Traumbild: Unterschied zwischen den Versionen
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==Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund Freuds== | ==Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund Freuds== | ||
Für Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 65 listet insgesamt neun davon), sind der Traum und seine Bilder „kein somatisches, sondern ein psychisches Phänomen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 97). Der Traum ist ein psychisch determiniertes „neurotisches Symptom“, und die „Mechanismen der Traumbildung [sind] vorbildlich für die Entstehungsweise der neurotischen Symptome“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 105ff., 79, 186). Wie Freud in der Vorbemerkung zur ersten Auflage der ''Traumdeutung'' schreibt, hat der Traum daher einen „theoretische[n] Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. VII). Die behauptete Wunscherfüllungsintention des Traums ist identisch mit seiner Funktion, „Hüter des Schlafes“, nämlich „Beseitiger von Schlafstörungen“ zu sein (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 130, 127): „Der Traum ist also die Art, wie die Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize reagiert“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86), nämlich indem er sie in das vorwiegend visuelle Traumerleben einschmilzt. Dies können äußere Reize sein (Weckerklingeln) oder innere, das heißt zum Beispiel unbewusste Triebwünsche, bei denen es sich „vorwiegend – aber wiederum nicht ausschließlich“ um sexuelle Wünsche handelt, aber auch um Wünsche, die Egoismus oder Habgier betreffen, genauso innere Körperreize wie Hunger, Durst oder körperliche Beschwerden (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 196, 127). Die Möglichkeit der Traumbeeinflussung durch äußere Reize jedenfalls wird durch die aktuelle Schlaf- und Traumforschung bestätigt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S.: 171f.; <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 88). Die unbewussten inneren Reize bilden für Freud den „Nabel des Traums“, aus dem der „Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium“ emporwächst (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 530). „Man erlebt vielerlei im Traum und glaubt daran, während man doch nichts erlebt als vielleicht den einen störenden Reiz. Man erlebt es vorwiegend in visuellen Bildern; es können auch Gefühle dabei sein, auch Gedanken mittendurch, aber vorwiegend sind es doch Bilder. Ein Teil der Schwierigkeit des Traumerzählens kommt daher, dass wir diese Bilder in Worte zu übersetzen haben. Ich könnte es zeichnen, sagt uns der Träumer oft, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Eine Zeichnung allerdings würde laut Freud ''prima facie'' nichts aufklären, denn die Zeichnung ist nicht als Abbild oder in ästhetischer Hinsicht (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 231f.), sondern primär als Zeichen, als „Bilderrätsel (Rebus)“ zu verstehen: „Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 284). | Für Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 65 listet insgesamt neun davon), sind der Traum und seine Bilder „kein somatisches, sondern ein psychisches Phänomen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 97). Der Traum ist ein psychisch determiniertes „neurotisches Symptom“, und die „Mechanismen der Traumbildung [sind] vorbildlich für die Entstehungsweise der neurotischen Symptome“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 105ff., 79, 186). Wie Freud in der Vorbemerkung zur ersten Auflage der ''Traumdeutung'' schreibt, hat der Traum daher einen „theoretische[n] Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. VII). Die behauptete Wunscherfüllungsintention des Traums ist identisch mit seiner Funktion, „Hüter des Schlafes“, nämlich „Beseitiger von Schlafstörungen“ zu sein (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 130, 127): „Der Traum ist also die Art, wie die Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize reagiert“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86), nämlich indem er sie in das vorwiegend visuelle Traumerleben einschmilzt. Dies können äußere Reize sein (Weckerklingeln) oder innere, das heißt zum Beispiel unbewusste Triebwünsche, bei denen es sich „vorwiegend – aber wiederum nicht ausschließlich“ um sexuelle Wünsche handelt, aber auch um Wünsche, die Egoismus oder Habgier betreffen, genauso innere Körperreize wie Hunger, Durst oder körperliche Beschwerden (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 196, 127). Die Möglichkeit der Traumbeeinflussung durch äußere Reize jedenfalls wird durch die aktuelle Schlaf- und Traumforschung bestätigt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S.: 171f.; <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 88). Die unbewussten inneren Reize bilden für Freud den „Nabel des Traums“, aus dem der „Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium“ emporwächst (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 530). „Man erlebt vielerlei im Traum und glaubt daran, während man doch nichts erlebt als vielleicht den einen störenden Reiz. Man erlebt es vorwiegend in visuellen Bildern; es können auch Gefühle dabei sein, auch Gedanken mittendurch, aber vorwiegend sind es doch Bilder. Ein Teil der Schwierigkeit des Traumerzählens kommt daher, dass wir diese Bilder in Worte zu übersetzen haben. Ich könnte es zeichnen, sagt uns der Träumer oft, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Eine Zeichnung allerdings würde laut Freud ''prima facie'' nichts aufklären, denn die Zeichnung ist nicht als Abbild oder in ästhetischer Hinsicht (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 231f.), sondern primär als [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zeichen]], als „Bilderrätsel (Rebus)“ zu verstehen: „Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 284). | ||
Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 217). Deshalb ist „der Traum als Ganzes der entstellte Ersatz für etwas anderes, Unbewusstes“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 112). Die Aufgabe der Traumdeutung ist, dieses Unbewusste ausfindig zu machen entlang der „lange[n] Kette von Assoziationen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 115) dessen, der seinen Traum erinnernd mithilfe des Analytikers rekonstruiert. Bei der Analyse des Traums ist die Unterscheidung manifest/latent grundlegend: „Wir wollen das, was der Traum erzählt, den manifesten Trauminhalt nennen, das Verborgene, zu dem wir durch die Verfolgung der Einfälle kommen sollen, die latenten Traumgedanken“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 118). Traum im eigentlichen Sinne ist der manifeste Trauminhalt, der gleichwohl eine bloße „Fassade“ ist (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 184). Die sogenannte „Traumarbeit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 174) setzt die latenten Traumgedanken in den manifesten Traum um. Die Traumarbeit wiederum kommt hauptsächlich durch die Traumzensur zustande: „Die Traumzensur selbst ist der Urheber oder einer der Urheber der Traumentstellung“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 140f.). Insofern „der gegen seine Wünsche sich sträubende Träumer gleichzusetzen ist einer Summation von zwei gesonderten, aber irgendwie innig verbundenen Personen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 224), kann der Traum außer einem erfüllten Wunsch auch das gegenteilige Strafbedürfnis der Zensurinstanz zum Ausdruck bringen (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 227). | Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 217). Deshalb ist „der Traum als Ganzes der entstellte Ersatz für etwas anderes, Unbewusstes“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 112). Die Aufgabe der Traumdeutung ist, dieses Unbewusste ausfindig zu machen entlang der „lange[n] Kette von Assoziationen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 115) dessen, der seinen Traum erinnernd mithilfe des Analytikers rekonstruiert. Bei der Analyse des Traums ist die Unterscheidung manifest/latent grundlegend: „Wir wollen das, was der Traum erzählt, den manifesten Trauminhalt nennen, das Verborgene, zu dem wir durch die Verfolgung der Einfälle kommen sollen, die latenten Traumgedanken“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 118). Traum im eigentlichen Sinne ist der manifeste Trauminhalt, der gleichwohl eine bloße „Fassade“ ist (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 184). Die sogenannte „Traumarbeit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 174) setzt die latenten Traumgedanken in den manifesten Traum um. Die Traumarbeit wiederum kommt hauptsächlich durch die Traumzensur zustande: „Die Traumzensur selbst ist der Urheber oder einer der Urheber der Traumentstellung“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 140f.). Insofern „der gegen seine Wünsche sich sträubende Träumer gleichzusetzen ist einer Summation von zwei gesonderten, aber irgendwie innig verbundenen Personen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 224), kann der Traum außer einem erfüllten Wunsch auch das gegenteilige Strafbedürfnis der Zensurinstanz zum Ausdruck bringen (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 227). | ||
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Bewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 245). Auch Strauch und Meier sehen darin den Unterschied der Schlafträume zur Wachphantasie: „Sie sind nicht bewusst zu kontrollieren und versetzen uns in eine scheinbare Wirklichkeit, in der wir als Personen handeln, ohne zu wissen, dass wir diese Welt geschaffen haben. […] Diese besondere Erlebnisweise des Traums ist vielleicht nur deshalb gegeben, weil wir während des Träumens uns des Träumens nicht bewusst sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 255). Dementsprechend würde sich die Traum(bild)erfahrung durch das Fehlen der für das Wachbewusstsein typischen Reflexivität auszeichnen. „Bei weitem aber das Auffälligste am Traum ist das ihm eigene Wirklichkeitsbewusstsein […]. Erst mit dem Erwachen vollzieht sich die Wandlung, der Umschlag, indem das Erleben während des Schlafs nachträglich als Traum, als eine ‚nicht wirkliche‘ Welt, erkannt wird“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 16). Demgegenüber kommt Freud zu dem bemerkenswerten Schluss, „dass wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, dass wir träumen, wie wir es wissen, dass wir schlafen“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Freud ist nämlich der Ansicht, dass das, „[w]as das ''Vbw'' [Vorbewusste] in manchen Fällen dem Bewusstsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass doch und schlaf weiter, es ist ja nur ein Traum […] auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit gegen das Träumen“ beschreibt (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Beim Träumenden ist also – in deutlicher Parallele zu den Fehlleistungen wie etwa dem Sich-Versprechen – ein zumindest implizites Wissen um den latenten Trauminhalt zu vermuten ist, ein Wissen, das sich selbst nicht weiß und insofern unbewusst ist: „es ist doch sehr wohl möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass der Träumer es doch weiß, was sein Traum bedeutet, nur weiß er nicht, dass er es weiß, und glaubt darum, dass er es nicht weiß“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 98). Obwohl die Traumarbeit bewusstem Einfluss entzogen ist, lenkt der Träumende laut Freud daher dennoch auf der Basis dieses unbewussten Wissens gleichsam wie ein Regisseur seine Träume (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577f). Wie Freud dabei unterstreicht, „kommt das eigene Ich in jedem Traum vor und spielt in jedem die Hauptrolle, auch wenn es sich für den manifesten Inhalt gut zu verbergen weiß. Dieser ‚sacro egoismo‘ des Traumes ist gewiss nicht außer Zusammenhang mit der Einstellung zum Schlafen, die ja in der Abziehung des Interesses von der ganzen Außenwelt besteht“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 143). In dieser Perspektive des Einlassens auf die psychische Binnenwelt würde sich der Träumende im Traum sozusagen reflexiv selbst unterbieten, und zwar bis zu einem Punkt, wo gerade das Phänomen des verdoppelten Traums, des Traums-im-Traum, einen privilegierten Bildschirm für das traumatische Reale jenseits des Traumnabels bietet (<bib id='Lacan 1966a'></bib>: S. 768) – und zwar dergestalt, dass das Wachbewusstsein laut Lacan lediglich eine andere, reflektierte Weise darstellen würde, dieses Reale zu verfehlen (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 71). | Bewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 245). Auch Strauch und Meier sehen darin den Unterschied der Schlafträume zur Wachphantasie: „Sie sind nicht bewusst zu kontrollieren und versetzen uns in eine scheinbare Wirklichkeit, in der wir als Personen handeln, ohne zu wissen, dass wir diese Welt geschaffen haben. […] Diese besondere Erlebnisweise des Traums ist vielleicht nur deshalb gegeben, weil wir während des Träumens uns des Träumens nicht bewusst sind“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 255). Dementsprechend würde sich die Traum(bild)erfahrung durch das Fehlen der für das Wachbewusstsein typischen Reflexivität auszeichnen. „Bei weitem aber das Auffälligste am Traum ist das ihm eigene Wirklichkeitsbewusstsein […]. Erst mit dem Erwachen vollzieht sich die Wandlung, der Umschlag, indem das Erleben während des Schlafs nachträglich als Traum, als eine ‚nicht wirkliche‘ Welt, erkannt wird“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 16). Demgegenüber kommt Freud zu dem bemerkenswerten Schluss, „dass wir den ganzen Schlafzustand über ebenso sicher wissen, dass wir träumen, wie wir es wissen, dass wir schlafen“ (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Freud ist nämlich der Ansicht, dass das, „[w]as das ''Vbw'' [Vorbewusste] in manchen Fällen dem Bewusstsein mitteilt, wenn der Traum es zu arg treibt: Aber lass doch und schlaf weiter, es ist ja nur ein Traum […] auch ohne dass es laut wird, ganz allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit gegen das Träumen“ beschreibt (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577). Beim Träumenden ist also – in deutlicher Parallele zu den Fehlleistungen wie etwa dem Sich-Versprechen – ein zumindest implizites Wissen um den latenten Trauminhalt zu vermuten ist, ein Wissen, das sich selbst nicht weiß und insofern unbewusst ist: „es ist doch sehr wohl möglich, ja sehr wahrscheinlich, dass der Träumer es doch weiß, was sein Traum bedeutet, nur weiß er nicht, dass er es weiß, und glaubt darum, dass er es nicht weiß“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 98). Obwohl die Traumarbeit bewusstem Einfluss entzogen ist, lenkt der Träumende laut Freud daher dennoch auf der Basis dieses unbewussten Wissens gleichsam wie ein Regisseur seine Träume (<bib id='Freud 1999c'></bib>: S. 577f). Wie Freud dabei unterstreicht, „kommt das eigene Ich in jedem Traum vor und spielt in jedem die Hauptrolle, auch wenn es sich für den manifesten Inhalt gut zu verbergen weiß. Dieser ‚sacro egoismo‘ des Traumes ist gewiss nicht außer Zusammenhang mit der Einstellung zum Schlafen, die ja in der Abziehung des Interesses von der ganzen Außenwelt besteht“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 143). In dieser Perspektive des Einlassens auf die psychische Binnenwelt würde sich der Träumende im Traum sozusagen reflexiv selbst unterbieten, und zwar bis zu einem Punkt, wo gerade das Phänomen des verdoppelten Traums, des Traums-im-Traum, einen privilegierten Bildschirm für das traumatische Reale jenseits des Traumnabels bietet (<bib id='Lacan 1966a'></bib>: S. 768) – und zwar dergestalt, dass das Wachbewusstsein laut Lacan lediglich eine andere, reflektierte Weise darstellen würde, dieses Reale zu verfehlen (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 71). | ||
Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 116). Paul Valéry dagegen weist ganz im Sinne von Freuds ‚heiligem Egoismus‘ des Träumenden darauf hin, dass „das ICH und das, was es sieht, von derselben Art sind in den Träumen“ (<bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 194;<ref>Valery hier und im Folgendem übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> vgl. auch <bib id='Benjamin 1974b'></bib>: S. 143). Im Traum stehen die halluzinierten Phänomene in einer besonderen – visuellen – Beziehung zum Traumsubjekt: „Die Dinge, die ich sehe, sehen mich in dem Maße, wie ich sie sehe. Das, was ich sehe, erklärt mich also in gewisser Weise, drückt mich aus – das da ist durch mich organisiert, anstatt dass ich durch es organisiert wäre wie im Wachzustand“ <bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 193f.). Ohne sich auf Valéry zu beziehen, vergleicht Lacan in ähnlicher Weise die Sicht auf die Dinge im Wachzustand und im Traum. „Die Welt“, so Lacan, ist an sich „nicht exhibitionistisch – sie provoziert nicht unseren [[Blick|Blick]]. Wenn sie anfängt, ihn zu provozieren, dann beginnt auch das Gefühl der Unheimlichkeit. Was heißt das? – wenn nicht dies, dass es im sogenannten Wachzustand eine Elision [Auslassung] des Blicks gibt, eine Elision nicht nur dessen, dass es blickt, sondern dass ''es zeigt''. Das was im Feld des Traums, im Gegensatz dazu, die Bilder charakterisiert, ist dass ''es zeigt''“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88).<ref>Hier und Folgendem (abweichend von <bib id='Lacan 1996b'></bib>: S. 81f.) übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> Im Gegensatz zum Bild des Wahrnehmungsbewusstseins provoziert das Traumbild den Blick des Traumsubjekts: ‚es zeigt‘ – in einer massiven Plastizität, die jeden reflexiven Selbstbezug auszuschließen scheint, so dass auch nicht davon gesprochen werden kann, es würde ''sich'' zeigen. Die irreflexive englische Wendung ''it shows'' drückt diesen Sachverhalt vielleicht besser aus. Das ‚es zeigt‘ des Traums „tritt so sehr hervor, mit den Charakteristika, in denen es sich verortet – nämlich der Abwesenheit eines Horizonts, der Schließung dessen, was im Wachzustand betrachtet wird, und, ebenso, der Art des Hervortretens, des Kontrastes, das Fleckartige seiner Bilder, die Intensivierung ihrer Farben – dass unsere Position im Traum letzten Endes die ist, auf grundlegende Weise der zu sein, der nicht sieht. Das Subjekt weiß nicht, wo das hinführt, es folgt, es kann sich allenfalls losmachen, sich sagen, dass es ein Traum ist, aber es kann sich in keinem Fall im Traum auf die Art erfassen, auf die es sich, im cartesischen ''Cogito'', als Denken erfasst. Es kann sich sagen – ''Das ist nur ein Traum''. Aber es erfasst sich nicht als der, der sich sagt – ''Trotz alledem, ich bin Bewusstsein dieses Traums''“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88). ''Was'' also ‚zeigt‘ – laut Lacan – im Traumbild, was wird manifest? Zunächst manifestieren sich in den Traumbildern die plastisch entstellten, unbewussten, unerfüllten Wünsche. In der Unmittelbarkeit der Traumbilder wird außerdem manifest das nicht reflektierte Wissen des Träumers darüber, dass seine halluzinierte Wunschbefriedigung, die er an den Traumbildern genießt, von einer Ausblendung der Unterscheidung zwischen Traum und Realität abhängt. Dass die Traumbilderfahrung eine besondere Unmittelbarkeit hat und dass das Subjekt diese Unterscheidung ausblendet sind zwei auseinanderfallende Aspekte desselben Zusammenhangs: Das unbewusste, aber wirkmächtige Wissen um die Ausblendung insistiert in der Unmittelbarkeit der Traumbilder. Es wird in diesen Bildern, als diese Bilder manifest. Demzufolge würde auch das Klarträumen (im luziden Traum) nur ein graduelles Sich-Losmachen vom manifesten Traum erreichen. Auf den Traumwunsch, die Traumarbeit und ihre entstellenden Resultate, mithin auf den Umstand, dass der Träumende in einem grundlegenden Sinne der ist, ‚der nicht sieht‘, hätte es keinen Einfluss. Nur wenn der Unterschied Traum/Realität reflektiert wird, verlieren die Traumbilder ihr Charakteristikum, das darin besteht, dass ihr „Zu-sehen-Geben“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88) durch seine plastische Immanenz den Träumenden zugleich bannt und blendet. Erst dann zeigen sie sich uns sozusagen mit abgeblendetem Blick, so, wie wir Bilder im alltäglichen Wahrnehmungsbewusstsein erleben. Doch diese gedoppelte Reflexion, darauf verweist Lacan am bekannten Beispiel von Tschuang-Tse, der träumt, ein Schmetterling zu sein, ist nur von der Wirklichkeitsseite der Unterscheidung Wirklichkeit/Traum her möglich: nämlich im skeptischen Modus des wachen Zweifels, ob ich als Tschuang-Tse nicht vielleicht ein Schmetterling sein könnte, der bloß träumt, Tschuang-Tse zu sein. Im immanenten Modus des Träumens taucht die entsprechende Frage, ob ich als Schmetterling vielleicht ein Tschuang-Tse sein könnte, der bloß träumen würde, ein Schmetterling zu sein, nicht auf. | Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ (<bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S. 116). Paul Valéry dagegen weist ganz im Sinne von Freuds ‚heiligem Egoismus‘ des Träumenden darauf hin, dass „das ICH und das, was es sieht, von derselben Art sind in den Träumen“ (<bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 194;<ref>Valery hier und im Folgendem übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> vgl. auch <bib id='Benjamin 1974b'></bib>: S. 143). Im Traum stehen die halluzinierten Phänomene in einer besonderen – visuellen – Beziehung zum Traumsubjekt: „Die Dinge, die ich sehe, sehen mich in dem Maße, wie ich sie sehe. Das, was ich sehe, erklärt mich also in gewisser Weise, drückt mich aus – das da ist durch mich organisiert, anstatt dass ich durch es organisiert wäre wie im Wachzustand“ <bib id='Valery 1935a'></bib>: S. 193f.). Ohne sich auf Valéry zu beziehen, vergleicht Lacan in ähnlicher Weise die Sicht auf die Dinge im Wachzustand und im Traum. „Die Welt“, so Lacan, ist an sich „nicht exhibitionistisch – sie provoziert nicht unseren [[Blick|Blick]]. Wenn sie anfängt, ihn zu provozieren, dann beginnt auch das Gefühl der Unheimlichkeit. Was heißt das? – wenn nicht dies, dass es im sogenannten Wachzustand eine Elision [Auslassung] des Blicks gibt, eine Elision nicht nur dessen, dass es blickt, sondern dass [[Zeigen und Sich-Zeigen|''es zeigt'']]. Das was im Feld des Traums, im Gegensatz dazu, die Bilder charakterisiert, ist dass ''es zeigt''“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88).<ref>Hier und Folgendem (abweichend von <bib id='Lacan 1996b'></bib>: S. 81f.) übersetzt von Wolfram Bergande.</ref> Im Gegensatz zum Bild des Wahrnehmungsbewusstseins provoziert das Traumbild den Blick des Traumsubjekts: ‚es zeigt‘ – in einer massiven Plastizität, die jeden reflexiven Selbstbezug auszuschließen scheint, so dass auch nicht davon gesprochen werden kann, es würde ''sich'' zeigen. Die irreflexive englische Wendung ''it shows'' drückt diesen Sachverhalt vielleicht besser aus. Das ‚es zeigt‘ des Traums „tritt so sehr hervor, mit den Charakteristika, in denen es sich verortet – nämlich der Abwesenheit eines Horizonts, der Schließung dessen, was im Wachzustand betrachtet wird, und, ebenso, der Art des Hervortretens, des Kontrastes, das Fleckartige seiner Bilder, die Intensivierung ihrer Farben – dass unsere Position im Traum letzten Endes die ist, auf grundlegende Weise der zu sein, der nicht sieht. Das Subjekt weiß nicht, wo das hinführt, es folgt, es kann sich allenfalls losmachen, sich sagen, dass es ein Traum ist, aber es kann sich in keinem Fall im Traum auf die Art erfassen, auf die es sich, im cartesischen ''Cogito'', als Denken erfasst. Es kann sich sagen – ''Das ist nur ein Traum''. Aber es erfasst sich nicht als der, der sich sagt – ''Trotz alledem, ich bin Bewusstsein dieses Traums''“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88). ''Was'' also ‚zeigt‘ – laut Lacan – im Traumbild, was wird manifest? Zunächst manifestieren sich in den Traumbildern die plastisch entstellten, unbewussten, unerfüllten Wünsche. In der Unmittelbarkeit der Traumbilder wird außerdem manifest das nicht reflektierte Wissen des Träumers darüber, dass seine halluzinierte Wunschbefriedigung, die er an den Traumbildern genießt, von einer Ausblendung der Unterscheidung zwischen Traum und Realität abhängt. Dass die Traumbilderfahrung eine besondere Unmittelbarkeit hat und dass das Subjekt diese Unterscheidung ausblendet sind zwei auseinanderfallende Aspekte desselben Zusammenhangs: Das unbewusste, aber wirkmächtige Wissen um die Ausblendung insistiert in der Unmittelbarkeit der Traumbilder. Es wird in diesen Bildern, als diese Bilder manifest. Demzufolge würde auch das Klarträumen (im luziden Traum) nur ein graduelles Sich-Losmachen vom manifesten Traum erreichen. Auf den Traumwunsch, die Traumarbeit und ihre entstellenden Resultate, mithin auf den Umstand, dass der Träumende in einem grundlegenden Sinne der ist, ‚der nicht sieht‘, hätte es keinen Einfluss. Nur wenn der Unterschied Traum/Realität reflektiert wird, verlieren die Traumbilder ihr Charakteristikum, das darin besteht, dass ihr „Zu-sehen-Geben“ (<bib id='Lacan 1994a'></bib>: S. 88) durch seine plastische Immanenz den Träumenden zugleich bannt und blendet. Erst dann zeigen sie sich uns sozusagen mit abgeblendetem Blick, so, wie wir Bilder im alltäglichen Wahrnehmungsbewusstsein erleben. Doch diese gedoppelte Reflexion, darauf verweist Lacan am bekannten Beispiel von Tschuang-Tse, der träumt, ein Schmetterling zu sein, ist nur von der Wirklichkeitsseite der Unterscheidung Wirklichkeit/Traum her möglich: nämlich im skeptischen Modus des wachen Zweifels, ob ich als Tschuang-Tse nicht vielleicht ein Schmetterling sein könnte, der bloß träumt, Tschuang-Tse zu sein. Im immanenten Modus des Träumens taucht die entsprechende Frage, ob ich als Schmetterling vielleicht ein Tschuang-Tse sein könnte, der bloß träumen würde, ein Schmetterling zu sein, nicht auf. | ||
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* [[Phantasma]] | * [[Phantasma]] | ||
* [[Psychoanalytische Theorien des Bildes]] | * [[Psychoanalytische Theorien des Bildes]] | ||
* [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem]] | |||
* [[Zeigen und Sich-Zeigen]] | |||
Version vom 6. August 2013, 21:57 Uhr
Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft
Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches„Traumbild“ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort „Vision“’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und TraumforschungDie definitorische Einschränkung des Traumbildes auf den Schlafzustand ist allerdings gerechtfertigt schon durch die alltagssprachliche Bedeutung von „Traum“ als gerade „im Schlaf auftretende Vorstellung, sehnlicher Wunsch“ ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Etymologisch steckt in „Traum“ nämlich eine Betonung des Visuellen. „Traum“ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische „draugma“, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind „Gefühle“ in Träumen und die „Bizarrheit“ von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dass Traumbilder der visuellen Wahrnehmung im Wachbewusstsein relativ stark entsprechen, legt auch die Studie von [Rechtschaffen & Buchignani 1983]Der Eintrag existiert noch nicht. nahe, die Strauch und Meier zitieren: „In dieser Studie entsprachen die Traumbilder weitgehend der Wachwahrnehmung in Bezug auf den Grad ihrer Helligkeit und Bildschärfe, sie zeigten aber im Mittel weniger satte Farben und eine Fokussierung des Vordergrunds bei einem verschwommenen Hintergrund“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Traum(bild)forschung: Neuropsychologie und/oder PsychoanalyseDieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs gesehen, insbesondere im Anschluss an die Studien von [Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118. Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnusAlbträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) ‚entkoppeln‘ (vgl. [Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 126), auf die sich Behaviorismus und Neo-Behaviorismus ihrem Insistieren auf REM-Schlaf-Träume berufen. Damit passen sie einer psychoanalytischen Theorieperspektive ins Konzept, die aus der klinischen Erfahrung berichtet, dass zum Beispiel bei „Insomnie-Patienten“ wie auch bei einer prävalenten Diagnose wie der Depression häufig zunächst „jegliche Traumerinnerung“ fehlt, so dass „die Betroffenen […] weder einen Trauminhalt noch einen Traumaffekt“ erinnern – obwohl sich häufig heraus stellt, dass „gerade die nicht erinnerten Träume sowohl von großem diagnostischem Wert als auch von hoher therapeutischer Bedeutung im psychoanalytischen Verständnis sind“ ([Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 124, 126). Im Pavor nocturnus, der ein nächtliches Aufschrecken unter „Angst und Panik“, „mit Schreien, Weinen oder wildem Gestikulieren“ und körperlichen Symptomen wie „Mydriasis [Pupillenerweiterung], Schwitzen, Herzrasen, beschleunigter Atemfrequenz und Piloerektion [Gänsehaut]“ darstellt und der eine Prävalenz von 3% der Gesamtbevölkerung im Kindesalter und von 1% im Erwachsenenalter hat, ist der Betroffene am nächsten Tag oft nicht imstande, sich an „diese Horrorsituation zu erinnern“ (hier und im Folgenden [Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund FreudsFür Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in [Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Das Traumbild und das UnbewussteBewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
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Anmerkungen
Literatur
[Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118.[Benjamin 1974b]Benjamin, Walter (1974): Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Dement & Kleitman 1957a]Dement, William & Kleitman, Nathanael (1957): The Relation of Eye Movements During Sleep to Dream Activity: An Objective Method for the Study of Dreaming. Journal of Experimental Psychology, 53, 3.[Foulkes 1962a]Foulkes, D. (1962): Dream Reports from Different Stages of Sleep. Journal of Abnormal and Social Psychology , 65.[Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999b]Freud, Sigmund (1999): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 15. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999c]Freud, Sigmund (1999): Die Traumdeutung. Über den Traum. Gesammelte Werke. Bd. 2/3. Fischer, Frankfurt/M.[Hobson & McCarley 1977a]Hobson, J.A. & McCarley, R.W. (1977): The Brain as a Dream-State Generator: An Activation-Synthesis Hypothesis of the Dream Process. American Journal of Psychiatry, 134.[Hobson 1989a]Hobson, J.A. (1989): Sleep. Scientific American Library, New York.[Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Kerr et al. 1982a]Kerr, N. & Foulkes, D. & Schmidt, M. (1982): The Structure of Laboratory Dream Reports in Blind and Sighted Subjects. The Journal of Nervous and Mental Disease, 170, 5.[Lacan 1966a]Lacan, Jacques (1966): Kant avec Sade. In: Lacan, J. (Hg.), Écrits. Seuil, Paris.[Lacan 1994a]Lacan, Jacques (1994): Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse, essais points. Seuil, Paris.[Lacan 1996b]Lacan, Jacques (1996): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Quadriga, Weinheim.[Nishimoto et al. 2011a]Nishimoto, Shinji & T. Vu, An & Naselaris, Thomas & Benjamini, Yuval & Yu, Bin & Gallant, Jack L. (2011): Reconstructing Visual Experiences from Brain Activity Evoked by Natural Movies. Current Biology, 21.[Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München.[Pinel & Pauli 2007a]Pinel, John P. J. & Pauli, Paul (2007): Biopsychologie. Pearson Studium, München u.a.[Rechtschaffen & Buchignani 1983a]Rechtschaffen, Allan & Buchignani, Cheryl (1983): Visual Dimensions and Correlates of Dream Images. Sleep Research, 12.[Reck 2010a]Reck, Hans Ulrich (2010): Traum. Enzyklopädie. Wilhelm Fink, München.[Rodenbeck et al. 2006a]Rodenbeck, Andrea & Gruber-Rüther, Angelika & Rüther, Eckart (2006): Affekte im Traum und Wacherleben – eine Affekthypothese des Traumes. In: Wiegand, M.l H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Solms 1997a]Solms, M. (1997): The Neuropsychology of Dreams. Lawrence Erlbaum, Mahwah (NJ).[Solms 2000a]Solms, M. (2000): Dreaming and REM Sleep Are Controlled by Different Brain Mechanisms. Behavioral and Brain Sciences, 23.[Solms 2006a]Solms, M. (2006): “Traumdeutung” und Neurowissenschaften. In: Starobinski, J. & Grubrich-Simitis, I. & Solms, M. (Hg.), Hundert Jahre “Traumdeutung” von Sigmund Freud. Fischer, Frankfurt/M.[Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. [Valery 1935a]Valéry, Paul (1935): Analecta. Gallimard, Paris.[Woodward et al. 2002a]Woodward, S.H. & Leskin, G.A. & Sheikh, J.I. (2002): Movement During Sleep: Associations with Post-Traumatic Stress Disorder, Nightmares, and Comorbid Panic Disorder. Sleep, 25. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Wolfram Bergande — (Hinweis) |