Traumbild: Unterschied zwischen den Versionen
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Für Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 65 listet insgesamt neun davon), sind der Traum und seine Bilder „kein somatisches, sondern ein psychisches Phänomen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 97). Der Traum ist ein psychisch determiniertes „neurotisches Symptom“, und die „Mechanismen der Traumbildung [sind] vorbildlich für die Entstehungsweise der neurotischen Symptome“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 105ff, 79, 186). Wie Freud in der Vorbemerkung zur ersten Auflage der ''Traumdeutung'' schreibt, hat der Traum daher einen „theoretische[n] Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen“ #. Die behauptete Wunscherfüllungsintention des Traums ist identisch mit seiner Funktion, „Hüter des Schlafes“, nämlich „Beseitiger von Schlafstörungen“ zu sein (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 130, 127): „Der Traum ist also die Art, wie die Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize reagiert“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86), nämlich indem er sie in das vorwiegend visuelle Traumerleben einschmilzt. Dies können äußere Reize sein (Weckerklingeln) oder innere, das heißt zum Beispiel unbewusste Triebwünsche, bei denen es sich „vorwiegend – aber wiederum nicht ausschließlich“ um sexuelle Wünsche handelt, aber auch um Wünsche, die Egoismus oder Habgier betreffen, genauso innere Körperreize wie Hunger, Durst oder körperliche Beschwerden (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 196, 127). Die Möglichkeit der Traumbeeinflussung durch äußere Reize jedenfalls wird durch die aktuelle Schlaf- und Traumforschung bestätigt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S.: 171f.; <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 88). Die unbewussten inneren Reize bilden für Freud den „Nabel des Traums“, aus dem der „Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium“ emporwächst #. „Man erlebt vielerlei im Traum und glaubt daran, während man doch nichts erlebt als vielleicht den einen störenden Reiz. Man erlebt es vorwiegend in visuellen Bildern; es können auch Gefühle dabei sein, auch Gedanken mittendurch, aber vorwiegend sind es doch Bilder. Ein Teil der Schwierigkeit des Traumerzählens kommt daher, dass wir diese Bilder in Worte zu übersetzen haben. Ich könnte es zeichnen, sagt uns der Träumer oft, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Eine Zeichnung allerdings würde laut Freud ''prima facie'' nichts aufklären, denn die Zeichnung ist nicht als Abbild oder in ästhetischer Hinsicht (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 231f.), sondern primär als Zeichen, als „Bilderrätsel (Rebus)“ zu verstehen: „Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte“ #. | Für Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in <bib id='Schredl 2006a'></bib>: S. 65 listet insgesamt neun davon), sind der Traum und seine Bilder „kein somatisches, sondern ein psychisches Phänomen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 97). Der Traum ist ein psychisch determiniertes „neurotisches Symptom“, und die „Mechanismen der Traumbildung [sind] vorbildlich für die Entstehungsweise der neurotischen Symptome“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 105ff, 79, 186). Wie Freud in der Vorbemerkung zur ersten Auflage der ''Traumdeutung'' schreibt, hat der Traum daher einen „theoretische[n] Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen“ #. Die behauptete Wunscherfüllungsintention des Traums ist identisch mit seiner Funktion, „Hüter des Schlafes“, nämlich „Beseitiger von Schlafstörungen“ zu sein (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 130, 127): „Der Traum ist also die Art, wie die Seele auf die im Schlafzustand einwirkenden Reize reagiert“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86), nämlich indem er sie in das vorwiegend visuelle Traumerleben einschmilzt. Dies können äußere Reize sein (Weckerklingeln) oder innere, das heißt zum Beispiel unbewusste Triebwünsche, bei denen es sich „vorwiegend – aber wiederum nicht ausschließlich“ um sexuelle Wünsche handelt, aber auch um Wünsche, die Egoismus oder Habgier betreffen, genauso innere Körperreize wie Hunger, Durst oder körperliche Beschwerden (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 196, 127). Die Möglichkeit der Traumbeeinflussung durch äußere Reize jedenfalls wird durch die aktuelle Schlaf- und Traumforschung bestätigt (vgl. <bib id='Strauch & Meier 2004a'></bib>: S.: 171f.; <bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 88). Die unbewussten inneren Reize bilden für Freud den „Nabel des Traums“, aus dem der „Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Mycelium“ emporwächst #. „Man erlebt vielerlei im Traum und glaubt daran, während man doch nichts erlebt als vielleicht den einen störenden Reiz. Man erlebt es vorwiegend in visuellen Bildern; es können auch Gefühle dabei sein, auch Gedanken mittendurch, aber vorwiegend sind es doch Bilder. Ein Teil der Schwierigkeit des Traumerzählens kommt daher, dass wir diese Bilder in Worte zu übersetzen haben. Ich könnte es zeichnen, sagt uns der Träumer oft, aber ich weiß nicht, wie ich es sagen soll“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 86). Eine Zeichnung allerdings würde laut Freud ''prima facie'' nichts aufklären, denn die Zeichnung ist nicht als Abbild oder in ästhetischer Hinsicht (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 231f.), sondern primär als Zeichen, als „Bilderrätsel (Rebus)“ zu verstehen: „Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen nach ihrem Bilderwert anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte“ #. | ||
Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 217). Deshalb ist „[…] der Traum als Ganzes der entstellte Ersatz für etwas anderes, Unbewusstes“ | Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 217). Deshalb ist „[…] der Traum als Ganzes der entstellte Ersatz für etwas anderes, Unbewusstes“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 112). Die Aufgabe der Traumdeutung ist, dieses Unbewusste ausfindig zu machen entlang der „lange[n] Kette von Assoziationen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 115) dessen, der seinen Traum erinnernd mithilfe des Analytikers rekonstruiert. Bei der Analyse des Traums ist die Unterscheidung manifest/latent grundlegend: „Wir wollen das, was der Traum erzählt, den manifesten Trauminhalt nennen, das Verborgene, zu dem wir durch die Verfolgung der Einfälle kommen sollen, die latenten Traumgedanken“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 118). Traum im eigentlichen Sinne ist der manifeste Trauminhalt, der gleichwohl eine bloße „Fassade“ ist (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 184). Die sogenannte „Traumarbeit“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 174) setzt die latenten Traumgedanken in den manifesten Traum um. Die Traumarbeit wiederum kommt hauptsächlich durch die Traumzensur zustande: „Die Traumzensur selbst ist der Urheber oder einer der Urheber der Traumentstellung“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 140f.). Insofern „[…] der gegen seine Wünsche sich sträubende Träumer gleichzusetzen ist einer Summation von zwei gesonderten, aber irgendwie innig verbundenen Personen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 224), kann der Traum außer einem erfüllten Wunsch auch das gegenteilige Strafbedürfnis der Zensurinstanz zum Ausdruck bringen (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 227). | ||
Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung. | Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 185, 174ff.). | ||
:1) Die Verdichtung ist eine Art anschaulicher „Mischbildung“ zum Beispiel von Personen, Gegenständen oder Örtlichkeiten | :1) Die Verdichtung ist eine Art anschaulicher „Mischbildung“ zum Beispiel von Personen, Gegenständen oder Örtlichkeiten; laut Freud ist sie keine Wirkung der Traumzensur sondern anderen, vielleicht ökonomischen Ursachen geschuldet: „Es ist das wie eine neue und flüchtige Begriffsbildung mit diesem Gemeinsamen als Kern. Durch das Übereinanderfallen der miteinander verdichteten Einzelnen entsteht in der Regel ein unscharfes, verschwommenes Bild, so ähnlich, wie wenn Sie mehrere Aufnahmen auf die nämliche Platte bringen“ (<bib id='Freud 1999a'></bib>: S. 175). | ||
:2) Die „Verschiebung“ führt Freud dagegen ganz auf die Traumzensur zurück. Sie ist dadurch definiert, „[…] erstens, dass ein latentes Element nicht durch einen eigenen Bestandteil, sondern durch etwas Entfernteres, also durch eine Anspielung ersetzt wird und zweitens, dass der psychische Akzent von einem wichtigen Element auf ein anderes, unwichtiges übergeht, so dass der Traum anders zentriert und fremdartig erscheint.“ # Die Verschiebung führt so zu einer besonderen sinnlichen Intensität der Traum(bild)elemente: „In den meisten Träumen lässt sich ein mit besonderer sinnlicher Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen […]. Das ist in der Regel die direkte Darstellung der Wunscherfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit rückgängig machen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in den Traumgedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt ersetzt.“ # | :2) Die „Verschiebung“ führt Freud dagegen ganz auf die Traumzensur zurück. Sie ist dadurch definiert, „[…] erstens, dass ein latentes Element nicht durch einen eigenen Bestandteil, sondern durch etwas Entfernteres, also durch eine Anspielung ersetzt wird und zweitens, dass der psychische Akzent von einem wichtigen Element auf ein anderes, unwichtiges übergeht, so dass der Traum anders zentriert und fremdartig erscheint.“ # Die Verschiebung führt so zu einer besonderen sinnlichen Intensität der Traum(bild)elemente: „In den meisten Träumen lässt sich ein mit besonderer sinnlicher Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen […]. Das ist in der Regel die direkte Darstellung der Wunscherfüllung, denn, wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit rückgängig machen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in den Traumgedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt ersetzt.“ # | ||
Version vom 5. August 2013, 15:38 Uhr
Unterpunkt zu: Bildbewusstsein und Einbildungskraft
Traumbild, Vision, Tagtraum und Onirisches‘Traumbild’ ist weder ein profilierter wissenschaftlicher Ausdruck noch einer, der besonders häufig in der Alltagssprache vorkommt, anders als das Lehnwort ‘Vision’, das eine hauptsächlich visuelle Halluzination im Wachzustand bezeichnet ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Das Traumbild aus Sicht der empirisch-klinischen Schlaf- und TraumforschungDie definitorische Einschränkung des Traumbildes auf den Schlafzustand ist allerdings gerechtfertigt schon durch die alltagssprachliche Bedeutung von ‘Traum’ als gerade „im Schlaf auftretende Vorstellung, sehnlicher Wunsch“ ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Etymologisch steckt in ‘Traum’ nämlich eine Betonung des Visuellen. ‘Traum’ lässt sich zurück verfolgen auf das germanische ‘draugma’, das ein „nicht wirkliches Bild, Trugbild“ bezeichnet ([Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München. Während nach Strauch und Meier die halluzinierten „Sinneseindrücke“ wie Sprechen und Denken im Traum als „ein durchgängiges Gestaltungsmittel von Träumen“ anzusehen sind, sind Gefühle in Träumen und die Bizarrheit von Träumen eher als Begleiterscheinungen anzusehen ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Laut Strauch und Meier, die sich unter anderem auf eine eigene Untersuchung von 500 REM-Schlaf-Träumen stützen, ist der Realitätscharakter von Träumen und ihren visuellen Komponenten stark ausgeprägt. Träume haben sehr häufig „Alltagssituationen zum Thema“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dass Traumbilder der visuellen Wahrnehmung im Wachbewusstsein relativ stark entsprechen, legt auch die Studie von [Rechtschaffen & Buchignani 1983]Der Eintrag existiert noch nicht. nahe, die Strauch und Meier zitieren: „In dieser Studie entsprachen die Traumbilder weitgehend der Wachwahrnehmung in Bezug auf den Grad ihrer Helligkeit und Bildschärfe, sie zeigten aber im Mittel weniger satte Farben und eine Fokussierung des Vordergrunds bei einem verschwommenen Hintergrund“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Traum(bild)forschung: Neuropsychologie und/oder PsychoanalyseDieser Vorbehalt verweist auf eine Grundproblematik der Traum(bild)forschung. Traumbilder haben, wie alle anderen Arten des Traumerlebens auch, den Status von Qualia. Sie sind daher bis auf weiteres „private Erlebnisse, bei denen keine Beobachter zugelassen sind, der Träumer ist der einzige Zeuge des Traumgeschehens“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Weil das Traumbild bislang nicht objektiv beobachtbar ist, hat sich die Schlaf- und Traumforschung der Erforschung des physiologischen Korrelats der Träume zugewandt. Dieses Korrelat wurde zunächst in den zyklisch auftretenden Rapid-Eye-Movement-Phasen des Schlafs (sogenannter REM-Schlaf) gesehen, insbesondere im Anschluss an die Studien von [Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118. Das Traumbild in Albtraum und Pavor nocturnusAlbträume und insbesondere Pavor-nocturnus-Träume sind nun einerseits deshalb für die Frage nach dem Traumbild interessant, weil sie die heuristische Korrelation von Traumerinnerung und tatsächlichen Traum(bildern) ‚entkoppeln‘ (vgl. [Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 126), auf die sich Behaviorismus und Neo-Behaviorismus ihrem Insistieren auf REM-Schlaf-Träume berufen. Damit passen sie einer psychoanalytischen Theorieperspektive ins Konzept, die aus der klinischen Erfahrung berichtet, dass zum Beispiel bei „Insomnie-Patienten“ wie auch bei einer prävalenten Diagnose wie der Depression häufig zunächst „jegliche Traumerinnerung“ fehlt, so dass „die Betroffenen […] weder einen Trauminhalt noch einen Traumaffekt“ erinnern – obwohl sich häufig heraus stellt, dass „gerade die nicht erinnerten Träume sowohl von großem diagnostischem Wert als auch von hoher therapeutischer Bedeutung im psychoanalytischen Verständnis sind“ ([Rodenbeck & Gruber-Rüther & Rüther 2006a]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 124, 126). Im Pavor nocturnus, der ein nächtliches Aufschrecken unter „Angst und Panik“, „mit Schreien, Weinen oder wildem Gestikulieren“ und körperlichen Symptomen wie „Mydriasis [Pupillenerweiterung], Schwitzen, Herzrasen, beschleunigter Atemfrequenz und Piloerektion [Gänsehaut]“ darstellt und der eine Prävalenz von 3% der Gesamtbevölkerung im Kindesalter und von 1% im Erwachsenenalter hat, ist der Betroffene am nächsten Tag oft nicht imstande, sich an „diese Horrorsituation zu erinnern“ (hier und im Folgenden [Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Albträume und Pavor-nocturnus-Träume sind andererseits auch darin bemerkenswert, dass sie sich relativ schlecht in Freuds ursprüngliche psychoanalytische Theorie des Traumes als „halluzinierte Wunscherfüllung“ (#VL, 136) fügten und ihn schließlich zu einer „Revision der Traumlehre“ zwangen. Freuds Traumdeutung hatte 1900 den Wunsch definiert als Bestreben, eine Wahrnehmung zu wiederholen, die einst ein Befriedigungserlebnis war. Die halluzinatorische Wiederbesetzung einer gespeicherten Wahrnehmung sei in dieser Hinsicht „[…] der kürzeste Weg zur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustand des psychischen Apparats anzunehmen, in dem dieser Weg wirklich so begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft. Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses ist.“ # In der Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse von 1933 weist Freud zwar einerseits den Einwand zurück, Angstträume und Träume unangenehmen Inhalts oder richtiggehende Albträume widersprächen der Wunscherfüllungsthese. Vielmehr sei es so, dass die unbewussten Wünsche, die zu jedem Traum beitragen ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Das Traumbild in der Traumtheorie Sigmund FreudsFür Freud, dessen Traumtheorie heute mit verschiedenen vor allem empirisch-klinischen und neo-behavioristischen Erklärungsansätzen konkurriert (die Tabelle 19 in [Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart. Zugunsten des Schlafes führt der Traum die stets vorhandenen inneren Reize mit dem tagesaktuell erinnerten Geschehen vor dem Schlafen, den sogenannten Tagesresten, zusammen: „Etwas, was aus unserem bewussten Leben stammt und dessen Charaktere teilt – wir heißen es: Tagesreste – tritt mit etwas anderem aus jenem Reich des Unbewussten zur Traumbildung zusammen. Zwischen diesen beiden Anteilen vollzieht sich die Traumarbeit“ ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M. Die Traumarbeit selbst besteht außer der sogenannten Traum-Symbolik aus vier Hauptmomenten: 1) Verdichtung, 2) Verschiebung, 3) plastische Darstellung und 4) sekundäre Bearbeitung ([Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.
Das Traumbild und das UnbewussteBewusst steuern lassen sich die Traumarbeit und die daraus hervorgehenden Bilder laut Freud nicht: „Man kann oftmals den Träumer beeinflussen, worüber er träumen soll, nie aber darauf einwirken, was er träumen wird. Der Mechanismus der Traumarbeit und der unbewusste Traumwunsch sind jedem fremden Einfluss entzogen“ #. Auch Strauch und Meier sehen darin den Unterschied der Schlafträume zur Wachphantasie: „Sie sind nicht bewusst zu kontrollieren und versetzen uns in eine scheinbare Wirklichkeit, in der wir als Personen handeln, ohne zu wissen, dass wir diese Welt geschaffen haben“ #. Und sie vermuten: „Diese besondere Erlebnisweise des Traums ist vielleicht nur deshalb gegeben, weil wir während des Träumens uns des Träumens nicht bewusst sind“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. Dem Befund Freuds scheint die empirische Schlaf- und Traumforschung zu widersprechen: „In Träumen ist das Ich in stärkerem Maße in die Situation eingebunden und tritt weniger zugunsten einer Sache in den Hintergrund. In diesem Sinn sind Träume persönlich, sie sind aber nicht ausgesprochen egozentrisch“ ([Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a.
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Anmerkungen
Literatur
[Aserinsky & Kleitman 1953a]Aserinsky, E. & Kleitman, N. (1953): Regularly Occurring Periods of Eye Motility and Concomitant Phenomena During Sleep. Science, 118.[Benjamin 1974b]Benjamin, Walter (1974): Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Dement & Kleitman 1957a]Dement, William & Kleitman, Nathanael (1957): The Relation of Eye Movements During Sleep to Dream Activity: An Objective Method for the Study of Dreaming. Journal of Experimental Psychology, 53, 3.[Foulkes 1962a]Foulkes, D. (1962): Dream Reports from Different Stages of Sleep. Journal of Abnormal and Social Psychology , 65.[Freud 1999a]Freud, Sigmund (1999): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 11. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999b]Freud, Sigmund (1999): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Gesammelte Werke Bd. 15. Fischer, Frankfurt/M.[Freud 1999c]Freud, Sigmund (1999): Die Traumdeutung. Über den Traum. Gesammelte Werke. Bd. 2/3. Fischer, Frankfurt/M.[Hobson & McCarley 1977a]Hobson, J.A. & McCarley, R.W. (1977): The Brain as a Dream-State Generator: An Activation-Synthesis Hypothesis of the Dream Process. American Journal of Psychiatry, 134.[Hobson 1989a]Hobson, J.A. (1989): Sleep. Scientific American Library, New York.[Kapfhammer 2006a]Kapfhammer, Hans-Peter (2006): Albtraum, Pavor nocturnus und andere Gespenster der Nacht. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Kerr et al. 1982a]Kerr, N. & Foulkes, D. & Schmidt, M. (1982): The Structure of Laboratory Dream Reports in Blind and Sighted Subjects. The Journal of Nervous and Mental Disease, 170, 5.[Lacan 1966a]Lacan, Jacques (1966): Kant avec Sade. In: Lacan, J. (Hg.), Écrits. Seuil, Paris.[Lacan 1994a]Lacan, Jacques (1994): Les quatre concepts fondamentaux de la psychanalyse, essais points. Seuil, Paris.[Lacan 1996b]Lacan, Jacques (1996): Die vier Grundbegriffe der Psychoanalyse. Quadriga, Weinheim.[Nishimoto et al. 2011a]Nishimoto, Shinji & T. Vu, An & Naselaris, Thomas & Benjamini, Yuval & Yu, Bin & Gallant, Jack L. (2011): Reconstructing Visual Experiences from Brain Activity Evoked by Natural Movies. Current Biology, 21.[Pfeifer 1997a]Pfeifer, Wolfgang (1997): Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München.[Pinel & Pauli 2007a]Pinel, John P. J. & Pauli, Paul (2007): Biopsychologie. Pearson Studium, München u.a.[Rechtschaffen & Buchignani 1983a]Rechtschaffen, Allan & Buchignani, Cheryl (1983): Visual Dimensions and Correlates of Dream Images. Sleep Research, 12.[Reck 2010a]Reck, Hans Ulrich (2010): Traum. Enzyklopädie. Wilhelm Fink, München.[Rodenbeck et al. 2006a]Rodenbeck, Andrea & Gruber-Rüther, Angelika & Rüther, Eckart (2006): Affekte im Traum und Wacherleben – eine Affekthypothese des Traumes. In: Wiegand, M.l H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Schredl 2006a]Schredl, Michael (2006): Experimentell-psychologische Traumforschung. In: Wiegand, M. H. & Spreti, F. v. & Förstl, H. & Boothe, B. (Hg.), Schlaf und Traum. Schattauer, Stuttgart.[Solms 1997a]Solms, M. (1997): The Neuropsychology of Dreams. Lawrence Erlbaum, Mahwah (NJ).[Solms 2000a]Solms, M. (2000): Dreaming and REM Sleep Are Controlled by Different Brain Mechanisms. Behavioral and Brain Sciences, 23.[Solms 2006a]Solms, M. (2006): “Traumdeutung” und Neurowissenschaften. In: Starobinski, J. & Grubrich-Simitis, I. & Solms, M. (Hg.), Hundert Jahre “Traumdeutung” von Sigmund Freud. Fischer, Frankfurt/M.[Strauch & Meier 2004a]Strauch, Inge & Meier, Barbara (2004): Den Träumen auf der Spur. Huber, Bern u.a. [Valery 1935a]Valéry, Paul (1935): Analecta. Gallimard, Paris.[Woodward et al. 2002a]Woodward, S.H. & Leskin, G.A. & Sheikh, J.I. (2002): Movement During Sleep: Associations with Post-Traumatic Stress Disorder, Nightmares, and Comorbid Panic Disorder. Sleep, 25. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Wolfram Bergande — (Hinweis) |