Bildhandeln: Unterschied zwischen den Versionen
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=== Zur anthropologischen Rolle des BildCyberspaceschaffens – der »homo pictor« === | === Zur anthropologischen Rolle des BildCyberspaceschaffens – der »homo pictor« === | ||
Bilder sind Artefakte und verweisen damit immer auf jeman­den, der sie ge­schaffen hat (⊳ [[Bildherstellung|Bild­her­stel­lung]]). Gerade in einer anthro­polo­gischen Perspek­tive wird geltend gemacht, dass das Her­stellen von Bildern – das ''Bilden'' – eine spezifisch mensch­liche Tätig­keit sei und dem­ent­sprechend ange­sichts von Bildern immer auf einen menschl­ichen Schöpfer dieser Bilder ge­schlossen werden kann. Ein­fluss­reich ist in diesem Zu­sammen­hang Hans Jonas’ Rede vom ‘homo pictor’ (<bib id='Jonas 1961a'></bib>; vgl. auch die Aufsätze in <bib id='Boehm 2001a'></bib>). Ihm gilt vor allem die Bild­kompe­tenz im Sinne der Fähig­keit zum Her­stellen und Rezi­pieren von Bildern als spezi­fisch mensch­liche Fähig­keit, an­hand derer dieser von ande­ren Lebe­wesen unter­schieden werden kann. Als Bedin­gungen der Mög­lichkeit jenes ''Bild­vermögens'' und damit der Bild­her­stel­lung macht Jonas die [[Einbildungskraft|Ein­bildungs­kraft]] oder Ima­gina­tions­fähig­keit sowie die Fähig­keit zur [[Abstraktion|Abstrak­tion]] aus. Das | Bilder sind Artefakte und verweisen damit immer auf jeman­den, der sie ge­schaffen hat (⊳ [[Bildherstellung|Bild­her­stel­lung]]). Gerade in einer anthro­polo­gischen Perspek­tive wird geltend gemacht, dass das Her­stellen von Bildern – das ''Bilden'' – eine spezifisch mensch­liche Tätig­keit sei und dem­ent­sprechend ange­sichts von Bildern immer auf einen menschl­ichen Schöpfer dieser Bilder ge­schlossen werden kann. Ein­fluss­reich ist in diesem Zu­sammen­hang Hans Jonas’ Rede vom ‘homo pictor’ (<bib id='Jonas 1961a'></bib>; vgl. auch die Aufsätze in <bib id='Boehm 2001a'></bib>). Ihm gilt vor allem die Bild­kompe­tenz im Sinne der Fähig­keit zum Her­stellen und Rezi­pieren von Bildern als spezi­fisch mensch­liche Fähig­keit, an­hand derer dieser von ande­ren Lebe­wesen unter­schieden werden kann. Als Bedin­gungen der Mög­lichkeit jenes ''Bild­vermögens'' und damit der Bild­her­stel­lung macht Jonas die [[Einbildungskraft|Ein­bildungs­kraft]] oder Ima­gina­tions­fähig­keit sowie die Fähig­keit zur [[Abstraktion|Abstrak­tion]] aus. Das Inte­resse richtet sich hier somit auf ein Bild­handeln als Aktu­ali­sierung eines Bild­vermö­gens als spezi­fisch mensch­licher Fähig­keit (⊳ [[Bildanthropologie|Bild­anthro­polo­gie]]). | ||
=== Bilder als Werkzeuge – die Vielfalt | === Bilder als Werkzeuge – die Vielfalt kom­mu­ni­ka­ti­ver Zwecke === | ||
Die anthropologische Perspektive begnügt sich mit der | Die anthropologische Perspektive begnügt sich mit der Be­ob­ach­tung, dass über­haupt Bilder her­ge­stellt werden. Arte­fakte werden aber gewöhn­lich zu einem be­stimm­ten Zweck oder ggf. zu meh­reren be­stimm­ten Zwecken ge­schaffen. Nahe­liegen­des Bei­spiel da­für sind Wer­kzeuge. Zwar kann man sicher­lich auch das “Produc­tion Design” eines Hammers, einer Säge usw. be­wundern oder ver­ab­scheuen, aber üb­licher­weise be­urteilt man der­ar­tige Gegen­stände da­nach, in­wie­weit sie ihren Zweck er­füllen. In Ana­logie zu Wer­kzeugen kann man nach den Funk­tionen oder Zwecken von Bildern fragen. Frei­lich können (äst­hetische) Bilder auch ein Wohl­gefal­len oder Ähn­liches aus­lösen, aber das wäre in dieser Perspek­tive nur eine Funktion neben anderen. | ||
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Es lässt sich eine Vielzahl | Es lässt sich eine Vielzahl mög­licher Funk­tionen von Bildern aus­machen. Bei­spiels­weise unter­scheidet Christian Doelker die simu­lative, die re­gistra­tive, die mime­tische, die expli­kative, die diege­tische, die deko­rative, die phati­sche, die on­tische, die appela­tive und die ener­getische Funktion von­ein­ander (vgl. <bib id='Doelker 2001a'></bib>). Die Liste ließe sich sicher­lich noch erwei­tern, eben­so wie die Funk­tionen anders ein­ge­teilt werden können. Hier kommt es nur da­rauf an, dass die Bilder qua Bilder diese Funk­tionen aus­üben, also ihr Bild­status voraus­gesetzt wird. | ||
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Ein solches Bildhandeln bezieht sich nicht auf das Bild als | Ein solches Bildhandeln bezieht sich nicht auf das Bild als physi­schen Gegen­stand, also nicht auf den ''[[Bildträger|Bild­träger]]'', sondern – in der Ter­mino­logie Husserls – auf das ''Bild­objekt''. Dabei wird Husserls Unter­scheidung von ''Bild(-träger)'', ''Bild­objekt'' (die bild­liche [[Darstellung|Dar­stel­lung]]) und ''Bildsujet'' (dem [[Referenz|Re­feren­ten]]) voraus­gesetzt (vgl. <bib id='Husserl 1980a'></bib>: S. 19f.), die in der aktuellen Bild­philo­sophie ins­beson­dere von Lambert Wiesing und Silvia Seja stark gemacht wird (vgl. <bib id='Wiesing 2004a'></bib>: S. 118ff. und <bib id='Seja 2009a'></bib>: bes. S. 13 und 121f.). Die An­wen­dung dieser Tri­choto­mie setzt aller­dings die Ent­scheidung, ob es sich um ein Bild handelt, als bereits be­ant­wortet voraus. In diesem Sinne ist hier das Bild­handeln ge­wisser­maßen ein ''nach­träg­liches'', inso­fern der Bild­status un­ab­hängig davon ist, dass der Gegen­stand ''als'' Bild ge­braucht wird. Im An­schluss an Wiesing be­zeichnet Seja derar­tige An­sätze als ‘Prag­matis­mus des Bildes’ in Ab­gren­zung zur ‘[[Pragmatik|Prag­matik]] des Bildes’ (vgl. <bib id='Wiesing 2004a'></bib> und <bib id='Seja 2009a'></bib>: S. 11ff. et passim), welche die folgende Gruppe ausmacht. | ||
=== Gebrauchsabhängigkeit des | === Gebrauchsabhängigkeit des Bild­status und der Bild­be­deu­tung === | ||
Die von der Werkzeuganalogie ausgehenden Ansätze | Die von der Werkzeuganalogie ausgehenden Ansätze thema­tisie­ren gewisser­maßen ein nach­träg­liches Bild­handeln, inso­fern die Bild­funk­tionen und der ent­sprechen­de Um­gang mit Bildern den Bild­status als gege­ben voraus­setzen. Im Rahmen eines solchen „Pragma­tismus des Bildes“ sind nur die nach­träg­lichen Bild­hand­lungen ge­brauchs­ab­hängig. Dage­gen gilt der „Prag­matik des Bildes“ bereits der Bild­status selber sowie die Bezug­nahme des Bildes auf das Dar­ge­stell­te als ge­brauchs­abhän­gig. | ||
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Gerade in der analytisch geprägten | Gerade in der analytisch geprägten Bild­philo­sophie gibt es eine Viel­zahl von An­sätzen, die aus­gehend von hand­lungs­theo­reti­schen Sprach­philo­sophien den Bild­status und die Bild­bedeu­tung auf spezi­fische Formen des Bild­handelns zurück­führen. In diese Richtung gehen z.B. die Über­legun­gen Oliver Scholz’, wenn er be­haup­tet: „Ob, wie und was ein Gebilde dar­stellt, hängt zumin­dest teil­weise davon ab, wie Menschen mit ihm um­gehen.“ (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 139; vgl. auch ebd.: S. 137). Jene Ge­brauchs- oder Ver­wen­dungs­ab­hängig­keit des Bildes be­schreibt Scholz ver­mittels einer Über­tragung von Witt­gen­steins Sprach­spiel-Konzep­tion auf Bilder: „Bilder sind in Bild­spiele, Bild­spiele in [[Weltbild, Lebensform|Lebens­formen]] ein­gebet­tet.“ (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 158). Im An­schluss an Witt­gen­stein be­tont er die Viel­fältig­keit solcher Bild­spiele und eine (zu­mindest weit­gehende) Un­ab­hängig­keit der Ver­wendung von den Eigen­schaften des Bildes selber: | ||
:''Was man mit einem Bild machen kann, ist nicht durch seine | :''Was man mit einem Bild machen kann, ist nicht durch seine Be­schaffen­heit für alle Zeit fest­gelegt. Ins­beson­dere kann ein und der­selbe Bild­träger bei ver­schie­denen Gele­genhei­ten in ver­schiede­nen kommu­nika­tiven Rollen ver­wendet werden.'' (<bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 162) | ||
Die Bildverwendungen interpretiert er dabei als | Die Bildverwendungen interpretiert er dabei als regel­gelei­tet. Sein nicht näher er­läuter­ter Regel­begriff scheint dabei der Sprech­akt­theorie näher zu stehen als der Sprach­spiel­konzep­tion Witt­gen­steins (vgl. <bib id='Scholz 2004a'></bib>: S. 160ff.). | ||
Abgesehen von Scholz’ regelorientiertem, | Abgesehen von Scholz’ regelorientiertem, kon­ven­tiona­listisch gedeu­tetem Begriff des Bild­spiels lassen sich im Wesent­lichen drei An­sätze aus­machen, die den Bild­status und die Bild­bedeu­tung auf den Gebrauch zurück­führen. Diese Ansätze unter­scheiden sich dahin­gehend, ob sie da­bei (vor­rangig) vom (a) Bild­rezi­pienten, vom (b) Bild­produ­zenten oder von der (c) Kommu­nika­tion aus­gehen. | ||
:a) ''Rezipientenorientierte Perspektive – | :a) ''Rezipientenorientierte Perspektive – Bild­spiel des make-believe'': | ||
Kendall Walton schließt (ähnlich wie Scholz) an | Kendall Walton schließt (ähnlich wie Scholz) an Witt­gen­steins Begriff des Sprach­spiels an, wenn er be­haup­tet, dass der Bild­status so­wie die Be­deu­tung von Bil­dern da­von ab­hängen, dass wir mit ihnen ''Bild­spiele'' (pictorial games) spielen – wenn­gleich er sich (anders als Scholz) nicht ex­plizit auf Witt­gen­stein be­zieht. Das Bild­spiel im Sinne Waltons zeichnet sich da­durch aus, dass wir ''so tun, als ob'', wir vor dem (ab­gebil­deten) Gegenstand selbst ständen. | ||
:''[T]he use of pictures in visual games is in a certain way prior to their possession of semantic content. It is nearly always by using pictures in make-believe that we ascertain what “information” they contain, what propositions they pick out.'' (<bib id='Walton 1990a'></bib>: S. 351) | :''[T]he use of pictures in visual games is in a certain way prior to their possession of semantic content. It is nearly always by using pictures in make-believe that we ascertain what “information” they contain, what propositions they pick out.'' (<bib id='Walton 1990a'></bib>: S. 351) | ||
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Für Walton hängen der Bildstatus wie auch die | Für Walton hängen der Bildstatus wie auch die Be­deu­tung eines Bildes somit nicht so sehr von Eigen­schaften des Gegen­standes ab, sondern von der [[Rezeption|Re­zep­tion]] des Gegen­standes als Bild (vgl. <bib id='Walton 1973a'></bib> und <bib id='Walton 1990a'></bib>). | ||
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:''Der Clou von Waltons Überlegungen besteht darin, in | :''Der Clou von Waltons Überlegungen besteht darin, in unse­rem Um­gang – und das heißt ins­beson­dere: in unserer Rede über Bilder – die “Essenz” von Bildern zu sehen.'' (<bib id='Steinbrenner 2009a'></bib>: S. 295) | ||
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Die kritische Beurteilung von Waltons Ansatz hängt davon ab, wie der „Umgang“ mit Bildern gedeutet wird. Deutet man den | Die kritische Beurteilung von Waltons Ansatz hängt davon ab, wie der „Umgang“ mit Bildern gedeutet wird. Deutet man den Um­gang wie Stein­brenner primär als „Rede über Bilder“, dann ist dieser Um­gang inter­subjek­tiv zu­gäng­lich und Teil einer sozia­len Praxis. Aller­dings sind Bilder dann (bis zu einem gewis­sen Grad) sprach­abhängig, inso­fern Bilder im Rahmen einer solchen Per­spek­tive nur ''be­deuten'' können, was auch sprach­lich formu­lier­bar ist. Deutet man dagegen den „Um­gang“ mit Bildern als kogni­tive Akte, wie Seja es Walton unter­stellt, dann lässt sich Witt­gen­steins Privat­sprachen­argument gegen Waltons An­satz in Stel­lung bringen (vgl. <bib id='Seja 2009a'></bib>: S. 34ff. und <bib id='Bryson 2001a'></bib>: S. 69ff.). In seiner Über­tragung des Privat­sprachen­arguments auf die Bild­rezep­tion betont Bryson, dass es inter­subjek­tiv fest­stell­bare Kri­terien für eine (an­ge­mes­sene) Bild­rezep­tion geben müsse, wes­halb die Bild­rezep­tion kaum in pri­vaten Emp­findun­gen und rein pri­vaten kogni­tiven Akten bestehen könne. | ||
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:b) ''Produzentenorientierte Perspektive – Intentionen und Bildakte'' | :b) ''Produzentenorientierte Perspektive – Intentionen und Bildakte'' | ||
Version vom 21. März 2013, 11:34 Uhr
Unterpunkt zu: Bildpragmatik
Das Verhältnis von Bild und HandelnBilder hängen nicht einfach nur an der Wand, sondern sind auf verschiedene Weisen mit verschiedenen Arten von Handlungen verknüpft bzw. in Handlungsvollzüge eingebettet. Der Terminus ‘Bildhandeln’ fasst die verschiedenen Handlungen zusammen, im Zuge derer Bilder geschaffen, rezipiert oder für diverse (meist kommunikative) Zwecke verwendet werden. Handlungstheorien des Bildes gehen je nach Erkenntnisinteresse von unterschiedlichen Fragestellungen aus und stellen dementsprechend je verschiedene Aspekte des Bildes und der beteiligten Handlungsvollzüge in den Vordergrund. Infolgedessen bieten sich die jeweiligen Ausgangsfragen als Einteilungsgrund für jene Theorien an. In dieser Perspektive lassen sich im Wesentlichen vier (miteinander verbundene) Diskussionsfelder unterscheiden. Erstens wird das Bildschaffen (sowie die Rezeption von Bildern) unter anthropologischem Gesichtspunkt untersucht. Ausgehend von der Annahme, dass Bilder spezifisch menschliche Artefakte sind, wird dabei nach den anthropologischen Möglichkeitsbedingungen des Bildschaffens gefragt. Zweitens wird die Verschiedenheit möglicher kommunikativer Zwecke von Bildern herausgearbeitet. Drittens wird versucht, den Bildstatus und die Bildbedeutung(en) vermittels des Gebrauchs der Bilder zu begründen. Viertens wird der Umgang mit interaktiven Bildern wie Computerspielen, (Computer-)Simulationen oder dem Handeln in virtuellen Realitäten untersucht (⊳ CyberCyberspacespace).
Perspektiven auf das Verhältnis von Bild und HandelnZur anthropologischen Rolle des BildCyberspaceschaffens – der »homo pictor«Bilder sind Artefakte und verweisen damit immer auf jemanden, der sie geschaffen hat (⊳ Bildherstellung). Gerade in einer anthropologischen Perspektive wird geltend gemacht, dass das Herstellen von Bildern – das Bilden – eine spezifisch menschliche Tätigkeit sei und dementsprechend angesichts von Bildern immer auf einen menschlichen Schöpfer dieser Bilder geschlossen werden kann. Einflussreich ist in diesem Zusammenhang Hans Jonas’ Rede vom ‘homo pictor’ ([Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15. Bilder als Werkzeuge – die Vielfalt kommunikativer ZweckeDie anthropologische Perspektive begnügt sich mit der Beobachtung, dass überhaupt Bilder hergestellt werden. Artefakte werden aber gewöhnlich zu einem bestimmten Zweck oder ggf. zu mehreren bestimmten Zwecken geschaffen. Naheliegendes Beispiel dafür sind Werkzeuge. Zwar kann man sicherlich auch das “Production Design” eines Hammers, einer Säge usw. bewundern oder verabscheuen, aber üblicherweise beurteilt man derartige Gegenstände danach, inwieweit sie ihren Zweck erfüllen. In Analogie zu Werkzeugen kann man nach den Funktionen oder Zwecken von Bildern fragen. Freilich können (ästhetische) Bilder auch ein Wohlgefallen oder Ähnliches auslösen, aber das wäre in dieser Perspektive nur eine Funktion neben anderen. Es lässt sich eine Vielzahl möglicher Funktionen von Bildern ausmachen. Beispielsweise unterscheidet Christian Doelker die simulative, die registrative, die mimetische, die explikative, die diegetische, die dekorative, die phatische, die ontische, die appelative und die energetische Funktion voneinander (vgl. [Doelker 2001a]Doelker, Christian (2001): Ein Funktionenmodell für Bildtexte. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildhandeln. Scriptum, Magdeburg. Ein solches Bildhandeln bezieht sich nicht auf das Bild als physischen Gegenstand, also nicht auf den Bildträger, sondern – in der Terminologie Husserls – auf das Bildobjekt. Dabei wird Husserls Unterscheidung von Bild(-träger), Bildobjekt (die bildliche Darstellung) und Bildsujet (dem Referenten) vorausgesetzt (vgl. [Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht. Gebrauchsabhängigkeit des Bildstatus und der BildbedeutungDie von der Werkzeuganalogie ausgehenden Ansätze thematisieren gewissermaßen ein nachträgliches Bildhandeln, insofern die Bildfunktionen und der entsprechende Umgang mit Bildern den Bildstatus als gegeben voraussetzen. Im Rahmen eines solchen „Pragmatismus des Bildes“ sind nur die nachträglichen Bildhandlungen gebrauchsabhängig. Dagegen gilt der „Pragmatik des Bildes“ bereits der Bildstatus selber sowie die Bezugnahme des Bildes auf das Dargestellte als gebrauchsabhängig. Gerade in der analytisch geprägten Bildphilosophie gibt es eine Vielzahl von Ansätzen, die ausgehend von handlungstheoretischen Sprachphilosophien den Bildstatus und die Bildbedeutung auf spezifische Formen des Bildhandelns zurückführen. In diese Richtung gehen z.B. die Überlegungen Oliver Scholz’, wenn er behauptet: „Ob, wie und was ein Gebilde darstellt, hängt zumindest teilweise davon ab, wie Menschen mit ihm umgehen.“ ([Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.
Die Bildverwendungen interpretiert er dabei als regelgeleitet. Sein nicht näher erläuterter Regelbegriff scheint dabei der Sprechakttheorie näher zu stehen als der Sprachspielkonzeption Wittgensteins (vgl. [Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M. Abgesehen von Scholz’ regelorientiertem, konventionalistisch gedeutetem Begriff des Bildspiels lassen sich im Wesentlichen drei Ansätze ausmachen, die den Bildstatus und die Bildbedeutung auf den Gebrauch zurückführen. Diese Ansätze unterscheiden sich dahingehend, ob sie dabei (vorrangig) vom (a) Bildrezipienten, vom (b) Bildproduzenten oder von der (c) Kommunikation ausgehen.
Kendall Walton schließt (ähnlich wie Scholz) an Wittgensteins Begriff des Sprachspiels an, wenn er behauptet, dass der Bildstatus sowie die Bedeutung von Bildern davon abhängen, dass wir mit ihnen Bildspiele (pictorial games) spielen – wenngleich er sich (anders als Scholz) nicht explizit auf Wittgenstein bezieht. Das Bildspiel im Sinne Waltons zeichnet sich dadurch aus, dass wir so tun, als ob, wir vor dem (abgebildeten) Gegenstand selbst ständen.
Für Walton hängen der Bildstatus wie auch die Bedeutung eines Bildes somit nicht so sehr von Eigenschaften des Gegenstandes ab, sondern von der Rezeption des Gegenstandes als Bild (vgl. [Walton 1973a]Walton, Kendall L. (1973): Pictures as Make-Believe. The Philosophical Review, 82, 3.
Die kritische Beurteilung von Waltons Ansatz hängt davon ab, wie der „Umgang“ mit Bildern gedeutet wird. Deutet man den Umgang wie Steinbrenner primär als „Rede über Bilder“, dann ist dieser Umgang intersubjektiv zugänglich und Teil einer sozialen Praxis. Allerdings sind Bilder dann (bis zu einem gewissen Grad) sprachabhängig, insofern Bilder im Rahmen einer solchen Perspektive nur bedeuten können, was auch sprachlich formulierbar ist. Deutet man dagegen den „Umgang“ mit Bildern als kognitive Akte, wie Seja es Walton unterstellt, dann lässt sich Wittgensteins Privatsprachenargument gegen Waltons Ansatz in Stellung bringen (vgl. [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
Ansätze, die nicht von der Rezeption, sondern entweder vom Bildproduzenten oder von demjenigen ausgehen, der das Bild “ins Spiel bringt”, schließen in der Regel an die Sprechakttheorie Searles an. Ihr Interesse gilt dabei hauptsächlich nicht-verbalen illokutionären Akten, die sie wie Searle (und anders als Austin) intentionalistisch begründen. Zunächst gestattet die Annahme illokutionärer Bildakte eine Erweiterung von ähnlichkeitstheoretischen oder konventionalistischen Bildtheorien um die pragmatische Dimension (vgl. für die Ähnlichkeitstheorie [Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag. Auf den ersten Blick scheint sich David Novitz mit einer pragmatischen Erweiterung seiner Ähnlichkeitstheorie zu begnügen, während der Bildstatus einzig von seiner Ähnlichkeitstheorie abhängt. Darauf deutet jedenfalls seine Unterscheidung zwischen Bild und Gebrauch des Bildes (picture-use distinction) hin. „To sketch or depict is one thing, to use the sketch another.“ ([Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag. Die sich in seiner Bild-Gebrauch-Unterscheidung andeutende Unabhängigkeit von Bildstatus und Gebrauch weicht Novitz jedoch immer weiter auf. Zwar begründet er die Abbildungsfunktion und damit den Bildstatus mit der visuellen Ähnlichkeit: „a picture must look like whatever it is a picture of“ ([Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag. Letztlich führt Novitz sowohl die illokutionären Akte als auch die den Bildstatus konstituierende Ähnlichkeit auf Intentionen zurück. Damit beginnt seine Unterscheidung zwischen Bild und Gebrauch bereits zu schwanken. Sie stürzt endgültig ein, wenn er die bildliche Darstellung (depicting) als intentionale Aktivität (intentional activity) beschreibt (vgl. [Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.
Somit hängt für Novitz letztlich auch der Bildstatus vom Gebrauch ab, wodurch er seine Bild-Gebrauch-Unterscheidung selbst unterläuft. Das bedeutet aber nicht – wie Seja behauptet –, dass damit die „Zuschreibung der illokutionären Rolle des Abbildens mit der Zuschreibung des Bildstatus identisch“ ([Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln. Dementsprechend unterscheiden sie den lokutionären Bildakt, den propositionalen Gehalt und den illokutionären Akt voneinander (vgl. [Kjørup 1978a]Kjørup, Søren (1978): Pictorial Speech Acts. Erkenntnis, 12, 1. Indem Novitz und vor allem Kjørup Searles Sprechakttheorie auf Bilder übertragen, übernehmen sie allerdings auch dessen Intentionalismus. Das Hauptproblem der Ansätze Novitz’ und Kjørups liegt auch weniger in der Annahme, dass ihnen der Bildstatus als gebrauchsabhängig gilt, sondern vielmehr in der intentionalistische Begründung des Bildstatus und der Bildbedeutung. Damit stellt sich nämlich die Frage nach der Erkennbarkeit der fraglichen Intentionen.[3]
Sofern die Rezeptionsakte wie auch die Intentionen als private, mentale Zustände konzipiert werden, werfen sie das Problem ihrer intersubjektiven Erkennbarkeit auf. Dieses Problem stellt sich nicht für Ansätze, welche von der Kommunikation als Ganzer ausgehen statt von einem ihrer Pole. In eine solche Richtung geht der Ansatz von Matthias Vogel, der Davidsons Modell der Triangulation auf nicht-sprachliche Medien erweitert. Als ‘Triangulation’ bezeichnet Davidson die wechselseitige Interpretation der Handelnden und deren Interaktion mit ihrem Gegenstandsbereich. Die so verstandene Triangulation ist nach Davidson nötig, um Gedanken und Sprache einen spezifischen (propositionalen) Gehalt zu verleihen.
Vogel begreift Davidsons Triangulation als ›basale Spracherwerbssituation‹ und erweitert das Modell, indem er auch nicht-sprachliche Medien integriert (vgl. hierzu und zum Folgenden [Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M. Vogels Adaption des Triangulationsmodells ist offensichtlich zunächst medienunspezifisch. Sein Modell ist weder dazu gedacht noch dazu geeignet, den Bildbegriff zu definieren oder den Bildstatus zu begründen. Zweck des Modells ist die Erläuterung medial vermittelter Kommunikation – unabhängig davon, ob es sich um sprachliche, bildhafte oder sonstige Medien handelt, wobei Vogel einen handlungstheoretischen Medienbegriff voraussetzt:
Dabei unterscheidet Vogel Medien erster von denen zweiter und höherer Ordnung (vgl. [Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M. Umgang mit interaktiven Bildern – Probehandlungen und SimulationenComputerspiele, Simulationen und sogenannte virtuelle Realitäten ermöglichen ein Bildhandeln von einer völlig anderen Qualität als die bisher skizzierten Fälle. Sowohl die von Seja als pragmatistisch als auch die von ihr als pragmatisch bezeichneten Verwendungen von Bildern lassen die gebrauchten Bilder – sofern sie einmal geschaffen sind – unverändert. Dagegen ermöglichen Computerspiele, Simulationen und virtuelle Realitäten einen interaktiven Umgang mit Bildern. Der Benutzer rezipiert oder interpretiert die Bilder nicht einfach, sondern wirkt verändernd auf sie ein. Entsprechend geht es hierbei auch nicht mehr um statische, sondern um dynamische oder interaktive Bilder (⊳ Interaktives Bild). Anders als das traditionelle Tafelbild ermöglichen derartige Bilder eine spezifische Handhabbarkeit (vgl. [Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln. Das durch die drei genannten Arten dynamischer Bilder ermöglichte Bildhandeln beschreibt Seja mittels des Freud’schen Terminus der ‘Probehandlung’ ([Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.
Verhältnis zu anderen bildtheoretischen BegriffenDie verschiedenen Bestimmungen und Arten von Bildhandeln beleuchten (zum Teil) sehr unterschiedliche Aspekte von Bildern und des Umgangs mit ihnen. Dementsprechend verweisen die skizzierten Ansätze auf unterschiedliche Diskussionen innerhalb der Bildwissenschaft (siehe die Links unten). Siehe auch:
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Anmerkungen
Literatur
[Black 1972a]Black, Max (1972): How do Pictures Represent?. In: Gombrich, E.H.; Hochberg, J. & Black, M. (Hg.), Art, Perception, and Reality. John Hopkins University Press, Baltimore/London.[Boehm 2001a]Boehm, Gottfried (Hg.) (2001): Homo Pictor. Saur, München, Leipzig.[Bryson 2001a]Bryson, Norman (2001): Das Sehen und die Malerei. Fink, München.[Davidson 2004a]Davidson, Donald (2004): Drei Spielarten des Wissens. In: Davidson, D. (Hg.), Subjektiv, intersubjektiv, objektiv. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Doelker 2001a]Doelker, Christian (2001): Ein Funktionenmodell für Bildtexte. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildhandeln. Scriptum, Magdeburg.[Husserl 1980a]Husserl, Edmund (1980): Phantasie, Bildbewusstsein, Erinnerung. Zur Phänomenologie der anschaulichen Vergegenwärtigungen. Texte aus dem Nachlass (1898-1925) (Husserliana XXIII). Nijhoff, Den Haag, Boston, Dordrecht.[Jonas 1961a]Jonas, Hans (1961): Die Freiheit des Bildens – Homo pictor und die differentia des Menschen. Zeitschrift für Philosophische Forschung, 15.[Kjørup 1978a]Kjørup, Søren (1978): Pictorial Speech Acts. Erkenntnis, 12, 1.[Novitz 1977a]Novitz, David (1977): Pictures and their Use in Communication. A Philosphical Essay. Nijhoff, Den Haag.[Scholz 2004a]Scholz, Oliver R. (2004): Bild, Darstellung, Zeichen. Philosophische Theorien bildhafter Darstellungen. Klostermann, Frankfurt/M.[Seja 2009a]Seja, Silvia (2009): Handlungstheorien des Bildes. Halem, Köln.[Steinbrenner 2009a]Steinbrenner, Jakob (2009): Bildtheorien der analytischen Tradition. In: Sachs-Hombach, K. (Hg.), Bildtheorien. Anthropologische und kulturelle Grundlagen des Visualistic Turn. Suhrkamp, Frankfurt/M.[Vogel 2003a]Vogel, Matthias (2003): Medien als Voraussetzungen für Gedanken. In: Münker, St.; Roesler, A. & Sandbothe, M. (Hg.), Medienphilosophie. Beiträge zur Klärung eines Begriffs. Fischer, Frankfurt/M.[Walton 1973a]Walton, Kendall L. (1973): Pictures as Make-Believe. The Philosophical Review, 82, 3.[Walton 1990a]Walton, Kendall L. (1990): Mimesis as Make-Believe: On the Foundations of the Representational Arts. Harvard Univ. Press, Cambridge, Mass. [u.a.].[Wiesing 2004a]Wiesing, Lambert (2004): Pragmatismus und Performativität des Bildes. In: Krämer, S. (Hg.), Performativität und Medialität. Fink, München. Verantwortlich: Lektorat: Seitenbearbeitungen durch: Tobias Schöttler, Joerg R.J. Schirra, Marcel Lemmes, Eva Schürmann und Dimitri Liebsch — (Hinweis) |