Exkurs:Handlungen: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Glossar der Bildphilosophie
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[[Datei:Hierarchie Handlung.jpg|thumb|Ab­bil­dung 1: Hi­e­r­ar­chi­sche Ein­bet­tung der bei­den Hand­lungs­be­grif­fe und ihr Um­feld]]
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Handlungen werden in der Regel bloßem Verhal&shy;ten gegen&shy;über&shy;gestellt, wobei der Unter&shy;schied zu letzte&shy;rem in dem dabei ''bewusst'' verfolg&shy;ten Ziel, dem vom Handeln&shy;den selbst erkann&shy;ten Zweck der Handlung liegt (vgl. etwa <bib id='Weber 2005a'></bib>).<ref>Sie&shy;he auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Handeln Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Han&shy;deln].</ref> Für eini&shy;ge Frage&shy;stellun&shy;gen sollte diesem ''engen'' Handlungs&shy;begriff aller&shy;dings eine weiter gefass&shy;te Konzep&shy;tion zur Seite gestellt werden. Setzt der Handlungs&shy;begriff nämlich das bewuss&shy;te Setzten von Zielen und damit ''Selbstbe&shy;wusstsein'' voraus, so müssen handlungs&shy;theore&shy;tische Versu&shy;che der begriff&shy;lichen Erklä&shy;rung von Selbstbe&shy;wusstsein zirku&shy;lär werden. Kommt hinge&shy;gen nicht allen Handlun&shy;gen bereits Selbstbe&shy;wusstsein zu, erge&shy;ben sich Möglich&shy;keiten, bestimm&shy;te Konstel&shy;lati&shy;onen von Handlun&shy;gen im weite&shy;ren Sinn als Basis für Handlun&shy;gen im engen Sinn und damit für die Einfüh&shy;rung des Begriffs »Selbstbe&shy;wusstsein« zu nutzen.<ref>Ei&shy;ne der&shy;ar&shy;ti&shy;ge hand&shy;lungs&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Um&shy;deu&shy;tung der Be&shy;grif&shy;fe für Psy&shy;chi&shy;sches bil&shy;det den Hin&shy;ter&shy;grund des [[Linguistic turn, pictorial turn, medial turn|''lin&shy;gu&shy;is&shy;tic turn'']] (vgl. <bib id='Ros 1989/90a'></bib>: ...).</ref>  
Hand&shy;lun&shy;gen wer&shy;den in der Re&shy;gel blo&shy;ßem Ver&shy;hal&shy;ten ge&shy;gen&shy;über&shy;ge&shy;stellt, wo&shy;bei der Un&shy;ter&shy;schied zu letz&shy;te&shy;rem in dem da&shy;bei ''be&shy;wusst'' ver&shy;folg&shy;ten Ziel, dem vom Han&shy;deln&shy;den selbst er&shy;kann&shy;ten Zweck der Hand&shy;lung liegt (vgl. etwa <bib id='Weber 2005a'>We&shy;ber 2005a</bib>).<ref>Sie&shy;he auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Handeln Wi&shy;ki&shy;pe&shy;dia: Han&shy;deln].</ref> Für ei&shy;ni&shy;ge Fra&shy;ge&shy;stel&shy;lun&shy;gen soll&shy;te die&shy;sem ''en&shy;gen'' Hand&shy;lungs&shy;be&shy;griff al&shy;ler&shy;dings ei&shy;ne wei&shy;ter ge&shy;fass&shy;te Kon&shy;zep&shy;ti&shy;on zur Sei&shy;te ge&shy;stellt wer&shy;den. Setzt der Hand&shy;lungs&shy;be&shy;griff näm&shy;lich das be&shy;wuss&shy;te Set&shy;zen von Zie&shy;len und da&shy;mit ''Selbst&shy;be&shy;wusst&shy;sein'' vo&shy;r&shy;aus, so müs&shy;sen hand&shy;lungs&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Ver&shy;su&shy;che der be&shy;griff&shy;li&shy;chen Er&shy;klä&shy;rung von Selbst&shy;be&shy;wusst&shy;sein zir&shy;ku&shy;lär wer&shy;den. Kommt hin&shy;ge&shy;gen nicht al&shy;len Hand&shy;lun&shy;gen be&shy;reits Selbst&shy;be&shy;wusst&shy;sein zu, er&shy;ge&shy;ben sich Mög&shy;lich&shy;kei&shy;ten, be&shy;stimm&shy;te Kon&shy;stel&shy;la&shy;ti&shy;o&shy;nen von Hand&shy;lun&shy;gen im wei&shy;te&shy;ren Sinn als Ba&shy;sis für Hand&shy;lun&shy;gen im en&shy;gen Sinn und da&shy;mit für die Ein&shy;füh&shy;rung des Be&shy;griffs »Selbst&shy;be&shy;wusst&shy;sein« zu nut&shy;zen.<ref>Ei&shy;ne der&shy;ar&shy;ti&shy;ge hand&shy;lungs&shy;the&shy;o&shy;re&shy;ti&shy;sche Um&shy;deu&shy;tung der Be&shy;grif&shy;fe für Psy&shy;chi&shy;sches bil&shy;det den Hin&shy;ter&shy;grund des [[Linguistic turn, pictorial turn, medial turn|''lin&shy;gu&shy;is&shy;tic turn'']] (vgl. <bib id='Ros 1989/90a'></bib>: ...).</ref>  
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Verhalten überhaupt und auch die beiden Hand&shy;lungsbe&shy;griffe zeichnen sich durch das Vorhan&shy;densein eines ''Akti&shy;vitäts&shy;trägers'' aus. Eine beson&shy;dere Form des Verhal&shy;tens ist das von ''biolo&shy;gischen'' Akti&shy;vitäts&shy;trägern (vgl. Abb. 1). Während dem Verhal&shy;ten unbe&shy;lebter Akti&shy;vitäts&shy;träger, beispiels&shy;weise arti&shy;kuliert mit einem Satz wie ‘der Stein rollt ins Tal’, keine durch evo&shy;lutio&shy;näre Prozes&shy;se etab&shy;lierten Zwecke zuge&shy;schrieben werden, trifft das für das Verhal&shy;ten im enge&shy;ren Sinne, nämlich von Lebe&shy;wesen, durchaus zu, auch wenn deren Akti&shy;vitäts&shy;träger weit davon entfernt sind, diese Zwecke selbst bewusst zu verfol&shy;gen: etwa ‘eine Pflanze blüht’ zum Zwecke der Fortpflan&shy;zung.<ref>Ge&shy;nau&shy;er ge&shy;sagt: Die Ak&shy;ti&shy;vi&shy;täts&shy;trä&shy;ger sind bei Ver&shy;hal&shy;ten im en&shy;ge&shy;ren Sinn, das nicht be&shy;reits ein Han&shy;deln im wei&shy;te&shy;ren Sinn ist, tat&shy;säch&shy;lich nicht die be&shy;trach&shy;te&shy;ten Le&shy;be&shy;we&shy;sen ins&shy;ge&shy;samt, son&shy;dern das ei&shy;ne oder an&shy;de&shy;re ih&shy;rer funk&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;len Tei&shy;le. In der For&shy;mu&shy;lie&shy;rung ei&shy;nes sol&shy;chen Ver&shy;hal&shy;tens, et&shy;wa ‘das Tier at&shy;met’ ver&shy;weist das Sub&shy;jekt ei&shy;gent&shy;lich da&shy;rauf, dass der ''Zweck'' der be&shy;trach&shy;te&shy;ten Ak&shy;ti&shy;vi&shy;tät der ent&shy;spre&shy;chen&shy;den funk&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;len Tei&shy;le (Lun&shy;gen, etc.) auf das Tier als Gan&shy;zes ge&shy;rich&shy;tet ist (da&shy;mit näm&shy;lich das Tier über&shy;lebt).</ref>
Verhalten überhaupt und auch die beiden Hand&shy;lungsbe&shy;griffe zeichnen sich durch das Vorhan&shy;densein eines ''Akti&shy;vitäts&shy;trägers'' aus. Eine beson&shy;dere Form des Verhal&shy;tens ist das von ''biolo&shy;gischen'' Akti&shy;vitäts&shy;trägern (vgl. Abb. 1). Während dem Verhal&shy;ten unbe&shy;lebter Akti&shy;vitäts&shy;träger, beispiels&shy;weise arti&shy;kuliert mit einem Satz wie ‘der Stein rollt ins Tal’, keine durch evo&shy;lutio&shy;näre Prozes&shy;se etab&shy;lierten Zwecke zuge&shy;schrieben werden, trifft das für das Verhal&shy;ten im enge&shy;ren Sinne, nämlich von Lebe&shy;wesen, durchaus zu, auch wenn deren Akti&shy;vitäts&shy;träger weit davon entfernt sind, diese Zwecke selbst bewusst zu verfol&shy;gen: etwa ‘eine Pflanze blüht’ zum Zwecke der Fortpflan&shy;zung.<ref>Ge&shy;nau&shy;er ge&shy;sagt: Die Ak&shy;ti&shy;vi&shy;täts&shy;trä&shy;ger sind bei Ver&shy;hal&shy;ten im en&shy;ge&shy;ren Sinn, das nicht be&shy;reits ein Han&shy;deln im wei&shy;te&shy;ren Sinn ist, tat&shy;säch&shy;lich nicht die be&shy;trach&shy;te&shy;ten Le&shy;be&shy;we&shy;sen ins&shy;ge&shy;samt, son&shy;dern das ei&shy;ne oder an&shy;de&shy;re ih&shy;rer funk&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;len Tei&shy;le. In der For&shy;mu&shy;lie&shy;rung ei&shy;nes sol&shy;chen Ver&shy;hal&shy;tens, et&shy;wa ‘das Tier at&shy;met’ ver&shy;weist das Sub&shy;jekt ei&shy;gent&shy;lich da&shy;rauf, dass der ''Zweck'' der be&shy;trach&shy;te&shy;ten Ak&shy;ti&shy;vi&shy;tät der ent&shy;spre&shy;chen&shy;den funk&shy;ti&shy;o&shy;na&shy;len Tei&shy;le (Lun&shy;gen, etc.) auf das Tier als Gan&shy;zes ge&shy;rich&shy;tet ist (da&shy;mit näm&shy;lich das Tier über&shy;lebt).</ref>

Version vom 8. September 2013, 17:25 Uhr

Exkurs zu: Bildrezeption als Kommunikationsprozess, Interaktion und Kommunikation


Verschieden weit gefasste Handlungs­begrif­fe

Ab­bil­dung 1: Hi­e­r­ar­chi­sche Ein­bet­tung der bei­den Hand­lungs­be­grif­fe und ihr Um­feld

Hand­lun­gen wer­den in der Re­gel blo­ßem Ver­hal­ten ge­gen­über­ge­stellt, wo­bei der Un­ter­schied zu letz­te­rem in dem da­bei be­wusst ver­folg­ten Ziel, dem vom Han­deln­den selbst er­kann­ten Zweck der Hand­lung liegt (vgl. etwa [Weber 2005a]Weber, Max (2005): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Zweitausendeins, Frankfurt/M.
Notiz: (Orig.: 1921/22)
Nicht angezeigt: Zwei Teile in einem Band; Hrsg. von Alexander Ulfig
).[1] Für ei­ni­ge Fra­ge­stel­lun­gen soll­te die­sem en­gen Hand­lungs­be­griff al­ler­dings ei­ne wei­ter ge­fass­te Kon­zep­ti­on zur Sei­te ge­stellt wer­den. Setzt der Hand­lungs­be­griff näm­lich das be­wuss­te Set­zen von Zie­len und da­mit Selbst­be­wusst­sein vo­r­aus, so müs­sen hand­lungs­the­o­re­ti­sche Ver­su­che der be­griff­li­chen Er­klä­rung von Selbst­be­wusst­sein zir­ku­lär wer­den. Kommt hin­ge­gen nicht al­len Hand­lun­gen be­reits Selbst­be­wusst­sein zu, er­ge­ben sich Mög­lich­kei­ten, be­stimm­te Kon­stel­la­ti­o­nen von Hand­lun­gen im wei­te­ren Sinn als Ba­sis für Hand­lun­gen im en­gen Sinn und da­mit für die Ein­füh­rung des Be­griffs »Selbst­be­wusst­sein« zu nut­zen.[2]

Verhalten überhaupt und auch die beiden Hand­lungsbe­griffe zeichnen sich durch das Vorhan­densein eines Akti­vitäts­trägers aus. Eine beson­dere Form des Verhal­tens ist das von biolo­gischen Akti­vitäts­trägern (vgl. Abb. 1). Während dem Verhal­ten unbe­lebter Akti­vitäts­träger, beispiels­weise arti­kuliert mit einem Satz wie ‘der Stein rollt ins Tal’, keine durch evo­lutio­näre Prozes­se etab­lierten Zwecke zuge­schrieben werden, trifft das für das Verhal­ten im enge­ren Sinne, nämlich von Lebe­wesen, durchaus zu, auch wenn deren Akti­vitäts­träger weit davon entfernt sind, diese Zwecke selbst bewusst zu verfol­gen: etwa ‘eine Pflanze blüht’ zum Zwecke der Fortpflan­zung.[3]

Handlungen im weiten Sinn stehen zwischen solchem Verhal­ten (im enge­ren Sinn) und Handlun­gen im engen Sinn: Dem biolo­gischen Akti­vitäts­träger soll, wenn schon kein Selbst­bewusst­sein, so doch Bewusst­sein – insbe­sonde­re einfa­che Formen von Kogni­tionen und Inten­tionen – zuge­schrieben werden können.[4] Ein Beobach­ter verschränkt dabei die gegen­wärtig beobacht­bare Akti­vität des Akti­vitäts­trägers mit voraus­gegan­genen (vor allem bei Kogni­tionen) und zukünf­tigen (vor allem bei Inten­tionen) Akti­vitä­ten, die dabei von ihm als eine Einheit verstan­den werden. Eine Handlung im weiten Sinn zu erken­nen beinhal­tet daher, einen Handlungs­komplex der folgen­den Form bei einem Akti­vitäts­träger zu erken­nen: ‹etwas jetzt tun, weil der Akti­vitäts­träger früher etwas damit in Zusam­menhang Stehen­des getan hat und später etwas tun möchte, was auch mit der aktu­ellen Tätig­keit zusam­menhängt›.[5] Dieser Zusam­menhang ist aller­dings dem Akti­vitäts­träger nicht selbst bewusst. Wir als Beobach­ter können zwar einem Hund, den wir gera­de auf seinen Futter­napf zuren­nen sehen, zuschrei­ben, dass er den Napf gese­hen hat und weiß, dass er dort meist Futter findet (Kogni­tion, Verbin­dung zu vergan­genen Akti­vitä­ten) und zudem gleich fressen möchte (Inten­tion, zukünf­tige Akti­vität). Doch findet diese Verbin­dung zwischen den Akti­vitä­ten verschie­dener Zeiten noch ganz auf der Beobach­ter­ebe­ne statt; der Hund ist zwar bei Bewusst­sein, doch befin­det er sich dabei jeweils ganz im Hier und Jetzt.

Erst wenn der Beobachter dem Akti­vitäts­träger zuge­steht, dass dieser sich selbst rela­tiv zu den kogni­tiven und inten­tiona­len Aspek­ten eige­ner Handlun­gen (zunächst im weiten, dann auch im engen Sinn) verhal­ten kann, kann von »Selbstbe­wusstsein« und damit von »Handlun­gen im engen Sinn« die Rede sein. Denn letztlich können wir als Selbstbe­wusstsein zuschrei­bende Beobach­ter diese Zuschrei­bung nur anhand von entspre­chendem Verhal­ten und entspre­chenden Handlun­gen des betrach­teten Akti­vitäts­trägers rechtfer­tigen. Aller­dings hängt nun – im Gegen­satz zu den Handlun­gen im weiten Sinn – die Zuschrei­bung auch davon ab, dass sich der betrach­tete Akti­vitäts­träger dem Beobach­ter gegen­über selbst darstellt als einer der sich selbst bestimm­te Kogni­tionen und Inten­tionen zuschreibt und also selbst die entspre­chenden Bezie­hungen zu den über die aktu­elle Tätig­keit hinaus­gehen­den (Teil-)Handlun­gen berück­sichtigt. Akti­vitäts­träger dieses Typs unter­scheiden sich also deutlich von denen, die bei Handlun­gen im weiten Sinn (bzw. gar bei Verhal­ten) ange­setzt werden.

In der Monographie zum Materie-Geist-Problem von 2005 greift Arno Ros diese Unter­scheidun­gen auf und ordnet dem Verhal­ten im enge­ren Sinn den Akti­vitäts­träger­typ »Lebe­wesen« zu, dem Handeln im weiten Sinn den Akti­vitäts­träger­typ »Handlungs­subjekt« und dem Handeln im engen Sinn den Akti­vitäts­träger­typ »Person« (vgl. [Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.
: Kap. IV, V und VI). Die umgangs­sprachli­che Unter­teilung der Begrif­fe für biolo­gische Akti­vitäts­träger in Pflanzen (und pflanzen­artige niede­re Tiere), (höhe­re) Tiere (und sich nicht wie Perso­nen geben­de Menschen) und schließlich Perso­nen wird hier durch eine entspre­chende Steige­rung der beobacht­baren Komple­xität des Verhal­tens entspre­chender Akti­vitäts­träger (inklu­sive poten­tieller Selbstdar­stellun­gen) unter­füttert.[6]


Schema und Aktualisierung

Verhalten und Handlungen – jeweils im engen wie im weiten Sinn – können in zwei wichtigen, aufeinander bezogenen Formen thematisiert werden: als einzelner Handlungsvollzug, d.h. als Instanz, und als allgemeines Handlungsschema, d.h. als Typus. Ein konkreter Handlungsvollzug – etwa die Handlung des Lesens dieses Satzes zu genau diesem Zeitpunkt an genau diesem Ort von diesem individuellen Handlungsträger – passiert und ist dann unwiederholbar vorbei und endgültig Vergangenheit. Ein abstraktes Handlungsschema hingegen, beispielsweise die Handlung »Lesen«, ist nicht raumzeitlich situiert und kann daher auch nicht vergehen. Auch kann sie beliebig oft wieder (jeweils als Instanz) vollzogen werden. Mit einem Handlungsausdruck kann je nach Kontext jeder der beiden Perspektiven zum Ausdruck gebracht werden. Als Typ verweist der Handlungsausdruck dann auf all das, was allen Handlungsvollzügen dieses Typs gemein ist – auf die entsprechende Unterscheidungsgewohnheit bzw. den zugehörigen Begriff. In der Tat können wir uns einer Handlungsinstanz auch immer nur als Instanz eines Handlungstyps zuwenden.[7]

Bei den Handlungen im engeren Sinn erscheinen die beiden Perspektiven insbesondere als Ausführungs- oder Vollzugsaspekt (token: eine Handlung gemäß einem Schema konkret ausführen) einerseits und als Wahrnehmungs- oder Beschreibungsaspekt (type: eine ausgeführte konkrete Handlung als Realisierung eines Schemas erkennen und darstellen) andererseits. Es wird damit also eine Verbindung zu der Unterscheidung zwischen Beobachterebene (oder Ebene der dritten Person, Er-Perspektive) und der Ebene des Aktivitätsträgers (oder Ebene der ersten Person, Ich-Perspektive) gezogen (vgl. etwa [Janich 2005a]Janich, Peter (2005): Medienphilosophie der Kommunikation. In: Sandbothe, M. & Nagel (Hg.), Systematische Medienphilosophie. Akademie, Berlin.
).

Komponenten von Handlungsschemata

Handlungsschemata bestimmen allgemein die Elemente, die bei allen entsprechenden Handlungsvollzügen vorkommen. Dazu gehören, wie bei einem Theaterstück, zum einen die Rollen: die handelnden Personen bzw. Handlungssubjekte, aber auch die “Requisiten” – alle ebenfalls jeweils als Typ charakterisiert – gewissermaßen als Variablennamen für entsprechende mögliche konkrete Belegungen.[8] Erst im konkreten Handlungsvollzug, analog zu einer konkreten Aufführung des Theaterstücks, werden diese Rollenvariablen mit konkreten Instanzen des passenden Gegenstandstyps belegt.

Zum anderen gehört das zeitlich (mehr oder weniger) geordnete System der Teilhandlungen zum Handlungsschema. Auch hier bieten die Teilhandlungen, die die Handlung eines Theaterstücks determinieren, ein gutes, wenn auch komplexes Beispiel. Zwischen dem Begriff der Teilhandlung und dem der Handlungsintention besteht zudem ein enger Zusammenhang.[9]

Mißerfolg und Mißlingen von Handlungsaktualisierungen

Mit einer Handlungsaktualisierung kann das Handlungssubjekt das intendierte Handlungsziel erreichen oder auch nicht: Die Handlungs(aktualisierung) ist entsprechend erfolgreich oder nicht. Andererseits kann ein Aktualisierungsversuch gelingen oder misslingen. Im letzten Fall entspricht sie nicht dem durch das Schema gesetzten Standard. Gelingen und Erfolg sind also durchaus verschiedene Aspekte von Handlungsvollzügen, wie auch der bekannte ursprünglich medizinische Kommentar ‘Operation gelungen, Patient tot’ deutlich werden lässt, mit dem auch außerhalb der Medizin auf zwar das entsprechende Schema korrekt instanziierende Ausführungen einer Handlung referiert wird, die gleichwohl ihre eigentliche Intention verfehlt haben.

Besondere Bedeutung kommt der Unterscheidung zwischen Gelingen und Erfolg bei Handlungen mit mehr als einem Handlungssubjekt zu, also insbesondere bei Interaktionen. Hier kann unterschieden werden zwischen solchen Handlungsschemata, die nur erfolgreich aktualisiert werden können, wenn mehrere Handlungsträger teilnehmen, und solchen, deren Aktualisierungen nur gelingen, wenn mehrere Handlungsträger teilnehmen. Im ersten Fall geht es um eine Handlung vom Typus der gemeinschaftlichen Handlungen, im zweiten Fall um so genannte Beteiligungshandlungen. Typisches Beispiel einer gemeinschaftlichen Handlung ist das Tragen eines Gegenstandes, wenn dieser so schwer ist, dass einer alleine es nicht schafft. Er mag sich noch so mühen und das Schema des Tragens von Gegenständen korrekt aktualisieren, der Gegenstand ist so nicht zu bewegen. Ein Beispiel für eine Beteiligungshandlung liefert ein Wettrennen: Hier gelingt es einem alleine nicht einmal, eine Aktualisierung des Schemas zu vollziehen, denn das Schema sieht hier unbedingt die Rolle eines Konkurrenten vom Gegenstandstyp »Handlungssubjekt« vor. Mit einem solchen mag dann das Schema korrekt aktualisiert werden und der erste Handlungsträger bei dem Rennen Erfolg haben, indem er es gewinnt.

Auswirkungen auf Kommunikations- und Zeichen(handlungs)begriffe

Offensichtlich sind alle Interaktionen Beteiligungshandlungen, da Interaktionsschemata nur korrekt instantiiert werden können, wenn mehrere Handlungsträgerrollen belegt sind. Als spezielle Form der Interaktionen gilt das auch für Kommunikations- und Zeichenhandlungen. Bei Zeichenhandlungen ist es allerdings durchaus legitim, dass diese beiden Rollen von derselben Person eingenommen werden – das ist eine Konsequenz aus der Bestimmung der Zeichenhandlungen als denjenigen Kommunikationsschemata, bei denen die Handlungsträger den Zweck der Handlung selbst bewusst verfolgen (und nicht bloß evolutionär etablierte oder individualgeschichtlich antrainierte Ausdrucksbewegungen absolvieren).

Die Verwendung des weit gefassten Handlungsbegriffs ermöglicht es, auch die nicht von den Handlungsträgern bewusst zum Zeck der Kommunikation eingesetzten kommunikativen Interaktionen als Kommunikationen im vollen Sinn zu betrachten. Das gilt etwa für Signale bei Tieren. Legt man nur den engen Handlungsbegriff zugrunde, werden alle Kommunikationen notwendig zu Zeichenhandlungen, denn diese sind ja eben durch den bewussten Einsatz zum Zweck der Kommunikation bestimmt, der dem engen Handlungsbegriff eignet.

Anmerkungen
  1. ↑ Sie­he auch Wi­ki­pe­dia: Han­deln.
  2. ↑ Ei­ne der­ar­ti­ge hand­lungs­the­o­re­ti­sche Um­deu­tung der Be­grif­fe für Psy­chi­sches bil­det den Hin­ter­grund des lin­gu­is­tic turn (vgl. [Ros 1989/90a]Ros, Arno (1989): Begründung und Begriff. Wandlungen des Verständnisses begrifflicher Argumentationen. Meiner, Hamburg.
    Notiz: 3 Bände
    Nicht angezeigt: B. I: Antike, Spätantike und Mittelalter; B. II: Neuzeit; B. III: Moderne
    : ...).
  3. ↑ Ge­nau­er ge­sagt: Die Ak­ti­vi­täts­trä­ger sind bei Ver­hal­ten im en­ge­ren Sinn, das nicht be­reits ein Han­deln im wei­te­ren Sinn ist, tat­säch­lich nicht die be­trach­te­ten Le­be­we­sen ins­ge­samt, son­dern das ei­ne oder an­de­re ih­rer funk­ti­o­na­len Tei­le. In der For­mu­lie­rung ei­nes sol­chen Ver­hal­tens, et­wa ‘das Tier at­met’ ver­weist das Sub­jekt ei­gent­lich da­rauf, dass der Zweck der be­trach­te­ten Ak­ti­vi­tät der ent­spre­chen­den funk­ti­o­na­len Tei­le (Lun­gen, etc.) auf das Tier als Gan­zes ge­rich­tet ist (da­mit näm­lich das Tier über­lebt).
  4. ↑ Wie etwa Ros ([Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.
    : Kap. 3.2) deut­lich ge­macht hat, lässt sich Pi­a­gets Zwi­schen­stu­fe des sen­so­mo­to­ri­schen Ver­hal­tens ge­nau in die­sem Sinn in­ter­pre­tie­ren: Im Zu­sam­men­hang mit sol­chem Ver­hal­ten las­sen sich psy­cho­lo­gi­sche Prä­di­ka­te, wie ‘zu et­was Lust emp­fin­den’ und ‘et­was tun wol­len’ oder ‘et­was se­hen’ und ‘et­was glau­ben’ zu­min­dest in ei­nem ele­men­ta­ren Sinn aus der Be­ob­ach­ter­per­spek­ti­ve auf den Ak­ti­vi­täts­trä­ger an­wen­den.
  5. ↑ Auf die­se Wei­se wird zu­gleich ei­ne spe­zi­el­le die Zeit über­brü­cken­de Iden­ti­tät des Ak­ti­vi­täts­trä­gers etab­liert. Es wä­re näm­lich feh­ler­haft, ein­fach den phy­si­schen Kör­per als den Ak­ti­vi­täts­trä­ger an­zu­set­zen.
  6. ↑ Ver­wandt, wenn auch an­ders be­stimmt, ist die Drei­tei­lung Pless­ners in de­zen­tra­lis­ti­sche (pflanz­li­che), zen­tra­lis­ti­sche (tie­ri­sche) und ex­zen­tri­sche (mensch­li­che) Or­ga­ni­sa­ti­on bzw. Po­si­ti­o­na­li­tät von Ak­ti­vi­täts­trä­gern ([Plessner 1928a]Plessner, Helmuth (1928): Die Stufen des Organischen und der Mensch. W. de Gruyter, Berlin.
    Notiz: <sup>3</sup>1975
    ).
  7. ↑ Die damit angesprochene Unterscheidung ist an sich allgemein und kann auf alle möglichen Unterscheidungsgewohnheiten und Begriffe angewendet werden. Neben dem Bezeichnungspaar ‘Typ und Instanz’ wird auch das dem Englischen entlehnte ‘Type und Token’ häufig verwendet. Speziell für Verhalten und Handlungen ist hingegen die Form ‘Schema und Aktualisierung’ – der Ausdruck ‘Aktualisierung’ – häufig auch ‘Aktualisierung eines Handlungsschemas’ – soll also nicht bedeuten, dass ein Schema modernisiert, aktuell gemacht wird; vielmehr soll ein unter das Schema fallender einzelner konkreter Akt vollzogen werden.
  8. ↑ Ort und Zeit sind spezielle Rollen eines jeden Handlungsschemas.
  9. ↑ Man vollzieht eine Handlung, indem man die Teilhandlungen vollzieht (Mittel). Man vollzieht eine Teilhandlung, um die Gesamthandlung zu vollziehen (Zweck). Die Ketten dieser gegenläufigen Relationen zwischen Handlungsschemata enden dort, wo keine übergeordnete Handlung bzw. wo keine Mittelhandlung mehr angegeben werden kann, sondern nur noch ein allgemeiner Überlebenswille des Handlungssubjekts bzw. Verhaltensschemata (im engeren oder weiteren Sinn). Ausnahmen sind hier Selbstzweckhandlungen, die gar keinen Zweck außer dem Vollzug der Handlung selbst haben.
Literatur
[Janich 2005a]Janich, Peter (2005): Medienphilosophie der Kommunikation. In: Sandbothe, M. & Nagel (Hg.), Systematische Medienphilosophie. Akademie, Berlin.[Plessner 1928a]Plessner, Helmuth (1928): Die Stufen des Organischen und der Mensch. W. de Gruyter, Berlin.[Ros 1979a]Ros, Arno (1979): Objektkonstitution und elementare Sprachhandlungsbegriffe. Hain, Königstein/Ts.[Ros 1989/90a]Ros, Arno (1989): Begründung und Begriff. Wandlungen des Verständnisses begrifflicher Argumentationen. Meiner, Hamburg.[Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.[Weber 2005a]Weber, Max (2005): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Zweitausendeins, Frankfurt/M.

Verantwortlich:

Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Klaus Sachs-Hombach und Marcel Lemmes — (Hinweis)