Bildmorphologie: Unterschied zwischen den Versionen

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=====Darstellung des gr. Zusammenhangs=====
==Einordnung der Bildmorphologie==
Der Ausdruck ‘Bildmorphologie’ wird im allgmeinen nicht mit einer spezifischen, von ‘[[Bildgrammatik]]’ oder ‘[[Komposition|Bildkomposition]]’ verschiedenen Bedeutung gebraucht. Angesprochen wird mit all diesen Termini eine analytische Betrachtung des [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Bildträgers]] als zusammengesetzt aus für die Bildfunktion relevanten, im wesentlichen durch visuell wahrnehmbare Eigenschaften bestimmten Teilen, die auch in anderen Bildträgern, die sich durch die Zusammenstellung der Teile unterscheiden, Verwendung finden können. Es ist die Zusammenstellung der Teile zu einem Ganzen, die die (Typ-) Identität des Bildträgers und damit letztlich auch die möglichen Verwendungen des Bildträgers als Bild determiniert.
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Allerdings legt die Unterscheidung von im engeren Sinne grammatischen gegenüber morphologischen Aspekten bei der Betrachtung von Sprache (⊳ [[Morphologie und Syntax]]) es nahe, den Ausdruck ‘Bildmorphologie’ mit einem spezifischeren Sinn aufzuladen und ihn so von der Bildgrammatik (die eben damit zu einer Bildgrammatik ''im engeren Sinn'' wird) abzuheben. Während die Bildgrammatik im engeren Sinn vor allem syntaktische Kompositionalität bei Bildern im Sinne der formalen (Chomsky-) Grammatiken nachzuweisen versucht, die die Unterscheidung von »Satz« und »Wort« voraussetzen und durch ein begrenztes Set von Ersetzungsregeln über einer endlichen Menge von Satzkonstituenten als Zwischenstufen („nonterminale Symbole“, etwa ‘Nominalphrase’) aus endlichen vielen Wörtern (im ''mentalen Lexikon'') auf eindeutige Weise unendlich viele Sätze abzuleiten oder zu analysieren gestatten, wäre eine so verstandene Bildmorphologie an einer syntaktischen Bildkompositionalität anderer Art interessiert: Können Bildträger mithilfe allgemeiner Gruppierungsregeln – etwa analog zu den wesentlich “weicheren”, im geometrischen Kontinuum wirkenden [[Gestalt]]gesetzen – als aus “piktorialen Primitiven” bestehend beschrieben werden, die aus einer möglicherweise unbegrenzten Grundmenge stammen, wobei auch die Bedingung der Eindeutigkeit der Ableitung abgeschwächt sein könnte? In Analogie zu den Wortbildungsregeln bei extrem polysynthetisch-fusionierende Sprachen, ohne dabei aber schon vorauszusetzen, dass eine Anwendung der Unterscheidung zwischen »Satz« und »Wort« auf bildhafte Zeichensysteme sinnvoll sei, müsste eine solche Bildmorphologie der charakteristischen Eigenschaft der [[Syntaktische Dichte|syntaktischen Dichte]] von bildlichen Zeichensystemen gerecht werden.
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Träfe das zu, so wären Bilder, obschon ebenfalls komplexe Zeichensysteme, sehr deutlich von Sprachzeichensystemen unterschieden. Ihnen fehlt die Aufgliederung der einzelnen Gesamtzeichenhandlungen in partiell unabhängige, wenn auch im Sinne Freges mehr oder minder ungesättigte, d.h. immer Ergänzungen bedürfender Teil''zeichen''handlungen – eben den Wörter. Insbesondere bleibt dabei offen, ob die Verwendung isolierter syntaktischer Elemente bildhafter Zeichensysteme immer selbst bereits ungesättigte ''Zeichen''handlungen sind.
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Sicherlich lassen sich die für den Bildträger als Bildträger relevanten physischen Eigenschaften vor allem in der visuell wahrnehmbaren geometrischen Anordnung von Farbflächen finden. In diesem Sinn können die syntaktischen Elemente, in die bei einer [[Eigenwerte, Abbildungswerte und Darstellungswerte syntaktischer Einheiten|eigenwertlichen Betrachtung der Bildsyntax]] der Bildträger zerlegt wird, als piktoriale morphologische Elemente betrachtet werden. Diese sind über ihren Eigenwert hinaus weder notwendiger Weise mit einer bestimmten Bedeutung – einem bestimmten Abbildungswert – aufgeladen, noch kommt ihnen unbedingt eine genau definierte pragmatische Funktion – ein festgelegter Darstellungswert – zu.


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<!--Anmerkung zwischen <ref> und </ref> im laufenden Text-->
<!--Literaturverweise im laufenden Text <bib id='Jonas 61a'>Jonas 1961</bib> -->
<!--  ... id im Literaturverzeichnis nachsehen, gegebenenfalls neu einfügen -->
<!--  ... (siehe Link "Sammlung" in Bibliographie-Box -->
<!-- Bilder als thumbs einsetzen, Muster: [[Datei:Beispiel.png|thumb|Bildtitel]] -->


==Visuelle Gestalten, Coloreme und Pixeme==


[[Datei:Arnkerrthe-Traum (Gloria Temarre Petyarre).jpg|thumb|Abbildung 1: Als Beispiel: Gloria Temarre Petyarre: «Arnkerrthe(Berg Teufel Eidechse)-Traum»]]
Kurz gefasst bilden also genau die Entitäten, in die der Bildträger oder genauer: der durch [[Rahmen, Rahmung|Rahmung]] ausgezeichnete Teil seiner Oberfläche in der visuellen Wahrnehmung eingeteilt erscheint, das morphologischen Repertoire bei Bildern. Psychologisch wird diese Einteilung durch die Gestaltgesetze bestimmt: Sie determinieren, welche Raumstellen als zusammenhängend gesehen werden, und zwar nicht nur im Sinne eines in sich ungeteilten, gleichfarbigen und zusammenhängenden Gebiets, sondern auch im Sinne von Gruppierungen höherer Ordnung, etwa ''Folgen'' von gleichfarbigen Strichen. Dies führt beispielsweise in Abbildung 1 dazu, dass neben den roten, braunen, schwarzen, gelben und weißen Elementargebieten auch die Gruppen von gelb- bzw. weiß-gefassten, dunkel gefüllten Bögen und Balken als zusammengehörige visuelle Gestalten wahrgenommen werden.
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In ihrem einflußreichen Buch zur Bildsyntax (<bib id='Saint-Martin 1990a'></bib>) führt Fernande Saint-Martin als morphologische Basiseinheit die sogenannten ‘Coloreme’ ein:
:[A coloreme] ''corresponds to that aggregate of visual variables perceived in the visual representation by the way of an ocular fixation, or focus of the gaze. … A coloreme is defined […] as the zone of the visual linguistic field correlated to a centration of the eye. It is constituted by a mass of energetic matter presenting a given set of visual variables.'' (<bib id='Saint-Martin 1990a'></bib>: S. 5).<ref>Vgl. hierzu auch den Eintrag ''Kolorem'' im [http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=2125 «Lexikon der Filmbegriffe»].</ref>
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[[Datei:Kolorem.jpg|thumb|Abbildung 2: Beispiel eines Colorems nach Saint-Martin]]
Saint-Martins Verständnis der Coloreme konzentriert sich offensichtlich auf momentane psychophysische Aspekte: Zu jedem Zeitpunkt kann jeweils nur eine okulare Fixation erfolgen und folglich nur ein Colorem wahrgenomen werden (vgl. Abb. 2). Allerdings soll auf dieser Basis eine „colorematische (oder coloremische) Analyse“ aufbauen, die


:''describes the transformations which a coloreme undergoes by its interrelations with the other coloremes of its immediate entoruage through macular centrations. The analyses prodeeds thus at a first regrouping of coloremes through the topological relations which establish the first perceptual construction and structure the energetic exchanges between coloremes.'' (<bib id='Saint-Martin 1990a'></bib>: S. 194).


=====Engere Begriffsbestimmung=====
In ihrer Dynamik und direkter Abhängigkeit von den psychophysischen Eigenheiten eines wahrnehmenden Individuums sind Coloreme vor allem theoretische Entitäten. Praktisch schlägt Saint-Martin vor, die Bildfläche in ein regelmäßiges 5*5-Raster aufzuteilen, das als Basis für eine angenäherte Beschreibung der möglichen oder wahrscheinlichen Coloreme dient: Jedes Raster ist wiederum in ein 5*5 Subraster aufgeteilt, das die Gliederung in foveale Zentren und makulare Randbereiche aufgreift.   
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Um nicht zu stark an die recht spezifische Konzeption Saint-Martins gebunden zu sein, empfiehlt es sich, die – letztlich auf einen hypothetischen Normalbetrachter bezogenen – visuellen Gestalten im bildsyntaktischen Zusammenhang strukturalistisch (und in Analogie zu dem linguistischen Ausdruck ‘Morphem’) als ‘Pixeme’ zu bezeichnen. Dabei kann in erster Näherung auch von der Dynamik abgesehen werden, die bei Saint-Martin die morphologische Beschreibung eines Bildträgers erschwert.<ref>In neurophysiologischer Perspektive verschiebt sich dabei der Fokus vom Auge zu den sogenannten neuralen Karten des visuellen Kortex oder besser der logischen Struktur der dort enkodierten visuellen Muster.</ref>
 


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===Pixem-Attribute===


Saint-Martin unterscheidet zwei Arten von Eigenschaften der syntakto-morphologischen Elemente bildhafter Zeichen, die häufig auf folgende Weise interpretiert werden (vgl. z.B. <bib id='Dölling 1999a'></bib>): ''Plastische'' Eigenschaften gehören zum [[Material]] des Bildträgers, während andere Eigenschaften ''im Auge des Betrachters'' liegen und von eher visueller also wahrnehmungsabhängiger Art sind. Die geometrischen Formen und ihre topologischen Relationen werden als typische Beispiele für den letzteren Eigenschaftstyp gegeben, während [[Farbwahrnehmung|Farben]] und [[Textur]]en als Beispiele für Eigenschaften des Materials selbst betrachtet werden. Coloreme sind stets Kombinationen von plastischen und visuell-perzeptiven Eigenschaften.
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Tatsächlich kann auch der allgemeinere Begriff des Pixems logisch analysiert werden in eine rein [[Raum und Geometrie|geometrische ''Basisstruktur'']] einerseits und ein Begriffsfeld von diese Strukturen sichtbar machenden [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|''Markerdimensionen'']] andererseits, denn Raum als solcher wäre ja nicht wahrnehmbar. Erst die Segmentation in zusammengehörige – nämlich gleich markierte – ''Gebiete'' ergibt eine Strukturierung in die räumlichen Elemente eines Ganzen.<ref>Auf den ersten Blick mag dieser Analyse sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einer grammatischen Struktur im engeren Sinn eignen, wobei der geometrische Kalkül gewissermaßen als Grammatik fungiert und die Regeln zur Ableitung non-terminaler “Satz”-Tiefenstrukturen bereitstellt, während die möglichen Ausprägungen der Markerdimensionen das piktoriale “Lexikon” – die terminalen Symbole – zufügen, die die bildliche Oberflächenstruktur ergibt.</ref>
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Allerdings ist die Unterscheidung zwischen Geometrie (d.h. Räumlichkeit) und Farbe nicht (oder jedenfalls nicht wesentlich) abhängig von der Differenzierung zwischen Eigenschaften, die zum Material des Bildträgers gehören – und daher als objektive Eigenschaften zu betrachten wären – und Eigenschaften, die vom Betrachter konstruiert werden – und folglich als subjektive Eigenschaften zu bewerten wären.<ref>Es erscheint schon merkwürdig, dass ausgerechnet Farbe – gemeinhin als Paradebeispiel für eine ''sekundäre'' Qualität angeführt – bei Saint-Martin zu den objektiven Materialeigenschaften und nicht dem Wahrnehmungsapparat zugeschlagen werden.</ref> Vielmehr können wir über Farben und die Beziehungen zwischen ihnen einerseits und über räumliche Entitäten und die geometrischen oder topologischen Beziehungen zwischen ihnen andererseits diskutieren, ohne dabei die beiden Argumentationen miteinander vermischen zu müssen. Sie können als unabhängig voneinander betrachtet und als von – jedenfalls auf den ersten Blick – autonomen Begriffsfeldern geregelt behandelt werden.
Argumentationen über Pixeme müssen hingegen die Logik der Farben und die Logik des Raums miteinander kombinieren.
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Grundlegende Eigenschaften von Pixemen sind mithin genau die Attribute, die beliebige gefärbte Entitäten der zweidimensionalen Geometrie aufweisen, sowie die Relationen, die sie untereinander einnehmen können. Neben den charakteristischen Eigenschaften geometrischer Entitäten – insbesondere topologische, metrische und direktionale Relationen zwischen ihren Teilen (''Form'') und zu anderen Gebieten (''Lage'') – und den etwa durch Farbton, Helligkeit und Sättigung näher bestimmten Farbmarkierungen im engeren Sinn<ref>Zu beachten ist allerdings, dass die Dimensionen Farbton, Helligkeit und Sättigung zur Charakterisierung eines piktorialen Markerwerts nicht absolut gesehen werden können, sondern in starker Weise von ihrer Umgebung abhängen: sowohl Beleuchtung (objektiv)  als auch die Farben der umgebenden Pixeme (subjektiv) beeinflussen die Wahrnehmung von Farbe.</ref> können auch homogene Farbverläufe oder spezielle Farbvariationen – Texturen – als Markierungen höherer Ordnung betrachtet werden. 


=====optional Beispiele=====


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===Pixem-bildende Relationen===


Lokal wirksame kontrastverstärkende Komponenten der Wahrnehmung führen zu Grenzen zwischen als einheitlich wahrgenommenen Gebieten


=====Auswirkungen auf andere Begriffe=====
Konstitution ist stark kontextsensitiv


<!--Hier die entsprechende Textpassage einfügen-->
Zwischen den Gebieten bestehen topologische, metrische und direktionale Relationen, sowie Relationen, die sich aus dem Verhältnis der beteiligten Färbungen ergeben. 
 
[[Datei:BrodatzTexturErkennung.jpg|thumb|Ergebnis einer automatischen Segmentierung: Texturbasierte Pixembildung. Rechts sind die gefundenen Pixeme farblich markiert dargestellt.]]
[[Gestalt]]-bildende Operationen
 
Pixem-Phrasen vs. Pixem-Komponenten
 
 
===Die leere Bildfläche===
 
...
 
Rahmen
 
Saint-Martin: energetische Aufladungen
 
 
Konstitution von außen nach innen
 
Maximalpixem:
 
==Bildmorphologische Analysen in der Computervisualistik==
 
 
 
Vektorgraphik
 
 
operationale Fassung: Annäherungen: [[Bildverarbeitung, digitale]]
 
Wissenschaftlich als Standardisierungswerkzeuge morphologischer Bildanalyse verwendbar
 
[[Bildmontage]]
 
 
==Auswirkungen auf andere Begriffe==
 
Schließlich erlaubt es die Synthese von geometrischem Basiskalkül und dem Begriffsfeld der farblichen Markerwerte zur bildlichen Morphosyntax, eine lange gehegte Vermutung zu widerlegen: dass nämlich 
der Begriff der syntaktischen (Nicht-)Wohlgeformtheit auf Bilder nicht anzuwenden wäre. Da durch Beschädigungen des Bildträgers die geometrische Basisstruktur des Maximalpixems gestört werden kann, ist der Begriff eines [[syntaktisch unkorrekte Bilder|syntaktisch unkorrekten Bildes]] sehr wohl sinnvoll
 
{{GlossarSiehe}}
* [[Bildgrammatik]]
* [[Gestalt]]
* [[Komposition]]
* [[Morphologie und Syntax]]
* [[Syntaktisch unkorrekte Bilder]]
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]]


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<!--Literatur muß dazu mit entsprechender Bezeichnung in der Bibliogryphy-Seite eingetragen sein-->
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Version vom 24. Juni 2013, 10:10 Uhr

Unterpunkt zu: Bildsyntax


Einordnung der Bildmorphologie

Der Ausdruck ‘Bildmorphologie’ wird im allgmeinen nicht mit einer spezifischen, von ‘Bildgrammatik’ oder ‘Bildkomposition’ verschiedenen Bedeutung gebraucht. Angesprochen wird mit all diesen Termini eine analytische Betrachtung des Bildträgers als zusammengesetzt aus für die Bildfunktion relevanten, im wesentlichen durch visuell wahrnehmbare Eigenschaften bestimmten Teilen, die auch in anderen Bildträgern, die sich durch die Zusammenstellung der Teile unterscheiden, Verwendung finden können. Es ist die Zusammenstellung der Teile zu einem Ganzen, die die (Typ-) Identität des Bildträgers und damit letztlich auch die möglichen Verwendungen des Bildträgers als Bild determiniert.

Allerdings legt die Unterscheidung von im engeren Sinne grammatischen gegenüber morphologischen Aspekten bei der Betrachtung von Sprache (⊳ Morphologie und Syntax) es nahe, den Ausdruck ‘Bildmorphologie’ mit einem spezifischeren Sinn aufzuladen und ihn so von der Bildgrammatik (die eben damit zu einer Bildgrammatik im engeren Sinn wird) abzuheben. Während die Bildgrammatik im engeren Sinn vor allem syntaktische Kompositionalität bei Bildern im Sinne der formalen (Chomsky-) Grammatiken nachzuweisen versucht, die die Unterscheidung von »Satz« und »Wort« voraussetzen und durch ein begrenztes Set von Ersetzungsregeln über einer endlichen Menge von Satzkonstituenten als Zwischenstufen („nonterminale Symbole“, etwa ‘Nominalphrase’) aus endlichen vielen Wörtern (im mentalen Lexikon) auf eindeutige Weise unendlich viele Sätze abzuleiten oder zu analysieren gestatten, wäre eine so verstandene Bildmorphologie an einer syntaktischen Bildkompositionalität anderer Art interessiert: Können Bildträger mithilfe allgemeiner Gruppierungsregeln – etwa analog zu den wesentlich “weicheren”, im geometrischen Kontinuum wirkenden Gestaltgesetzen – als aus “piktorialen Primitiven” bestehend beschrieben werden, die aus einer möglicherweise unbegrenzten Grundmenge stammen, wobei auch die Bedingung der Eindeutigkeit der Ableitung abgeschwächt sein könnte? In Analogie zu den Wortbildungsregeln bei extrem polysynthetisch-fusionierende Sprachen, ohne dabei aber schon vorauszusetzen, dass eine Anwendung der Unterscheidung zwischen »Satz« und »Wort« auf bildhafte Zeichensysteme sinnvoll sei, müsste eine solche Bildmorphologie der charakteristischen Eigenschaft der syntaktischen Dichte von bildlichen Zeichensystemen gerecht werden.

Träfe das zu, so wären Bilder, obschon ebenfalls komplexe Zeichensysteme, sehr deutlich von Sprachzeichensystemen unterschieden. Ihnen fehlt die Aufgliederung der einzelnen Gesamtzeichenhandlungen in partiell unabhängige, wenn auch im Sinne Freges mehr oder minder ungesättigte, d.h. immer Ergänzungen bedürfender Teilzeichenhandlungen – eben den Wörter. Insbesondere bleibt dabei offen, ob die Verwendung isolierter syntaktischer Elemente bildhafter Zeichensysteme immer selbst bereits ungesättigte Zeichenhandlungen sind.

Sicherlich lassen sich die für den Bildträger als Bildträger relevanten physischen Eigenschaften vor allem in der visuell wahrnehmbaren geometrischen Anordnung von Farbflächen finden. In diesem Sinn können die syntaktischen Elemente, in die bei einer eigenwertlichen Betrachtung der Bildsyntax der Bildträger zerlegt wird, als piktoriale morphologische Elemente betrachtet werden. Diese sind über ihren Eigenwert hinaus weder notwendiger Weise mit einer bestimmten Bedeutung – einem bestimmten Abbildungswert – aufgeladen, noch kommt ihnen unbedingt eine genau definierte pragmatische Funktion – ein festgelegter Darstellungswert – zu.


Visuelle Gestalten, Coloreme und Pixeme

Abbildung 1: Als Beispiel: Gloria Temarre Petyarre: «Arnkerrthe(Berg Teufel Eidechse)-Traum»

Kurz gefasst bilden also genau die Entitäten, in die der Bildträger oder genauer: der durch Rahmung ausgezeichnete Teil seiner Oberfläche in der visuellen Wahrnehmung eingeteilt erscheint, das morphologischen Repertoire bei Bildern. Psychologisch wird diese Einteilung durch die Gestaltgesetze bestimmt: Sie determinieren, welche Raumstellen als zusammenhängend gesehen werden, und zwar nicht nur im Sinne eines in sich ungeteilten, gleichfarbigen und zusammenhängenden Gebiets, sondern auch im Sinne von Gruppierungen höherer Ordnung, etwa Folgen von gleichfarbigen Strichen. Dies führt beispielsweise in Abbildung 1 dazu, dass neben den roten, braunen, schwarzen, gelben und weißen Elementargebieten auch die Gruppen von gelb- bzw. weiß-gefassten, dunkel gefüllten Bögen und Balken als zusammengehörige visuelle Gestalten wahrgenommen werden.

In ihrem einflußreichen Buch zur Bildsyntax ([Saint-Martin 1990a]Saint-Martin, Fernande (1990): Semiotics of Visual Language. Indiana University Press, Bloomington, IN.
) führt Fernande Saint-Martin als morphologische Basiseinheit die sogenannten ‘Coloreme’ ein:

[A coloreme] corresponds to that aggregate of visual variables perceived in the visual representation by the way of an ocular fixation, or focus of the gaze. … A coloreme is defined […] as the zone of the visual linguistic field correlated to a centration of the eye. It is constituted by a mass of energetic matter presenting a given set of visual variables. ([Saint-Martin 1990a]Saint-Martin, Fernande (1990): Semiotics of Visual Language. Indiana University Press, Bloomington, IN.
: S. 5).[1]
Abbildung 2: Beispiel eines Colorems nach Saint-Martin

Saint-Martins Verständnis der Coloreme konzentriert sich offensichtlich auf momentane psychophysische Aspekte: Zu jedem Zeitpunkt kann jeweils nur eine okulare Fixation erfolgen und folglich nur ein Colorem wahrgenomen werden (vgl. Abb. 2). Allerdings soll auf dieser Basis eine „colorematische (oder coloremische) Analyse“ aufbauen, die

describes the transformations which a coloreme undergoes by its interrelations with the other coloremes of its immediate entoruage through macular centrations. The analyses prodeeds thus at a first regrouping of coloremes through the topological relations which establish the first perceptual construction and structure the energetic exchanges between coloremes. ([Saint-Martin 1990a]Saint-Martin, Fernande (1990): Semiotics of Visual Language. Indiana University Press, Bloomington, IN.
: S. 194).

In ihrer Dynamik und direkter Abhängigkeit von den psychophysischen Eigenheiten eines wahrnehmenden Individuums sind Coloreme vor allem theoretische Entitäten. Praktisch schlägt Saint-Martin vor, die Bildfläche in ein regelmäßiges 5*5-Raster aufzuteilen, das als Basis für eine angenäherte Beschreibung der möglichen oder wahrscheinlichen Coloreme dient: Jedes Raster ist wiederum in ein 5*5 Subraster aufgeteilt, das die Gliederung in foveale Zentren und makulare Randbereiche aufgreift.

Um nicht zu stark an die recht spezifische Konzeption Saint-Martins gebunden zu sein, empfiehlt es sich, die – letztlich auf einen hypothetischen Normalbetrachter bezogenen – visuellen Gestalten im bildsyntaktischen Zusammenhang strukturalistisch (und in Analogie zu dem linguistischen Ausdruck ‘Morphem’) als ‘Pixeme’ zu bezeichnen. Dabei kann in erster Näherung auch von der Dynamik abgesehen werden, die bei Saint-Martin die morphologische Beschreibung eines Bildträgers erschwert.[2]


Pixem-Attribute

Saint-Martin unterscheidet zwei Arten von Eigenschaften der syntakto-morphologischen Elemente bildhafter Zeichen, die häufig auf folgende Weise interpretiert werden (vgl. z.B. [Dölling 1999a]Dölling, Evelyn (1999): Kategorialstruktur ikonischer Sprachen und Syntax der visuellen Sprache. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K (Hg.), Bildgrammatik: Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.
): Plastische Eigenschaften gehören zum Material des Bildträgers, während andere Eigenschaften im Auge des Betrachters liegen und von eher visueller also wahrnehmungsabhängiger Art sind. Die geometrischen Formen und ihre topologischen Relationen werden als typische Beispiele für den letzteren Eigenschaftstyp gegeben, während Farben und Texturen als Beispiele für Eigenschaften des Materials selbst betrachtet werden. Coloreme sind stets Kombinationen von plastischen und visuell-perzeptiven Eigenschaften.

Tatsächlich kann auch der allgemeinere Begriff des Pixems logisch analysiert werden in eine rein geometrische Basisstruktur einerseits und ein Begriffsfeld von diese Strukturen sichtbar machenden Markerdimensionen andererseits, denn Raum als solcher wäre ja nicht wahrnehmbar. Erst die Segmentation in zusammengehörige – nämlich gleich markierte – Gebiete ergibt eine Strukturierung in die räumlichen Elemente eines Ganzen.[3]

Allerdings ist die Unterscheidung zwischen Geometrie (d.h. Räumlichkeit) und Farbe nicht (oder jedenfalls nicht wesentlich) abhängig von der Differenzierung zwischen Eigenschaften, die zum Material des Bildträgers gehören – und daher als objektive Eigenschaften zu betrachten wären – und Eigenschaften, die vom Betrachter konstruiert werden – und folglich als subjektive Eigenschaften zu bewerten wären.[4] Vielmehr können wir über Farben und die Beziehungen zwischen ihnen einerseits und über räumliche Entitäten und die geometrischen oder topologischen Beziehungen zwischen ihnen andererseits diskutieren, ohne dabei die beiden Argumentationen miteinander vermischen zu müssen. Sie können als unabhängig voneinander betrachtet und als von – jedenfalls auf den ersten Blick – autonomen Begriffsfeldern geregelt behandelt werden. Argumentationen über Pixeme müssen hingegen die Logik der Farben und die Logik des Raums miteinander kombinieren.

Grundlegende Eigenschaften von Pixemen sind mithin genau die Attribute, die beliebige gefärbte Entitäten der zweidimensionalen Geometrie aufweisen, sowie die Relationen, die sie untereinander einnehmen können. Neben den charakteristischen Eigenschaften geometrischer Entitäten – insbesondere topologische, metrische und direktionale Relationen zwischen ihren Teilen (Form) und zu anderen Gebieten (Lage) – und den etwa durch Farbton, Helligkeit und Sättigung näher bestimmten Farbmarkierungen im engeren Sinn[5] können auch homogene Farbverläufe oder spezielle Farbvariationen – Texturen – als Markierungen höherer Ordnung betrachtet werden.


Pixem-bildende Relationen

Lokal wirksame kontrastverstärkende Komponenten der Wahrnehmung führen zu Grenzen zwischen als einheitlich wahrgenommenen Gebieten

Konstitution ist stark kontextsensitiv

Zwischen den Gebieten bestehen topologische, metrische und direktionale Relationen, sowie Relationen, die sich aus dem Verhältnis der beteiligten Färbungen ergeben.

Ergebnis einer automatischen Segmentierung: Texturbasierte Pixembildung. Rechts sind die gefundenen Pixeme farblich markiert dargestellt.

Gestalt-bildende Operationen

Pixem-Phrasen vs. Pixem-Komponenten


Die leere Bildfläche

...

Rahmen

Saint-Martin: energetische Aufladungen


Konstitution von außen nach innen

Maximalpixem:

Bildmorphologische Analysen in der Computervisualistik

Vektorgraphik


operationale Fassung: Annäherungen: Bildverarbeitung, digitale

Wissenschaftlich als Standardisierungswerkzeuge morphologischer Bildanalyse verwendbar

Bildmontage


Auswirkungen auf andere Begriffe

Schließlich erlaubt es die Synthese von geometrischem Basiskalkül und dem Begriffsfeld der farblichen Markerwerte zur bildlichen Morphosyntax, eine lange gehegte Vermutung zu widerlegen: dass nämlich der Begriff der syntaktischen (Nicht-)Wohlgeformtheit auf Bilder nicht anzuwenden wäre. Da durch Beschädigungen des Bildträgers die geometrische Basisstruktur des Maximalpixems gestört werden kann, ist der Begriff eines syntaktisch unkorrekten Bildes sehr wohl sinnvoll

Anmerkungen
  1. ↑ Vgl. hierzu auch den Eintrag Kolorem im «Lexikon der Filmbegriffe».
  2. ↑ In neurophysiologischer Perspektive verschiebt sich dabei der Fokus vom Auge zu den sogenannten neuralen Karten des visuellen Kortex oder besser der logischen Struktur der dort enkodierten visuellen Muster.
  3. ↑ Auf den ersten Blick mag dieser Analyse sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit einer grammatischen Struktur im engeren Sinn eignen, wobei der geometrische Kalkül gewissermaßen als Grammatik fungiert und die Regeln zur Ableitung non-terminaler “Satz”-Tiefenstrukturen bereitstellt, während die möglichen Ausprägungen der Markerdimensionen das piktoriale “Lexikon” – die terminalen Symbole – zufügen, die die bildliche Oberflächenstruktur ergibt.
  4. ↑ Es erscheint schon merkwürdig, dass ausgerechnet Farbe – gemeinhin als Paradebeispiel für eine sekundäre Qualität angeführt – bei Saint-Martin zu den objektiven Materialeigenschaften und nicht dem Wahrnehmungsapparat zugeschlagen werden.
  5. ↑ Zu beachten ist allerdings, dass die Dimensionen Farbton, Helligkeit und Sättigung zur Charakterisierung eines piktorialen Markerwerts nicht absolut gesehen werden können, sondern in starker Weise von ihrer Umgebung abhängen: sowohl Beleuchtung (objektiv) als auch die Farben der umgebenden Pixeme (subjektiv) beeinflussen die Wahrnehmung von Farbe.
Literatur
[Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.[Dölling 1999a]Dölling, Evelyn (1999): Kategorialstruktur ikonischer Sprachen und Syntax der visuellen Sprache. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K (Hg.), Bildgrammatik: Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Klee 1956a]Klee, Paul (1956): Das bildnerische Denken: Schriften zur Form- und Gestaltungslehre. Schwabe, Basel, Stuttgart.[Plümacher 1999a]Plümacher, Martina (1999): Wohlgeformtheitsbedingungen für Bilder?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Sachs-Hombach 1999a]Sachs-Hombach, Klaus (1999): Gibt es ein Bildalphabet?. In: Sachs-Hombach, K. & Rehkämper, K. (Hg.), Bildgrammatik. Interdisziplinäre Forschungen zur Syntax bildlicher Darstellungsformen. Scriptum, Magdeburg.[Saint-Martin 1990a]Saint-Martin, Fernande (1990): Semiotics of Visual Language. Indiana University Press, Bloomington, IN.

Verantwortlich:

Schirra, JRJ

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach und Marcel Lemmes — (Hinweis)