Interaktion und Kommunikation: Unterschied zwischen den Versionen
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Während es mit einer sachbezüg­lichen Inter­aktion nur mög­lich ist, dem jeweiligen Gegen­über Einsicht in solche Sach­verhal­te zu vermit­teln, die dieses selbst wahr­nehmen kann, können mit­hilfe kommu­nika­tiver Inter­aktio­nen Ein­sichten auch in Sach­verhalte ver­mittelt werden, die vom Gegen­über nicht selber unmit­telbar wahrge­nommen werden: sofern sich nämlich der Sender gegen­über dem Empfän­ger dar­stellen kann als jemand, der sich mit jenem Sach­verhalt konfron­tiert sieht. Das klingt zunächst etwas kompli­ziert, erfasst aber bei­spiels­weise genau die Situa­tion, in der von bestimm­ten Prima­ten spezi­fische Warn­rufe beim Wahr­nehmen von Schlangen oder Greif­vögeln einge­setzt werden. Dabei wird der Schrei nur ausge­stoßen, wenn auch Artge­nossen in der Nähe sind, ihn zu hören. Im Schrei stellt sich der Schreiende den anderen gegen­über dar als jemand, der mit der Gegen­wart einer Schlange (bzw. einem Greif­vogel) konfron­tiert ist. Die Reak­tion auf das Er­scheinen eines solchen Feindes muss jeweils unter­schied­lich sein (bei Schlangen: nicht ins un­über­sicht­liche Gebüsch laufen; bei Greif­vögeln: ins Gebüsch in Deckung gehen). Sie tritt auch bei den Indi­viduen, die nur den Warn­ruf hören, ent­sprechend ein, ganz ohne dass sie selbst die Schlange bzw. den Greif­vogel wahrge­nommen haben müssen. Kommu­nika­tion ist dem­nach, im Unter­schied zur sachbe­zogenen Inter­aktion, immer mit einer ''Selbst­präsen­tation'' des Senders verbunden, der also nicht nur eine Bezie­hung zu dem Empfän­ger auf­bauen, sondern auch in eine bestimmte Rela­tion sich selbst und seinem [[Körper]] gegen­über eintreten muss (⊳ [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Inter­aktions-, Selbst- und Sach­bezug]]). | Während es mit einer sachbezüg­lichen Inter­aktion nur mög­lich ist, dem jeweiligen Gegen­über Einsicht in solche Sach­verhal­te zu vermit­teln, die dieses selbst wahr­nehmen kann, können mit­hilfe kommu­nika­tiver Inter­aktio­nen Ein­sichten auch in Sach­verhalte ver­mittelt werden, die vom Gegen­über nicht selber unmit­telbar wahrge­nommen werden: sofern sich nämlich der Sender gegen­über dem Empfän­ger dar­stellen kann als jemand, der sich mit jenem Sach­verhalt konfron­tiert sieht. Das klingt zunächst etwas kompli­ziert, erfasst aber bei­spiels­weise genau die Situa­tion, in der von bestimm­ten Prima­ten spezi­fische Warn­rufe beim Wahr­nehmen von Schlangen oder Greif­vögeln einge­setzt werden. Dabei wird der Schrei nur ausge­stoßen, wenn auch Artge­nossen in der Nähe sind, ihn zu hören. Im Schrei stellt sich der Schreiende den anderen gegen­über dar als jemand, der mit der Gegen­wart einer Schlange (bzw. einem Greif­vogel) konfron­tiert ist. Die Reak­tion auf das Er­scheinen eines solchen Feindes muss jeweils unter­schied­lich sein (bei Schlangen: nicht ins un­über­sicht­liche Gebüsch laufen; bei Greif­vögeln: ins Gebüsch in Deckung gehen). Sie tritt auch bei den Indi­viduen, die nur den Warn­ruf hören, ent­sprechend ein, ganz ohne dass sie selbst die Schlange bzw. den Greif­vogel wahrge­nommen haben müssen. Kommu­nika­tion ist dem­nach, im Unter­schied zur sachbe­zogenen Inter­aktion, immer mit einer ''Selbst­präsen­tation'' des Senders verbunden, der also nicht nur eine Bezie­hung zu dem Empfän­ger auf­bauen, sondern auch in eine bestimmte Rela­tion sich selbst und seinem [[Körper]] gegen­über eintreten muss (⊳ [[Interaktions-, Selbst- und Sachbezug|Inter­aktions-, Selbst- und Sach­bezug]]). | ||
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Von ''Zeichenhandlungen'' soll | Von ''Zeichenhandlungen'' soll schließ­lich genau dann die Rede sein, wenn ein Gegen­stand (auch Körper­teil) aus Ein­sicht in die Beson­derhei­ten seiner kommu­nika­tiven Verwen­dungssi­tuation einge­setzt wird, und zwar zu dem vom Handeln­den selbst erkann­ten Zweck der Kommu­nika­tion. Die Zweck­mäßig­keit der Inter­aktion, in der das Zeichen verwendet wird, ist also nicht einfach durch stammes­geschicht­liche Ent­wicklungs­prozesse oder indi­vidual­geschicht­liche Lern­prozesse bestimmt, sondern zum Zweck für den Kommu­nizie­renden selbst geworden.<ref>Kommu­ni­ka­ti­ve In­te­rak­tio­nen, bei de­nen die­se Be­din­gung nicht er­füllt ist, sind Sig­nal­hand­lun­gen. Zu ih­nen ge­hört auch die oben er­wähn­te Un­ter­wer­fungs­ges­te von Hun­den. Vgl. auch [http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunikation_%28Biologie%29 Wiki­pedia: Kom­mu­ni­ka­tion (Bio­lo­gie)] sowie <bib id='Bühler 2000a'></bib>: S. 51.<br/>Die Be­deu­tung des Aus­drucks ‘Zei­chen’ wird in ver­schie­de­nen se­mio­ti­schen He­ran­ge­hens­wei­sen un­ter­schied­lich be­stimmt. Mit der um­gangs­sprach­li­chen Ver­wen­dungs­wei­se ver­wandt ist die Be­zeich­nung des zent­ra­len Mit­tel­ge­gen­stands in ei­ner Zei­chen­hand­lung als Zeichen. In hand­lungs­theo­re­ti­schen Se­mi­o­ti­ken wer­den die­se Ge­gen­stän­de hin­ge­gen häu­fig als ‘Mar­ken’ von den ‘Zei­chen’ un­ter­schie­den: Letz­te­re mei­nen dann die je­wei­li­gen Hand­lungs­sche­ma­ta von Zei­chen­hand­lun­gen ins­ge­samt (vgl. <bib id='Kamlah & Lorenzen 1973a'></bib> sowie [[Zeichen, Zeichenträger, Zeichensystem|Zei­chen, Zei­chen­trä­ger, Zei­chen­sys­tem]]).</ref> | ||
==Bildgebrauch als Interaktion und als | ==Bildgebrauch als Interaktion und als Kom­mu­ni­ka­tion== | ||
[[Datei:lcafe-klein.jpg|thumb|Abbildung 2: Bildpräsentation als sachbezügliche Interaktion? (John Pugh: «Art imitating life imitating art imitating life», Wandbild mit rahmenden Wandteilen)]] | [[Datei:lcafe-klein.jpg|thumb|Abbildung 2: Bildpräsentation als sachbezügliche Interaktion? (John Pugh: «Art imitating life imitating art imitating life», Wandbild mit rahmenden Wandteilen)]] | ||
Version vom 8. April 2013, 18:56 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
Was gehört zu einer Zeichenhandlung?Kein Gegenstand ist von sich aus bereits ein Zeichen. Zum Zeichen wird etwas nur, weil es in einer bestimmten Weise – in einem gewissen sozialen Handlungskontext – verwendet wird: nämlich dem einer kommunikativen Interaktion. Das gilt entsprechend auch für Bilder, wenn diese als Zeichen betrachtet werden. Kommunikation und Interaktion liefern, mit anderen Worten, wichtige Randbedingungen für den Gebrauch von Bildern. Wenn man Kommunikation betrachtet, so betrachtet man Handlungen.[1] Denn nur wer Handlungen vollziehen kann, ist in der Lage, sich mitzuteilen, Information oder gar Gedanken auszutauschen. Handlungen mit mehreren beteiligten Handelnden werden auch Interaktionen genannt (Abb. 1). Sie ziehen oft Interaktionen in umgekehrter Richtung nach sich, so dass ganze Ketten von zusammenhängenden, wechselseitig aufeinander bezogenen Handlungen entstehen können. So richtet sich bei einen Kampf zwischen zwei Hunden jede Angriffshandlung des einen auf den jeweils anderen (daher Interaktion), der sofort darauf reagiert, etwa mit einer Verteidigungshandlung, einem Gegenangriff, einer Unterwerfungshandlung (vgl. auch [Mead 1968a]Mead, George Herbert (1968): Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt/M. Generell zeichnen sich Handlungen dadurch aus, dass sie zweckmäßig sind.[2] Kommunikationshandlungen haben, sehr allgemein gefasst, den herausgehobenen Zweck, das weitere Handeln der beteiligten Handelnden miteinander zu koordinieren. Das gilt offensichtlich nicht schon für eine Angriffs- oder Verteidigungshandlung. Wenn ein Hund dem anderen an die Gurgel zu springen bzw. dieser jenem auszuweichen versucht, lässt sich das nicht (jedenfalls nicht notwendig) dem Zweck unterordnen, das weitere Handeln der beiden zu koordinieren. Etwas anders sieht es allerdings bei der Unterwerfungshandlung aus (die entsprechend auch als Unterwerfungsgeste bezeichnet wird):[3] Dieses ‹Auf-den-Rücken-Legen-und-die-schutzlose-Kehle-Präsentieren› ist unmittelbar darauf gerichtet, dem anderen Hund klarzumachen, dass weitere Angriffe unnötig sind, da selbst keine Angriffe mehr unternommen werden. Die (erfolgreiche) Unterwerfungsgeste koordiniert also das weitere gegenseitige Verhalten der Hunde.
Direkte, sachbezügliche und kommunikative InteraktionenAn dem Beispiel der kämpfenden Hunde wird auch klar, dass nicht alle Interaktionen bereits kommunikativ sind. Insbesondere ist zu unterscheiden zwischen den folgenden drei Fällen (vgl. [Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.
Während es mit einer sachbezüglichen Interaktion nur möglich ist, dem jeweiligen Gegenüber Einsicht in solche Sachverhalte zu vermitteln, die dieses selbst wahrnehmen kann, können mithilfe kommunikativer Interaktionen Einsichten auch in Sachverhalte vermittelt werden, die vom Gegenüber nicht selber unmittelbar wahrgenommen werden: sofern sich nämlich der Sender gegenüber dem Empfänger darstellen kann als jemand, der sich mit jenem Sachverhalt konfrontiert sieht. Das klingt zunächst etwas kompliziert, erfasst aber beispielsweise genau die Situation, in der von bestimmten Primaten spezifische Warnrufe beim Wahrnehmen von Schlangen oder Greifvögeln eingesetzt werden. Dabei wird der Schrei nur ausgestoßen, wenn auch Artgenossen in der Nähe sind, ihn zu hören. Im Schrei stellt sich der Schreiende den anderen gegenüber dar als jemand, der mit der Gegenwart einer Schlange (bzw. einem Greifvogel) konfrontiert ist. Die Reaktion auf das Erscheinen eines solchen Feindes muss jeweils unterschiedlich sein (bei Schlangen: nicht ins unübersichtliche Gebüsch laufen; bei Greifvögeln: ins Gebüsch in Deckung gehen). Sie tritt auch bei den Individuen, die nur den Warnruf hören, entsprechend ein, ganz ohne dass sie selbst die Schlange bzw. den Greifvogel wahrgenommen haben müssen. Kommunikation ist demnach, im Unterschied zur sachbezogenen Interaktion, immer mit einer Selbstpräsentation des Senders verbunden, der also nicht nur eine Beziehung zu dem Empfänger aufbauen, sondern auch in eine bestimmte Relation sich selbst und seinem Körper gegenüber eintreten muss (⊳ Interaktions-, Selbst- und Sachbezug). Von Zeichenhandlungen soll schließlich genau dann die Rede sein, wenn ein Gegenstand (auch Körperteil) aus Einsicht in die Besonderheiten seiner kommunikativen Verwendungssituation eingesetzt wird, und zwar zu dem vom Handelnden selbst erkannten Zweck der Kommunikation. Die Zweckmäßigkeit der Interaktion, in der das Zeichen verwendet wird, ist also nicht einfach durch stammesgeschichtliche Entwicklungsprozesse oder individualgeschichtliche Lernprozesse bestimmt, sondern zum Zweck für den Kommunizierenden selbst geworden.[4]
Bildgebrauch als Interaktion und als KommunikationAnhand eines trompe l'œils mag es zunächst erscheinen, als könnten Bilder auch lediglich als sachbezügliche Interaktionen wirken (siehe Abb. 2): Denn der Maler des abgebildeten trompe l'œils ermöglicht es mit der bemalten Fläche ja offenbar, dass seine Adressaten bestimmte Sachverhalte selbst sehen können: Er zeigt ihnen (im Sinne von Indikation) einen Raum, in dem unter vielem anderen zwei Bistro-Tische stehen, von denen einer einer jungen, dunkelhaarigen, schwarz gekleideten Frau, die ganz in sich versunken liest, als Armstütze dient. Die visuelle Erfahrung scheint ganz unmittelbar gegeben (⊳ auch Evidenz, visuelle/ikonische). Doch vernachlässigt eine solche Betrachtungsweise den Zeichencharakter des Bildes, da dann einfach eine Verwechslung vorliegt, das Bild also für das Abgebildete genommen wird. Genau das aber tun Bildnutzer in der Regel beim Bildgebrauch nicht. Vielmehr ist ihnen der Unterschied zwischen Bildträger und Dargestelltem jeweils (zumindest bis zu einem gewissen Grade) bewusst (⊳ dezeptiver und immersiver Modus). Auch der Zweck, den sie damit verbinden, das Bild jemandem zu präsentieren, ist ihnen in der Regel selbst bewusst. Versteht man den Bildgebrauch als kommunikative Interaktion, ergibt sich unmittelbar die folgende Frage: Wie stellt sich der Bildnutzer qua Bildgebrauch dem Kommunikationspartner gegenüber dar (⊳ Interaktions-, Selbst- und Sachbezug) und wer ist im Zweifelsfall der Kommunikationspartner, wenn etwa einer allein ein Bild betrachtet (⊳ Bildrezeption als Kommunikationsprozess)?
Auswirkungen auf andere BegriffeDie Handlungsaspekte des Bildgebrauchs werden im Rahmen der Bildpragmatik verhandelt. Dort finden sich auch weitere Gesichtspunkte des Bildhandelns. Dazu zählen insbesondere die Beziehung zwischen Affekt und Kommunikation und das Verständnis von Bildrezeption als Kommunikationsprozess. Die enge Beziehung von Zeichen- und Medienbegriff spiegelt sich zudem im Schlagwort Kommunikationsmedien wider.[5] Siehe auch: |
Anmerkungen
Literatur
[Austin 1972a]Austin, John L. (1972): Zur Theorie der Sprechakte. Reclam, Stuttgart.[Bühler 2000a]Bühler, Karl (2000): Die Krise der Psychologie. Velbrück, Weilerswist.[Kamlah & Lorenzen 1973a]Kamlah, Wilhelm & Lorenzen, Paul (1973): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. BI Wissenschaftsverlag, München.[Mead 1968a]Mead, George Herbert (1968): Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.[Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes, Dimitri Liebsch und Emilia Didier — (Hinweis) |

