Text als Bild, konkrete Poesie: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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==Text als Bild: Visuelle Poesie==
==Text als Bild: Visuelle Poesie==


In ganz besonders intensiver, radikaler und zugleich reflektierter Weise wurde und werden die Sichtbarkeit der Schrift und die Gestalthaftigkeit schriftlicher Texte in den unterschiedlichen Formen visueller Poesie genutzt bzw. ausgestellt. »Visuelle Poesie« ist in diesem Sinne als ein Sammelbegriff für alle Arten von Dichtung zu verstehen, bei denen die visuelle Präsentation eines Textes ein wesentliches Element der künstlerischen Konzeption darstellt, bei der der Schöpfer/die Schöpferin des Textes also die (schrift-)bildlichen Gestaltqualitäten der Schrift bewusst und intensiv nutzt. Im engeren Sinne verbunden wird der Ausdruck ‘visuelle Poesie’ meistens mit experimentellen Arbeiten der literarischen Avantgarden des 20. Jahrhunderts: etwa dem Dadaismus oder dem italienischen und russischen Futurismus in der ersten Jahrhunderthälfte sowie mit der literarischen Strömung der sogenannten «Konkreten Poesie», die sich insbesondere im deutschsprachigen Raum ab den 1950er Jahren formierte, wie aber auch mit der sowjetischen Samisdat-Literatur.   
In ganz besonders intensiver, radika­ler und zugleich reflek­tierter Weise wurde und werden die Sichtbar­keit der Schrift und die Gestalt­haftig­keit schriftli­cher Texte in den unter­schiedli­chen Formen visu­eller Poesie genutzt bzw. ausge­stellt. »Visu­elle Poesie« ist in diesem Sinne als ein Sammel­begriff für alle Arten von Dichtung zu verste­hen, bei denen die visu­elle Präsen­tation eines Textes ein wesent­liches Element der künstle­rischen Konzep­tion darstellt, bei der der Schöpfer/die Schöpfe­rin des Textes also die (schrift-)bild­lichen Gestalt­quali­täten der Schrift bewusst und inten­siv nutzt. Im enge­ren Sinne verbun­den wird der Ausdruck ‘visu­elle Poesie’ meistens mit expe­rimen­tellen Arbei­ten der lite­rari­schen Avant­garden des 20. Jahrhun­derts: etwa dem Dada­ismus oder dem italie­nischen und russi­schen Futu­rismus in der ersten Jahrhun­derthälf­te sowie mit der lite­rari­schen Strömung der soge­nannten «Konkre­ten Poesie», die sich insbe­sonde­re im deutsch­sprachi­gen Raum ab den 1950er Jahren formier­te, wie aber auch mit der sowje­tischen Samis­dat-Lite­ratur.   
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Die ''visuelle Poesie'' in diesem (mit der Avantgarde-Literatur verknüpften engeren) Sinne muss wohl als eine spezifisch europäische Gegenbewegung gegen das ansonsten im europäischen Kulturkreis dominierende Lesbarkeits-Paradigma der Schrift, das mit einer ''Sichtbarkeitsvergessenheit'' einhergeht, verstanden werden. Diese Sichtbarkeits- und Materialitätsvergessenheit in Bezug auf die Schrift hat es in außereuropäischen Schriftkulturen in dieser Art vermutlich nie gegeben, da hier z.B. die Kalligraphie eine viel größere Wertschätzung genießt. Darüber hinaus ist zu bemerken, dass es Artefakte visueller Poesie auch in Europa bereits seit der Antike gegeben hat. Man denke an antike und barocke Figurengedichte (vgl. <bib id='Dencker 2011a'></bib>: S. 583ff.).
Die ''visuelle Poesie'' in diesem (mit der Avant&shy;garde-Lite&shy;ratur verknüpf&shy;ten enge&shy;ren) Sinne muss wohl als eine spezi&shy;fisch euro&shy;päische Gegen&shy;bewe&shy;gung gegen das anson&shy;sten im euro&shy;päischen Kultur&shy;kreis domi&shy;nieren&shy;de Lesbar&shy;keits-Para&shy;digma der Schrift, das mit einer ''Sichtbar&shy;keitsver&shy;gessen&shy;heit'' einher&shy;geht, verstan&shy;den werden. Diese Sichtbar&shy;keits- und Mate&shy;riali&shy;tätsver&shy;gessen&shy;heit in Bezug auf die Schrift hat es in außer&shy;euro&shy;päischen Schrift&shy;kultu&shy;ren in dieser Art vermut&shy;lich nie gege&shy;ben, da hier z.B. die Kalli&shy;graphie eine viel größe&shy;re Wert&shy;schätzung genießt. Darü&shy;ber hinaus ist zu bemer&shy;ken, dass es Arte&shy;fakte visu&shy;eller Poesie auch in Euro&shy;pa bereits seit der Anti&shy;ke gege&shy;ben hat. Man denke an anti&shy;ke und ba&shy;rocke Figu&shy;renge&shy;dichte (vgl. <bib id='Dencker 2011a'></bib>: S. 583ff.).
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In der visuellen Poesie werden dabei ganz unterschiedliche schriftbildliche Gestaltqualitäten von Texten erzeugt, entweder über die Handschrift, die Schreibmaschinenschrift oder über die Typographie. Eine, aber eben nur eine Möglichkeit unter vielen ist dabei, dass der Text – wie im Fall der gerade erwähnten Figurengedichte – so geschrieben oder gesetzt wird, dass die Gestaltumrisse von raumzeitlichen Gegenständen oder visuellen Symbolen (die in bestimmter Weise mit dem Inhalt des geschriebenen Textes spielerisch korrespondieren) an der Gestalt des Textes selber sichtbar werden. Diese Art Texte sind in ihrer buchstäblichen Figürlichkeit dann in derselben Weise als bildhaft-[[Symbol, Index, Ikon|ikonisch]] aufzufassen wie die figürliche Zeichnung oder die gegenständliche [[Malerei]].  
In der visuellen Poesie werden dabei ganz unter&shy;schiedli&shy;che schrift&shy;bildli&shy;che Gestalt&shy;quali&shy;täten von Texten erzeugt, entwe&shy;der über die Hand&shy;schrift, die Schreib&shy;maschi&shy;nenschrift oder über die Typo&shy;graphie. Eine, aber eben nur eine Möglich&shy;keit unter vielen ist dabei, dass der Text – wie im Fall der gerade erwähn&shy;ten Figu&shy;renge&shy;dichte – so geschrie&shy;ben oder gesetzt wird, dass die Gestalt&shy;umris&shy;se von raumzeit&shy;lichen Gegen&shy;ständen oder visu&shy;ellen Symbo&shy;len (die in bestimm&shy;ter Weise mit dem Inhalt des geschrie&shy;benen Textes spiele&shy;risch korres&shy;pondieren) an der Gestalt des Textes selber sichtbar werden. Diese Art Texte sind in ihrer buchstäb&shy;lichen Figür&shy;lichkeit dann in dersel&shy;ben Weise als bildhaft-[[Symbol, Index, Ikon|iko&shy;nisch]] aufzu&shy;fassen wie die figür&shy;liche Zeichnung oder die gegen&shy;ständli&shy;che [[Malerei|Male&shy;rei]].  
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Um auch die anderen möglichen visuellen Gestaltungsaspekte von literarischen Texten im allgemeinen – und dann eben in diesem Falle der visuellen Poesie – in den Blick zu bekommen, ist vorgeschlagen worden, begrifflich zwischen dem Gestaltaspekt von Schriften und dem Bildaspekt von Schriften zu differenzieren und von Schriften als Bildern nur dann zu reden, wenn tatsächlich Figuren ikonisch abgebildet werden (vgl. <bib id='Polaschegg 2011a'></bib>).
Um auch die anderen möglichen visu&shy;ellen Gestal&shy;tungsas&shy;pekte von lite&shy;rari&shy;schen Texten im allge&shy;meinen – und dann eben in diesem Falle der visu&shy;ellen Poesie – in den Blick zu bekom&shy;men, ist vorge&shy;schlagen worden, begriff&shy;lich zwischen dem Gestalt&shy;aspekt von Schriften und dem Bildas&shy;pekt von Schriften zu diffe&shy;renzie&shy;ren und von Schriften als Bildern nur dann zu reden, wenn tatsäch&shy;lich Figuren iko&shy;nisch abge&shy;bildet werden (vgl. <bib id='Polaschegg 2011a'>Pola&shy;schegg 2011a</bib>).
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Was sind nun diese anderen – über die Figürlichkeit hinausgehenden – Gestaltungsmöglichkeiten von Texten, die in der visuellen Poesie experimentell und spielerisch genutzt bzw. [[Referenz, Denotation, Exemplifikation|exemplifiziert]] werden? Es finden sich Experimente mit der räumlichen Dimension der Schrift, z.B. mit verschiedenen Schriftgrößen oder -farben für Buchstaben oder Wörter, und Experimente mit der räumlichen Positionierung der Buchstaben/Worte auf der Schreibfläche, ihrem konstellativen (Re-)Arrangement auf der Buchseite. Darüber hinaus finden sich Versuche, das Gestische der jeweiligen Schreibhandlung im Geschriebenen als Spur sichtbar zu machen sowie zudem Hybridbildungen aus Schrift und Bild (wie bei den sogenannten ‘Sprachblättern’ von Carlfriedrich Claus), begrifflich häufig als skripturale Malerei zusammengefasst, bei der die Übergänge zwischen Bild, Ornament und Schrift nicht eindeutig sind und meistens bewusst an der Schnittstelle von Lesbarkeit/Unlesbarkeit operiert wird. Dabei wird beim Leser/Betrachter ein Spiel von Semantisierung / Desemantisierung / Resemantisierung in Gang gesetzt. Für die Arbeiten der russischen Avantgarde der 1910er und 20er Jahre hat Georg Witte eine Typologie schriftbildlicher Verfahren entwickelt (vgl. <bib id='Witte 2005a'></bib>).
Was sind nun diese anderen – über die Figürlichkeit hinausgehenden – Gestaltungsmöglichkeiten von Texten, die in der visuellen Poesie experimentell und spielerisch genutzt bzw. [[Referenz, Denotation, Exemplifikation|exemplifiziert]] werden? Es finden sich Experimente mit der räumlichen Dimension der Schrift, z.B. mit verschiedenen Schriftgrößen oder -farben für Buchstaben oder Wörter, und Experimente mit der räumlichen Positionierung der Buchstaben/Worte auf der Schreibfläche, ihrem konstellativen (Re-)Arrangement auf der Buchseite. Darüber hinaus finden sich Versuche, das Gestische der jeweiligen Schreibhandlung im Geschriebenen als Spur sichtbar zu machen sowie zudem Hybridbildungen aus Schrift und Bild (wie bei den sogenannten ‘Sprachblättern’ von Carlfriedrich Claus), begrifflich häufig als skripturale Malerei zusammengefasst, bei der die Übergänge zwischen Bild, Ornament und Schrift nicht eindeutig sind und meistens bewusst an der Schnittstelle von Lesbarkeit/Unlesbarkeit operiert wird. Dabei wird beim Leser/Betrachter ein Spiel von Semantisierung / Desemantisierung / Resemantisierung in Gang gesetzt. Für die Arbeiten der russischen Avantgarde der 1910er und 20er Jahre hat Georg Witte eine Typologie schriftbildlicher Verfahren entwickelt (vgl. <bib id='Witte 2005a'></bib>).

Version vom 28. Oktober 2013, 14:32 Uhr

Unterpunkt zu: Schriftbildlichkeit


Theoretischer Hintergrund: Schrift­gestalt und Schrift­bildlich­keit in lite­rari­schen Texten

Schriftliche Texte haben immer auch eine “Textge­stalt”, und als solche wirken sie immer auch bildlich bzw. schrift­bildlich in dem Sinne, dass sie nicht nur linear gele­sen, sondern auch auf einen Blick in ihrer Gestalt auf der Fläche ange­schaut bzw. erfasst werden. Wolfgang Raible spricht von der „Semio­tik der Textge­stalt“ und verweist darauf, dass die Zweidi­mensio­nali­tät der Schreib­fläche vielfäl­tig für die Struktu­rierung von Texten genutzt wird: etwa durch Über­schriften, Absät­ze, Ein­rückun­gen, Fuß­noten und End­noten (vgl. [Raible 1991a]Raible, Wolfgang (1991): Die Semiotik der Textgestalt. Erscheinungsformen und Folgen eines kulturellen Evolutionsprozesses. Universitätsverlag Winter, Heidelberg.
). Ande­re Autor­Innen sprechen allge­meiner von der „Sichtbar­keit der Schrift“ (vgl. [Strätling & Witte 2006a]Strätling, Susanne & Witte, Georg (Hg.) (2006): Die Sichtbarkeit der Schrift. Fink, München.
). Diese Sichtbar­keit, die Gestalt­haftig­keit schriftli­cher Texte, kann in unter­schiedli­cher Weise gehand­habt und in verschie­denem Maße reflek­tiert werden. Dies trifft auch und insbe­sonde­re für Texte aus dem Bereich der Lite­ratur zu.

Die Sichtbarkeit der Schrift wird in den verschie­denen lite­rari­schen Genres unter­schiedlich stark ausge­beutet, eini­ge Genres konsti­tuieren sich über­haupt erst als solche über die Textge­stalt. Pola­schegg zum Beispiel macht auf die genu­ine Schrift­bild­lichkeit der Lyrik als lite­rari­scher Gattung aufmerk­sam, indem sie gegen die tradi­tionel­le Auffas­sung von der Lyrik als einer akus­tischen Kunst zur Geltung bringt, dass Gedich­te immer schon „auf einen Blick“, das heißt anhand ihrer schrift­bildli­chen Erschei­nung, als solche erkannt werden (vgl. [Polaschegg 2011a]Polaschegg, Andrea (2011): Literatur auf einen Blick. Zur Schriftbildlichkeit der Lyrik. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
. So ist es vor allem die durch Zeilen­umbrü­che markier­te Vers­form, die dem Gedicht seinen unver­wechsel­baren visu­ellen Charak­ter gibt. Lyrik lebt von der spannungs­vollen Diffe­renz zwischen dem simul­tanen Sehen der Gestalt und der sukzes­siven Lektü­re der Schrift­zeichen. Auch Witte verweist auf die visu­elle Dimen­sion der Lyrik, die durch die graphisch markier­te Vers­form, das „Vers­bild“, gekenn­zeichnet ist (vgl. [Witte 2011a]Witte, Georg (2011): Das “Zusammen-Begreifen” des Blicks: Vers und Schrift. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
). Die Bezeich­nung ‘Vers­bild’ impli­ziert für ihn dabei die spezi­fische (schrift­bildli­che) Sichtbar­keit einer komple­xen Form der verba­len Sequen­tiali­sierung, die zwischen Sehen und Lesen produk­tiv zu changie­ren ermög­licht, und z.B. einzel­ne Wörter eines Gedich­tes über Zeilen­umbrü­che „erra­tisiert“, „trans­gramma­tika­lisiert“ und diese in ganz neuen Konstel­lationen wahrnehm­bar werden lässt. Jedoch lässt sich auch für lite­rari­sche Prosa-Texte plausi­bel machen, dass Texte in ihrer Gestalt, und in diesem Sinne in ihrer (schrift-)bild­lichen Dimen­sion wahrge­nommen werden und wirken (können) (vgl. [Giertler 2011a]Giertler, Mareike (2011): Lesen als Akt des Sehens der Schrift – Am Beispiel von Kafkas Betrachtungen im Erstdruck. Sprache und Literatur, 42, 107.
Nicht angezeigt: Themenheft <em>«Schriftbildlichkeit»</em>, hg. von Sybille Krämer und Mareike Giertler
). Auch Kalli­graphie und Typo­graphie sind Fel­der/Prak­tiken, in denen mit der Sicht­barkeit der Schrift bzw. mit der Textge­stalt gear­beitet wird.


Text als Bild: Visuelle Poesie

In ganz besonders intensiver, radika­ler und zugleich reflek­tierter Weise wurde und werden die Sichtbar­keit der Schrift und die Gestalt­haftig­keit schriftli­cher Texte in den unter­schiedli­chen Formen visu­eller Poesie genutzt bzw. ausge­stellt. »Visu­elle Poesie« ist in diesem Sinne als ein Sammel­begriff für alle Arten von Dichtung zu verste­hen, bei denen die visu­elle Präsen­tation eines Textes ein wesent­liches Element der künstle­rischen Konzep­tion darstellt, bei der der Schöpfer/die Schöpfe­rin des Textes also die (schrift-)bild­lichen Gestalt­quali­täten der Schrift bewusst und inten­siv nutzt. Im enge­ren Sinne verbun­den wird der Ausdruck ‘visu­elle Poesie’ meistens mit expe­rimen­tellen Arbei­ten der lite­rari­schen Avant­garden des 20. Jahrhun­derts: etwa dem Dada­ismus oder dem italie­nischen und russi­schen Futu­rismus in der ersten Jahrhun­derthälf­te sowie mit der lite­rari­schen Strömung der soge­nannten «Konkre­ten Poesie», die sich insbe­sonde­re im deutsch­sprachi­gen Raum ab den 1950er Jahren formier­te, wie aber auch mit der sowje­tischen Samis­dat-Lite­ratur.

Die visuelle Poesie in diesem (mit der Avant­garde-Lite­ratur verknüpf­ten enge­ren) Sinne muss wohl als eine spezi­fisch euro­päische Gegen­bewe­gung gegen das anson­sten im euro­päischen Kultur­kreis domi­nieren­de Lesbar­keits-Para­digma der Schrift, das mit einer Sichtbar­keitsver­gessen­heit einher­geht, verstan­den werden. Diese Sichtbar­keits- und Mate­riali­tätsver­gessen­heit in Bezug auf die Schrift hat es in außer­euro­päischen Schrift­kultu­ren in dieser Art vermut­lich nie gege­ben, da hier z.B. die Kalli­graphie eine viel größe­re Wert­schätzung genießt. Darü­ber hinaus ist zu bemer­ken, dass es Arte­fakte visu­eller Poesie auch in Euro­pa bereits seit der Anti­ke gege­ben hat. Man denke an anti­ke und ba­rocke Figu­renge­dichte (vgl. [Dencker 2011a]Dencker, Klaus Peter (2011): Optische Poesie: Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 583ff.).

In der visuellen Poesie werden dabei ganz unter­schiedli­che schrift­bildli­che Gestalt­quali­täten von Texten erzeugt, entwe­der über die Hand­schrift, die Schreib­maschi­nenschrift oder über die Typo­graphie. Eine, aber eben nur eine Möglich­keit unter vielen ist dabei, dass der Text – wie im Fall der gerade erwähn­ten Figu­renge­dichte – so geschrie­ben oder gesetzt wird, dass die Gestalt­umris­se von raumzeit­lichen Gegen­ständen oder visu­ellen Symbo­len (die in bestimm­ter Weise mit dem Inhalt des geschrie­benen Textes spiele­risch korres­pondieren) an der Gestalt des Textes selber sichtbar werden. Diese Art Texte sind in ihrer buchstäb­lichen Figür­lichkeit dann in dersel­ben Weise als bildhaft-iko­nisch aufzu­fassen wie die figür­liche Zeichnung oder die gegen­ständli­che Male­rei.

Um auch die anderen möglichen visu­ellen Gestal­tungsas­pekte von lite­rari­schen Texten im allge­meinen – und dann eben in diesem Falle der visu­ellen Poesie – in den Blick zu bekom­men, ist vorge­schlagen worden, begriff­lich zwischen dem Gestalt­aspekt von Schriften und dem Bildas­pekt von Schriften zu diffe­renzie­ren und von Schriften als Bildern nur dann zu reden, wenn tatsäch­lich Figuren iko­nisch abge­bildet werden (vgl. [Polaschegg 2011a]Polaschegg, Andrea (2011): Literatur auf einen Blick. Zur Schriftbildlichkeit der Lyrik. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
).

Was sind nun diese anderen – über die Figürlichkeit hinausgehenden – Gestaltungsmöglichkeiten von Texten, die in der visuellen Poesie experimentell und spielerisch genutzt bzw. exemplifiziert werden? Es finden sich Experimente mit der räumlichen Dimension der Schrift, z.B. mit verschiedenen Schriftgrößen oder -farben für Buchstaben oder Wörter, und Experimente mit der räumlichen Positionierung der Buchstaben/Worte auf der Schreibfläche, ihrem konstellativen (Re-)Arrangement auf der Buchseite. Darüber hinaus finden sich Versuche, das Gestische der jeweiligen Schreibhandlung im Geschriebenen als Spur sichtbar zu machen sowie zudem Hybridbildungen aus Schrift und Bild (wie bei den sogenannten ‘Sprachblättern’ von Carlfriedrich Claus), begrifflich häufig als skripturale Malerei zusammengefasst, bei der die Übergänge zwischen Bild, Ornament und Schrift nicht eindeutig sind und meistens bewusst an der Schnittstelle von Lesbarkeit/Unlesbarkeit operiert wird. Dabei wird beim Leser/Betrachter ein Spiel von Semantisierung / Desemantisierung / Resemantisierung in Gang gesetzt. Für die Arbeiten der russischen Avantgarde der 1910er und 20er Jahre hat Georg Witte eine Typologie schriftbildlicher Verfahren entwickelt (vgl. [Witte 2005a]Witte, Georg (2005): Textflächen und Flächentexte. Das Schriftsehen der literarischen Avantgarden. In: Grube, G.; Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.
).


Konkrete Poesie

Die Konkrete Poesie ist eine künstlerische Strömung ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich im Anschluss an den Begriff bzw. die Bewegung der «Konkreten Kunst», vertreten vor allem durch den Schweizer Max Bill, seit den 1950er Jahren den materialen Basiselementen der Poesie in ihren einerseits visuellen und andererseits akustischen Darstellungsmedien zuwendet. Wichtige deutschsprachige Vertreter sind Eugen Gomringer, Franz Mon, Helmut Heißenbüttel, Hansjörg Mayer, Max Bense und Claus Bremer, international ist der Schwede Öyvind Fahlström zu nennen, der 1953 ein «Manifest für konkrete Poesie» verfasste und damit auch den Namen prägte, die brasilianische Gruppe «Noigandres» sowie die Wiener Gruppe um H.C. Artmann. Die Aufmerksamkeit dieser Autoren gilt den einzelnen Buchstaben, Satzzeichen und Wörtern im Geschriebenen und den Lauten, (bzw. auch dem Klang der Stimme) im Gesprochenen.

Im Visuellen soll dabei die experimentelle graphische Anordnung der Wörter, Buchstaben und/oder Sätze neue „Konstellationen“ und damit auch neue – makrotypographische – Bedeutungsdimensionen eröffnen. Mit dem Begriff der Konstellation greift Gomringer in seiner programmatischen Schrift «vom vers zur konstellation» (1955 erstmals publiziert, im Folgenden zitiert nach [Gomringer 1997a]Gomringer, Ernst (1997): Theorie der Konkreten Poesie, Texte und Manifeste 1954-1997. Edition Splitter, Wien.
) auf einen Begriff Mallarmés zurück und bezeichnet damit

die einfachste gestaltungsmöglichkeit der auf dem wort beruhenden dichtung. [...] sie erlaubt das spiel. sie erlaubt die reihenbildung der wortbegriffe a, b, c und deren mögliche variationen ([Gomringer 1997a]Gomringer, Ernst (1997): Theorie der Konkreten Poesie, Texte und Manifeste 1954-1997. Edition Splitter, Wien.
: S. 16).

Er bezieht sich also auf die Anordnung von verknapptem und syntaktisch unverbundenem Wortmaterial auf der weißen Papierfläche inklusive der Zwischen- und Umgebungsräume.

Ein weiteres Kennzeichen der ansonsten als künstlerische Strömung durchaus heterogenen Konkreten Poesie ist die akustische Dimension ihrer Wortkunst: So werden die visuellen Konstellationen von einigen Autoren, etwa von Ernst Jandl, intoniert, wodurch allein durch die Prosodie eine Art Dialog (vgl. [Dencker 2011a]Dencker, Klaus Peter (2011): Optische Poesie: Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 631) entstehen kann. Die deutschsprachige Strömung der Konkreten Poesie sowie die ihr am nächsten stehende brasilianische Künstlergruppe Noigandres haben durch ihre Programmatik wie keine anderen eine selbstbewusste Identität entwickelt, die bis heute zur Weiterentwicklung visueller Dichtung inspiriert (vgl. [Drucker 1996a]Drucker, Johanna (1996): Experimental, Visual, and Concrete Poetry: A Note on Historical Context and Basic Concepts. In: Jackson, D.; Vos, E. & Drucker, J. (Hg.), Experimental – Visual – Concrete: Avant-garde Poetry since the 1960s. Rodopi, Amsterdam, Atlanta.
: S. 58).


Visuelle Poesie im Computerzeitalter

Kinetische Poesie in vielfältiger Form beweglicher, veränderlicher Buchstaben- oder Wortfolgen findet sich nicht erst, seit es Computer gibt. Beispiele dafür sind filmische Realisationen, (Neon)Lichtinstallationen, Laufschriften und Projektionen (vgl. [Dencker 2011a]Dencker, Klaus Peter (2011): Optische Poesie: Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 104ff.). Auch die durch den Computer leicht hervorrufbare Zufallskombinatorik zur Generierung von visueller Poesie findet sich schon in frühen Beispielen textpermutativer Techniken oder technisch analoger Poesie-Automaten (vgl. [Dencker 2011a]Dencker, Klaus Peter (2011): Optische Poesie: Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 177ff.). Dennoch bietet die heutige Computertechnologie fraglos das weitaus größte Spektrum an medialer Kombinatorik: Durch die neuen Möglichkeiten des Gebrauchs der Schrift in Computerprogrammen bzw. im Internet bieten sich kaum begrenzte Möglichkeiten einer „animierten“ bzw. „operativen“ visuellen Poesie: Schriften/Texte werden nicht nur filmisch in Bewegung versetzt, sondern werden als ausführbare Programme oder Links programmiert (z.B. [Cramer 2011a]Cramer, Florian (2001): Netzkunst und konkrete Poesie.
Webadresse: netzliteratur.net/cramer/netzkunst_konkrete_poesie.htm
Nicht angezeigt: 31.8.2011
). Dencker unterscheidet insgesamt elf Typen computergesteuerter kinetischer Poesie, die von ihm chronologisch sortiert eine große Bandbreite umfassen: von ersten, noch linear strukturierten Texten, die am Computer mit zufallsgesteuerten Programmen erstellt wurden, über nicht-lineare Hypertexte, Hypermedia, Interaktions- und Kollaborationstexte bis hin zu code-basierten selbstagierenden Texten (vgl. [Dencker 2011a]Dencker, Klaus Peter (2011): Optische Poesie: Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart. de Gruyter, Berlin, New York.
: S. 265f.).


Vertreter Visueller Poesie

  • Pierre Albert-Birot (Frankreich) [1]
  • H.C. Artmann (Österreich) [2]
  • Guillaume Apollinaire (Frankreich) [3]
  • Hugo Ball (Deutschland) [4]
  • Josef Bauer (Österreich) [5]
  • Max Bense (Deutschland) [6]
  • Chris Bezzel (Deutschland) [7]
  • Claus Bremer (Deutschland)
  • Theo Breuer (Deutschland) [8]
  • Joan Brossa (Spanien; Katalonien) [9]
  • Giorgio Camastro (Deutschland)
  • Carlo Carrà (Italien) [10]
  • Carlfriedrich Claus (Deutschland) [11]
  • Guillermo Deisler (Chile; Deutschland) [12]
  • Reinhard Döhl (Deutschland) [13]
  • Klaus Peter Dencker (Deutschland) [14]
  • Lazar El Lissitzky (Russland) [15]
  • Öyvind Fahlström (Schweden) [16]
  • Brigitta Falkner (Österreich) [17]
  • León Ferrari (Argentinien) [18]
  • Lutz Fleischer (Deutschland) [19]
  • Heinz Gappmayr (Österreich) [20]
  • Ilse Garnier (Deutschland; Frankreich)
  • Pierre Garnier (Frankreich)
  • Eugen Gomringer (Deutschland) [21]
  • Ferreira Gullar (Brasilien) [22]
  • Raoul Hausmann (Österreich; Deutschland) [23]
  • Helmut Heißenbüttel (Deutschland) [24]
  • Werner Herbst (Österreich)
  • Christine Huber (Österreich) [25]
  • Ernst Jandl (Österreich) [26]
  • Johannes Jansen (Deutschland) [27]
  • Gerhard Jaschke (Österreich) [28]
  • Eduardo Kac (Brasilien) [29]
  • Christian Katt (Österreich)
  • Ilse Kilic (Österreich) [30]
  • Boris Konstriktor (Russland)
  • Richard Kostelanetz (USA)
  • Stéphane Mallarmé (Frankreich) [31]
  • Filippo Marinetti (Italien) [32]
  • Décio Pignatari (Brasilien)
  • Alberto Pimenta (Portugal) [33]
  • Karl Riha (Deutschland) [34]
  • Alexander Rodchenko (Russland) [35]
  • Axel Rohlfs (Deutschland) [36]
  • Mario Rotter (Österreich)
  • Gerhard Rühm (Österreich) [37]
  • Konrad Balder Schäuffelen (Deutschland) [38]
  • Mira Schendel (Brasilien) [39]
  • Valeri Scherstjanoi (Russland; Deutschland) [40]
  • Kurt Schwitters (Deutschland) [41]
  • Rudolf Sikora (Tschechoslowakei)
  • Christian Steinbacher (Österreich) [42]
  • José Juan Tablada (Mexiko) (1871-1945)
  • Tristan Tzara (Rumänien; Frankreich) [43]
  • Liesl Ujvary (Österreich) [44]
  • Günter Vallaster (Österreich) [45]
  • Jiři Valoch (Tschechoslowakei)
  • Fritz Widhalm (Österreich) [46]
  • Hansjörg Zauner (Österreich) [47]
Anmerkungen
Literatur
[Cramer 2011a]Cramer, Florian (2001): Netzkunst und konkrete Poesie.[Dencker 2011a]Dencker, Klaus Peter (2011): Optische Poesie: Von den prähistorischen Schriftzeichen bis zu den digitalen Experimenten der Gegenwart. de Gruyter, Berlin, New York.[Drucker 1996a]Drucker, Johanna (1996): Experimental, Visual, and Concrete Poetry: A Note on Historical Context and Basic Concepts. In: Jackson, D.; Vos, E. & Drucker, J. (Hg.), Experimental – Visual – Concrete: Avant-garde Poetry since the 1960s. Rodopi, Amsterdam, Atlanta.[Giertler 2011a]Giertler, Mareike (2011): Lesen als Akt des Sehens der Schrift – Am Beispiel von Kafkas Betrachtungen im Erstdruck. Sprache und Literatur, 42, 107.[Gomringer 1997a]Gomringer, Ernst (1997): Theorie der Konkreten Poesie, Texte und Manifeste 1954-1997. Edition Splitter, Wien.[Polaschegg 2011a]Polaschegg, Andrea (2011): Literatur auf einen Blick. Zur Schriftbildlichkeit der Lyrik. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Raible 1991a]Raible, Wolfgang (1991): Die Semiotik der Textgestalt. Erscheinungsformen und Folgen eines kulturellen Evolutionsprozesses. Universitätsverlag Winter, Heidelberg.[Strätling & Witte 2006a]Strätling, Susanne & Witte, Georg (Hg.) (2006): Die Sichtbarkeit der Schrift. Fink, München.[Witte 2005a]Witte, Georg (2005): Textflächen und Flächentexte. Das Schriftsehen der literarischen Avantgarden. In: Grube, G.; Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.[Witte 2011a]Witte, Georg (2011): Das “Zusammen-Begreifen” des Blicks: Vers und Schrift. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.

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