestünde darin, keiner dieser beiden Alternativen das Primat einzuräumen und den Unterschied nur case-by-case geltend zu machen. Wolfram Pichler und Ralph Ubl arbeiten hierfür mit der begrifflichen Opposition zwischen „indefinit“ vs. „definit bestimmbaren“ Bildern, die stets am konkreten Einzelfall getroffen werden muss ([Pichler & Ubl 2014a]Pichler, Wolfram & Ub, Ralph (2014): Bildtheorie. Zur Einführung. Junius, Hamburg.
Packard formuliert diese Alternative mit Peirce als die Opposition, Bilder entweder als dicentisch-indexikalische Sinzeichen oder als rhematisch-ikonische Qualizeichen aufzufassen:
Medialität als RahmungEin Foto werden wir zumeist prinzipiell als definit – also partikularisiert – interpretieren, auch wenn wir keine Kriterien dafür besitzen, seinen Referenten tatsächlich bestimmen zu können! Und in diesem Fall müssten wir uns auch entscheiden, ob es sich um ein reales (nicht-fiktionales) oder eben fiktionalisiert eingesetztes (oder manipuliertes) Foto handelt. Doch auch dies ist womöglich eher einer medialen Konvention geschuldet, denn Eingriffe, Manipulationen, Montagen und nicht zuletzt andere Verwendungszusammenhänge der Fotografie (etwa als Gattungsbilder in Lexika oder in fiktional gerahmten Kontexten wie dem Foto-Roman) hat es schon immer gegeben (vgl. [Fineman 2012a]Fineman, Mia (2012): Faking it. Manipulated Photography before Photoshop. Yale UP, New York. Nicht angezeigt: 3. Aufl. ) erzählt bekannte Grimm-Märchen (hier «Daumesdick») mit Infografiken und Piktogrammen nach, behauptet dabei aber stets die (fiktionale) Existenz seines partikularisierten Personals. Mit (bestimmten) Bildmedien sind hierbei nicht technisch-apparative Herstellungs- und Übertragungsweisen gemeint, sondern Bildtypen, die als konventionell-distinkte Einzelmedien (wie die Fotografie) auftreten und kulturell als solche etabliert sind. Beispielsweise lassen sich die Unterschiede zwischen Gebrauchsanweisungen, Comics oder Fotoromanen nicht alleine anhand technisch-apparativer oder semiotischer Kriterien festmachen. In der multimodalen Lingustik spricht man schlicht von Textsorten oder Genres: „Ist das Genre einmal erkannt, d.h. sind wir z.B. sicher, dass es sich um eine Werbeanzeige handelt, wird das Verstehen insgesamt befördert. Es vollzieht sich dann im Rahmen der Textsortenkonventionen, auf die Rezipienten in Form von abstrahierten semiotischen Erfahrungen, d.h. gespeicherten Mustern zurückgreifen können“ ([Stöckl 2016a]Stöckl, Hartmut (2016): Multimodales Verstehen – Zwischen Zeichensystemwissen und Textsortenkompetenz. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Verstehen und Verständigung. Intermediale, multimodale und interkulturelle Aspekte von Kommunikation und Ästhetik. Herbert von Halem, Köln. Mit diesen Konventionen spielt der Grafikdesigner Frank Flöthmann in seinen populären „Piktogramm-Comics“. Trotz der offenkundigen Hybridisierung beider Bildmedienbereiche ist eine Differenzlogik zwischen Comic und Piktogramm zum Verständnis der Geschichten vorausgesetzt. Denn obwohl die Bildästhetik an die Kennzeichnung von Gegenstandstypen erinnert, stellt der Autor hier doch “reguläre” fiktive Welten aus 16 Märchen der Gebrüder Grimm dar, in welchen die Protagonist*innen auch als existent behauptet werden – was bei Piktogrammen in gewöhnlicher Verwendung (Genusbilder oder indefinit bestimmbare Bilder) gerade nicht der Fall ist. Wenn wir also von (konventionell als distinkt verstandenen) Einzelmedien wie »dem Spielfilm« sprechen, dann umfasst dessen Medialität, zusammenfassend, nicht nur seine technisch-materiellen und institutionellen Produktions-, Distributions- und Rezeptionsbedingungen (also beispielsweise auch sozialsystemische Institutionen oder eine arbeitsteilige Autor*innenschaft zwischen vielen Akteuren), sondern auch semiotische und fiktionsbezogene Erwartungen, die über Rahmungen und konventionalisierte Ästhetiken aufgerufen werden können. Der fiktionale Gebrauch von BildmedienWährend der »Fiktions«-Begriff in der Bildtheorie (im engeren Sinne) also in vielfacher Hinsicht merkwürdig untertheoretisiert ist, können doch zwei unterschiedliche Bereiche piktorialer Bezugnahmen auf fiktive Entitäten (Personen, Ereignisse, Welten) nicht ausgeblendet bleiben. Zum einen dürfte es ganz unbestritten sein, dass Bildmedien bereits etablierte fiktive Entitäten ebenso darstellen können wie real existierende Dinge. In kunstgeschichtlichen Beschäftigungen obliegt die Klärung dieser Referenz anhand bildlicher Kodes etwa der Ikonologie (vgl. [Panofsky 1939a]Panofsky, Erwin (1939): Studies in Iconology. Humanistic Themes in the Art of the Renaissance. Oxford UP, New York. Die notwendige Unvollständigkeit fiktiver EntitätenAlles, was in fiktionalen Medien dargestellt wird, muss in sehr grundlegender Hinsicht als unvollständig erachtet werden. Lubomír Doležel arbeitete diesen Punkt in seiner Variante der possible world-Theorie unter der Bezeichnung ‘ontologische Unvollständigkeit’ heraus:
Die Bezeichnung der „ontologischen“ Unvollständigkeit geht auf Barry Smith zurück, der sich damit begrifflich gegenüber einer „epistemischen“ Unvollständigkeit absetzen wollte, welche bloß unser gerechtfertigtes Wissen betrifft (vgl. [Smith 1979a]Smith, Barry (1979): Roman Ingarden. Ontological Foundations for Literary Theory. In: Odmark, J. (Hg.), Language, Literature and Meaning I. Problems of Literary Theory. Benjamins, Amsterdam. Rezipient*innen können gemeinhin auf ihr Weltwissen zurückgreifen, um solche “Lücken” zu füllen. Marie-Laure Ryan führt dies auf das von David Lewis übernommene Konzept des principle of minimal departure zurück:
Die Literaturwissenschaft verwendet in der rezeptionsästhetischen Tradition Roman Ingardens den Begriff der »Unbestimmtheitsstelle« (vgl. [Ingarden 1972a]Ingarden, Roman (1972): Das literarische Kunstwerk. Mit einem Anhang von den Funktionen der Sprache im Theaterschauspiel. Niemeyer, Tübingen. Unbestritten scheint, dass Bildmedien besondere Leistungen und Funktionen geltend machen können, um fiktionale Objekte zu konkretisieren. Filmfiguren etwa besitzen für gewöhnlich eine „sensory specificity that at the same time diminishes the range of individual imaginations by the recipients“ ([Eder et al. 2010a]Eder, Jens; Jannidis, Foris & Schneider, Ralf (2010): Fictional Characters in Literary and Media Studies. A Survey of the Research. In: Eder, J.; Jannidis, F. & Schneider, R. (Hg.), Characters in Fictional Worlds. Understanding Imaginary Beings in Literature, Film, and Other Media. de Gruyter, Berlin. Darstellungskorrespondenz und doppelte PrädikationDie Wahrnehmungsnähe von Bildmedien lässt sich durch Gregory Curries Begriff der »Darstellungskorrespondenz« (representational correspondence) noch genauer fassen (vgl. [Currie 2010a]Currie, Gregory (2010): Narratives and Narrators. A Philosophy of Stories. Oxford UP, Oxford. All dies bedeutet zusammenfassend, dass fiktional eingesetzte Bildmedien stets eine doppelte Prädikation aufweisen: Die Prädikationsmöglichkeiten, die der Bildinhalt zur Verfügung stellt (begründete Aussagen über das Aussehen der Bildobjekte), stehen in relativer Darstellungskorrespondenz zur Ebene der fiktiven Diegese, auf die sie sich häufig – aber eben nicht immer, und niemals notwendig – “mappen” lassen. Im interpretativen Verstehen müssen beide Ebenen voneinander differenziert werden, indem zwischen abbildungsrelevanter Form und “bloßem” medialem Kontext differenziert wird. Als nicht abbildungsrelevanter medialer Kontext wären aber nicht nur limitierende Faktoren der Materialität zu nennen (Schwarzweiß-Druckverfahren in der Darstellung farbiger Welten). Auch viele Aspekte des medialen Produktionszusammenhangs fließen häufig nicht in die Konkretisierung fiktionaler Gegenstände mit ein. Mit Kendall L. Walton gesprochen wäre es beispielsweise eine „silly question“ ([Walton 1993a]Walton, Kendall L. (1993): Mimesis as Make-Believe. On the Foundations of the Representational Arts. Harvard UP, Cambridge, Ma. Gemeinsamkeiten und Differenzen fiktionaler und nicht-fiktionaler WeltbezügeGrundsätzlich ist eine doppelte Prädikation zwischen sichtbarem Bildinhalt und den dadurch repräsentierten Entitäten (vermittelt über eine skalierte Darstellungskorrespondenz) auch für nicht-fiktionale, dokumentarische Formate unumgänglich: In nicht-fotografischen Bildmedien ist dies unmittelbar evident: Die Wahrnehmbarkeit der tatsächlich vorgefallenen Situationen wird hier doch in erheblichem Maße von den Wahrnehmungsparametern der (etwa gezeichneten, gemalten oder computergenerierten) Bildlichkeit abweichen; auch ist davon auszugehen, dass nicht alle Bildelemente in Vorder- und Hintergrund, in Zentrum und Peripherie, die gleichen Wahrheitsansprüche erheben. Packard geht daher von einer „gradierte[n] Fiktionalität“ ([Packard 2016c]Packard, Stephan (2016): Bilder erfinden. Fiktion als Reduktion und Redifferenzierung in graphischen Erzählungen. In: Enderwitz, A. & Rajewsky, I. O. (Hg.), Fiktion im Vergleich der Künste und Medien. de Gruyter, Berlin.
In nicht-fiktionalen Bildmedien fungiert ein geteiltes Wissen um die intersubjektive Wirklichkeit aber zumindest stets als Korrektiv, was sich mit Walton als „reality principle“ ([Walton 1993a]Walton, Kendall L. (1993): Mimesis as Make-Believe. On the Foundations of the Representational Arts. Harvard UP, Cambridge, Ma. Ein jedes solches Urteil muss am Einzelfall durch zahlreiche analytische Argumente untermauert werden: etwa, dass es den gezeichneten Protagonisten in Comic und Manga häufig durch leichte Manipulationen ihres Äußeren möglich scheint, sich so zu maskieren und zu verkleiden, dass dies selbst von nächsten Verwandten nicht mehr durchschaut werden kann (vgl. [Wilde 2014a]Wilde, Lukas R.A. (2014): Was unterscheiden Comic-‚Medien‘?. CLOSURE. Kieler e-Journal für Comicforschung, 1. Die ambivalente Grenze der doppelten Prädikation öffnet zusammenfassend eine Zone der künstlerischen und imaginativen Aushandlung. Gefragt – und gezweifelt – werden muss an fiktionalen Bildern dann stets, welche der Prädikationsmöglichkeiten des sichtbaren Bildinhalts darstellungsrelevant und somit auf die intersubjektiv und diskursiv konstruierte Diegese übertragbar sind. Dies aber lässt sich nicht einfach sehen, sondern nur auf Ebene der Traditionsbildung, der Diskursivierung und der Anschlusskommunikation, also auf Ebene performativer Transkriptionspraktiken, rekonstruieren (vgl. [Jäger 2002a]Jäger, Ludwig (2002): Transkriptivität. Zur medialen Logik der kulturellen Semantik. In: Jäger, L. & Stanitzek, G. (Hg.), Transkribieren - Medien/Lektüre. Fink, München. Siehe auch: |
Anmerkungen
Literatur
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