Diagramm: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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Joerg R.J. Schirra (Diskussion | Beiträge)
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Folgt man dieser extensional ausge­weite­ten Verwen­dung des Audrucks ‘Diagramm’ bzw. des ‘Diagram­mati­schen’, setzt dies natür­lich zugleich voraus, dass man die Diffe­renz zu den Diagramm­begrif­fen im enge­ren Sinne präsent hält: Wir unter­scheiden ja normal­sprachlich zwischen beispiels­weise Karten und Tabel­len einer­seits und Diagram­men im enge­ren Sinne (als geome­trischen Darstel­lungen, als logi­schen Diagram­men, Fluss- und Funktions­diagram­men) ande­rerseits. Trotzdem scheinen eine Reihe von markan­ten struktu­rellen und funkti­onalen Eigen­schaften eben sowohl für Diagram­me im enge­ren als auch für solche im weite­ren Sinne zuzu­treffen, struktu­relle und funktio­nale Eigen­schaften, die zumin­dest fami­lienähn­lich über­lappend den Bereich der als ‘diagram­matisch’ auszu­zeichnen­den Phäno­mene konsti­tuieren.  
Folgt man dieser extensional ausge­weite­ten Verwen­dung des Audrucks ‘Diagramm’ bzw. des ‘Diagram­mati­schen’, setzt dies natür­lich zugleich voraus, dass man die Diffe­renz zu den Diagramm­begrif­fen im enge­ren Sinne präsent hält: Wir unter­scheiden ja normal­sprachlich zwischen beispiels­weise Karten und Tabel­len einer­seits und Diagram­men im enge­ren Sinne (als geome­trischen Darstel­lungen, als logi­schen Diagram­men, Fluss- und Funktions­diagram­men) ande­rerseits. Trotzdem scheinen eine Reihe von markan­ten struktu­rellen und funkti­onalen Eigen­schaften eben sowohl für Diagram­me im enge­ren als auch für solche im weite­ren Sinne zuzu­treffen, struktu­relle und funktio­nale Eigen­schaften, die zumin­dest fami­lienähn­lich über­lappend den Bereich der als ‘diagram­matisch’ auszu­zeichnen­den Phäno­mene konsti­tuieren.  
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Bei Diagrammen im  weiteren Sinne handelt es sich um mehr oder minder abstrak&shy;te grafi&shy;sche Darstel&shy;lungen von Daten oder Sachver&shy;halten, die Bezie&shy;hungen und Verhält&shy;nisse aufzei&shy;gen und die im Mit- bzw. Nachvoll&shy;zug der grafi&shy;schen Darstel&shy;lung zugleich Möglich&shy;keiten der Rekonfiguration dieser Beziehungen und Verhältnisse offenlegen. Diagramme können so einerseits didaktische als auch heuristisch-epistemische Funktionen erfüllen. Sie haben abbildenden, repräsentativen Charakter, der von einer Reihe von Diagrammtheoretikern im Anschluss an Charles Sanders Peirce unter Rückgriff auf den Begriff der [[Symbol, Index, Ikon|Ikonizität]] bzw. „[[Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität|Ähnlichkeit]]“ erläutert wird (<bib id='Stjernfelt 2007a'>Stjernfelt 2007a</bib>). Dabei wird diese Ähnlichkeit als „Strukturähnlichkeit“ (⊳ [[Isomorphie]]) aufgefasst.<ref>Vgl. hierzu auch Peirces Ausführungen: "Many diagrams resemble their objects not at all in looks; it is only in respect to the relations of their parts that their likeness consists" (<bib id='Peirce 1998a'>Peirce 1998a</bib>: 2.282).</ref> Dagegen vermeidet Nelson Goodman in seinen Erläuterungen zum Diagramm den Bezug auf so etwas wie "Ähnlichkeit" (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968a</bib>: S.163ff. u. S.212f.), Christian Stetter folgt ihm darin (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>).  
Bei Diagrammen im  weiteren Sinne handelt es sich um mehr oder minder abstrak&shy;te grafi&shy;sche Darstel&shy;lungen von Daten oder Sachver&shy;halten, die Bezie&shy;hungen und Verhält&shy;nisse aufzei&shy;gen und die im Mit- bzw. Nachvoll&shy;zug der grafi&shy;schen Darstel&shy;lung zugleich Möglich&shy;keiten der Rekon&shy;figu&shy;ration dieser Bezie&shy;hungen und Verhält&shy;nisse offen&shy;legen. Diagram&shy;me können so einer&shy;seits didak&shy;tische als auch heuris&shy;tisch-epis&shy;temi&shy;sche Funkti&shy;onen erfül&shy;len. Sie haben abbil&shy;denden, reprä&shy;senta&shy;tiven Charak&shy;ter, der von einer Reihe von Diagramm&shy;theore&shy;tikern im Anschluss an Charles Sanders Peirce unter Rückgriff auf den Begriff der [[Symbol, Index, Ikon|Iko&shy;nizi&shy;tät]] bzw. „[[Gleichheit, Ähnlichkeit und Identität|Ähnlich&shy;keit]]“ erläu&shy;tert wird (<bib id='Stjernfelt 2007a'>Stjern&shy;felt 2007a</bib>). Dabei wird diese Ähnlich&shy;keit als „Struktur&shy;ähnlich&shy;keit“ (⊳ [[Isomorphie|Iso&shy;morphie]]) aufge&shy;fasst.<ref>Vgl. hier&shy;zu auch Peirces Aus&shy;füh&shy;run&shy;gen: „Many di&shy;a&shy;grams re&shy;sem&shy;ble their ob&shy;jects not at all in looks; it is only in re&shy;spect to the re&shy;la&shy;tions of their parts that their like&shy;ness con&shy;sists“ (<bib id='Peirce 1998a'>Peirce 1998a</bib>: 2.282).</ref> Dage&shy;gen vermei&shy;det Nelson Goodman in seinen Erläu&shy;terun&shy;gen zum Diagramm den Bezug auf so etwas wie Ähnlich&shy;keit (<bib id='Goodman 1968a'>Goodman 1968a</bib>: S.163ff. u. S.212f.), Christian Stetter folgt ihm darin (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>).  
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Diagramme bzw. diagrammatische Darstellungen kommen in allen möglichen Lebens-, Wissens und Wissenschaftsbereichen zum Einsatz - in der Mathematik und den Naturwissenschaften ebenso wie in den Kulturwissenschaften und selbst in der Philosophie. Das vorliegende bildphilosophische Glossar beruht ja in seiner Struktur selbst auf einer diagrammatischen Begriffskarte, die auf der Portalseite dieses Glossars in einer (um die Unterpunkte) reduzierten Form auch grafisch abgebildet ist: ⊳[[GIB - Glossar der Bildphilosophie:Portal]]
Diagramme bzw. diagramma&shy;tische Darstel&shy;lungen kommen in allen mögli&shy;chen Lebens-, Wissens und Wissen&shy;schaftsbe&shy;reichen zum Einsatz - in der Mathe&shy;matik und den Natur&shy;wissen&shy;schaften eben&shy;so wie in den Kultur&shy;wissen&shy;schaften und selbst in der Philo&shy;sophie. Das vorlie&shy;gende bild&shy;philo&shy;sophi&shy;sche Glossar beruht ja in seiner Struktur selbst auf einer diagram&shy;mati&shy;schen Begriffs&shy;karte, die auf der Portal&shy;seite dieses Glossars in einer (um die Unter&shy;punkte) redu&shy;zierten Form auch grafisch abge&shy;bildet ist: ⊳[[GIB - Glossar der Bildphilosophie:Portal]]


==Strukturmerkmale von Diagrammen==


Die zentralen funktional relevanten Strukturmerkmale von Diagrammen sollen im Folgenden unter drei Stichwortpunkten expliziert und verdeutlicht werden:
==Strukturmerkmale von Dia&shy;gram&shy;men==


===a) Die spezifische Fähigkeit von Diagrammen zur Sichtbarmachung und Veranschaulichung===
Die zentralen funktional rele&shy;vanten Struktur&shy;merkma&shy;le von Diagram&shy;men sollen im Folgen&shy;den unter drei Stichwort&shy;punkten expli&shy;ziert und verdeut&shy;licht werden:
 
===a) Die spezifische Fähigkeit von Dia&shy;gram&shy;men zur Sichtbar&shy;machung und Veran&shy;schauli&shy;chung===
   
   
Diagramme [[Referenz|referieren]]. Sie machen dabei empirische oder auch nicht-empirische Sachverhalte/Verhältnisse sichtbar, die vorher nicht (bzw. nicht auf diese Weise) sichtbar gewesen sind. Auch Nichtvisuelles kann durch sie visuell dargestellt bzw. veranschaulicht werden (⊳ [[Semantik logischer Bilder]]).  
Diagramme [[Referenz|referieren]]. Sie machen dabei empi&shy;rische oder auch nicht-empi&shy;rische Sachver&shy;halte/Ver&shy;hältnis&shy;se sichtbar, die vorher nicht (bzw. nicht auf diese Weise) sichtbar gewe&shy;sen sind. Auch Nicht&shy;visu&shy;elles kann durch sie visu&shy;ell darge&shy;stellt bzw. veran&shy;schaulicht werden (⊳ [[Semantik logischer Bilder|Seman&shy;tik logi&shy;scher Bilder]]).  
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Diagrammatische Veranschaulichungen nutzen dabei einerseits räumliche Strukturen/Lagebeziehungen auf der Schreibfläche (wie links und rechts, oben und unten, gegenseitige Nähe und Ferne) und andererseits die Potentiale der menschlichen [[Gestalt|Gestaltwahrnehmung]] (etwa die Fähigkeiten zum Zusammen- und Auseinandersehen, sowie zum Überblicken), um Sachverhalte/Relationen darzustellen. Diagramme können in diesem Sinne „Übersichten“ und „Überblickswissen“ verschaffen. Zentral insbesondere für Diagramme im engeren - [[Raum und Geometrie|geometrischen]] - Sinne ist die Tatsache, dass hier mit dem Akt der zeichnerisch-räumlichen Darstellung entsprechend der jeweils vorgegebenen Konstruktionsregeln mehr Informationen qua Räumlichkeit/Anschaulichkeit präsent werden, als in den vorgängigen Konstruktionsregeln selber enthalten waren. Diagramme sind aus diesem Grund nicht bloß illustrativ, sondern haben epistemische Funktion.  
Diagrammatische Veranschau&shy;lichungen nutzen dabei einer&shy;seits räumli&shy;che Struktu&shy;ren/La&shy;gebe&shy;ziehun&shy;gen auf der Schreibflä&shy;che (wie »links« und »rechts«, »oben« und »unten«, »gegen&shy;seiti&shy;ge Nähe« und »Ferne«) und ande&shy;rerseits die Poten&shy;tiale der menschli&shy;chen [[Gestalt|Gestalt&shy;wahrneh&shy;mung]] (etwa die Fähig&shy;keiten zum Zusam&shy;men- und Ausein&shy;ander&shy;sehen, sowie zum Über&shy;blicken), um Sachver&shy;halte/Re&shy;latio&shy;nen darzu&shy;stellen. Diagram&shy;me können in diesem Sinne “Über&shy;sichten” und “Über&shy;blickswis&shy;sen” verschaf&shy;fen. Zentral insbe&shy;sonde&shy;re für Diagram&shy;me im enge&shy;ren - [[Raum und Geometrie|geome&shy;trischen]] - Sinne ist die Tatsa&shy;che, dass hier mit dem Akt der zeichne&shy;risch-räumli&shy;chen Darstel&shy;lung entspre&shy;chend der jeweils vorge&shy;gebe&shy;nen Konstruk&shy;tionsre&shy;geln mehr Infor&shy;matio&shy;nen qua Räumlich&shy;keit/An&shy;schaulich&shy;keit präsent werden, als in den vorgän&shy;gigen Konstruk&shy;tionsre&shy;geln selber enthal&shy;ten waren. Diagram&shy;me sind aus diesem Grund nicht bloß illus&shy;trativ, sondern haben epis&shy;temi&shy;sche Funktion.  
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Mit Diagrammen lassen sich Sachverhalte einerseits verdichtet darstellen, andererseits haben sie aber durchaus auch das gegenläufige Potential: dasjenige der Entkomprimierung, Entflechtung, Differenzierung, Auffächerung, Verkomplizierung der Darstellung. Steffen Bogen und Felix Thürlemann weisen vielleicht etwas zu einseitig nur auf den Verdichtungsaspekt bei der Produktion von Diagrammen hin, dem sie als gegenläufigen Aspekt die „diskursive Expansion oder Entfaltung von Diagrammen“ bei deren Rezeption gegenüberstellen (<bib id='Bogen & Thürlemann 2003a'>Bogen & Thürlemann 2003a</bib>: S. 8).<ref>Auf die Probleme, die mit der diagrammatischen Verdichtung einher gehen können, macht Steffen Siegel aufmerksam (<bib id='Siegel 2009a'>Siegel 2009a</bib>: S. 27). </ref>  Der Verweis auf das Verdichtungspotential von Diagrammen sollte insbesondere nicht mit der irrigen Vorstellung verknüpft werden, diagrammatische Darstellungen würden einseitig der bloßen Komplexitätsreduktion dienen. Mit Blick auf die vielfältige Diagrammpraxis lässt sich vielmehr konstatieren: Es gibt zwar Diagramme, deren Zweck es ist, komplexe Sachverhalte – etwa zu didaktischen Zwecken – vereinfacht darzustellen, allerdings gibt es auch solche Diagramme, deren Aufgabe gerade darin besteht, Sachverhalte komplexitäts-erweiternd darzustellen. Manchmal kann eine solche komplexe Darstellung dabei auch „über-komplex“, also unübersichtlich werden.<ref>Einige der von Gerhard Dirmoser entworfenen quadratmetergroßen Diagramme wie das Diagramm „Ein Diagramm ist (k)ein Bild“ (<bib id='Dirmoser 2006a'>Dirmoser 2006a</bib>) bergen schlicht aufgrund ihrer Größe die Gefahr in sich, für den Betrachter ins Unübersichtliche zu kippen. </ref>  „‚Komplexität’ ist (…) eine Funktion des Kommunikations- und Verwendungszwecks“, schreibt Heiner Wilharm (<bib id='Wilharm 1992a'>Wilharm 1992a</bib>).  Komplexitäts-erweiternde Darstellungen, können dabei u.a. der Generierung von neuem Wissen dienen. Beispielsweise können durch die Darstellung eines Sachverhaltes auf der Schreibfläche plötzlich inhaltliche Leerstellen buchstäblich als weiße Flecken auf dem Papier sichtbar werden, die dann zur Bearbeitung drängen. Diagrammatische Darstellungen ermöglichen das sehende bzw. zeichnende Auffinden von neuen Relationen oder von „Zwischengliedern“ (Wittgenstein) durch „Dazwischenschreibung“.<ref>Der Ausdruck „Dazwischenschreibung“ stammt von Petra Gehring (<bib id='Gehring 1992a'>Gehring 1992a</bib>). </ref>
Mit Diagrammen lassen sich Sachver&shy;halte einer&shy;seits verdich&shy;tet darstel&shy;len, ande&shy;rerseits haben sie aber durchaus auch das gegen&shy;läufi&shy;ge Poten&shy;tial: dasje&shy;nige der Entkom&shy;primie&shy;rung, Entflech&shy;tung, Diffe&shy;renzie&shy;rung, Auffä&shy;cherung, Verkom&shy;plizie&shy;rung der Darstel&shy;lung. Steffen Bogen und Felix Thürle&shy;mann weisen vielleicht etwas zu einsei&shy;tig nur auf den Verdich&shy;tungsas&shy;pekt bei der Produk&shy;tion von Diagram&shy;men hin, dem sie als gegen&shy;läufi&shy;gen Aspekt die „diskur&shy;sive Expan&shy;sion oder Entfal&shy;tung von Diagram&shy;men“ bei deren Rezep&shy;tion gegen&shy;über&shy;stellen (<bib id='Bogen & Thürlemann 2003a'>Bogen & Thürle&shy;mann 2003a</bib>: S. 8).<ref>Auf die Pro&shy;b&shy;le&shy;me, die mit der dia&shy;gram&shy;ma&shy;ti&shy;schen Ver&shy;dich&shy;tung ein&shy;her ge&shy;hen kön&shy;nen, macht Stef&shy;fen Sie&shy;gel auf&shy;merk&shy;sam (<bib id='Siegel 2009a'>Sie&shy;gel 2009a</bib>: S. 27). </ref>  Der Verweis auf das Verdich&shy;tungspo&shy;tential von Diagram&shy;men sollte insbe&shy;sonde&shy;re nicht mit der irri&shy;gen Vorstel&shy;lung verknüpft werden, diagram&shy;mati&shy;sche Darstel&shy;lungen würden einsei&shy;tig der bloßen Komple&shy;xitäts&shy;reduk&shy;tion dienen. Mit Blick auf die vielfäl&shy;tige Diagramm&shy;praxis lässt sich vielmehr konsta&shy;tieren: Es gibt zwar Diagram&shy;me, deren Zweck es ist, komple&shy;xe Sachver&shy;halte – etwa zu didak&shy;tischen Zwecken – verein&shy;facht darzu&shy;stellen, aller&shy;dings gibt es auch solche Diagram&shy;me, deren Aufga&shy;be gera&shy;de darin besteht, Sachver&shy;halte komple&shy;xitäts-erwei&shy;ternd darzu&shy;stellen. Manchmal kann eine solche komple&shy;xe Darstel&shy;lung dabei auch “über-komplex”, also un&shy;über&shy;sichtlich werden.<ref>Ei&shy;ni&shy;ge der von Ger&shy;hard Dir&shy;mo&shy;ser ent&shy;wor&shy;fe&shy;nen qua&shy;drat&shy;me&shy;ter&shy;gro&shy;ßen Dia&shy;gram&shy;me wie das Dia&shy;gramm «Ein Dia&shy;gramm ist (k)ein Bild» (<bib id='Dirmoser 2006a'>Dirmo&shy;ser 2006a</bib>) ber&shy;gen schlicht auf&shy;grund ih&shy;rer Grö&shy;ße die Ge&shy;fahr in sich, für den Be&shy;trach&shy;ter ins Un&shy;über&shy;sicht&shy;li&shy;che zu kip&shy;pen. </ref>  „‘Komple&shy;xität’ ist (…) eine Funktion des Kommu&shy;nika&shy;tions- und Verwen&shy;dungszwecks“, schreibt Heiner Wilharm (<bib id='Wilharm 1992a'>Wilharm 1992a</bib>).  Komple&shy;xitäts-erwei&shy;ternde Darstel&shy;lungen, können dabei u.a. der Gene&shy;rierung von neuem Wissen dienen. Beispiels&shy;weise können durch die Darstel&shy;lung eines Sachver&shy;haltes auf der Schreibflä&shy;che plötzlich inhalt&shy;liche Leerstel&shy;len buchstäb&shy;lich als weiße Flecken auf dem Papier sichtbar werden, die dann zur Bear&shy;beitung drängen. Diagram&shy;mati&shy;sche Darstel&shy;lungen ermög&shy;lichen das sehen&shy;de bzw. zeichnen&shy;de Auffin&shy;den von neuen Rela&shy;tionen oder von „Zwischen&shy;gliedern“ (Wittgen&shy;stein) durch „Dazwi&shy;schenschrei&shy;bung“.<ref>Der Aus&shy;druck ‘Da&shy;zwi&shy;schen&shy;schrei&shy;bung’ stammt von Pet&shy;ra Geh&shy;ring (<bib id='Gehring 1992a'>Geh&shy;ring 1992a</bib>). </ref>


===b) Die Syntaktizität von Diagrammen===
===b) Die Syntaktizität von Dia&shy;gram&shy;men===


Im Feld diagrammatischer Phänomene gibt es große Unterschiede in Bezug auf deren ‚[[Pragmatik, Semantik, Syntax|Syntaktizität]]’ bzw. auf die Regelhaftigkeit der Typisierung und des Typengebrauchs. Nicht alle Diagrammtheoretiker würden in Bezug auf Diagramme von einer Syntax reden. Christian Stetter etwa schlägt vor, den Begriff „Syntax“ nur für Schriften, genauer: für Texte zu reservieren, nicht jedoch für Diagramme (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 126f.).  
Im Feld diagrammatischer Phäno&shy;mene gibt es große Unterschiede in Bezug auf deren ‚[[Pragmatik, Semantik, Syntax|Syntaktizität]]’ bzw. auf die Regelhaftigkeit der Typisierung und des Typengebrauchs. Nicht alle Diagrammtheoretiker würden in Bezug auf Diagramme von einer Syntax reden. Christian Stetter etwa schlägt vor, den Begriff „Syntax“ nur für Schriften, genauer: für Texte zu reservieren, nicht jedoch für Diagramme (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 126f.).  
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Andere Diagramm-Theoretiker haben demgegenüber einen weiteren (bzw. schwächeren) Syntax-Begriff. Sybille Krämer etwa spricht – wenn auch in Anführungszeichen – von einer “Syntax” des Diagrammatischen. Für sie ist gerade diese Syntaktizität ein zentrales Kriterium dafür, um bloße Bilder von diagrammatischen Artefakten (Phänomenen „operativer Bildlichkeit“, wie es bei Krämer heißt) unterscheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagrammen die Fähigkeit besitzen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten der Darstellung unterscheiden und entsprechend von vielem absehen zu können (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>: S. 102).<ref>Vgl. hierzu auch Stetter: „Dieses Diagrammatische, mit dem die Logik das Pikturale zu unterwandern beginnt, ist Resultat von Tilgungsoperationen (…)“ (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 121). </ref> Einige Bildtheoretiker präferieren allerdings einen Syntax-Begriff, der sogar so weit (bzw. so schwach) ist, dass er auch auf Bilder angewandt werden kann und sich dann entsprechend nicht zur besonderen Kennzeichnung von Diagrammen eignet.<ref>Klaus Sachs-Hombach etwa gesteht Bildern insgesamt eine „[[Morphologie und Syntax|morphologische Syntax]]“ zu (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-Hombach 2003a</bib>: S. 105-119). Vgl. auch <bib id='Schirra 2007b'></bib>. </ref>   
Andere Diagramm-Theoretiker haben demgegenüber einen weiteren (bzw. schwächeren) Syntax-Begriff. Sybille Krämer etwa spricht – wenn auch in Anführungszeichen – von einer “Syntax” des Diagrammatischen. Für sie ist gerade diese Syntaktizität ein zentrales Kriterium dafür, um bloße Bilder von diagrammatischen Artefakten (Phänomenen „operativer Bildlichkeit“, wie es bei Krämer heißt) unterscheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagrammen die Fähigkeit besitzen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten der Darstellung unterscheiden und entsprechend von vielem absehen zu können (<bib id='Krämer 2009a'>Krämer 2009a</bib>: S. 102).<ref>Vgl. hierzu auch Stetter: „Dieses Diagrammatische, mit dem die Logik das Pikturale zu unterwandern beginnt, ist Resultat von Tilgungsoperationen (…)“ (<bib id='Stetter 2005a'>Stetter 2005a</bib>: S. 121). </ref> Einige Bildtheoretiker präferieren allerdings einen Syntax-Begriff, der sogar so weit (bzw. so schwach) ist, dass er auch auf Bilder angewandt werden kann und sich dann entsprechend nicht zur besonderen Kennzeichnung von Diagrammen eignet.<ref>Klaus Sachs-Hombach etwa gesteht Bildern insgesamt eine „[[Morphologie und Syntax|morphologische Syntax]]“ zu (<bib id='Sachs-Hombach 2003a'>Sachs-Hombach 2003a</bib>: S. 105-119). Vgl. auch <bib id='Schirra 2007b'></bib>. </ref>   

Version vom 29. September 2013, 17:31 Uhr

Unterpunkt zu: Bildmedien


Diagramme und das Feld des Diagram­mati­schen

Es gibt eine Reihe von (im weiten Sinne) Bildern bzw. bildli­chen Darstel­lungen, denen – in den jewei­ligen Gebrauchs­kontex­ten – struktu­relle und funkti­onale Eigen­schaften zukom­men, die sie aus dem Bereich der Bilder in beson­derer Weise heraus­heben. Dazu gehö­ren etwa: Karten, geome­trische Zeichnun­gen, Flussdia­gramme, Graphen, logi­sche Diagram­me (etwa Venn-Diagram­me), Funktions­diagram­me, Pläne, aber auch Mindmaps, Listen, Tabel­len, Begriffs-Tableaus bzw. in gewisser Weise auch gene­rell alle schriftbild­lichen Darstel­lungen. Zu den entspre­chenden spezi­fischen Eigen­schaften dieser Art Bilder gehö­ren insbe­sonde­re deren beson­dere Syntak­tizi­tät und Ope­rati­vität, die sie zugleich in die Nähe ande­rer symbo­lischer Darstel­lungsme­dien, wie Sprache und Schrift rücken, zum Teil sind diese diagram­mati­sche Darstel­lungen sogar direkt mit Schriftzei­chen amal­gamiert. In der Lite­ratur werden unter­schiedli­che Vorschlä­ge gemacht, die genann­ten speziel­len Arten von Bildern unter einen einheit­lichen Begriff zu fassen: etwa als „schema­tische Zeichnun­gen“ bzw. „Schema­ta“ ([Dirmoser 2004a]Dirmoser, Gerhard (2004): Vom Nutzen schematischer Zeichnungen – Teil I.
Webadresse: servus.at/kontext/diagramm/01_Schematanutzen.htm
Nicht angezeigt: letzter Kontrollaufruf: 8.1.2012
), als „Struktur­bilder“ ([Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
) oder eben als „Diagram­me“ bzw. als „das Diagram­mati­sche“ in einem weiten Sinne ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.
). Am stärksten durchge­setzt als Ober­begriff scheint sich dabei der Begriff des Diagramms zu haben, was sich insbe­sonde­re auch daran zeigt, dass sich ein entsprechender Begriff der Diagram­matik etab­liert hat, wobei ‘Diagram­matik’ eben eine Theorie der struktu­rellen und funkti­onalen Eigen­schaften von diagram­matisch-schema­tischen Arte­fakten in diesem weite­ren Sinne meint.

Folgt man dieser extensional ausge­weite­ten Verwen­dung des Audrucks ‘Diagramm’ bzw. des ‘Diagram­mati­schen’, setzt dies natür­lich zugleich voraus, dass man die Diffe­renz zu den Diagramm­begrif­fen im enge­ren Sinne präsent hält: Wir unter­scheiden ja normal­sprachlich zwischen beispiels­weise Karten und Tabel­len einer­seits und Diagram­men im enge­ren Sinne (als geome­trischen Darstel­lungen, als logi­schen Diagram­men, Fluss- und Funktions­diagram­men) ande­rerseits. Trotzdem scheinen eine Reihe von markan­ten struktu­rellen und funkti­onalen Eigen­schaften eben sowohl für Diagram­me im enge­ren als auch für solche im weite­ren Sinne zuzu­treffen, struktu­relle und funktio­nale Eigen­schaften, die zumin­dest fami­lienähn­lich über­lappend den Bereich der als ‘diagram­matisch’ auszu­zeichnen­den Phäno­mene konsti­tuieren.

Bei Diagrammen im weiteren Sinne handelt es sich um mehr oder minder abstrak­te grafi­sche Darstel­lungen von Daten oder Sachver­halten, die Bezie­hungen und Verhält­nisse aufzei­gen und die im Mit- bzw. Nachvoll­zug der grafi­schen Darstel­lung zugleich Möglich­keiten der Rekon­figu­ration dieser Bezie­hungen und Verhält­nisse offen­legen. Diagram­me können so einer­seits didak­tische als auch heuris­tisch-epis­temi­sche Funkti­onen erfül­len. Sie haben abbil­denden, reprä­senta­tiven Charak­ter, der von einer Reihe von Diagramm­theore­tikern im Anschluss an Charles Sanders Peirce unter Rückgriff auf den Begriff der Iko­nizi­tät bzw. „Ähnlich­keit“ erläu­tert wird ([Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007): Diagrammatology. An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics. Springer, Dordrecht.
). Dabei wird diese Ähnlich­keit als „Struktur­ähnlich­keit“ (⊳ Iso­morphie) aufge­fasst.[1] Dage­gen vermei­det Nelson Goodman in seinen Erläu­terun­gen zum Diagramm den Bezug auf so etwas wie Ähnlich­keit ([Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.
Notiz: 2. rev. Aufl. 1976
Nicht angezeigt: dt.: Sprachen der Kunst. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998
: S.163ff. u. S.212f.), Christian Stetter folgt ihm darin ([Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.
).

Diagramme bzw. diagramma­tische Darstel­lungen kommen in allen mögli­chen Lebens-, Wissens und Wissen­schaftsbe­reichen zum Einsatz - in der Mathe­matik und den Natur­wissen­schaften eben­so wie in den Kultur­wissen­schaften und selbst in der Philo­sophie. Das vorlie­gende bild­philo­sophi­sche Glossar beruht ja in seiner Struktur selbst auf einer diagram­mati­schen Begriffs­karte, die auf der Portal­seite dieses Glossars in einer (um die Unter­punkte) redu­zierten Form auch grafisch abge­bildet ist: ⊳GIB - Glossar der Bildphilosophie:Portal


Strukturmerkmale von Dia­gram­men

Die zentralen funktional rele­vanten Struktur­merkma­le von Diagram­men sollen im Folgen­den unter drei Stichwort­punkten expli­ziert und verdeut­licht werden:

a) Die spezifische Fähigkeit von Dia­gram­men zur Sichtbar­machung und Veran­schauli­chung

Diagramme referieren. Sie machen dabei empi­rische oder auch nicht-empi­rische Sachver­halte/Ver­hältnis­se sichtbar, die vorher nicht (bzw. nicht auf diese Weise) sichtbar gewe­sen sind. Auch Nicht­visu­elles kann durch sie visu­ell darge­stellt bzw. veran­schaulicht werden (⊳ Seman­tik logi­scher Bilder).

Diagrammatische Veranschau­lichungen nutzen dabei einer­seits räumli­che Struktu­ren/La­gebe­ziehun­gen auf der Schreibflä­che (wie »links« und »rechts«, »oben« und »unten«, »gegen­seiti­ge Nähe« und »Ferne«) und ande­rerseits die Poten­tiale der menschli­chen Gestalt­wahrneh­mung (etwa die Fähig­keiten zum Zusam­men- und Ausein­ander­sehen, sowie zum Über­blicken), um Sachver­halte/Re­latio­nen darzu­stellen. Diagram­me können in diesem Sinne “Über­sichten” und “Über­blickswis­sen” verschaf­fen. Zentral insbe­sonde­re für Diagram­me im enge­ren - geome­trischen - Sinne ist die Tatsa­che, dass hier mit dem Akt der zeichne­risch-räumli­chen Darstel­lung entspre­chend der jeweils vorge­gebe­nen Konstruk­tionsre­geln mehr Infor­matio­nen qua Räumlich­keit/An­schaulich­keit präsent werden, als in den vorgän­gigen Konstruk­tionsre­geln selber enthal­ten waren. Diagram­me sind aus diesem Grund nicht bloß illus­trativ, sondern haben epis­temi­sche Funktion.

Mit Diagrammen lassen sich Sachver­halte einer­seits verdich­tet darstel­len, ande­rerseits haben sie aber durchaus auch das gegen­läufi­ge Poten­tial: dasje­nige der Entkom­primie­rung, Entflech­tung, Diffe­renzie­rung, Auffä­cherung, Verkom­plizie­rung der Darstel­lung. Steffen Bogen und Felix Thürle­mann weisen vielleicht etwas zu einsei­tig nur auf den Verdich­tungsas­pekt bei der Produk­tion von Diagram­men hin, dem sie als gegen­läufi­gen Aspekt die „diskur­sive Expan­sion oder Entfal­tung von Diagram­men“ bei deren Rezep­tion gegen­über­stellen ([Bogen & Thürlemann 2003a]Bogen, Steffen & Thürlemann, Felix (2003): Jenseits der Opposition von Text und Bild. In: Patschovsky, A. (Hg.), Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore: Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Jan Thorbecke, Ostfildern.
: S. 8).[2] Der Verweis auf das Verdich­tungspo­tential von Diagram­men sollte insbe­sonde­re nicht mit der irri­gen Vorstel­lung verknüpft werden, diagram­mati­sche Darstel­lungen würden einsei­tig der bloßen Komple­xitäts­reduk­tion dienen. Mit Blick auf die vielfäl­tige Diagramm­praxis lässt sich vielmehr konsta­tieren: Es gibt zwar Diagram­me, deren Zweck es ist, komple­xe Sachver­halte – etwa zu didak­tischen Zwecken – verein­facht darzu­stellen, aller­dings gibt es auch solche Diagram­me, deren Aufga­be gera­de darin besteht, Sachver­halte komple­xitäts-erwei­ternd darzu­stellen. Manchmal kann eine solche komple­xe Darstel­lung dabei auch “über-komplex”, also un­über­sichtlich werden.[3] „‘Komple­xität’ ist (…) eine Funktion des Kommu­nika­tions- und Verwen­dungszwecks“, schreibt Heiner Wilharm ([Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta.
). Komple­xitäts-erwei­ternde Darstel­lungen, können dabei u.a. der Gene­rierung von neuem Wissen dienen. Beispiels­weise können durch die Darstel­lung eines Sachver­haltes auf der Schreibflä­che plötzlich inhalt­liche Leerstel­len buchstäb­lich als weiße Flecken auf dem Papier sichtbar werden, die dann zur Bear­beitung drängen. Diagram­mati­sche Darstel­lungen ermög­lichen das sehen­de bzw. zeichnen­de Auffin­den von neuen Rela­tionen oder von „Zwischen­gliedern“ (Wittgen­stein) durch „Dazwi­schenschrei­bung“.[4]

b) Die Syntaktizität von Dia­gram­men

Im Feld diagrammatischer Phäno­mene gibt es große Unterschiede in Bezug auf deren ‚Syntaktizität’ bzw. auf die Regelhaftigkeit der Typisierung und des Typengebrauchs. Nicht alle Diagrammtheoretiker würden in Bezug auf Diagramme von einer Syntax reden. Christian Stetter etwa schlägt vor, den Begriff „Syntax“ nur für Schriften, genauer: für Texte zu reservieren, nicht jedoch für Diagramme ([Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.
: S. 126f.).

Andere Diagramm-Theoretiker haben demgegenüber einen weiteren (bzw. schwächeren) Syntax-Begriff. Sybille Krämer etwa spricht – wenn auch in Anführungszeichen – von einer “Syntax” des Diagrammatischen. Für sie ist gerade diese Syntaktizität ein zentrales Kriterium dafür, um bloße Bilder von diagrammatischen Artefakten (Phänomenen „operativer Bildlichkeit“, wie es bei Krämer heißt) unterscheiden zu können. Anders als beim Bilder-Sehen muss man beim Sehen von Diagrammen die Fähigkeit besitzen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten der Darstellung unterscheiden und entsprechend von vielem absehen zu können ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.
: S. 102).[5] Einige Bildtheoretiker präferieren allerdings einen Syntax-Begriff, der sogar so weit (bzw. so schwach) ist, dass er auch auf Bilder angewandt werden kann und sich dann entsprechend nicht zur besonderen Kennzeichnung von Diagrammen eignet.[6] Jedoch gibt es auch bei diagrammatischen Darstellungen Unterschiede, was die Strenge der Syntax angeht. Bei einigen Diagrammen gibt es sehr klare Regeln für deren korrekte Erstellung und Lesung. Verfahren wie die Vorformatierung der diagrammatischen Inskriptionsflächen durch Koordinatensysteme, in die dann Messwerte eingetragen werden, kreieren eine solche relativ strenge Syntax. Für logische Diagramme (etwa die ikonische Logik von Peirce[7]) gilt dies in noch stärkerem Maße. Demgegenüber gibt es jedoch auch diagrammatische Darstellungen, die einer weniger strengen Syntax folgen. Das heißt: dort existieren recht freie, offene, provisorische bzw. transitorische Regeln der Produktion und der Lektüre dieser Diagramme.[8] Als Laboratorien epistemischen Schreibens/Zeichnens etwa sind diese Arten diagrammatischer Artefakte oftmals sogar gerade darauf angelegt, spielerisch zu verfremden und dabei möglichst viele kreative Assoziations- und Interpretationsspielräume zu eröffnen.[9]

c) Die Operativität und Pragmatik von Diagrammen

Ein dritter wesentlicher Aspekt ist die „Operativität“ der Diagramme (bzw. des „Diagrammatischen“) und deren – insbesondere auch im Vergleich zu Bildern – besondere pragmatische Dimension. „Diagramme muss man sich (…) immer auch vom Prozess der Produktion her verständlich machen. Die Geste der Setzung oder das Verfahren der Einschreibung müssen als integraler Bestandteil der Repräsentation mitgedacht werden“, schreibt Steffen Bogen ([Bogen 2005b]Bogen, Steffen (2005): Schattenriss und Sonnenuhr. Überlegungen zu einer kunsthistorischen Diagrammatik. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 68, 2.
: S. 164). Wer diagrammatische Darstellungen begreifen will – so Heiner Willharm –

vollzieht sie oder vollzieht sie nach. Er richtet sich eine Zeitlang im Raum der Darstellung ein ([Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta.
: S. 151).

Sybille Krämer sieht das Diagrammatische nicht nur als Anschauungsmedium, sondern zugleich auch als „Werkzeug“ und „“Reflexionsinstrument”“ ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.
: S. 104). Schriften, Graphen, Karten stellen nicht nur etwas dar, „sondern eröffnen damit Räume, um das Dargestellte auch zu handhaben, zu beobachten, zu explorieren“ ([Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.
: S. 104). Diagrammatische Darstellungen sind performativ. Indem man an Diagrammen graphische Manipulationen vollzieht bzw. nachvollzieht, wird etwas sichtbar, einsichtig und übersichtlich, was vorher nicht sichtbar, einsichtig bzw. übersichtlich war. Diagramme müssen, so könnte man Wittgenstein adaptierend formulieren, immer als „Diagrammspiele“ aufgefasst, also aus der Praxis des Umgangs mit ihnen verständlich gemacht werden. Für einige Diagramm-Theoretiker beruht die Stärke der Diagramme sogar auf deren besonderer ‚pragmatischer Potenz’:

Mehr als andere Diskursformen sind Diagramme daraufhin angelegt, Nachfolgehandlungen nach sich zu ziehen. ([Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta.
: S. 158)


Zur Materialität der Diagramme

Abschließend noch zwei Bemerkungen zur Materialität der Diagramme und damit noch einmal zur Extension des Diagramm- bzw. des Diagrammatik-Begriffs:

Diagramme werden – wie Bilder – von den meisten Autoren des Diagrammatik-Diskurses primär als zweidimensionale Artefakte verstanden. Natürlich ist auch diese Fokussierung eine begriffliche Entscheidung, deren Konsequenzen bedacht werden müssen; genauso wie es in Bezug auf das Phänomen Bild eine begriffliche Entscheidung ist (deren Kosten-Nutzen-Bilanz man abzuwägen hat), den Begriff des Bildes eng mit der Zweidimensionalität der Bildfläche zu verkoppeln und Bilder im engeren Sinne von den dreidimensionalen Bildern – etwa Werken der Plastik innerhalb der bildenden Kunst – abzugrenzen. Analoges lässt sich auch für die Verwendung des Begriff „Diagramm“ sagen: Eine Reihe von funktionalen Eigenschaften des Diagrammatischen trifft durchaus auch für bestimmte dreidimensionale Artefakte zu. Man denke an dreidimensionale Strukturmodelle, wie das DNS-Modell das Watson und Crick entwickelt – und das heißt auch: real in 3D gebastelt – haben. Andererseits spricht aber auch vieles dafür, die besondere Übersichtlichkeit, die der Blick von oben auf eine zweidimensionale Diagramm-Darstellungsfläche ermöglicht, und die besonders einfachen (grafischen) Rekonfigurationsmöglichkeiten von Elementen eines Diagramms auf der Schreibfläche auch begrifflich hervorzuheben.

Es gibt eine Reihe von Autoren, die zum Teil mit explizitem Bezug auf Peirces Konzept des „diagrammatic reasoning“ dafür plädieren, den Begriff des Diagramms, des Diagrammatischen bzw. den Begriff der „Diagrammatik“ in stark entgrenzender Weise – zum Teil bis ins Immaterielle des Geistes hinein – auszuweiten. Diagrammatische Strukturen und Operationen werden dann nicht nur in jeglicher Art von symbolischen Darstellungen – in Texten ([Reichert 2011a]Reichert, André (2011): Diagrammatik als Präphilosophie und Metaphysik. Von einer schriftbildlichen Perspektive zu einer Perspektivierung von Schriftbildlichkeit. In: Krämer, S. & Giertler, M. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Fink, Paderborn.
Notiz: Sprache und Literatur, Themenheft, 107/2011
), Filmen, Bildern, Sounds – aufzufinden versucht, sondern z.B. auch in der menschlichen Kognition selber verortet ([Bauer & Ernst 2010a]Bauer, Matthias & Ernst, Christoph (2010): Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. transcript, Bielefeld.
, [Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007): Diagrammatology. An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics. Springer, Dordrecht.
). Auch hier gilt es jedoch, die Kosten und den Nutzen dieser Ausweitung bzw. dieser stärker metaphorischen Verwendung des Begriffs abwägend im Auge zu behalten ([Birk 2012b]Birk, Elisabeth (2012): Review to: Frederik Stjernfelt: Diagrammatology: An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics, New York 2007.
Webadresse: linguistlist.org/pubs/reviews/get-review.cfm?SubID=197848
Nicht angezeigt: letzter Kontrollaufruf: 8.1.2012
).

Anmerkungen
  1. ↑ Vgl. hier­zu auch Peirces Aus­füh­run­gen: „Many di­a­grams re­sem­ble their ob­jects not at all in looks; it is only in re­spect to the re­la­tions of their parts that their like­ness con­sists“ ([Peirce 1998a]Peirce, Charles S. (1998): Collected Papers, Vol. 2: Elements of Logic. Thoemmes, Bristol.
    Nicht angezeigt: ed. by Charles Hartshorne and Paul Weiss
    : 2.282).
  2. ↑ Auf die Pro­b­le­me, die mit der dia­gram­ma­ti­schen Ver­dich­tung ein­her ge­hen kön­nen, macht Stef­fen Sie­gel auf­merk­sam ([Siegel 2009a]Siegel, Steffen (2009): TABULA. Figuren der Ordnung um 1600. Akademie, Berlin.
    : S. 27).
  3. ↑ Ei­ni­ge der von Ger­hard Dir­mo­ser ent­wor­fe­nen qua­drat­me­ter­gro­ßen Dia­gram­me wie das Dia­gramm «Ein Dia­gramm ist (k)ein Bild» ([Dirmoser 2006a]Dirmoser, Gerhard (2006): Ein Diagramm ist (k)ein Bild.
    Webadresse: servus.at/kontext/diagramm/Diagrammbild_3_0_D.pdf
    Nicht angezeigt: letzter Kontrollaufruf: 8.1.2012
    ) ber­gen schlicht auf­grund ih­rer Grö­ße die Ge­fahr in sich, für den Be­trach­ter ins Un­über­sicht­li­che zu kip­pen.
  4. ↑ Der Aus­druck ‘Da­zwi­schen­schrei­bung’ stammt von Pet­ra Geh­ring ([Gehring 1992a]Gehring, Petra (1992): Paradigma einer Methode. Der Begriff des Diagramms im Strukturdenken von M. Foucault und M. Serres. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W. M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam, Atlanta.
    ).
  5. ↑ Vgl. hierzu auch Stetter: „Dieses Diagrammatische, mit dem die Logik das Pikturale zu unterwandern beginnt, ist Resultat von Tilgungsoperationen (…)“ ([Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.
    : S. 121).
  6. ↑ Klaus Sachs-Hombach etwa gesteht Bildern insgesamt eine „morphologische Syntax“ zu ([Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.
    : S. 105-119). Vgl. auch [Schirra 2007b]Schirra, Jörg R.J. (2007): Computational Visualistics and Picture Morphology. An Introduction. In: Schirra, J.R.J. (Hg.), Computational Visualistics and Picture Morphology. Halem, Köln.
    Webadresse: www.jrjs.de/Work/Papers/P07/P07-3/index.html
    Nicht angezeigt: Themenheft von Image 5
    .
  7. ↑ Vgl. hierzu die Darstellung von Sun-Joo Shin: [Shin 2002a]Shin, Sun-Joo (2002): The Iconic Logic of Peirce’s Graphs. MIT Press, Bradford, Cambridge, Ma.
    .
  8. ↑ „Folglich ist bzw. wird die “Sprache” der diagrammatischen Repräsentation nur vorübergehend und provisorisch fixiert. Es reicht, dass gesagt bzw. gezeigt werden kann, was man sagen bzw. zeigen will.“ ([Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta.
    : S. 138).
  9. ↑ Diagrammatische Darstellungen „geben uns die Chance, die Modelle zu wechseln, um neue Ansichten auszuprobieren.“ ([Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta.
    : S. 141).
Literatur
[Bauer & Ernst 2010a]Bauer, Matthias & Ernst, Christoph (2010): Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. transcript, Bielefeld.[Birk 2012b]Birk, Elisabeth (2012): Review to: Frederik Stjernfelt: Diagrammatology: An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics, New York 2007.[Bogen & Thürlemann 2003a]Bogen, Steffen & Thürlemann, Felix (2003): Jenseits der Opposition von Text und Bild. In: Patschovsky, A. (Hg.), Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore: Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Jan Thorbecke, Ostfildern.[Bogen 2005b]Bogen, Steffen (2005): Schattenriss und Sonnenuhr. Überlegungen zu einer kunsthistorischen Diagrammatik. Zeitschrift für Kunstgeschichte, 68, 2.[Dirmoser 2004a]Dirmoser, Gerhard (2004): Vom Nutzen schematischer Zeichnungen – Teil I.[Dirmoser 2006a]Dirmoser, Gerhard (2006): Ein Diagramm ist (k)ein Bild.[Gehring 1992a]Gehring, Petra (1992): Paradigma einer Methode. Der Begriff des Diagramms im Strukturdenken von M. Foucault und M. Serres. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W. M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam, Atlanta.[Goodman 1968a]Goodman, Nelson (1968): Languages of Art. Hackett, Indianapolis.[Krämer 2009a]Krämer, Sybille (2009): Operative Bildlichkeit: Von der Grammatologie zu einer Diagrammatologie? Reflexionen über erkennendes ‚Sehen’. In: Heßler, M. & Mersch, D. (Hg.), Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. transcript, Bielefeld.[Peirce 1998a]Peirce, Charles S. (1998): Collected Papers, Vol. 2: Elements of Logic. Thoemmes, Bristol.[Reichert 2011a]Reichert, André (2011): Diagrammatik als Präphilosophie und Metaphysik. Von einer schriftbildlichen Perspektive zu einer Perspektivierung von Schriftbildlichkeit. In: Krämer, S. & Giertler, M. (Hg.), Schriftbildlichkeit. Fink, Paderborn.[Sachs-Hombach 2003a]Sachs-Hombach, Klaus (2003): Das Bild als kommu­nika­tives Medium. Ele­mente einer allge­meinen Bild­wissen­schaft. Halem, Köln.[Schirra 2007b]Schirra, Jörg R.J. (2007): Computational Visualistics and Picture Morphology. An Introduction. In: Schirra, J.R.J. (Hg.), Computational Visualistics and Picture Morphology. Halem, Köln.[Shin 2002a]Shin, Sun-Joo (2002): The Iconic Logic of Peirce’s Graphs. MIT Press, Bradford, Cambridge, Ma.[Siegel 2009a]Siegel, Steffen (2009): TABULA. Figuren der Ordnung um 1600. Akademie, Berlin.[Stetter 2005a]Stetter, Christian (2005): Bild, Diagramm, Schrift. In: Grube, G. & Kogge, W. & Krämer, S. (Hg.), Schrift. Kulturtechnik zwischen Auge, Hand und Maschine. Fink, München.[Stjernfelt 2007a]Stjernfelt, Frederik (2007): Diagrammatology. An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology, and Semiotics. Springer, Dordrecht.[Wilharm 1992a]Wilharm, Heiner (1992): Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. In: Gehring, P.; Keutner, T.; Maas, J.F. & Ueding, W.M. (Hg.), Diagrammatik und Philosophie. Rodopi, Amsterdam & Atlanta.

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