Darstellung (historisch): Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 10: | Zeile 10: | ||
<!--Ende header--> | <!--Ende header--> | ||
<!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen--> | <!--Ab hier: eigentlicher Inhalt; Überschriften gegebenenfalls anpassen--> | ||
==Die Vieldeutigkeit des | ==Die Vieldeutigkeit des Dar­stellungs­begriffs und das Über­setzungs­problem== | ||
Bei dem Ausdruck ‘Darstellung’ und dem zuge­höri­gen Verb ‘dar­stellen’ handelt es sich um Sonder­entwick­lungen im deutsch­sprachigen Raum. Zwar entspricht ihr Be­deutungs­feld mit einer gewissen Annä­herung dem der Aus­drücke ‘Reprä­senta­tion’ und ‘Präsen­tation’ sowie den ent­sprechen­den Aus­drücken in anderen Sprachen, eine einein­deutige fremd­sprachige Über­setzung wird sich je­doch nicht finden lassen.<ref>Vgl. hierzu und zum fol­gen­den <bib id='Schlenstedt 2000a'></bib>: S. 847.</ref> Für das Eng­lische schlägt Flusser vor, die Bedeu­tung des Aus­drucks ‘dar­stellen’ als „jene Grau­zone“ zu beschrei­ben, „in welcher sich die Bedeu­tungen von ‘to repre­sent’, ‘to expose’ und ‘to exhi­bit’ über­schneiden.“ (<bib id='Flusser 1994a'></bib>: 34). Die Liste ließe sich sicher­lich noch um einige Aus­drücke erwei­tern. | Bei dem Ausdruck ‘Darstellung’ und dem zuge­höri­gen Verb ‘dar­stellen’ handelt es sich um Sonder­entwick­lungen im deutsch­sprachigen Raum. Zwar entspricht ihr Be­deutungs­feld mit einer gewissen Annä­herung dem der Aus­drücke ‘Reprä­senta­tion’ und ‘Präsen­tation’ sowie den ent­sprechen­den Aus­drücken in anderen Sprachen, eine einein­deutige fremd­sprachige Über­setzung wird sich je­doch nicht finden lassen.<ref>Vgl. hierzu und zum fol­gen­den <bib id='Schlenstedt 2000a'></bib>: S. 847.</ref> Für das Eng­lische schlägt Flusser vor, die Bedeu­tung des Aus­drucks ‘dar­stellen’ als „jene Grau­zone“ zu beschrei­ben, „in welcher sich die Bedeu­tungen von ‘to repre­sent’, ‘to expose’ und ‘to exhi­bit’ über­schneiden.“ (<bib id='Flusser 1994a'></bib>: 34). Die Liste ließe sich sicher­lich noch um einige Aus­drücke erwei­tern. | ||
| Zeile 27: | Zeile 27: | ||
In seinem frühen Gebrauch besitzt der Aus­druck also keiner­lei semio­tische Funktion. Media­le Dar­stellungen (in unserer heuti­gen Verwen­dung des Aus­drucks) werden zu dieser Zeit mittels der Aus­drücke ‘re­praesen­tatio’ und ‘imi­tatio’ (bzw. ihrer fremd­sprachi­gen Ent­sprechun­gen) be­schrieben. Die Adap­tion des Dar­stellungs­begriffs in (im weite­ren Sinne) ästhe­tischen Kontex­ten erfolgt dement­sprechend zunächst im Rahmen der Schau­spiel­theorie und zwar ohne nennens­werte semio­tische Impli­kationen. Der Schau­spieler stellt jemanden dar, d.h. er präsentiert oder ''ver­körpert'' eine Figur auf der Bühne. | In seinem frühen Gebrauch besitzt der Aus­druck also keiner­lei semio­tische Funktion. Media­le Dar­stellungen (in unserer heuti­gen Verwen­dung des Aus­drucks) werden zu dieser Zeit mittels der Aus­drücke ‘re­praesen­tatio’ und ‘imi­tatio’ (bzw. ihrer fremd­sprachi­gen Ent­sprechun­gen) be­schrieben. Die Adap­tion des Dar­stellungs­begriffs in (im weite­ren Sinne) ästhe­tischen Kontex­ten erfolgt dement­sprechend zunächst im Rahmen der Schau­spiel­theorie und zwar ohne nennens­werte semio­tische Impli­kationen. Der Schau­spieler stellt jemanden dar, d.h. er präsentiert oder ''ver­körpert'' eine Figur auf der Bühne. | ||
===2) Präsentationsweise und | ===2) Präsentationsweise und Aus­führung=== | ||
Diese Bedeutung des Ausdrucks steht noch in den Lexi­ka des aus­gehenden 18. und des 19. Jahr­hunderts im Vorder­grund. Die zu diesem Zeit­punkt im ästhe­tischen Kontext bereits weit­hin üb­liche Verwen­dung im Sinne von ''sinn­licher Ver­gegenwär­tigung'' wird nur am Rande er­wähnt. Bis zur Mitte des 18. Jahr­hunderts war diese Ver­wendungs­weise auch eher rand­ständig. Zwar nutzt August Buchner den Aus­druck ‘dar­stellen’ schon 1665 zur Wieder­gabe der aristo­telischen Mime­sis, wenn er die Auf­gabe des Poeten darin sieht, dass er „ein Thun dar­stelle / wie es ent­weder ist / seyn soll / oder mag“ (<bib id='Buchner 1665a'></bib>: 27; vgl. dazu <bib id='Aristoteles 1997a'></bib>: 1460b), und setzt die Dar­stellung damit an die Stelle der damals üb­lichen Über­setzung als ‘Nach­ahmung’. Aber dieser Über­setzungs­vorschlag blieb weitest­gehend folgen­los. | Diese Bedeutung des Ausdrucks steht noch in den Lexi­ka des aus­gehenden 18. und des 19. Jahr­hunderts im Vorder­grund. Die zu diesem Zeit­punkt im ästhe­tischen Kontext bereits weit­hin üb­liche Verwen­dung im Sinne von ''sinn­licher Ver­gegenwär­tigung'' wird nur am Rande er­wähnt. Bis zur Mitte des 18. Jahr­hunderts war diese Ver­wendungs­weise auch eher rand­ständig. Zwar nutzt August Buchner den Aus­druck ‘dar­stellen’ schon 1665 zur Wieder­gabe der aristo­telischen Mime­sis, wenn er die Auf­gabe des Poeten darin sieht, dass er „ein Thun dar­stelle / wie es ent­weder ist / seyn soll / oder mag“ (<bib id='Buchner 1665a'></bib>: 27; vgl. dazu <bib id='Aristoteles 1997a'></bib>: 1460b), und setzt die Dar­stellung damit an die Stelle der damals üb­lichen Über­setzung als ‘Nach­ahmung’. Aber dieser Über­setzungs­vorschlag blieb weitest­gehend folgen­los. | ||
: | : | ||
| Zeile 38: | Zeile 38: | ||
:''Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren Nach­ahmun­gen ganz andere Mittel, oder Zeichen ge­brauchet, als die Poesie; jene näm­lich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber arti­kulierte Tönen in der Zeit; wenn un­streitig die Zeichen ein beque­mes Verhält­nis zu dem Bezeich­neten haben müssen: so können neben­einander geord­nete Zeichen auch nur Gegen­stände, die neben­einander, oder deren Teile neben­einander existie­ren, aufein­anderfol­gende Zeichen, aber auch nur Gegen­stände aus­drücken, die auf­einander, oder deren Teile auf­einander folgen.'' (<bib id='Lessing 1766a'></bib>: S. 116)<ref>Vgl. hierzu und zum fol­gen­den den Ar­ti­kel [[Mimesis|Mi­me­sis]].</ref> | :''Wenn es wahr ist, daß die Malerei zu ihren Nach­ahmun­gen ganz andere Mittel, oder Zeichen ge­brauchet, als die Poesie; jene näm­lich Figuren und Farben in dem Raume, diese aber arti­kulierte Tönen in der Zeit; wenn un­streitig die Zeichen ein beque­mes Verhält­nis zu dem Bezeich­neten haben müssen: so können neben­einander geord­nete Zeichen auch nur Gegen­stände, die neben­einander, oder deren Teile neben­einander existie­ren, aufein­anderfol­gende Zeichen, aber auch nur Gegen­stände aus­drücken, die auf­einander, oder deren Teile auf­einander folgen.'' (<bib id='Lessing 1766a'></bib>: S. 116)<ref>Vgl. hierzu und zum fol­gen­den den Ar­ti­kel [[Mimesis|Mi­me­sis]].</ref> | ||
: | : | ||
Den Hintergrund bildet James Harris’ | Den Hintergrund bildet James Harris’ Unter­scheidung zwischen den ko­exis­tieren­den Zeichen der bilden­den Künste und den suk­zessi­ven Zeichen der Dich­tung und der Musik (<bib id='Harris 1783a'></bib>: S. 29 ff.; erste Auf­lage 1744). Das „bequeme Ver­hältnis“ soll durch eine [[Isomorphie|Iso­morphie]] zwischen der (räum­lichen oder zeit­lichen) Struktur der Refe­renten und der Syntax der verwen­deten Zeichen erreicht werden. Die Körper bestehen als räum­liche Gebilde aus neben­einander ange­ordneten Teilen, weshalb ko­existie­rende Zeichen für ihre Dar­stellung beson­ders geeig­net sind; Hand­lungen verlau­fen dage­gen linear in der Zeit, wes­halb suk­zessive Zeichen für ihre Dar­stellung beson­ders geeig­net sind. | ||
: | : | ||
Klopstock schließt | Klopstock schließt offensicht­lich an Lessings Ästhe­tik an: „Die Male­rey zeigt ihre Gegen­stände auf Einmal; die Dicht­kunst zeigt sie in einer gewis­sen Zeit.“ (<bib id='Klopstock 1774a'></bib>: S. 171f.). Vor allem arbei­tet er die wirkungs­theore­tische Perspek­tive Lessings weiter aus und betont noch stärker die Rolle der Präsen­tations­weise, wobei ihm — wie Lessing — die durch die Ety­mologie des Dar­stellungs­begriffs ermög­lichte Betonung der [[Performanz|Perfor­manz]] in die Hände spielt. Er nutzt den Dar­stellungs­begriff im An­schluss an Lessing zur Beschrei­bung der Präsen­tations­weise und verknüpft diese eng mit der Illu­sion: „Der Zwek der Dar­stellung ist Teü­schung“ (<bib id='Klopstock 1779a'></bib>: S. 246). Die Täu­schung oder Illu­sion führt Klop­stock auf die Leb­haftig­keit der Dar­stellung zurück — ein Gedanke, der sich in An­sätze auch bereits bei Lessing findet. | ||
:''Es gibt wirkliche Dinge, und | :''Es gibt wirkliche Dinge, und For­stellun­gen, di wir uns dafon machen. Di For­stellun­gen fon gewisen Dingen können so läb­haft wärden, daß dise uns gegen­wertig, und beina di Dinge selbst zu sein scheinen. Dise For­stellun­gen nen ich fast­wirk­liche Dinge. Es gibt also wirk­liche Dinge, fast­wirk­liche, und blosse For­stellun­gen.'' (<bib id='Klopstock 1779a'></bib>: S. 244).<ref>Die ei­gen­wil­li­ge Or­tho­gra­phie ist Aus­druck von Klop­stocks Poe­tik.</ref> | ||
: | : | ||
Während Dinge und Vorstellungen | Während Dinge und Vorstellungen onto­logisch unter­schieden sind, werden die „fast­wirk­lichen Dinge“ auf der Basis der Wir­kung ihrer Präsen­tation bestimmt. Der Aus­druck ‘Dar­stellung’ wird bei Kloptock zum termi­nus techni­cus für eine beson­ders lebhaf­te Weise der Präsen­tation. Indem er sein Haupt­augen­merk auf die der­art verstan­dene Darstel­lung legt, stellt er die Wir­kungs­funktio­nen bestimm­ter media­ler Eigen­schaften der Dich­tung (wie dem Metrum) in den Mittel­punkt seiner Poetik. Dar­stellungs­gehalte und Refe­renzen (der Erfin­dung bei Lessing) spielen dem­gegen­über bei Klop­stock eine margi­nale Rolle. Eine expli­zite Bestim­mung des Verhält­nisses seines Dar­stellungs­begriffs zum Begriff der Natur­nachahmung findet sich bei Klop­stock aller­dings nicht. | ||
===3) Verquickung von Präsentation und | ===3) Verquickung von Präsentation und Re­präsen­tation als Erbe der Natur­nach­ahmung === | ||
Klopstock selber stellt den Darstellungs­begriff nicht explizit in Bezug zum Natur­nachahmungs­begriff und schon gar nicht in ein Konkurrenz­verhältnis, wenngleich seine Betonung der Rolle der Darstellung (der „Form“) die Rolle der Nachahmung (als Beschreibung des „Inhalts“ der Dichtung) deutlich marginalisiert. Damit stellt er die beiden Begriffe implizit in ein Konkurrenz­verhältnis. August Bürger stellt die beiden Begriffe wenig später in ein explizites Konkurrenz­verhältnis. Er fordert die Ersetzung der Natur­nachahmungs­theorie durch eine Darstellungs­theorie. | Klopstock selber stellt den Darstellungs­begriff nicht explizit in Bezug zum Natur­nachahmungs­begriff und schon gar nicht in ein Konkurrenz­verhältnis, wenngleich seine Betonung der Rolle der Darstellung (der „Form“) die Rolle der Nachahmung (als Beschreibung des „Inhalts“ der Dichtung) deutlich marginalisiert. Damit stellt er die beiden Begriffe implizit in ein Konkurrenz­verhältnis. August Bürger stellt die beiden Begriffe wenig später in ein explizites Konkurrenz­verhältnis. Er fordert die Ersetzung der Natur­nachahmungs­theorie durch eine Darstellungs­theorie. | ||
Version vom 4. April 2013, 16:35 Uhr
Unterpunkt zu: Historische Bildbegriffe
Die Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs und das ÜbersetzungsproblemBei dem Ausdruck ‘Darstellung’ und dem zugehörigen Verb ‘darstellen’ handelt es sich um Sonderentwicklungen im deutschsprachigen Raum. Zwar entspricht ihr Bedeutungsfeld mit einer gewissen Annäherung dem der Ausdrücke ‘Repräsentation’ und ‘Präsentation’ sowie den entsprechenden Ausdrücken in anderen Sprachen, eine eineindeutige fremdsprachige Übersetzung wird sich jedoch nicht finden lassen.[1] Für das Englische schlägt Flusser vor, die Bedeutung des Ausdrucks ‘darstellen’ als „jene Grauzone“ zu beschreiben, „in welcher sich die Bedeutungen von ‘to represent’, ‘to expose’ und ‘to exhibit’ überschneiden.“ ([Flusser 1994a]Flusser, Vilém (1994): Abbild – Vorbild. In: Hart-Nibbrig, C. L. (Hg.), Was heißt „Darstellen“?. Suhrkamp, Frankfurt/M. Das Übersetzungsproblem ergibt sich einerseits aus der Vieldeutigkeit der fremdsprachigen Ausdrücke und ihren jeweiligen Konnotationen, andererseits aber auch aus der Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs selber. So kann der Ausdruck ‘Darstellung’ in geeigneten Kontexten durch die Ausdrücke ‘Abbildung’, ‘Verkörperung’, ‘Wiedergabe’ und viele mehr ersetzt werden. Die Vieldeutigkeit des Darstellungsbegriffs ist wiederum Resultat seiner Begriffsgeschichte.
Geschichte des DarstellungsbegriffsFür die Begriffsgeschichte von ‘Darstellung’ und die Ausbildung des heutigen Bedeutungsspektrums sind besonders seine Karriere in der Poetik und Ästhetik und dabei sein wechselhaftes Verhältnis zum Naturnachahmungsbegriff relevant. Denn gerade über ihr Verhältnis zum Naturnachahmungsbegriff wurde Darstellung zu einem zentralen und zugleich verworrenen Begriff der Bild- und Zeichentheorie. Die Entfaltung des heutigen Bedeutungsspektrums möchte anhand von vier Stationen seiner Begriffsgeschichte darstellen, nämlich (1) der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen oder Präsentieren, (2) dem Import in die Ästhetik durch Lessing und Klopstock zur Bezeichnung der Präsentationsweise, (3) sein Bedeutungszuwachs durch die Verdrängung des Naturnachahmungsbegriffs und (4) die Hinzunahme konstruktiver Momente durch die Abgrenzung vom Naturnachahmungsbegriff.
1) Hinstellen und Verkörpern — Luther und die SchauspielerDer Ausdruck ‘Darstellung’ gilt als Übersetzung der lateinischen Ausdrücke ‘repraesentatio’ und ‘exhibitio’ ([Grimm 1860a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1860): Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: Biermörder-D. Hirzel, Leipzig. In seinem frühen Gebrauch besitzt der Ausdruck also keinerlei semiotische Funktion. Mediale Darstellungen (in unserer heutigen Verwendung des Ausdrucks) werden zu dieser Zeit mittels der Ausdrücke ‘repraesentatio’ und ‘imitatio’ (bzw. ihrer fremdsprachigen Entsprechungen) beschrieben. Die Adaption des Darstellungsbegriffs in (im weiteren Sinne) ästhetischen Kontexten erfolgt dementsprechend zunächst im Rahmen der Schauspieltheorie und zwar ohne nennenswerte semiotische Implikationen. Der Schauspieler stellt jemanden dar, d.h. er präsentiert oder verkörpert eine Figur auf der Bühne. 2) Präsentationsweise und AusführungDiese Bedeutung des Ausdrucks steht noch in den Lexika des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts im Vordergrund. Die zu diesem Zeitpunkt im ästhetischen Kontext bereits weithin übliche Verwendung im Sinne von sinnlicher Vergegenwärtigung wird nur am Rande erwähnt. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts war diese Verwendungsweise auch eher randständig. Zwar nutzt August Buchner den Ausdruck ‘darstellen’ schon 1665 zur Wiedergabe der aristotelischen Mimesis, wenn er die Aufgabe des Poeten darin sieht, dass er „ein Thun darstelle / wie es entweder ist / seyn soll / oder mag“ ([Buchner 1665a]Buchner, August (1665): Poet. Otto Prätorius, Wittenberg. Erst Lessing führte den Ausdruck folgenreich in einen ästhetischen und semiotischen Zusammenhang ein. Er unterscheidet bei Kunstwerken die „Erfindung“ des Stoffes (des Darstellungsgehalts) von seiner „Ausführung“ als der technischen Realisierung im Medium. Die Ausführung bezeichnet er in diesem Zusammenhang auch als ‘Darstellung’:
Er-Findung und Ausführung/Darstellung gelten ihm als zwei Aspekte oder Momente der Naturnachahmung. Lessings Verwendung von ‘Darstellung’ ist im Grunde noch sehr nahe an der ursprünglichen Bedeutung von Hinstellen und Vor-Augen-Stellen, und obgleich seine Unterscheidung zwischen Erfindung und Darstellung offensichtlich an der rhetorischen Unterscheidung zwischen inventio und elocutio orientiert ist, wertet er die Rolle der Darstellung (elocutio) im Rahmen seiner wirkungsästhetischen Argumentation erheblich auf. Eine geeignete Darstellung soll die Illusion – und das heißt bei ihm vor allem die Unauffälligkeit der zur Darstellung verwendeten Zeichen – gewährleisten. Die Zeichenhaftigkeit der verwendeten Zeichen soll in den Hintergrund treten, da sonst „die Intuition des Bezeichneten nicht zugleich mit der Intuition des Zeichens erfolgen kann.“ ([Lessing 1788a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon: Paralipomena (Erstveröffentlichung 1788). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe. Bd. 5/2. Werke 1766-169. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.
Den Hintergrund bildet James Harris’ Unterscheidung zwischen den koexistierenden Zeichen der bildenden Künste und den sukzessiven Zeichen der Dichtung und der Musik ([Harris 1783a]Harris, James (1783): Three Treatises. The First concerning Art. The Second concerning Music, Painting and Poetry. The Third concerning Happiness. Novrse, London. Klopstock schließt offensichtlich an Lessings Ästhetik an: „Die Malerey zeigt ihre Gegenstände auf Einmal; die Dichtkunst zeigt sie in einer gewissen Zeit.“ ([Klopstock 1774a]Hurlebusch, R. (Hg.) (1975): Werke und Briefe. Historisch-kritische volume. Bd. 7.1: Die deutsche Gelehrtenrepublik (1774). de Gruyter, Berlin/New York.
Während Dinge und Vorstellungen ontologisch unterschieden sind, werden die „fastwirklichen Dinge“ auf der Basis der Wirkung ihrer Präsentation bestimmt. Der Ausdruck ‘Darstellung’ wird bei Kloptock zum terminus technicus für eine besonders lebhafte Weise der Präsentation. Indem er sein Hauptaugenmerk auf die derart verstandene Darstellung legt, stellt er die Wirkungsfunktionen bestimmter medialer Eigenschaften der Dichtung (wie dem Metrum) in den Mittelpunkt seiner Poetik. Darstellungsgehalte und Referenzen (der Erfindung bei Lessing) spielen demgegenüber bei Klopstock eine marginale Rolle. Eine explizite Bestimmung des Verhältnisses seines Darstellungsbegriffs zum Begriff der Naturnachahmung findet sich bei Klopstock allerdings nicht. 3) Verquickung von Präsentation und Repräsentation als Erbe der NaturnachahmungKlopstock selber stellt den Darstellungsbegriff nicht explizit in Bezug zum Naturnachahmungsbegriff und schon gar nicht in ein Konkurrenzverhältnis, wenngleich seine Betonung der Rolle der Darstellung (der „Form“) die Rolle der Nachahmung (als Beschreibung des „Inhalts“ der Dichtung) deutlich marginalisiert. Damit stellt er die beiden Begriffe implizit in ein Konkurrenzverhältnis. August Bürger stellt die beiden Begriffe wenig später in ein explizites Konkurrenzverhältnis. Er fordert die Ersetzung der Naturnachahmungstheorie durch eine Darstellungstheorie.
Die Darstellung zeichnet sich gegenüber der Nachahmung durch eine größere Anschaulichkeit aus, insofern die Darstellung stärker die Sinne und die Einbildungskraft anspricht([Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München. Die Ersetzung des Nachahmungs- durch den Darstellungsbegriff verläuft also über den Gedanken der Lebendigkeit durch eine bestimmte Präsentationsweise. Indem aber der Naturnachahmungsbegriff durch den Darstellungsbegriff ersetzt wird, kauft man sich zugleich unter der Hand Aufgaben und Funktionen des Naturnachahmungsbegriffs ein. Der Darstellungsbegriff hat demnach auch Referenzen und Darstellungsgehalte zu beschreiben. Das, was Lessing mit den Ausdrücken ‘Erfindung’ und ‘Darstellung’ terminologisch getrennt hält, fällt nun in einem Begriff zusammen und zwar in dem der Darstellung. Präsentation(sweise) und Repräsentation werden miteinander verquickt. Der Ausdruck ‘Darstellung’ kann sich sowohl auf Qualitäten der Darstellungsweise (Wie wird etwas dargestellt?) als auch auf den Gehalt der Darstellung bzw. ihre Referenz (Was wird dargestellt?) beziehen. Damit sind Verwendungen des Darstellungsbegriffs wie die Kants möglich geworden. „Wenn der Begriff von einem Gegenstande gegeben ist, so besteht das Geschäft der Urteilskraft im Gebrauche desselben zum Erkenntnis in der Darstellung (exhibitio), d.i. darin, dem Begriffe eine korrespondierende Anschauung zur Seite zu stellen […]“ ([Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M. 4) Erfindung vs. Kopieren — Konstruktive Momente der DarstellungDen Unterschied zwischen Nachahmung und Darstellung sieht Bürger offenbar nicht darin, dass die eine an der Natur orientiert sei und die andere nicht. Beide gelten ihm als „Nachbildnerei“ ([Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München. Wenn im Zuge der Lösung von der Naturnachahmungsformel der Naturnachahmungsbegriff auf ein Kopieren eingeschränkt wird — entgegen seiner bis dahin üblichen Bedeutung(en) — und zugleich der Darstellungsbegriff (wie auch der Repräsentationsbegriff) als Alternative aufgebaut wird, wird letzterem zugleich ein erfindendes oder konstruktives Moment zugesprochen. Begünstigt wird eine solche Auffassung von »Darstellung« durch die Entwicklung antirealistischer Semantiken. Ansätze einer solchen Semantik finden sich bereits bei Humboldt, wenn er — anders als Kant — die Sprache nicht mehr als Nullmedium betrachtet.[6] Die Annahme, dass Zeichen, Wörter usw. lediglich eine bereits unabhängig von dem jeweiligen Symbolsystem vorliegenden Welt nachzeichnet, weicht der Annahme, dass das Symbolsystem allererst eine gliedernde Funktion innehat. In der Umkehrung können derartige Semantiken zu einer Sprachskepsis führen, insofern ein solches Sprachverständnis keine neutrale, objektive Darstellung der Welt mehr versprechen kann ([Nietzsche 1870-1873a]Nietzsche, Friedrich (1999): Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1870-1873]. In: Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hg.), Sämtliche Werke. Kritische Studienvolume in 15 Bänden. Bd. 1. de Gruyter, München.
Das Spektrum der Bedeutungen von ‘Darstellung’ in neueren DiskussionenDie Begriffsgeschichte des Darstellungsbegriffs ist als eine Geschichte der Erweiterung des Bedeutungsspektrums zu lesen. Die früheren Bedeutungen werden nicht durch die später hinzukommenden Bedeutungen verdrängt. Daraus speist sich die Vieldeutigkeit des Ausdrucks ‘Darstellung’ – von dem bloßen Hinstellen bzw. Präsentieren über die Präsentations- oder Darstellungsweise bis hin zum Darstellungsgehalt, der sich aus der Referenz speisen kann, aber auch konstruktive Momente einschließen kann. Die aktuellen Verwendungen des Ausdrucks unterscheiden sich durch die je eigene Gewichtung dieser Bedeutungsdimensionen sowie durch die jeweils vorgenommenen Binnendifferenzierungen (wie z.B. Bühlers Differenzierung der Funktionen eines Sprechaktes in »Darstellung«, »Ausdruck« und »Appell«; [Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart. Die Konsequenzen der Begriffsgeschichte von ‘Darstellung’ für den Bildbegriff ergeben sich daraus, dass Ausdrücke wie ‘representation’ und ‘depiction’ in der Regel mit dem Ausdruck ‘Darstellung’ übersetzt werden, oftmals durch Attribute wie ‘bildlich’ oder ‘bildhaft’ spezifiziert. Für die Beschreibung von Bildern ist ‘Darstellung’ gerade wegen der Bedeutungsdimension des Hinstellens bzw. Präsentierens geeignet. Durch die Bedeutungsdimension der Präsentationsweise eignet sich der Ausdruck auch für die Diskussion der Unterschiede zwischen bildlicher und sprachlicher Darstellung. Zugegeben: Diese beiden Aspekte (‹Ausstellung› und ‹Präsentationsweise› bzw. ‹Stil›) stehen in den aktuellen Diskussion eher im Hintergrund. Im Vordergrund stehen die Fragen nach dem Bezug und dem Gehalt der Darstellung, insbesondere in Gestalt der Konstitutionsfrage ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M. |
Anmerkungen
Literatur
[Adelung 1811a]Adelung, Johann Christoph (Hg.) (1811): Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart: mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. Erster Teil: A-E. Mit D. W. Soltau's Beyträgen; revidirt und berichtiget von Franz Xaver Schönberger, Doctor der freyen Künste und Philosophie. Bauer, Wien.[Aristoteles 1997a]Aristoteles (1997): Poetik. Griechisch/Deutsch. Reclam, Stuttgart.[Bertram et al. 2008a]Bertram, Georg W.; Lauer, David; Liptow, Jasper; & Seel, Martin (2008): In der Welt der Sprache: Konsequenzen des semantischen Holismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Buchner 1665a]Buchner, August (1665): Poet. Otto Prätorius, Wittenberg.[Bühler 1934a]Bühler, Karl (1965): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Fischer , Stuttgart.[Bürger 1784a]Bürger, Gottfried August (1987): Von der Popularität der Poesie [1784]. In: Hintzschel G. & Hintzschel H. (Hg.), Sämtliche Werke. Hanser, München.[Flusser 1994a]Flusser, Vilém (1994): Abbild – Vorbild. In: Hart-Nibbrig, C. L. (Hg.), Was heißt „Darstellen“?. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Grimm 1860a]Grimm, Jacob & Grimm, Wilhelm (Hg.) (1860): Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: Biermörder-D. Hirzel, Leipzig.[Harris 1783a]Harris, James (1783): Three Treatises. The First concerning Art. The Second concerning Music, Painting and Poetry. The Third concerning Happiness. Novrse, London.[Hegel 1826a]Gethmann-Siefert, A.; Kwon, J. & Berr, K. (Hg.) (2005): Philosophie der Kunst. Vorlesung von 1826. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Hegel 1830a]Nicolin, F. & Pöggeler, O. (Hg.) (1959): Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1830). Meiner, Hamburg.[Hegel 1835a]Hegel, Georg W. F. (1967): Einleitung in die Ästhetik. Mit den beiden Vorreden von Heinrich Gustav Hotho (1835). Fink, München.[Herder 1800a]Herder, Johann Gottfried (1800): Sämtliche Werke. Bd. 22: Kalligone (1800). Olms-Weidmann, Berlin.[Humboldt 1820a]Humboldt, Wilhelm (1905): Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung (1820). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 4: 1820-1822. Behr, Berlin.[Humboldt 1830-1835a]Humboldt, Wilhelm (1907): Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts (1830-1835). In: Leitzmann, A. (Hg.), Werke. Bd. 7.1. Behr, Berlin.[Jean Paul 1795a]Jean Paul (1847): Ueber die natürliche Magie der Einbildungskraft [1795]. In: ??? (Hg.), Ausgewählte Werke. Bd. 7/8: Leben des Quintus Fixlein, aus fünfzehn Zettelschaften gezogen, nebst einem Mußtheil und einigen Jus de tablette. Reimer, Berlin.[Kant 1974a]Kant, Immanuel (1974): Kritik der Urteilskraft. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Klopstock 1774a]Hurlebusch, R. (Hg.) (1975): Werke und Briefe. Historisch-kritische volume. Bd. 7.1: Die deutsche Gelehrtenrepublik (1774). de Gruyter, Berlin/New York.[Klopstock 1779a]Klopstock, Friedrich Gottlieb (1779): Von der Darstellung. In: Klopstock, F.G. (Hg.), Ueber Sprache und Dichtkunst. Fragmente. Heroldsche Buchhandlung, Hamburg.[Lessing 1766a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe in zwölf Bänden. Bd. 5/2: Werke 1766-1769. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.[Lessing 1788a]Lessing, Gotthold Ephraim (1990): Laokoon: Paralipomena (Erstveröffentlichung 1788). In: Barner, W. (Hg.), Werke und Briefe. Bd. 5/2. Werke 1766-169. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/M.[Meier 1757a]Meier, Georg Friedrich (1757): Betrachtungen über den ersten Grundsatz aller Schönen Künste und Wissenschaften. Carl Hermann Hemmerde, Halle.[Mülder-Bach 1998a]Mülder-Bach, Inka (1998): Im Zeichen Pygmalions. Das Modell der Statue und die Entdeckung der „Darstellung“ im 18. Jahrhunderts. Fink, München.[Nietzsche 1870-1873a]Nietzsche, Friedrich (1999): Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne [1870-1873]. In: Giorgio Colli und Mazzino Montinari (Hg.), Sämtliche Werke. Kritische Studienvolume in 15 Bänden. Bd. 1. de Gruyter, München.[Petersen 2000a]Petersen, Jürgen H. (2000): Mimesis – Imitatio – Nachahmung. Eine Geschichte der europäischen Poetik. UTB, Stuttgart.[Schlenstedt 2000a]Schlenstedt, Dieter (2000): Darstellung. In: Karlheinz Barck et al. (Hg.), Ästhetische Grundbegriffe. Ein historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 1: : Absenz – Darstellung. J. B. Metzler, Stuttgart.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.[Trübner 1940a]Alfred Göze (Hg.) (1940): Trübners Deutsches Wörterbuch. Bd. 2: C-F. de Gruyter , Berlin. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Tobias Schöttler, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes und Eva Schürmann — (Hinweis) |