Kunstgeschichte als Bildgeschichte: Unterschied zwischen den Versionen
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==Die Kunstgeschichte als | ==Die Kunstgeschichte als prädes­tinier­te Bild­wissen­schaft== | ||
Die Kunstgeschichte gilt als eine der | Die Kunstgeschichte gilt als eine der ältes­ten und versier­testen bild­wissen­schaftli­chen Diszi­plinen. Eine inten­sive Aus­einander­setzung mit Bild­werken verschie­denster Art gehört für sie seit jeher zum Tages­geschäft. Seit ihrer aka­demi­schen Etab­lierung im 19. Jahrhun­dert hat sie dabei eine Reihe von Metho­den ent­wickelt, die die wissen­schaftli­che Beschäf­tigung mit etwa­igen Bild­werken unter syste­mati­schen Gesichts­punkten anlei­ten. Viele davon haben in der inter­natio­nalen kunst­histo­rischen Forschung weite Verbrei­tung gefunden (⊳ [[Ikonografie, Ikonologie, Ikonik|Iko­nogra­fie, Iko­nolo­gie, Iko­nik]]). Seit dem Ende der 1980er Jahre werden aller­dings zahlrei­che dieser Metho­den hinsicht­lich ihres grundle­genden diszi­plinä­ren Stellen­wertes in Frage gestellt. Obwohl die Arbei­ten von Auto­ren wie Erwin Panof­sky (1892-1968), Ernst Gombrich (1909-2001) oder Heinrich Wölfflin (1864-1945) nach wie vor als Klassi­ker der Kunst­geschich­te zählen, machen sich etli­che einfluss­reiche kunst­histo­rische Stimmen für eine metho­dische Refor­mation ihrer Diszi­plin stark. | ||
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Im Großen und Ganzen sind es zwei Gründe, die diesen Reform­wunsch | Im Großen und Ganzen sind es zwei Gründe, die diesen Reform­wunsch ini­tiieren: Zum einen wird zuneh­mend das Bedürf­nis ge­äußert, sich von Metho­den zu lösen, die in ihrer Bild­ana­lyse vornehm­lich [[Bildhermeneutik|herme­neuti­sche]] und [[Bildsemiotik|semi­oti­sche]] Er­kenntnis­inte­ressen in den Vorder­grund rücken. Das in Panof­skys Iko­nolo­gie promi­nent ins Auge gefass­te Ziel, die „eigent­liche Bedeu­tung“ eines Bildwerks zu ermit­teln (vgl. <bib id='Panofsky 2002a'>Panofs­ky 2002a</bib>: S. 36-67), wird verwor­fen und durch die Über­zeugung ersetzt, dass selbst die genau­este herme­neuti­sche bzw. semi­oti­sche Bild­ana­lyse weder dem Wesen des Bildphä­nomens noch der erleb­ten Erfah­rung von Bild­werken ange­messen Rechnung tragen könne (vgl. exemp­larisch <bib id='Didi-Huberman 2000a'>Didi-Huber­man 2000a</bib>). | ||
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Zum anderen mehren sich Zweifel an der | Zum anderen mehren sich Zweifel an der huma­nisti­schen Voraus­setzungs­lastig­keit der tradi­tionel­len Kunst­geschich­te. War es lange Zeit üblich, den Fortgang kunst­histo­rischer Forschung an einem westli­chen, euro­zentrisch gepräg­ten Kunst­verständ­nis auszu­richten, plädie­ren diver­se namhaf­te zeit­genös­sische Kunst­histo­riker für eine Erwei­terung des kunst­histo­rischen Gegen­stands­bereichs (vgl. <bib id='Freedberg 1991a'></bib>, <bib id='Elkins 1999a'></bib>, <bib id='Belting 2004a'></bib>, <bib id='Mitchell 1986a'></bib>). Zur Debat­te steht dabei meist ein huma­nistisch geschul­tes „Diktat der Kunst­geschich­te“ (<bib id='Belting 2002a'></bib>: S. 77), demzu­folge nur solche Bild­werke von kunst­histo­rischem Wert und Inte­resse sind, die einem klassi­schen, durch Anti­ke und Renais­sance gepräg­ten Kunst- und Äs­thetik­verständ­nis entge­genkom­men. Demge­genüber wird darauf hinge­wiesen, dass die Trag­weite des menschli­chen Bild­schaffens durch eine derar­tige Forschungs­program­matik in keiner Weise einge­fangen werden könne. Wie unter ande­rem James Elkins demons­triert hat, übersteigt das Reich der Bilder das der Kunst in beträcht­lichem Maße (vgl. <bib id='Elkins 1999a'></bib>). Nicht alles, was ein Bild ist, ist zugleich auch Kunst. | ||
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Um die Vielfalt menschlichen Bild­schaffens | Um die Vielfalt menschlichen Bild­schaffens erfas­sen und beschrei­ben zu können, wurde daher verschie­dentlich der Vorschlag gemacht, die Kunst­geschich­te in eine Bild­geschich­te bzw. histo­rische Bildwis­senschaft zu über­führen (vgl. <bib id='Freedberg 1991a'></bib>, <bib id='Belting 2004a'></bib>, <bib id='Bredekamp 2003b'>Brede­kamp 2003b</bib>). Gegen­stand kunst­histo­rischer bzw. nun: bild­geschicht­licher Forschung wären demnach ''sämtli­che'' Bild­erzeug­nisse, darun­ter gerade solche Bild­werke, die von der tradi­tionel­len Kunst­geschich­te igno­riert oder vernach­lässigt worden sind. Leitend ist in solchen Forschun­gen nicht eine spezi­fische Idee von Kunst, sondern das Phäno­men des Bildes in dessen gesam­ten Fa­cetten­reichtum. Zu erwäh­nen ist, dass dieses Forschungs­inte­resse von den Inten­tionen philo­sophi­scher Bild­theorien meist verschie­den ist. Während philo­sophi­sche Bild­theorien in der Regel den ''Begriff'' des Bildes unter­suchen, befas­sen sich bild­geschicht­liche Studien häufig in erster Linie auf einem empi­rischen, histo­rischen und/oder kultur­wissen­schaftli­chen Wege mit speziel­len Bild­arte­fakten (⊳ [[Bildwissenschaft vs. Bildtheorie|Bild­wissen­schaft vs. Bild­theorie]]). Der Möglich­keit, über die Ana­lyse konkre­ter Bild­werke hinaus eben­falls zu allge­meinen Einsich­ten über die Beson­derheit bildli­cher Darstel­lungen zu gelan­gen, steht diese Be­trachtungs­weise aller­dings keines­wegs prinzi­piell entge­gen. | ||
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==Kunstgeschichte als | ==Kunstgeschichte als Bild­ge­schich­te== | ||
Die vielleicht | Die vielleicht einfluss­reichsten Anre­gungen, kunst­geschicht­liche Forschung im Sinne einer Bild­geschich­te zu betrei­ben, finden sich in den Schriften Hans Beltings. In seinem Buch «Das Ende der Kunst­geschich­te» – ein Werk, das bei seiner Erst­veröf­fentli­chung noch ein Frage­zeichen im Titel trug (vgl. <bib id='Belting 1983a'></bib>)<ref> Im Vor­wort zur voll­ständ­ig über­ar­bei­te­ten Fas­sung des Bu­ches heißt es: „Die Ver­än­de­rung, die in der neu­en Fas­sung zu­erst ins Auge springt, ist der Weg­fall des Fra­ge­zei­chens, das frü­her hin­ter dem Ti­tel stand. Was da­mals noch ei­ne Fra­ge war, ist in den letz­ten Jah­ren für mich zu ei­ner Ge­wiß­heit ge­wor­den.“ (<bib id='Belting 2002a'>Bel­ting 2002a</bib>: S. 9)</ref> – regt er die gegen­wärti­ge Kunst­geschich­te zu einer „Denk­pause“ (<bib id='Belting 2002a'></bib>: S. 22) an und fragt, „ob die Kunst und die Erzäh­lung von Kunst noch so, wie man es gewohnt war, zu­einan­der paß[en]“ (<bib id='Belting 2002a'></bib>: ebd.). Wie im weite­ren Verlauf des Textes deutlich wird, verneint Belting diese Frage. Aller­dings betont er, dass die Not­wendig­keit einer Kunst­geschich­te damit unter keinen Umstän­den hinfäl­lig gewor­den sei. Vielmehr hätten sich, ange­stoßen etwa durch die avant­gardis­tische Kunst­praxis des 20. Jahrhun­derts, etab­lierte Ana­lyse­metho­den und Denk­weisen mit der Zeit abge­nutzt, sodass nunmehr die Dringlich­keit zu einer erneu­erten Form kunst­histo­rischen Forschens und Erzäh­lens offen­kundig gewor­den sei: | ||
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:''Das Ende der | :''Das Ende der Kunstge­schichte bedeu­tet nicht, daß die Kunst oder die Kunst­wissen­schaft an ihrem Ende ange­langt wären, sondern regis­triert die Tatsa­che, daß sich in der Kunst wie in den Denk­bildern der Kunst­geschich­te das Ende einer Tradi­tion abzeich­net, einer Tradi­tion, die seit der Moder­ne in der uns vertrau­ten Gestalt zum Kanon gewor­den war.'' (<bib id='Belting 2002a'></bib>: ebd.) | ||
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Angesprochen ist ein Kanon, der auf die | Angesprochen ist ein Kanon, der auf die Tradi­tion der Renais­sance und Anti­ke zurück­geht und von kunst­histo­rischen Weg­berei­tern wie Leon Battis­ta Alber­ti (1404-1472) und Giorgio Vasa­ri (1511-1574) sowie Pionie­ren der aka­demi­schen Kunst­geschich­te wie Alois Riegl (1858-1905), Heinrich Wölfflin oder Erwin Panofsky popularisiert und etabliert wurde. Im Zentrum dieses Kanons steht neben dem Werk­begriff häufig auch die Idee der kunstvoll-virtuosen Autorschaft, derzufolge 'großartige' oder 'wahre' Kunst nur von solchen Personen kreiert werden könne, die mit einer außergewöhnlichen artistischen Begabung und künstlerischen Genialität versehen sind (⊳ [[Original]]).<ref>Vgl. klassisch dazu die Ausführungen von <bib id='Kris & Kurz 1995a'></bib>.</ref> | ||
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Besonders die drei zuletzt genannten Autoren haben gemeinsam, dass sie zur Formulierung und Etablierung einer modernen Kunst­geschichte entscheidend beitrugen. Zugleich werden sie jedoch verstärkt als Vertreter eines über­bordenden Intellektualismus gesehen, welcher trotz seiner unstrittigen Pionier­kraft und Modernität in letzter Konsequenz einen konservativen Kern in sich trage, der sich spätestens mit den neueren, dezidiert nicht-klassischen Kunst­strömungen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert unmöglich vereinbaren lasse (vgl. <bib id='Belting 2002a'></bib>). | Besonders die drei zuletzt genannten Autoren haben gemeinsam, dass sie zur Formulierung und Etablierung einer modernen Kunst­geschichte entscheidend beitrugen. Zugleich werden sie jedoch verstärkt als Vertreter eines über­bordenden Intellektualismus gesehen, welcher trotz seiner unstrittigen Pionier­kraft und Modernität in letzter Konsequenz einen konservativen Kern in sich trage, der sich spätestens mit den neueren, dezidiert nicht-klassischen Kunst­strömungen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert unmöglich vereinbaren lasse (vgl. <bib id='Belting 2002a'></bib>). | ||
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Version vom 21. August 2013, 10:05 Uhr
Unterpunkt zu: Bildphilosophische Abgrenzungen
Die Kunstgeschichte als prädestinierte BildwissenschaftDie Kunstgeschichte gilt als eine der ältesten und versiertesten bildwissenschaftlichen Disziplinen. Eine intensive Auseinandersetzung mit Bildwerken verschiedenster Art gehört für sie seit jeher zum Tagesgeschäft. Seit ihrer akademischen Etablierung im 19. Jahrhundert hat sie dabei eine Reihe von Methoden entwickelt, die die wissenschaftliche Beschäftigung mit etwaigen Bildwerken unter systematischen Gesichtspunkten anleiten. Viele davon haben in der internationalen kunsthistorischen Forschung weite Verbreitung gefunden (⊳ Ikonografie, Ikonologie, Ikonik). Seit dem Ende der 1980er Jahre werden allerdings zahlreiche dieser Methoden hinsichtlich ihres grundlegenden disziplinären Stellenwertes in Frage gestellt. Obwohl die Arbeiten von Autoren wie Erwin Panofsky (1892-1968), Ernst Gombrich (1909-2001) oder Heinrich Wölfflin (1864-1945) nach wie vor als Klassiker der Kunstgeschichte zählen, machen sich etliche einflussreiche kunsthistorische Stimmen für eine methodische Reformation ihrer Disziplin stark. Im Großen und Ganzen sind es zwei Gründe, die diesen Reformwunsch initiieren: Zum einen wird zunehmend das Bedürfnis geäußert, sich von Methoden zu lösen, die in ihrer Bildanalyse vornehmlich hermeneutische und semiotische Erkenntnisinteressen in den Vordergrund rücken. Das in Panofskys Ikonologie prominent ins Auge gefasste Ziel, die „eigentliche Bedeutung“ eines Bildwerks zu ermitteln (vgl. [Panofsky 2002a]Panofsky, Erwin (2002): Sinn und Deutung in der bildenden Kunst (Meaning in the Visual Arts). Dumont, Köln. Zum anderen mehren sich Zweifel an der humanistischen Voraussetzungslastigkeit der traditionellen Kunstgeschichte. War es lange Zeit üblich, den Fortgang kunsthistorischer Forschung an einem westlichen, eurozentrisch geprägten Kunstverständnis auszurichten, plädieren diverse namhafte zeitgenössische Kunsthistoriker für eine Erweiterung des kunsthistorischen Gegenstandsbereichs (vgl. [Freedberg 1991a]Freedberg, David (1991): The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response (1989). University of Chicago Press, Chicago, London. Um die Vielfalt menschlichen Bildschaffens erfassen und beschreiben zu können, wurde daher verschiedentlich der Vorschlag gemacht, die Kunstgeschichte in eine Bildgeschichte bzw. historische Bildwissenschaft zu überführen (vgl. [Freedberg 1991a]Freedberg, David (1991): The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response (1989). University of Chicago Press, Chicago, London. Kunstgeschichte als BildgeschichteDie vielleicht einflussreichsten Anregungen, kunstgeschichtliche Forschung im Sinne einer Bildgeschichte zu betreiben, finden sich in den Schriften Hans Beltings. In seinem Buch «Das Ende der Kunstgeschichte» – ein Werk, das bei seiner Erstveröffentlichung noch ein Fragezeichen im Titel trug (vgl. [Belting 1983a]Belting, Hans (1983): Das Ende der Kunstgeschichte?. Deutscher Kunstverlag, München.
Angesprochen ist ein Kanon, der auf die Tradition der Renaissance und Antike zurückgeht und von kunsthistorischen Wegbereitern wie Leon Battista Alberti (1404-1472) und Giorgio Vasari (1511-1574) sowie Pionieren der akademischen Kunstgeschichte wie Alois Riegl (1858-1905), Heinrich Wölfflin oder Erwin Panofsky popularisiert und etabliert wurde. Im Zentrum dieses Kanons steht neben dem Werkbegriff häufig auch die Idee der kunstvoll-virtuosen Autorschaft, derzufolge 'großartige' oder 'wahre' Kunst nur von solchen Personen kreiert werden könne, die mit einer außergewöhnlichen artistischen Begabung und künstlerischen Genialität versehen sind (⊳ Original).[2] Besonders die drei zuletzt genannten Autoren haben gemeinsam, dass sie zur Formulierung und Etablierung einer modernen Kunstgeschichte entscheidend beitrugen. Zugleich werden sie jedoch verstärkt als Vertreter eines überbordenden Intellektualismus gesehen, welcher trotz seiner unstrittigen Pionierkraft und Modernität in letzter Konsequenz einen konservativen Kern in sich trage, der sich spätestens mit den neueren, dezidiert nicht-klassischen Kunstströmungen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert unmöglich vereinbaren lasse (vgl. [Belting 2002a]Belting, Hans (2002): Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren. Verlag C.H. Beck, München. Eine der pointiertesten Kritiken eines kunsthistorischen Intellektualismus findet sich in Georges Didi-Hubermans Buch «Devant l’image» (dt.: «Vor einem Bild»), in dem vor allem in kritischer Auseinandersetzung mit Erwin Panofskys Ikonologie der Versuch unternommen wird, sich von der „positivistische[n] Hoffnung“ ([Didi-Huberman 2000a]Didi-Huberman, Georges (2000): Vor einem Bild. Carl Hanser, München/Wien.
Ausgesprochen ist damit die Forderung einer Abkehr von klassischen kunst- und bildwissenschaftlichen Forschungsprogrammen. Ein etabliertes Primat der Interpretation soll hier durch eine Sensibilisierung für die phänomenalen, nicht immer schon in Interpretation und Wissen aufgehenden, gleichsam irrationalen Facetten der Bilderfahrung in Frage gestellt werden. Eingefordert wird dabei eine Sensibilität, wie sie sich nach Didi-Hubermans Dafürhalten im Anschluss an kunsthistorische Klassiker wie Panofsky oder Gombrich offenbar niemals entwickelt lässt. Was den konstatierten Konservatismus des zur Disposition stehenden kunstwissenschaftlichen Kanons betrifft, so setzt Belting diesen mit einer für seine Begriffe allzu einseitigen wissenschaftlichen Aufmerksamkeitsspanne in Verbindung. Belting stellt die wissenschaftlichen Leistungen kunsthistorischer Pioniere nicht in Frage. Jedoch merkt er kritisch an, dass selbst dann, wenn in kanonischen kunsthistorischen Studien ausdrücklich von ›neuerer‹ Kunst die Rede gewesen sei, lediglich „die Kunst von Renaissance und Barock“ ([Belting 2002a]Belting, Hans (2002): Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren. Verlag C.H. Beck, München.
Der kritische Hinweis auf diesen Widerspruch ist insofern nachvollziehbar, als die konservative Orientierung an Regeln und Methoden, die an Kunstwerken aus der entfernten Vergangenheit gewonnen wurden, spätestens mit dem Aufkommen jüngerer Kunstpraktiken an ihre Grenzen stößt. Eine klassische Werkästhetik, wie sie innerhalb des traditionellen kunstwissenschaftlichen Kanons in der Regel vorausgesetzt wurde, wird seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nicht zuletzt von der Kunstpraxis selbst zunehmend in Frage stellt. Speziell in der Avantgardekunst tritt eine künstlerische Praxis in den Blick, die es sich ausdrücklich nicht zum Ziel macht, symbolisch verschlüsselte Sinnwelten zu konstruieren, die von ausreichend vorgebildeten Betrachtern im Hinblick auf ihre eigentlichen Bedeutungsgehalte zu entschlüsseln sind. Traditionelle Mimesis-Ideale werden konsequent hinter sich gelassen, ebenso gängige Angelpunkte, durch die ein Kunstwerk an einen spezifischen narrativen Rahmen gekoppelt wird, um ein lektüreartiges Verstehen des Werkes zu ermöglichen. Auch haben sich im Laufe des 20. Jahrhunderts die Erfahrungsbedingungen von Kunst gewandelt. Kunst wird nicht mehr nur ausgestellt und für einen distanzierten Kunstgenuss zugänglich gemacht, sondern sie wird verstärkt als ästhetisches Ereignis aufgeführt, in dem Betrachtende insofern zu Teilnehmenden gemacht werden, als sie durch geschickte Inszenierungen buchstäblich mit ihrem ganzen Leib in Kunstperformances hineingezogen werden (vgl. [Fischer-Lichte 2004a]Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Belting geht noch einen Schritt weiter. Seiner Meinung nach sollte die Emanzipation von den Widersprüchen eines klassischen kunsthistorischen Kanons nicht nur in eine kritische Überprüfung von traditionellen Kunst- und Ästhetikvorstellungen münden, sondern zugleich eine Revision und Erweiterung des kunsthistorischen Forschungsfeldes insgesamt nach sich ziehen. Gefordert wird damit eine Revision und Erweiterung, die insofern bildwissenschaftliche Konsequenzen mit sich bringt, als sie den Ausgangspunkt für eine Transformation der Kunstgeschichte in eine Bildgeschichte bildet. Wesentlich für eine solche Transformation ist die Formulierung neuartiger Forschungsdirektiven und Erkenntnisinteressen. Nicht die Analyse von Kunstwerken soll im Vordergrund stehen, sondern die Beschäftigung mit Bildwerken – und dies unter Gesichtspunkten, die weniger von abendländisch tradierten ästhetischen Leitmotiven als von geistesgeschichtlichen, kulturwissenschaftlichen und kulturanthropologischen Erkenntnisinteressen bestimmt sind. Das menschliche Bildschaffen soll auf diese Weise nicht mehr unter eurozentristischen, sondern unter interkulturellen Gesichtspunkten zum Gegenstand der Forschung gemacht werden (vgl. dazu [Belting & Haustein 1998a]Belting, Hans & Haustein, Lydia (1998): Das Erbe der Bilder. Kunst und moderne Medien in den Kulturen der Welt. C.H. Beck, München. Einen prägnanten Eindruck von diesem reformatorischen Ansinnen vermittelt Beltings Studie «Bild und Kult» – ein Buch, das seit seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1990 mehrfach neu aufgelegt wurde und heute zu den einflussreichsten Werken der jüngeren Kunstgeschichte zählt (vgl. [Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München. Ein bildgeschichtliches Erkenntnisinteresse äußert sich etwa in den folgenden Forschungsfragen: Warum haben Menschen das Bedürfnis, bei der Durchführung etwaiger politischer, religiöser oder kultischer Handlungen und Rituale nicht nur Bilder zu verwenden, sondern diese auch ins Zentrum entsprechender Handlungen und Rituale zu stellen? Was motiviert Menschen dazu, Bilder zu schaffen? Warum knüpfen Menschen insbesondere in religiösen und kultischen Zusammenhängen existenzielle sowie spirituelle Hoffnungen und Erwartungen an die Schöpfung, Verwendung und quasi-personale Interaktion mit Bildwerken? Wie lässt sich verstehen, warum Bildern seit Jahrtausenden besondere Kräfte und Mächte zugesprochen werden, die auch heute noch die Vorstellungen von einer eigentümlichen Bildmagie bzw. Bildmacht prägen?[6] Was führt Menschen dazu, sich vor Bildern zu ängstigen oder sogar ikonoklastische Handlungen durchzuführen, durch die – wie etwa in den spätantiken oder reformatorischen Bilderstürmen oft geschehen – mitunter auch Menschenleben ein Ende finden?[7] Fragen wie diese sind noch immer von historischem Wert. Allerdings unterstehen sie nicht mehr klassischen kunsthistorischen Forschungsimperativen. Der Gebrauch und die Wirkung von spezifischen Bildwerken und Bildpraktiken stehen im Vordergrund der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, nicht der ästhetische Genuss oder die methodisch angeleitete “Lektüre” bzw. Dechiffrierung eines bestimmten Kunstwerkes. Kurz: Eine kunstgeschichtliche weicht einer bildgeschichtlichen Forschungsperspektive, die insofern von großer bildwissenschaftlicher Relevanz ist, als sie über den Kontext des ästhetischen und künstlerischen Bildgebrauchs hinaus neben Einblicken in die vielfältigen Bildverwendungsweisen des Menschen auch Auskünfte über die Motive für die Schöpfung von Bildwerken gibt. Entsprechend programmatisch heißt es gleich zu Beginn von «Bild und Kult»: „Eine Geschichte des Bildes ist etwas anderes als eine Geschichte der Kunst.“ ([Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München. Dieser Leitsatz einer bildgeschichtlichen Forschungsperspektive wird bereits wenige Jahre vor der Erstveröffentlichung von «Bild und Kult» in David Freedbergs Buch «The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response» ernst genommen, in dessen Einleitung es ausdrücklich heißt: „This book is not about the history of art. It is about the relations between images and people in history. It consciously takes within its purview all images, not just those regarded as artistic ones.“ ([Freedberg 1991a]Freedberg, David (1991): The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response (1989). University of Chicago Press, Chicago, London. Expliziter als Belting verbindet Freedberg seinen bildgeschichtlichen Vorstoß mit dem Appell, gängige Dichotomien aus der kunsthistorischen Forschung zu verbannen. Freedberg hält es für unangemessen, im Anschluss an tradierte Denk- und Analyseformen nur solchen Bildartefakten größere Aufmerksamkeit zu schenken, die gemeinhin als höhere bzw. gehobene Künste angesehen werden. Freedberg versucht diese Haltung durch den Nachweis zu begründen, dass die Hintergründe, die den produktiven und rezeptiven Umgang mit Bildwerken motivieren und leiten, durch eine alleinige Fokussierung auf die so genannten höheren Künste historisch nur lückenhaft rekonstruiert werden können. Um diesem Problem zu entgehen, schlägt er vor, traditionelle kunsthistorische Betrachtungsweisen durch eine im weitesten Sinne kulturanthropologisch-ethnografische Forschungshaltung zu ersetzen (vgl. [Freedberg 1991a]Freedberg, David (1991): The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response (1989). University of Chicago Press, Chicago, London.
Von der Bildgeschichte zur BildanthropologieDie anthropologischen Konsequenzen, die sich aus einer bildgeschichtlichen Forschungsperspektive ergeben, sind von Belting ausführlicher als von Freedberg herausgearbeitet worden. In seinem Buch «Bildanthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft» unternimmt er den Versuch, über eine anthropologische Zuspitzung des bildgeschichtlichen Ansatzes einen systematischen Beitrag zur allgemeinen Bildtheorie beizusteuern. Dieser Beitrag äußert sich zunächst in der im vorangegangenen Text bereits geschilderten Überzeugung, „daß sich das Bild nur auf Wegen erschließen läßt, die interdisziplinär gegangen werden und auch vor einem interkulturellen Horizont nicht zurückschrecken“ ([Belting 2001a]Belting, Hans (2001): Bildanthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. Wilhelm Fink, München. So kommt es, dass in Beltings Studien – ähnlich wie bei Freedberg in «The Power of Images» – neben archäologischen Fundstücken auch fernöstliche Bildwerke oder indigene Körperbemalungen Berücksichtigung finden. Das in «Bild und Kult» skizzierte Projekt einer Bildgeschichte mündet dabei insofern in eine Bildanthropologie, als sich die Geschichte des Bildes aus Sicht von Belting immer auch zugleich als eine Geschichte des Menschen erweist. Eine historisch offene (d.h. nicht auf die Geschichte der Kunst beschränkte) und interkulturelle Perspektive macht nach seinem Dafürhalten ein anthropologisches Faktum kenntlich, demzufolge der Mensch als „natürlicher Ort der Bilder“ (vgl. [Belting 2001a]Belting, Hans (2001): Bildanthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. Wilhelm Fink, München. Zum bildwissenschaftlichen Nutzen einer bildgeschichtlichen ForschungsperspektiveWorin liegt nun der bildwissenschaftliche Wert einer anthropologisch zugespitzten Bildgeschichte? Die Antwort auf diese Frage ist nur vermeintlich einfach und lapidar: Konsequent umgesetzt, ergibt sich aus einer bildgeschichtlichen Forschungsperspektive ein dynamisches Bildverständnis. Was ein Bild ist, lässt sich aus bildgeschichtlicher Sicht nicht auf einen fixen Begriff bringen, weil – semiotisch gesprochen – sowohl die Intension als auch die Extension des Bildbegriffs je nach Epoche und Kontext höchst unterschiedliche Richtungen annehmen kann. Bei dieser Erkenntnis handelt es sich einerseits sicherlich um eine Binsenweisheit. Andererseits ist indes nicht minder richtig, dass sich die Frage, woran genau sich die Plastizität des Bildbegriffs festmacht, mitunter nur sehr mühsam beantworten lässt. Durch seine kulturwissenschaftliche, ethnografische und anthropologische Erweiterung der Forschungsperspektive unternimmt das Konzept der Bildgeschichte den Versuch, diese Schwierigkeit aufzulösen. Deutlich wird dies etwa in der bildgeschichtlichen Analyse von spätantiken religiösen und kultischen Bildpraktiken. Hier tritt ein Bildgebrauch in den Blick, der durch ein Bildverständnis getragen wird, das sich in Anlehnung an Ernst Cassirer als mythisch bezeichnen lässt (vgl. [Cassirer 1925a]Cassirer, Ernst (1925): Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken. Bruno Cassirer, Berlin. Genau hier findet sich der erwähnte Berührungspunkt zwischen den bildwissenschaftlichen Implikationen einer bildgeschichtlichen Forschungsperspektive und Ernst Cassirers kulturphilosophisch hergeleiteter Theorie des Mythos. Was das mythische Denken nach Cassirer charakterisiert, ist das Fehlen eines abstrakten Zeichenbewusstseins. Dinge werden hier nicht im Modus der Repräsentation, sondern ausschließlich im Modus der Präsenz erfasst:
Bezogen auf einen religiösen Kontext bedeutet dies: Das Bild eines Heiligen ist vor einem mythischen Hintergrund der Heilige höchstselbst. Das Heiligenbild wird nicht als abstrakte Repräsentation einer möglicherweise realen, dafür aber nicht aktuell anwesenden Person aufgefasst. Stattdessen ist eine Person, die dem Heiligenbild unter magisch-mythischen Voraussetzungen gegenübersteht, davon überzeugt, mit dem im Bild präsenten Objekt der religiösen Verehrung unmittelbar in Kontakt treten zu können. Der Faktor des Schein- oder Phantomhaften, wie er einigen phänomenologischen Bildkonzeptionen zufolge für Bildlichkeit allgemein charakteristisch ist (vgl. [Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M. Die historische Plastizität des Bildbegriffs macht verständlich, weshalb es in der religiösen und kultischen Bildpraxis immer wieder möglich gewesen ist, Bilder „wie eine echte Person“ ([Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München. |
Anmerkungen
Literatur
[Belting & Haustein 1998a]Belting, Hans & Haustein, Lydia (1998): Das Erbe der Bilder. Kunst und moderne Medien in den Kulturen der Welt. C.H. Beck, München.[Belting 1983a]Belting, Hans (1983): Das Ende der Kunstgeschichte?. Deutscher Kunstverlag, München.[Belting 2001a]Belting, Hans (2001): Bildanthropologie. Entwürfe für eine Bildwissenschaft. Wilhelm Fink, München.[Belting 2002a]Belting, Hans (2002): Das Ende der Kunstgeschichte. Eine Revision nach zehn Jahren. Verlag C.H. Beck, München.[Belting 2004a]Belting, Hans (2004): Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. C.H. Beck, München.[Boehm 2007a]Boehm, Gottfried (2007): Wie Bilder Sinn erzeugen. Die Macht des Zeigens. Berlin University Press, Berlin.[Bredekamp 2003b]Bredekamp, Horst (2003): Bildwissenschaft. In: Pfisterer, U. (Hg.), Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Ideen, Methoden, Begriffe. J. B. Metzler, Stuttgart/Weimar.[Cassirer 1925a]Cassirer, Ernst (1925): Philosophie der symbolischen Formen. Zweiter Teil: Das mythische Denken. Bruno Cassirer, Berlin.[Didi-Huberman 2000a]Didi-Huberman, Georges (2000): Vor einem Bild. Carl Hanser, München/Wien.[Elkins 1999a]Elkins, James (1999): The Domain of Images. Cornell University Press, Ithaca, London.[Fischer-Lichte 2004a]Fischer-Lichte, Erika (2004): Ästhetik des Performativen. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Freedberg 1991a]Freedberg, David (1991): The Power of Images. Studies in the History and Theory of Response (1989). University of Chicago Press, Chicago, London.[Kris & Kurz 1995a]Kris, Ernst & Kurz, Otto (1995): Die Legende vom Künstler. Ein geschichtlicher Versuch. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Lippold 1993a]Lippold, Lutz (1993): Macht des Bildes - Bild der Macht: Kunst zwischen Verehrung und Zerstörung bis zum ausgehenden Mittelalter. Edition Leipzig, Leipzig.[Mersch 2002a]Mersch, Dieter (2002): Was sich zeigt. Materialität, Präsenz, Ereignis. Fink, München.[Mersch 2002b]Mersch, Dieter (2002): Ereignis und Aura. Untersuchungen zu einer performativen Ästhetik. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Mitchell 1986a]Mitchell, William J.T. (1986): Iconology. Image, Text, Ideology. University of Chicago Press, Chicago, London.[Mitchell 2008b]Mitchell, William J.T. (2008): Das Leben der Bilder. Eine Theorie der visuellen Kultur. C.H. Beck, München.[Panofsky 2002a]Panofsky, Erwin (2002): Sinn und Deutung in der bildenden Kunst (Meaning in the Visual Arts). Dumont, Köln.[Waldenfels 2010a]Waldenfels, Bernhard (2010): Sinne und Künste im Wechselspiel. Modi ästhetischer Erfahrung. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Warnke 1993a]Warnke, Martin (Hg.) (1993): Bildersturm. Die Zerstörung des Kunstwerks. S. Fischer, Frankfurt/M.[Wiesing 2005a]Wiesing, Lambert (2005): Artifizielle Präsenz. Studien zur Philosophie des Bildes. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Wiesing 2009a]Wiesing, Lambert (2009): Das Mich der Wahrnehmung. Eine Autopsie. Suhrkamp, Frankfurt/M. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Mark A. Halawa, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Franziska Kurz — (Hinweis) |