Typologien der Medien: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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===Tertiärmedien===
===Tertiärmedien===
[[Datei:Tertiaermedien-klein.jpg|thumb|Abb. 3: Skizze zur Situiertheit bei Tertiärmedien]]
[[Datei:Tertiaermedien-klein.jpg|thumb|Ab­bil­dung 3: Skiz­ze zur Si­tu­iert­heit bei Ter­ti­är­me­di­en]]
Demgegenüber hat der Einsatz technischer Hilfsmittel auf beiden Seiten des Informations&shy;flusses vor allem den Zweck, ''räumlich weit voneinander ent&shy;fernte Kommunikations&shy;partner mehr oder weniger gleichzeitig'' miteinander zu verbinden. Das funktioniert nur, wenn die Übertragungsdauer gegenüber der Dauer der Kommunikations&shy;zyklen sehr kurz ist. Diese relative Gleichzeitigkeit von Sende- und Empfangs&shy;teilhandlungen ist die Voraussetzung dafür, dass ein solches Raum überwindendes Medium im Gegensatz zu Sekundärmedien auch in beide Richtungen funktionieren kann (vgl. Abb. 3).<ref>Wegen der notwendigen Nachrichten&shy;laufzeit in jedem Medium gehen bei dieser Bestimmung übrigens Tertiärmedien beim Überbrücken sehr großer Entfernungen schließlich mehr oder weniger fließend in Sekundärmedien über, obwohl beide Seiten technische Hilfen einsetzen mögen: Wenn die Übertragungsdauer zu groß wird, kann die zeitliche Synchronisation zwischen Sender und Empfänger nicht mehr aufrecht erhalten werden, was zu ganz entsprechenden Auswirkungen auf die vermittelten Zeichenhandlungen führt.</ref>  
Dem&shy;ge&shy;gen&shy;über hat der Ein&shy;satz tech&shy;ni&shy;scher Hilfs&shy;mit&shy;tel auf bei&shy;den Sei&shy;ten des In&shy;for&shy;ma&shy;ti&shy;ons&shy;flus&shy;ses vor al&shy;lem den Zweck, ''räum&shy;lich weit von&shy;ein&shy;an&shy;der ent&shy;fern&shy;te Kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;ti&shy;ons&shy;part&shy;ner mehr oder we&shy;ni&shy;ger gleich&shy;zei&shy;tig'' mit&shy;ein&shy;an&shy;der zu ver&shy;bin&shy;den. Das funk&shy;ti&shy;o&shy;niert nur, wenn die Über&shy;tra&shy;gungs&shy;dau&shy;er ge&shy;gen&shy;über der Dau&shy;er der Kom&shy;mu&shy;ni&shy;ka&shy;ti&shy;ons&shy;zyk&shy;len sehr kurz ist. Die&shy;se re&shy;la&shy;ti&shy;ve Gleich&shy;zei&shy;tig&shy;keit von Sen&shy;de- und Emp&shy;fangs&shy;teil&shy;hand&shy;lun&shy;gen ist die Vo&shy;raus&shy;set&shy;zung da&shy;für, dass ein sol&shy;ches Raum über&shy;win&shy;den&shy;des Me&shy;di&shy;um im Ge&shy;gen&shy;satz zu Se&shy;kun&shy;där&shy;me&shy;di&shy;en auch in bei&shy;de Rich&shy;tun&shy;gen funk&shy;ti&shy;o&shy;nie&shy;ren kann (vgl. Abb. 3).<ref>We&shy;gen der not&shy;wen&shy;di&shy;gen Nach&shy;rich&shy;ten&shy;lauf&shy;zeit in je&shy;dem Me&shy;di&shy;um ge&shy;hen bei die&shy;ser Be&shy;stim&shy;mung üb&shy;ri&shy;gens Ter&shy;ti&shy;är&shy;me&shy;di&shy;en beim Über&shy;brü&shy;cken sehr gro&shy;ßer Ent&shy;fer&shy;nun&shy;gen schließ&shy;lich mehr oder we&shy;ni&shy;ger flie&shy;ßend in Se&shy;kun&shy;där&shy;me&shy;di&shy;en über, ob&shy;wohl bei&shy;de Sei&shy;ten tech&shy;ni&shy;sche Hil&shy;fen ein&shy;set&shy;zen mö&shy;gen: Wenn die Über&shy;tra&shy;gungs&shy;dau&shy;er zu groß wird, kann die zeit&shy;li&shy;che Syn&shy;chro&shy;ni&shy;sa&shy;ti&shy;on zwi&shy;schen Sen&shy;der- und Emp&shy;fän&shy;ger&shy;hand&shy;lun&shy;gen nicht mehr auf&shy;recht er&shy;hal&shy;ten wer&shy;den, was zu ganz ent&shy;spre&shy;chen&shy;den Aus&shy;wir&shy;kun&shy;gen auf die ver&shy;mit&shy;tel&shy;ten Zei&shy;chen&shy;hand&shy;lun&shy;gen führt.</ref>  
   
   



Version vom 22. November 2013, 14:59 Uhr

Unterpunkt zu: Medientheorien: Übersicht


Typen von Medien

Da innerhalb des Medienbegriffs verschie­dene Binnen­gliede­rungen vorkom­men, stellt sich die Frage, ob Bilder in jedem der entspre­chenden Medien­typen verwen­det werden können oder ob die Zuord­nung zu einer Medien­klasse auf eine den Bildge­brauch spezi­fisch beein­flussen­de Art einge­schränkt ist.

Wenig relevante Typo­logien

Offensichtlich gibt es einige Auftei­lungen, für die die Antwort trivial ist, so etwa die Unter­gliede­rung nach den verwen­deten Sinnes­moda­litä­ten, also in audi­tive, visu­elle, olfak­tori­sche, gusta­tori­sche und hapti­sche Medien: Bilder sind, wenn von meta­phori­schen Über­tragun­gen des Begriffs auf ande­re Sinnes­moda­litä­ten abge­sehen wird (⊳ Bildhaf­tes und unei­gentli­che Bilder), spezi­fisch visu­elle Phäno­mene, kommen also nur in einem der so unter­schiede­nen Medien­typen vor. Übli­cherwei­se wird diese Auftei­lung aller­dings in zwei wichti­gen Hinsich­ten erwei­tert: Indem nämlich einer­seits sprachli­cher Infor­mations­austausch – als eine Form der Kommu­nika­tion, die gleicher­maßen in mehre­ren Sinnes­moda­litä­ten (audi­tiv, visu­ell, in Braille sogar haptisch) vorkom­men kann – als eigen­ständi­ge Klasse dieser Auftei­lung verstan­den wird; und indem ande­rerseits Kommu­nika­tionsfor­men zu einer Klasse ‘Multi­media’ zusam­menge­fasst werden, die gleichzei­tig über mehre­re Sinnes­kanä­le, also multi­modal, funkti­onieren. In dieser Typo­logie spielen Bilder also nur für zwei Typen – visuell und multi­medial – über­haupt eine Rolle.

Bei anderen Gliederungsprinzipien gibt es hinge­gen kaum rele­vante Zusam­menhän­ge mit der Bildver­wendung: So werden etwa Kommu­nika­tionsme­dien nach den dabei einge­setzten (i) Herstel­lungs- oder (ii) Verbrei­tungsver­fahren unter­schieden. Auf diese Weise kann etwa von ‘Printme­dien’ (i) bzw. von ‘Massen­medien’ (ii) gespro­chen werden: Die jewei­ligen Verfah­ren sind dabei zwar etwas, dass das Medium bestimmt, weil sie auf je beson­dere Weise Kommu­nika­tion ermög­lichen und struktu­rieren, aber ob dabei Bilder oder ande­re Zeichen­arten vermit­telt werden ist für diese Typen von Medium weitge­hend unwe­sentlich.

Primär-, Sekundär- und Tertiär­medien

Die zentrale Binnengliederung, die von der Medien­wissen­schaft für Kommu­nika­tionsme­dien vorge­schlagen wurde, ist die in Primär­medien, Sekun­därme­dien und Tertiär­medien – manchmal auch unter der Bezeich­nung ‘Medien vom Typ 1, 2 oder 3’ (vgl. [Pross 1972a]Pross, Harry (1972): Medienforschung. Film, Funk, Presse, Fernsehen. Habel, Darmstadt.
: S. 10f.). Dabei erfolgt die Unter­scheidung zunächst danach, in welchem Ausmaß techni­sche Hilfsmit­tel verwen­det werden.

Folgt man den üblichen Erklärungen, dann handelt es sich um ein Primär­medium genau in den Fällen, wenn keiner­lei techni­sche Hilfsmit­tel bei der Vermitt­lung von Infor­mation einge­setzt werden. Gesprä­che von Ange­sicht zu Ange­sicht finden demnach mit einem Medium vom Typ 1 statt.[1] Wenn nur der Absen­der der Infor­mation techni­sche Hilfsmit­tel in Anspruch nimmt, wird von einem Sekun­därme­dium gespro­chen: Da z.B. Foto­grafien mit Kame­ra und Drucker oder einem vergleich­baren techni­schen Gerät herge­stellt werden müssen, aber übli­cherwei­se ohne techni­sche Hilfe betrach­tet werden können, erfolgt hier der Infor­mations­fluss über ein Medium vom Typ 2. Ein Tertiär­medium liegt schließlich vor, wenn sowohl Sender wie auch Empfän­ger beim Infor­mations­austausch auf techni­sche Geräte ange­wiesen sind. Das ist etwa der Fall beim Tele­fonieren. Aber auch das Fernse­hen erfüllt diese Bedin­gung für ein Medium vom Typ 3.

Rein formal wäre in dem Schema der drei Medien­typen natür­lich auch noch der Fall zu betrach­ten, wenn nur der Empfän­ger auf techni­sche Unter­stützung ange­wiesen ist. Man mag sich etwa folgen­de Situ­ation dazu vorstel­len: Eine Person möchte einer ande­ren, die deutlich außer­halb der natür­lichen Hörwei­te ist, etwas sagen. Dazu benutzt der Empfän­ger ein empfind­liches Richtmi­kro­phon. Praktisch taucht ein solcher Fall selten auf. Das mag der Grund dafür sein, dass er übli­cherwei­se nicht geson­dert erwähnt wird. Doch ist tatsäch­lich schon offen­sichtlich, um welchen Medien­typ es sich dabei handelt? Ist es eine der drei vorge­stellten oder sollte es sich um eine zusätz­liche Klasse handeln?[2]

Die Unklarheit der Zuordnung für diesen Fall ist ein Indiz dafür, dass die Unter­scheidung der Medien­klassen inhalt­lich weni­ger an dem Vorhan­densein techni­scher Gerä­te hängt: Das ist ledig­lich ein Symptom für eine tiefer liegen­de Diffe­renzie­rung, das zwar in der Regel aussa­gekräf­tig ist, aber nicht unmit­telbar den Witz der Unter­scheidung trifft. Recht über­legt fällt auf, dass die techni­schen Hilfsmit­tel ganz allge­mein dazu dienen, Beschrän­kungen der Kommu­nika­tion in Raum und Zeit zu über­winden.


Die Situiertheit der Kommu­nizie­renden als Unter­scheidungs­krite­rium

Primärmedien

Ab­bil­dung 1: Skiz­ze zur Si­tu­iert­heit bei Pri­mär­me­di­en

Von Pri­mär­me­di­en soll­te bes­ser ge­nau dann die Re­de sein, wenn Sen­der und Emp­fän­ger der vom Me­di­um ver­mit­tel­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on im­mer zur glei­chen Zeit am glei­chen Ort sein müs­sen – un­ab­hän­gig da­von, ob ir­gend­wel­che tech­ni­schen Ge­rä­te be­tei­ligt sind.[3] Oh­ne tech­ni­sche Hilfs­mit­tel ver­mit­teln ih­nen ih­re Sin­nes­or­ga­ne oh­ne­hin im­mer nur das je­wei­li­ge Hier und Jetzt. Ei­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ei­nem an­de­ren kann da­her oh­ne Hilfs­mit­tel stets nur in ei­ner von bei­den ge­teil­ten, d.h. der je ak­tu­el­len Si­tu­a­ti­on statt­fin­den. Das Beson­dere an primär­medi­aler Kommu­nika­tion ist u.a. die Möglich­keit für deikti­sche und im weiten Sinn inde­xika­lische Aspek­te: Man kann nur auf etwas (im engen Sinn) zeigen, was da ist, und man kann diese Zeige­geste nur kommu­nika­tiv verwen­den, wenn das Gegen­über eben­falls die Geste und ihr Ziel wahrneh­men kann (vgl. Abb. 1).[4] Der wesent­liche Unter­schied zwischen Sekun­där- und Tertiär­medien liegt nun darin, wie diese die Beschrän­kung der Situ­iertheit bei den Primär­medien jeweils erwei­tern:

Sekundärmedien

Ab­bil­dung 2: Skiz­ze zur Si­tu­iert­heit bei Se­kun­där­me­di­en

Für Se­kun­där­me­dien ist die zeit­li­che Di­men­si­on die ent­schei­den­de: Der Ein­satz ei­nes tech­ni­schen Ge­räts hat näm­lich ins­be­son­de­re die Funk­ti­on, ein die Zeit über­dau­ern­des (per­sis­ten­tes) Nach­rich­ten­ar­te­fakt zu schaf­fen, so dass ein an­de­rer lan­ge Zeit nach der Her­stel­lung durch den Sen­der als ein Emp­fän­ger die­ser Nach­richt auf­tre­ten kann (vgl. Abb. 2). Dass die­se per­sis­ten­ten Zei­chen­trä­ger in der Zwi­schen­zeit auch den Ort ge­wech­selt ha­ben kön­nen ist da­bei eher zweit­ran­gig, denn zu­nächst ein­mal gilt, dass Sen­der und Emp­fän­ger in zeit­li­cher Dis­tanz si­tu­iert sind. Aus dieser Situ­ierung folgt zum einen, dass sekun­därme­diale Kommu­nika­tion immer uni­direk­tional erfol­gen muss: Echte Dialo­ge sind hier nicht möglich. Zum ande­ren erge­ben sich spezi­elle pragma­tische Phäno­mene für die vermit­telten Inter­aktio­nen, da jeweils ein Inter­aktions­partner nur in der Vorstel­lung des ande­ren exis­tiert.

Tertiärmedien

Ab­bil­dung 3: Skiz­ze zur Si­tu­iert­heit bei Ter­ti­är­me­di­en

Dem­ge­gen­über hat der Ein­satz tech­ni­scher Hilfs­mit­tel auf bei­den Sei­ten des In­for­ma­ti­ons­flus­ses vor al­lem den Zweck, räum­lich weit von­ein­an­der ent­fern­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­part­ner mehr oder we­ni­ger gleich­zei­tig mit­ein­an­der zu ver­bin­den. Das funk­ti­o­niert nur, wenn die Über­tra­gungs­dau­er ge­gen­über der Dau­er der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zyk­len sehr kurz ist. Die­se re­la­ti­ve Gleich­zei­tig­keit von Sen­de- und Emp­fangs­teil­hand­lun­gen ist die Vo­raus­set­zung da­für, dass ein sol­ches Raum über­win­den­des Me­di­um im Ge­gen­satz zu Se­kun­där­me­di­en auch in bei­de Rich­tun­gen funk­ti­o­nie­ren kann (vgl. Abb. 3).[5]


Quartäre Medien

Mit der Verbreitung computerbasierter Kommunikation haben manche neueren Autoren vorgeschlagen, bei Verwendung vernetzter Computertechnologie von ‘Quartärmedien’ (‘Medien vom Typ 4’) zu sprechen ([Faßler 1997a]Faßler, Manfred (1997): Was ist Kommunikation?. Fink, München.
). Zwar erlaubt es die vernetzte Digitaltechnologie in der Tat, sehr viele andere Medien auf verhältnismäßig einfache, leicht zugängliche und unkompliziert zu erlernende Art und Weise zu emulieren. Alleine daraus aber ergeben sich noch keine spezifisch medientheoretisch relevanten Neuerungen, ganz abgesehen davon, dass Computergebrauch nicht mit dem erwähnten tatsächlichen Kriterium der raumzeitlichen Situiertheit zusammenpasst.

Das gilt hingegen nicht für die Klasse der interaktiven Systeme, zu denen sowohl die sprachverstehenden und -generierenden Systeme der KI zählen,[6] wie auch interaktive Graphiksysteme[7] und insbesondere die immersiven Systeme[8] inklusive der Computerspiele. Von der Interaktion zwischen Kommunikationspartnern über (oder durch) das Medium ist nämlich der Gebrauch des Ausdrucks „Interaktivität“ zu unterscheiden, wenn er gewissermaßen die Wechselwirkungen mit dem Medium betrifft.[9]

Tatsächlich übermittelt ein interaktives System als Medium nicht, wie eine Zeitung, einzelne Zeichenhandlungen, wie komplex diese auch immer sein mögen. Vielmehr wird mit ihm eine ganze Reihe potentieller Zeichenhandlungen übertragen, nämlich alle vom System generierbaren Zeichen. Der Nutzer wählt durch seine Aktivität mehr oder weniger explizit jeweils eins davon aus, dass es ihm präsentiert wird. Zwar tritt auch bei sekundären Medien eine Aufspaltung in partielle Zeichenhandlungen mit unterschiedlichen, jeweils nur vorgestellten Teilnehmern auf.[10] Doch geht es in diesen Fällen natürlich stets nur um ein einziges, wenn auch, etwa bei Büchern, sehr komplexes, syntaktisch aber eindeutig bestimmtes Zeichen. Diese Bedingung gilt für das Medium der interaktiven Systeme gerade nicht: Jeder Empfänger erhält jeweils auf ihn abgestimmte, personalisierte Nachrichten.

Abbildung 4: Skizze zur komplexen Kommunikationsituation bei Quartärmedien

Einerseits kommuniziert dabei der Nutzer mit sich selbst:[11] Wie bei einem Selbstgespräch zeigt man sich etwa eine Straßenkarte oder eine anatomische Skizze. Andererseits sind die Karten, Skizzen und Antworten ja durchaus nicht nur der Vorstellung des Nutzers entsprungen. Diejenigen, die das interaktive System konstruiert und mit Inhalt gefüllt haben, kommen ebenfalls als kommunikatives Gegenüber des Nutzers in Frage und müssen in der Regel ja auch für Korrektheit in den Zeichenhandlungen mit dem interaktiven System Verantwortung übernehmen. Es macht durchaus Sinn, die Verwendung eines interaktiven Systems als eine Kommunikation zwischen Hersteller (oder Herausgeber) des Systems und Systemnutzer zu verstehen, ganz so, wie man das Lesen einer Zeitung auch als Kommunikation zwischen Autor bzw. Herausgeber und Leser rekonstruieren kann. Auch die “monologische” Variante setzt letztlich auf diese Basiskommunikation auf.

Die Interaktivität wird in einem 3D-Computerspiel sogar noch komplexer, sind es doch nicht nur die mehr oder weniger direkten Anweisungen des Nutzers, welche die Reaktionen des Systems bestimmen. Vielmehr werden hier seine stilisierten Bewegungen im (wirklichen) Raum (z. B. Mausbewegungen) analysiert und als Kriterium für teilweise sehr komplexe Systemreaktionen verwendet: Diese reichen bekanntlich von entsprechenden Bewegungen eines Avatars im virtuellen Raum (⊳ Cyberspace) bis zu Interaktionen mit virtuellen, vom Spielsystem gesteuerten Spielfiguren.

Offensichtlich hängt Interaktivität in diesem Sinne entschieden an der Verwendung von Computern, denn ohne diese speziellen Medienmaschinen wäre es schlechterdings nicht möglich, die Aktivitäten des Nutzers automatisch und ohne allzu merklichen Zeitverlust in entsprechende Reaktionen umzusetzen. Zugleich eröffnet Interaktivität eine grundsätzlich andere Art der Medienverwendung als die, die in den Typen 1 bis 3 betrachtet werden: Der primäre Sender ist nur noch partiell dafür verantwortlich, welche Nachricht der Empfänger tatsächlich bekommt, denn dieser übernimmt zum Teil selbst die Rolle des Senders.

Da die Situiertheit der Kommunizierenden bei interaktiven Systemen deutlich komplexer ist und ganz eigenständige Kombinationen von Teilkommunikationshandlungen gegenüber den Klassen 1 bis 3 umfasst, ist es sinnvoll, für diese Situiertheit eine entsprechende eigene Medienklasse, die quartären Medien (oder Medien der Klasse 4) einzuführen.


Einfluss der Medienklasse auf darin verwendete Bilder

Bilder können offensichtlich in jedem der vier Medientypen verwendet werden. Doch hat die unterschiedliche relative Situiertheit von Sender und Empfänger einen je spezifischen Einfluss auf die Bildverwendung.

Abbildung 5: Ein computer­visualistisch erzeugtes Bild als Beispiel

Ein Bild, wie das hier gezeigte Beispielbild (Abb. 5), wäre etwa primärmedial verwendet, wenn der Computervisualist, der es erzeugt hat, es einem Kunsthistoriker, der es beauftragt hat, am Bildschirm vorführt. Die sekundärmediale Verwendung ergibt sich z.B., wenn das Bild in einem Buch über die Darmstädter Mathildenhöhe verwendet wird: Der Autor, der das Bild etwa zur Illustration seines Textes verwendet, und der Leser sind vor allem zeitlich deutlich separiert. Wird das Bild hingegen in einer Videokonferenz benutzt, in der zwei Gruppen von Kunsthistorikern in verschiedenen Städten bestimmte Fragen zum Musikzimmer des Hauses Behrens klären wollen, wird das Bild tertiärmedial eingesetzt. Die quartärmediale Nutzung tritt schließlich auf, wenn eben dieses Bild als Teil einer ganzen Serie computergenerierter Bilder in einem immersiven System auftaucht, in dem ein Benutzer mit der Maus einen virtuellen Rundgang durch die virtuelle Rekonstruktion des Hauses steuert.

Der Einfluß der Medienklasse auf das Bildhandeln betrifft Interaktions-, Selbst- und Sachbezug. Hinsichtlich des Sachbezugs ist es bei der primärmedialen Nutzung offensichtlich ganz unproblematisch, klärende Rückfragen zu Bild oder Bildinhalt zu stellen und diese sogar mit deiktischen Elementen zu kombinieren. Auch bei tertiärmedialem Einsatz sind klärende Rückfragen möglich; allerdings werden nun Zeigehandlungen problematisch. Die Option für direkte Rückfragen entfällt bei sekundärmedialer Nutzung, bei der höchstens durch begleitenden Text oder zusätzliche, vor allem inhaltlich damit zusammenhängende Bilder vorgefertigte Erläuterungen liefern können. Das gilt in etwas geringerem Maße auch für die quartärmediale Verwendung, die durch interaktive Mechanismen immerhin eine genauere Adaption an die jeweilige Empfängerreaktion möglich wird.

Besonders betroffen von der Situiertheit der vermittelten Kommunikation ist deren selbstbezüglicher Anteil: Wie sich der jeweilige Sender in der kommunikativen Interaktion mit dem Bild darstellt, ist nur bei primärmedialer Verwendung direkt nachvollziehbar. In den Fällen mit abwesendem Produzenten spaltet sich die Kommunikation in zwei teilweise unabhängige Teilkommunikationen auf, bei der jeweils als Kommunikationspartner eine Vorstellung vom Gegenüber – ein Partnermodell – die Rolle als Kommunikationspartner einnimmt.

Analog erlaubt auch hinsichtlich des Interaktionsbezugs die primärmediale Verwendung zunächst die direkteste Möglichkeit klärender Rückfragen, gefolgt von der tertiärmedialen Verwendung.

Insbesondere bei quartärmedialer Verwendung wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, die Bildlichkeit des Bildes auszublenden, es also gar nicht mehr als Bild zu nutzen und das Dargestellte als virtuellen Raum im dezeptiven Modus zu erleben.


Weitere Anmerkungen zu Medientypologien

Trotz ähnlicher Bezeichnungen sollte die hier dargestellte Medientypologie nicht mit der von Vogel vorgeschlagenen Einteilung in Medien n-ter Ordnung (mit n > 0) verwechselt werden ([Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.
), was nicht zuletzt an dem sehr speziellen Medienbegriff Vogels liegt, den man durchaus als synonym zu ‘Zeichensystem’ verstehen kann. Medien der Ordnung m sind Notationssysteme für Medien der Ordnung m-1.

Anmerkungen
  1. ↑ Die kör­per­ei­ge­ne Aus­stat­tung zählt hier al­so eben­so we­nig un­ter tech­ni­sche Hil­fen, wie das “Me­di­um” Luft mit sei­nen spe­zi­fi­schen phy­si­ka­li­schen Ei­gen­schaf­ten, Schall und Licht zu über­tra­gen.
  2. ↑ Ana­log: Wa­rum soll­te das Ver­wen­den ei­ner Bril­le nicht als tech­ni­sches Hilfs­mit­tel ge­wer­tet wer­den?
  3. ↑ Wird also in einer sehr lauten Umge­bung (etwa in einem Hubschrau­bercock­pit) oder in einer Umge­bung ohne Schall­leitung (etwa bei dem Außen­einsatz von Astro­nauten im Weltall) Funktech­nik zur mündli­chen Kommu­nika­tion verwen­det, kann es sich trotz der betei­ligten Technik durchaus um eine primär­medi­ale Kommu­nika­tion handeln.
  4. ↑ Da­mit wird im Übri­gen auch klar, wa­rum Hör­ge­rä­te, Bril­len oder Sprech­hil­fen nicht zu den für die Ty­po­lo­gi­sie­rung re­le­van­ten tech­ni­schen Hilfs­mit­teln ge­zählt zu wer­den brau­chen: Sie ver­än­dern die re­la­ti­ve Si­tu­ie­rung der Me­di­en­nut­zer nicht.
  5. ↑ We­gen der not­wen­di­gen Nach­rich­ten­lauf­zeit in je­dem Me­di­um ge­hen bei die­ser Be­stim­mung üb­ri­gens Ter­ti­är­me­di­en beim Über­brü­cken sehr gro­ßer Ent­fer­nun­gen schließ­lich mehr oder we­ni­ger flie­ßend in Se­kun­där­me­di­en über, ob­wohl bei­de Sei­ten tech­ni­sche Hil­fen ein­set­zen mö­gen: Wenn die Über­tra­gungs­dau­er zu groß wird, kann die zeit­li­che Syn­chro­ni­sa­ti­on zwi­schen Sen­der- und Emp­fän­ger­hand­lun­gen nicht mehr auf­recht er­hal­ten wer­den, was zu ganz ent­spre­chen­den Aus­wir­kun­gen auf die ver­mit­tel­ten Zei­chen­hand­lun­gen führt.
  6. ↑ Vgl.: Wikipedia: Künstliche Intelligenz.
  7. ↑ Dazu zählen beispielsweise auch die mobilen Navigationsgeräte, die sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit erfreuen; ⊳ Interaktives Bild.
  8. ↑ Vgl. auch Wikipedia: Immersion (virtuelle Realität).
  9. ↑ So versteht man beispielsweise unter einer interaktiven Straßenkarte ein Computersystem, mit dessen Hilfe man sich zunächst einmal eine Straßenkarte präsentieren kann; zudem verspricht diese Bezeichnung aber auch, dass die gezeigte Karte und ebenso ihre Präsentation vom Nutzer auf nicht-triviale Art und Weise beeinflusst werden können, etwa durch Zoomen, Verschieben des gezeigten Ausschnitts, Vergrößern oder Verkleinern der Beschriftung, Weglassen oder Zufügen von Bahnlinien, Flüssen oder Sehenswürdigkeiten, Suchen einer Adresse und Hervorhebung des Resultats in der Karte, Berechnung und Darstellung einer Route, usw.; vgl. auch [Schirra 2005a]Schirra, Jörg R.J. (2005): Foundation of Computational Visualistics. DUV, Wiesbaden.
    : Sec. 4.4.3.
  10. ↑ Insbesondere sind das: (1) Autor (allgemeiner: ‘Produzent’ oder ‘Sender’) und sein vorgestellter Leser (allgemeiner: ‘Rezipient’ oder ‘Empfänger’; Produktionssituation wird fokussiert) und (2) Leser und der von ihm imaginierte Autor (bzw. ein imaginierter anderer; Rezeptionssituation wird fokussiert); ⊳ Bildrezeption als Kommunikationsprozess.
  11. ↑ Von der weiteren Möglichkeit, dass ein Nutzer das Ergebnis seiner Beschäftigung mit dem interaktiven System zu einer Kommunikation mit Dritten nutzt, sehen wir hier ab.
Literatur
[Faßler 1997a]Faßler, Manfred (1997): Was ist Kommunikation?. Fink, München.[Plümacher 2005a]Plümacher, Martina (2005): Bildtypologie als Grundlage der Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.[Pross 1972a]Pross, Harry (1972): Medienforschung. Film, Funk, Presse, Fernsehen. Habel, Darmstadt.[Schirra 2005a]Schirra, Jörg R.J. (2005): Foundation of Computational Visualistics. DUV, Wiesbaden.[Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.

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Lektorat: