Diagramm: Unterschied zwischen den Versionen
K Schützte „Diagramm“: Abschluß der Bearbeitung ([edit=sysop] (unbeschränkt) [move=sysop] (unbeschränkt)) |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 36: | Zeile 36: | ||
===b) Die Syntaktizität von Dia­gram­men=== | ===b) Die Syntaktizität von Dia­gram­men=== | ||
Im Feld diagrammatischer Phäno­mene gibt es große | Im Feld diagrammatischer Phäno­mene gibt es große Unter­schiede in Bezug auf deren [[Pragmatik, Semantik, Syntax|''Syntak­tizi­tät'']] bzw. auf die Regel­haftig­keit der Typi­sierung und des Typen­gebrauchs. Nicht alle Diagramm­theore­tiker würden in Bezug auf Diagram­me von einer Syntax reden. Christian Stetter etwa schlägt vor, den Begriff »Syntax« nur für Schriften, genauer: für Texte zu reser­vieren, nicht jedoch für Diagram­me (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 126f.). | ||
: | : | ||
Andere Diagramm-Theoretiker haben | Andere Diagramm-Theoretiker haben dem­gegen­über einen weite­ren (bzw. schwäche­ren) Syntax-Begriff. Sybil­le Krämer etwa spricht – wenn auch in Anfüh­rungszei­chen – von einer “Syntax” des Diagram­mati­schen. Für sie ist gera­de diese Syntak­tizi­tät ein zentra­les Krite­rium dafür, um bloße Bilder von diagram­mati­schen Arte­fakten (Phäno­menen „ope­rati­ver Bildlich­keit“, wie es bei Krämer heißt) unter­scheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagram­men die Fähig­keit besit­zen, wesent­liche von unwe­sentli­chen Aspek­ten der Darstel­lung unter­scheiden und entspre­chend von vielem abse­hen zu können (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>: S. 102).<ref>Vgl. hier­zu auch Stet­ter: „Die­ses Dia­gram­ma­ti­sche, mit dem die Lo­gik das Pik­tu­ra­le zu un­ter­wan­dern be­ginnt, ist Re­sul­tat von Til­gungs­ope­ra­ti­o­nen (…)“ (<bib id='Stetter 2005a'>Stet­ter 2005a</bib>: S. 121). </ref> Eini­ge Bildthe­ore­tiker präfe­rieren aller­dings einen Syntax-Begriff, der sogar so weit (bzw. so schwach) ist, dass er auch auf Bilder ange­wandt werden kann und sich dann entspre­chend nicht zur beson­deren Kennzeich­nung von Diagram­men eignet.<ref>Klaus Sachs-Hom­bach et­wa ge­steht Bil­dern ins­ge­samt ei­ne „[[Morphologie und Syntax|mor­pho­lo­gi­sche Syn­tax]]“ zu (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-Hom­bach 2003a</bib>: S. 105-119). Vgl. auch <bib id='Schirra 2007b'>Schir­ra 2007b</bib>. </ref> | ||
Jedoch gibt es auch bei | Jedoch gibt es auch bei diagram­mati­schen Darstel­lungen Unter­schiede, was die Strenge der Syntax angeht. Bei eini­gen Diagram­men gibt es sehr klare Regeln für deren korrek­te Erstel­lung und Lesung. Verfah­ren wie die Vorfor­matie­rung der diagram­mati­schen Inskrip­tionsflä­chen durch Koordi­naten­syste­me, in die dann Messwer­te einge­tragen werden, kreie­ren eine solche rela­tiv strenge Syntax. Für logi­sche Diagram­me (etwa die iko­nische Logik von Peirce<ref>Vgl. hier­zu die Dar­stel­lung von Sun-Joo Shin: <bib id='Shin 2002a'>Shin 2002a</bib>. </ref>) gilt dies in noch stärke­rem Maße. Dem­gegen­über gibt es jedoch auch diagram­mati­sche Darstel­lungen, die einer weni­ger strengen Syntax folgen. Das heißt: dort exis­tieren recht freie, offe­ne, provi­sori­sche bzw. transi­tori­sche Regeln der Produk­tion und der Lektü­re dieser Diagram­me.<ref>„Folg­lich ist bzw. wird die “Spra­che” der dia­gram­ma­ti­schen Re­prä­sen­ta­ti­on nur vor­über­ge­hend und pro­vi­so­risch fi­xiert. Es reicht, dass ge­sagt bzw. ge­zeigt wer­den kann, was man sa­gen bzw. zei­gen will.“ (<bib id='Wilharm 1992a'>Wil­harm 1992a</bib>: S. 138). </ref> Als Labo­rato­rien epis­temi­schen Schrei­bens/Zeich­nens etwa sind diese Arten diagram­mati­scher Arte­fakte oftmals sogar gera­de darauf ange­legt, spiele­risch zu verfrem­den und dabei möglichst viele kreati­ve Asso­ziations- und Inter­preta­tionsspiel­räume zu eröf­fnen.<ref>Dia­gram­ma­ti­sche Dar­stel­lun­gen „ge­ben uns die Chan­ce, die Mo­del­le zu wech­seln, um neu­e An­sich­ten aus­zu­pro­bie­ren.“ (<bib id='Wilharm 1992a'>Wil­harm 1992a</bib>: S. 141). </ref> | ||
===c) Die Operativität und | ===c) Die Operativität und Pragma­tik von Dia­gram­men=== | ||
Ein dritter | Ein dritter wesent­licher Aspekt ist die „Ope­rati­vität“ der Diagram­me (bzw. des Diagram­mati­schen) und deren – insbe­sonde­re auch im Vergleich zu Bildern – beson­dere [[Pragmatik, Semantik, Syntax|pragma­tische]] Dimen­sion. „Diagram­me muss man sich (…) immer auch vom Prozess der Produk­tion her verständ­lich machen. Die Geste der Setzung oder das Verfah­ren der Einschrei­bung müssen als inte­graler Bestand­teil der Reprä­senta­tion mitge­dacht werden“, schreibt Steffen Bogen (<bib id='Bogen 2005b'>Bogen 2005b</bib>: S. 164). Wer diagram­mati­sche Darstel­lungen begrei­fen will – so Heiner Will­harm – | ||
: | : | ||
:''vollzieht sie oder vollzieht sie nach. Er richtet sich eine Zeitlang im Raum der | :''vollzieht sie oder vollzieht sie nach. Er richtet sich eine Zeitlang im Raum der Darstel­lung ein'' (<bib id='Wilharm 1992a'>Wilharm 1992a</bib>: S. 151). | ||
: | : | ||
Sybille Krämer sieht das | Sybille Krämer sieht das Diagram­mati­sche nicht nur als Anschau­ungsme­dium, sondern zugleich auch als „Werkzeug“ und „“Refle­xionsins­trument”“ (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>: S. 104). Schriften, Graphen, Karten stellen nicht nur etwas dar, „sondern eröf­fnen damit Räume, um das Darge­stellte auch zu handha­ben, zu beobac­hten, zu explo­rieren“ (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>: S. 104). Diagram­mati­sche Darstel­lungen sind perfor­mativ. Indem man an Diagram­men graphi­sche Mani­pula­tionen vollzieht bzw. nachvoll­zieht, wird etwas sichtbar, einsich­tig und über­sichtlich, was vorher nicht sichtbar, einsich­tig bzw. über­sichtlich war. Diagram­me müssen, so könnte man Wittgen­stein adap­tierend formu­lieren, immer als “Diagramm­spiele” aufge­fasst, also aus der Praxis des Umgangs mit ihnen verständ­lich gemacht werden. Für eini­ge Diagramm-Theore­tiker beruht die Stärke der Diagram­me sogar auf deren beson­derer „pragma­tischer Potenz“: | ||
: | : | ||
:''Mehr als andere | :''Mehr als andere Diskurs­formen sind Diagram­me darauf­hin ange­legt, Nachfol­gehand­lungen nach sich zu ziehen.'' (<bib id='Wilharm 1992a'>Wilharm 1992a</bib>: S. 158) | ||
==Zur Materialität der | ==Zur Materialität der Diagram­me== | ||
Abschließend noch zwei | Abschließend noch zwei Bemer­kungen zur [[Materialität|Mate­riali­tät]] der Diagram­me und damit noch einmal zur Exten­sion des Diagramm- bzw. des Diagram­matik-Begriffs: | ||
: | : | ||
Diagramme werden – wie Bilder – von den meisten | Diagramme werden – wie Bilder – von den meisten Auto­ren des Diagram­matik-Diskur­ses primär als zwei­dimen­siona­le Arte­fakte verstan­den. Natür­lich ist auch diese Fokus­sierung eine begriff­liche Entschei­dung, deren Konse­quenzen bedacht werden müssen; genau­so wie es in Bezug auf das Phäno­men Bild eine begriff­liche Entschei­dung ist (deren Kosten-Nutzen-Bilanz man abzu­wägen hat), den Begriff des Bildes eng mit der Zwei­dimen­siona­lität der Bildflä­che zu verkop­peln und Bilder im enge­ren Sinne von den drei­dimen­siona­len Bildern – etwa Werken der Plastik inner­halb der bilden­den Kunst – abzu­grenzen. | ||
Ana­loges lässt sich auch für die Verwen­dung des Begriff »Diagramm« sagen: Eine Reihe von funktio­nalen Eigen­schaften des Diagram­mati­schen trifft durchaus auch für bestimm­te drei­dimen­siona­le Arte­fakte zu. Man denke an drei­dimen­siona­le Struktur­model­le, wie das DNS-Modell das Watson und Crick ent­wickelt – und das heißt auch: real in 3D gebas­telt – haben. Ande­rerseits spricht aber auch vieles dafür, die beson­dere Über­sichtlich­keit, die der Blick von oben auf eine zwei­dimen­siona­le Diagramm-Darstel­lungsflä­che ermög­licht, und die beson­ders einfa­chen (grafi­schen) Rekon­figu­rations­möglich­keiten von Ele­menten eines Diagramms auf der Schreib­fläche auch begriff­lich hervor­zuhe­ben. | |||
: | : | ||
Es gibt eine Reihe von Autoren, die zum Teil mit | Es gibt eine Reihe von Autoren, die zum Teil mit expli­zitem Bezug auf Peirces Konzept des „diagram­matic reason­ing“ dafür plädie­ren, den Begriff des Diagramms, des Diagram­mati­schen bzw. den Begriff der Diagram­matik in stark entgren­zender Weise – zum Teil bis ins Imma­teriel­le des Geistes hinein – auszu­weiten. Diagram­mati­sche Struktu­ren und Ope­rati­onen werden dann nicht nur in jegli­cher Art von symbo­lischen Darstel­lungen – in Texten (<bib id='Reichert 2011a'>Reichert 2011a</bib>), [[Film|Filmen]], Bildern, Sounds – aufzu­finden versucht, sondern z.B. auch in der menschli­chen Kogni­tion selber verortet (<bib id='Bauer & Ernst 2010a'>Bauer & Ernst 2010a</bib>, <bib id='Stjernfelt 2007a'>Stjern­felt 2007a</bib>; vgl. auch [[Image Schemata|Image Schema­ta]]). Auch hier gilt es jedoch, die Kosten und den Nutzen dieser Auswei­tung bzw. dieser stärker [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie|meta­phori­schen]] Verwen­dung des Begriffs abwä­gend im Auge zu behal­ten (<bib id='Birk 2012b'>Birk 2012b</bib>). | ||
{{GlossarSiehe}} | {{GlossarSiehe}} | ||
| Zeile 65: | Zeile 65: | ||
* [[Gestalt]] | * [[Gestalt]] | ||
* [[Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität]] | * [[Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität]] | ||
* [[Image Schemata]] | |||
* [[Isomorphie]] | * [[Isomorphie]] | ||
* [[Karte]] | * [[Karte]] | ||
| Zeile 75: | Zeile 76: | ||
* [[Schriftbildlichkeit]] | * [[Schriftbildlichkeit]] | ||
* [[Semantik logischer Bilder]] | * [[Semantik logischer Bilder]] | ||
* [[Sprachliche Metaphern und allgemeine Metaphorologie]] | |||
* [[Strukturbild]] | * [[Strukturbild]] | ||
* [[Symbol, Index, Ikon]] | * [[Symbol, Index, Ikon]] | ||
Version vom 29. September 2013, 17:52 Uhr
Unterpunkt zu: Bildmedien
Diagramme und das Feld des DiagrammatischenEs gibt eine Reihe von (im weiten Sinne) Bildern bzw. bildlichen Darstellungen, denen – in den jeweiligen Gebrauchskontexten – strukturelle und funktionale Eigenschaften zukommen, die sie aus dem Bereich der Bilder in besonderer Weise herausheben. Dazu gehören etwa: Karten, geometrische Zeichnungen, Flussdiagramme, Graphen, logische Diagramme (etwa Venn-Diagramme), Funktionsdiagramme, Pläne, aber auch Mindmaps, Listen, Tabellen, Begriffs-Tableaus bzw. in gewisser Weise auch generell alle schriftbildlichen Darstellungen. Zu den entsprechenden spezifischen Eigenschaften dieser Art Bilder gehören insbesondere deren besondere Syntaktizität und Operativität, die sie zugleich in die Nähe anderer symbolischer Darstellungsmedien, wie Sprache und Schrift rücken, zum Teil sind diese diagrammatische Darstellungen sogar direkt mit Schriftzeichen amalgamiert.
In der Literatur werden unterschiedliche Vorschläge gemacht, die genannten speziellen Arten von Bildern unter einen einheitlichen Begriff zu fassen: etwa als „schematische Zeichnungen“ bzw. „Schemata“ ([Dirmoser 2004a]Dirmoser, Gerhard (2004): Vom Nutzen schematischer Zeichnungen – Teil I. Folgt man dieser extensional ausgeweiteten Verwendung des Audrucks ‘Diagramm’ bzw. des ‘Diagrammatischen’, setzt dies natürlich zugleich voraus, dass man die Differenz zu den Diagrammbegriffen im engeren Sinne präsent hält: Wir unterscheiden ja normalsprachlich zwischen beispielsweise Karten und Tabellen einerseits und Diagrammen im engeren Sinne (als geometrischen Darstellungen, als logischen Diagrammen, Fluss- und Funktionsdiagrammen) andererseits. Trotzdem scheinen eine Reihe von markanten strukturellen und funktionalen Eigenschaften eben sowohl für Diagramme im engeren als auch für solche im weiteren Sinne zuzutreffen, strukturelle und funktionale Eigenschaften, die zumindest familienähnlich überlappend den Bereich der als ‘diagrammatisch’ auszuzeichnenden Phänomene konstituieren. Bei Diagrammen im weiteren Sinne handelt es sich um mehr oder minder abstrakte grafische Darstellungen von Daten oder Sachverhalten, die Beziehungen und Verhältnisse aufzeigen und die im Mit- bzw. Nachvollzug der grafischen Darstellung zugleich Möglichkeiten der Rekonfiguration dieser Beziehungen und Verhältnisse offenlegen. Diagramme können so einerseits didaktische als auch heuristisch-epistemische Funktionen erfüllen. Sie haben abbildenden, repräsentativen Charakter, der von einer Reihe von Diagrammtheoretikern im Anschluss an Charles Sanders Peirce unter Rückgriff auf den Begriff der Ikonizität bzw. „Ähnlichkeit“ erläutert wird ([Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007): Diagrammatology. An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics. Springer, Dordrecht. Diagramme bzw. diagrammatische Darstellungen kommen in allen möglichen Lebens-, Wissens und Wissenschaftsbereichen zum Einsatz - in der Mathematik und den Naturwissenschaften ebenso wie in den Kulturwissenschaften und selbst in der Philosophie. Das vorliegende bildphilosophische Glossar beruht ja in seiner Struktur selbst auf einer diagrammatischen Begriffskarte, die auf der Portalseite dieses Glossars in einer (um die Unterpunkte) reduzierten Form auch grafisch abgebildet ist: ⊳GIB - Glossar der Bildphilosophie:Portal
Strukturmerkmale von DiagrammenDie zentralen funktional relevanten Strukturmerkmale von Diagrammen sollen im Folgenden unter drei Stichwortpunkten expliziert und verdeutlicht werden: a) Die spezifische Fähigkeit von Diagrammen zur Sichtbarmachung und VeranschaulichungDiagramme referieren. Sie machen dabei empirische oder auch nicht-empirische Sachverhalte/Verhältnisse sichtbar, die vorher nicht (bzw. nicht auf diese Weise) sichtbar gewesen sind. Auch Nichtvisuelles kann durch sie visuell dargestellt bzw. veranschaulicht werden (⊳ Semantik logischer Bilder). Diagrammatische Veranschaulichungen nutzen dabei einerseits räumliche Strukturen/Lagebeziehungen auf der Schreibfläche (wie »links« und »rechts«, »oben« und »unten«, »gegenseitige Nähe« und »Ferne«) und andererseits die Potentiale der menschlichen Gestaltwahrnehmung (etwa die Fähigkeiten zum Zusammen- und Auseinandersehen, sowie zum Überblicken), um Sachverhalte/Relationen darzustellen. Diagramme können in diesem Sinne “Übersichten” und “Überblickswissen” verschaffen. Zentral insbesondere für Diagramme im engeren - geometrischen - Sinne ist die Tatsache, dass hier mit dem Akt der zeichnerisch-räumlichen Darstellung entsprechend der jeweils vorgegebenen Konstruktionsregeln mehr Informationen qua Räumlichkeit/Anschaulichkeit präsent werden, als in den vorgängigen Konstruktionsregeln selber enthalten waren. Diagramme sind aus diesem Grund nicht bloß illustrativ, sondern haben epistemische Funktion. Mit Diagrammen lassen sich Sachverhalte einerseits verdichtet darstellen, andererseits haben sie aber durchaus auch das gegenläufige Potential: dasjenige der Entkomprimierung, Entflechtung, Differenzierung, Auffächerung, Verkomplizierung der Darstellung. Steffen Bogen und Felix Thürlemann weisen vielleicht etwas zu einseitig nur auf den Verdichtungsaspekt bei der Produktion von Diagrammen hin, dem sie als gegenläufigen Aspekt die „diskursive Expansion oder Entfaltung von Diagrammen“ bei deren Rezeption gegenüberstellen ([Bogen & Thürlemann 2003a]Bogen, Steffen & Thürlemann, Felix (2003): Jenseits der Opposition von Text und Bild. In: Patschovsky, A. (Hg.), Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore: Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Jan Thorbecke, Ostfildern. b) Die Syntaktizität von DiagrammenIm Feld diagrammatischer Phänomene gibt es große Unterschiede in Bezug auf deren Syntaktizität bzw. auf die Regelhaftigkeit der Typisierung und des Typengebrauchs. Nicht alle Diagrammtheoretiker würden in Bezug auf Diagramme von einer Syntax reden. Christian Stetter etwa schlägt vor, den Begriff »Syntax« nur für Schriften, genauer: für Texte zu reservieren, nicht jedoch für Diagramme ([Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München. Andere Diagramm-Theoretiker haben demgegenüber einen weiteren (bzw. schwächeren) Syntax-Begriff. Sybille Krämer etwa spricht – wenn auch in Anführungszeichen – von einer “Syntax” des Diagrammatischen. Für sie ist gerade diese Syntaktizität ein zentrales Kriterium dafür, um bloße Bilder von diagrammatischen Artefakten (Phänomenen „operativer Bildlichkeit“, wie es bei Krämer heißt) unterscheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagrammen die Fähigkeit besitzen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten der Darstellung unterscheiden und entsprechend von vielem absehen zu können ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld. c) Die Operativität und Pragmatik von DiagrammenEin dritter wesentlicher Aspekt ist die „Operativität“ der Diagramme (bzw. des Diagrammatischen) und deren – insbesondere auch im Vergleich zu Bildern – besondere pragmatische Dimension. „Diagramme muss man sich (…) immer auch vom Prozess der Produktion her verständlich machen. Die Geste der Setzung oder das Verfahren der Einschreibung müssen als integraler Bestandteil der Repräsentation mitgedacht werden“, schreibt Steffen Bogen ([Bogen 2005b]Bogen, Steffen (2005): Schattenriss und Sonnenuhr. Überlegungen zu einer kunsthistorischen Diagrammatik. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 68, 2.
Sybille Krämer sieht das Diagrammatische nicht nur als Anschauungsmedium, sondern zugleich auch als „Werkzeug“ und „“Reflexionsinstrument”“ ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.
Zur Materialität der DiagrammeAbschließend noch zwei Bemerkungen zur Materialität der Diagramme und damit noch einmal zur Extension des Diagramm- bzw. des Diagrammatik-Begriffs: Diagramme werden – wie Bilder – von den meisten Autoren des Diagrammatik-Diskurses primär als zweidimensionale Artefakte verstanden. Natürlich ist auch diese Fokussierung eine begriffliche Entscheidung, deren Konsequenzen bedacht werden müssen; genauso wie es in Bezug auf das Phänomen Bild eine begriffliche Entscheidung ist (deren Kosten-Nutzen-Bilanz man abzuwägen hat), den Begriff des Bildes eng mit der Zweidimensionalität der Bildfläche zu verkoppeln und Bilder im engeren Sinne von den dreidimensionalen Bildern – etwa Werken der Plastik innerhalb der bildenden Kunst – abzugrenzen. Analoges lässt sich auch für die Verwendung des Begriff »Diagramm« sagen: Eine Reihe von funktionalen Eigenschaften des Diagrammatischen trifft durchaus auch für bestimmte dreidimensionale Artefakte zu. Man denke an dreidimensionale Strukturmodelle, wie das DNS-Modell das Watson und Crick entwickelt – und das heißt auch: real in 3D gebastelt – haben. Andererseits spricht aber auch vieles dafür, die besondere Übersichtlichkeit, die der Blick von oben auf eine zweidimensionale Diagramm-Darstellungsfläche ermöglicht, und die besonders einfachen (grafischen) Rekonfigurationsmöglichkeiten von Elementen eines Diagramms auf der Schreibfläche auch begrifflich hervorzuheben. Es gibt eine Reihe von Autoren, die zum Teil mit explizitem Bezug auf Peirces Konzept des „diagrammatic reasoning“ dafür plädieren, den Begriff des Diagramms, des Diagrammatischen bzw. den Begriff der Diagrammatik in stark entgrenzender Weise – zum Teil bis ins Immaterielle des Geistes hinein – auszuweiten. Diagrammatische Strukturen und Operationen werden dann nicht nur in jeglicher Art von symbolischen Darstellungen – in Texten ([Reichert 2011a]Reichert, André (2011): Diagrammatik als Präphilosophie und Metaphysik. Von einer schriftbildlichen Perspektive zu einer Perspektivierung von Schriftbildlichkeit. In: Krämer, S. & Giertler, M. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Fink, Paderborn. Siehe auch:
|
Anmerkungen
Literatur
[Bauer & Ernst 2010a]Bauer, Matthias & Ernst, Christoph (2010): Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. transcript, Bielefeld.[Birk 2012b]Birk, Elisabeth (2012): Review to: Frederik Stjernfelt: Diagrammatology: An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics, New York 2007.[Bogen & Thürlemann 2003a]Bogen, Steffen & Thürlemann, Felix (2003): Jenseits der Opposition von Text und Bild. In: Patschovsky, A. (Hg.), Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore: Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Jan Thorbecke, Ostfildern.[Bogen 2005b]Bogen, Steffen (2005): Schattenriss und Sonnenuhr. Überlegungen zu einer kunsthistorischen Diagrammatik. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 68, 2.[Dirmoser 2004a]Dirmoser, Gerhard (2004): Vom Nutzen schematischer Zeichnungen – Teil I.[Dirmoser 2006a]Dirmoser, Gerhard (2006): Ein Diagramm ist (k)ein Bild.[Gehring 1992a]Gehring, Petra (1992): Paradigma einer Methode. Der Begriff des Diagramms im Strukturdenken von M. Foucault und M. Serres. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W. M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam, Atlanta.[Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.[Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.[Peirce 1998a]Peirce, Charles S. (1998): Collected Papers, Vol. 2: Elements of Logic. Thoemmes, Bristol.[Reichert 2011a]Reichert, André (2011): Diagrammatik als Präphilosophie und Metaphysik. Von einer schriftbildlichen Perspektive zu einer Perspektivierung von Schriftbildlichkeit. In: Krämer, S. & Giertler, M. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Fink, Paderborn.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Schirra 2007b]Schirra, Jörg R.J. (2007): Computational Visualistics and Picture Morphology. An Introduction. In: Schirra, J.R.J. (Hg.), Computational Visualistics and Picture Morphology. Halem, Köln.[Shin 2002a]Shin, Sun-Joo (2002): The Iconic Logic of Peirce’s Graphs. MIT Press, Bradford, Cambridge, Ma.[Siegel 2009a]Siegel, Steffen (2009): TABULA. Figuren der Ordnung um 1600. Akademie, Berlin.[Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.[Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007): Diagrammatology. An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics. Springer, Dordrecht.[Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Rainer Totzke, Joerg R.J. Schirra, Dimitri Liebsch, Christoph Martin und Marcel Lemmes — (Hinweis) |