Psychoanalytische Theorien des Bildes: Unterschied zwischen den Versionen
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Jacques Lacan ist für jene | Jacques Lacan ist für jene Erneu­erung der Psycho­ana­lyse verant­wortlich, die im Zeichen struktu­ralis­tischer und post-​struktu­ralis­tischer Theorie bis heute von zentra­ler Bedeu­tung für die meisten film­wissen­schaftli­chen, kunst­histo­rischen und bild­theore­tischen Zugän­ge psycho­ana­lyti­scher Prove­nienz geblie­ben ist. Ihr Einfluss reicht von Louis Althus­sers Imple­mentie­rung psycho­ana­lyti­scher Theorie in eine marxis­tisch-​struktu­ralis­tische Metho­dik, die in Marx’ eige­ner Inter­preta­tionspra­xis eine Form von „sympto­mati­scher Lektü­re“ aufzu­zeigen versucht (vgl. <bib id='Althusser & Balibar 1972a'>Althus­ser & Bali­bar 1972a</bib>), über die für die Film­wissen­schaften entschei­denden Arbei­ten eines Christian Metz (vgl. <bib id='Metz 2000a'></bib>) oder Michel Chion (vgl. <bib id='Chion 1999a'></bib>) bis zu medien- und bild­wissen­schaftli­chen Ansät­zen (vgl. <bib id='Kittler 2002b'></bib>, <bib id='Pfaller 2002a'></bib>, <bib id='Blümle & von der Heiden 2005a'></bib> und die dort enthal­tene Biblio­grafie) jünge­ren Datums. Lacan hat sich im Gegen­satz zu Freud von Anfang an mit Bildlich­keit, Optik und dem Feld des Sichtba­ren befasst. Eini­ge der wichtig­sten Grund­theore­me und Begrif­fe Lacans – etwa ‘Spiegel­stadium’, ‘Ima­ginä­res’, ‘Tableau’ – sind direkt der Optik und dem Feld des Sichtba­ren entnom­men und zu psycho­ana­lyti­schen Denkfi­guren transfor­miert worden. Lacans Theorie ist – darin dem Freud’schen Vorbild verpflich­tet – nicht nur eine Theorie des Psychi­schen, sondern immer auch eine philo­sophisch-​ethisch ausge­richte­te Kultur­theorie, in der Lacan stets eine ihm eige­ne struktu­ralis­tische Radi­kali­sierung klassisch psycho­ana­lyti­scher Posi­tionen mit philo­sophi­schen, natur­wissen­schaftli­chen, kunst­histo­rischen und epis­temo­logi­schen Ansät­zen (um nur eini­ge zu nennen) eng verkop­pelt. | ||
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Der Aufsatz | Der Aufsatz «Das Spiegel­stadium als Bildner der Ich-​Funktion» (vgl. <bib id='Lacan 1949a'></bib>) beschreibt auf der Grundla­ge der Freud’schen Narzis­smus-​Theorie (vgl. <bib id='Freud 1914b'></bib>) eine Frühpha­se der Subjekt­konsti­tution, welche durch das früh­kindli­che Auftre­ten der drei Lacan’schen Ordnun­gen​ (»Reales«,​ »Symbolisches«,​ »Imaginäres«)​ gekenn­zeichnet ist. Das Spiegel­stadium bezeich­net dabei eine Phase inner­halb der Entwick­lung des Kleinkin­des, in der es sich zum ersten Mal im [[Spiegel]] zu erken­nen glaubt, wobei zentral ist, dass dieses Erken­nen von Lacan als ein Verken­nen konzi­piert ist, das ab diesem Zeitpunkt als „Drama“ (<bib id='Lacan 1949a'></bib>: S. 67) das Subjekt für alle Zeiten bestim­men wird. Das Verken­nen besteht in dem Umstand, dass das Spiegel­bild dem Infans eine Inte­grität vorspie­gelt, die es aufgrund seines körper­lichen Entwick­lungssta­diums jedoch noch nicht hat. Lacan wird zeitle­bens von dieser Grundstruk­tur nicht ab­rücken und hier das Urdra­ma der Subjekt­werdung veror­ten. „Jubi­lato­risch“ ist die Aufnah­me des Spiegel­bildes deshalb, weil es das Gefühl der Ohnmacht und exis­tenziel­len Abhän­gigkeit suspen­diert und in einen ersten Akt der Selbster­mächti­gung mündet, welcher aller­dings illu­sorisch ist, da die fakti­sche Schwäche des kleinen Menschen ja dadurch nur kurzei­tig „verges­sen“, nicht jedoch abge­schafft wird. Das Medium dieser Suspen­sion ist das Bild und hierin wird dann die Film- und Bild­theorie einen wichti­gen Faktor der Faszi­nations­kraft des Bildli­chen ent­decken. Dies ist das erste Auftre­ten jener Ordnung, die Lacan ein paar Jahre später „das Ima­ginä­re“ nennen wird und die als der Bereich des „Bildes und der Vorstel­lung, der Täuschung und Enttäu­schung“ (<bib id='Evans 2002a'></bib>: S. 146) gilt. Wichtig ist zu beto­nen, dass es sich hierbei nicht um eine „Phase“ handelt, die vom Subjekt über­wunden werden kann. Es geht nicht um eine Illu­sion, die abzu­schütteln wäre. Das Ima­ginä­re bleibt konsti­tutiv für das Subjekt und steht in einem perma­nenten psycho­dyna­mischen Austausch­verhält­nis mit dem Realen und dem Symbo­lischen. Das Ima­ginä­re ist wesent­lich für die Ich-​Konsti­tution im Sinne des Selbst­bildes (Ima­go) und bestimmt das Verhält­nis zum Ande­ren. Auf Lacan aufbau­end, hat Gilles De­leuze eine Theorie der "Bildwer­dung" ent­wickelt, die mit Mela­nie Klein Lacans Theorie bild­theore­tisch entschei­dend erwei­tert (vgl. <bib id='Deleuze 1993a'>De­leuze 1993a</bib>: S. 231-​267). | ||
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Diese Konzeption erlaubt es Lacan dann unter | Diese Konzeption erlaubt es Lacan dann unter Hinzu­ziehung phäno­meno­logi­scher Posi­tionen (vgl. v.a. <bib id='Sartre 1943a'></bib>: S. 457-539) die Entwick­lung des für eine Bild­theorie zentra­len Konzepts der „Spaltung von Auge und Blick“. Innerhalb der ima­ginä­ren Ordnung veror­tet sich das Subjekt selbst über eine Verken­nungsfunk­tion, die ihr Modell im Konzept des Spiegel­stadiums hat. Für die sozi­ale Subjekt­konsti­tution ist jedoch nicht so sehr das eige­ne Sehen, sondern das Gese­hen-​Werden von entschei­dender Bedeu­tung (vgl. <bib id='Lacan 1996a'></bib>: S. 73-​112). Dieses Gese­hen-​Werden ist jener Blick, den Lacan in Anleh­nung an Sartre vom Auge (im Sinne visu­eller Sinnes­wahrneh­mung) abkop­pelt. Die Attrak­tivi­tät dieser Konzep­tion gera­de für post-​struktu­ralis­tische Theorie­bildung besteht darin, dass die Blick­verhält­nisse von Inten­tiona­litä­ten sehen­der Subjek­te unab­hängig sind und somit auch in Dingen (und damit auch Bildern) veror­tet werden können. Die Formel „Was wir sehen blickt uns an“ (vgl. <bib id='Didi-Huberman 1999a'>Didi-​Huber­man 1999a</bib>) bezieht nicht zuletzt hieraus ihre Plausi­bili­tät. Für Lacan ist entschei­dend: „Statt in inte­resse­loser Distanz zu verhar­ren, wird das Subjekt als sehen­des und begeh­rendes von den Bildern getrof­fen“ (<bib id='Blümle & von der Heiden 2005a'></bib>: S. 9) - „getrof­fen“, weil das Subjekt als Ange­blicktes selbst zum Objekt unter ande­ren wird. | ||
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Hieraus resultiert schließlich Lacans Kritik an der frühneuzeitlichen Epistemologie Descartes’, die er exemplarisch in Form der Zentralperspektive verkörpert sieht. Was hier laut Lacan zutage tritt, ist eine zu einem Dispositiv geronnene Selbstermächtigungsphantasie des Subjekts, dessen Ganzheitsphantasma sich im despotischen Blick der Zentralperspektive manifestiert. Das cartesianische Subjekt setzt sich als Geometral- und Perspektivpunkt selbst in den blinden Fleck des zentralperspektivischen Bildes ein und bringt das Feld des Sehens dadurch in seine Gewalt. Die [[Anamorphose|Anamorphose]] wiederum subvertiert diese Bildordnung mit den Mitteln der Zentralperspektive und erinnert „im Vorbeigehen“ den Betrachter an seinen chiastischen Platz im Feld der Sichtbarkeit – als gleichzeitig sehendes und gesehenes Objekt unter anderen, als Bildfunktion: „Die Psychoanalyse Lacans bricht [...] mit einer cartesianischen Geometrie, der gemäß der Mensch als ›punctus subjectivus‹ einer ausgedehnten Gegenstandswelt gegenübersteht, ebenso wie mit dem metaphysischen Dualismus, dem gemäß das Objekt dasjenige sei, was vorgestellt wird und den Sinn affiziert.“ (<bib id='Runte 2005a'></bib>: S. 415-416) Zur psychoanalytisch motivierten Kritik der Zentralperspektive im Anschluss an Freud und Lacan siehe <bib id='Damisch 1987a'></bib>. | Hieraus resultiert schließlich Lacans Kritik an der frühneuzeitlichen Epistemologie Descartes’, die er exemplarisch in Form der Zentralperspektive verkörpert sieht. Was hier laut Lacan zutage tritt, ist eine zu einem Dispositiv geronnene Selbstermächtigungsphantasie des Subjekts, dessen Ganzheitsphantasma sich im despotischen Blick der Zentralperspektive manifestiert. Das cartesianische Subjekt setzt sich als Geometral- und Perspektivpunkt selbst in den blinden Fleck des zentralperspektivischen Bildes ein und bringt das Feld des Sehens dadurch in seine Gewalt. Die [[Anamorphose|Anamorphose]] wiederum subvertiert diese Bildordnung mit den Mitteln der Zentralperspektive und erinnert „im Vorbeigehen“ den Betrachter an seinen chiastischen Platz im Feld der Sichtbarkeit – als gleichzeitig sehendes und gesehenes Objekt unter anderen, als Bildfunktion: „Die Psychoanalyse Lacans bricht [...] mit einer cartesianischen Geometrie, der gemäß der Mensch als ›punctus subjectivus‹ einer ausgedehnten Gegenstandswelt gegenübersteht, ebenso wie mit dem metaphysischen Dualismus, dem gemäß das Objekt dasjenige sei, was vorgestellt wird und den Sinn affiziert.“ (<bib id='Runte 2005a'></bib>: S. 415-416) Zur psychoanalytisch motivierten Kritik der Zentralperspektive im Anschluss an Freud und Lacan siehe <bib id='Damisch 1987a'></bib>. | ||
Version vom 17. Dezember 2013, 11:58 Uhr
Unterpunkt zu: Bildtheoretische Ansätze
Allgemeine Charakteristika psychoanalytischer BildtheorieIm Gegensatz zu den Kunstwissenschaften, die über umfangreiche und gut dokumentierte psychoanalytisch orientierte Theorietraditionen verfügen, stellen psychoanalytische Ansätze innerhalb der allgemeinen Bildtheorie bisher ein Forschungsdesiderat im Spannungsfeld phänomenologischer, feministischer sowie poststrukturalistischer Zugänge dar. Als ‘psychoanalytisch’ wird eine Bildtheorie zumeist dann charakterisiert, wenn sie sich unter Rückgriff auf klassische psychoanalytische sowie ideologie- und diskurskritische Theorieansätze mit den Blickverhältnissen und Blickregimen beschäftigt, die sich in Bildern als Symptome eines vorgängigen Weltverhältnisses manifestieren. Dies schließt die soziale Konstitution von Sichtbarkeit und Bildlichkeit ebenso ein wie das Verhältnis von Wahrnehmung und Affekt im Sinne einer Affektökonomie des Bildlichen. Die für psychoanalytische Ansätze grundlegende Denkfigur lautet: Bilder werden als Manifestationen latenter Sinngehalte oder Welt-/Macht-/Seinsverhältnisse verstanden (Traumanalogie). Die Psychoanalyse ist eine Mythographie des Selbst, die das Unbewusste als einen Code bestimmt, der entschlüsselt werden muss, um zum eigentlichen Sinngehalt durchzudringen. Die psychoanalytische Methode ist dabei zutiefst von der hermeneutischen Tradition geprägt, die im zwanzigsten Jahrhundert wiederum durch die Psychoanalyse entscheidende Impulse erhalten hat (vgl. [Ricoeur 1974a]Ricœur, Paul (1974): Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Kernelemente psychoanalytischer BildtheorieFreudEine via regia zur Entschlüsselung unbewussten Sinns ist der Traum – oder genauer: die Traumarbeit, die von Sigmund Freud in dessen Traumdeutung (vgl.[Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig, Wien. Für Freud sind Träume eine in der Ordnung des Visuellen arbeitende Aufführungspraxis des Unbewussten, in der es um „Verbildlichung des abstrakten Gedankens“ (ebd.: S. 344) gehe. Zu diesem Zweck bediene sich die Traumarbeit eines ganzen Arsenals von Möglichkeiten, aus logischen Beziehungen Bilder zu modellieren, die dann durch Entstellung, Verdichtung und Verschiebung für das „phantastische Gepräge“ (ebd.: S. 327) des Traums verantwortlich seien. Logische Verhältnisse wie „Kausalbeziehung“, „Entweder-Oder“ oder „Nacheinander“ würden in der Traumarbeit zu bestimmten Bildkonstellationen verdichtet, die dann die „Traumrequisiten“ (ebd.: S. 339) bereitstellten oder auch sich der Ausformung ins Bildliche verweigerten, sodass der Traum diesen Missstand durch weitere Entstellung und Verschiebung umgehen müsse, um zur Darstellung zu gelangen. Bildtheoretisch relevant bleibt auch Freuds Antwort auf die Frage, warum der Traumgedanke überhaupt der Bilder bedarf, um “zur Sprache” zu kommen. Dabei zeigt sich, dass es hier vor allem um Probleme der Effizienz geht, also das Unbewusste die Tendenz zu haben scheint, große Polysemie auf kleinsten Raum zu projizieren. Bilder scheinen zu diesem Zwecke ein geeigneteres Medium zu sein als Sprache:
Das Bildliche ist gegenüber dem Begrifflichen „anknüpfungsreicher“ (ebd.: S. 343) und kommt damit Zensur und Verdichtung entgegen. Neben jener impliziten Bildtheorie, die Bestandteil der Traumdeutung ist, hat sich Freud zu verschiedenen Zeiten auch mit Bildnissen aus der Kunstgeschichte befasst. Hervorzuheben sind hier vor allem die Studien «Eine Kindheitserinnerung des Leonardo Da Vinci» (vgl. [Freud 1910a]Freud, Sigmund (2001): Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X. Fischer, Frankfurt/M. LacanJacques Lacan ist für jene Erneuerung der Psychoanalyse verantwortlich, die im Zeichen strukturalistischer und post-strukturalistischer Theorie bis heute von zentraler Bedeutung für die meisten filmwissenschaftlichen, kunsthistorischen und bildtheoretischen Zugänge psychoanalytischer Provenienz geblieben ist. Ihr Einfluss reicht von Louis Althussers Implementierung psychoanalytischer Theorie in eine marxistisch-strukturalistische Methodik, die in Marx’ eigener Interpretationspraxis eine Form von „symptomatischer Lektüre“ aufzuzeigen versucht (vgl. [Althusser & Balibar 1972a]Althusser, Louis & Balibar, Etienne (1972): Das Kapital lesen. Rowohlt, Reinbek. Der Aufsatz «Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion» (vgl. [Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973): Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. In: Schriften I. Walter, Olten, Freiburg im Breisgau. Diese Konzeption erlaubt es Lacan dann unter Hinzuziehung phänomenologischer Positionen (vgl. v.a. [Sartre 1943a]Sartre, Jean-Paul (2010): Das Sein und das Nichts. Rowohlt. Hieraus resultiert schließlich Lacans Kritik an der frühneuzeitlichen Epistemologie Descartes’, die er exemplarisch in Form der Zentralperspektive verkörpert sieht. Was hier laut Lacan zutage tritt, ist eine zu einem Dispositiv geronnene Selbstermächtigungsphantasie des Subjekts, dessen Ganzheitsphantasma sich im despotischen Blick der Zentralperspektive manifestiert. Das cartesianische Subjekt setzt sich als Geometral- und Perspektivpunkt selbst in den blinden Fleck des zentralperspektivischen Bildes ein und bringt das Feld des Sehens dadurch in seine Gewalt. Die Anamorphose wiederum subvertiert diese Bildordnung mit den Mitteln der Zentralperspektive und erinnert „im Vorbeigehen“ den Betrachter an seinen chiastischen Platz im Feld der Sichtbarkeit – als gleichzeitig sehendes und gesehenes Objekt unter anderen, als Bildfunktion: „Die Psychoanalyse Lacans bricht [...] mit einer cartesianischen Geometrie, der gemäß der Mensch als ›punctus subjectivus‹ einer ausgedehnten Gegenstandswelt gegenübersteht, ebenso wie mit dem metaphysischen Dualismus, dem gemäß das Objekt dasjenige sei, was vorgestellt wird und den Sinn affiziert.“ ([Runte 2005a]Runte, Annette (2005): Dinge sehen dich an: Die Melancholie des leeren Platzes in der metaphysischen Malerei. In: Blümle, C. & von der Heiden, A. (Hg.), Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.
AnwendungsfelderNach Reiche (vgl. [Reiche 2001a]Reiche, Reimut (2001): Mutterseelenallein. Kunst, Form, Psychoanalyse. Stroemfeld. 1. Der Einbau der Psychoanalyse in eine globale Kunsttheorie. Hiermit beschreibt Reiche die Integration psychoanalytischer Methoden und Denkfiguren in ein bereits existierendes Denkgebäude, wobei er qualitativ zwischen „gelungenen Assimilationen“ (ebd.: S. 26) und „äußerlichem Anbau“ (ebd.) unterscheidet. 2. „Ein psychopathographischer, über die Autorpsyche laufender Zugang“ (ebd.: S. 28). Jener Zugang, der in Freuds Leonardo-Studie sein Vorbild hat (s.o.), gilt heute als wissenschaftlich weitgehend diskreditiert und findet kaum mehr Anwendung. 3. In der Nachfolge von Phyllis Greenacre, Marion Milner und Donald W. Winnicott kann die therapeutische Situation selbst als ästhetisches Ensemble beschrieben werden. Da dieser Ansatz „nicht so sehr das Werk, als den Prozess seiner Erschaffung“ (ebd.: S. 28) in den Mittelpunkt stellt, werden hier Psychodynamiken der Werkgenese und damit Aspekte der Kreativität fokussiert. 4. Die „Gegenübetragungsthese“ hat insbesondere innerhalb der Filmwissenschaft eine lange Tradition und wurde von Alfred Lorenzer zu einer „tiefenhermeneutischen Kulturanalyse“ ausgebaut. Der aus der therapeutischen Praxis stammende Begriff der Gegenübertragung birgt allerdings nicht unbeträchtliche Risiken: „Die große Attraktion dieser Methode für alle Freunde der Psychoanalyse ist zugleich ihre Achillesverse: die je meinige Gefühlsantwort auf das Werk wird in den Mittelpunkt gestellt und als Gegenübertragung deklariert.“ (ebd.: S. 30) 5. „Zugänge über die Form“ (ebd.: S. 32), welche von Reiche selbst favorisiert werden, nehmen im Falle Reiches ihren Ausgang sowohl von Freuds Bildtheorie der Traumarbeit als auch von jenen Formanalysen, die Freud in "Der Moses des Michelangelo" erprobt hat. Ob dabei jedoch von einer „Strukturanalogie von Traum und Kunstwerk“ (Ebd.: S. 34) auszugehen ist, muss dahingestellt bleiben. |
Anmerkungen
Literatur
[Althusser & Balibar 1972a]Althusser, Louis & Balibar, Etienne (1972): Das Kapital lesen. Rowohlt, Reinbek.[Blümle & von der Heiden 2005a]Blümle, Claudia & von der Heiden, Anne (Hg.) (2005): Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.[Chion 1999a]Chion, Michel (1999): The Voice in Cinema. Columbia University Press.[Damisch 1987a]Damisch, Hubert (1987): L'origine de la perspective. Flammarion, Paris.[Deleuze 1993a]Deleuze, Gilles (1993): Logik des Sinns. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Didi-Huberman 1999a]Didi-Huberman, Georges (1999): Was wir sehen blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes. Fink, München.[Evans 2002a]Evans, Dylan (Hg.) (2002): Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Turia + Kant, Wien.[Freud 1900a]Freud, Sigmund (1991): Die Traumdeutung. Franz Deuticke, Leipzig, Wien.[Freud 1910a]Freud, Sigmund (2001): Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1914a]Freud, Sigmund (2001): Der Moses des Michelangelo. In: Mitscherlich, A.; Richards, A. & Strachey, J. (Hg.), Bildende Kunst und Literatur. Studienausgabe Bd. X . Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1914b]Freud, Sigmund (1975): Zur Einführung in den Narzissmus. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1915a]Freud, Sigmund (1975): Die metapsychologischen Schriften von 1915. In: Psychologie des Unbewußten. Studienausgabe Band III. Fischer, Frankfurt/M.[Kittler 2002b]Kittler, Friedrich (2002): Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999. Merve, Berlin.[Lacan 1949a]Lacan, Jacques (1973): Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. In: Schriften I. Walter, Olten, Freiburg im Breisgau.[Lacan 1996a]Lacan, Jaques (1996): Schriften I [1973]. Quadriga, Weinheim [Metz 2000a]Metz, Christian (2000): Der imaginäre Signifikant. Psychoanalyse und Kino. Nodus, Münster.[Pfaller 2002a]Pfaller, Robert (2002): Die Illusion des Anderen. Suhrkamp.[Reiche 2001a]Reiche, Reimut (2001): Mutterseelenallein. Kunst, Form, Psychoanalyse. Stroemfeld.[Ricoeur 1974a]Ricœur, Paul (1974): Die Interpretation. Ein Versuch über Freud. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Runte 2005a]Runte, Annette (2005): Dinge sehen dich an: Die Melancholie des leeren Platzes in der metaphysischen Malerei. In: Blümle, C. & von der Heiden, A. (Hg.), Blickzähmung und Augentäuschung. Zu Jacques Lacans Bildtheorie. Diaphanes, Zürich, Berlin.[Sartre 1943a]Sartre, Jean-Paul (2010): Das Sein und das Nichts. Rowohlt. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Markus Rautzenberg, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes, Mark A. Halawa und Dimitri Liebsch — (Hinweis) |