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:''Wer sieht nun nicht aus dem, was wir gesagt haben, daß Emblem die allgemeinste Bezeichnung ist, womit jedes Gebilde, sei es gemalt oder graviert, bezeichnet wird, und daß es in seinem Bereich jene andere Art allgemeiner Embleme umfaßt, die einen allgemeinen Lehrgedanken beinhalten: entweder die Verdeutlichung der Tugend oder die Verwünschung des Lasters, oder schließlich Anleitung zur Klugheit; […].''<ref>“At quis non videt, ex ijs quae diximus, Emblema generalissimum esse nomen, quo quaevis figura, sive picta, sive caelata, significatur, quodque sub ambitu suo complectatur illam alteram speciem Emblematum universalium, habentium aliquod noëma dogmaticum generale: vel significationem virtutis, vel detestationem vitij, vel denique instructionem ad prudentiam […]” (<bib id='Zincgref 1664a'></bib>: fol. ):( ):( 3<sup>r-v</sup>). – Diese und die folgenden Übersetzungen folgen der von Arthur Henkel und Wolfgang Wiemann auf der Basis der Editio ultima besorgten Ausgabe von 1664.</ref> | :''Wer sieht nun nicht aus dem, was wir gesagt haben, daß Emblem die allgemeinste Bezeichnung ist, womit jedes Gebilde, sei es gemalt oder graviert, bezeichnet wird, und daß es in seinem Bereich jene andere Art allgemeiner Embleme umfaßt, die einen allgemeinen Lehrgedanken beinhalten: entweder die Verdeutlichung der Tugend oder die Verwünschung des Lasters, oder schließlich Anleitung zur Klugheit; […].''<ref>“At quis non videt, ex ijs quae diximus, Emblema generalissimum esse nomen, quo quaevis figura, sive picta, sive caelata, significatur, quodque sub ambitu suo complectatur illam alteram speciem Emblematum universalium, habentium aliquod noëma dogmaticum generale: vel significationem virtutis, vel detestationem vitij, vel denique instructionem ad prudentiam […]” (<bib id='Zincgref 1664a'></bib>: fol. ):( ):( 3<sup>r-v</sup>). – Diese und die folgenden Übersetzungen folgen der von Arthur Henkel und Wolfgang Wiemann auf der Basis der Editio ultima besorgten Ausgabe von 1664.</ref> | ||
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Zincgref verwendet den Ausdruck ‘Emblem’ universal für Text-Bild-Verbindungen. Die Übergang von Emblem, Imprese und Hieroglyphe sind fließend. Ihnen allen eignet Symbol- bzw. Gleichnishaftigkeit und können von einem allgemeinen Emblem (''Emblema communia sive universalia''), wie Zincgref es nennt, in ein Einzelemblem (''Emblema singulare'') individuell verwandelt werden – und ''vice versa''. Als solche fänden sie dann auf Devisen, Wappen oder Verwendung. Sie alle überführen [[Vorstellungsbilder / Mentale Modelle|Vorstellungsbilder]] (''imagines vivantes''), etwa über heroische Taten und ihre seelischen Abbilder (''simulacra animorum'') durch poetische Bearbeitung in körperhafte Bilder (''pictae''), um als Vorbild dem Gedächtnis der Nachwelt verfügbar zu bleiben (vgl. <bib id='Zincgref 1664a'></bib>: fol. ):( ):( 3<sup>v</sup>). Für Zincgref besteht die uneingeschränkte Leistung der Embleme darin, unseren Geist durch Gleichnishaftigkeit und Analogiebildung zu Wahrnehmungen zu führen, zu denen die äußeren Sinne nicht im Stande sind.<ref>„Cum igitur ea sit Emblematum natura, ut similitudine quadam, ad alia, quam quæ sensui exteriori offeruntur, intelligenda, trahant mentes nostras […]“ <bib id='Zincgref 1664a'></bib>: fol. ):( ):( 4<sup>r</sup>).</ref> Embleme sind Erkenntnis- und Ordnungsmittel in Einem. Sie halten Wissen verfügbar und sind in der Lage, neues Wissen und neue Erkenntnisse auf Basis der Rekombination und Analogiebildung zu generieren.<ref>Im Rahmen der an der FU Berlin beheimateten DFG-Forschergruppe ''Topik und Tradition'' untersuchte das Projekt ''Imagines et Picturae'' eben diese emblematischen Sinnbildungsverfahren; vgl. dazu <bib id='Kocher 2007a'></bib>, <bib id='Manns 2007a'></bib>, <bib id='Manns 2009a'></bib>, <bib id='Kocher 2010a'></bib> sowie <bib id='Kocher 2011a'></bib>. Die Abschlussmonografie erscheint Ende 2013.</ref> | Zincgref verwendet den Ausdruck ‘Emblem’ universal für Text-Bild-Verbindungen. Die Übergang von Emblem, Imprese und Hieroglyphe sind fließend. Ihnen allen eignet Symbol- bzw. Gleichnishaftigkeit und können von einem allgemeinen Emblem (''Emblema communia sive universalia''), wie Zincgref es nennt, in ein Einzelemblem (''Emblema singulare'') individuell verwandelt werden – und ''vice versa''. Als solche fänden sie dann auf Devisen, Wappen oder Verwendung. Sie alle überführen [[Vorstellungsbilder / Mentale Modelle|Vorstellungsbilder]] (''imagines vivantes''), etwa über heroische Taten und ihre seelischen Abbilder (''simulacra animorum'') durch poetische Bearbeitung in körperhafte Bilder (''pictae''), um als Vorbild dem Gedächtnis der Nachwelt verfügbar zu bleiben (vgl. <bib id='Zincgref 1664a'></bib>: fol. ):( ):( 3<sup>v</sup>). Für Zincgref besteht die uneingeschränkte Leistung der Embleme darin, unseren Geist durch Gleichnishaftigkeit und Analogiebildung zu Wahrnehmungen zu führen, zu denen die äußeren Sinne nicht im Stande sind.<ref>„Cum igitur ea sit Emblematum natura, ut similitudine quadam, ad alia, quam quæ sensui exteriori offeruntur, intelligenda, trahant mentes nostras […]“ (<bib id='Zincgref 1664a'></bib>: fol. ):( ):( 4<sup>r</sup>).</ref> Embleme sind Erkenntnis- und Ordnungsmittel in Einem. Sie halten Wissen verfügbar und sind in der Lage, neues Wissen und neue Erkenntnisse auf Basis der Rekombination und Analogiebildung zu generieren.<ref>Im Rahmen der an der FU Berlin beheimateten DFG-Forschergruppe ''Topik und Tradition'' untersuchte das Projekt ''Imagines et Picturae'' eben diese emblematischen Sinnbildungsverfahren; vgl. dazu <bib id='Kocher 2007a'></bib>, <bib id='Manns 2007a'></bib>, <bib id='Manns 2009a'></bib>, <bib id='Kocher 2010a'></bib> sowie <bib id='Kocher 2011a'></bib>. Die Abschlussmonografie erscheint Ende 2013.</ref> | ||
===Harsdörffer: «Frauenzimmer Gesprächspiele» und «Mordgeschichte»=== | ===Harsdörffer: «Frauenzimmer Gesprächspiele» und «Mordgeschichte»=== | ||
Version vom 26. November 2013, 12:47 Uhr
Unterpunkt zu: Sprach-Bild-Bezüge
Zu Begriff und Geschichte von Emblem und Emblematik
Ein Emblem (ἔμβλημα) ist eine spezifische Bild und Text kombinierende Gattung uneigentlicher, argumentativer Rede. Im Laufe des 16. bis 18. Jahrhunderts avancierte die Emblematik als konsequenteste Umsetzung des Ut pictura poesis (vgl. [Heckscher & Wirth 1967a]Heckscher, William S. & Wirth, Karl-August (1967): Emblem, Emblembuch. In: Heydenreich, L. H. et al. (Hg.), Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Bd. 5. Email – Eselsritt. Metzler, Stuttgart. Embleme stehen in enger Verbindung mit anderen Text-Bild-Genera wie der Imprese (die in der Regel einen persönlichen Leitsatz visualisiert), dem Rebus (einem meist visuell verschlüsseltem Bilderrätsel von Worten oder Sentenzen) oder der Renaissance-Hieroglyphik (von der man annahm, ihre Bildzeichen böten einen unmittelbaren Zugang zur göttlichen Erkenntnis). Im Laufe ihrer rund 250-jährigen Geschichte bildet die Emblematik zahlreiche Strukturformen heraus (vgl. [Heckscher & Wirth 1967a]Heckscher, William S. & Wirth, Karl-August (1967): Emblem, Emblembuch. In: Heydenreich, L. H. et al. (Hg.), Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Bd. 5. Email – Eselsritt. Metzler, Stuttgart. Die meisten Embleme des «Emblematum liber» bestehen wie das Beispiel in Abbildung 1 aus einer Inscriptio (Lemma, Motto, Obschrift), einer Pictura (Icon, Symbolum) sowie einer Subscriptio (oder Unterschrift). [2] Die Inscriptio „Paupertatem svmmis ingenijs obesse ne prouehantur“ gibt in Form eines kurzen Sinnspruchs das Thema des Emblems vor und ordnet es zugleich einem bestimmten Kontext zu, der den exegetischen Rahmen des Emblems festlegt (vgl. [Neuber 1993a]Neuber, Wolfgang (1993): Locus. Lemma, Motto. Entwurf zu einer mnemonischen Emblematiktheorie. In: Berns, J. J. & Neuber, W. (Hg.), Ars memorativa. Zur kulturgeschichtlichen Bedeutung der Gedächtniskunst 1400-1750. Niemeyer, Tübingen.
Das zweite Distichon stellt dann die Verbindung zur Inscriptio her, indem es die Pictura auslegt: Die Armut hindert den intellektuell und künstlerisch Begabten daran, seine Fähigkeit voll zu entfalten. Auch wenn der bilderzeugende, ekphrastische Teil der Subscriptio der Evidentia (also dem Vor-Augen-Stellen eines Sachverhaltes oder eines Arguments) dient, so aktualisiert erst das Zusammenspiel aller Teile das dem Emblem zugrunde liegende Argument. Aus dieser im «Emblematum liber» vorzufindenden dreiteiligen Emblemstruktur leitete Albrecht Schöne einen Idealtypus ab, den er unter der Formel einer „Doppelstruktur des Abbildens und Auslegens oder des Darstellens und Deutens“ ([Schöne 1993a]Schöne, Albrecht (1993): Emblematik und Drama im Zeitalter des Barock. Beck, München. Im Laufe ihrer Gattungsgeschichte bildete die Emblematik eine Vielzahl von Formvarianten aus, die mehr oder weniger von dieser strukturellen Dreigliedrigkeit abweichen, wie etwa die gegen Mitte des 17. Jahrhunderts immer populäreren „mehrständigen Sinnbilder“, die aus bis zu zehn miteinander zu einer Sinneinheit verbundenen Emblemen bestehen können. Trotz ihrer Vielfalt ist diesen Gebilden eine metonymische bzw. metaphorische Relation von Text und Bild eigen (vgl. [Scholz 1997a]Scholz, Bernhard F. (1997): Emblem. In: Weimar, K. (Hg.), Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. de Gruyter, Berlin & New York. Die Funktionserweiterung der Emblematik drückt sich nicht nur dadurch aus, dass im deutschsprachigen Raum zu Beginn des 17. Jahrhunderts der Ausdruck ‘Emblem’ allmählich durch das – vom niederländischen ‘zinnebeeld’ abgeleitete – ‘Sinnbild’ ersetzt wird. Sie zeigt sich auch in der zunehmenden Bedeutung, die die Emblematik überhaupt für die frühneuzeitliche Wissensdistribution und Wissensproduktion spielt. Sie wird mit didaktischen, meditativen und repräsentativen Absichten funktionalisiert, wobei es alle nur denkbaren Zwischenformen zwischen diesen Makrobereichen gibt und die Übergänge fließend sind. Es wurde daher aus erschließungspragmatischen Gründen vorgeschlagen, die Vielfalt an Emblembücher wie folgt zu systematisieren: in Impresenliteratur, in ethisch-moralische Emblematik, in weltliche Liebesemblematik, in politische Emblematik und schließlich in religiöse Emblematik sowie in Emblemenzyklopädien, die sich wiederum in zahlreiche Unterkategorien differenzieren lassen.[7]
Ausgewählte Emblemtheorien des 16. und 17. JahrhundertsIn Anbetracht der bedeutenden Stellung, die die Emblematik innerhalb der frühneuzeitlichen Sinnbildsysteme einnimmt,[8] ist es erstaunlich, dass kaum theoretisch verbindliche zeitgenössische Reflexionen über eine Poetik des Emblems überliefert sind. Die meisten Vorreden und Traktate, die sich zur Ursprungsfrage der Emblematik äußern, wiederholen sich meist und werden der emblematischen Formenvielfalt ihrer Zeit kaum gerecht. Produktionsästhetische und/oder rezeptionsästhetische Poetologien des Emblems sind eine Seltenheit. Im Folgenden wird eine exemplarische Auswahl emblemtheoretischer Positionen skizziert, die von Andreas Alciatus über Johann Fischart und Johann Wilhelm Zincgref bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts zu Georg Philipp Harsdörffer und Justus Georg Schottelius reicht. Bei Harsdörffer finden sich erstmals umfangreiche Bestimmungen, die der Emblempraxis und der seit der Jahrhundertwende erheblich wachsenden Funktionsvielfalt der Emblematik gerecht zu werden versuchen. Alciatus: «Emblematum liber»Die Begriffsgeschichte der Emblematik beginnt, wie gesagt, mit dem 1531 von Heinrich Steyner in Augsburg verlegten «Emblematum liber», in dem er unautorisiert ein 104 Epigramme umfassendes Manuskript des Juristen Andreas Alciatus mit Holzschnitten von Jörg Breu verband und auf diese Weise eher zufällig die Dreiteiligkeit schuf, die dann auf die neue Text-Bild-Gattung übertragen wurde.[9] Was Alciatus selbst unter ‘Emblem’ verstand wird andeutungsweise in seinem dem Augsburger Humanisten Konrad Peutinger zugedachten Widmungsepigramm ([Alciatus 1531a]Alciatus, Andreas (1531): Emblematum liber. Heinrich Steyner, Augsburg.
Abgesehen davon also, dass die von Alciatus erfundenen Embleme einem sinnvollen Zeitvertreib dienen sollen, sieht er in ihnen Vorlagen für die Verzierung von Kleidung und anderen Artefakten, wobei es ihm weniger auf die grafische Umsetzung der bilderzeugenden Teile der Epigramme anzukommen scheint, sondern auf das dem Epigramm zugrundeliegende Kernargument. Welchen Themenbereichen die Argumente entnommen werden können, erläutert Alciatus seinem Freund Francesco Calvo in einem Brief vom 9. Dezember 1522: „libellum composui epigrammaton, cui titulum feci Emblemata: singulis enim epigrammatibus aliquid describo, quod ex historia [!], vel ex rebus naturalibus aliquid elegans significet“ (zit. nach [Miedema 1968a]Miedema, Hessel (1968): The Term ‘Emblema’ in Alciati. Journal of the Warburg and Courtauld Institutes, 31. Fischart: «Kurtzer vnd Woldienlicher Vorbericht»Alciatus’ kunsthandwerkliche Implikation des Emblems im Sinne einer Intarsie oder Einlegearbeit prägt einerseits noch das erste deutschsprachige Emblemtraktat, das Johann Fischart (1546/47–1590) als Vorwort dem 1581 in Straßburg erschienenen «Emblematum tyrocinia» Matthias Holtzwarts voranstellte. Andererseits leitet Fischart in diesem «Kurtze[n] vnd Woldienliche[ n] Vorbericht / von Vrsprung / Namen vnd Gebrauch der Emblematen / oder Eingeblömeten Zierwercken» den Emblembegriff noch aus der Heraldik und dem militärischen Standartenwesen ab und schlägt damit eine Verbindung zur Impresentradition. Bereits Paolo Giovio wies in seinem berühmten und einflussreichen «Dialogo dell’Imprese Militari et Amoroso» (Rom 1555) auf die memorative Kraft dieser Bild- und Gedächtniszeichen hin.[13] Fischart sieht die Aufgabe der „Gedenckzeychen“ darin, dem Rezipienten dazu zu verhelfen, sich der „Vorfahren Glück vnd Fall […] zu erinnern“ ([Fischart 1581a]Fischart, Johann (1581): Kurtzer vnd Woldienlicher Vorbericht / von Vrsprung / Namen vnd Gebrauch der Emblematen / oder Eingeblömeten Zierwercken. In: Holtzwart, M. (Hg.), Emblematum Tyrocinia. Sive Picta Poesis Latinogermanica . Jobin, Straßburg.
Habe die Heraldik erst einmal ihre traditionelle Funktion verloren, sei es nur noch ein kleiner Schritt hin zum Anfertigen von „Poetischen Geheimnußlehrigen Gemählen: vnd dieselbige jnen selbs / oder andern zugleich neben jnen zu fruchtbarlicher Erinnerung offentlich fürzumalen“ ([Fischart 1581a]Fischart, Johann (1581): Kurtzer vnd Woldienlicher Vorbericht / von Vrsprung / Namen vnd Gebrauch der Emblematen / oder Eingeblömeten Zierwercken. In: Holtzwart, M. (Hg.), Emblematum Tyrocinia. Sive Picta Poesis Latinogermanica . Jobin, Straßburg. Zincgref: «Emblematum ethico-politicorum»Fischarts Argumente finden sich einige Zeit später auch bei Johann Wilhelm Zincgref (1591-1636) wieder, dem Heidelberger Humanisten und Doktor beider Rechte. In der «Praefatio de origine et usu emblematum» seines «Emblematum ethico-politicorum», erstmals 1619 in Frankfurt am Main bei Theodor de Bry erschienen, wiederholt er einerseits die bereits bekannten kunsthandwerklichen Argumente[15] und knüpft andererseits an die bereits von Alciatus der Emblematik zugrunde gelegten Renaissance-Hieroglyphik an. Embleme sind den Hieroglyphen analoge Schriftzeichen.[16] Auch die Embleme sollen wie diese auf Hermes Trismegistos zurückgeführten ideographischen Zeichen Mentales in Bildern vor- und darstellen: „Primi per figuras animalius […] AEgyptii sensus mentis effingebant […]“ ([Zincgref 1664a]Zincgref, Julius Wilhelm (1664): Hundert ethisch-politische Embleme mit den Kupferstichen des Matthaeus Merian. Winter, Heidelberg.
Zugleich erweitert Zincgref damit den Emblembegriff zu einem umbrella term:
Zincgref verwendet den Ausdruck ‘Emblem’ universal für Text-Bild-Verbindungen. Die Übergang von Emblem, Imprese und Hieroglyphe sind fließend. Ihnen allen eignet Symbol- bzw. Gleichnishaftigkeit und können von einem allgemeinen Emblem (Emblema communia sive universalia), wie Zincgref es nennt, in ein Einzelemblem (Emblema singulare) individuell verwandelt werden – und vice versa. Als solche fänden sie dann auf Devisen, Wappen oder Verwendung. Sie alle überführen Vorstellungsbilder (imagines vivantes), etwa über heroische Taten und ihre seelischen Abbilder (simulacra animorum) durch poetische Bearbeitung in körperhafte Bilder (pictae), um als Vorbild dem Gedächtnis der Nachwelt verfügbar zu bleiben (vgl. [Zincgref 1664a]Zincgref, Julius Wilhelm (1664): Hundert ethisch-politische Embleme mit den Kupferstichen des Matthaeus Merian. Winter, Heidelberg. Harsdörffer: «Frauenzimmer Gesprächspiele» und «Mordgeschichte»Wiederum einige Jahrzehnte nach Zincgref begibt sich der Nürnberger Patrizier, Jurist und Polyhistor Georg Philipp Harsdörffer auf die Suche nach konkreten Umsetzungsmöglichkeiten dieser analogiebildenden Leistungsfähigkeit des emblematischen Gleichnisses. In seinen «Frauenzimmer Gesprächspielen» entfaltet Harsdörffer im gelehrten Dialog die umfassendste Synthese der seit gut einhundert Jahren verhandelten Emblemtheorien, was ihn, wie Gerhard F. Strasser resümiert, „zum Gewährsmann für die Emblemtheorie im deutschen Raum“ macht.[22] Zur Mitte des 17. Jahrhunderts hat die Emblematik eine Ausdifferenzierung hin zu einer unübersichtlich gewordenen Formenvielfalt erfahren, so dass kaum noch von dem Emblem und der Emblematik gesprochen werden kann. Zincgrefs umbrella term wies bereits die Richtung. Auch bei Harsdörffer dokumentiert sich nun der Strukturwandel der Emblematik in der Ersetzung von ‘Emblematum’ durch ‘Sinnbild’:
Text und Bild sind im Sinnbild so eng aufeinander bezogen, dass das eine Zeichensystem nicht ohne das andere auskommt. Harsdörffer betont dies in seiner emblemtheoretischen Zugabe zur dritten Auflage des «Großen Schau-Platzes jämmerlicher Mordgeschichte», die 50 Lehrsätze für die Inventio und Produktion von Sinnbildern präsentiert.[24] Gleich zu Beginn der Schrift verweist er auf die maßgebliche Rolle, die die Analogie bei dieser Semiose von Text und Bild spielt. Denn das Bild könne, wie das Wort auch, eine eigentliche (sensus litteralis) und uneigentliche (sensus allegoricus) Bedeutung besitzen und müsse bezüglich seiner uneigentlichen Bedeutung nochmals unterschieden werden, je nachdem ob es sich um eine Allegorie, die er als „Iconologia“ oder „Bilderkunst“[25] bezeichnet, oder um ein Sinnbild handelt. Während erstere sich durch stark konventionalisierte Codierungen auszeichnen, so dass sie als Zierde für „Gebäuden / Tapeten / Büchertituln und in viel andre wege“ (§3) dienen, schöpfen Sinnbilder ihr Potential aus ihrem Gleichnischarakter, der aus der Spannung zwischen Text und Bild erzeugt wird und durch die „die in Sinnbildern enthaltene Lehre leichter bemercket / die Bitterkeit der Vermahnung versüst / und die Lieblichkeit der Mahlerey und Poeterey kunstartig mit gesamter wolständigkeit an das Liecht gesetzt“ (§7) wird, so dass idealerweise ein Sinnbild nicht ohne Berücksichtigung des Zusammenspiels von Text- und Bildcode dechiffriert werden könne (§23). Die immer wieder dargestellten Zusammenhänge, in die die Emblematik gestellt wird, werden von Harsdörffer zum diskursiven Ordnungsmuster der Verständigung über die Eigenschaften des Gleichnisses. Die Ausführungen zur Sinnbildkunst werden im ersten Band der Gesprächspiele mit Ausführungen über das Gleichnis und die Gedächtniskunst vorbereitet, die Impresenkunst („Münzpreg“) schließt sich ihr an. Somit entspricht die diskursive Entfaltung des Themas ziemlich genau den üblichen Abhandlungen über diesen Sachverhalt, mit einem entscheidenden Unterschied: Harsdörffer stellt sie nicht mehr in eine kulturhistorische Entwicklungsgeschichte, sondern behandelt sie unter dem erkenntnistheoretischen Interesse potentieller Wissensgenerierung qua Analogie. Das Gleichnis, so sagt Harsdörffer, sei die Quelle der Inventio und es sei „nichts in der gantzen Welt zu finden / welches nicht durch die Gleichnis belanget werden könnte“ ([Harsdörffer 1969a]Harsdörffer, Georg Philipp (1969): Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst ohne Behuf der Lateinischen Sprache in VI Stunden einzugiessen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt. Schottelius: «Ausführliche Arbeit von der teutschen HaubtSprache»Eine noch ausführlichere Definition von »Sinnbild« liefert der Wolfenbütteler Geheimrat und Fruchtbringer Justus Georg Schottelius, mit dem Harsdörffer zeitlebens in freundschaftlichem Austausch stand. In seiner 1663 erschienenen «Ausführlichen Arbeit von der teutschen HaubtSprache» verwirft er den alten Begriff »Emblematum«, weil er ihm zu einseitig auf die kunsthandwerkliche Funktion reduziert ist (vgl. [Schottelius 1663a]Schottel, Justus Georg (1663): Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache. Zilliger, Braunschweig.
Im Sinnbild codiert das Bild das zugrundeliegende Argument, das durch das Lemma und eventuell durch die Subscriptio konkretisiert, niemals aber vereindeutigt werden darf. Wie die Imprese, so ist auch das Emblem ganz nach Maßgabe der Ars memorativa durch jene obscuritas geprägt, die das verschlüsselte Argument nicht unmittelbar einsichtig macht und daher merk-würdig auf den Rezipienten wirkt. In diesem Zusammenspiel zwischen propositionalem Gehalt und Bildrhetorik konstituiert sich diejenige Qualität des Emblems, die im zeitgenössischen Kontext so oft mit der Leib-Seele-Metapher angesprochen wird:
Fehlt das Wort, so ist nicht mehr von einem Sinnbild, sondern von „einem gemahlten Rätzel oder blossen Gemählte“ ([Schottelius 1663a]Schottel, Justus Georg (1663): Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache. Zilliger, Braunschweig.
AusblickEntsprechend vielgestaltig sind die thematischen und inhaltlichen Ausrichtungen der Emblembücher. Sie reichen von der Impresenliteratur über eine ethisch-moralische und politische Emblematik, zu der Fürstenspiegel wie Zincgrefs erwähntes Emblembuch ebenso zu zählen sind wie die panegyrische und Funeral-Emblematik, und die vor allem seit Beginn des 17. Jahrhunderts inflationär einsetzende religiöse Emblematik (unabhängig von konfessionellen Beschränkungen) bis hin zu mehrbändigen Emblemenzyklopädien, die etwa das naturkundliche und moralische, aber auch theologische Wissen der Frühen Neuzeit miteinander verbinden; nicht zu vergessen sind ebenfalls die Kunstbücher mit ihren Sammlungen an emblematischen Topoi, für die etwa Cesare Ripas «Iconologia» prototypisch wurde, und der unüberschaubare Bereich angewandter Emblematik.[26] Die letzten Emblemenzyklopädien erschienen wie Laurentius W. Woyts «Emblematischer Parnassus» noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Danach reißt die Emblemproduktion fast schlagartig ab. Als epistemische Ordnungsinstrumente sind Emblembücher im Laufe des 18. Jahrhunderts offensichtlich an die Grenzen der Verwaltbarkeit und Darstellbarkeit des Wissens geraten. Wenn die Analogie nicht mehr als Grundlage einer Wissensordnung funktioniert, scheitert auch die Emblematik als Ordnungsverfahren moralisch-ethischer Diskurse. Doch das allein erklärt den rapiden Bedeutungsverlust dieser Kulturtechnik nicht überzeugend. Denn auch andere Formen der frühneuzeitlichen Bild-Text-Relation verlieren an Bedeutung, wie etwa die Mnemonik, deren Verhältnis zur Emblematik noch nicht einmal ansatzweise untersucht wurde und das eines der dringlichsten Desiderate für die aktuelle Emblemforschung darstellt. Dabei ist schon des Längeren bekannt, dass zwischen der Emblematik und der Mnemonik eine enge Verknüpfung besteht.[27] Die Erforschung dieser Zusammenhänge könnte den Schlüssel zur Erklärung des Bedeutungsverlustes der auf Analogiebildung basierender Text-Bild-Genera gegen Ende der Frühen Neuzeit liefern. Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Alciatus 1531a]Alciatus, Andreas (1531): Emblematum liber. Heinrich Steyner, Augsburg.[Alciatus 1967a]Alciatus, Andreas (1967): Emblematum Libellus. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.[Balavoine 1981a]Balavoine, Claudio (1981): Archéologie de l’emblème littéraire. La dédicace à Conrad Peutinger des Emblemata d’André Alciat. In: Jones-Davies, M. T. (Hg.), Emblèmes et devises au temps de la Renaissance. Touzot, Paris.[Becker-Cantarino 2005a]Becker-Cantarino, Barbara (2005): Ut pictura poesis? Zu Harsdörffers Theorie der ‘Bildkunst’. In: Gerstl, D. (Hg.), Georg Philipp Harsdörffer und die Künste. Carl, Nürnberg.[Fischart 1581a]Fischart, Johann (1581): Kurtzer vnd Woldienlicher Vorbericht / von Vrsprung / Namen vnd Gebrauch der Emblematen / oder Eingeblömeten Zierwercken. In: Holtzwart, M. (Hg.), Emblematum Tyrocinia. Sive Picta Poesis Latinogermanica . Jobin, Straßburg.[Greene 1982a]Greene, Thomas M. Greene (1982): The Light in Troy. Imitation and Discovery in Renaissance Poetry. Yale University Press, New Haven, London.[Harsdörffer 1656a]Harsdörffer, Georg Philipp (1975): Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte. Beigebunden ist: Neue Zugabe: Bestehend aus C. Sinnbildern. Olms, Hildesheim, New York.[Harsdörffer 1968a]Harsdörffer, Georg Philipp (1968): Frauenzimmer Gesprächspiele. 8 Bd.. Niemeyer, Tübingen.[Harsdörffer 1969a]Harsdörffer, Georg Philipp (1969): Poetischer Trichter. Die Teutsche Dicht- und Reimkunst ohne Behuf der Lateinischen Sprache in VI Stunden einzugiessen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt.[Heckscher & Wirth 1967a]Heckscher, William S. & Wirth, Karl-August (1967): Emblem, Emblembuch. In: Heydenreich, L. H. et al. (Hg.), Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Bd. 5. Email – Eselsritt. Metzler, Stuttgart.[Kocher 2007a]Kocher, Ursula (2007): ‘Imagines’ und ‘picturae’. Wissensorganisation durch Emblematik und Mnemonik. In: Frank, T. & Kocher, U. & Tarnow, U. 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Prozesse der Neuordnung von Wissensüberlieferungen des 13. bis 17. Jahrhunderts. Mit 21 Abbildungen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.[Schottelius 1663a]Schottel, Justus Georg (1663): Ausführliche Arbeit Von der Teutschen HaubtSprache. Zilliger, Braunschweig.[Schöne 1993a]Schöne, Albrecht (1993): Emblematik und Drama im Zeitalter des Barock. Beck, München.[Strasser 2000a]Strasser, Gerhard F. (2000): Emblematik und Mnemonik der Frühen Neuzeit im Zusammenspiel. Johannes Buno und Johann Justus Winckelmann. Harrassowitz, Wiesbaden.[Sulzer 1992a]Sulzer, Dieter (1992): Traktate zur Emblematik. Studien zu einer Geschichte der Emblemtheorien. W. J. Röhrig, St. Ingbert.[Volkmann 1923a]Volkmann, Ludwig (1923): Bilderschriften der Renaissance. Hieroglyphik und Emblematik in ihren Beziehungen und Fortwirkungen. Hiersemann, Leipzig.[Warncke 2005a]Warncke, Carsten-Peter (2005): Symbol, Emblem, Allegorie. Die zweite Sprache der Bilder. Deubner, Köln.[Zincgref 1664a]Zincgref, Julius Wilhelm (1664): Hundert ethisch-politische Embleme mit den Kupferstichen des Matthaeus Merian. Winter, Heidelberg. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Stefan Manns — (Hinweis) |