Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem: Unterschied zwischen den Versionen
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Es gibt viele | Es gibt viele unterschied­liche Verwen­dungswei­sen des Ausdrucks ‘Zeichen’,<ref>Vgl. et­wa [http://de.wikipedia.org/wiki/Zeichen Wi­ki­pe­dia: Zei­chen].</ref> was seinen Einsatz in der Bild­philo­sophie kompli­ziert macht. Im Folgen­den soll nur auf die bild­philo­sophisch rele­vantes­ten Aspek­te der Zeichen­diskus­sion einge­gangen werden. | ||
==Kommunikative Interaktionen und | ==Kommunikative Interaktionen und Zeichen­handlun­gen== | ||
Von Kritikern wird den [[Bildsemiotik| | Von Kritikern wird den [[Bildsemiotik|semio­tischen Bild­theorien]] häufig vorge­worfen, dass in ihnen allein die [[Darstellung|Darstel­lungsfunk­tion]] eines Bildes fokus­siert werde. Medien­theore­tische Ansätze klagen seine kommu­nika­tiven Aspekte ein, während [[Phänomenologische Bildtheorien|wahrneh­mungstheo­reti­sche Posi­tionen]] die [[Symbol, Index, Ikon|Arbi­trari­tät und Konven­tiona­lität]] kriti­sieren, die sie unter­stellen, wenn Bilder als eine Art von Zeichen verstan­den werden. | ||
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Beide Kritiken richten sich an | Beide Kritiken richten sich an Zeichen­begrif­fen aus, die zwar in der “Vor- und Frühge­schichte” der Semio­tik häufi­ger verwen­det wurden: ‹Ein Ding, das für ein ande­res steht› bzw. ‹eine Vorstel­lung, die willkür­lich für eine ande­re Vorstel­lung eintritt›. Die damit umris­senen ''onto­logi­schen'' oder ''menta­listi­schen'' Zeichen­begrif­fe sind in der Tat wenig geeig­net, die charak­teris­tischen Eigen­heiten von Bildern zu erfas­sen. Doch spricht nichts gegen Zeichen­begrif­fe, die – nicht zuletzt in der Folge des ''[[linguistic turn|linguis­tic turn]]'' – aus einem weiten Kommu­nika­tionsbe­griff ''handlungs­theore­tisch'' ent­wickelt werden. Als eine solche Ausgangs­basis bietet sich etwa die Unter­scheidung zwischen [[Interaktion und Kommunikation|sachbe­zügli­chen und kommu­nika­tiven Inter­aktio­nen]] an. Zeichen­gebrauch wird damit als eine Handlung<ref>Vgl. [[Exkurs:Handlungen|Ex­kurs: Hand­lun­gen]].</ref> begrif­fen, die zwischen zwei Handlungs­subjek­ten stattfin­det.<ref>Das schließt nicht aus, dass die­se bei­den ''Rol­len'' des Hand­lungs­sche­mas von dem­sel­ben Sub­jekt ein­ge­nom­men wer­den kön­nen (⊳ [[Bildrezeption als Kommunikationsprozess|Bild­re­zep­ti­on als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zess]]). Al­ler­dings gilt das nicht für je­de kom­mu­ni­ka­ti­ve In­ter­ak­ti­on.</ref> Die Rollen dieser beiden Agen­ten werden meist als ‘Sender’ und ‘Empfän­ger’ (oder auch ‘Produ­zent’ und ‘Rezi­pient’) bezeich­net. Die Pointe der kommu­nika­tiven Inter­aktio­nen liegt darin, dass sich hier der Sender an den Empfän­ger richtet, indem er sich selbst in beson­derer Weise darstellt. In dieser Selbstdar­stellung (Osten­tion) wird für den Empfän­ger etwas Drittes erkenn­bar – das Darge­stellte, bei dem es sich etwa auch um einen fikti­ven Sachver­halt handeln kann, den wahrzu­nehmen der Sender sich darstellt. Es ist offen­sichtlich, dass ein auf diesen verschach­telten Handlungs­typus gegrün­deter Zeichen­begriff sehr viel komple­xer ist, als der unmit­telbar an der Darstel­lungsfunk­tion orien­tierte der frühen Semio­tik. | ||
===Anzeichen und | ===Anzeichen und Signa­le=== | ||
Zum einen fällt auf, dass der | Zum einen fällt auf, dass der handlungs­theore­tische Kommu­nika­tionsbe­griff ''Anzei­chen'' (Sympto­me) nicht mehr ohne weite­res als Zeichen zu verste­hen erlaubt. Zwar ist es möglich, Anzei­chen als Zeichen für das sie verur­sachen­de Phäno­men zu verwen­den, doch muss dann zumindest die entspre­chende Selbstdar­stellung eines Senders in einer kommu­nika­tiven Inter­aktion hinzu­treten (⊳ [["natürliche" Bilder|“natür­liche” Bilder]]). Beispiels­weise ist nämlich Rauch, obzwar ein Symptom von Feuer, als solcher noch kein Zeichen für Feuer; er kann aber von jeman­dem in einer kommu­nika­tiven Inter­aktion dafür verwen­det werden, den Empfän­ger auf Feuer aufmerk­sam zu machen.<ref>Und zwar, in­dem der Sen­der sich selbst i.w. dem Emp­fän­ger ge­gen­über (oder auch sich selbst ge­gen­über) dar­stellt als ei­ner, der Rauch als An­zei­chen für Feu­er nimmt.</ref> Das Problem der Auffas­sung, dass Anzei­chen eine Art von Zeichen seien, besteht also im Wesent­lichen darin, dass sie (in der Regel) keine kommu­nika­tiven Inter­aktio­nen sind und ihnen die entspre­chenden Handlungs­subjek­te – Sender und Empfän­ger – fehlen. | ||
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Das gilt für (tierische) ''Signale'' nicht.<ref>Wie bei den | Das gilt für (tierische) ''Signale'' nicht.<ref>Wie bei den meis­ten Aus­drü­cken in die­sem Zu­sam­men­hang wird auch ‘Sig­nal’ mit vie­len ver­schie­de­nen sich teil­wei­se über­schnei­den­den Be­deu­tun­gen ver­wen­det. Hier ist der im en­ge­ren Sin­ne etho­lo­gi­sche Sig­nal­be­griff ge­meint (et­wa im Zu­sam­men­hang von »Aus­drucks­be­we­gung«, vgl. <bib id='Eibl-Eibesfeldt 1974a'>Eibl-Ei­bes­feldt 1974a</bib>). Zu be­ach­ten ist, dass der in der ''Bio­lo­gie'' häu­fig auf­tre­ten­de all­ge­mei­ne­re Sig­nal­be­griff, nach dem et­wa Bo­ten­stof­fe, die von Pflan­zen auf­grund von In­sek­ten­frass aus­ge­stos­sen wer­den und Nach­bar­pflan­zen zur Pro­duk­ti­on ent­spre­chen­der Schutz­stof­fe an­re­gen, als Sig­na­le gel­ten, hier nicht ad­äquat wä­re: Es han­delt sich hier­bei zwar um Ver­hal­ten (im en­ge­ren Sin­ne), aber nicht um Hand­lun­gen (im wei­ten Sinn). Da­her kann hier auch kei­nes­falls von kom­mu­ni­ka­ti­ven In­ter­ak­ti­o­nen die Re­de sein. Ähn­li­ches gilt für tech­ni­sche Sig­nal­be­grif­fe (vgl. <bib id='Shannon & Weaver 1949a'>Shan­non & Wea­ver 1949a</bib>). </ref> Der Warnschrei eines Affen vor einem Raubtier, die pulsie­rende Färbung eines Kraken vor einem Geschlechts­partner oder das Fletschen der Zähne eines Hundes einem ihn ärgern­den Kind gegen­über sind zweifels­frei Fälle von kommu­nika­tiver Inter­aktion mit der dafür charak­teris­tischen Selbstdar­stellung des Senders. Gleichwohl sollen sie nicht als Instan­zen von Zeichen gelten. Der Grund liegt darin, dass die dabei zu beobach­tende Selbstdar­stellung nur für den ''Beobach­ter'' den Zweck der Kommu­nika­tion erfüllt; für den ''Handeln­den selbst'' ist dieser Zweck (noch) nicht zugäng­lich. | ||
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Aus diesem Grund auch lässt sich bei | Aus diesem Grund auch lässt sich bei Signa­len stets die Sender­bedeu­tung von der Empfän­gerbe­deutung unter­scheiden: Im dafür ange­setzten beha­vioris­tischen Bedeu­tungsbe­griff ist erste­re durch die (von einem Beobach­ter als solche genom­menen inne­ren und äuße­ren) Voraus­setzun­gen gege­ben, die für den Sender vorlie­gen müssen, dass er das Signal äußert, während letzte­re den durch den Empfang des Signals (in den Augen des Beobach­ters) ausge­lösten Akti­vitä­ten entspricht. Für Zeichen soll hinge­gen gelten, dass ihre Bedeu­tung für Sender und Empfän­ger selbst ''diesel­be'' ist.<ref>Das gilt un­be­scha­det der Mög­lich­keit von über die ge­teil­te Kern­be­deu­tung hi­n­aus­ge­hen­den dif­fe­rie­ren­den Kon­no­ta­ti­o­nen.</ref> | ||
===Zeichenhandlungen und die | ===Zeichenhandlungen und die kommu­nika­tive Inten­tion=== | ||
[[Datei:Hierarchie Zeichen.jpg|thumb| | [[Datei:Hierarchie Zeichen.jpg|thumb|Ab­bil­dung 1: Hi­e­r­ar­chi­sche Ein­bet­tung des Zei­chen­be­griffs in die Hand­lungs­be­grif­fe und ihr Um­feld]] | ||
Zei­chen­hand­lun­gen un­ter­schei­den sich von an­de­ren kom­mu­ni­ka­ti­ven In­ter­ak­ti­o­nen (ins­be­son­de­re Sig­na­len) da­durch, dass sie von den be­tei­lig­ten Hand­lungs­sub­jek­ten mit ''Ein­sicht in ih­ren Zweck'' ver­wen­det wer­den. Sen­der und Emp­fän­ger kom­mu­ni­zie­ren al­so nicht ein­fach nur mit­ein­an­der, in­dem sie et­wa ei­nem er­lern­ten Hand­lungs­mus­ter fol­gen (‹in der und der Si­tu­a­ti­on: tue dies!›), wo­bei der ei­gent­li­che Zweck der (Ge­samt-)Hand­lun­gen nur ei­nem ex­ter­nen Be­o­bach­ter klar ist. Sie tun das viel­mehr im ei­ge­nen Be­wusst­sein des da­mit ver­folg­ten Ziels der Ver­stän­di­gung mit ei­nem (auch vor­ge­stell­ten) an­de­ren (‹tue dies, um dich mit dem an­de­ren zu ko­or­di­nie­ren›). Zeichen­handlun­gen sind also genau die kommu­nika­tiven Inter­akti­onen, die zugleich ''Handlun­gen im enge­ren Sinn'' sind.<ref>Vgl. wie­de­rum [[Exkurs:Handlungen|Ex­kurs: Hand­lun­gen]].</ref> | |||
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Ein Zeichenhandelnder stellt sich damit einem | Ein Zeichenhandelnder stellt sich damit einem ande­ren gegen­über (oder sich selbst in der Rolle des Rezi­pienten) stets insbe­sonde­re dar als ein Wesen, das eine kommu­nika­tive Inter­aktion mit diesem Gegen­über durchführt: Der Produ­zent stellt sich also dar als einer, ''der sich darstellt als einer, der sich einer bestimm­ten Situ­ation gegen­über sieht'' (die kursi­ve Passa­ge arti­kuliert genau das Sender­verhal­ten bei kommu­nika­tiven Inter­aktio­nen ganz allge­mein). Ana­loges gilt für den Rezi­pienten, der sich darstellt als einer, ''der an einer kommu­nika­tiven Inter­aktion verste­hend teilnimmt''. Während bei signal­haften kommu­nika­tiven Inter­aktio­nen der rezep­tive Teilneh­mer keine Osten­tation zu vollzie­hen braucht, ändert sich eben das bei Zeichen­handlun­gen. Indem die Osten­tation auf diese zweifa­che Weise verdop­pelt wird, eröff­net sich für die Handeln­den selbst die Möglich­keit, die produ­zenten­seiti­ge Bedeu­tung und die rezi­pienten­seiti­ge Bedeu­tung aufein­ander zu bezie­hen und damit letzt­lich: sie zu einer einzi­gen, kontrol­liert geteil­ten Bedeu­tung zu verein­heitli­chen. Eben das bildet die Grundl­age dafür, dass sich bei Zeichen ein von ande­ren Kompo­nenten der Zeichen­handlung sepa­rierba­rer [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Sachbe­zug]] festle­gen lässt.<ref>Es soll­te klar sein, dass zum ei­nen Sig­na­le ganz zwang­los als ''Teil­hand­lun­gen'' in Zei­chen­ver­wen­dun­gen vor­kom­men kön­nen, und dass zum an­de­ren auch An­zei­chen, so­fern sie nur schon in ei­nem Sig­nal ei­ne Rol­le spie­len, oh­ne wei­te­res auch in ei­ne Zei­chen­hand­lung ein­ge­bun­den sein kön­nen: Das ''be­wusst ver­wen­de­te'' (vor­ge­führ­te) Sig­nal wird zum Zei­chen, wie auch das ''be­wusst zur Kom­mu­ni­ka­ti­on be­nutz­te'' An­zei­chen. </ref> | ||
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[[Datei:Semiotisches Dreieck.jpg|thumb| | [[Datei:Semiotisches Dreieck.jpg|thumb|Ab­bil­dung 2: Das tra­di­ti­o­nel­le se­mi­o­ti­sche Drei­eck nach <bib id='Richards & Ogden 1923a'>Ri­chards & Og­den 1923a</bib> (hier in der Fas­sung von <bib id='Bußmann 1983a'>Buß­mann 1983a</bib>)]] | ||
Umgekehrt öffnet die gemeinsame und separierte Bedeutung den Blick auch für den rein physischen Aspekt der Zeichenhandlung: den ''Zeichenträger''. Erst in dieser komplexen Handlungskonstellation macht das ''semiotische Dreieck'' als für die Handelnden selbst unterscheidbare Organisation von Aspekten einer entsprechenden Handlungsausführung Sinn: der Zeichenträger als Bezeichnendes (Abb. 2: „Symbol“), der Sachbezug als Bezeichnetes („Referent“) und der beides allererst zusammenbindende Vollzug einer (elementareren) kommunikativen Interaktion (in den Standardfassungen des semiotischen Dreiecks meist verkürzt zu „Gedanke/Bezug“).<ref>Zu den verschiedenen Ausformungen des semiotischen Dreiecks seit seiner Einführung in <bib id='Richards & Ogden 1923a'></bib> sowie den diversen Ausweitungen (z.B. ein Viereck bei der Ecole de Paris) oder Reduktionen (etwa das bipolares Zeichenkonzept bei Saussure) vgl. <bib id='Eco 1977a'></bib> und <bib id='Trabant 1996a'></bib>, sowie [http://www.hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/sa/SEMIOTISCHES%20DREIECK%20%20Tri%C3%A1ngulo%20sem%C3%A1ntico%20o%20semi%C3%B3tico.htm Justo Fernández López’ Zusammenstellung zu »Semiotisches Dreieck/Triángulo semántico o semiótico«] und [http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotisches_Dreieck Wikipedia: Semiotiches Dreieck]. </ref> | Umgekehrt öffnet die gemeinsame und separierte Bedeutung den Blick auch für den rein physischen Aspekt der Zeichenhandlung: den ''Zeichenträger''. Erst in dieser komplexen Handlungskonstellation macht das ''semiotische Dreieck'' als für die Handelnden selbst unterscheidbare Organisation von Aspekten einer entsprechenden Handlungsausführung Sinn: der Zeichenträger als Bezeichnendes (Abb. 2: „Symbol“), der Sachbezug als Bezeichnetes („Referent“) und der beides allererst zusammenbindende Vollzug einer (elementareren) kommunikativen Interaktion (in den Standardfassungen des semiotischen Dreiecks meist verkürzt zu „Gedanke/Bezug“).<ref>Zu den verschiedenen Ausformungen des semiotischen Dreiecks seit seiner Einführung in <bib id='Richards & Ogden 1923a'></bib> sowie den diversen Ausweitungen (z.B. ein Viereck bei der Ecole de Paris) oder Reduktionen (etwa das bipolares Zeichenkonzept bei Saussure) vgl. <bib id='Eco 1977a'></bib> und <bib id='Trabant 1996a'></bib>, sowie [http://www.hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/sa/SEMIOTISCHES%20DREIECK%20%20Tri%C3%A1ngulo%20sem%C3%A1ntico%20o%20semi%C3%B3tico.htm Justo Fernández López’ Zusammenstellung zu »Semiotisches Dreieck/Triángulo semántico o semiótico«] und [http://de.wikipedia.org/wiki/Semiotisches_Dreieck Wikipedia: Semiotiches Dreieck]. </ref> | ||
Version vom 6. Oktober 2013, 10:08 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
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Es gibt viele unterschiedliche Verwendungsweisen des Ausdrucks ‘Zeichen’,[1] was seinen Einsatz in der Bildphilosophie kompliziert macht. Im Folgenden soll nur auf die bildphilosophisch relevantesten Aspekte der Zeichendiskussion eingegangen werden.
Kommunikative Interaktionen und ZeichenhandlungenVon Kritikern wird den semiotischen Bildtheorien häufig vorgeworfen, dass in ihnen allein die Darstellungsfunktion eines Bildes fokussiert werde. Medientheoretische Ansätze klagen seine kommunikativen Aspekte ein, während wahrnehmungstheoretische Positionen die Arbitrarität und Konventionalität kritisieren, die sie unterstellen, wenn Bilder als eine Art von Zeichen verstanden werden. Beide Kritiken richten sich an Zeichenbegriffen aus, die zwar in der “Vor- und Frühgeschichte” der Semiotik häufiger verwendet wurden: ‹Ein Ding, das für ein anderes steht› bzw. ‹eine Vorstellung, die willkürlich für eine andere Vorstellung eintritt›. Die damit umrissenen ontologischen oder mentalistischen Zeichenbegriffe sind in der Tat wenig geeignet, die charakteristischen Eigenheiten von Bildern zu erfassen. Doch spricht nichts gegen Zeichenbegriffe, die – nicht zuletzt in der Folge des linguistic turn – aus einem weiten Kommunikationsbegriff handlungstheoretisch entwickelt werden. Als eine solche Ausgangsbasis bietet sich etwa die Unterscheidung zwischen sachbezüglichen und kommunikativen Interaktionen an. Zeichengebrauch wird damit als eine Handlung[2] begriffen, die zwischen zwei Handlungssubjekten stattfindet.[3] Die Rollen dieser beiden Agenten werden meist als ‘Sender’ und ‘Empfänger’ (oder auch ‘Produzent’ und ‘Rezipient’) bezeichnet. Die Pointe der kommunikativen Interaktionen liegt darin, dass sich hier der Sender an den Empfänger richtet, indem er sich selbst in besonderer Weise darstellt. In dieser Selbstdarstellung (Ostention) wird für den Empfänger etwas Drittes erkennbar – das Dargestellte, bei dem es sich etwa auch um einen fiktiven Sachverhalt handeln kann, den wahrzunehmen der Sender sich darstellt. Es ist offensichtlich, dass ein auf diesen verschachtelten Handlungstypus gegründeter Zeichenbegriff sehr viel komplexer ist, als der unmittelbar an der Darstellungsfunktion orientierte der frühen Semiotik. Anzeichen und SignaleZum einen fällt auf, dass der handlungstheoretische Kommunikationsbegriff Anzeichen (Symptome) nicht mehr ohne weiteres als Zeichen zu verstehen erlaubt. Zwar ist es möglich, Anzeichen als Zeichen für das sie verursachende Phänomen zu verwenden, doch muss dann zumindest die entsprechende Selbstdarstellung eines Senders in einer kommunikativen Interaktion hinzutreten (⊳ “natürliche” Bilder). Beispielsweise ist nämlich Rauch, obzwar ein Symptom von Feuer, als solcher noch kein Zeichen für Feuer; er kann aber von jemandem in einer kommunikativen Interaktion dafür verwendet werden, den Empfänger auf Feuer aufmerksam zu machen.[4] Das Problem der Auffassung, dass Anzeichen eine Art von Zeichen seien, besteht also im Wesentlichen darin, dass sie (in der Regel) keine kommunikativen Interaktionen sind und ihnen die entsprechenden Handlungssubjekte – Sender und Empfänger – fehlen. Das gilt für (tierische) Signale nicht.[5] Der Warnschrei eines Affen vor einem Raubtier, die pulsierende Färbung eines Kraken vor einem Geschlechtspartner oder das Fletschen der Zähne eines Hundes einem ihn ärgernden Kind gegenüber sind zweifelsfrei Fälle von kommunikativer Interaktion mit der dafür charakteristischen Selbstdarstellung des Senders. Gleichwohl sollen sie nicht als Instanzen von Zeichen gelten. Der Grund liegt darin, dass die dabei zu beobachtende Selbstdarstellung nur für den Beobachter den Zweck der Kommunikation erfüllt; für den Handelnden selbst ist dieser Zweck (noch) nicht zugänglich. Aus diesem Grund auch lässt sich bei Signalen stets die Senderbedeutung von der Empfängerbedeutung unterscheiden: Im dafür angesetzten behavioristischen Bedeutungsbegriff ist erstere durch die (von einem Beobachter als solche genommenen inneren und äußeren) Voraussetzungen gegeben, die für den Sender vorliegen müssen, dass er das Signal äußert, während letztere den durch den Empfang des Signals (in den Augen des Beobachters) ausgelösten Aktivitäten entspricht. Für Zeichen soll hingegen gelten, dass ihre Bedeutung für Sender und Empfänger selbst dieselbe ist.[6] Zeichenhandlungen und die kommunikative IntentionZeichenhandlungen unterscheiden sich von anderen kommunikativen Interaktionen (insbesondere Signalen) dadurch, dass sie von den beteiligten Handlungssubjekten mit Einsicht in ihren Zweck verwendet werden. Sender und Empfänger kommunizieren also nicht einfach nur miteinander, indem sie etwa einem erlernten Handlungsmuster folgen (‹in der und der Situation: tue dies!›), wobei der eigentliche Zweck der (Gesamt-)Handlungen nur einem externen Beobachter klar ist. Sie tun das vielmehr im eigenen Bewusstsein des damit verfolgten Ziels der Verständigung mit einem (auch vorgestellten) anderen (‹tue dies, um dich mit dem anderen zu koordinieren›). Zeichenhandlungen sind also genau die kommunikativen Interaktionen, die zugleich Handlungen im engeren Sinn sind.[7] Ein Zeichenhandelnder stellt sich damit einem anderen gegenüber (oder sich selbst in der Rolle des Rezipienten) stets insbesondere dar als ein Wesen, das eine kommunikative Interaktion mit diesem Gegenüber durchführt: Der Produzent stellt sich also dar als einer, der sich darstellt als einer, der sich einer bestimmten Situation gegenüber sieht (die kursive Passage artikuliert genau das Senderverhalten bei kommunikativen Interaktionen ganz allgemein). Analoges gilt für den Rezipienten, der sich darstellt als einer, der an einer kommunikativen Interaktion verstehend teilnimmt. Während bei signalhaften kommunikativen Interaktionen der rezeptive Teilnehmer keine Ostentation zu vollziehen braucht, ändert sich eben das bei Zeichenhandlungen. Indem die Ostentation auf diese zweifache Weise verdoppelt wird, eröffnet sich für die Handelnden selbst die Möglichkeit, die produzentenseitige Bedeutung und die rezipientenseitige Bedeutung aufeinander zu beziehen und damit letztlich: sie zu einer einzigen, kontrolliert geteilten Bedeutung zu vereinheitlichen. Eben das bildet die Grundlage dafür, dass sich bei Zeichen ein von anderen Komponenten der Zeichenhandlung separierbarer Sachbezug festlegen lässt.[8] (hier in der Fassung von [Bußmann 1983a]Bußmann, Hadumod (1983): Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart. ) Umgekehrt öffnet die gemeinsame und separierte Bedeutung den Blick auch für den rein physischen Aspekt der Zeichenhandlung: den Zeichenträger. Erst in dieser komplexen Handlungskonstellation macht das semiotische Dreieck als für die Handelnden selbst unterscheidbare Organisation von Aspekten einer entsprechenden Handlungsausführung Sinn: der Zeichenträger als Bezeichnendes (Abb. 2: „Symbol“), der Sachbezug als Bezeichnetes („Referent“) und der beides allererst zusammenbindende Vollzug einer (elementareren) kommunikativen Interaktion (in den Standardfassungen des semiotischen Dreiecks meist verkürzt zu „Gedanke/Bezug“).[9] Regeln und Gewohnheiten: ZeichensystemeIm Gegensatz zum einfachen Ausführen von elementaren Kommunikationshandlungen werden mit dem Zeigen solcher Handlungen die entsprechenden Teilhandlungen und ihr Zusammenspiel zumindest partiell den Kommunizierenden selbst bewusst.[10] Das heißt insbesondere, dass sie dem Zeichenhandelnden als jeweils eine von verschiedenen Alternativen erscheinen, zwischen denen er sich entscheiden kann – und zwischen denen entscheiden zu können er auch dem Kommunikationspartner unterstellt. Die Zeichenhandlung ist damit eine Kommunikationshandlung, die als Teil eines ganzen Systems möglicher Varianten zu verstehen ist: Sie ist ein Element eines Zeichensystems. Zwar bilden auch Signale durchaus Systeme von Alternativen: Die Warnschreie bestimmter Primaten (wie auch die Reaktionen darauf) sind etwa nach dem gesichteten Feind differenziert – Leopard, Adler oder Python. Was für einen ethologischen Beobachter schnell als Zusammenhang zwischen verschiedenen, alternativen Signalausprägungen eines gemeinsamen Schemas herauszufinden ist, kann gleichwohl von nicht-zeichenverwendenden Tieren noch nicht in einen regelhaften Zusammenhang gebracht werden, da sie sich jeweils nur auf die aktuelle Situation und die darin vorzuführende auf einen Fall beschränkte Selbstdarstellung beziehen können. Die zu beobachtenden Regelmäßigkeiten sind Gewohnheiten, die nicht wie Regeln durch wechselseitige (d.h. interindividuelle) Abstimmungen der Handelnden selbst kontrolliert werden und sich in ihren Ausprägungen nur “hinter dem Rücken der Akteure” (etwa durch evolutionäre Prozesse) verändern. Erst mit der Kompetenz zu Zeichenhandlungen gewinnen die Handelnden auch die Fähigkeit, diese Gewohnheiten miteinander abzustimmen, sie zu echten Regeln umzuformen. Der Umfang alternativer Zeichenhandlungen, die ein Zeichensystem bilden, ist daher durch Regeln bestimmt: Die Alternativen können dabei auf der syntaktischen, der semantischen oder der pragmatischen Ebene auftreten.[11]
‘Zeichen’ als »Zeichenträger« und als »Zeichenhandlungsschemata«Umgangssprachlicher ZeichenbegriffIn der Umgangssprache wird mit dem Ausdruck ‘Zeichen’ häufig auf den Zeichenträger als einem von der Zeichenhandlung abtrennbaren Gegenstand hingewiesen. Das geschieht besonders häufig, wenn der Zeichenträger außerhalb seiner Zeichenfunktion verwendet wird: ‘Stelle das Plakat hinter das Halteverbotszeichen!’ (statt ‘Schild’) Allerdings wird diese außer-semiotische Verwendungsweise oft auch als Basis für den alltagsprachlichen Zeichenbegriff genutzt, der damit als ein unilateraler Zeichenbegriff bestimmt werden kann, bei dem das Zeichen nur über die Eigenschaften eines einzigen Gegenstandes (des Zeichenträgers) charakterisiert wird. Ein solcher unilateraler Bildbegriff liegt gelegentlich auch medieninformatischen Darstellungen zugrunde: Die digitale Kodierung von Bildern in einer Bilddatei (beispielsweise als jpg oder tiff), welche üblicherweise von Informatikern einfach als ‘Bild’ bezeichnet wird, ist tatsächlich lediglich eine Beschreibung von syntaktischen Elemente des eigentlichen Bildzeichens, das Datei-Format eine Notation nur für Bildträger. Diese Betrachtungsweise verschleiert allerdings den Blick darauf, dass (1) eine weitere Entität – das, was bezeichnet wird – eine den Gegenstand als Zeichen bestimmende Rolle spielt, und dass darüber hinaus (2) diese Bedeutungsbeziehung sich nur in einem bestimmten Handlungsrahmen – nämlich einer Kommunikation – instantiieren lässt, so dass zwei weitere Rollen (‘Sender’ und ‘Empfänger’) ebenfalls zur Definition des Zeichenbegriffs notwendig gehören. Bilaterale und multilaterale ZeichenbegriffeBilaterale (oder dyadische) Zeichenbegriffe, wie etwa der von Saussure ([Saussure 1916a]Saussure, Ferdinand de (1916): Cours de linguistique générale. Payot, Paris. Bei multilateralen Zeichenbegriffen, wie sie etwas von Bühler ([Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart. Handlungstheoretischer ZeichenbegriffBühler und Peirce entwickeln zwar einen bereits dezidiert auf Handlung ausgerichteten Zeichenbegriff. Doch bleiben sie bei dessen Ausarbeitung noch stark an der semiotischen Tradition des bilateralen Zeichenbegriffs orientiert: So ist etwa der Interpretant eines Zeichens bei Peirce zunächst eine Art mentales Zeichen, das der Zeichennutzer zur Interpretation des “äußeren” Zeichens erzeugt (und zu dessen Interpretation er jeweils weitere Interpretanten hinzuzieht). Die Kette der Interpretanten führe schließlich zum „ultimate logical interpretant“, den Kuno Lorenz als Änderung einer Verhaltensgewohnheit – „habit change“ – interpretiert ([Lorenz 1990a]Lorenz, Kuno (1990): Einführung in die philosophische Anthropologie. WBG, Darmstadt. Nun steht Lorenz in der Tradition des Erlanger Konstruktivismus von Kamlah und Lorenzen, der in der Folge des linguistic turns und der handlungstheoretischen Umdeutung psychischer Phänomene bei Mead, Wittgenstein, v. Holst u.a. einen weniger mentalistischen Zeichenbegriff aus dem Begriff der Zeichenhandlung entwickelt hat. Fokussiert wird dabei nicht der Zeichenträger, der etwas bedeutet, indem er in einer speziellen Form von Handlung benutzt wird, sondern das, was als allen Ausführungen einer Art von Zeichenhandlungen (allen „Aktualisierungen“ dieses Typs) gemein bestimmt wird: Ein Zeichen im Sinne von Kamlah, Lorenzen und auch Lorenz ist das Handlungsschema einer Zeigehandlung (= Vorführhandlung, d.h. das Schema einer bewussten kommunikativen Interaktion; [Kamlah & Lorenzen 1973a]Kamlah, Wilhelm & Lorenzen, Paul (1973): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. BI Wissenschaftsverlag, München. Das Beziehungsgeflecht zwischen einer Zeichenhandlung und ihren Teilhandlungen einerseits und den kontextuellen Aktivitäten (insbesondere die jeweils dabei vorausgesetzten Vorbereitungshandlungen und die verursachten Folgehandlungen) andererseits werden auf diese Weise wesentlich unmittelbarer in den Fokus der semiotischen Betrachtung gerückt. Es geht nicht um materielle Gegenstände, sondern um äußerst komplexe Formen von Interaktionen. Dieses Vorgehen trägt daher auch der Eigentümlichkeit bestimmter Zeichenhandlungen Rechnung, bei denen der Zeichenträger gar kein von der Zeichenverwendung separierbarer Gegenstand ist: Wenn etwa ein Fahrradfahrer an einer Kreuzung mit der linken Hand Wedelbewegungen ausführt, um den anderen Verkehrsteilnehmern zu verstehen zu geben, dass er beabsichtigt, nach links abzubiegen - dann ist das durchaus ein klarer Fall von Zeichenverwendung. Gleichwohl ist es hier schwierig, den Zeichenträger unabhängig von der Zeichenhandlung überhaupt zu bestimmen. Abtrennbare und insbesondere als solche über die eigentlichen Zeichenteilhandlung hinaus bestehende (d.h. persistente) Zeichenträger werden entsprechend nicht einfach ‘Zeichen’ genannt – auch nicht abkürzend – sondern als ‘Marken’ bezeichnet.[13] Eine Marke kann dem Empfänger als Symptom für die vorgängige produzentenseitigen Teilhandlungen dienen, die er sich vorstellt und nun durch die entsprechenden rezipientenseitigen Teilhandlungen zu einer Zeichenhandlung vervollständigen kann: Er stellt sich anhand des vorliegenden Gegenstandes sich selber gegenüber dar als einer, der an einer kommunikativen Interaktion unter Beteiligung der Marke in Gegenwart eines vorgestellten Senders verstehend teilnimmt.
Sprachliche ZeichenSicherlich ist Sprache das am besten untersuchte Zeichensystem.[14] Die Struktur sprachlicher Zeichen hat entsprechend die Begrifflichkeit der Zeichentheorie stark geprägt. Kritiker des semiotischen Bildbegriffs äußern in der Folge gelegentlich die Befürchtung, dass eine dezidiert am Zeichenbegriff ausgerichtete Bildtheorie zu sprachlastig operiere und dadurch die Unterschiede, die zwischen Bild und Wort bestehen, nicht hinreichend beachtet würden (⊳ Ikonische Differenz). Allerdings ist weder der Ausdruck ‘Zeichen’ synonym mit ‘sprachliche Zeichen’ noch der Terminus ‘Zeichensystem’ mit ‘Zeichensprache’. Sprachliche Zeichen sind auch nicht dasselbe wie Sprache(n) im Sinne der Linguistik, die sich semiotisch eher als Wort/Satz-sprachliche Zeichensysteme (s.u.) charakterisieren lassen. Verallgemeinerter Sprachbegriff und nicht-sprachliche ZeichensystemeGegenüber dem primär an der Linguistik ausgerichteten (engen) Sprachbegriff kann eine allgemeinere semiotische Unterscheidung ins Feld geführt werden, die darauf beruht, dass die Zeichen eines Zeichensystems sich – in einem weiten Sinne – syntaktisch gliedern lassen: Die zugehörigen Zeichenhandlungsschemata bestehen aus Teilen, die in unterschiedlichen Kombinationen verschiedene Zeichen des Systems konstituieren (siehe nochmals Abb. 1). Bei nicht-sprachlichen Zeichensystemen liegt mithin keine solche Gliederung vor. Das System besitzt keine Morphologie, mit deren Hilfe sich die einzelnen Zeichen bereits anhand von Eigenschaften des Zeichenträgers alleine (d.h. rein syntaktisch) sinnvoll semiotisch zueinander in Beziehung setzen ließen.[15] Für sprachliche Zeichensysteme muss sich hingegen eine Morphologie angeben lassen. Nicht gefordert ist für sprachliche Zeichensysteme (Zeichensprachen), dass die Teile selbst wiederum Zeichen sein müssen, wie es bei der Relation zwischen Wort und Satz der Fall wäre. Betrachten wir daher zunächst den Fall der Zeichensysteme, bei denen die Zeichenteile generell keine Zeichen sind – genauer formuliert: keine der Teilhandlungen, die die Zeichenhandlungschemata eines solchen Zeichensystems konstituieren, ist bereits eine Zeichenhandlung. Im Gegensatz zu den nicht-sprachlichen Zeichensystemen lässt sich also eine syntaktische Gliederung der Zeichensprache angeben, die aber noch nicht der Kombination von Wörtern zu Sätzen entspricht, sondern, um ein linguistisches Analogon zu bemühen, eher der Zusammensetzung von (nicht eigenständig verwendbaren) Morphemen zu Wörtern. Als Beispiel mag das dem »Fährten lesen« zugrunde liegende Zeichensystem dienen. Die Zeichen dieses Systems unterscheiden sich als Interpretation der Variationen von Eigenschaften der Abdrücke (etc.) und ihrer Teile: So mag etwa der Grad der Verwischung der Kanten im Zusammenhang mit anderen Eigenheiten als Altersindiz dienen.[16] Dabei ist aber das Erkennen von “Verwischtheit” noch kein eigenständiges Zeichen, das innerhalb des Systems losgelöst von anderen Zeichenkomponenten verwendet werden könnte. Gleichwohl bestimmt es gemeinsam mit den anderen relevanten Dimensionen die Morphologie der Zeichen dieses Systems. Wort/Satz-sprachliche Zeichensysteme: Sprachen im engeren SinnVon den allgemeinen Zeichensprachen ist die Klasse der Wort/Satz-sprachlichen Zeichensysteme zu differenzieren. Diese verfügen über eine syntaktische Gliederung im engen Sinn, insofern die Teilhandlungen, die ein Zeichen dieser Systeme bilden, zum Teil selber bereits Zeichen sind: nämlich Wörter, die Sätze bilden. Dadurch wird die Unterscheidung zwischen Wörtern und Sätzen überhaupt erst möglich und damit eine über reine Morphologie hinausgehende kombinative Syntax etwa im Sinne von Chomsky ([Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag. Die Festlegung der Begriffe »Wort« und »Satz« ist in Linguistik und Semiotik umstritten:[17] Das liegt nicht zuletzt an den dabei zumeist betrachteten bi- und multilateralen Bildbegriffen, die kaum Kriterien für eine Unterscheidung zwischen nur morphologisch organisierten und im engeren Sinn syntaktisch organisierten Sprachzeichensystemen bereitstellen. Handlungstheoretisch betrachtet liegt es hingegen durchaus nahe,
Die Pointe satzsprachlicher Zeichensystem besteht mithin darin, dass nicht nur die Gesamtzeichenhandlung (der Satz) in Form und Gebrauch an Regeln ausgerichtet wird, sondern bereits Form und Gebrauch der Teilzeichenhandlungen (der Wörter) jeweils vollständig an Regeln orientiert sind. Die korrekte (syntaktische) Form und der richtige (pragmatische) Gebrauch der Sätze (und damit auch ihre Bedeutungen) lassen sich dann bei Bedarf kompositional aus den morphologischen, semantischen und pragmatischen Eigenschaften der Wörter ableiten. Analoge Argumentationen fehlen für einfache Zeichensprachen. Die massive Komplexitätssteigerung, die mit dem Gebrauch von Teilzeichenhandlungen verbunden ist, macht sich mit einer außerordentlich erhöhten Flexibilität dieser Sprachsysteme bezahlt.[18] Propositionale und explizit performative ZeichenhandlungenZwar sind wort/satzsprachliche Zeichenhandlungen noch nicht hinreichend zur Artikulation eines expliziten Sachbezugs. Ein solcher entfaltet sich erst mit propositionalen Sprachzeichenhandlungen. Allerdings ist die echte syntaktische Gliederung des Zeichensystems eine notwendige Voraussetzung für letztere, denn die für die Proposition charakteristischen Teilhandlungen – Prädikation, Nomination und Kontextbildung – müssen als eigenständige Zeichenhandlungen mit je eigenen Interpretationsregeln auftreten. Erst dadurch ist es auch möglich, über nicht anwesende Sachverhalte (als solche) zu kommunizieren.[19] Des weiteren setzen explizit performative Zeichenhandlungen – etwa ‘hiermit taufe ich dich auf den Namen «Titanic»’ oder ‘hiermit schwöre ich (dir), dass p’ – die Kompetenz zu satz/wortsprachlichen Kommunikationshandlungen (bzw. im zweiten Beispiel sogar von propositionalen Zeichenhandlungen) voraus: Die ausdrückliche Artikulation der mit der Zeichenhandlung durchgeführten Illokution kann nur gelingen, wenn die Benennung als eigenständiges (Teil)Zeichen verfügbar und als solches in den Gesamtzeichenakt eingebettet ist. Sprachen im linguistischen Sinn umfassen offensichtlich stets propositionale und explizit performative Zeichenhandlungen, gehören mithin zu den komplexesten Zeichensprachen.[20] Die genaue semiotische Einordnung von Bildern ist hingegen derzeit noch umstritten. Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Born 1983a]Born, Rainer (1983): Schizo-Semantik: Provokationen zum Thema Bedeutungstheorien und Wissenschaftsphilosophie im allgemeinen. Conceptus, 17, 41.[Bußmann 1983a]Bußmann, Hadumod (1983): Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner, Stuttgart.[Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.[Chomsky 1957a]Chomsky, Noam (1957): Syntactic Structures. Mouton, Den Haag.[Eco 1977a]Eco, Umberto (1977): Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Eibl-Eibesfeldt 1974a]Eibl-Eibesfeldt, Irenäus (1974): Stammesgeschichtliche Anpassungen im menschlichen Verhalten. In: Immelmann, K. (Hg.), Grzimeks Tierleben. Ergänzungsband Verhaltensforschung. Kindler , Zürich.[Kamlah & Lorenzen 1973a]Kamlah, Wilhelm & Lorenzen, Paul (1973): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. BI Wissenschaftsverlag, München.[Keller 1995a]Keller, Rudi (1995): Zeichentheorie. Zu einer Theorie semiotischen Wissens. Francke, Tübingen, Basel.[Krah & Titzmann2013a]Krah, Hans & Titzmann, Michael (2013): Medien und Kommunikation. Eine interdisziplinäe Einführung. Stutz, Passau.[Lorenz 1970a]Lorenz, Kuno (1970): Elemente der Sprachkritik – Eine Alternative zum Dogmatismus und Skeptizismus in der Analytischen Philosophie. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Lorenz 1990a]Lorenz, Kuno (1990): Einführung in die philosophische Anthropologie. WBG, Darmstadt.[Nöth 2005a]Nöth, Winfried (2005): Zeichentheoretische Grundlagen der Bildwissenschaft. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung. Halem, Köln.[Peirce 1983a]Peirce, Charles S. (1983): Phänomen und Logik der Zeichen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Richards & Ogden 1923a]Richards, I.A. & Ogden, R.G. (1923): The Meaning of Meaning. Routledge & Kegan Paul, London.[Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.[Ros 1989/90a]Ros, Arno (1989): Begründung und Begriff. Wandlungen des Verständnisses begrifflicher Argumentationen. Meiner, Hamburg.[Saussure 1916a]Saussure, Ferdinand de (1916): Cours de linguistique générale. Payot, Paris.[Shannon & Weaver 1949a]Shannon, Claude & Weaver, Warren (1949): The Mathematical Theory of Communication. University of Illinois Press, Champaign.[Trabant 1996a]Trabant, Jürgen (1996): Elemente der Semiotik. Franke, Tübingen. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach und Marcel Lemmes — (Hinweis) |


