Interaktion und Kommunikation: Unterschied zwischen den Versionen
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Von ''Zeichenhandlungen'' ist üblicherweise genau dann die Rede, wenn ein Gegenstand (auch Körperteil) aus Einsicht in die Besonderheiten seiner kommunikativen Verwendungssituation eingesetzt wird, und zwar zu dem vom Handelnden selbst erkannten Zweck der Kommunikation. Das bedeutet: Kein Gegenstand ist „von sich aus“ bereits ein Zeichen. Zum Zeichen wird er nur, weil er in einer bestimmten Weise – in einem gewissen sozialen Handlungskontext – verwendet wird: eben dem einer kommunikativen Interaktion. Das gilt entsprechend auch für Bilder, wenn diese als Zeichen betrachtet werden. Kommunikation und Interaktion liefern, mit anderen Worten, wichtige Randbedingungen für den Gebrauch von Bildern. | |||
Wenn man Kommunikation betrachtet, so betrachtet man Handlungen. Denn nur wer Handlungen vollziehen kann, ist in der Lage, sich mitzuteilen, Information oder gar Gedanken auszutauschen. Handlungen mit mehreren beteiligten Handelnden werden auch ''Interaktionen'' genannt. Sie ziehen oft Interaktionen in umgekehrter Richtung nach sich, so dass ganze Ketten von zusammenhängenden, wechselseitig aufeinander bezogenen Handlungen entstehen können. So richtet sich bei einen Kampf zwischen zwei Hunden jede Angriffshandlung des einen auf den jeweils anderen (daher Interaktion), der sofort darauf reagiert, etwa mit einer Verteidigungshandlung, einem Gegenangriff, einer Unterwerfungshandlung. Diese Interaktionen fügen sich gewissermaßen zu einer Art Choreographie zusammen, welche Zug-basierten Spielen ähnelt: Auf jeden „Zug“ des einen gibt es eine meist eng begrenzte Menge richtiger Folgezüge des anderen, mit denen das „Spiel“ weitergehen oder regulär beendet werden kann ("Sprachspiel"). Verhält sich einer der Interaktionspartner nicht entsprechend, muß er mit Sanktionen rechnen. Generell zeichnen sich Handlungen dadurch aus, dass sie zweckmäßig sind.<ref>Bei der Zweckmäßigkeit geht es darum, dass wir – als Beobachter – einen Zweck erkennen: Den jeweils Handelnden muss dieser Zweck nicht ebenfalls bewusst werden. Die Zweckmäßigkeit der Handlung kann z.B. auch durch evolutionäre Entwicklungsprozesse stammesgeschichtlich hergestellt sein.</ref> | |||
Kommunikationshandlungen haben, sehr allgemein gefasst, den herausgehobenen Zweck, das weitere Handeln der beteiligten Handelnden miteinander zu koordinieren. Das gilt offensichtlich nicht schon für eine Angriffs- oder Verteidigungshandlung. Wenn ein Hund dem anderen an die Gurgel zu springen bzw. dieser jenem auszuweichen versucht, lässt sich das nicht (jedenfalls nicht notwendig) dem Zweck unterordnen, das weitere Handeln der beiden zu koordinieren. Etwas anders sieht es allerdings aus bei der Unterwerfungshandlung (die entsprechend auch als Unterwerfungs''geste'' bezeichnet wird):<ref>In diesem Zusammenhang bezeichnen Gesten einfache kommunikative Interaktionen. Sie bestehen insbesondere (aber nicht ausschließlich) aus den Anfängen einer zugrunde liegenden nicht-kommunikativen Interaktion: Typisches Beispiel ist das Zähnefletschen der kämpfenden Hunde, das ursprünglich den Anfang einer Bissattacke darstellt. Diese Attacke wird aber gar nicht mehr ausgeführt, sondern nur noch angedeutet (also kommunikativ genutzt). Dabei wird die Andeutung besonders deutlich ausgeführt, also so, dass das Gegenüber sie möglichst gut erkennen kann – das wäre im Falle der echten Bissattacke gerade ungeschickt, sollte die Vorbereitungsaktivität doch dabei möglichst unentdeckt geschehen, um den Angriff durch Überraschung effektiver zu machen. Vgl. <bib id='Mead 1968'></bib>.</ref> Dieses „Auf-den-Rücken-Legen-und-die-schutzlose-Kehle-Präsentieren“ ist unmittelbar darauf gerichtet, dem anderen Hund klarzumachen, dass weitere Angriffe unnötig sind, da selbst keine Angriffe mehr unternommen werden. Die (erfolgreiche) Unterwerfungsgeste koordiniert | |||
also das weitere gegenseitige Verhalten der Hunde. | |||
=====Direkte, sachbezügliche und kommunikative Interaktionen===== | |||
An dem Beispiel der kämpfenden Hunde wird auch klar, dass nicht alle Interaktionen bereits kommunikativ sind. Insbesondere ist zu unterscheiden zwischen den folgenden drei Fällen (vgl. <bib id='Ros 2005'></bib>): | |||
# ''Direkte Interaktionen'': Dabei versucht ein Individuum auf mindestens ein weiteres Individuum körperlich einzuwirken. Das mag eine Handlung der Körperpflege sein („Lausen“) oder eine Bissattacke während eines Kampfes. | |||
# ''Sachbezügliche Interaktionen'': Dabei versucht ein Wesen, ein anderes Wesen mit einem bestimmten Sachverhalt vertraut zu machen, indem es ihm zeigt, dass dieses und jenes der Fall ist (Zeigen als ''Deixis''). Fälle solcher sachbezogenen Interaktionen finden sich z.B., wenn der eine den anderen (etwa ein Jungtier) zu einer Wasserstelle führt (d.h. ihm zeigt, „dass er da trinken kann“). | |||
# ''Kommunikative Interaktion'': Hiervon soll erst in den Fällen die Rede sein, in denen sich ein Interaktionspartner dem anderen Interaktionspartner gegenüber in ganz bestimmter Weise als Handelnder darzustellen versucht, um so dem Gegenüber etwas zu verstehen zu geben (Zeigen als ''Ostentation''). Genau das passiert im Fall der Unterwerfungsgeste: Der sich Unterwerfende stellt sich dar als jemand, der die Dominanz des Gegenübers anerkennt, was er diesem auch genau auf diese Weise zu verstehen gibt. | |||
Während es mit einer sachbezüglichen Interaktion nur möglich ist, dem jeweiligen Gegenüber Einsicht in solche Sachverhalte zu vermitteln, die dieses selbst wahrnehmen kann, können mithilfe kommunikativer Interaktionen Einsichten auch in Sachverhalte vermittelt werden, die vom Gegenüber nicht selber unmittelbar wahrgenommen werden: Sofern sich nämlich der Sender gegenüber dem Empfänger darstellen kann als jemand, der sich mit jenem Sachverhalt konfrontiert sieht. Das klingt zunächst etwas kompliziert, erfasst aber beispielsweise genau die Situation, in der von bestimmten Primaten spezifische Warnrufe beim Wahrnehmen von Schlangen oder Greifvögeln eingesetzt werden. Dabei wird der Schrei nur ausgestoßen, | |||
wenn auch Artgenossen in der Nähe sind, ihn zu hören. Im Schrei stellt sich der Schreiende den anderen gegenüber dar als jemand, der mit der Gegenwart einer Schlange (bzw. einem Greifvogel) konfrontiert ist. Die Reaktion auf das Erscheinen eines solchen Feindes muss jeweils unterschiedlich sein (bei Schlangen: nicht ins unübersichtliche Gebüsch laufen; bei Greifvögeln: ins Gebüsch in Deckung gehen). Sie tritt auch bei den Individuen, die nur den Warnruf hören, entsprechend ein, ganz ohne dass sie selbst die Schlange bzw. den Greifvogel wahrgenommen haben müssen. | |||
Kommunikation ist demnach, im Unterschied zur sachbezogenen Interaktion, immer mit einer ''Selbstpräsentation'' des Senders verbunden, der also nicht nur eine Beziehung zu dem Empfänger aufbauen, sondern auch in eine bestimmte Relation sich selbst gegenüber eintreten muss. | |||
=====Interaktions-, Selbst- und Sachbezug einer kommunikativen Interaktion ===== | |||
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Jede kommunikative Interaktion muss einerseits Aspekte aufweisen, die ihr als eine Art von Interaktion zukommen. Im wesentlichen handelt es sich dabei also um die Anteile der jeweiligen Handlungsschemata, die allen Interaktionen zukommen, wie die beiden Rollen ‚Sender’ und ‚Empfänger’ und ganz generell die Gerichtetheit des Zeichens vom Sender an den Empfänger, sowie der Typ der Interaktion. Dieser ''Interaktionsbezug'' der kommunikativen Interaktion äußert sich insbesondere darin, dass, wer ein Zeichen benutzt, sich damit immer an jemanden richtet, um etwas zu erreichen. Die Handlungskomponenten, in denen der Interaktionsbezug vermittelt wird, sind die [[Illokution]]en. | |||
Andererseits kommen einer solchen Handlung notwendiger Weise spezifisch Aspekte als einer ''kommunikativen'' Interaktion zu, wozu insbesondere die Selbstpräsentation gehört. Wer ein Zeichen benutzt, adressiert nicht nur einen Empfänger; er muss sich dabei auch in besonderer Weise auf sich selbst, auf seinen Körper und dessen Umgebung, in der die Zeichenhandlung stattfindet, beziehen. Die Handlungskomponenten, in denen dieser ''Selbstbezug'' der kommunikativen Interaktion vermittelt wird, bestimmen unter anderem ihre [[Modalität]]. | |||
Die im Selbstbezug vorgeführte Befindlichkeit des Senders kann sich schließlich mit dem Gebrauch von Zeichen zur Wendung des Senders hin auf einen (auch fiktiven) Sachverhalt oder Gegenstand ausdifferenzieren: Dieser Sachverhalt, jener Gegenstand werden dann durch das Zeichen ''dargestellt''. Mit der Benutzung des Zeichens kann also Bezug genommen werden auf einen bestimmten Sachverhalt, auf den der Sender die Aufmerksamkeit des Empfängers richten möchte. Die Handlungskomponenten, die den ''Sachbezug'' einer Zeichenhandlung vermitteln, bilden [[Proposition]]en. | |||
Eine stark vereinfachte Fassung der drei Aspekte findet sich im so genannten „Organon-Modell“ (vgl. <bib id='Bühler 1933'></bib>: S. 28f.). Der Interaktionsbezug wird dabei verkürzt auf den Aspekt des ''Appell''s: das, was der Sender beim Empfänger bewirken will. Der Selbstbezug geht über in den Aspekt des ''Ausdruck''s: die Art und Weise, wie der Sender sich präsentiert. Der Sachbezug schließlich erscheint in Form des Aspekts der ''[[Repräsentation]]'': das, worauf mit dem Zeichen (vermittels des Selbstbezugs) hingewiesen wird. | |||
=====Bildgebrauch als Interaktion und als Kommunikation===== | |||
[[Datei:lcafe-klein.jpg|thumb|Beispielbild]] | |||
Anhand eines trompe l'œils mag es zunächst erscheinen, als könnten Bilder auch lediglich als sachbezügliche Interaktionen wirken (siehe Beispielbild): Denn der Maler des abgebildeten trompe l'œils ermöglicht es mit der bemalten Fläche ja offenbar, dass seine Adressaten bestimmte Sachverhalte selbst sehen können: Er zeigt ihnen (im Sinne von Deixis) einen Raum, in dem unter vielem anderen zwei Bistro-Tische stehen, von denen einer einer jungen, dunkelhaarigen, schwarz gekleideten Frau, die ganz in sich versunken liest, als Armstütze dient. Doch vernachlässigt eine solche Betrachtungsweise den Zeichencharakter des Bildes, da dann einfach eine Verwechslung vorliegt, das Bild also für das Abgebildete genommen wird. Genau das aber tun Bildnutzer in der Regel beim Bildgebrauch nicht. Vielmehr ist ihnen der Unterschied zwischen Bildträger und Dargestelltem jeweils (zumindest bis zu einem gewissen Grade) bewusst (⊳ [[dezeptiver und immersiver Modus]]). | |||
Versteht man den Bildgebrauch hingegen als kommunikative Interaktion, ergibt sich unmittelbar die Frage nach dem ''Selbstbezug'' der Bildverwendung: Wie stellt sich der Bildnutzer qua Bildgebrauch dar? Die Antwort hängt weniger von der Unterscheidung in Produzent oder Rezipient ab als vielmehr vom Bildtyp (⊳ auch [[Betrachter als Zeichenverwender]]): | |||
* Bei gegenständlich darstellenden Bildern läßt sich der Selbstbezug beschreiben als: "sich einem anderen (oder sich selbst in der Rolle eines anderen) gegenüber darstellen als jemand, der aktuell etwas sieht, von dem er weiß, dass es nicht tatsächlich anwesend ist". Offensichtlich sind hierbei der ostentative Sinn des Zeigens ("einem anderen (oder sich selbst in der Rolle eines anderen) gegenüber darstellen als jemand") und der deiktische Sinn des Zeigens (hier: "etwas sehen, das nicht da ist (ohne letzteres zu merken)", s.o.) auf ganz spezifische Weise miteinander verkoppelt. Diese Charakterisierung des Selbsbezugs bei der Bildverwendung muß gleichermassen für den Bildproduzenten und den Bildrezipienten gelten, da das Umgehen mit einem Bildträger nur dann ein Bildhandeln sein kann, wenn es mit einem solchen Selbstbezug des Handelnden verbunden ist. | |||
* Für die metaphorisch darstellenden Bilder (⊳ [[Strukturbild]]) gilt: "sich einem anderen (oder sich selbst in der Rolle eines anderen) gegenüber darstellen als jemand, der aktuell etwas sieht, von dem er weiß, dass es an sich nicht sichtbar ist" (⊳ auch [[Semantik logischer Bilder]]). | |||
Hier deutet sich bereits an, daß die Strukturbilder als allgemeinere Bildklasse begriffen werden können, die die gegenständlich darstellenden Bilder als Spezialfall einschließen. Denn etwas, das nicht anwesend ist, kann offensichtlich auch nicht gesehen werden, selbst wenn es an sich visuell wahrnehmbar ist. Als allgemeine Formulierung ergibt sich daher für den Selbstbezug bei Bildgebrauch: "sich einem anderen (oder sich selbst in der Rolle eines anderen) gegenüber darstellen als jemand, der aktuell etwas sieht, von dem er weiß, dass es – im aktuellen Kontext oder generell – nicht sichtbar ist".<ref>Die nicht in die beiden erwähnten Klassen fallenden Bilder müssen [[Bild in reflexiver Verwendung|reflexiv gebrauchte Bilder]] mit defizienter Darstellungsfunktion sein (⊳ auch [[Semantik ungegenständlicher Bilder]]).</ref> | |||
Das Problem der möglichen ''Interaktionsbezüge'' von Bildverwendungen wird im Einzelnen in der [[Bildpragmatik]] verhandelt (⊳ insbesondere [[Referenz, Denotation, Exemplifikation]]). Auf einer generellen Ebene besteht dabei die Frage, ob es möglich ist, eine grundlegende illokutionäre Funktion des Bildgebrauchs zu bestimmen, auf der alle anderen Nutzungen beruhen. In welchem Verhältnis steht diese dann insbesondere zum Behaupten (⊳ auch [[Kontextbildung]]). Wie bei allen Zeichenhandlungen kann der Interaktionsbezug auch beim Bildgebrauch durch Internalisierung der jeweiligen Interaktionspartner modifiziert werden: Der Bildnutzer kann beide Rollen gleichzeitig übernehmen und sich selbst einen Bildträger als Bild präsentieren. Tatsächlich übertrifft die Anzahl solcher "monologischen" Verwendungsweisen die der echt "dialogischen" Bildkommunikationen bei weitem. | |||
Zum ''Sachbezug'' von Bildverwendungen muß man zunächst fragen: Haben Bilder überhaupt Sachbezug? Wenn ja: wie erreichen sie ihn? Ausführungen zu diesen vorwiegend [[Bildsemantik|bildsemantischen Fragen]] sind in den Artikel zu den Schlagworten [[Proposition]], [[Prädikation]] und [[Nomination]] zu finden. | |||
===== | =====Wahrhaftigkeit und Wahrheit===== | ||
Mit der Aufteilung in Interaktions-, Selbst- und Sachbezug einer Zeichenhandlung werden zwei wichtige Eigenschaften definierbar: Während ''Wahrhaftigkeit'' mit Interaktions- und Selbstbezug verbunden ist und das Verhältnis zwischen der tatsächlichen Absicht, die der Sender mit der Zeichenverwendung verfolgt, und der ostentativ gezeigten Intention beurteilt, ist ''Wahrheit'' eine Bewertung des Sachbezugs: Der Sachbezug einer Zeichenhandlung kann mit den entsprechenden Tatsachen übereinstimmen oder nicht. Da Wahrhaftigkeit nicht vom Sachbezug abhängt, ist sie für alle kommunikativen Interaktionen und damit auch für den Bildbegrauch definiert. Solange hingegen nicht klar ist, ob mit jeder Bildverwendung auch ein Sachbezug vollzogen wird, bleibt die Rede von der Wahrheit eines Bildes bestenfalls metaphorisch. Genaueres hierzu ... ??? ... . Auch das Schlagwort [[Authentizität]] gehört in diesen Zusammenhang. | |||
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Version vom 7. April 2010, 10:07 Uhr
Unterpunkt zu: Zeichentheorien: Übersicht
Was gehört zu einer Zeichenhandlung?Von Zeichenhandlungen ist üblicherweise genau dann die Rede, wenn ein Gegenstand (auch Körperteil) aus Einsicht in die Besonderheiten seiner kommunikativen Verwendungssituation eingesetzt wird, und zwar zu dem vom Handelnden selbst erkannten Zweck der Kommunikation. Das bedeutet: Kein Gegenstand ist „von sich aus“ bereits ein Zeichen. Zum Zeichen wird er nur, weil er in einer bestimmten Weise – in einem gewissen sozialen Handlungskontext – verwendet wird: eben dem einer kommunikativen Interaktion. Das gilt entsprechend auch für Bilder, wenn diese als Zeichen betrachtet werden. Kommunikation und Interaktion liefern, mit anderen Worten, wichtige Randbedingungen für den Gebrauch von Bildern. Wenn man Kommunikation betrachtet, so betrachtet man Handlungen. Denn nur wer Handlungen vollziehen kann, ist in der Lage, sich mitzuteilen, Information oder gar Gedanken auszutauschen. Handlungen mit mehreren beteiligten Handelnden werden auch Interaktionen genannt. Sie ziehen oft Interaktionen in umgekehrter Richtung nach sich, so dass ganze Ketten von zusammenhängenden, wechselseitig aufeinander bezogenen Handlungen entstehen können. So richtet sich bei einen Kampf zwischen zwei Hunden jede Angriffshandlung des einen auf den jeweils anderen (daher Interaktion), der sofort darauf reagiert, etwa mit einer Verteidigungshandlung, einem Gegenangriff, einer Unterwerfungshandlung. Diese Interaktionen fügen sich gewissermaßen zu einer Art Choreographie zusammen, welche Zug-basierten Spielen ähnelt: Auf jeden „Zug“ des einen gibt es eine meist eng begrenzte Menge richtiger Folgezüge des anderen, mit denen das „Spiel“ weitergehen oder regulär beendet werden kann ("Sprachspiel"). Verhält sich einer der Interaktionspartner nicht entsprechend, muß er mit Sanktionen rechnen. Generell zeichnen sich Handlungen dadurch aus, dass sie zweckmäßig sind.[1] Kommunikationshandlungen haben, sehr allgemein gefasst, den herausgehobenen Zweck, das weitere Handeln der beteiligten Handelnden miteinander zu koordinieren. Das gilt offensichtlich nicht schon für eine Angriffs- oder Verteidigungshandlung. Wenn ein Hund dem anderen an die Gurgel zu springen bzw. dieser jenem auszuweichen versucht, lässt sich das nicht (jedenfalls nicht notwendig) dem Zweck unterordnen, das weitere Handeln der beiden zu koordinieren. Etwas anders sieht es allerdings aus bei der Unterwerfungshandlung (die entsprechend auch als Unterwerfungsgeste bezeichnet wird):[2] Dieses „Auf-den-Rücken-Legen-und-die-schutzlose-Kehle-Präsentieren“ ist unmittelbar darauf gerichtet, dem anderen Hund klarzumachen, dass weitere Angriffe unnötig sind, da selbst keine Angriffe mehr unternommen werden. Die (erfolgreiche) Unterwerfungsgeste koordiniert also das weitere gegenseitige Verhalten der Hunde.
Direkte, sachbezügliche und kommunikative InteraktionenAn dem Beispiel der kämpfenden Hunde wird auch klar, dass nicht alle Interaktionen bereits kommunikativ sind. Insbesondere ist zu unterscheiden zwischen den folgenden drei Fällen (vgl. [Ros 2005]Der Eintrag existiert noch nicht.):
Während es mit einer sachbezüglichen Interaktion nur möglich ist, dem jeweiligen Gegenüber Einsicht in solche Sachverhalte zu vermitteln, die dieses selbst wahrnehmen kann, können mithilfe kommunikativer Interaktionen Einsichten auch in Sachverhalte vermittelt werden, die vom Gegenüber nicht selber unmittelbar wahrgenommen werden: Sofern sich nämlich der Sender gegenüber dem Empfänger darstellen kann als jemand, der sich mit jenem Sachverhalt konfrontiert sieht. Das klingt zunächst etwas kompliziert, erfasst aber beispielsweise genau die Situation, in der von bestimmten Primaten spezifische Warnrufe beim Wahrnehmen von Schlangen oder Greifvögeln eingesetzt werden. Dabei wird der Schrei nur ausgestoßen, wenn auch Artgenossen in der Nähe sind, ihn zu hören. Im Schrei stellt sich der Schreiende den anderen gegenüber dar als jemand, der mit der Gegenwart einer Schlange (bzw. einem Greifvogel) konfrontiert ist. Die Reaktion auf das Erscheinen eines solchen Feindes muss jeweils unterschiedlich sein (bei Schlangen: nicht ins unübersichtliche Gebüsch laufen; bei Greifvögeln: ins Gebüsch in Deckung gehen). Sie tritt auch bei den Individuen, die nur den Warnruf hören, entsprechend ein, ganz ohne dass sie selbst die Schlange bzw. den Greifvogel wahrgenommen haben müssen. Kommunikation ist demnach, im Unterschied zur sachbezogenen Interaktion, immer mit einer Selbstpräsentation des Senders verbunden, der also nicht nur eine Beziehung zu dem Empfänger aufbauen, sondern auch in eine bestimmte Relation sich selbst gegenüber eintreten muss.
Interaktions-, Selbst- und Sachbezug einer kommunikativen InteraktionJede kommunikative Interaktion muss einerseits Aspekte aufweisen, die ihr als eine Art von Interaktion zukommen. Im wesentlichen handelt es sich dabei also um die Anteile der jeweiligen Handlungsschemata, die allen Interaktionen zukommen, wie die beiden Rollen ‚Sender’ und ‚Empfänger’ und ganz generell die Gerichtetheit des Zeichens vom Sender an den Empfänger, sowie der Typ der Interaktion. Dieser Interaktionsbezug der kommunikativen Interaktion äußert sich insbesondere darin, dass, wer ein Zeichen benutzt, sich damit immer an jemanden richtet, um etwas zu erreichen. Die Handlungskomponenten, in denen der Interaktionsbezug vermittelt wird, sind die Illokutionen. Andererseits kommen einer solchen Handlung notwendiger Weise spezifisch Aspekte als einer kommunikativen Interaktion zu, wozu insbesondere die Selbstpräsentation gehört. Wer ein Zeichen benutzt, adressiert nicht nur einen Empfänger; er muss sich dabei auch in besonderer Weise auf sich selbst, auf seinen Körper und dessen Umgebung, in der die Zeichenhandlung stattfindet, beziehen. Die Handlungskomponenten, in denen dieser Selbstbezug der kommunikativen Interaktion vermittelt wird, bestimmen unter anderem ihre Modalität. Die im Selbstbezug vorgeführte Befindlichkeit des Senders kann sich schließlich mit dem Gebrauch von Zeichen zur Wendung des Senders hin auf einen (auch fiktiven) Sachverhalt oder Gegenstand ausdifferenzieren: Dieser Sachverhalt, jener Gegenstand werden dann durch das Zeichen dargestellt. Mit der Benutzung des Zeichens kann also Bezug genommen werden auf einen bestimmten Sachverhalt, auf den der Sender die Aufmerksamkeit des Empfängers richten möchte. Die Handlungskomponenten, die den Sachbezug einer Zeichenhandlung vermitteln, bilden Propositionen. Eine stark vereinfachte Fassung der drei Aspekte findet sich im so genannten „Organon-Modell“ (vgl. [Bühler 1933]Der Eintrag existiert noch nicht.: S. 28f.). Der Interaktionsbezug wird dabei verkürzt auf den Aspekt des Appells: das, was der Sender beim Empfänger bewirken will. Der Selbstbezug geht über in den Aspekt des Ausdrucks: die Art und Weise, wie der Sender sich präsentiert. Der Sachbezug schließlich erscheint in Form des Aspekts der Repräsentation: das, worauf mit dem Zeichen (vermittels des Selbstbezugs) hingewiesen wird.
Bildgebrauch als Interaktion und als KommunikationAnhand eines trompe l'œils mag es zunächst erscheinen, als könnten Bilder auch lediglich als sachbezügliche Interaktionen wirken (siehe Beispielbild): Denn der Maler des abgebildeten trompe l'œils ermöglicht es mit der bemalten Fläche ja offenbar, dass seine Adressaten bestimmte Sachverhalte selbst sehen können: Er zeigt ihnen (im Sinne von Deixis) einen Raum, in dem unter vielem anderen zwei Bistro-Tische stehen, von denen einer einer jungen, dunkelhaarigen, schwarz gekleideten Frau, die ganz in sich versunken liest, als Armstütze dient. Doch vernachlässigt eine solche Betrachtungsweise den Zeichencharakter des Bildes, da dann einfach eine Verwechslung vorliegt, das Bild also für das Abgebildete genommen wird. Genau das aber tun Bildnutzer in der Regel beim Bildgebrauch nicht. Vielmehr ist ihnen der Unterschied zwischen Bildträger und Dargestelltem jeweils (zumindest bis zu einem gewissen Grade) bewusst (⊳ dezeptiver und immersiver Modus). Versteht man den Bildgebrauch hingegen als kommunikative Interaktion, ergibt sich unmittelbar die Frage nach dem Selbstbezug der Bildverwendung: Wie stellt sich der Bildnutzer qua Bildgebrauch dar? Die Antwort hängt weniger von der Unterscheidung in Produzent oder Rezipient ab als vielmehr vom Bildtyp (⊳ auch Betrachter als Zeichenverwender):
Hier deutet sich bereits an, daß die Strukturbilder als allgemeinere Bildklasse begriffen werden können, die die gegenständlich darstellenden Bilder als Spezialfall einschließen. Denn etwas, das nicht anwesend ist, kann offensichtlich auch nicht gesehen werden, selbst wenn es an sich visuell wahrnehmbar ist. Als allgemeine Formulierung ergibt sich daher für den Selbstbezug bei Bildgebrauch: "sich einem anderen (oder sich selbst in der Rolle eines anderen) gegenüber darstellen als jemand, der aktuell etwas sieht, von dem er weiß, dass es – im aktuellen Kontext oder generell – nicht sichtbar ist".[3] Das Problem der möglichen Interaktionsbezüge von Bildverwendungen wird im Einzelnen in der Bildpragmatik verhandelt (⊳ insbesondere Referenz, Denotation, Exemplifikation). Auf einer generellen Ebene besteht dabei die Frage, ob es möglich ist, eine grundlegende illokutionäre Funktion des Bildgebrauchs zu bestimmen, auf der alle anderen Nutzungen beruhen. In welchem Verhältnis steht diese dann insbesondere zum Behaupten (⊳ auch Kontextbildung). Wie bei allen Zeichenhandlungen kann der Interaktionsbezug auch beim Bildgebrauch durch Internalisierung der jeweiligen Interaktionspartner modifiziert werden: Der Bildnutzer kann beide Rollen gleichzeitig übernehmen und sich selbst einen Bildträger als Bild präsentieren. Tatsächlich übertrifft die Anzahl solcher "monologischen" Verwendungsweisen die der echt "dialogischen" Bildkommunikationen bei weitem. Zum Sachbezug von Bildverwendungen muß man zunächst fragen: Haben Bilder überhaupt Sachbezug? Wenn ja: wie erreichen sie ihn? Ausführungen zu diesen vorwiegend bildsemantischen Fragen sind in den Artikel zu den Schlagworten Proposition, Prädikation und Nomination zu finden.
Wahrhaftigkeit und WahrheitMit der Aufteilung in Interaktions-, Selbst- und Sachbezug einer Zeichenhandlung werden zwei wichtige Eigenschaften definierbar: Während Wahrhaftigkeit mit Interaktions- und Selbstbezug verbunden ist und das Verhältnis zwischen der tatsächlichen Absicht, die der Sender mit der Zeichenverwendung verfolgt, und der ostentativ gezeigten Intention beurteilt, ist Wahrheit eine Bewertung des Sachbezugs: Der Sachbezug einer Zeichenhandlung kann mit den entsprechenden Tatsachen übereinstimmen oder nicht. Da Wahrhaftigkeit nicht vom Sachbezug abhängt, ist sie für alle kommunikativen Interaktionen und damit auch für den Bildbegrauch definiert. Solange hingegen nicht klar ist, ob mit jeder Bildverwendung auch ein Sachbezug vollzogen wird, bleibt die Rede von der Wahrheit eines Bildes bestenfalls metaphorisch. Genaueres hierzu ... ??? ... . Auch das Schlagwort Authentizität gehört in diesen Zusammenhang.
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Anmerkungen
Literatur
[Austin 1972a]Austin, John L. (1972): Zur Theorie der Sprechakte. Reclam, Stuttgart.[Bühler 2000a]Bühler, Karl (2000): Die Krise der Psychologie. Velbrück, Weilerswist.[Kamlah & Lorenzen 1973a]Kamlah, Wilhelm & Lorenzen, Paul (1973): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens. BI Wissenschaftsverlag, München.[Mead 1968a]Mead, George Herbert (1968): Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Ros 2005a]Ros, Arno (2005): Materie und Geist. Eine philosophische Untersuchung. Mentis, Paderborn.[Wittgenstein 1971a]Wittgenstein, Ludwig (1971): Philosophische Untersuchungen. Suhrkamp, Frankfurt/M. Verantwortlich: Seitenbearbeitungen durch: Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes, Dimitri Liebsch und Emilia Didier — (Hinweis) |
