Diagramm: Unterschied zwischen den Versionen
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Folgt man dieser extensional ausge­weite­ten Verwen­dung des Audrucks ‘Diagramm’ bzw. des ‘Diagram­mati­schen’, setzt dies natür­lich zugleich voraus, dass man die Diffe­renz zu den Diagramm­begrif­fen im enge­ren Sinne präsent hält: Wir unter­scheiden ja normal­sprachlich zwischen beispiels­weise Karten und Tabel­len einer­seits und Diagram­men im enge­ren Sinne (als geome­trischen Darstel­lungen, als logi­schen Diagram­men, Fluss- und Funktions­diagram­men) ande­rerseits. Trotzdem scheinen eine Reihe von markan­ten struktu­rellen und funkti­onalen Eigen­schaften eben sowohl für Diagram­me im enge­ren als auch für solche im weite­ren Sinne zuzu­treffen, struktu­relle und funktio­nale Eigen­schaften, die zumin­dest fami­lienähn­lich über­lappend den Bereich der als ‘diagram­matisch’ auszu­zeichnen­den Phäno­mene konsti­tuieren. | Folgt man dieser extensional ausge­weite­ten Verwen­dung des Audrucks ‘Diagramm’ bzw. des ‘Diagram­mati­schen’, setzt dies natür­lich zugleich voraus, dass man die Diffe­renz zu den Diagramm­begrif­fen im enge­ren Sinne präsent hält: Wir unter­scheiden ja normal­sprachlich zwischen beispiels­weise Karten und Tabel­len einer­seits und Diagram­men im enge­ren Sinne (als geome­trischen Darstel­lungen, als logi­schen Diagram­men, Fluss- und Funktions­diagram­men) ande­rerseits. Trotzdem scheinen eine Reihe von markan­ten struktu­rellen und funkti­onalen Eigen­schaften eben sowohl für Diagram­me im enge­ren als auch für solche im weite­ren Sinne zuzu­treffen, struktu­relle und funktio­nale Eigen­schaften, die zumin­dest fami­lienähn­lich über­lappend den Bereich der als ‘diagram­matisch’ auszu­zeichnen­den Phäno­mene konsti­tuieren. | ||
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Bei Diagrammen im weiteren Sinne handelt es sich um mehr oder minder abstrak­te grafi­sche Darstel­lungen von Daten oder Sachver­halten, die Bezie­hungen und Verhält­nisse aufzei­gen und die im Mit- bzw. Nachvoll­zug der grafi­schen Darstel­lung zugleich Möglich­keiten der | Bei Diagrammen im weiteren Sinne handelt es sich um mehr oder minder abstrak­te grafi­sche Darstel­lungen von Daten oder Sachver­halten, die Bezie­hungen und Verhält­nisse aufzei­gen und die im Mit- bzw. Nachvoll­zug der grafi­schen Darstel­lung zugleich Möglich­keiten der Rekon­figu­ration dieser Bezie­hungen und Verhält­nisse offen­legen. Diagram­me können so einer­seits didak­tische als auch heuris­tisch-epis­temi­sche Funkti­onen erfül­len. Sie haben abbil­denden, reprä­senta­tiven Charak­ter, der von einer Reihe von Diagramm­theore­tikern im Anschluss an Charles Sanders Peirce unter Rückgriff auf den Begriff der [[Symbol, Index, Ikon|Iko­nizi­tät]] bzw. „[[Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität|Ähnlich­keit]]“ erläu­tert wird (<bib id='Stjernfelt 2007a'>Stjern­felt 2007a</bib>). Dabei wird diese Ähnlich­keit als „Struktur­ähnlich­keit“ (⊳ [[Isomorphie|Iso­morphie]]) aufge­fasst.<ref>Vgl. hier­zu auch Peirces Aus­füh­run­gen: „Many di­a­grams re­sem­ble their ob­jects not at all in looks; it is only in re­spect to the re­la­tions of their parts that their like­ness con­sists“ (<bib id='Peirce 1998a'>Peirce 1998a</bib>: 2.282).</ref> Dage­gen vermei­det Nelson Goodman in seinen Erläu­terun­gen zum Diagramm den Bezug auf so etwas wie Ähnlich­keit (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968a</bib>: S.163ff. u. S.212f.), Christian Stetter folgt ihm darin (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>). | ||
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Diagramme bzw. | Diagramme bzw. diagramma­tische Darstel­lungen kommen in allen mögli­chen Lebens-, Wissens und Wissen­schaftsbe­reichen zum Einsatz - in der Mathe­matik und den Natur­wissen­schaften eben­so wie in den Kultur­wissen­schaften und selbst in der Philo­sophie. Das vorlie­gende bild­philo­sophi­sche Glossar beruht ja in seiner Struktur selbst auf einer diagram­mati­schen Begriffs­karte, die auf der Portal­seite dieses Glossars in einer (um die Unter­punkte) redu­zierten Form auch grafisch abge­bildet ist: ⊳[[GIB - Glossar der Bildphilosophie:Portal]] | ||
==Strukturmerkmale von Dia­gram­men== | |||
===a) Die spezifische Fähigkeit von | Die zentralen funktional rele­vanten Struktur­merkma­le von Diagram­men sollen im Folgen­den unter drei Stichwort­punkten expli­ziert und verdeut­licht werden: | ||
===a) Die spezifische Fähigkeit von Dia­gram­men zur Sichtbar­machung und Veran­schauli­chung=== | |||
Diagramme [[Referenz|referieren]]. Sie machen dabei | Diagramme [[Referenz|referieren]]. Sie machen dabei empi­rische oder auch nicht-empi­rische Sachver­halte/Ver­hältnis­se sichtbar, die vorher nicht (bzw. nicht auf diese Weise) sichtbar gewe­sen sind. Auch Nicht­visu­elles kann durch sie visu­ell darge­stellt bzw. veran­schaulicht werden (⊳ [[Semantik logischer Bilder|Seman­tik logi­scher Bilder]]). | ||
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Diagrammatische | Diagrammatische Veranschau­lichungen nutzen dabei einer­seits räumli­che Struktu­ren/La­gebe­ziehun­gen auf der Schreibflä­che (wie »links« und »rechts«, »oben« und »unten«, »gegen­seiti­ge Nähe« und »Ferne«) und ande­rerseits die Poten­tiale der menschli­chen [[Gestalt|Gestalt­wahrneh­mung]] (etwa die Fähig­keiten zum Zusam­men- und Ausein­ander­sehen, sowie zum Über­blicken), um Sachver­halte/Re­latio­nen darzu­stellen. Diagram­me können in diesem Sinne “Über­sichten” und “Über­blickswis­sen” verschaf­fen. Zentral insbe­sonde­re für Diagram­me im enge­ren - [[Raum und Geometrie|geome­trischen]] - Sinne ist die Tatsa­che, dass hier mit dem Akt der zeichne­risch-räumli­chen Darstel­lung entspre­chend der jeweils vorge­gebe­nen Konstruk­tionsre­geln mehr Infor­matio­nen qua Räumlich­keit/An­schaulich­keit präsent werden, als in den vorgän­gigen Konstruk­tionsre­geln selber enthal­ten waren. Diagram­me sind aus diesem Grund nicht bloß illus­trativ, sondern haben epis­temi­sche Funktion. | ||
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Mit Diagrammen lassen sich | Mit Diagrammen lassen sich Sachver­halte einer­seits verdich­tet darstel­len, ande­rerseits haben sie aber durchaus auch das gegen­läufi­ge Poten­tial: dasje­nige der Entkom­primie­rung, Entflech­tung, Diffe­renzie­rung, Auffä­cherung, Verkom­plizie­rung der Darstel­lung. Steffen Bogen und Felix Thürle­mann weisen vielleicht etwas zu einsei­tig nur auf den Verdich­tungsas­pekt bei der Produk­tion von Diagram­men hin, dem sie als gegen­läufi­gen Aspekt die „diskur­sive Expan­sion oder Entfal­tung von Diagram­men“ bei deren Rezep­tion gegen­über­stellen (<bib id='Bogen & Thürlemann 2003a'>Bogen & Thürle­mann 2003a</bib>: S. 8).<ref>Auf die Pro­b­le­me, die mit der dia­gram­ma­ti­schen Ver­dich­tung ein­her ge­hen kön­nen, macht Stef­fen Sie­gel auf­merk­sam (<bib id='Siegel 2009a'>Sie­gel 2009a</bib>: S. 27). </ref> Der Verweis auf das Verdich­tungspo­tential von Diagram­men sollte insbe­sonde­re nicht mit der irri­gen Vorstel­lung verknüpft werden, diagram­mati­sche Darstel­lungen würden einsei­tig der bloßen Komple­xitäts­reduk­tion dienen. Mit Blick auf die vielfäl­tige Diagramm­praxis lässt sich vielmehr konsta­tieren: Es gibt zwar Diagram­me, deren Zweck es ist, komple­xe Sachver­halte – etwa zu didak­tischen Zwecken – verein­facht darzu­stellen, aller­dings gibt es auch solche Diagram­me, deren Aufga­be gera­de darin besteht, Sachver­halte komple­xitäts-erwei­ternd darzu­stellen. Manchmal kann eine solche komple­xe Darstel­lung dabei auch “über-komplex”, also un­über­sichtlich werden.<ref>Ei­ni­ge der von Ger­hard Dir­mo­ser ent­wor­fe­nen qua­drat­me­ter­gro­ßen Dia­gram­me wie das Dia­gramm «Ein Dia­gramm ist (k)ein Bild» (<bib id='Dirmoser 2006a'>Dirmo­ser 2006a</bib>) ber­gen schlicht auf­grund ih­rer Grö­ße die Ge­fahr in sich, für den Be­trach­ter ins Un­über­sicht­li­che zu kip­pen. </ref> „‘Komple­xität’ ist (…) eine Funktion des Kommu­nika­tions- und Verwen­dungszwecks“, schreibt Heiner Wilharm (<bib id='Wilharm 1992a'>Wilharm 1992a</bib>). Komple­xitäts-erwei­ternde Darstel­lungen, können dabei u.a. der Gene­rierung von neuem Wissen dienen. Beispiels­weise können durch die Darstel­lung eines Sachver­haltes auf der Schreibflä­che plötzlich inhalt­liche Leerstel­len buchstäb­lich als weiße Flecken auf dem Papier sichtbar werden, die dann zur Bear­beitung drängen. Diagram­mati­sche Darstel­lungen ermög­lichen das sehen­de bzw. zeichnen­de Auffin­den von neuen Rela­tionen oder von „Zwischen­gliedern“ (Wittgen­stein) durch „Dazwi­schenschrei­bung“.<ref>Der Aus­druck ‘Da­zwi­schen­schrei­bung’ stammt von Pet­ra Geh­ring (<bib id='Gehring 1992a'>Geh­ring 1992a</bib>). </ref> | ||
===b) Die Syntaktizität von | ===b) Die Syntaktizität von Dia­gram­men=== | ||
Im Feld diagrammatischer | Im Feld diagrammatischer Phäno­mene gibt es große Unterschiede in Bezug auf deren ‚[[Pragmatik, Semantik, Syntax|Syntaktizität]]’ bzw. auf die Regelhaftigkeit der Typisierung und des Typengebrauchs. Nicht alle Diagrammtheoretiker würden in Bezug auf Diagramme von einer Syntax reden. Christian Stetter etwa schlägt vor, den Begriff „Syntax“ nur für Schriften, genauer: für Texte zu reservieren, nicht jedoch für Diagramme (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 126f.). | ||
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Andere Diagramm-Theoretiker haben demgegenüber einen weiteren (bzw. schwächeren) Syntax-Begriff. Sybille Krämer etwa spricht – wenn auch in Anführungszeichen – von einer “Syntax” des Diagrammatischen. Für sie ist gerade diese Syntaktizität ein zentrales Kriterium dafür, um bloße Bilder von diagrammatischen Artefakten (Phänomenen „operativer Bildlichkeit“, wie es bei Krämer heißt) unterscheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagrammen die Fähigkeit besitzen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten der Darstellung unterscheiden und entsprechend von vielem absehen zu können (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>: S. 102).<ref>Vgl. hierzu auch Stetter: „Dieses Diagrammatische, mit dem die Logik das Pikturale zu unterwandern beginnt, ist Resultat von Tilgungsoperationen (…)“ (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 121). </ref> Einige Bildtheoretiker präferieren allerdings einen Syntax-Begriff, der sogar so weit (bzw. so schwach) ist, dass er auch auf Bilder angewandt werden kann und sich dann entsprechend nicht zur besonderen Kennzeichnung von Diagrammen eignet.<ref>Klaus Sachs-Hombach etwa gesteht Bildern insgesamt eine „[[Morphologie und Syntax|morphologische Syntax]]“ zu (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-Hombach 2003a</bib>: S. 105-119). Vgl. auch <bib id='Schirra 2007b'></bib>. </ref> | Andere Diagramm-Theoretiker haben demgegenüber einen weiteren (bzw. schwächeren) Syntax-Begriff. Sybille Krämer etwa spricht – wenn auch in Anführungszeichen – von einer “Syntax” des Diagrammatischen. Für sie ist gerade diese Syntaktizität ein zentrales Kriterium dafür, um bloße Bilder von diagrammatischen Artefakten (Phänomenen „operativer Bildlichkeit“, wie es bei Krämer heißt) unterscheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagrammen die Fähigkeit besitzen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten der Darstellung unterscheiden und entsprechend von vielem absehen zu können (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>: S. 102).<ref>Vgl. hierzu auch Stetter: „Dieses Diagrammatische, mit dem die Logik das Pikturale zu unterwandern beginnt, ist Resultat von Tilgungsoperationen (…)“ (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 121). </ref> Einige Bildtheoretiker präferieren allerdings einen Syntax-Begriff, der sogar so weit (bzw. so schwach) ist, dass er auch auf Bilder angewandt werden kann und sich dann entsprechend nicht zur besonderen Kennzeichnung von Diagrammen eignet.<ref>Klaus Sachs-Hombach etwa gesteht Bildern insgesamt eine „[[Morphologie und Syntax|morphologische Syntax]]“ zu (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-Hombach 2003a</bib>: S. 105-119). Vgl. auch <bib id='Schirra 2007b'></bib>. </ref> | ||
Version vom 29. September 2013, 17:31 Uhr
Unterpunkt zu: Bildmedien
Diagramme und das Feld des DiagrammatischenEs gibt eine Reihe von (im weiten Sinne) Bildern bzw. bildlichen Darstellungen, denen – in den jeweiligen Gebrauchskontexten – strukturelle und funktionale Eigenschaften zukommen, die sie aus dem Bereich der Bilder in besonderer Weise herausheben. Dazu gehören etwa: Karten, geometrische Zeichnungen, Flussdiagramme, Graphen, logische Diagramme (etwa Venn-Diagramme), Funktionsdiagramme, Pläne, aber auch Mindmaps, Listen, Tabellen, Begriffs-Tableaus bzw. in gewisser Weise auch generell alle schriftbildlichen Darstellungen. Zu den entsprechenden spezifischen Eigenschaften dieser Art Bilder gehören insbesondere deren besondere Syntaktizität und Operativität, die sie zugleich in die Nähe anderer symbolischer Darstellungsmedien, wie Sprache und Schrift rücken, zum Teil sind diese diagrammatische Darstellungen sogar direkt mit Schriftzeichen amalgamiert.
In der Literatur werden unterschiedliche Vorschläge gemacht, die genannten speziellen Arten von Bildern unter einen einheitlichen Begriff zu fassen: etwa als „schematische Zeichnungen“ bzw. „Schemata“ ([Dirmoser 2004a]Dirmoser, Gerhard (2004): Vom Nutzen schematischer Zeichnungen – Teil I. Folgt man dieser extensional ausgeweiteten Verwendung des Audrucks ‘Diagramm’ bzw. des ‘Diagrammatischen’, setzt dies natürlich zugleich voraus, dass man die Differenz zu den Diagrammbegriffen im engeren Sinne präsent hält: Wir unterscheiden ja normalsprachlich zwischen beispielsweise Karten und Tabellen einerseits und Diagrammen im engeren Sinne (als geometrischen Darstellungen, als logischen Diagrammen, Fluss- und Funktionsdiagrammen) andererseits. Trotzdem scheinen eine Reihe von markanten strukturellen und funktionalen Eigenschaften eben sowohl für Diagramme im engeren als auch für solche im weiteren Sinne zuzutreffen, strukturelle und funktionale Eigenschaften, die zumindest familienähnlich überlappend den Bereich der als ‘diagrammatisch’ auszuzeichnenden Phänomene konstituieren. Bei Diagrammen im weiteren Sinne handelt es sich um mehr oder minder abstrakte grafische Darstellungen von Daten oder Sachverhalten, die Beziehungen und Verhältnisse aufzeigen und die im Mit- bzw. Nachvollzug der grafischen Darstellung zugleich Möglichkeiten der Rekonfiguration dieser Beziehungen und Verhältnisse offenlegen. Diagramme können so einerseits didaktische als auch heuristisch-epistemische Funktionen erfüllen. Sie haben abbildenden, repräsentativen Charakter, der von einer Reihe von Diagrammtheoretikern im Anschluss an Charles Sanders Peirce unter Rückgriff auf den Begriff der Ikonizität bzw. „Ähnlichkeit“ erläutert wird ([Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007): Diagrammatology. An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics. Springer, Dordrecht. Diagramme bzw. diagrammatische Darstellungen kommen in allen möglichen Lebens-, Wissens und Wissenschaftsbereichen zum Einsatz - in der Mathematik und den Naturwissenschaften ebenso wie in den Kulturwissenschaften und selbst in der Philosophie. Das vorliegende bildphilosophische Glossar beruht ja in seiner Struktur selbst auf einer diagrammatischen Begriffskarte, die auf der Portalseite dieses Glossars in einer (um die Unterpunkte) reduzierten Form auch grafisch abgebildet ist: ⊳GIB - Glossar der Bildphilosophie:Portal
Strukturmerkmale von DiagrammenDie zentralen funktional relevanten Strukturmerkmale von Diagrammen sollen im Folgenden unter drei Stichwortpunkten expliziert und verdeutlicht werden: a) Die spezifische Fähigkeit von Diagrammen zur Sichtbarmachung und VeranschaulichungDiagramme referieren. Sie machen dabei empirische oder auch nicht-empirische Sachverhalte/Verhältnisse sichtbar, die vorher nicht (bzw. nicht auf diese Weise) sichtbar gewesen sind. Auch Nichtvisuelles kann durch sie visuell dargestellt bzw. veranschaulicht werden (⊳ Semantik logischer Bilder). Diagrammatische Veranschaulichungen nutzen dabei einerseits räumliche Strukturen/Lagebeziehungen auf der Schreibfläche (wie »links« und »rechts«, »oben« und »unten«, »gegenseitige Nähe« und »Ferne«) und andererseits die Potentiale der menschlichen Gestaltwahrnehmung (etwa die Fähigkeiten zum Zusammen- und Auseinandersehen, sowie zum Überblicken), um Sachverhalte/Relationen darzustellen. Diagramme können in diesem Sinne “Übersichten” und “Überblickswissen” verschaffen. Zentral insbesondere für Diagramme im engeren - geometrischen - Sinne ist die Tatsache, dass hier mit dem Akt der zeichnerisch-räumlichen Darstellung entsprechend der jeweils vorgegebenen Konstruktionsregeln mehr Informationen qua Räumlichkeit/Anschaulichkeit präsent werden, als in den vorgängigen Konstruktionsregeln selber enthalten waren. Diagramme sind aus diesem Grund nicht bloß illustrativ, sondern haben epistemische Funktion. Mit Diagrammen lassen sich Sachverhalte einerseits verdichtet darstellen, andererseits haben sie aber durchaus auch das gegenläufige Potential: dasjenige der Entkomprimierung, Entflechtung, Differenzierung, Auffächerung, Verkomplizierung der Darstellung. Steffen Bogen und Felix Thürlemann weisen vielleicht etwas zu einseitig nur auf den Verdichtungsaspekt bei der Produktion von Diagrammen hin, dem sie als gegenläufigen Aspekt die „diskursive Expansion oder Entfaltung von Diagrammen“ bei deren Rezeption gegenüberstellen ([Bogen & Thürlemann 2003a]Bogen, Steffen & Thürlemann, Felix (2003): Jenseits der Opposition von Text und Bild. In: Patschovsky, A. (Hg.), Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore: Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Jan Thorbecke, Ostfildern. b) Die Syntaktizität von DiagrammenIm Feld diagrammatischer Phänomene gibt es große Unterschiede in Bezug auf deren ‚Syntaktizität’ bzw. auf die Regelhaftigkeit der Typisierung und des Typengebrauchs. Nicht alle Diagrammtheoretiker würden in Bezug auf Diagramme von einer Syntax reden. Christian Stetter etwa schlägt vor, den Begriff „Syntax“ nur für Schriften, genauer: für Texte zu reservieren, nicht jedoch für Diagramme ([Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München. Andere Diagramm-Theoretiker haben demgegenüber einen weiteren (bzw. schwächeren) Syntax-Begriff. Sybille Krämer etwa spricht – wenn auch in Anführungszeichen – von einer “Syntax” des Diagrammatischen. Für sie ist gerade diese Syntaktizität ein zentrales Kriterium dafür, um bloße Bilder von diagrammatischen Artefakten (Phänomenen „operativer Bildlichkeit“, wie es bei Krämer heißt) unterscheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagrammen die Fähigkeit besitzen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten der Darstellung unterscheiden und entsprechend von vielem absehen zu können ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld. c) Die Operativität und Pragmatik von DiagrammenEin dritter wesentlicher Aspekt ist die „Operativität“ der Diagramme (bzw. des „Diagrammatischen“) und deren – insbesondere auch im Vergleich zu Bildern – besondere pragmatische Dimension. „Diagramme muss man sich (…) immer auch vom Prozess der Produktion her verständlich machen. Die Geste der Setzung oder das Verfahren der Einschreibung müssen als integraler Bestandteil der Repräsentation mitgedacht werden“, schreibt Steffen Bogen ([Bogen 2005b]Bogen, Steffen (2005): Schattenriss und Sonnenuhr. Überlegungen zu einer kunsthistorischen Diagrammatik. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 68, 2.
Sybille Krämer sieht das Diagrammatische nicht nur als Anschauungsmedium, sondern zugleich auch als „Werkzeug“ und „“Reflexionsinstrument”“ ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.
Zur Materialität der DiagrammeAbschließend noch zwei Bemerkungen zur Materialität der Diagramme und damit noch einmal zur Extension des Diagramm- bzw. des Diagrammatik-Begriffs: Diagramme werden – wie Bilder – von den meisten Autoren des Diagrammatik-Diskurses primär als zweidimensionale Artefakte verstanden. Natürlich ist auch diese Fokussierung eine begriffliche Entscheidung, deren Konsequenzen bedacht werden müssen; genauso wie es in Bezug auf das Phänomen Bild eine begriffliche Entscheidung ist (deren Kosten-Nutzen-Bilanz man abzuwägen hat), den Begriff des Bildes eng mit der Zweidimensionalität der Bildfläche zu verkoppeln und Bilder im engeren Sinne von den dreidimensionalen Bildern – etwa Werken der Plastik innerhalb der bildenden Kunst – abzugrenzen. Analoges lässt sich auch für die Verwendung des Begriff „Diagramm“ sagen: Eine Reihe von funktionalen Eigenschaften des Diagrammatischen trifft durchaus auch für bestimmte dreidimensionale Artefakte zu. Man denke an dreidimensionale Strukturmodelle, wie das DNS-Modell das Watson und Crick entwickelt – und das heißt auch: real in 3D gebastelt – haben. Andererseits spricht aber auch vieles dafür, die besondere Übersichtlichkeit, die der Blick von oben auf eine zweidimensionale Diagramm-Darstellungsfläche ermöglicht, und die besonders einfachen (grafischen) Rekonfigurationsmöglichkeiten von Elementen eines Diagramms auf der Schreibfläche auch begrifflich hervorzuheben. Es gibt eine Reihe von Autoren, die zum Teil mit explizitem Bezug auf Peirces Konzept des „diagrammatic reasoning“ dafür plädieren, den Begriff des Diagramms, des Diagrammatischen bzw. den Begriff der „Diagrammatik“ in stark entgrenzender Weise – zum Teil bis ins Immaterielle des Geistes hinein – auszuweiten. Diagrammatische Strukturen und Operationen werden dann nicht nur in jeglicher Art von symbolischen Darstellungen – in Texten ([Reichert 2011a]Reichert, André (2011): Diagrammatik als Präphilosophie und Metaphysik. Von einer schriftbildlichen Perspektive zu einer Perspektivierung von Schriftbildlichkeit. In: Krämer, S. & Giertler, M. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Fink, Paderborn. |
Anmerkungen
Literatur
[Bauer & Ernst 2010a]Bauer, Matthias & Ernst, Christoph (2010): Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. transcript, Bielefeld.[Birk 2012b]Birk, Elisabeth (2012): Review to: Frederik Stjernfelt: Diagrammatology: An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics, New York 2007.[Bogen & Thürlemann 2003a]Bogen, Steffen & Thürlemann, Felix (2003): Jenseits der Opposition von Text und Bild. In: Patschovsky, A. (Hg.), Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore: Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Jan Thorbecke, Ostfildern.[Bogen 2005b]Bogen, Steffen (2005): Schattenriss und Sonnenuhr. Überlegungen zu einer kunsthistorischen Diagrammatik. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 68, 2.[Dirmoser 2004a]Dirmoser, Gerhard (2004): Vom Nutzen schematischer Zeichnungen – Teil I.[Dirmoser 2006a]Dirmoser, Gerhard (2006): Ein Diagramm ist (k)ein Bild.[Gehring 1992a]Gehring, Petra (1992): Paradigma einer Methode. Der Begriff des Diagramms im Strukturdenken von M. Foucault und M. Serres. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W. M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam, Atlanta.[Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.[Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.[Peirce 1998a]Peirce, Charles S. (1998): Collected Papers, Vol. 2: Elements of Logic. Thoemmes, Bristol.[Reichert 2011a]Reichert, André (2011): Diagrammatik als Präphilosophie und Metaphysik. Von einer schriftbildlichen Perspektive zu einer Perspektivierung von Schriftbildlichkeit. In: Krämer, S. & Giertler, M. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Fink, Paderborn.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Halem, Köln.[Schirra 2007b]Schirra, Jörg R.J. (2007): Computational Visualistics and Picture Morphology. An Introduction. In: Schirra, J.R.J. (Hg.), Computational Visualistics and Picture Morphology. Halem, Köln.[Shin 2002a]Shin, Sun-Joo (2002): The Iconic Logic of Peirce’s Graphs. MIT Press, Bradford, Cambridge, Ma.[Siegel 2009a]Siegel, Steffen (2009): TABULA. Figuren der Ordnung um 1600. Akademie, Berlin.[Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.[Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007): Diagrammatology. An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics. Springer, Dordrecht.[Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Rainer Totzke, Joerg R.J. Schirra, Dimitri Liebsch, Christoph Martin und Marcel Lemmes — (Hinweis) |