Schriftbildlichkeit: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Zweitens haben Schriften (im engeren und weite­ren Sinn) als Medien eine bestimmte [[Materialität|Mate­riali­tät]]. Ihre typo­graphi­sche oder hand­schrift­liche Gestalt erzeugt eine [[Semantik|Seman­tik]], die nicht immer gleicher­maßen auffäl­lig und für die jewei­lige Gebrauchs­weise nicht immer gleicher­maßen rele­vant ist, die aber immer gege­ben ist. Darü­ber hinaus lassen sich Schriften als mate­riale Gestal­ten natür­lich auch künstle­risch “ausbeu­ten” und als Bilder oder Bild­ele­mente verwen­den.
Zweitens haben Schriften (im engeren und weite­ren Sinn) als Medien eine bestimmte [[Materialität|Mate­riali­tät]]. Ihre typo­graphi­sche oder hand­schrift­liche Gestalt erzeugt eine [[Semantik|Seman­tik]], die nicht immer gleicher­maßen auffäl­lig und für die jewei­lige Gebrauchs­weise nicht immer gleicher­maßen rele­vant ist, die aber immer gege­ben ist. Darü­ber hinaus lassen sich Schriften als mate­riale Gestal­ten natür­lich auch künstle­risch “ausbeu­ten” und als Bilder oder Bild­ele­mente verwen­den.
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Der Schriftbildlichkeits-Begriff ist so darauf ange&shy;legt, die tradi&shy;tionel&shy;le Dicho&shy;tomie von Bild und Spra&shy;che/Text <ref>Ei&shy;ne Über&shy;sicht über die ge&shy;bräuch&shy;li&shy;chen Va&shy;ri&shy;an&shy;ten der Di&shy;cho&shy;to&shy;mie in die&shy;sem Zu&shy;sam&shy;men&shy;hang gibt <bib id='Elkins 1999a'>El&shy;kins 1999a</bib>: S.84.</ref> inso&shy;fern zu unter&shy;laufen, als [[Symbol, Index, Ikon|iko&shy;nische]] Aspek&shy;te an Schriften selbst und die Gemein&shy;samkei&shy;ten mit nicht-sprach&shy;bezo&shy;genen Nota&shy;tionsphä&shy;nome&shy;nen (wie Musik- und Tanz&shy;nota&shy;tionen) und diagram&shy;matischen [[Darstellungen|Darstel&shy;lungen]] erfasst werden. Er eröff&shy;net also ein Unter&shy;suchungs&shy;feld für taxo&shy;nomi&shy;sche Über&shy;legun&shy;gen in dem Bereich, der durch die beiden Pole [[Schrift und Bild|»Schrift« und »Bild«]] abge&shy;steckt ist, sowie für Funktions- und Gebrauchs&shy;beschrei&shy;bungen in diesem Phäno&shy;menbe&shy;reich.
Der Schriftbildlichkeits-Begriff ist so darauf ange&shy;legt, die tradi&shy;tionel&shy;le Dicho&shy;tomie von Bild und Spra&shy;che/Text <ref>Ei&shy;ne Über&shy;sicht über die ge&shy;bräuch&shy;li&shy;chen Va&shy;ri&shy;an&shy;ten der Di&shy;cho&shy;to&shy;mie in die&shy;sem Zu&shy;sam&shy;men&shy;hang gibt <bib id='Elkins 1999a'>El&shy;kins 1999a</bib>: S.84.</ref> inso&shy;fern zu unter&shy;laufen, als [[Symbol, Index, Ikon|iko&shy;nische]] Aspek&shy;te an Schriften selbst und die Gemein&shy;samkei&shy;ten mit nicht-sprach&shy;bezo&shy;genen Nota&shy;tionsphä&shy;nome&shy;nen (wie Musik- und Tanz&shy;nota&shy;tionen) und diagram&shy;matischen [[Darstellung|Darstel&shy;lungen]] erfasst werden. Er eröff&shy;net also ein Unter&shy;suchungs&shy;feld für taxo&shy;nomi&shy;sche Über&shy;legun&shy;gen in dem Bereich, der durch die beiden Pole [[Schrift und Bild|»Schrift« und »Bild«]] abge&shy;steckt ist, sowie für Funktions- und Gebrauchs&shy;beschrei&shy;bungen in diesem Phäno&shy;menbe&shy;reich.




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Die Gestaltung des Schriftzuges selbst ist immer seman&shy;tisiert. Die [[Typographie|typo&shy;graphi&shy;sche]] Gestal&shy;tung von Druck&shy;werken kann eher standar&shy;disiert sein oder einem künstle&shy;rischen Anspruch genü&shy;gen, man kann sie eher in den Vorder&shy;grund stellen wie oft in Werbe&shy;plaka&shy;ten (⊳ [[Werbung]]) oder eher unauf&shy;fällig gestal&shy;ten wie in wissen&shy;schaftli&shy;chen Publi&shy;katio&shy;nen; sie impli&shy;ziert aber in jedem Fall eine ästhe&shy;tische Entschei&shy;dung, die das Lese&shy;verhal&shy;ten beein&shy;flusst und bestimm&shy;te Konno&shy;tati&shy;onen mit sich bringt.<ref>Vgl. exem&shy;pla&shy;risch da&shy;zu Ma&shy;rei&shy;ke Giert&shy;lers Ana&shy;ly&shy;sen zu Kaf&shy;ka-Edi&shy;ti&shy;o&shy;nen <bib id='Giertler 2011a'>Giert&shy;ler 2011a</bib>.</ref> In der [[Kalligraphie|Kalli&shy;graphie]] wird in gewis&shy;ser Weise der meist handschrift&shy;liche Schrift&shy;zug selbst zum Bild. In alpha&shy;betisch gepräg&shy;ten Kultu&shy;ren ist sie im Vergleich zu ande&shy;ren Kunstfor&shy;men eher ein Randphä&shy;nomen, im Einfluss&shy;bereich der chine&shy;sischen und ara&shy;bischen Schriftkul&shy;turen nimmt sie dage&shy;gen einen ungleich höhe&shy;ren Stellen&shy;wert ein. Darü&shy;ber hinaus können ganze Text&shy;seiten verwen&shy;det werden, um Bild&shy;effek&shy;te unter&shy;schiedlich&shy;ster Art zu erzeu&shy;gen, von den mittel&shy;alter&shy;lichen Figu&shy;renge&shy;dichten bis hin zur [[Text als Bild, konkrete Poesie|konkre&shy;ten Poesie]]. Über die Schriften im umgangs&shy;sprachli&shy;chen Sinn hinaus sind in diesem Zusam&shy;menhang auch die [[Pseudoschriften|Pseudo&shy;schriften]] zu erwäh&shy;nen, ein Sammel&shy;begriff für schrift&shy;ähnli&shy;che Markie&shy;rungen, in der [[bildende Kunst|bilden&shy;den Kunst]], oder als spezi&shy;elle Markie&shy;rungen, von magi&shy;schen Symbo&shy;len bis zu Marken&shy;symbo&shy;len. Bei den genann&shy;ten Begrif&shy;fen handelt es sich natür&shy;lich nicht um einan&shy;der syste&shy;matisch aus&shy;schließen&shy;de Kate&shy;gorien, vielmehr weisen sie auf unter&shy;schiedli&shy;che künstle&shy;rische und handwerk&shy;liche Tradi&shy;tionen hin.
Die Gestaltung des Schriftzuges selbst ist immer seman&shy;tisiert. Die [[Typographie|typo&shy;graphi&shy;sche]] Gestal&shy;tung von Druck&shy;werken kann eher standar&shy;disiert sein oder einem künstle&shy;rischen Anspruch genü&shy;gen, man kann sie eher in den Vorder&shy;grund stellen wie oft in Werbe&shy;plaka&shy;ten (⊳ [[Werbung]]) oder eher unauf&shy;fällig gestal&shy;ten wie in wissen&shy;schaftli&shy;chen Publi&shy;katio&shy;nen; sie impli&shy;ziert aber in jedem Fall eine ästhe&shy;tische Entschei&shy;dung, die das Lese&shy;verhal&shy;ten beein&shy;flusst und bestimm&shy;te Konno&shy;tati&shy;onen mit sich bringt.<ref>Vgl. exem&shy;pla&shy;risch da&shy;zu Ma&shy;rei&shy;ke Giert&shy;lers Ana&shy;ly&shy;sen zu Kaf&shy;ka-Edi&shy;ti&shy;o&shy;nen <bib id='Giertler 2011a'>Giert&shy;ler 2011a</bib>.</ref> In der [[Kalligraphie|Kalli&shy;graphie]] wird in gewis&shy;ser Weise der meist handschrift&shy;liche Schrift&shy;zug selbst zum Bild. In alpha&shy;betisch gepräg&shy;ten Kultu&shy;ren ist sie im Vergleich zu ande&shy;ren Kunstfor&shy;men eher ein Randphä&shy;nomen, im Einfluss&shy;bereich der chine&shy;sischen und ara&shy;bischen Schriftkul&shy;turen nimmt sie dage&shy;gen einen ungleich höhe&shy;ren Stellen&shy;wert ein. Darü&shy;ber hinaus können ganze Text&shy;seiten verwen&shy;det werden, um Bild&shy;effek&shy;te unter&shy;schiedlich&shy;ster Art zu erzeu&shy;gen, von den mittel&shy;alter&shy;lichen Figu&shy;renge&shy;dichten bis hin zur [[Text als Bild, konkrete Poesie|konkre&shy;ten Poesie]]. Über die Schriften im umgangs&shy;sprachli&shy;chen Sinn hinaus sind in diesem Zusam&shy;menhang auch die [[Pseudoschriften|Pseudo&shy;schriften]] zu erwäh&shy;nen, ein Sammel&shy;begriff für schrift&shy;ähnli&shy;che Markie&shy;rungen, in der [[bildende Kunst|bilden&shy;den Kunst]], oder als spezi&shy;elle Markie&shy;rungen, von magi&shy;schen Symbo&shy;len bis zu Marken&shy;symbo&shy;len. Bei den genann&shy;ten Begrif&shy;fen handelt es sich natür&shy;lich nicht um einan&shy;der syste&shy;matisch aus&shy;schließen&shy;de Kate&shy;gorien, vielmehr weisen sie auf unter&shy;schiedli&shy;che künstle&shy;rische und handwerk&shy;liche Tradi&shy;tionen hin.
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Wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegen&shy;ständen ähneln, spricht man tradi&shy;tionell von ‘[[Bilderschrift und Piktogramm|Bilder&shy;schriften]]’. Als Proto&shy;typ einer solchen galten die [[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|ägyp&shy;tischen Hiero&shy;glyphen]], und vor ihrer Entzif&shy;ferung im 19. Jahrhun&shy;dert ent&shy;wickel&shy;te sich nachge&shy;rade ein mysti&shy;fizieren&shy;der ''[[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|Hieroglyphendiskurs]]'', der die Bedeu&shy;tung der Hiero&shy;glyphen über unter&shy;schiedli&shy;che Ana&shy;logie&shy;bezie&shy;hungen aus dieser Bildlich&shy;keit ablei&shy;tete. Die moder&shy;ne Ägyp&shy;tolo&shy;gie hat diese Vorstel&shy;lung von Bilder&shy;schriften streng in ihre Schranken verwie&shy;sen, Hiero&shy;glyphen werden als Schrift&shy;zeichen gele&shy;sen, ohne dass ihre Bildlich&shy;keit dabei eine Rolle spielt; sie kann ledig&shy;lich in bestimm&shy;ten Gebrauchs&shy;kontex&shy;ten für seman&shy;tische Effek&shy;te “ausge&shy;beutet” werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidl&shy;mayer 2011a</bib>).
Wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegen&shy;ständen ähneln, spricht man tradi&shy;tionell von ‘[[Bilderschrift und Piktogramm|Bilder&shy;schriften]]’. Als Proto&shy;typ einer solchen galten die [[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|ägyp&shy;tischen Hiero&shy;glyphen]], und vor ihrer Entzif&shy;ferung im 19. Jahrhun&shy;dert ent&shy;wickel&shy;te sich nachge&shy;rade ein mysti&shy;fizieren&shy;der ''[[Hieroglyphen, Hieroglyphendiskurs|Hiero&shy;glyphen&shy;diskurs]]'', der die Bedeu&shy;tung der Hiero&shy;glyphen über unter&shy;schiedli&shy;che Ana&shy;logie&shy;bezie&shy;hungen aus dieser Bildlich&shy;keit ablei&shy;tete. Die moder&shy;ne Ägyp&shy;tolo&shy;gie hat diese Vorstel&shy;lung von Bilder&shy;schriften streng in ihre Schranken verwie&shy;sen, Hiero&shy;glyphen werden als Schrift&shy;zeichen gele&shy;sen, ohne dass ihre Bildlich&shy;keit dabei eine Rolle spielt; sie kann ledig&shy;lich in bestimm&shy;ten Gebrauchs&shy;kontex&shy;ten für seman&shy;tische Effek&shy;te “ausge&shy;beutet” werden (vgl. <bib id='Seidlmayer 2011a'>Seidl&shy;mayer 2011a</bib>).
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Für die Schrifttypologie erhebt sich hier ein grundsätz&shy;liches Problem, das über die Frage nach der Funktions&shy;weise der Hiero&shy;glyphen weit hinaus&shy;geht: die Frage, ob es Schriften gibt, die wie [[Bilderschrift und Piktogramm|Pikto&shy;gramme]] funktio&shy;nieren, indem sie als [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideo&shy;gramme]] [[Bedeutung und Referenz|Bedeu&shy;tungen]] direkt, ohne Bezug&shy;nahme auf die gespro&shy;chene Sprache wieder&shy;geben (ohne jedoch wie Pikto&shy;gramme notwen&shy;dig iko&shy;nisch zu sein). Insbe&shy;sonde&shy;re am Beispiel der chine&shy;sischen Schrift&shy;zeichen wurde disku&shy;tiert, ob es sich um [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideo&shy;gramme, Logo&shy;gramme (Zeichen für Wörter)]] oder um Zeichen für [[Morphologie und Syntax|Morphe&shy;me]] oder Silben handelt. Leibniz sah in den chinesischen „Ideo&shy;grammen“ ein Vorbild für eine uni&shy;versa&shy;le „Gedan&shy;kenschrift“, eine „[[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|charac&shy;teris&shy;tica uni&shy;versa&shy;lis]]“ (<bib id='Leibniz'></bib>), die moder&shy;ne Sino&shy;logie weist diese Charakterisierung zurück (vgl. <bib id='Erlbaugh 2002a'>Erl&shy;baugh 2002a</bib>). Eine offe&shy;ne Frage in der Schrift&shy;typo&shy;logie bleibt jedoch der Status und die Funktions&shy;weise logo&shy;graphi&shy;scher Zeichen.
Für die Schrifttypologie erhebt sich hier ein grundsätz&shy;liches Problem, das über die Frage nach der Funktions&shy;weise der Hiero&shy;glyphen weit hinaus&shy;geht: die Frage, ob es Schriften gibt, die wie [[Bilderschrift und Piktogramm|Pikto&shy;gramme]] funktio&shy;nieren, indem sie als [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideo&shy;gramme]] [[Bedeutung und Referenz|Bedeu&shy;tungen]] direkt, ohne Bezug&shy;nahme auf die gespro&shy;chene Sprache wieder&shy;geben (ohne jedoch wie Pikto&shy;gramme notwen&shy;dig iko&shy;nisch zu sein). Insbe&shy;sonde&shy;re am Beispiel der chine&shy;sischen Schrift&shy;zeichen wurde disku&shy;tiert, ob es sich um [[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|Ideo&shy;gramme, Logo&shy;gramme (Zeichen für Wörter)]] oder um Zeichen für [[Morphologie und Syntax|Morphe&shy;me]] oder Silben handelt. Leibniz sah in den chinesischen „Ideo&shy;grammen“ ein Vorbild für eine uni&shy;versa&shy;le „Gedan&shy;kenschrift“, eine „[[Ideogramm, Logogramm und characteristica universalis|charac&shy;teris&shy;tica uni&shy;versa&shy;lis]]“ (<bib id='Leibniz 1966a'></bib>), die moder&shy;ne Sino&shy;logie weist diese Charakterisierung zurück (vgl. <bib id='Erlbaugh 2002a'>Erl&shy;baugh 2002a</bib>). Eine offe&shy;ne Frage in der Schrift&shy;typo&shy;logie bleibt jedoch der Status und die Funktions&shy;weise logo&shy;graphi&shy;scher Zeichen.
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Mit den genannten Unter&shy;punkten werden eini&shy;ge Begrif&shy;fe erläu&shy;tert, die markan&shy;te Phäno&shy;mene bzw. Phäno&shy;menbe&shy;reiche von »Schrift&shy;bildlich&shy;keit« beschrei&shy;ben, – selbst&shy;verständ&shy;lich ohne Anspruch auf Vollstän&shy;digkeit, denn der Begriff eröff&shy;net ein weites Unter&shy;suchungs&shy;feld für zahlrei&shy;che Diszi&shy;plinen.
Mit den genannten Unter&shy;punkten werden eini&shy;ge Begrif&shy;fe erläu&shy;tert, die markan&shy;te Phäno&shy;mene bzw. Phäno&shy;menbe&shy;reiche von »Schrift&shy;bildlich&shy;keit« beschrei&shy;ben, – selbst&shy;verständ&shy;lich ohne Anspruch auf Vollstän&shy;digkeit, denn der Begriff eröff&shy;net ein weites Unter&shy;suchungs&shy;feld für zahlrei&shy;che Diszi&shy;plinen.

Version vom 27. Oktober 2013, 14:57 Uhr

Hauptpunkt zu: Bild und Sprache


Was ist Schriftbildlichkeit?

Der Terminus ‘Schriftbildlichkeit’ (engl. ‘nota­tional iconic­ity’) wurde ursprüng­lich ins Spiel gebracht von Sybil­le Krämer ([Krämer 2003a]Krämer, Sybille (2003): “Schriftbildlichkeit” oder: Über eine (fast) vergessene Dimension der Schrift. In: Krämer, S. & Bredekamp, H. (Hg.), Bild, Schrift, Zahl. Fink, München.
). Er hat mittler­weile eine recht breite Akzep­tanz und Verwen­dung in unter­schiedli­chen Diszi­plinen gefun­den, nicht zuletzt insti­tutio­nell unter­stützt durch die Arbeit des DFG-Gradu­ierten­kollegs «Schrift­bildlich­keit. Mate­riali­tät, Wahrnehm­barkeit und Ope­rati­vität von Nota­tionen» an der FU Berlin (vgl. http://www.schrift­bildlich­keit.de). Die Eta­blierung des Begriffs »Schriftbild­lichkeit« stand und steht dabei im Kontext von Bemü­hungen, einen Begriff von Schrift zu ent­wickeln, der „lautspra­chenneu­tral“ ist. Schrift soll also in dieser Perspek­tive einer­seits nicht mehr länger nur (verkürzt) als aufge­schriebe­ne Sprache gedeu­tet, sondern in ihrem Eigen­sinn als spezi­fisches Medium (etwa neben gespro­chener Sprache und dem Bild) erfasst werden. Schrift wird als Medium verstan­den, das eige­nen Geset­zen folgt, das – gegen­über der gespro­chenen Sprache – gera­de eige­ne Möglich­keiten der Wahrnehm­barkeit und des Ope­rierens eröff­net. Zugleich wird der Schrift-Begriff dabei über das Feld sprachbe­zogener Nota­tionen hinaus auch auf die Nota­tionen etwa von Tanz und Musik sowie auf forma­le Schriften, wie sie in der Mathe­matik, Logik, Infor­matik und Chemie verwen­det werden, ausge­weitet.[1]

Mit der Bezeichnung ‘Schriftbild­lichkeit’ wird nun in diesem Zusam­menhang versucht, genau dieje­nigen Aspek­te von (wohl fast allen) Schrift­phäno­menen zu arti­kulie­ren bzw. zu thema­tisie­ren, anhand derer die phäno­mena­le Diffe­renz der Schrift gegen­über Phäno­menen der gespro­chenen Sprache – und damit der Idee, die Schrift würde den sukzes­siven Fluss der Sprache nur neutral, linear aufzeich­nen – beson­ders deutlich wird. Linea­rität und Sequen­tiali­tät sind zwar durchaus Eigen­schaften, die Schrift­phäno­mene mit Sprach­phäno­menen teilen, darü­ber hinaus gibt es aber ‘schrift­bildlich’ zu nennen­de Eigen­schaften von (fast allen) Schriften, die stark von denen der Sprache diffe­rieren und die das Phäno­men Schrift eher in die Nähe des Phäno­mens Bild rücken lässt: Schriften sind in der Regel Einschrei­bungen von Symbo­len auf Flächen; als solche sind sie in der Regel dauer­haft sichtbar, sie bieten aber zugleich die Möglich­keit des unter­schiedli­chen graphisch-räum­lichen Arran­gements dieser Symbo­le auf der Fläche sowie der Synop­sis. Anders als Bilder beste­hen sie aber in der Regel aus diskre­ten Symbo­len. Durch diesen „Perspek­tivwech­sel“ [Krämer 2005a]Krämer, Sybille (2005): “Operationsraum Schrift”: Über einen Perspektivenwechsel in der Betrachtung der Schrift. In: Grube, G.; Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.
in der Betrach­tung der Schrift rücken die Ope­rati­vität und die Mate­riali­tät von der Peri­pherie der Schrift­theorie in ihr Zentrum (vgl. hierzu: [Krämer et al. 2011a]Der Eintrag existiert noch nicht.; [Krämer & Giertler 2011a]Krämer, Sybille & Giertler, Mareike (Hg.) (2011): Schriftbildlichkeit. W. Fink, Paderborn.
Notiz: Themenheft der Zeitschrift <em>Sprache und Literatur</em>, 42/107
; sowie: [Strätling & Witte 2006a]Strätling, Susanne & Witte, Georg (Hg.) (2006): Die Sichtbarkeit der Schrift. Fink, München.
).

Die schriftbildlichen Merkmale fast alles Geschrie­benen ermög­lichen erstens zugleich immer auch ein explo­rati­ves, schema­tisches und/oder kreati­ves Ope­rieren mit den jewei­ligen Symbo­len auf der Schreib­fläche: Man denke an das schriftli­che Rechnen, das Forma­lisieren, das Kompo­nieren mit Noten, das Umstel­len von Formeln, das Anle­gen von Exzerp­ten, Tabel­len, Listen, Über­sichten oder Randno­tizen in Büchern und Manu­skripten, das Erstel­len von Mindmaps oder Power­pointfolien. Anders gesagt: Schrift kennzeich­net also (fast) immer eine Dupli­zität von »Nota­tion« und »Gestalt«, die sich vielfäl­tig ope­rativ einset­zen lässt. Die mit dem Wort ‘Schriftbildlichkeit’ arti­kulier­te „Bildlich­keit der Schrift“ wird entspre­chend auch (in Abgren­zung etwa zur Bildlich­keit von künstle­rischen Werken der Male­rei) als „ope­rati­ve Bildlich­keit“ [Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.
beschrie­ben, eine ope­rati­ve Bildlich­keit, die etwa auch Diagram­men und Karten zu eigen ist. Schriften lassen sich über das Moment des Schriftbild­lichen in den Bereich „diagram­matischer Phäno­mene“ im weites­ten Sinne einord­nen; sowohl der Begriff der Schrift als auch der des Diagramms werden hier über das umgangs­sprachlich Übliche hinaus erwei­tert, um die genann­ten epis­temi­schen und explo­rativen Poten­tiale dieser Darstel­lungsfor­men in den Blick zu bekom­men.

Zweitens haben Schriften (im engeren und weite­ren Sinn) als Medien eine bestimmte Mate­riali­tät. Ihre typo­graphi­sche oder hand­schrift­liche Gestalt erzeugt eine Seman­tik, die nicht immer gleicher­maßen auffäl­lig und für die jewei­lige Gebrauchs­weise nicht immer gleicher­maßen rele­vant ist, die aber immer gege­ben ist. Darü­ber hinaus lassen sich Schriften als mate­riale Gestal­ten natür­lich auch künstle­risch “ausbeu­ten” und als Bilder oder Bild­ele­mente verwen­den.

Der Schriftbildlichkeits-Begriff ist so darauf ange­legt, die tradi­tionel­le Dicho­tomie von Bild und Spra­che/Text [2] inso­fern zu unter­laufen, als iko­nische Aspek­te an Schriften selbst und die Gemein­samkei­ten mit nicht-sprach­bezo­genen Nota­tionsphä­nome­nen (wie Musik- und Tanz­nota­tionen) und diagram­matischen Darstel­lungen erfasst werden. Er eröff­net also ein Unter­suchungs­feld für taxo­nomi­sche Über­legun­gen in dem Bereich, der durch die beiden Pole »Schrift« und »Bild« abge­steckt ist, sowie für Funktions- und Gebrauchs­beschrei­bungen in diesem Phäno­menbe­reich.


Die Unterpunkte: Beispiele für schrift­bildli­che Phäno­mene

Die Gestaltung des Schriftzuges selbst ist immer seman­tisiert. Die typo­graphi­sche Gestal­tung von Druck­werken kann eher standar­disiert sein oder einem künstle­rischen Anspruch genü­gen, man kann sie eher in den Vorder­grund stellen wie oft in Werbe­plaka­ten (⊳ Werbung) oder eher unauf­fällig gestal­ten wie in wissen­schaftli­chen Publi­katio­nen; sie impli­ziert aber in jedem Fall eine ästhe­tische Entschei­dung, die das Lese­verhal­ten beein­flusst und bestimm­te Konno­tati­onen mit sich bringt.[3] In der Kalli­graphie wird in gewis­ser Weise der meist handschrift­liche Schrift­zug selbst zum Bild. In alpha­betisch gepräg­ten Kultu­ren ist sie im Vergleich zu ande­ren Kunstfor­men eher ein Randphä­nomen, im Einfluss­bereich der chine­sischen und ara­bischen Schriftkul­turen nimmt sie dage­gen einen ungleich höhe­ren Stellen­wert ein. Darü­ber hinaus können ganze Text­seiten verwen­det werden, um Bild­effek­te unter­schiedlich­ster Art zu erzeu­gen, von den mittel­alter­lichen Figu­renge­dichten bis hin zur konkre­ten Poesie. Über die Schriften im umgangs­sprachli­chen Sinn hinaus sind in diesem Zusam­menhang auch die Pseudo­schriften zu erwäh­nen, ein Sammel­begriff für schrift­ähnli­che Markie­rungen, in der bilden­den Kunst, oder als spezi­elle Markie­rungen, von magi­schen Symbo­len bis zu Marken­symbo­len. Bei den genann­ten Begrif­fen handelt es sich natür­lich nicht um einan­der syste­matisch aus­schließen­de Kate­gorien, vielmehr weisen sie auf unter­schiedli­che künstle­rische und handwerk­liche Tradi­tionen hin.

Wo Schriftzeichen erkennbar Bildern von Gegen­ständen ähneln, spricht man tradi­tionell von ‘Bilder­schriften’. Als Proto­typ einer solchen galten die ägyp­tischen Hiero­glyphen, und vor ihrer Entzif­ferung im 19. Jahrhun­dert ent­wickel­te sich nachge­rade ein mysti­fizieren­der Hiero­glyphen­diskurs, der die Bedeu­tung der Hiero­glyphen über unter­schiedli­che Ana­logie­bezie­hungen aus dieser Bildlich­keit ablei­tete. Die moder­ne Ägyp­tolo­gie hat diese Vorstel­lung von Bilder­schriften streng in ihre Schranken verwie­sen, Hiero­glyphen werden als Schrift­zeichen gele­sen, ohne dass ihre Bildlich­keit dabei eine Rolle spielt; sie kann ledig­lich in bestimm­ten Gebrauchs­kontex­ten für seman­tische Effek­te “ausge­beutet” werden (vgl. [Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011): Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.
).

Für die Schrifttypologie erhebt sich hier ein grundsätz­liches Problem, das über die Frage nach der Funktions­weise der Hiero­glyphen weit hinaus­geht: die Frage, ob es Schriften gibt, die wie Pikto­gramme funktio­nieren, indem sie als Ideo­gramme Bedeu­tungen direkt, ohne Bezug­nahme auf die gespro­chene Sprache wieder­geben (ohne jedoch wie Pikto­gramme notwen­dig iko­nisch zu sein). Insbe­sonde­re am Beispiel der chine­sischen Schrift­zeichen wurde disku­tiert, ob es sich um Ideo­gramme, Logo­gramme (Zeichen für Wörter) oder um Zeichen für Morphe­me oder Silben handelt. Leibniz sah in den chinesischen „Ideo­grammen“ ein Vorbild für eine uni­versa­le „Gedan­kenschrift“, eine „charac­teris­tica uni­versa­lis“ ([Leibniz 1966a]Leibniz, Gottfried Wilhelm (1966): Zur allgemeinen Charakteristik. Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Philosophische Werke Band 1. Meiner, Hamburg.
), die moder­ne Sino­logie weist diese Charakterisierung zurück (vgl. [Erlbaugh 2002a]Erbaugh, Mary S. (Hg.) (2002): Difficult Characters: Interdisciplinary Studies of Chinese and Japanese Writing. National East Asian Language Resource Center, Columbus, Ohio.
). Eine offe­ne Frage in der Schrift­typo­logie bleibt jedoch der Status und die Funktions­weise logo­graphi­scher Zeichen.

Mit den genannten Unter­punkten werden eini­ge Begrif­fe erläu­tert, die markan­te Phäno­mene bzw. Phäno­menbe­reiche von »Schrift­bildlich­keit« beschrei­ben, – selbst­verständ­lich ohne Anspruch auf Vollstän­digkeit, denn der Begriff eröff­net ein weites Unter­suchungs­feld für zahlrei­che Diszi­plinen.

Anmerkungen
  1. ↑ Ei­ne Über­sicht über die Be­mü­hun­gen um ei­nen er­wei­ter­ten, nicht-pho­no­gra­phi­schen Schrift­be­griff und des­sen Be­grün­dung gibt der Band: «Schrift. Kul­tur­tech­nik zwi­schen Au­ge, Hand und Ma­schi­ne» [Grube et al. 2005a]Grube, Gernot; Kogge, Werner & Krämer, Sybille (Hg.) (2005): Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.
    .
  2. ↑ Ei­ne Über­sicht über die ge­bräuch­li­chen Va­ri­an­ten der Di­cho­to­mie in die­sem Zu­sam­men­hang gibt [Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.
    : S.84.
  3. ↑ Vgl. exem­pla­risch da­zu Ma­rei­ke Giert­lers Ana­ly­sen zu Kaf­ka-Edi­ti­o­nen [Giertler 2011a]Giertler, Mareike (2011): Lesen als Akt des Sehens der Schrift – Am Beispiel von Kafkas Betrachtungen im Erstdruck. Sprache und Literatur, 42, 107.
    Nicht angezeigt: Themenheft <em>«Schriftbildlichkeit»</em>, hg. von Sybille Krämer und Mareike Giertler
    .
Literatur
[Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.[Erlbaugh 2002a]Erbaugh, Mary S. (Hg.) (2002): Difficult Characters: Interdisciplinary Studies of Chinese and Japanese Writing. National East Asian Language Resource Center, Columbus, Ohio.[Giertler 2011a]Giertler, Mareike (2011): Lesen als Akt des Sehens der Schrift – Am Beispiel von Kafkas Betrachtungen im Erstdruck. Sprache und Literatur, 42, 107.[Grube et al. 2005a]Grube, Gernot; Kogge, Werner & Krämer, Sybille (Hg.) (2005): Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.[Krämer & Giertler 2011a]Krämer, Sybille & Giertler, Mareike (Hg.) (2011): Schriftbildlichkeit. W. Fink, Paderborn.[Krämer 2003a]Krämer, Sybille (2003): “Schriftbildlichkeit” oder: Über eine (fast) vergessene Dimension der Schrift. In: Krämer, S. & Bredekamp, H. (Hg.), Bild, Schrift, Zahl. Fink, München.[Krämer 2005a]Krämer, Sybille (2005): “Operationsraum Schrift”: Über einen Perspektivenwechsel in der Betrachtung der Schrift. In: Grube, G.; Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.[Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.[Krämer et al. 2012a]Krämer, Sybille; Cancik-Kirschbaum, Eva & Totzke, Rainer (Hg.) (2012): Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Leibniz 1966a]Leibniz, Gottfried Wilhelm (1966): Zur allgemeinen Charakteristik. Hauptschriften zur Grundlegung der Philosophie. Philosophische Werke Band 1. Meiner, Hamburg.[Seidlmayer 2011a]Seidlmayer, Stephan Johannes (2011): Ägyptische Hieroglyphen zwischen Schrift und Bild. In: Krämer, S.; Cancik-Kirschbaum, E. & Totzke, R. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Wahrnehmbarkeit, Materialität und Operativität von Notationen. Akademie, Berlin.[Strätling & Witte 2006a]Strätling, Susanne & Witte, Georg (Hg.) (2006): Die Sichtbarkeit der Schrift. Fink, München.

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Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Elisabeth Birk und Klaus Sachs-Hombach — (Hinweis)