Gestalt: Unterschied zwischen den Versionen
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==Historische Wurzeln und | ==Historische Wurzeln und Entste­hung der Gestalt­psycho­logie== | ||
Der Begriff »Gestalt« wurde von Christian von Ehren­fels, einem Schüler von Franz Brenta­no, geprägt <bib id='Ehrenfels 1890a'></bib>. Brenta­no hatte die Wichtig­keit der direk­ten Erfah­rung betont, da er die Aufga­be der Psycho­logie (als empi­rischer Wissen­schaft) in der Beschrei­bung derje­nigen Phäno­mene sah, die man direkt durch inne­re [[Affekt und Wahrnehmung|Wahrneh­mung]] erlebt. Ehren­fels nannte diese Art Psycho­logie ‘deskrip­tive Psycho­logie’ manchmal auch ‘Phäno­meno­logie’ und setzte sie in Gegen­satz zur gene­tischen Psycho­logie, die psycho­logische Phäno­mene aus der Perspek­tive der dritten Person unter­sucht. Ehren­fels formu­lierte seine einfluss­reichste Idee im Rahmen des Problems der komple­xen Wahrneh­mung. Die ato­misti­sche Psycho­logie des 19. Jahrhun­derts hatte die Möglich­keit einer Addi­tion von einfa­chen Wahrneh­mungen voraus­gesetzt. Ernst Mach teilte diesen Stand­punkt und behaup­tete, dass nur die einfa­chen Ele­mente unse­rer Empfin­dungen real seien, aller­dings erkann­te er das Problem der komple­xen Wahrneh­mung an. Nach Ehren­fels hinge­gen können wir die Wahrneh­mung von komple­xen Formen, Melo­dien etc. nur verste­hen, wenn wir von einer einfa­chen und unmit­telbar zusam­menge­setzten Wahrneh­mung ausge­hen; und das bein­haltet die Aufga­be der ato­misti­schen Sicht­weise. | Der Begriff »Gestalt« wurde von Christian von Ehren­fels, einem Schüler von Franz Brenta­no, geprägt <bib id='Ehrenfels 1890a'></bib>. Brenta­no hatte die Wichtig­keit der direk­ten Erfah­rung betont, da er die Aufga­be der Psycho­logie (als empi­rischer Wissen­schaft) in der Beschrei­bung derje­nigen Phäno­mene sah, die man direkt durch inne­re [[Affekt und Wahrnehmung|Wahrneh­mung]] erlebt. Ehren­fels nannte diese Art Psycho­logie ‘deskrip­tive Psycho­logie’ manchmal auch ‘Phäno­meno­logie’ und setzte sie in Gegen­satz zur gene­tischen Psycho­logie, die psycho­logische Phäno­mene aus der Perspek­tive der dritten Person unter­sucht. Ehren­fels formu­lierte seine einfluss­reichste Idee im Rahmen des Problems der komple­xen Wahrneh­mung. Die ato­misti­sche Psycho­logie des 19. Jahrhun­derts hatte die Möglich­keit einer Addi­tion von einfa­chen Wahrneh­mungen voraus­gesetzt. Ernst Mach teilte diesen Stand­punkt und behaup­tete, dass nur die einfa­chen Ele­mente unse­rer Empfin­dungen real seien, aller­dings erkann­te er das Problem der komple­xen Wahrneh­mung an. Nach Ehren­fels hinge­gen können wir die Wahrneh­mung von komple­xen Formen, Melo­dien etc. nur verste­hen, wenn wir von einer einfa­chen und unmit­telbar zusam­menge­setzten Wahrneh­mung ausge­hen; und das bein­haltet die Aufga­be der ato­misti­schen Sicht­weise. | ||
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Die Gestaltpsycho­logie ent­wickel­te ihre grundsätz­lichen Ideen vor dem Hinter­grund zweier riva­lisie­render Schulen: dem Struktu­ralis­mus und dem Beha­vioris­mus. Um dem Phänomen der Kogni­tion näher­zukom­men – so der Grundge­danke der Gestalt­psycho­logie – soll sich die Unter­suchung weder allein auf die geistig-menta­len Aspek­te (wie im Struktu­ralis­mus) noch aus­schließlich allein auf die Verhal­tensas­pekte wie im Beha­vioris­mus bezie­hen, sondern stets auf die Ganzheit des bewuss­ten Erle­bens. Sie besteht aus menta­len und physi­kali­schen Aspek­ten, und dement­sprechend bezie­hen sich bewuss­te Erfah­rung und zere­brale Prozes­se aufei­nander. Diese Voraus­setzun­gen bedeu­ten metho­dolo­gisch, dass gestalt­psycho­logische Unter­suchun­gen ihren Ausgangs­punkt nicht allein oder primär bei der Erfas­sung und Ana­lyse von Sinnes­daten nehmen können, sondern versu­chen müssen, die gege­benen Phäno­mene in ihrer Ganzheit und Komple­xität zu berück­sichti­gen. Bei Wahrneh­mungsex­peri­menten bemü­hen sich Gestalt­psycho­logen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Perso­nen, die am Expe­riment teilneh­men, sich in einer natür­lichen, alltäg­lichen Umge­bung befin­den. Wenn diese Krite­rien erfüllt sind, spricht man in der Gestalt­psycho­logie vom ‘biotischen Experiment’. | Die Gestaltpsycho­logie ent­wickel­te ihre grundsätz­lichen Ideen vor dem Hinter­grund zweier riva­lisie­render Schulen: dem Struktu­ralis­mus und dem Beha­vioris­mus. Um dem Phänomen der Kogni­tion näher­zukom­men – so der Grundge­danke der Gestalt­psycho­logie – soll sich die Unter­suchung weder allein auf die geistig-menta­len Aspek­te (wie im Struktu­ralis­mus) noch aus­schließlich allein auf die Verhal­tensas­pekte wie im Beha­vioris­mus bezie­hen, sondern stets auf die Ganzheit des bewuss­ten Erle­bens. Sie besteht aus menta­len und physi­kali­schen Aspek­ten, und dement­sprechend bezie­hen sich bewuss­te Erfah­rung und zere­brale Prozes­se aufei­nander. Diese Voraus­setzun­gen bedeu­ten metho­dolo­gisch, dass gestalt­psycho­logische Unter­suchun­gen ihren Ausgangs­punkt nicht allein oder primär bei der Erfas­sung und Ana­lyse von Sinnes­daten nehmen können, sondern versu­chen müssen, die gege­benen Phäno­mene in ihrer Ganzheit und Komple­xität zu berück­sichti­gen. Bei Wahrneh­mungsex­peri­menten bemü­hen sich Gestalt­psycho­logen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Perso­nen, die am Expe­riment teilneh­men, sich in einer natür­lichen, alltäg­lichen Umge­bung befin­den. Wenn diese Krite­rien erfüllt sind, spricht man in der Gestalt­psycho­logie vom ‘biotischen Experiment’. | ||
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Die Psychologen der soge­nannten Berli­ner Schule, Max Werthei­mer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtig­sten Vertre­ter der Gestalt­psycho­logie betrach­tet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppie­rungen, wobei die Eigen­schaften von Stimu­li uns zwingen, unse­re jewei­ligen (z.B. visu­ellen) Wahrneh­mungen von vornhe­rein in bestimm­ter Weise anzu­ordnen. 1912 entdeck­te Werthei­mer das sogenannte [http://de.wikipedia.org/wiki/Phi-Ph%C3%A4nomen Phi-Phäno­men]. Nachdem | Die Psychologen der soge­nannten Berli­ner Schule, Max Werthei­mer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtig­sten Vertre­ter der Gestalt­psycho­logie betrach­tet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppie­rungen, wobei die Eigen­schaften von Stimu­li uns zwingen, unse­re jewei­ligen (z.B. visu­ellen) Wahrneh­mungen von vornhe­rein in bestimm­ter Weise anzu­ordnen. 1912 entdeck­te Werthei­mer das sogenannte [http://de.wikipedia.org/wiki/Phi-Ph%C3%A4nomen Phi-Phäno­men]. Nachdem Werthei­mer das Phäno­men der von einem Pol zu einem ande­rem springen­den Lichter auf einem Eisen­bahnzug bemerkt hatte, führte er weite­re Versu­che durch. Sie beleg­ten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimm­ten Geschwin­digkeit aufleuch­ten, ein einzel­nes Licht wahrneh­men, das sich hin und her bewegt. Diese opti­sche Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Infor­matio­nen “erfin­den”, die nicht exis­tieren, wenn wir Bewe­gung wahrneh­men. Werthei­mer ent­wickel­te die Grundge­setze der Orga­nisa­tion der visu­ellen Infor­mation wie z.B. die Gesetze der Nähe, der [[Ähnlichkeit|Ähnlich­keit]], der Geschlos­senheit und der Einfach­heit. | ||
==Der Begriff der Gestalt== | ==Der Begriff der Gestalt== | ||
Das deutsche | Das deutsche ‘Gestalt’ entspricht dem engli­schen ‘form’ oder ‘shape’. Auf einen Vorschlag von E. B. Tiche­ner hat Harry Helson ‘configuration’ als engli­sche Über­setzung empfoh­len. Der Ausdruck leitet sich meta­phorisch vom germa­nischen ‘stalla’ (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das engli­sche ‘stall’. Die norma­le Bedeu­tung von ‘Gestalt’ ist ‘exter­nal or visible form’. Der Ausdruck bezeich­net sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. <bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14). “[A] spatial shape or Gestalt is perceived – or, as Ehren­fels and his fellow Bren­tanians would say, is ‘given in visual presentation’ – on the basis of a complex of sensa­tions of indi­vidual ele­ments having ‘distinct spatial deter­mina­tions’.” (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 14.) Wir machen häufig die Erfah­rung, dass wir wahrneh­men, dass Dinge diesel­be Gestalt besitzen, obwohl sie an sich sonst nichts gemein haben. “Accor­ding to the later Berlin concep­tion, in contrast, a collec­tion of data (or any other psycho­logical forma­tion) does not have a Gestalt: it is a Gestalt, a whole whose parts are them­selves deter­mined as being such that they can exist only as parts of a whole of this given kind”. (<bib id='Smith 1988a'></bib>: S. 13) | ||
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Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phäno­mens begrei­fen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facet­ten, von denen je nach Perspek­tive unter­schiedli­che in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusam­menfasst: “The word Gestalt has been used in a varie­ty of ways by members of the move­ment. Usual­ly there is an agree­ment in inten­sion but the concept is various­ly applied in exten­sion. On the pheno­meno­logical side we find seve­ral diffe­rent meanings along the following order. The confi­guration may refer to any given totali­ty described in terms of its meaning. Or the confi­guration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essen­tial desig­nation may be the manner of combi­nation of a group of units into a whole: four dots may be per­ceived as a square, as lines in various posi­tions, or as a tilted cross. Often the confi­guration may include factors at present unknown. Psycho­logi­cally a confi­guration consists of the affe­rent, central and effe­rent portions of the nervous system functio­ning as a unit: there are no iso­lated paths, no single point-exci­tation connec­ted by strands; the form of exci­tation and its spread are here of impor­tance. From the point of view of beha­viour a confi­guratio­nal response may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation con­fronting the orga­nism.” (<bib id='Helson 1925a'></bib>: S. 364) | |||
==Arbeitsgebiete der Gestalt­psycho­logie== | |||
== | Die Experimente und Unter­suchun­gen der Gestalt­psycho­logen ebne­ten den Weg für eine Vielzahl von neuen Dis­zipli­nen und Einsich­ten. | ||
Der späte Werthei­mer setzte sich mit Fragen des Problem­lösens ausei­nander und beton­te, dass die Lösung erst mit dem Verste­hen des Problem­ganzen einsetzt und dass erst nachträg­lich Einzel­heiten in Betracht gezo­gen werden. Demnach beruht Lernen auf der übergrei­fenden Struktur des jewei­ligen Problems. | |||
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Auch Köhler konzen­trierte seine Unter­suchun­gen auf das Lernen und die Problem­lösung. Er führte Versu­che mit Tieren (Affen und Hühnern) durch, die eini­ge Bele­ge dafür liefer­ten, dass auch Tiere zum verste­henden Lernen befä­higt sind, dass auch sie ''Gestal­ten'' lernen können. | |||
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Koffka hat den Begriff Gedächtnis­spur für die Einrich­tung der Gedächt­nisfunk­tion in den Rahmen der Gestalt­psycho­logie einge­bracht: Wenn eine Erfah­rung gemacht worden ist, bleibt ihr Effekt als eine Spur im Gehirn. Diese Spur beein­flusst zukünf­tige Erfah­rungen. Der Prozess einer in reiner Form ausge­lösten Erfah­rung geschieht nur einmal. Danach inter­agiert jede neue Erfah­rung mit einer frühe­ren Spur. Ein Spursys­tem baut sich auf. | |||
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Kurt Zadek Lewin versuch­te auf der Grund­lage der Gestalt­prinzi­pien eine Theorie der Moti­vation in Über­einstim­mung mit der Feld­theorie der Physik zu ent­wickeln. Der Theorie zufol­ge gehö­ren Verhält­nisse und kogni­tive Prozes­se zu einem “Feld”, in dem sich jedes Ele­ment auf die ande­ren Ele­mente auswirkt. Wir können solche Felder auf vielen verschie­denen Ebe­nen, in verschie­denen Berei­chen beobach­ten: Die von einem Indi­viduum wahrge­nomme­ne Umwelt wäre eben­so als ein solches Feld zu ana­lysie­ren wie auch (auf einer ande­ren Ebe­ne) eine ganze Gesell­schaft. In Bezug auf diese letzte Kate­gorie wird Lewin als Begrün­der der Sozial­psycho­logie ange­sehen. | |||
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Die Bewegung der Gestalt­psycho­logie hatte weitrei­chenden Einfluss. Um nur eini­ge weni­ge Beispie­le zu nennen: Wir finden ihre zentra­len Ideen in den Über­legun­gen zum »impli­ziten Wissen« von Michel Pola­nyi wieder, in der Theorie des [[Film|Films]] und den Unter­suchun­gen zur Wahrneh­mungspsy­cholo­gie von Rudolf Arnheim (<bib id='Arnheim 1932a'></bib>) und Merleau-Ponty (<bib id='Merleau-Ponty 1966a'></bib>, <bib id='Merleau-Ponty 2006a'></bib>), im Gebiet der Lingu­istik, nämlich in John Lakoffs Konzept der »Kate­gori­sierung« (<bib id='Lakoff 1987a'></bib>) sowie in der Theorie der konzep­tuellen [[Visuelle und multimodale Metaphern|Meta­pher]] von Mark Johnson (<bib id='Lakoff & Johnson 1980a'></bib>). | |||
==Prinzipien und Gestalt­geset­ze der visu­ellen Wahr­nehmung== | |||
Was die visuelle Wahr­nehmung betrifft, so hat die Gestalt­psycho­logie eini­ge Schlüssel­eigen­schaften heraus­gear­beitet. Diese Gestalt­geset­ze oder Prinzi­pien sind wichti­ge Leitli­nien für die visu­ellen Künste und für das Design. Je nach Akzent­setzung und Entste­hungszeit sind diese Prinzi­pien jeweils etwas anders formu­liert worden. | |||
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Zu den wichtigsten Prinzi­pien gehört zunächst das der ''Emer­genz''. Der Termi­nus verweist darauf, dass ein Gegen­stand in unse­rer Umwelt von uns sofort als eine Ganz­heit wahrge­nommen wird. Das Erken­nen eines Hundes geschieht nicht durch das auf­einan­derfol­gende Erken­nen seiner einzel­nen Bestand­teile, sondern durch das Erken­nen bestimm­ter Muster. Der gene­rati­ve Aspekt der Wahrneh­mung ist die ''Reifi­kation''. Dies bedeutet, dass die durch unse­re Erfah­rung bereits “vorge­muster­te” Wahrneh­mung visu­eller Arte­fakte uns mehr räumli­che Infor­matio­nen liefert als der bloße sinnli­che Reiz. Wir erken­nen bestimm­te Formen bzw. [[Figur/Grund-Differenzierung|Figu­ren]] (''Gestal­ten''), obwohl diese keine echten Kontu­ren besit­zen, wie etwa das Beispiel von [http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/55/Kanizsa_triangle.svg Kani­szas Dreieck] (benannt nach Gaetano Kanisza) zeigt. Ein weite­res Prinzip ist die ''Multi­stabi­lität der Wahrneh­mung''. Es bezieht sich auf kogni­tive Prozes­se, die in zweideu­tigen Wahrneh­mungssi­tuati­onen ablau­fen: Im Fall der bekannten Kopf/Vase-Täuschung Edgar Rubins (<bib id='Rubin 1915a'></bib>), oszil­lieren die Figur (die substan­tielle Erschei­nung des Gegen­standes) und der Grund (das allge­meine Umfeld des Gegen­standes) gemäß der jewei­ligen Inter­preta­tion. [[Datei:Rubin-1.png|thumb|Abb. 1 Kopf/Va­se-Täu­schung]] Ein nächstes von der Gestalt­psycho­logie heraus­gear­beite­tes Wahrneh­mungsprin­zip ist das der ''Inva­rianz'': Es ist uns möglich, einfa­che geomet­rische Gegen­stände unab­hängig von unse­rer Sehper­spekti­ve und unab­hängig von elas­tischen Defor­matio­nen zu erken­nen. Das ''Prägnanz­gesetz'' wiede­rum besagt, dass wir unse­re Erfah­rung auf eine einfa­che, symmet­rische, regel­mäßige und ordent­liche Weise auf­bauen. Ferner gibt es sechs weite­re Prinzi­pien der Gestalt­wahrneh­mung: ''Nähe'', ''Ähnlich­keit'', ''gemein­sames Schicksal'', ''gute Konti­nuität'', ''Geschlos­senheit'' und ''Sym­metrie''. Das Gesetz der Nähe besagt, dass Gegen­stände mit nähe­rem Abstand zu­einan­der als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz der Ähnlich­keit meint, dass Gegen­stände, die sichtba­re Eigen­schaften (z.B. Form, [[Farbe als bildsyntaktische Kategorie|Farbe]], Größe, Orien­tierung) teilen, als zusam­menge­hörig wahrge­nommen werden. Das Gesetz des gemein­samen Schicksals arti­kuliert die Tatsa­che, dass Gegen­stände, die sich in eine Richtung oder auf eine ähnli­che Weise bewe­gen, von uns als eine Einheit wahrge­nommen werden. Das Gesetz der guten Konti­nuität bezieht sich auf unse­re Vorlie­be für sich fortset­zende, durchzie­hende Gestal­ten: Im Fall von gekreuz­ten Linien nehmen wir zwei sich durchkreu­zende Linien wahr statt vier sich an einem Punkt treffen­de Linien. Dem Prinzip der Geschlos­senheit zufol­ge sehen wir ganze Figu­ren trotz fehlen­der Infor­mation: Wir gestal­ten unse­re visu­elle Infor­mation so, dass wir damit eine Ganzheit aufbau­en können. Das Gesetz der Sym­metrie schließlich bezieht sich auf die Figur-Grund-Bezie­hung. Wenn wir Gegen­stände wahrneh­men, nehmen wir sie als sym­metri­sche Gestal­ten wahr, die um ihr Zentrum herum geformt sind. Deswe­gen nimmt man sym­metri­sche Bilder sogar aus größe­rer Entfer­nung als zusam­menge­hörig wahr, und deswe­gen werden auch sym­metri­sche Räume als Figu­ren auf einem asym­metri­schen Hinter­grund wahrge­nommen. | |||
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Version vom 3. Juli 2013, 09:40 Uhr
Unterpunkt zu: Wahrnehmungstheorien: Übersicht
Glossar-English:Gestalt[1]
Historische Wurzeln und Entstehung der GestaltpsychologieDer Begriff »Gestalt« wurde von Christian von Ehrenfels, einem Schüler von Franz Brentano, geprägt [Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14. Die Gestaltpsychologie entwickelte ihre grundsätzlichen Ideen vor dem Hintergrund zweier rivalisierender Schulen: dem Strukturalismus und dem Behaviorismus. Um dem Phänomen der Kognition näherzukommen – so der Grundgedanke der Gestaltpsychologie – soll sich die Untersuchung weder allein auf die geistig-mentalen Aspekte (wie im Strukturalismus) noch ausschließlich allein auf die Verhaltensaspekte wie im Behaviorismus beziehen, sondern stets auf die Ganzheit des bewussten Erlebens. Sie besteht aus mentalen und physikalischen Aspekten, und dementsprechend beziehen sich bewusste Erfahrung und zerebrale Prozesse aufeinander. Diese Voraussetzungen bedeuten methodologisch, dass gestaltpsychologische Untersuchungen ihren Ausgangspunkt nicht allein oder primär bei der Erfassung und Analyse von Sinnesdaten nehmen können, sondern versuchen müssen, die gegebenen Phänomene in ihrer Ganzheit und Komplexität zu berücksichtigen. Bei Wahrnehmungsexperimenten bemühen sich Gestaltpsychologen deshalb darum, dafür zu sorgen, dass die Personen, die am Experiment teilnehmen, sich in einer natürlichen, alltäglichen Umgebung befinden. Wenn diese Kriterien erfüllt sind, spricht man in der Gestaltpsychologie vom ‘biotischen Experiment’. Die Psychologen der sogenannten Berliner Schule, Max Wertheimer, Kurt Koffka und Wolfgang Köhler, werden als die wichtigsten Vertreter der Gestaltpsychologie betrachtet. Zentral für sie ist die Rolle von Gruppierungen, wobei die Eigenschaften von Stimuli uns zwingen, unsere jeweiligen (z.B. visuellen) Wahrnehmungen von vornherein in bestimmter Weise anzuordnen. 1912 entdeckte Wertheimer das sogenannte Phi-Phänomen. Nachdem Wertheimer das Phänomen der von einem Pol zu einem anderem springenden Lichter auf einem Eisenbahnzug bemerkt hatte, führte er weitere Versuche durch. Sie belegten, dass wir, wenn zwei Lichter mit einer bestimmten Geschwindigkeit aufleuchten, ein einzelnes Licht wahrnehmen, das sich hin und her bewegt. Diese optische Täuschung ist Indiz dafür, dass wir Informationen “erfinden”, die nicht existieren, wenn wir Bewegung wahrnehmen. Wertheimer entwickelte die Grundgesetze der Organisation der visuellen Information wie z.B. die Gesetze der Nähe, der Ähnlichkeit, der Geschlossenheit und der Einfachheit.
Der Begriff der GestaltDas deutsche ‘Gestalt’ entspricht dem englischen ‘form’ oder ‘shape’. Auf einen Vorschlag von E. B. Tichener hat Harry Helson ‘configuration’ als englische Übersetzung empfohlen. Der Ausdruck leitet sich metaphorisch vom germanischen ‘stalla’ (ein Platz zum Stehen) ab und hat damit dieselbe Wurzel wie das englische ‘stall’. Die normale Bedeutung von ‘Gestalt’ ist ‘external or visible form’. Der Ausdruck bezeichnet sowohl eine Struktur als auch einen Komplex (vgl. [Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Infolgedessen kann man die Gestalt als das Muster oder die Ganzheit eines Phänomens begreifen, das/die mehr ist als die Summe seiner/ihrer Teile. Die Gestalt hat viele Facetten, von denen je nach Perspektive unterschiedliche in den Fokus rücken. Wie Harry Helson zusammenfasst: “The word Gestalt has been used in a variety of ways by members of the movement. Usually there is an agreement in intension but the concept is variously applied in extension. On the phenomenological side we find several different meanings along the following order. The configuration may refer to any given totality described in terms of its meaning. Or the configuration may mean the form of a group, e.g., square, triangle or circle. The essential designation may be the manner of combination of a group of units into a whole: four dots may be perceived as a square, as lines in various positions, or as a tilted cross. Often the configuration may include factors at present unknown. Psychologically a configuration consists of the afferent, central and efferent portions of the nervous system functioning as a unit: there are no isolated paths, no single point-excitation connected by strands; the form of excitation and its spread are here of importance. From the point of view of behaviour a configurational response may be defined as a reaction pattern in which each act attains meaning and is what it is by virtue of its part in the total situation confronting the organism.” ([Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.
Arbeitsgebiete der GestaltpsychologieDie Experimente und Untersuchungen der Gestaltpsychologen ebneten den Weg für eine Vielzahl von neuen Disziplinen und Einsichten. Der späte Wertheimer setzte sich mit Fragen des Problemlösens auseinander und betonte, dass die Lösung erst mit dem Verstehen des Problemganzen einsetzt und dass erst nachträglich Einzelheiten in Betracht gezogen werden. Demnach beruht Lernen auf der übergreifenden Struktur des jeweiligen Problems. Auch Köhler konzentrierte seine Untersuchungen auf das Lernen und die Problemlösung. Er führte Versuche mit Tieren (Affen und Hühnern) durch, die einige Belege dafür lieferten, dass auch Tiere zum verstehenden Lernen befähigt sind, dass auch sie Gestalten lernen können. Koffka hat den Begriff Gedächtnisspur für die Einrichtung der Gedächtnisfunktion in den Rahmen der Gestaltpsychologie eingebracht: Wenn eine Erfahrung gemacht worden ist, bleibt ihr Effekt als eine Spur im Gehirn. Diese Spur beeinflusst zukünftige Erfahrungen. Der Prozess einer in reiner Form ausgelösten Erfahrung geschieht nur einmal. Danach interagiert jede neue Erfahrung mit einer früheren Spur. Ein Spursystem baut sich auf. Kurt Zadek Lewin versuchte auf der Grundlage der Gestaltprinzipien eine Theorie der Motivation in Übereinstimmung mit der Feldtheorie der Physik zu entwickeln. Der Theorie zufolge gehören Verhältnisse und kognitive Prozesse zu einem “Feld”, in dem sich jedes Element auf die anderen Elemente auswirkt. Wir können solche Felder auf vielen verschiedenen Ebenen, in verschiedenen Bereichen beobachten: Die von einem Individuum wahrgenommene Umwelt wäre ebenso als ein solches Feld zu analysieren wie auch (auf einer anderen Ebene) eine ganze Gesellschaft. In Bezug auf diese letzte Kategorie wird Lewin als Begründer der Sozialpsychologie angesehen. Die Bewegung der Gestaltpsychologie hatte weitreichenden Einfluss. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Wir finden ihre zentralen Ideen in den Überlegungen zum »impliziten Wissen« von Michel Polanyi wieder, in der Theorie des Films und den Untersuchungen zur Wahrnehmungspsychologie von Rudolf Arnheim ([Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.
Prinzipien und Gestaltgesetze der visuellen WahrnehmungWas die visuelle Wahrnehmung betrifft, so hat die Gestaltpsychologie einige Schlüsseleigenschaften herausgearbeitet. Diese Gestaltgesetze oder Prinzipien sind wichtige Leitlinien für die visuellen Künste und für das Design. Je nach Akzentsetzung und Entstehungszeit sind diese Prinzipien jeweils etwas anders formuliert worden. ), oszillieren die Figur (die substantielle Erscheinung des Gegenstandes) und der Grund (das allgemeine Umfeld des Gegenstandes) gemäß der jeweiligen Interpretation. ![]() |
Anmerkungen
Literatur
[Arnheim 1932a]Arnheim, Rudolf (2002): Film als Kunst. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ehrenfels 1890a]Ehrenfels, Christian von (1890): Über Gestaltqualitäten. Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, 14.[Helson 1925a]Helson, Harry (1925): The Psychology of Gestalt. The American Journal of Psychology, 100, 3.[Lakoff & Johnson 1980a]Lakoff, George & Johnson, Mark (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago & London.[Lakoff 1987a]Lakoff, George (1987): Women, Fire, and Dangerous Things – What Categories Reveal about the Mind. Chicago University Press, Chicago.[Merleau-Ponty 1966a]Merleau-Ponty, Maurice (1966): Phänomenologie der Wahrnehmung (1945). Walter de Gruyter, Berlin.[Merleau-Ponty 2006a]Merleau-Ponty, Maurice (2006): Das Kino und die neue Psychologie (1947). In: Liebsch, D. (Hg.), Philosophie des Films. Mentis, Paderborn.[Rubin 1915a]Rubin, Edgar (1915): Synoplevde Figurer. Gyldendalske, Kopenhagen.[Smith 1988a]Smith, Barry (1988): Gestalt Theory. An Essay in Philosophy. In: Smith, Barry (Hg.), Foundations of Gestalt Theory. Philosophia-Verlag, München, Wien. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Dimitri Liebsch, Joerg R.J. Schirra und Marcel Lemmes — (Hinweis) |
